01. September 2011, 08:18
Die Neuropsychiatrie hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Renaissance erlebt. Die Berücksichtigung psychiatrischer Störungsbilder in der Neurologie wird immer wichtiger. Ein zentrales Forschungsthema ist dabei die Depression. Bei Epilepsiepatienten lassen sich die möglichen Ursachen einer Depression besonders eindrücklich aufzeigen.
Was ist Depression?
Jeder kennt wohl Phasen, in denen er aus mehr oder weniger nachvollziehbaren Gründen „schlecht drauf“ ist. Man hat zu nichts Lust, fühlt sich müde, schlapp, will am liebsten in Ruhe gelassen werden. Schlafen wäre gut – wenn da nicht diese Schlafprobleme wären. Nun, Launen kommen und gehen. Und es gibt negative Ereignisse, die über längere Zeiträume das Leben überschatten und einem die Freude rauben können (loss of pleasure). Auch wenn man krank ist, ändern sich Verhalten und Erleben in genau diese Richtung: Rückzug, Energiemangel, Appetitlosigkeit, usw. (sickness behavior).
Die offiziellen Kriterienkataloge (noch DSM-IV-TR und ICD-10) sind nicht ganz eindeutig, aber letztlich läuft die Diagnostik auf die Frage hinaus, ob die Steuerung des emotionalen Befindens gestört ist; die veränderte Befindlichkeit an sich ist dagegen nicht hinreichend, um eine psychiatrische Störung zu diagnostizieren (siehe oben). Die psychiatrische Diagnose verlangt demnach eine umfangreiche Berücksichtigung der Lebensumstände und der Persönlichkeit, um möglichst im Konsens mit dem Patienten zu beurteilen, ob das derzeitige affektive Erleben „angemessen“ erscheint. Die Konzentration auf die Befindenssteuerung (statt auf das Befinden selbst) erscheint mir besonders wichtig, wenn schwere chronische Erkrankungen im Spiel sind, da diese leider allzu häufig Gelegenheiten und nachvollziehbare Gründe liefern, sich schlecht zu fühlen – ohne dass der Betroffene an einer affektiven Störung litte.
Depression als Hirnerkrankung
Die Epilepsien bieten eindrucksvolle Beispiele dafür, dass hirnpathophysiologische Veränderungen intrinsisch Depressionen auslösen können. Depressionen werden beispielsweise von den Patienten recht häufig als Vorzeichen epileptischer Anfälle angeführt. Noch häufiger folgen depressive Zustände einem Anfall; dieser Zustand kann dann ohne Weiteres mehrere Tage anhalten. Es sind sogar einzelne Fälle akut auftretender heftigster Suizidalität dokumentiert worden, bei denen weitere Untersuchungen erbrachten, dass unmittelbar in der Nacht vorher – also ohne Wissen des Patienten – bisher nicht bekannte epileptische Anfälle aufgetreten waren, es sich mithin um postiktale affektiv-psychotische Zustände handelte. Ferner ist von manchen Antiepileptika bekannt, dass sie Depressionen begünstigen oder auslösen können (z.B. Phenobarbital und Primidon); andere Medikamente wurden mit Reizbarkeit und erhöhter Aggressivität in Verbindung gebracht (z.B. Levetiracetam).
Die Literatur wimmelt aktuell von Studien, in denen Korrelationen zwischen epilepsiebezogenen Variablen (z.B. Ort oder Seite des epileptischen Fokus) und dem Auftreten oder der Intensität von Depressionen bei Epilepsiepatienten gesucht werden. Immer wieder behauptet wird z.B. ein Zusammenhang zwischen Schläfenlappenepilepsie (vor allem den temporomesialen Epilepsien) und Depression. Meines Erachtens ist die Befundlage hierzu nicht wirklich überzeugend. Die Stichproben sind meist klein, die Analysen sind korrelativ, die Ergebnisse erscheinen von Studie zu Studie nicht sonderlich stabil. Dies gilt auch für Studien, in denen Bildgebung eingesetzt wird. Wenn ich 100 beliebige Hirnmarker (Struktur oder Funktion, egal) mit irgendeinem Depressions-Score korreliere, werde ich wahrscheinlich bei 5en eine auf dem 5%-Signifikanzniveau signifikante Korrelation finden. (Über die anderen 95 durchgeführten statistischen Tests berichte man tunlichst nicht!) Ohnehin wäre in Zeiten eines (hoffentlich) überwundenen Geist-Gehirn-Dualismus der Nachweis von Hirnkorrelaten einer veränderten Stimmungslage erstens keine große Überraschung mehr und zweitens kein Beweis für eine intrinsische Ätiologie; eher überrascht, wie uneindeutig die Befundlage bis heute ist.
Biopsychosoziale Verursachung einer Depression
Epilepsien bieten jedoch auch sehr anschauliche Beispiele für das biopsychosoziale ätiologische Modell der Depression.
- Das Diathese-Stress-Modell (allostatic load)
Epilepsie bringt Stress mit sich, man spricht vom „burden of epilepsy“: körperliche Verletzungen durch Anfälle, Krankenhausaufenthalte, Nachteile in Ausbildung und Beruf, geringeres Einkommen, geringerer sozioökonomischer Status, seltenere Partnerschaften/Ehen, zusätzliche kognitive Einschränkungen oder Verhaltensauffälligkeiten, und – beschämenderweise – soziales Stigma und Vorurteile noch und noch.
Das Diathese-Stress-Modell erklärt psychopathologische Störungen durch die entweder traumatisch-akute oder über längere Zeiträume andauernde tatsächliche oder subjektiv wahrgenommene Diskrepanz zwischen Lebensanforderungen und den vorhandenen Bewältigungsressourcen. In vielen Fällen stellt Epilepsie eine Anforderung dar, die man nicht "mal einfach so" bewältigen kann und die das Leben und die Zukunftsaussichten nachhaltig beeinträchtigt.
- Erlernte Hilflosigkeit
Im Tierexperiment ist „erlernte Hilflosigkeit“ immer noch das Standardmodell zur Induktion von depressionsähnlichem Verhalten. Beim „forced swim test“ werden Tiere beispielsweise wiederholt in Wasser gesetzt; man lässt sie bis zur Erschöpfung schwimmen und rettet sie dann. Diese aversive bzw. lebensbedrohliche, unkontrollierbare und sich wiederholende Stimulation führt bei vielen Tieren bald zu „Depression“. Epileptische Anfälle ähneln dieser Situation: Sie sind unkontrollierbar, potentiell lebensbedrohlich und wiederholen sich – zudem können extrem beschämende soziale Situationen resultieren (z.B. Einnässen während des Anfalls). Depression bei Epilepsie könnte hierüber ausgelöst oder begünstigt werden.
- Verstärkerverlust
Die Epilepsie erzwingt Verhaltensänderungen, aus Selbstschutz und um sozialen Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen. Bestimmte angenehme Aktivitäten müssen aufgegeben werden, z.B. Schwimmen (Ertrinkungsgefahr bei Anfällen) oder nächtliche Sausen mit den Kumpels (regelmäßiger Schlaf, Interaktion Alkohol/Medikamente); vielleicht kann die bisherige Arbeit nicht fortgesetzt werden. Der Führerschein ist futsch oder darf erst gar nicht gemacht werden. Soziale Kontakte gehen verloren; ohnehin dünnt sich der „Freundes"-kreis meist rasch aus. Insgesamt werden also die Gelegenheiten, sich wohl zu fühlen und daraus neue Energie zu tanken, seltener. Das Leben verläuft immer einspuriger, ohne Aussicht auf grundlegende Verbesserung. Die körperliche Aktivität lässt vielleicht nach. Es resultiert das Bild einer Depression.
Gibt es Gründe, das biopsychosoziale Krankheitsmodell, in dessen Mittelpunkt die Belastung durch Anfälle steht, gegenüber einem rein hirnpathophysiologischen Modell zu favorisieren? Ich meine, ja:
- Epilepsiepatienten, bei denen die Anfälle vollständig sistierten oder therapeutisch kontrolliert werden konnten (z.B. mittels Epilepsiechirurgie), haben deutlich seltener Depression (Prävalenz wie in der „Normalbevölkerung“).
- Patienten mit nichtepileptischen, psychogenen Anfällen – bei denen weder die hypersynchrone neuronale Aktivität als typisches EEG-Korrelat eines epileptischen Anfalls noch sonst eine Hirnpathologie gefunden wird – zeigen in mindestens gleichem Ausmaß Depressionen wie Patienten mit epileptischen ("organischen") Anfällen.
- Hirngesunde Eltern von Kindern, die an Epilepsie erkrankt sind, zeigen ebenfalls deutlich erhöhte Depressionsraten.
Was also erklärt der Verweis auf die Hirnebene?
Ich verstehe die Depression zunächst als ein komplexes psychisches Phänomen, das außerhalb des Selbstberichtes des Patienten bzw. seines Verhaltens (etwa im Vergleich zu früheren Lebensabschnitten) überhaupt nicht existiert und folglich auch nicht im Gehirn festgestellt werden kann. Es mag im Gehirn Korrelate dieser Zustände geben, vielleicht sogar brauchbare Indikatoren – aber diese wären nicht selbst die Depression. Depression ist und bleibt Zustand einer Person.
Lässt man den Gehirn-Geist-Dualismus hinter sich, dann liegt im Nachweis eines Hirnkorrelates einer psychischen Störung (welcher nur auf Gruppenebene möglich ist) noch keine kausale Erklärung dieser Störung. Vielmehr wäre weiterzufragen: Wie geriet denn das Gehirn in diesen Zustand? Und diese Frage müsste man, wiederum non-dualistisch, sogleich in Verbindung mit dem Verhalten und Erleben des Hirninhabers stellen. Es gibt hier kein Entweder-oder von Gehirn und Psyche!
Praktisch-klinisch bleibt die Frage nach der möglichst effizienten Unterstützung der betroffenen Patienten.
Hirn-therapie oder Psycho-therapie?
Natürlich besteht auch die Frage nach dem erfolgversprechendsten Therapieansatz letztlich nicht in der Alternative von Gehirn versus Seele. Klinisch ist klar, dass es nie um das Gehirn selbst geht, sondern um eine therapeutische Beeinflussung von Verhalten und Erleben, nämlich die Wiederherstellung einer adäquaten Befindenssteuerung (nicht von Glücksgefühlen!); die abhängigen Variablen sind psychischer Natur. Meines Erachtens sollte man die Therapiefrage ganz unmetaphysisch, allein basierend auf empirischen Fakten angehen.
Die in den letzten Jahren publizierten Metastudien zur Wirkung moderner Antidepressiva (besonders der Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, SSRIs) lassen mindestens den Schluss zu, dass man ihre therapeutische Wirkung nicht überschätzen sollte. Es gibt einen großen Publikationsbias in diesem Fachgebiet; durchgeführte, jedoch „negative“ Studien werden fast nie publiziert. Es scheint so zu sein, dass überhaupt nur schwere Depressionen spezifisch auf die modernen Antidepressiva ansprechen – und zwar, weil in diesen Fälle die Wirkung von Placebos nachlässt. Bei Epilepsien sind die Depressionen jedoch meist mild bis moderat ausgeprägt. Angesichts der vehementen Empfehlungen von Experten zum Einsatz von Antidepressiva bei depressiven Epilepsiepatienten ist man überrascht festzustellen, dass kontrollierte Studien, die die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Substanzen in dieser Patientenpopulation belegen, nicht existieren.
Die Studienlage für Psychotherapie – insbesondere Kognitive-behaviorale Therapie, Behaviorale Aktivierung und Acceptance and Committment Therapy ist günstig, qualitativ und quantitativ; moderate Wirksamkeit kann trotz eines auch hier vorhandenen Publikationsbias als nachgewiesen gelten. Auch für depressive Epilepsiepatienten liegen zahlreiche positive Studien vor. Die Therapie funktioniert sehr gut über Entfernungen, z.B. internetbasiert, und man kann Ehrenamtliche für entsprechende Programme schulen. Ein präventiver antidepressiver Effekt konnte bei Jugendlichen nachgewiesen werden, bei denen Epilepsie erstmals diagnostiziert wurde. Prä-post-Bildgebungsstudien (fMRI) belegten die mit einem Therapieerfolg zu erwartenden hirnphysiologischen Veränderungen.
Bei Epilepsiepatienten dürfte auch nichtmedizinische professionelle Unterstützung eine wichtige Rolle spielen, um Depressionen zu überwinden oder zu vermeiden, z.B. durch Sozialarbeiter. Die Patienten brauchen Unterstützung bei Anpassungen im Berufsleben oder in der Schulsituation. Auch bei der Beantragung anderer Hilfen (z.B. Begleitung, Familienhilfe, Schwerbehindertenausweis etc.) fallen Behördengänge und dergleichen an. Möglicherweise sind Veränderungen im privaten Umfeld unvermeidlich, bei denen psychologische und sozialarbeiterische Beratung sinnvoll sein kann.
Wie weit geht diese Hilfe, realistisch?
Es wäre kein Problem, alle Menschen lustig und happy zu machen; wir kennen genügend Substanzen, mit denen dies in wenigen Minuten erreicht werden kann. In der klinischen Perspektive geht es jedoch nicht um andauernde gute Laune, sondern darum, dass der Patient im Rahmen seiner Persönlichkeit, angemessen affektiv auf seine Lebenssituation reagieren und die vorhandenen Bewältigungsmöglichkeiten voll nutzen kann. Ich vermute, dass bei vielen depressiven Epilepsiepatienten meistens keine wirkliche Affektregulationsstörung im Sinne einer psychiatrischen Erkrankung vorliegt, sondern schlicht eine wirklich bedrückende Lebenssituation, auf die affektiv in durchaus nachvollziehbarer Weise reagiert wird.
Der Optimismus derjenigen, die mit dem Helfen ihr Geld verdienen, kann für Patienten manchmal ansteckend, häufiger aber wohl frustran sein. Was in vielen Fällen nach vielen Misserfolgen eigentlich gebraucht wird, ist die Bereitschaft zu ungetrübtem Realismus, auch auf Seiten der Ärzte und anderer professioneller Helfer: die Anerkennung der in einer Lebenssituation bestehenden, manchmal unerträglichen Schwierigkeiten, die sich nicht „mal eben so“ lösen lassen und doch ertragen werden müssen.
Ich will keinesfalls bestreiten, dass Medikamente phasenweise eine gute Wirkung haben und für manche Patienten eine therapeutische Option darstellen können. Aber ich bezweifle, dass es im Falle einer Depression bei Epilepsie mit Medikamenten schon getan wäre. Auf jeden Fall verlange ich für die im Grunde absurde Behauptung – Pille = Problem gelöst –, die man natürlich gerne glauben würde, wesentlich bessere Evidenz als sie aktuell geboten wird. Letztlich sind schwierige Anpassungsprozesse ans Leben selbst gefordert, die – abhängig von unzähligen Parametern – mehr oder weniger gut gelingen und eben auch teilweise misslingen oder schlicht verweigert werden können.
Bietet der Rückverweis auf Hirnprozesse in der modernen Neuropsychiatrie mit seiner erkennbaren dualistisch-reduktionistischen Tendenz (Gehirn statt Patient) den Ärzten und den Patienten vielleicht die heimlich erwünschte Möglichkeit, sich von einer bedrückenden und unlösbar schwierigen Lebenssituation abzulenken? Funktionieren die Neurowissenschaften nicht in vielen Bereichen als Quelle einer Utopie und einer Allmachtsphantasie, die die Gesellschaft der Nichtbetroffenen von der aktuell bestehenden, belastenden Realität des Lebens mit einer Hirnerkrankung auf recht unterhaltsame Weise ablenkt?
Literatur:
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Ioannidis, J. P. (2008). Effectiveness of antidepressants: an evidence myth constructed from a thousand randomized trials? Philos Ethics Humanit Med, 3, 14.
Davis JM, Giakas WJ, Qu J, Prasad P, Leucht S. (2011). Should we treat depression with drugs or psychological interventions? A reply to Ioannidis. Philos Ethics Humanit Med. 6:8.
Turner, E. H., Matthews, A. M., Linardatos, E., Tell, R. A., & Rosenthal, R. (2008). Selective publication of antidepressant trials and its influence on apparent efficacy. N Engl J Med, 358(3), 252-260.
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