Geht mir auf den Sack: Journalismuskritik

26. January 2016 von Dierk Haasis in Gesellschaft, Literatur, Sprache

Lesen Sie Zeitschriften, gedruckt oder online? Sehen Sie hin und wieder fern, vornehmlich journalistische Formate? Sind Sie vielleicht noch selbst in ’den Medien’ tätig? Dann sind sie sicherlich schon über den einen oder anderen Text über Journalismus gestolpert. Es vergeht immerhin kaum ein Tag, in dem nicht irgendwo sein Untergang, wahlweise sein Loblied, veröffentlicht wird.

Offensichtlich stimmt was mit ‘dem’ Journalismus nicht – er ist parteiisch, er ist langweilig, er ist pleite, er ist zu viel, er ist zu wenig, er ist nicht modern, er ist zu modern, früher war er besser, noch nie war er so gut wie heute.

Kurz gesagt: Irgendwas ist immer falsch.

Die Kritiker sind sich nicht einmal einig, was überhaupt Journalismus ist. wie will man aber, wenn das nicht klar ist, eine anständige Analyse der Situation als Grundlage für mögliche Lösungswege erreichen?

Das ist dann bereits ein Punkt, an dem mich Medienkritik erheblich ärgert. Aber es geht noch weiter. Die meisten Texte über Journalismus kommen von Journalisten, die selbstverständlich mit einer Binnensicht aufwarten. Wen ausser ihnen selbst interessiert die? An mir als Leser geht die selbst dann vorbei, wenn sie versucht eine Preiserhöhung zu begründen.

Ich möchte keine Nabelschau, ich möchte Journalismus.

Bekannte Medienkritiker der Vergangenheit waren oft gerade keine Journalisten, beispielsweise Karl Kraus, der die Journaille über ihre Sprachnutzung entlarvte. George Orwells gerne zitiertes Essay Politics and the English Language1 geht denselben Weg, richtet sich allerdings direkt gegen politische Texte, speziell von Dogmatikern. Beiden zugrunde liegt eine den Leser von Texten bildende Funktion: Achtet auf die genaue Wortwahl, hinterfragt Begriffe und ihre angebliche Bedeutung. Nehmt Zeitungen nicht als reine Wahrheit, sondern als Wiedergabe von Perspektiven auf ein Phänomen.

Im Zeitalter Twitters und angeblich kürzester Aufmerksamkeitsspannen ist Schlagzeilen-Kritik mehr als lustiger Selbstzweck. Anders als die in der Tat eher lächerliche Zurschaustellung offensichtlicher Vertippsler oder bräsig daherkommender Lokalmeldungen dient das Aufspiessen von Headlines der gesellschaftspolitischen Hygiene. So wie Kraus oder Orwell unsaubere Formulierung nicht aus stilistischen, sondern inhaltlichen Erwägungen heraus kritisieren – es geht um den Geist hinter einer Schlagzeile.

Im Kanzleramt gab es Tote

ist zwar ein hübscher Lacher und für den zuständigen Schlussredakteur eine peinliche Angelegenheit2, aber im Kontext einer Berichterstattung über einen Geburtstag doch recht kalorienarm.

Website wie BILDblog gehen darüber aber hinaus. Sie untersuchen [siehe Link vorne] Formulierungen und genannte Fakten, mit denen die Leser von Tageszeitungen zu einer bestimmten Meinung hin manipuliert werden sollen. Da ist schon eine ganze Menge mehr drin. Die Frage, ob es etwas bringt, lässt einen gerne frustriert zurück.

Man kann noch so viel gesellschaftspolitische Relevanz von Medienkritik fordern, sie ist nicht regelbar. Wenn es die knapp 2 Mio BILD-Käufer nicht interessiert, was da für ein Stuss zusammengeklebt wird, dann hat es auch keine Wirkung. auf jeden Fall nicht kurzfristig. Im schlimmsten Fall geht das ganze sogar nach hinten los und endet in hysterischen Schreien

Lügenpresse!

Versuchen Sie dann mal, die Pferde wieder in die Koppel zu bringen. Jede noch so winzige Ungenauigkeit, jede offen bleibende Frage wird als Beleg genommen, dass ‘die’ Journalisten alle doof oder gekauft sind. Nicht, dass deren Bankkonten das hergeben.

Die explosive Aufgeregtheit, die sich in solch wenig differenzierter Journalismuskritik äussert, liegt auch begründet in der Überheblichkeit, die aus manch journalistischem Statement tropft. Gerne erhebt man sich zur ‘vierten Gewalt’ des Staates. Das ist so falsch, wie es nur falsch sein kann. Es mag als Metapher im ersten Moment ganz apart sein, aber die Staatsgewalt teilt sich in drei Bereiche, die den Begriff der ‘Gewalt’ ganz unbildlich tragen:

  • gesetzgebende
  • gesetzausführende
  • rechtsprechende

Sie sind die Staatsmacht. Eine vierte Gewalt gibt es in einem freiheitlichen Rechtsstaat nicht, kann es für Presse/Medien auch nicht geben, da sie dann Staatsmedien wären, nicht mehr unabhängig. Und, welch’ Wunder, genau dies glauben jene Lügenpresse-Skandierer, dass unsere Zeitschriften, unser Fernsehen, unser Rundfunk von der Regierung gelenkt seien.

Wie ich vorne schrieb, ärgert mich an der täglichen Dosis Medienkritik, die uns serviert wird, die mangelhafte Analyse. Die Damen und Herren – irre ich mich oder sind es tatsächlich vorwiegend Herren? – werfen

Journalismus als

  • Geschäft
  • Netzwerk
  • Prozess

durcheinander.

Die tägliche Arbeit des Journalisten, die Sammlung von Daten, deren Sortierung und Einordnung, das Schreiben und Veröffentlichen der Ergebnisse wird kaum aussterben. Dieser Prozess bleibt allein notwendig, da niemand von uns allwissend ist oder die Zeit hat zu allen Themen alles selbst zu sammeln. Vieles könnten wir auch gar nicht recht einordnen, da uns mindestens das Wissen über die beteiligten Menschen fehlt [jene Kontakte, wie sie die Journalistin nennt].

Über das Netzwerk kann ich nichts sagen, auch weil ich mir nicht ganz sicher bin, was ich damit genau meine. Als ich über die Ebenen des Begriffes ‘Journalismus’ nachdachte, fiel mir allerdings auf, dass es Dinge gibt, die nicht unter Prozess – die tägliche Arbeit – fallen, aber doch unabhängig vom Geschäftsmodell sind.

Journalismus als Geschäft, also das, was die Verleger machen, hat tatsächlich Probleme. Ich überlasse anderen diese genauer zu analysieren, am Ende läuft es auf Geld hinaus.

Als Leser interessiert mich das Geschäftsmodell Journalismus und damit das Gejammer von Verlegern und zu kurz denkenden Redakteuren nicht. Mich interessieren gute Texte, die komplexe Sachverhalte deutlich machen, ohne sie zu simplifizieren. Deren Datengrundlage stimmt, deren Einordnung sauber ist.

Guter Journalismus heisst auch, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, Gegenstand der Berichterstattung und Leser aber schon. Das bedeutet nicht zuletzt, Fehler zuzugeben und Einschätzungen [wg. neuer Daten] zu ändern.

 

PS: Noch eine Kleinigkeit. Vergessen wir nicht, dass die guten Beispiele aus der Vergangenheit zu ihrer Zeit auch in einem Ozean des Mittelmasses und des Drecks schwammen. Die Jahre haben immer einen nostalgic bias.

Notes:

1. Als Gegengewicht zu Orwell hier ein Beitrag des Linguisten Geoffrey Pullum. Bevor Sie in den Kommentaren fragen: Ich stehe Sprachstilratgebern, vor allem solchen, die von guten und schlechten Wörtern oder guter und schlechter Grammatik reden, so ablehnend gegenüber wie Pullum. Vielleicht schreibe ich auch dazu mal etwas. Sei es ein Sprachstilratgeber.
2. Obwohl ich bei der Buzzfeedisierung unserer Medien nicht mehr ganz sicher bin.

10 Kommentare zu “Geht mir auf den Sack: Journalismuskritik”

  1. Dr. Webbaer Reply | Permalink

    Es gibt womöglich drei Gründe, wenn bundesdeutsch von einer Krise des Journalismus gesprochen und geschrieben wird:

    1.)
    Der Presserat mit seinem Pressekodex:
    Der Presserat hat seinen Kodex 1973 unter dem wohlwollenden Auge von Gustav Heinemann eingerichtet, womöglich wegen der anhaltenden Kritik politisch linker Kreise an der Bild-Zeitung und an den Medien des Axel Springer Verlags generell.
    Zynisch formuliert: Damit die Bild-Zeitung nicht verboten werden muss.
    Womit durchgesetzt war, dass bestimmte Nachrichten und Kommentare unter Druck gesetzt wurden und zwar dahingehend: nicht veröffentlicht zu werden.
    Zwar sind die Regelungen des bundesdeutschen Pressekodex freiwillig, aber viele Leser trauen - womöglich aus gutem Grund – dem Braten nicht und sind ohnehin der Meinung, dass die Presse keiner Räte bedarf.
    Zudem scheint der Pressekodex zumindest in Teilen heutzutage auch auf Polizeiberichte angewendet zu werden, es schaut jedenfalls so aus, als ob dessen Idee hier durchwirkt.

    2.)
    Rechts- und Vertragsbrüche der Merkel-Administration:
    Es gab im Zusammenhang mit der Energiewende, mit dem Euro-System und mit der Flüchtlingskrise zunehmende Rechts- und Vertragsbrüche der Merkel-Administration, die von den Medien zu wenig kritisch begleitet worden sind, wie einige finden.

    3.)
    zunehmende bestimmte Moderations- oder Zensurbemühungen:
    Die Bundesregierung unter Merkel, insbesondere Heiko Maas ist hier stark bemüht, macht verstärkt in Moderation, die sie unter Umgehung des Rechtsweges privaten Unternehmen (!) abfordert, diese sollen bestimmte Nachrichten und Kommentare in sogenannten sozialen Netzwerken moderieren und zensurieren.
    Die Standardmedien sind hier wieder unzureichend kritisch, wie einige finden, und greifen selbst zunehmend in Leserbriefe ein, wenn diese übers Internet eingereicht werden.

    MFG
    Dr. Webbaer

    PS:
    Aus irgendwelchen Gründen erfolgt die Trennung von Bericht und Meinungsbeitrag in den Standardmedien zuletzt weniger, auch dies irritiert einige.

    [Edit Dierk Haasis] Da in Ihrem Kommentar eine vage Anlehnung an das Thema meines Beitrages zu vermuten ist - sie benutzen immerhin das Wort 'Presse' - und ich gerade schlechte Laune habe, schalte ich das frei, obwohl es mehr so aussieht, als suchten Sie nur irgendeinen Platz, Ihren Anti-Merkel-Rant loszuwerden. Vielleicht lesen Sie doch noch einmal die Kommentarregeln und versuchen sie zu verstehen. Dann landen auch nicht so viele Ihrer Buchstabenwüsten im Papierkorb der Moderatoren hängen.[/Edit]

    • Dr. Webbaer Reply | Permalink

      Sehr nett, Herr Haasis, vielen Dank für Ihr im Kommentar eingebettetes Feedback.
      Es ging Ihrem Kommentatorenfreund in der Tat darum zu ergänzen.

      Insofern als Bonus-Kommentar:
      'Kurz gesagt: Irgendwas ist immer falsch.' -> Sollte kein besonderes Problem sein.
      Journalismus ist übrigens Tagesschreibertum, gemeint sind Periodika, die in regelmäßigen zeitlichen Abständen verlautbaren und zum Kauf einladen.
      Schriftsteller sind nicht notwendigerweise Journalisten.
      'Ich möchte keine Nabelschau, ich möchte Journalismus.' -> Sogenannte Nabelschau geht auch, jeder Kommentar sagt auch etwas über den Kommentierenden aus.
      'Im Kanzleramt gab es Tote' -> Keine Ahnung, was damit genau gemeint war, aber das Sezieren von journalistischen Texten müsste eher ein Nischen-Interesse bedienen, ist nicht so-o relevant.
      'Lügenpresse!' -> Hier war Ihr Kommentatorenfreund bereits ein wenig ergänzend bemüht, der bundesdeutsche Journalismus war schon mal deutlich besser.
      Die Verkäufe an Endkunden gehen in den Keller und der Verdacht besteht, dass neue Kunden gesucht werden, neue Kunden, die an dieser Stelle nicht näher beschrieben werden sollen.
      Die Metaphorik mit der Vierten Macht fand Ihr Kommentatorenfreund schon ganz gut, mittlerweile ist er hier kritischer geworden, wenn der Endkunde nicht mehr Hauptkunde ist.

      Bei diesem Absatz - 'Guter Journalismus heisst auch, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, Gegenstand der Berichterstattung und Leser aber schon. Das bedeutet nicht zuletzt, Fehler zuzugeben und Einschätzungen [wg. neuer Daten] zu ändern.' - gibt es natürlich ein fettes +1.

      Wichtich bleibt abär, dass früher vom Tagesschreibertum an Endkunden verkauft werden musste, hier hat sich was geändert und der Schreiber dieser Zeilen, der nette Webbaer, sieht genau hier [1] das aktuelle Problem.

      MFG
      Dr. Webbaer

      [1]
      neben einigen anderen spezifisch bundesdeutschen Problemen mit der Presse, die zuerst beschrieben wie dankenswerterweise ausgehalten worden sind

  2. Martin Holzherr Reply | Permalink

    " Mich interessieren gute Texte, die komplexe Sachverhalte deutlich machen, ohne sie zu simplifizieren" Womit 90% der Presseerzeugnisse für sie nicht in Frage kommen und sie zu den 10% aller Leute gehören, deren Informationsbedürfnis nicht durch die Gratispresse und kostenlosen Internetinhalt abgedeckt ist.
    Lügenpresse und ähnliche Schmähworte sind heute eher möglich, weil es mit dem Internet mehr Recherchemöglichkeiten für jedermann gibt. Anstatt von Lügenpresse sprach man früher von der poltisch befangenen Presse, von der bürgerlichen und der linken Presse, denn früher waren viele Zeitungen noch viel stärker als heute parteipolitisch orientiert. Der Ausdruck "Lügenpresse" geht verglichen mit der früheren Kritik allerdings in eine neue Dimension, denn damit wird praktsich allen Presseerzeugnissen abgesprochen, dass sie um die Wahrheit bemüht sind. "Lügenpresse" ist somit eine Art Systemkritik. Interessanterweise kommt diese Systemkritik hier aber von rechts (sonst haben typischerweise "Linke" Probleme mit dem System) und von eher weniger Gebildeten. Teilweise kann man das Aufkommen und die momentane Popularität des Begriffs "Lügenpresse" mit dem erklären was man als Filterblase bezeichnet. Wie neuere Untersuchungen zeigen, polarisiert das Internet viele Benutzer, sie neigen zu extremeren, kaum von der Allgemeinheit geteilten, Meinungen, weil sie im Internet vor allem das sehen, woran sie ohnehin schon glauben. Sie werden also immer wieder bestärkt in ihrer Meinung und müssen sich nicht mehr mit Gegenmeinungen auseinandersetzen. Schon auf der Ebene der Suchabfrage gibt es diese Meinungsbestätigung, denn Google personalisiert die Suche und liefert dem Sucher mit der Zeit immer mehr das, was er ohnehin schon glaubt. Wir werden in Zukunft noch viel mehr mit solchen Phänomenen beschäftigen müssen, die ohne Internet und Mobiltelefonie nicht in diesem Masse existieren würden.

  3. Klaus Kaltenmaier Reply | Permalink

    Die ganze Diskussion zielt häufig darauf hin ab, dass ein obskurer Strippenzieher die Presse manipuliert. Aber genau den braucht es nicht. die Presse schafft es ganz alleine, sich zu desavouieren.

    a) Alpha-Journalisten und die Große Weite Welt
    Die berühmten Alpha-Journalisten dürfen hin und wieder an der großen weiten Welt schnuppern, -in Davos, - bei den Bilderbergern, - oder bei den noblen Events der Lobbyisten, und zirkulieren in einem Klüngel aus Politik, Lobbyisten und Kapital, haben aber wahrscheinlich zum letzten Mal in Ihrer Schulzeit mit einem Menschen außerhalb dieses Klüngels mehr als ein Wort gewechselt, weshalb sie so allmählich zu willfährigen Claqueuren dieses Klüngels mutieren (leider auch bei Zeit und Spiegel). Die Anhänger von Pegida und AfD rekrutieren sich (vorwiegend) aus der Gruppe der Verlierer (Wende-Verlierer, Wandel-Verlierer, usw). Da ist der Butterpreis oder die Rentenerhöhung einfach wichtiger als Datenschutz, Klimakatastrophe oder die Ukraine.

    b) Lemming-Verhalten
    Wie man es den Lemmingen unterstellt (und die das gar nicht tun), jagen Journalisten genau dem Topthema hinterher, das gerade en vogue ist. Lassen wir dazu das letzte Jahre Revü passieren:
    Erst Ukraine bis zum Erbrechen, dann Griechenland bis zum Erbrechen, jetzt Flüchtlingsdrama bis zum Erbrechen (oder war die Reihenfolge anders?). Und wenn wir ehrlich sind, unterschieden sich die Nachrichten kaum vom Vortag.
    Erinnern wir uns noch an das Jahr 1998 und den Bahn-Unfall in Eschede. Danach gab es jeden Tag eine neue Schreckensmeldung von der Bahn, zur Not musste die Niete herhalten, die sich von der Verkleidung löste. Und dann hatten wir auch noch das Jahr der Kampfhund-Ereignisse.

    c) Selbstgerechtigkeit und Hybris
    Wenn irgendwo mal wieder ein Unfall passiert, ertönt sofort ein Riesengeschrei nach dem Schuldigen, Nur um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, wenn jemand fahrlässig gehandelt hat, ist das ein Straftatbestand. Nur kann so was aber auch passieren, ohne dass irgendjemand schuld ist, weil etwas übersehen, nicht bedacht oder was auch immer wurde. Journalisten, die in Ihrem Leben niemals Verantwortung getragen haben für das, was sie so tagtäglich absondern, spielen sich dann aber zum Richter derjenigen auf, die etwas bauen etwas bewegen und hin und wieder einfach Fehler machen.

    c) Themenwahl
    Allabendlich werden wir mit Börsennachrichten versorgt, als ob für die Hälfte der Bundesbürger nichts wichtiger wäre als Aktienkurse. Gehen wir mal davon aus, dass spätestens seit der letzten Krise, die meisten Kleinsparer dem Aktienmarkt den Rücken gekehrt haben, dann ist das eine Sparteninformation, oder wenn man das anders sehen will - eine riesige kostenlose Dauer-Werbe-Sendung für den Aktienmarkt. Erscheint es dann nur so, als ob uns weiß gemacht werden soll, es sei für 80% der Bundesbürger entscheidend, ob der DAX einen Hüpfer nach unten oder ober macht - nein es ist so wichtig wie der Sack Reis, der in China umfällt, denn die Realwirtschaft hat schon längst nicht mehr viel mit der Finanzwirtschaft zu tun.

    Und da finde ich es dann mehr als bedenklich, dass man Tatsachen wie, dass deutsche Parlamentarier sozusagen als Erfüllungsgehilfen der Lobbykraten permanent durch Einsprüche das neue Europäische Datenschutz-Gesetz verwässern, nur in Kabarettsendungen wie der Wochenshow erfährt. Bei jedem sportlichen Großereignis kann uns die Politik bittere Pillen verpassen, und keiner berichtet darüber.

    d) Brennpunkt und Lückenfüller
    Erinnern wir uns an die unsäglichen Brennpunkt-Sendungen, wenn irgendwo auf der Welt was richtig los ist (Amokläufe, Operngäste oder Schulkinder in der Gewalt von Geiselnehmern) und stundenlang Lücken gefüllt werden, wenn am Brennpunkt nichts passiert, wenn dann Leute interviewt werden, weil sie mal einen Aufsatz über Amok geschrieben haben.

    c) „Qualitätsjournalismus“
    Es menschelt so stark im Journalismus, wahrscheinlich weil man da auch ohne spezifischen Sachverstand mitreden kann. Aber es genügt schon eine Diskussion über Demographie, wo der Talkmaster Geburtenrate mit Fertilität verwechselt, wo man etwas tiefer einsteigen müsste, um die mathematischen Abhängigkeiten zu verstehen, der Herr oder die Frau Journalist aber nur das nachplappert, was andere vorplappern, ohne die Hintergründe ansatzweise verstanden zu haben.

    Mit technischem Hintergrund ist es erschreckend, wie oft entweder Falsches berichtet wird oder beim Rezipienten Assoziationen geweckt werden, die vollkommen in die Irre führen. Auffallend ist die Chuzpe, mit der mancher Journalist solcherlei Erkenntnisse in die Welt posaunt. Sowas fällt mir natürlich nur auf, wenn ich von einem Sachverhalt etwas verstehe und muss aber daraus schließen, dass dem auch dann so ist, wenn ich von einer Sache nichts verstehe - mit „Qualität“ hat das nichts zu tun - da ist das Qualitätslevel manches Forenbeitrags um Welten besser., auch wenn die Worte nicht so wohl gesetzt sind.

    d) Schludriger Pfusch
    Vielleicht stören nur mich Formulierung wie „die zwei fünf- und siebenjährige Brüder.“
    Nein - die waren nicht fünf und sieben also zwölf, sondern einer war fünf und einer war sieben.
    Über zwei Monate hat man uns vom Ausbruch des Eyjafjallajökull berichtet. In dieser Zeit ist keinem Journalisten aufgefallen, dass es sich dabei um den Eyjafjalla-Gletscher handelt, und Gletscher brechen nicht aus, allenfalls der Berg darunter und der heißt nun mal Eyjafjöll oder meinetwegen Eyjafjalla-Berg.

    Dass es keinem Journalisten gelang, den Namen isländisch korrekt auszusprechen, obwohl sie sich ansonsten eher den Mund verbrennen würden als sich dabei ertappen zu lassen, wie sie einen französischen oder englischen Terminus nicht in der heimischen Sprache korrekt intonieren, ist dann nur noch eine Randnotiz.

    Jetzt höre ich aber auf – aber das musste mal geschrieben werden.

    Klaus Kaltenmaier

  4. DH Reply | Permalink

    Kritik an der Journalismuskritik ist legitim , aber sie sollte dann auch differenzierter daherkommen.

    Sonst kann man es gleich bleiben lassen mit jeder Form von Kritik an irgendwas , denn wenn etwas in der Krise steckt , wird das immer auch unseriöse Kritiker auf den Plan rufen , die versuchen , die vorhandene Schwäche auszunutzen , in diesem Fall zur Diskreditierung der Pressefreiheit an sich.
    Es fällt schon auf , daß es gerade im akademischen Breich viele Leute gibt , die die völlig berechtigte Medienkritik gerne in einen Topf mit irgendwelchen Krakeelern schmeißen , oft versehen mit so einem seltsamen Überlegenheitsduktus.
    Das Leugnen jedweder Medienkrise ist wohl die vornehmste ,am besten versteckte , aber gleichzeitig auch die extremste unter den medialen Verschwörungstheorien , die Behauptung einer pauschalen Lügenpresse ist im Vergleich dazu harmlos und geradezu niedlich.

  5. Mattias Schäfer Reply | Permalink

    Lieber Herr Haasis,

    warum der Journalismus in der Krise steckt, oder das zumindest so wahrgenommen wird, hat meines Erachtens folgende Gründe:

    1. Die Sucht nach immer schnellerer Information. - Im Zeitalter von Twitter und Newstickern zu selbst unwichtigen Nachrichten und medialer Verbreitung in Sekundenschnelle ohne Deadlines und Zeit zum Recherchieren wird halt auch zunehmend viel unqualifizierter und schlecht recherchierter Blödsinn verbreitet. Und nichts schadet einem fundierten Urteil so, wie zu schnell die Klappe aufzumachen. Das kennt wohl jeder von sich selbst...

    2. Zunehmende Vermischung von Meinung und Information. - Immer häufiger erscheint in journalistischen Medien unter dem Postulat, reine Information zu betreiben, doch das Bestreben durch, auch seine Meinung, vor allem die politische, damit kundzutun und somit (im besten Falle) erzieherisch zu wirken. Nun ist das natürlich vor allem ein Problem des politischen Mediums, und auch da nicht neu. Linke wie rechte Medien machen dies schon immer. Aber auch die sogenannten Mainstreammedien wie die Tagespresse und die Öffentlich-Rechtlichen Sender scheinen dem nachzugeben, und zwar häufig in eine bestimmte politische Stoßrichtung. Stichwort "Politische Korrektheit". Lesetipp hierzu: Zivilisierte Verachtung von Carlo Strenger, im Suhrkamp Verlag erschienen. Kurz zusammengefasst: die Politische Korrektheit schützt eine Ideologie oder Meinung vor der Kritik des Einzelnen, während die Aufklärung den Einzelnen vor der Macht von Ideologien schützen sollte. Also ist die poliische Korrektheit das genaue Gegenteil von gutem, weil aufklärerischem, Journalismus.

    3. Mangelnde Selbstkritik: Das mag zunächst verwundern, schließllich schreiben Sie selbst, dass die häufigste Kritik am Journalismus von Journalisten kommmt, und das ist sicher zum Teil auch richtig. Aber die Kritik ist dann meistens die Kritik an der Konkurrenz (die dann eben des schlechten Journalismus bezichtigt wird), echte Selbstkritik dagegen ist selten. Ausnahmen bestätigen hier natürlich die Regel. Auch hier, ähnlich wie in Punkt zwei gilt das vielleicht eher für politischen Journalismus als für wissenschaftlichen, aber er ist m. E. dennoch relevant.

    3. Zunehmendes Spezialistentum. - Dieser Punkt betrifft nun eher den wisschenschaftlichen Journalismus. Jeder hat wohl bereits die Erfahrung gemacht, dass in Feldern, in denen man sich durch Beruf und Leidenschaft besonders auskennt, die überwiegende Anzahl der Berichte/Artikel/Beiträge in den Standardmedien ausgesprochen minderwertig bis haarsträubend falsch erscheint. Das hat den Grund, dass die journalistische Spezialisierung nicht mit der beruflichen Spezialisierung mitgehalten hat (das vielleicht auch nicht konnte). Es gibt Wissenschaftsjournalisten, die über alle Felder der Wissenschaft berichten, aber es gibt keine Wissenschaftler mehr, die in allen Feldern tätig sind. Zudem gibt es dank des Internets gerade im Bereich der Wissenschaft (und anders als in der Politik) genügend Möglichkeiten, sich bei Interesse tiefergehende und somit bessere Information zu holen: Zu jedem Thema gibt es spezialisierte Foren, Blogs oder Institute/Vereinigungen, die Informationen häufig hervorragend und mit viel Engagement aufbereiten, besser als jeder Journalismus das könnte. Bestes Beispiel hierzu: Die deutsche Berichterstattung über Fukushima.

    Damit will ich es mal bewenden lassen. Meines Erachtens steckt der Journalismus tatsächlich in der Krise, nicht weil er so viel schlechter sei als jemals zuvor (was nicht stimmt), sondern weil er of genug seine eigenen Versprechungen nicht einhält (bewusst etwas plakativ ausgedrückt), was Akkuratesse, Meinungsfreiheit (im doppelten Wortsinne) und Sorgfalt angeht.

    Ich hoffe, eine Diskussion angestoßen zu haben.

    Herzliche Grüße!

    • Dr. Webbaer Reply | Permalink

      @ Mattias Schäfer :

      Vielen Dank für Ihre Einschätzung, die sich gut liest, zumindest für einige.
      Zu Punkt (1) mal Ihre Meinung abgefragt:
      Liegt hier vielleicht der Hauptgrund, warum Printmedien im Übergang, die Standardmedien sind hier gemeint, "Print" wird hier wohl langfristig nicht viel bleiben, i.p. (2), (3) und (4) möglicherweise mehr und mehr leiden?

      MFG
      Dr. Webbaer (der zunehmend sogenannte WebLogs liest, im Fachlichen ohnehin den gemeinten Journalismus eher mied und das Tagesgeschehen möglichst breit gefächert den Standardmedien entnimmt, zudem auf Kommentare bestimmter Journalisten achtet)

  6. Martin Holzherr Reply | Permalink

    Neu an der heutigen Medienkritik ist, dass sie auch von gewöhnlichen Bürgern geäussert wird und nicht mehr allein von Intellektuellen und Journalisten. Sogar ich habe mich einmal in online-Leserzuschriften medienkritisch geäussert, indem ich darauf hinwies, dass in der Diskussion um die iranische Atombombe in fast allen Medien von der Position des Irans gegenüber dem Westen und Israel gesprochen wurde, ohne dass überhaupt erwähnt wurde, dass die meisten arabischen Staaten eine atomare Bewaffnung des Irans noch viel mehr ablehnten als der Westen. Doch solche Gedanken haben sich Leser wohl schon immer gemacht, nur konnten sie sie in den Medien nicht äussern, weil solche Leserbriefe gar nicht veröffentlicht wurden während Internetkommentare im allgemeinen nur dann eliminiert werden, wenn sie sich der untersten Schubladen bedienen.
    Der normale Bürger und viele Wissensarbeiter sind heute also oft Medienkritiker und die Medienkritik der Wissensarbeiter ist oft recht fundiert. In Scilogs unterhalten einige Autoren sogar eine eigene Sparte Medienkritik, auch wenn sie sie nicht immer so benennen.
    Der Blogautor von RELATIV EINFACH, Markus Pössel, führt eine Rubrik Wissenschaft & Medien, die vor allem zu Beginn sogar namentlich genannte oder leicht identifizierbare Journalisten recht massiv angriff (z.B. in Alle Jahre wieder: naturwissenschaftliche Bildung )
    Ein wichtiges Thema in Markus Pössels Sparte Wissenschaft & Medien ist das Verhältnis von (Wissenschafts-)Blogs zu den "offiziellen" Medien und das Verhältnis von Wissenschaftler zu Journalisten. Die konventionellen Medien schneiden da nicht selten schlecht ab. Sie vermitteln der Öffentlichkeit ein falsches Bild von der Wissenschaft oder lassen die zitierten und interviewten Wissenschaftler nicht gegenlesen und korrigieren. Der Wissenschaftsblog erscheint sogar als valable Alternative zu dem was in Wissenschatsrubriken und Feuilletons berichtet wird.

    Das scheint mir das wirklich neue an der heutigen Medienkritik zu sein. Die konventionellen Medien verlieren ihr Monopol, (fast) jeder kann nun fundierte Medienkritik machen und immer mehr hat der Bürger die gleichen Informationsquellen wie der Journalist - das Internet nämlich. Damit werden auch Verzerrungen durch den Journalisten oder mangelnde Recherche viel deutlicher sichtbar. Der Journalismus muss seine Rolle neu finden unter diesen geänderten Verhältnissen.

  7. BigBadBorg Reply | Permalink

    Bei dem Leistungsschutzrecht habe ich begonnen mit dem Kopf zu schütteln. Als ich dann in fast jeder Zeitung gelesen habe warum es so toll ist und warum es sowas braucht, war die Glaubwürdigkeit dahin.

    Wie soll ich einer Zeitung glauben schenken, wenn sie mich, sofern es um ihre eigenen Interessen geht versucht zu manipulieren und gezielt zu täuschen?

    Dies fiel mir schon einmal auf - die Killerspiel-Debatte, in der sämtliche Medien durch Unwissen und böswillige Unterstellungen glänzten.

    Da ich nicht abschätzen kann, welche Themen gerade für eine Zeitung besonders wichtig sind, fällt es mir schwer vielen Artikeln wirklich zu glauben. Welches wirtschaftliche Interesse hat Zeitung x gerade an Situation y, wie manipuliert sie mich im Moment um mich gegebenenfalls auf ihre Seite zu ziehen?

    Also lese ich breit gefächert, Inland sowie Ausland, auch sehr gerne unmoderierte Kommentare, und selbst dann ist alles noch mit Vorsicht zu genießen.

    Vielleicht sehe ich ein wenig zu schwarz, aber auch da ich (leider?) Bildblog lese, ist es schwer aus dieser Haltung wieder herauszukommen.

  8. Ende Reply | Permalink

    Die Kritik am Journalismus ist zunächst einmal furchtbar gewöhnlich und wahrscheinlich der Standard in den meisten historischen Zeiten.
    Eine linke Zeitschrift warb vor einigen Jahren auf einen Plakat: "Sie lügen wie gedruckt, wir drucken wie sie lügen".

    Die Redewendung "lügen wie gedruckt", im Grunde nichts anderes als "Lügenpresse", lässt sich - ich habs in Google ngrams nachgesehen - bis ca. 1860 zurückverfolgen und auch vorher hatten Journlisten, Leute, die ein Journal erstellen, nicht den besten Ruf.
    Hintergrund sind die oft nicht besonders guten Quellenlagen und die Motivation vieler Leute, Journalist zu werden, wirkt bisweilen wie eine politische Agenda. (Die ersten Journalisten arbeiteten unter völlig anderen Bedingungen als die heutigen.)

    Ich glaube, die relativ gute Meinung zu Journalisten in den letzten Jahrzehnten war die eigentliche Annomalie. Die wurde ausgelöst durch die Enthüllungen von Watergate und zog sich dann durch diverse amerikanischen Filme und Serien.
    Durch das Internet sind die Leute dagegen theoretisch in der Lage selbst zu recherchieren.

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