Volkskrankheit Rückgratbruch

13. Dezember 2009 von Gunter Dueck in Allgemein

Der Tod eines Torhüters hat uns für Momente wachgerüttelt und berührt. Wir informierten uns einige Tage lang über Depressionen und Selbstmordgedanken. Wir verfolgten die schnell vorgeführten realen Fälle in schnell ausgestrahlten Fernsehsendungen. Danach gingen wir zur Tagesordnung über: Wir beugen uns dem Druck, dem manche von uns leider wohl nicht standhalten. Warum reden wir nicht einmal über den Druck an sich, der unser Rückgrat bricht?

 

Die Einschläge kommen doch näher – für jeden von uns. Der Druck frisst uns. Bei jedem Selbstmord heißt es hinterher: „Der Druck lastete zu stark.“ Nach jedem Burnout wird diagnostiziert: „Ich versuchte mit aller Kraft, unter übermenschlichen Belastung doch meine Leistung zu bringen. Irgendwann zerbrach etwas in mir, ich konnte nicht mehr.“ Besonders im Management ist es ein wichtiges Thema, wie jeder selbst für sich mit dem Druck umgehen kann und klarkommt. Die meisten geben den Leistungsdruck einfach eine Ebene nach unten weiter. Er kommt heute in vielen Firmen ganz unten an. Ganz unten, meine ich! Nicht nur die rund um die Uhr schuftenden Berater und Manager stehen unter Druck, die das alles noch bewusst für den Hauptgewinn einer Karriere in Kauf nehmen – auch die Reinigungskräfte, Call-Center-Mitarbeiter und Leiharbeiter stöhnen unter der Fron. Der Hauptgewinn ist für sie, die Arbeit behalten zu dürfen. Der Druck ist immer derselbe, ob er nun um des Geldes oder des Lebens willen ausgehalten wird oder werden muss.

 

Es ist weithin bekannt, dass der Druck zu Depressionen und zu Ausbrennungserscheinungen führt. Das liegt daran, dass Depressionen und Burnouts irgendwann in der Klinik behandelt werden müssen, sehr teuer sind und zu langen Fehlzeiten bei der Arbeit führen, die den Kranken fast aus dem System werfen. Weil ein Betroffener davor Angst hat, geht er aus Angst mit Sicherheit erst dann zum Arzt, wenn der nichts mehr tun kann. Und dann werfen sie ihm alle vor: „Warum hast du so lange nichts gesagt?“

Es ist weithin nicht bekannt, dass der Druck auch anders krank machen kann, nicht nur in der Form der Depression und des Burnouts. Viele Menschen flippen bei der Arbeit aggressiv und teamunfähig aus. Andere haben dauerhaft Angst und trauen sich nicht, Entscheidungen zu treffen oder auch nur halbwegs selbstständig zu arbeiten. Viele werden unterwürfig und fragen den Chef bei jedem Handgriff: „Richtig so, Mama?“ Mindestens demonstrieren sie vollständige Bravheit („Compliance“). Eine andere Variante macht streng Dienst nach Vorschrift und zeigt sich beliebig stur und unflexibel. Insbesondere Techniker igeln sich in der Fachwelt mit ihrem Herrschaftswissen ein und schützen sich mit Unentbehrlichkeit. Im Management zeigen sich zunehmende Sozialphobien und wegen eigener Erfolglosigkeit Tendenzen zu Rücksichtslosigkeit gegenüber den Mitarbeitern („Ich leide unsäglich und soll zusehen, wie ihr Spaß bei der Arbeit habt? Warum arbeitet ihr nicht auch an der Leidensgrenze und erzielt dadurch bessere Ergebnisse, mit denen ich Karriere machen könnte?“). Die Kosten dieser anderen Rückgratbrüche sind doch viel, viel höher für die Unternehmen als die der Burnouts und der Depressionen, die ja der Krankenkasse übergeben werden! Was sind die Kosten von Angst, Misstrauen, Vermeidungsstrategien, Sadismus, Unterwürfigkeit oder passiven Widerstandes? Die sind so sehr viel dauerhaft größer als alles, was wir denken, dass wir in einem ungeheuren ökonomischen Suboptimum leben, da bin ich sicher.

 

Es gibt viele Ratschläge, wie mit dem Druck umgegangen werden soll. „Man muss ein dickes Fell bekommen.“ – „Du darfst es nicht an dich selbst herankommen lassen.“ – „Du darfst als persönliche Erniedrigung wahrgenommene Quälerei nicht persönlich nehmen, es ist nur eine bewährte Management-Technik, die dir widerfährt, mehr nicht.“ – „Der Druck ist der Preis für deine große Chance, den  muss jeder willig bezahlen.“ – „Ohne Druck geschieht nun mal nichts.“

 

Geht ohne Druck nichts? Gab es den beim Aufbau des Wirtschaftswunders Deutschland? Der Druck ist eine Spätfolge übertriebenen Behaviorismus. Die Behavioristen glauben, den Menschen über Anreize beliebig steuern zu können – also ausschließlich über extrinsische Motivation. Lob und Tadel müssen nach ihren Lehren so gesetzt werden, dass der Mensch tut, was er soll. Diese Ansätze haben eine Zeit lang ganz gut funktioniert, bis man mehr und mehr Lob und Belohnung weggelassen hat und fast ausschließlich mit Tadel, Druck und Drohung arbeitet. Man fordert einfach mehr, als der Mensch leisten kann und tadelt ihn nun immerfort. Denn auch die Anreizsetzer stehen ja als Menschen selbst unter dem übergroßen Druck. Deshalb setzen sie die Anreize nicht mehr nach der reinen Lehre der Wissenschaft, sondern sie setzen sie schon als selbst Rückgratgebrochene!

 

Die Behavioristen schenken uns also dieses Leiden:

 

·         Sie stellen Instrumente zur Druckerzeugung bereit, die man Management-Technik nennt.

·         Sie geben Kurse für Mitarbeiter und Manager, wie man mit dem Druck fertig wird, indem man ihn besser nicht so ernst nimmt und ihn dadurch neutralisiert.

·         Sie gehen davon aus, dass die Anreize nach zielrichtiger Vernunft gesetzt werden, nicht aber von selbst Leidenden.

 

Wir sollen also leiden, damit wir gut arbeiten. Aber wir sollen nicht leiden, weil das das Arbeitsergebnis verschlechtert. Gradlinig gebrochen?

Wieso reden wir so selbstverständlich über den „unmenschlichen Druck“? Wer kann das denn so selbstverständlich? Jeder, in dem schon etwas brach?

 

Ein Ruck müsste zu Weihnachten durch uns gehen – und wir sollten einfach nur noch gut arbeiten wollen, einfach so. Denken Sie dabei noch an daen vorigen Beitrag hier? An das rituelle Management? Bitte fangen Sie nicht an, dieses Problem des Drucks mit dem Vorgehen des rituellen Managements anzugehen. Das Rituelle, auch das zu Weihnachten, lindert nur das chronische Leiden. Das sollte uns nicht genügen.


9 Kommentare zu “Volkskrankheit Rückgratbruch”

  1. KRichard Antworten | Permalink

    Ansichtssache

    Man kann jede Arbeit als negativen Druck empfinden, dann muss man sich nicht wundern, wenn man ausgebrannt und depressiv wird.
    Man kann die Arbeit aber auch als schöne ´Beschäftigung´ betrachten, bei der man sich freut, wenn man was sinnvolles zu tun hat - dann kommt man zu positiven Erfolgserlebnissen.

    Bei gleicher Arbeit macht allein die Sichtweise viel aus, wie man sich fühlt.

  2. Stephan Schleim Antworten | Permalink

    "Weniger schlimm" oder "besser"?

    Danke für diese klaren Worte.

    Ich beschäftige mich in meiner Arbeit mit der Debatte um das "cognitive enhancement" -- damit, dass Menschen als Ausweg Psychopharmaka nehmen, um mehr/besser/überhaupt noch arbeiten zu können. Da die Substanzen, mit denen regelmäßig experimentiert sind, schon seit Jahrzehnten bekannt sind, können sie das Aufkommen des "enhancements" nicht erklären.

    Vielleicht ist an Ihrer Erklärung mit dem Behaviorismus etwas dran. Ich denke, die Angst ist aber auch ein kaum zu unterschätzender Faktor -- die Angst, nicht mithalten zu können, nicht zu genügen. Hier scheint mir, gerade gesamtwirtschaftlich gesehen, der Fokus falsch gesetzt zu werden. Wenn wir ein Jahr kein Wirtschaftswachstum oder gar einen Rückgang haben, geht es uns dann wirklich schlecht oder nicht genauso gut wie vor zwei, drei Jahren? Warum also die Angstmacherei? Was denken Sie davon?

    In meiner Arbeit zum "cognitive enhancement" ist es mir jedenfalls besonders wichtig, diese gesellschaftlich-wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mizudiskutieren. Jüngst berichtete mir eine junge Psychologie-Absolventin, die meines Erachtens gemäß ihrem CV hervorragend aufgestellt ist, von der Angst, einen guten Beruf zu finden. Ist das noch normal?

    Von Ihnen hat mir übrigens ein Beitrag zum Bloggewitter zum "enhancement" gefehlt!

  3. Stephan Schleim Antworten | Permalink

    P.S. Dichter und Denker

    Was ist eigentlich aus den Dichtern und Denkern geworden, wenn Deutschland das Volk der Rückgratbrüche geworden ist?

  4. Gunter Dueck Antworten | Permalink

    @Stephan Schleim

    Ich habe doch schon mal etwas geschrieben, aber zu jeder Zeit hab ich keine Zeit, hab ja einen Managerjob...hier im Blog ist ein mehr garstiger Artikel von April 2008, http://www.wissenslogs.de/...agrata-die-ethikpille ... der ist so sarkastisch, weil ich da echt schwarz sehe!

    Ich glaube nämlich, man muss sich da eher nicht so viele philosophische Gedanken machen, sondern fragen: Kann "es" den Share-Holder-Value erhöhen? JA! Doping ist im Gesamtsinne "sinnlos", weil immer nur einer gewinnt. Wenn sich aber alle im Betrieb zur Leistung aufpowern, nützt es ihnen allen oder jedenfalls dem Unternehmen, bei dem sie arbeiten.
    So wie Dynamit für Bergbau erfunden wurde, diskutieren hier alle um den Nutzen von Neuro-Enhancement, aber nur den medizinischen, nicht den des Pflichtdopings für die Arbeit.
    Da dieser Nutzen da ist, kommt er unausweichlich. Wollen wir ihn so (so wie Dynamit für Bomben?)?

    Ein bisschen dazu steht auch in meinem neuen mehr streitbaren Buch AUFBRECHEN, das am 1.2.2010 erscheint. Da spricht der Dichter ja zum Thema...wollten Sie das fragen? Ich würde mir natürlich viel mehr Leute wünschen, die sich einmischen, ja!

  5. Flug Antworten | Permalink

    Die Menschen wollen heutzutage keine Schwäche zeigen, weil sie sonst schnell als nicht belastbar gelten.
    Doch Schwäche zeigen ist doch eine Form von Stärke.

  6. Stephan Schleim Antworten | Permalink

    @ Dueck: Viagra fürs Gehirn

    Ja, Ihren alten Beitrag kenne und schätze ich; daher hätte ich mir um so mehr einen Beteiligung von Ihnen am Memorandum-Gewitter gewünscht!

    Shareholder-Value statt Philosophie? Darin, dass beispielsweise manche Unternehmen in den USA Lebensversicherungen auf ihre Arbeitnehmer abschließen und darauf spekulieren, dass sie bald sterben, sehen Sie dann auch kein Problem? Ist ja gut für den SV. Nennt man übrigens passend "dead pawn policy".

    In so einem Unternehmen möchte ich jedenfalls nicht arbeiten.

    Aus Ihrer AG-SV-Perspektive, denken Sie, im Mittelstand gibt es weniger gebrochene Rückgrate? Da arbeiten doch insgesamt gesehen sogar mehr Menschen als in den großen Multinationalen, oder nicht?

  7. Gunter Dueck Antworten | Permalink

    @Stephan Schleim

    Es gibt immer eine Art Zukunft, die man selbst will und eine die man wünschen sollte und eine, die dann kommt. Und die wird vom SV maßgeblich mitbestimmt. Ich kann nun nur meine gewünschte Zukunft durchsetzen, wenn ich die Gegenmächte besiege, aber nicht, indem ich über sie klage. Ich bekomme auch dann nicht meine Zukunft, wenn ich mich im Recht fühle oder Recht habe... es hilft auch nicht, andere zu zwingen, mir Recht zu geben...es hilft auch nicht so viel, sie mit ihrem Unrecht zu besudeln; es muss etwas geschehen, und das ist schwierig, wenn es um Geld geht. Jeder gibt mir Recht, wenn ich Frieden will, zum Beispiel. Und da denke ich mehr nach, ob ich etwas tun kann...tja...ich weiß, das ist nicht einfach - und ich kann nicht an jeder Front mitmachen...

    Rückgrate: Es gibt in vielen Unternehmen eine durch globale Beratungsmethoden geförderte Druckkultur, in mittelständischen ist das Ganze wohl stark vom Chef abhängig...alles ganz vielfältig, so wie es Menschen gibt, von wundervollen Firmen bis hin zu Diktaturen. Sonne und Schatten, aber da kann man einzeln ran..., wobei im Niedriglohnsektor in dieser Zeit die Sitten sicher ziemlich einreißen...

  8. Stephan Schleim Antworten | Permalink

    @ Dueck: Worte und Taten

    Meine Rede, es muss sich etwas bewegen.

    Aber wenn Sie mir nicht glauben, dass Worte nicht schon oft genug Taten zur Folge hatten (auch die von Philosophen!) und man dabei nicht zuerst Geld dachte, dann verweise ich gerne auf unsere Coblogger bei den Chronologs.

    Warum sollten wir die Wirtschaft nicht ein wenig demokratisieren? Das funktioniert nach dem Prinzip: Ein-Mann (oder Frau)-eine-Stimme.

  9. petra löser Antworten | Permalink

    sinetrol

    nahrungsergänzungsmittel sinetrol gibt es schädliche nebenwirkungen

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