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Der VroniPlag-Gründer outet sich - was nun?

von Elmar Diederichs, 05. August 2011, 13:06

+++ Update: Diesen post ziehe ich aufgrund eines Argumentationsfehlers hiermit zurück. Mein Dank geht an Joachim Losehand für den entsprechenden Hinweis. +++

Gestern hat sich der VroniPlag-Gründer goalgetter im SPIEGEL öffentlich geoutet und DE PLAGIO, Themenblog zum Kampf gegen Plagiate, hat hier prompt reagiert: Anatol Stefanowitsch argumentiert dafür, daß es besser gewesen wäre, wenn goalgetter seine Anonymität gewahrt hätte. Ich bin nicht seiner Meinung und argumentiere hier dafür, daß wir nun eine neue Chance haben, die Gesellschaft in einem übertragenen Sinne wissenschaftlicher zu machen.

Personalisierung ist immer eine schlechte Idee

Seine Begründung auf DE PLAGIO ist zweigeteilt:

  • (1) Zum einen befürchtet er, daß die Plagiatoren nun versuchen werden, die Diskussion von ihrem eigenen Tun ab- und - in völlig Ignoranz der Arbeitsweise des Schwarms - auf Spekulationen über die persönlichen Motive von goalgetter hinzulenken.
  • (2) Zum anderen fürchtet er nach erfolgter Personalisierung einen Verlust der Autorität von VroniPlag. 

Beides könnte vielleicht passieren, aber wenn es passiert, wie ist das dann möglich? Was muß - im Sinne einer rationalen Rekonstruktion - ein beträchtlicher Teil der Gesellschaft im Kopf haben, damit beide Entwicklungen wirklich stattfinden? Und vor allem: Wie kommt Anatol gerade auf (1) und (2) anstatt auf irgendetwas anderes?

Wie man Wissenschaft in die Gesellschaft einbettet

(2) gibt uns einen wesentlichen Hinweis, da hier der Grundsatz realisiert ist, daß nicht etwa wie in der Wissenschaft gilt

  • (3) Wichtig ist, was gesagt wird, nicht aber, wer etwas sagt.

sondern stattdessen 

  • (4) Wichtig ist, wer etwas gesagt hat, nicht aber, wie seine Begründung aussieht.

benutzt wird. Und wenn Anatol mit (2) recht hat, dann realisieren wir einen Konflikt zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, die sich insofern als aristokratisch erweisen würde, als sie Chancen und Rechte Personen aufgrund ihres Rufes, nicht aber aufgrund ihrer Fähigkeiten einräumt.

  • Aus derselben Ecke kommt nach meiner Meinung das Vorgehen der Juristen, den Eigentumsbegriff als Herrschaftsbegriff auszubuchstabieren und ich vermute, daß ersteres unter der Bedingung der Knappheit bereits von einem schwachen - weil kontraktualistischen - Standpunkt aus ethisch inakzeptabel ist: Infolge unserer Verantwortung für künftige Generationen liegt das recht klar auf der Hand.

(1) geht über die Vermutung einer aristokratischen Gesellschaft jedoch noch hinaus und macht die Identität einer Handlung fälschlicherweise abhängig von der Intention, mit der sie erfolgt ist.   

  • (5) Was ein Akteur getan hat, weiß man bereits dann, wenn man die Absichten kennt, die er mit seinem Tun oder Unterlassen verfolgt hat.

Daß das falsch ist, wissen wir bereits recht gut: Die Intention eines Akteurs spielt lediglich eine Rolle dafür, um insbesondere versehentliches Handeln von unbewußtem Tun, wie etwa Reflexhandeln, zu unterscheiden. Die Brisanz der These, daß die Identität einer Handlung intentionsabhängig sei, liegt aber woanders, denn erst diese These macht es verständlich, inwiefern es moralisch oder unmoralisch ist, eine bestimmte Gesinnung zu haben, insofern die Kontrolle der Wechselwirkungen zwischen Personen zurückgeführt wird, auf eine Kontrolle von Absichten von Akteuren. 

  • Dies ist von der viel stärkeren These, daß der Zweck die Mittel heilige, natürlich streng zu unterscheiden. 

Ich nehme an, daß ich das terroristische Potential von Gesinnungsethiken hier nicht extra begründen muß. Was sagt uns das alles jetzt in Bezug auf das outing von goalgetter?

Wenn nun Anatol mit seinen Vorhersagen recht hat, dann ist das outing von goalgetter tatsächlich dem richtigen Ziel, Plagiate zu kriminalisieren, abträglich. Aber was hätten wir in einer aristokratischen Gesellschaft mit ihrem Hang zu Gesinnungsethik gewonnen ohne sein outing? Vielleicht hätten wir sogar etwas verloren: Plagiatsjäger würden weiterhin als verräterische Thronräuber hingestellt werden, die den unverdienten Schutz der Anonymität ausnutzen, um etwas zu tun, was ihnen als Personen eigentlich nicht zusteht. 

  • Daß die Konservativen diesen Standpunkt ganz offen vertreten, konnte man in der entsprechenden Sendung bei Anne Will live miterleben.

Stattdessen sind Plagiatsjäger nichts anderes als Wissenschaftler auch: Wahrheitssucher. Aber die haben es nun mal in unserer verlogenen Gesellschaft der Dichter und Denker bekanntlich besonders schwer.  

Insgesamt denke ich, daß wir unter diesen Umständen die Chance haben, etwas zu gewinnen: Obwohl ich Anatol zustimme, daß die Plagiatsjäger von konservativer Seite nun wohl mehr Gegenwind bekommen werden, haben wir zugleich die Chance, die antiquierten Stelzen der Gesellschaft für Wissenschaft anzupassen - am besten, indem jeder seine Gesinnung und Solidarität mit den Plagiatsjägern öffentlich macht.

Was ich hiermit getan habe.

 





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Kommentare

  1. cero naja
    05.08.2011, 14:48

    Ich bin da eher auf der Seite von Anatol. Das Outing war schlicht unnötig. Damit treten entweder die genannten Befürchtungen ein oder es passiert nichts. In jedem Fall wird es aber nicht besser.

    Dass die Plagiatoren anprangern, dass VroniPlag anonym ist, liegt schlicht daran, dass sie irgendwie die Schuld von sich abzuwenden versuchen. Sind sie nicht mehr anonym, wird halt der nächste "Makel" gesucht.

    Wenn jetzt herauskommt, dass goalgetter politisch eher links steht haben sie noch viel glaubwürdigere Argumente als vorher, die Medien haben etwas zu spekulieren und ein neues Thema kann sich in den Köpfen der Leute festhängen.

    Die Anonymität hat gerade gewährleistet, dass sich die Medien auf nichts anderes konzentrieren _konnten_ als auf die Fakten. Das ist jetzt vorbei. Schade.

  2. Elmar Diederichs @cero: Kommt drauf an
    05.08.2011, 15:22

    "Damit treten entweder die genannten Befürchtungen ein oder es passiert nichts. In jedem Fall wird es aber nicht besser."

    Ich würde sagen - und genau das ist mein Punkt - daß es allein an uns liegt, was nun passiert. :-)

  3. Dierk kein Betreff
    05.08.2011, 15:59

    Das Outing war, wie Anatol ja auch beschreibt, alles andere als unnötig; hätte goalgetter gewartet, bis das lesbare Klopapier für einfach gestrickte Gemüter ihn bekannt gemacht hätte, wäre das Problem nur potenziert worden. Auf lange Sicht wird es kaum möglich sein, sich vor Journalisten, die ihre Arbeit tun, zu verstecken.

    In einer idealen Welt wäre Anonymität nicht notwendig, weil sich ohnehin niemand darum schert, welche Marke auf den Befunden draufklebt. Dann wären sie die unbesungenen Helden des Wissens, die nur das tun, was selbstverständlich ist. Aber wir leben nicht in einer idealen Welt, und die Befürchtungen Anatols treten teilweise schon ein.

    - Der Mann, der mit seiner Anfrage bzgl. Guttenbergs Dissertation das ganze Thema überhaupt erst an die Öffentlichkeit brachte, wurde bedroht, beschimpft, gestalkt.

    - Der von mir sonst hoch geschätzte Michael Spreng, der immer schon dafür war, die Plagiatsfinder ins Licht der Sonne des Dritten Grades zu bringen, hinterfragt prompt [und alles andere als besonnen] die Motive von goalgetter.

    - Zumindest auf Twitter wurde durchaus ernsthaft angedeutet, dass hier nur ein SPD-Mitglied den Konkurrenten einen reinwürgen wolle.

    Selbstverständlich kann man sich nun abgehoben geben und sagen, dass diese Neider alle sowieso keine Ahnung hätten, Parteipolitik betrieben, ablenken wollen und so fort. In jener oben erwähnten idealen Welt, wäre das alles richtig, der Sturm im Feuilleton wäre kurz, schmerzlos und unerheblich. Schade nur, dass dies so nicht funktioniert.

    Wir Menschen neigen nun einmal dazu, persönlich zu werden, wir merken uns Soap-Opera-Gebaren, nicht die Sache, nicht die Fakten.

  4. Elmar Diederichs @Dierk: dagegen sein
    05.08.2011, 16:03

    "Wir Menschen neigen nun einmal dazu, persönlich zu werden, wir merken uns Soap-Opera-Gebaren, nicht die Sache, nicht die Fakten."

    Ja, das habe ich schon verstanden. Aber die Frage ist doch, ob wir uns dem beugen wollen. Meine Antwort ist: AUF KEINEN FALL.

  5. Anton Maier Das Outing war..
    05.08.2011, 18:53

    erzwungen. Bei goalgetter haben mittlerweile Boulevardblätter angerufen, da sah er sich gezwungen an die Öffentlichkeit zu gehen, bevor er von BILD und Co dazu gezwungen wird.
    Und er ist angeblich SPD-Mitglied :-(

    Was man bei Anne Will aber auch gesehen hat, ist, dass Chatzimarkis nur den Vorwurf: Verstecken sich hinter Anonymität hatte. Das waren nur 1-2 Knoten in seinem Argumentationsbaum gegen die man ankämpfen musste. Hätte er die Identität gewusst kann man von da aus wesentlich tiefer gehen müssen und man müsste eine Vielzahl von Knoten bekämpfen, denen dann (unberechtigterweise) auch ein viel größeres Gewicht zufiele.

    Im Endeffekt geht es ja nur um die Frage:
    Wie bringen wir die Öffentlichkeit dazu sachbezogener zu "arbeiten".
    Dazu wäre die erzwungene Anonymität ein verhaltenstherapeutischer Ansatz.
    Der Vorschlag von Elmar eher der tiefenpsychologische, der versucht die Wurzel des Problems anzugehen.

    Man stelle sich vor: Es wäre 2020 und Vroniplag bisher anonym. Wie würde dann ein Outing angenommen werden? Es wäre fast bedeutungslos, allenfalls bei den dann aktuellen Fällen zu berücksichtigen. Deswegen bin ich für den Verhaltenstherapeutischen Ansatz.

  6. Elmar Diederichs @Anton: unklar
    05.08.2011, 19:15

    "Dazu wäre die erzwungene Anonymität ein verhaltenstherapeutischer Ansatz."

    Das hab ich noch nicht verstanden. Du meinst, daß die am Schwarm Beteiligten sich nicht outen dürfen? Oder wie soll das aussehen?

  7. Anton Maier @Elmar
    05.08.2011, 21:03

    Naja du und Anatol hattet von einem Standpunkt freiwilliger Öffentlichkeit argumentiert. Von dem Standpunkt hätte ich, dafür plädiert als Platform weiter komplett anonym zu arbeiten. Der Personalisierungszweig(Anzahl*GewichtderArgumente) erhält mit einer öffentlichen Person ein Maximum.
    Wenn man den Zweig gegen Zahl öffentlicher Mithelfer, Zahl anonymer Mithelfer, Zahl öffentlicher Befürworter und Diversität der Mithelfer aufträgt, dann flacht die Größe des Zweiges asymptotisch mit jedem Paramter ab. Bei 0 öffentlicher Mithelfer gäbe es aber das absolute Minimum.

  8. Anton Maier @Elmar
    05.08.2011, 21:17

    Von der jetzigen Perspektive muss man zwangsläufig den Berg runterskiern, aber es wird trotzdem Leute geben, die versuchen diesen Personalisierungszweig zu missbrauchen und das wäre kaum möglich bei 0 öffentlichen Mithelfern.
    Da werden dann Argumente fallen wie:
    *webgrown extremism
    *Hass aus dem Netz
    *Hetzjagd
    *alle männlich, die eh nichts zu tun haben
    *respektlos
    *ausgeglichenere Menschen kommen weniger zum Zug...

  9. Steffen Jordan Das Pseudonym wurde zu groß für das Ego
    07.08.2011, 00:33

    Ich kann mich letztlich keinem von beiden anschliessen, denn beide Analysen laufen ins Leere, verkennen sie doch, dass Goalgetter ganz wesentlich selbst zu seinem "Outing" beigetragen, ja dieses letztlich selbst provoziert hat. Das wenig schmeichelhafte Portraits Goalgetters im SPIEGEL zeichnet bereits das Bild eines öffentlichkeitssüchtigen Menschen: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,775009,00.html. Hier konnte man bereits lesen, dass Goalgetter SPD-Mitglied ist. Ebenfalls, dass er die Arbeit in VroniPlag eher als Mittel zur Politikmache mit anderen Mitteln verstand, aber nicht wirklich als Beitrag zur Wissenschaft. Und schliesslich konnte man ihn auf der Bank seines fränkischen Golfclubs darüber nachdenken sehen, ob er sich nicht einfach outen solle. Eine große Tageszeitung habe ein Streitgespräch zwischen ihm und Chatzimarkakis organisieren wollen. Warum ihn das nun wiederum zu dieser Outingfrage motiviert, erfährt man leider nicht. Wie man auch sonst in allen möglichen Artikeln über diesen Menschen alles mögliche erfährt, aber sicher kaum etwas über seinen konkreten Beitrag zu diesem Wiki. Nun haben es Wikis an sich, recht transparent zu sein. Von daher kann man sich auf den VroniPlag-Benutzerseiten ein eigenes Bild von diesem Menschen und seinen Motivationen machen. Seine Benutzerseite ist zugekleistert mit Werbetexten für einen Hersteller von Plagiatssoftware: http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Benutzer:Goalgetter. Auf seiner Diskussionsseite strotzt es vor schneidener Kritik an seinem öffentlichen Handeln: http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Benutzer_Diskussion:Goalgetter. Und seine Aktivitätenseite zeigt, daß er sich seit Monaten im Wiki eigentlich vor allem mit zwei Dingen beschäftigt hat: Mit sich selbst und zwei doch recht peinlichen "Blogbeiträgen" über das "politische System hinter den entlarvten Dissertationen" und über die "kürzesten Dissertationen", die er auf seinen wahllosen Streifzügen wohl so gefunden hat im Netz: http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Spezial:Beitr%C3%A4ge/Goalgetter. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, es hier mit einem Menschen zu tun zu haben, der kaum relevante Beiträge zu diesem Wiki geleistet hat, sich stattdessen lieber in den Medien hat feiern lassen für etwas, das andere geleistet haben. So ist sein Outing eigentlich nur konsequent. Es bedient eine Medienwelt, die sich nicht gerne mit Fakten herumschlägt, sondern stattdessen lieber mit den Schaumschlägereien eines wikianisches Hochstaplers.

  10. Anton Maier @Elmar Machiavelli
    07.08.2011, 02:53

    "Dazu wäre die erzwungene Anonymität ein verhaltenstherapeutischer Ansatz."
    das "erzwungen" bezog sich darauf, dass chatzimarkis dem anonymen Unterzweig ausgeliefert war und nicht den personalisierten Unterzweig weiterentwickeln konnte. Man zwingt dem Gegner auf, das Thema nicht darauf ablenken zu können.

    (3)"Wichtig ist, was gesagt wird, nicht aber, wer etwas sagt."
    sicher ist es wichtig, dass die Diskussion hiervon getragen wird, aber unter machtpolitischen Interessengruppen wäre das irrational. Deswegen bin ich für "erzwungene Anonymität".
    Pädagogisch betrachtet ist die "erzwungene Anonymität" auch das Mittel der Wahl. (s.o.)

  11. 09.08.2011, 13:41

    Ich meine, die Ungültigkeit des "Quellen-Arguments" läßt sich zwar auf wissenschaftliche Diskussionen, nicht aber auf die Diskutanten anwenden.

    Soll heißen: Dem Wissenschaftler wächst im Prinzip Autorität zu - er "erwirbt" sie -, mit jedem Mal, da er Kluges denkt und Kluges sagt. Der Wissenschaftler füllt sein "Autoritätskonto" durch das, was er sagt und tut, während ein religiöser oder weltlicher Amtsträger diese Autorität qua Amt besitzt.

    In der wirklichen Wirklichkeit erreicht der Wissenschaftler bisweilen eine Stufe der Autorität (siehe Peter-Prinzip), in der der Rekurs auf ihn, seinen Namen und seine Position durchaus argumentative und faktische Relevanz bekommt - und jeder Wissenschaftler kann in unterschiedlichem Maße von seinem Ersparten auf dem Autoritätskonto zehren und bis zu einem Gewissen Kontostand Unsinn sagen, ohne daß es auffällt oder daß es sanktioniert wird.

    Auch Politiker - im Grunde ja alle Menschen - führen solche Autoritäts- oder Glaubwürdigkeits"konten"; gerade die Affäre des Bundesministers Guttenberg zeigt mir eigentlich deutlich, wie wenig unsere Gesellschaft da von "Wissenschaftlichkeit" entfernt ist; denn als Angela Merkel bemerkte, sie hätte "keinen wissenschaftlichen Assistenten eingestellt", kochte es gerade in der bildungsbürgerlichen Mittelschicht - unter Akademikern. Faktisch ist eine Dissertation und ihre Qualität für die Richtigkeit geleisteter und zu leistender Arbeit eines Verteidigungsministers völlig irrelevant; man kann ein Betrüger, Mörder, Kindsverderber sein und trotzdem als Minister zur richtigen Zeit das Richtige tun. Auch die anderen des Plagiats überführten Mandatsträger sind für viele Menschen als Politiker "nicht mehr tragbar", nicht, weil sie ihr Mandat, ihre Aufgaben nicht richtig erfüllt hätten, sondern weil ihr Glaubwürdigkeits"konto" durch die Plagiatsvorwürfe im Minus ist.

    "Wissenschaftlichkeit" ist meiner Meinung nach mit gutem Grund als Attribut für eine bestimmte Form der Erkenntnisgewinnung reserviert, die jedoch von niemandem zu jeder Zeit und in jedem Fall angewandt werden kann. Zwar kann ich - persönlich - prinzipiell die Thesen der Astrophysik zu "dunkler Materie", "dunkler Energie" oder die "String-Theorie" wissenschaftlich nachzeichnen und überprüfen oder mich selbst vom Sinn und Zweck der Suche nach Neutrinos oder anderer Zeitgenossen überzeugen. Tatsächlich werde ich jedoch weiterhin der Autorität einer ARTE-Dokumentation und der in ihr vorkommenden Astrophysiker vertrauen, nicht nur, weil ich intellektuell bereits an der Schulphysik scheiterte, sondern auch, weil mich höchstens philosophische und ggf. theologische Implikationen astrophysikalischer Erkenntnisse interessieren und ich nicht vor jeder Über- oder Unterquerung einer Brücke die Berechnungen des Statikers und die Ausführung des Bauunternehmens nachprüfe, sondern im Grunde mich darauf verlasse, daß alle Beteiligten nicht betrunkener waren als ich es bin, wenn ich sie nutze.

    Unser soziales und zwischenmenschliches Zusammenleben funktioniert nur durch einen apriorischen "Glauben" und ein "Vertrauen", welche wir unseren Gegenübern entgegenbringen. Der wissenschaftlich motivierte apriorische Zweifel würde unsere Existenz nicht nur lähmen, sondern zerstören, wobei es nicht um blindes Vertrauen oder gar blinden Gehorsam geht, sondern darum, daß wir einander "kreditwürdig", also glaub-würdig halten müssen, um überhaupt interagieren und kommunizieren zu können. Die Entkoppelung von Botschaft und Botschafter funktioniert nur dort, wo Sender und Empfänger auf einem gleichen oder ähnlichen Wissensstand sind, je größer der epistemische Abstand - wie zwischen mir und einem Astrophysiker in Sachen Astrophysik - desto größeres Gewicht wird die Glaubwürdigkeit oder Autorität des Senders haben, vorausgesetzt, ich halte nicht grundsätzlich alles für Nonsens, was meinen Horizont übersteigt.

    Auch in Sachen "VroniPlag" oder "GuttenPlag" findet ja von Anbeginn eine Glaubwürdigkeits- und Autoritätsdikussion mit allen bekannten Instrumenten und Nebenwirkungen statt. Man könnte im Umkehrschluß sagen, daß die Beteiligten, wären sie selbst von der Richtigkeit ihres Tuns (und nicht nur der ihrer Ergebnisse) überzeugt, ja nicht anonym arbeiten müssten, schon um ein angewandtes Beispiel für die Regel zu geben, daß es "in der Wissenschaft [...] darauf an[kommt], was gesagt wird, nicht wer es sagt", ein Maurergeselle, ein CNC-Dreher oder ein Volksschullehrer einen promovierten Politiker des Wissenschaftsplagiats überführen können. Nebenbei funktioniert aus gutem Grund wissenschaftliche "peer review" im Prinzip ja auch nicht anonym, der Gutachterkreis ist bekannt und bei auftretenden Problemen lassen sich Gutachten den einzelnen Gutachtern ohne Schwierigkeiten zuordnen.

    Nebenbei wird in einschlägig interessierten Kreisen ja bereits eifrig an der Immunisierung und Überhöhung der Kollektive von "VroniPlag" und "GuttenPlag", wir erfahren von der "über jeden Zweifel erhabene Autorität des von GuttenPlag und VroniPlag angewandten Dokumentationsprozesses" (Widerstand gegen das Kollektiv ist zwecklos) - wobei die eigentliche Arbeit im Grunde so banal ist wie Scherben bei einer archäologischen Grabung zu sortieren und zu katalogisieren (was diese wie jene Kärrnerarbeit nicht schmälert) - und bekommen gesagt, daß "VroniPlag [...] eine Art Gewissen des deutschen Promotionsbetriebs" sei. Drunter machen wir's nicht.

    Spannenderweise lag und liegt der Schwerpunkt der Plagiatsforscherei auf Dissertationen von aktuell amtierenden und agierenden Politikern, nur en passant, fast zufällig verirrt sich auch eine wissenschaftliche Arbeit eines Wissenschaftlers in den Fokus der Plagiatssucher. Die Verbindung zum durch das Internet sich vernetzenden und gegen die fett und satt gewordenen Amtsträger auftretenden bundesdeutschen Wutbürger zu suchen, scheint mir lohnend, man will die politische Klasse, der man überdrüssig ist, schlagen, wo man sie findet und dort packen, was an ihnen so augenfällig verabscheuungswürdig ist: bei ihrer Eitelkeit und ihrer Selbstzufriedenheit. Das ist alles berechtigt und plausibel, aber man sollte diese Dinge nicht transzendieren und mit der humorlosen Gründlichkeit und rechthaberischen Verbissenheit des deutschen Ingenieurs ad absurdum führen.

    Wir wissen jetzt, daß es Menschen gibt, die ihren akademischen Grad durch eine Menge bedrucktes Papier, auf dem im Grunde nichts oder nur das steht, was andere besser, luzider und durchdachter formuliert haben, erworben haben und erwerben können. So what? Das wußte der Volksmund - augenzwinkernd - schon vorher und wir, die wir wissenschaftliche Qualifikationsschriften während unseres Studiums und danach gelesen haben, wußten es im Grunde auch. Jetzt haben wir am Objekt auch mal darüber öffentlich gesprochen und damit können wir - seelisch und moralisch gelabt - wieder an unsere eigentliche Arbeit gehen und uns weniger für fremde Federn und fremde Fehler, sonder unsere eigenen interessieren.

  12. Elmar Diederichs @Joachim Losehand: Danke
    09.08.2011, 17:06

    "Ich meine, die Ungültigkeit des "Quellen-Arguments" läßt sich zwar auf wissenschaftliche Diskussionen, nicht aber auf die Diskutanten anwenden."

    Ja, ich denke inzwischen, daß das stimmt und und mein erster Vorschlag viel zu grobschlächtig war. Denn natürlich erwerben wir Wissen z.B. in Vorträgen einfach auf der Basis epistemischen Vertrauens in die Kompetenz des Wissenschaftlers - allerdings mit der Einschränkung, daß das Thema im Bereich der belegten Kompetenz des Wissenschaftlers liegen muß.

    Meine in (3) und (4) dingfest gemacht Unterscheidung ist - so habe ich inzwischen gelernt - motiviert nicht etwa durch den Begriff berechtigten Wissens, sondern durch den viel stärkeren Begriff der epistemischen Autonomie, der hier näher erklärt wird.

    Zwar denke ich immer noch, daß das outing eine Chance ist, aber die Begründung sollte wohl neu gestrickt werden.

    "Auch Politiker - im Grunde ja alle Menschen - führen solche Autoritäts- oder Glaubwürdigkeits"konten";"

    Ich verstehe das Prinzip, aber epistemisches Vertrauen ist einfach noch ein so neues Konzept für mich, daß ich in diesem Moment keine Regeln dafür ableiten kann.

    Dennoch hat du nach meiner Ansicht völlig richtige Aspekte ins Spiel gebracht, die zeigen, daß mein post in gegenwärtiger Form im Grunde nicht haltbar ist.

    Further research is necessary: Danke dafür! :-)

    "Unser soziales und zwischenmenschliches Zusammenleben funktioniert nur durch einen apriorischen "Glauben" und ein "Vertrauen", welche wir unseren Gegenübern entgegenbringen."

    Ein interessanter Punkt - vor allem, daß du das bis in das Funktionieren der Kommunikation hinein erstreckst.

    Robert Brandom, Prof in Pittsburgh hat - so habe ich herausgefunden - ebenfalls in diese Richtung argumentiert.

    "Auch in Sachen "VroniPlag" oder "GuttenPlag" findet ja von Anbeginn eine Glaubwürdigkeits- und Autoritätsdikussion mit allen bekannten Instrumenten und Nebenwirkungen statt."

    Hm. Wieder richtig: Die Frage ist, was Anonymität mit den Glaubwürdigkeitskonten wirklich macht. Ich habe im Moment keine Antwort darauf.

    "aber man sollte diese Dinge nicht transzendieren und mit der humorlosen Gründlichkeit und rechthaberischen Verbissenheit des deutschen Ingenieurs ad absurdum führen."

    Ich stimme zu.

    Schöne Sache! :-)

    Ich werde mal unter den DePlagios rumfragen, wie sie zu deinen Argumenten stehen.

    Berichten werde ich bei DE PLAGIO wie natürlich auch hier.

  13. Stephan Schleim @ Losehand: Falsch gedacht?
    09.08.2011, 19:29

    Sie scheinen mir da ein Induktionsargument der Form: "Wissenschaftler X hat in der Vergangenheit Kluges gesagt, deshalb ist auch Xs gegenwärtige Äußerung klug" anzuwenden und wie wir seit langem wissen, sind solche Induktionsargumente nicht sehr zuverlässig. Ferner kenne ich durchaus ein paar selbstkritische Christen, denen ich mehr Erkenntniswillen unterstelle als dem einen oder anderen Wissenschaftler. (Im Übrigen gibt es auch streitbare Gemeinden, die keineswegs blind der Autorität ihres Pfarrers folgen; Ihr Schwarz-weiß-Bild ist mir zu einfach gezeichnet.)

    Forschung zum Klimawandel, der Sicherheit von Risikotechnologien, der Zuverlässigkeit von Wehrsystemen, der Effektivität klinischer Anwendungen, der Schädlichkeit des Rauchens und so weiter und so fort bieten doch zahlreiche Beispiele dafür, dass Wissenschaft oft eben nicht wertneutral ausgeübt wird.

    Beim Peter-Prinzip geht es meines Wissens übrigens eher um die Maximierung von Unfähigkeit als der von Autorität.

    Für den Verteidigungsminister ist die akademische Glaubwürdigkeit meiner Meinung nach insofern relevant, als er nicht nur dem Heer, sondern auch den Heeresbildungseinrichtungen inklusive der Bundeswehruniversitäten vorsteht.

    Nebenbei funktioniert aus gutem Grund wissenschaftliche "peer review" im Prinzip ja auch nicht anonym, der Gutachterkreis ist bekannt und bei auftretenden Problemen lassen sich Gutachten den einzelnen Gutachtern ohne Schwierigkeiten zuordnen.

    Von welcher wissenschaftlichen Community sprechen Sie hier? Meiner Erfahrung nach sind die Gutachter in der Regel sehr wohl anonym; die Anonymität funktioniert aber nur einseitig, das heißt, Wissenschaftler renommierter Universitäten profitieren von ihrem Status, umgekehrt ist der Gutachter gegenüber dem begutachteten Wissenschaftler aber nicht verantwortlich, da seine Identität vom Redakteur geheim gehalten wird.

    Manche philosophische sowie neuere Open-Access-Journals versuchen es besser.

    Pragmatisch tun wir oft gut daran, bestimmten Experten zu vertrauen; gerade in Grenzsituationen wissen es die Experten aber oft selbst weniger gut, als sie von sich denken. So oder so sollten wir das eigene Denken aber nicht aufgeben, wenn wir es genau wissen wollen, und auch ohne die neuesten Formeln der Astrophysiker selbst nachrechnen zu können, kann ich mir vom historischen Standpunkt, durch die Analyse von Debatten und auch durch bestimmte Plausibilitätsüberlegungen eine informiertere Meinung bilden.

  14. Elmar Diederichs @Stephan: neue Entwicklung
    09.08.2011, 19:43

    "Pragmatisch tun wir oft gut daran, bestimmten Experten zu vertrauen;"

    Nein, das habe ich bisher auch gedacht. Aber es geht um weit mehr als um Pragmatismus. Ich habe gerade Paul Falkner aufgespürt, der ziemlich genau in die Richtung zu gehen scheint, die hier relevant ist

    http://www.sheffield.ac.uk/philosophy/staff/profiles/faulkner.html

    Und Brandoms Kontoführungskonzept hast du wahrscheinlich schon mal gehört.

  15. Joachim Losehand Induktion und Instruktion
    09.08.2011, 23:28

    @ Stephan Schleim:

    1) "Sie scheinen mir da ein Induktionsargument der Form: 'Wissenschaftler X hat in der Vergangenheit Kluges gesagt, deshalb ist auch Xs gegenwärtige Äußerung klug' anzuwenden"

    Der Schein trügt. Es läßt sich zwar auch die Anwendung des Induktionsarguments beobachten, viel häufiger jedoch ist die Erwartungshaltung, daß X - nachdem er in der Vergangenheit Kluges gesagt hat - auch in Zukunft (allgemein oder zu einer bestimmten Gelegenheit) Kluges sagen wird. Darum lädt man ja einen Redner ein, in der plausiblen Erwartung, daß der etwas Kluges sagen wird - und sich nicht unvermittelt verbal einen Pudding an die Stirn nagelt.

    So funktioniert auch eine repräsentative Demokratie, wer (wieder)gewählt wird, wird deshalb (wieder)gewählt, weil man in plausibler Erwartung ist, daß der Mandatar seine Aufgabe (erneut) erfüllen wird. Das klappt, das klappt aber auch nicht.

    2) Ein Verteidigungsminister muß kein guter Wissenschaftler; ja nicht einmal Akademiker sein, er "beaufsichtigt" die Heeres-eigenen Bildungseinrichtungen nur qua Amt, nicht qua Qualifikation. "Glaubwürdigkeit" ist - siehe Induktionsargument und Quellenargument - kein wissenschaftlich fundiertes Wahrheitskriterium; einen Plagiator zum Bildungsminister zu bestellen, mag ein falsches Signal sein, ob dieser Mandatar jedoch darum falsche Entscheidungen trifft, kann nicht einmal gemutmaßt werden.

    3) Der Clou an der peer review ist, daß der Begutachtete einerseits sicher sein kann, daß seine Arbeit von einem "peer" begutachtet zu werden (und nicht von Charlys Tante) und andererseits, und das schrieb ich, sind die Gutachter eben der Redaktion, der Stiftung, der Institution bekannt (also intern), die damit die Qualität sicherstellt. Bei den WikiPlags jedoch ist die Anonymität regelmäßig eine 360°-Anonymität, also intern und extern. Und das halte ich für wenig beruhigend.

    @ Elmar Diederichs:

    Anonymität würde ich prinzipiell als Belastung für ein Glaubwürdigkeitskonto einstufen. Regelmäßig keine substantielle Größe, ein paar Cent werden es immer sein, vermummte Menschen erzeugen auch mehr Unbehagen, als solche, die "mit offenem Visier" kämpfen.

    Entscheidend ist auch die Asymmetrie: eine solche Organisation ist ein kafkaeskes "Schloß" im kleinen, das zwar keine chaotischen Entscheide produziert, sondern richtige Ergebnisse, jedoch ist das Verhältnis zwischen Verdächtigtem und Wiki-Kollektiv vertikal, während das Kollektiv handelt, ist der Verdächtigte zur Untätigkeit gezwungen, er kann nur tatenlos die sukzessive Arbeit beobachten.

    VroniPlag arbeitet objektiv nicht willkürlich, erzeugt aber durch die Ungreifbarkeit des namenlosen Kollektivs das Gefühl, einer technokratischen Willkür ausgeliefert zu sein: das Kollektiv stellt selbst nach, muß selbst jedoch Nachstellungen (Konsequenzen) gegenwärtigen.

    Nicht umsonst zählen rein objektiv und logisch handelnde, entpersönlichte Maschinenwelten (bspw. "Matrix") zu den Dystopien.

  16. Elmar Diederichs @Joachim Losehand: Nachfrage
    10.08.2011, 01:28

    "Entscheidend ist auch die Asymmetrie:"

    Ich seh noch nicht, wofür das entscheidend ist. Denn die Plagiatoren haben bereits gehandelt und erwarten doch nun nicht mehr als die gerechten Konsequenzen.

    An diesem Umstand läßt sich doch kein Einwand aufhängen?

  17. Stephan Schleim Losehand: Nochmal Induktion
    10.08.2011, 11:09
    Der Schein trügt. Es läßt sich zwar auch die Anwendung des Induktionsarguments beobachten, viel häufiger jedoch ist die Erwartungshaltung, daß X - nachdem er in der Vergangenheit Kluges gesagt hat - auch in Zukunft (allgemein oder zu einer bestimmten Gelegenheit) Kluges sagen wird.

    Aber das ist doch gerade ein Induktionsargument: In Fällen 1 … n hat sich X y verhalten, also wird er sich im Fall n+1 (wahrscheinlich) auch wieder y verhalten.

    Übrigens fände ich das klasse, wenn ein geladener Sprecher mal 'was Verrücktes machte. Ich habe mir das schon vorgenommen, in der letzten Vorlesung meines Lebens zu tanzen. (Allein schon um aus Prinzip das Induktionsprinzip zu widerlegen, haha.)

    So funktioniert auch eine repräsentative Demokratie, wer (wieder)gewählt wird, wird deshalb (wieder)gewählt, weil man in plausibler Erwartung ist, daß der Mandatar seine Aufgabe (erneut) erfüllen wird.

    Haben Sie heute Ihren optimistischen Tag? Vielleicht wird der X auch einfach nur deshalb wiedergewählt, weil man die Ypsilone und Zette alle für noch unfähiger hält?! Kennen Sie die Folge von South Park zur Demokratie? Leider kann ich das aus dem Ausland hier nicht für Sie verlinken, suchen Sie aber mal nach "south park rieseneinlauf". :-)

    @2, Guttenberg: Ich glaube, dass die Generäle und BW-Professoren das anders sehen; gerade in solchen Kreisen denkt man m.E. noch sehr tugendethisch, d.h. will man einen Führenden haben, dessen Charakter so überzeugt, dass man ihm auch die Bewältigung einer Krisensituation zutraut. Aber letztlich spekuliere ich hier ins Blaue.

    @3, Peer Review: Ich sag ja, optimistischer Tag. Redakteure sind v.a. bei großen Zeitschriften (wie Nature) Angestellte eines gewinnorientierten Wirtschaftsunternehmens, die natürlich (auch) interessengeleitet die Reviewers auswählen. Wenn Sie schon mal in einem (z.B. universitären) Gremium gearbeitet haben, dann ist Ihnen wohlbekannt, wie viel man durch die Auswahl der Gutachter steuern kann.

    Ich bin nicht gegen das Peer Review, ich wünsche mir nur, dass es mit offenen Karten gespielt wird; das ist aber meistens eben nicht der Fall. Redakteure tun ja sehr viel dafür, die Identität ihrer Reviewer geheim zu halten.

  18. Elmar Diederichs @Stephan: Echt nicht
    10.08.2011, 13:14

    "Aber das ist doch gerade ein Induktionsargument: In Fällen 1 … n hat sich X y verhalten, also wird er sich im Fall n+1 (wahrscheinlich) auch wieder y verhalten."

    Du, das ist nicht mal eine Induktion. Vollständige Induktion ist ein Beweisschema für eine Menge von Entitäten für eine Eigenschaft dieser Entitäten. Man erhält am Ende dann eine deterministische Aussage über die Menge der Entitäten.

    Die wahre Aussage des Wissenschaftler ist aber nicht die Entität, sondern die Eigenschaft. Und das einzige, was hier mehrfach vorkommt sind Aussagen. Man erhält aber am Ende keine Aussage über die Menge von Aussagen, sondern über den Wissenschaftler. Ihm wird epistemisch vertraut, nicht der Aussage.

    In diesem Sinne hat Joachim der Anonymitätsdiskussion um Personen ein (pragmatisches) Element hinzugefügt, daß ich gar nicht auf dem Schirm hatte.

    Würde er hingegen nichts über Personen sagen, dann hätte ich meinen post gar nicht zurückgezogen, weil das ja gar nicht zum Thema gehören würde.

  19. Anton Maier @Joachim Loosehand
    11.08.2011, 00:55

    Deine Argumentation ist zwar überzeugend, aber zum Schluss ziehe ich da andere Schlüsse.
    1. Es gibt ein verbreitetes Vorurteil, dass quantitative Änderungen kaum zu qualitativen Änderungen führen. Das Gegenteil ist der Fall!
    Das meine ich nicht in einem "Ich hab mehr Argumente also habe ich recht sinn" sondern durch quantitative Effekte erschließen sich grundsätzlich erst alle qualitativen Argumente. So kann es auch sein, dass man durch quantitative Änderungen erst neue qualitative Argumente erschließt.
    Ich glaube das scheint bei dir sogar mehrfach durch.
    2. Ich würde grundsätzlich davon ausgehen, dass vroniplag die Autorität 0 hat und darin liegt auch der Witz der ganzen Sache.

  20. Joachim Losehand @@ Stefan Schleim, Anton Meier
    11.08.2011, 14:59

    Ich war in diesen Punkten weniger optimistisch denn die möglichen Optionen, Motivationenen verkürzend unterwegs; in meinem Fachgebiet (Altertum) hingegen sind die externen Gutachterkreise jedoch namentlich durchaus bekannt, sehr viel Auswahl hat's auch nicht - und offener geht's natürlich alldiweil. Daß quantitativ viel Material auch quantitativ viel wissenschaftlichen Output (Fundberichte usw.) produziert ist dann doch auch richtig; wenn nicht gilt, daß mehr Knoblauch die Atemwege mehr reinigt, dann gilt auch nicht, daß weniger Knoblauch die Atemwege weniger reinigt (vgl .Watzlawick).

    Was auch für die Plagiatsjägerei gilt.

  21. Stephan Schleim @ Elmar: Induktion
    12.08.2011, 00:42

    Ich bitte, genau zu lesen, und Induktion (Philosophie) nicht mit Vollständiger Induktion (Mathematik) zu verwechseln. Der Sprachgebraucht, auf den ich mich beziehe, besteht schon seit 2000+ Jahren.

  22. Elmar Diederichs kein Betreff
    12.08.2011, 08:08

    "Ich bitte, genau zu lesen, und Induktion (Philosophie) nicht mit Vollständiger Induktion (Mathematik) zu verwechseln."

    Oh, stimmt, sorry. War offenbar ein Moment geistiger Umnachtung meinerseits. ;-)

  23. Anton Maier @Joachim Loosehand
    12.08.2011, 19:43

    Das Knoblauchbeispiel ist eine verbreitete Argumentationsweise in allen möglichen Bereichen und allgemein falsch.
    Ich vermute das liegt auch daran, dass quantifizierbarkeit in Sprache nur schlecht abgebildet wird und die Art von Beeinflussung des Denkens darstellt, die früher Leute dazu gebracht hat zu denken: "Sprechen ist Denken".

  24. Anton Maier @Joachim Loosehand
    12.08.2011, 20:05

    Sie ist nicht nur allgemein falsch, sondern mehrheitlich und sogar in diesem Beispiel.

  25. Stephan Schleim @ Elmar: Geistige Umnachtung?
    12.08.2011, 20:09
    War offenbar ein Moment geistiger Umnachtung meinerseits.

    Hmm, zu viel Fahrrad gefahren? Mit Berlinerinnen herumgetrieben oder als Frau auf Dating Sites gechattet? Tse tse... ;-)

  26. Joachim Losehand @ Anton Maier
    12.08.2011, 20:49

    Sagen Sie das Paul Watzlawick unter dem Rubrum "Das Prinzip des 'Mehr desselben' oder 'Der verlorene Schlüssel'".

    Mag kann einwenden, daß das hier wie überhaupt nicht und nie exakt paßt, aber darum geht es ja auch nicht. Vielmehr ist es für mich ein gefühlt geflügeltes Wort, das die Tendenz beschreibt, a) Lösungen zu verabsolutieren, b) ein Problem -P* mit der Lösung -L kurieren zu wollen, wenn P durch L kuriert wurde und c) in Grunde gerne zu Übertreiben.

    {Wie Sie mit dem "o" - ein "o" in "Losehand" reicht doch völlig. :-D Egal.}

  27. Joachim Losehand @ Anton Maier (Nachtrag)
    12.08.2011, 21:00

    Richtig muß es wohl heißen:
    "b) ein Problem -P mit der Lösung -L kurieren zu wollen, wenn [...]"

    Und außerdem: "Metaphern sind nicht Argumente, schönes Kind" [Walter Scott, The Fortunes of Nigel]

  28. Anton Maier @Joachim Loosehand
    12.08.2011, 21:51

    Wenn Sie es im Zusammenhang von Watzlawick lesen dann ist es keine Antwort auf meinen Einwand, da sie Aussage gegen Aussage stellen und mich in meinem Verdacht nur bestätigen. Wenn Sie es verallgemeinern ist es falsch. Metapher hin oder her.
    Naja so kommen wir nicht weiter.Ich schreibe ihnen am Wochenende eine Antwort auf ihren Ausgangspost, falls Sie interessiert sind.

  29. Anton Maier @Joachim Losehand
    12.08.2011, 22:05

    allgemein d.h. im Sinne einer Begründung

  30. Beryll Lyreb @Losehand
    18.08.2011, 11:19

    Leider habe ich diese Diskussion spät gefunden, dennoch reizt mich eine Erwiderung auf das Argument von Joachim Losehand, sinngemäß: "VroniPlag und GuttenPlag wird von Medien etc. Autorität zugesprochen. Diese Autorität haben diese Wikis aber aufgrund der Anonymität der Nutzer nicht. Darum ist die dortige Dokumentation nicht wirklich legitimiert und wir könnnen uns wieder wichtigen Dingen zuwenden."

    Meinen Punkt möchte ich mit einem wörtlichen Zitat aus Losehands Posting machen (dem ich diesmal zustimme): "Die Entkoppelung von Botschaft und Botschafter funktioniert nur dort, wo Sender und Empfänger auf einem gleichen oder ähnlichen Wissensstand sind..."

    Genau das ist der Fall! Wie Losehand richtig anmerkt, ist die Arbeit der Wikis eigentlich banal. Das macht sie auch für jeden nachvollziehbar. Es ist also keinerlei zugesprochene Autorität notwendig, um die Ergebnisse zu verstehen.

    Davon unabhängig erwächst den Wikis dadurch aber tatsächlich Autorität, da alle Promotionsausschüsse bisher die dort dokumentierte Arbeit bestätigt haben (durch Entzug des jeweiligen Doktorgrads). Diese Autorität wächst meines Erachtens dem Arbeitsablauf der Wikis zu, nicht den Nutzern persönlich. Es ist eventuell so ähnlich wie mit einer ganz einfachen Fließbandarbeit, die ein Student als Ferienjob ausübt. Er hat es in drei Minuten gelernt, am Ende des Bandes gibt es eine Qualitätskontrolle (auch ein Ferienjobber), dennoch stimmt das Ergebnis. Beide sind jederzeit austauschbar, da die Tätigkeit in sich simpel ist. Was hier gut gelöst ist, ist der Ablauf. Es hat nichts mit der Genialität der Mitarbeiter zu tun.

szmtag