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Die Freuden der Muße

15. April 2014 von Josef Honerkamp

Lieber Leserinnen und Leser meines Blogs,  in diesem Monat  habe ich keine Idee gehabt, mit der ich mich wie üblicherweise in einem Essay  auseinandersetzen konnte.  Schon seit einiger Zeit merke ich, dass mir die Ideen nicht mehr zufliegen, sondern dass ich aktiv nach ihnen suchen muss.  Da ich nun Stress gar nicht schätze, Autonomie und Unabhängigkeit aber sehr wohl, verordne ich mir jetzt einmal eine Pause beim Bloggen.  Nach vier Jahren  mit  71 Beiträgen denke ich, darf das wohl sein.  Zwei Bücher bei Springer werden aus den Blogbeiträgen entstanden sein. Eines mit dem Titel "Was können wir wissen? - Mit Physik bis zur Grenze verlässlicher Erkenntnis" ist  2012 erschienen. Die Blogbeiträge von April 2012 bis März 2014 werden als Buch mit einem noch zu bestimmenden Titel im Herbst erscheinen. ... weiter

 

Wahrheit, Gefühl und Moral

15. März 2014 von Josef Honerkamp

Neulich saß ich mit einem Theologen und einem Gast unseres Clubs bei einem Mittagessen zusammen und wir sprachen über eine kürzlich aufgeführte Johannespassion.  "Was für einen Naturwissenschaftler nur Schwingungen der Luft sind, bedeutet für uns doch tiefstes Erlebnis", hieß es da, und der Gast fügte hinzu: "eines der schönsten Gottesbeweise". Der Theologe nickte zustimmend. Ich zuckte innerlich zusammen, beruhigte mich aber schnell wieder.  Ich kannte meinen theologischen Kollegen gut genug, um zu wissen, dass er Naturwissenschaftler nicht für so verbohrt hält, dass sie in der Regel  kein Sensorium für spirituelle Gefühle haben. Er wollte wohl nur den rein physikalischen Vorgang charakterisieren.  Mich ärgerte nur, dass er all sein Wissen über die Unmöglichkeit von Gottesbeweisen (siehe z.B. Wikipedia: Gottesbeweis) für eine so billige Anerkennung seines Glaubens verleugnete.  Aber das Verleugnen von Wissen kennen wir ja auch aus den biblischen Erzählungen. ... weiter

 

Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden

15. Februar 2014 von Josef Honerkamp

William Shakespeare lässt seinen Hamlet  im 1. Akt, 5.Szene zu Horatio sagen: "There are more things in heaven and earth, Horatio, Than are dreamt of in your philosophy."  Unzählige Male habe ich schon erlebt, wie dieser  Ausspruch zitiert wird. Auf Deutsch heißt es dann:  "Es gibt mehr im Himmel und Erden, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt", und oft wird Schulweisheit durch "Wissenschaft" oder gar "Naturwissenschaft" ersetzt.  So hört man dieses Zitat vorwiegend in Situationen, in denen Grenzen der Naturwissenschaft und der Wissenschaft überhaupt aufgezeigt werden sollen. Von anderen Ebenen der Wirklichkeit wird dabei geredet, und oft spürt man eine Sympathie für magische Vorstellungen oder gar eine direkte Verteidigung dieser.  ... weiter

 

Denkgebäude

15. Januar 2014 von Josef Honerkamp

Vor kurzem stieß ich im Internet auf einen Artikel mit der Überschrift: "Computer beweist die Existenz Gottes".  Man muss kein Atheist sein, um bei dieser Aussage misstrauisch zu werden und zu seufzen:  "O, Gott, schon wieder so ein Unsinn - und natürlich darf heutzutage der Computer bei so etwas nicht fehlen."   Ein Blick auf die Zusammenfassung belehrte mich aber schon eines besseren,  da hieß es: "Wissenschaftler aus Berlin und Wien haben Kurt Gödels  berühmten Gottesbeweis mit dem Computerprogramm bestätigt". Es wurde... weiter

 

Natur und Geist

15. Dezember 2013 von Josef Honerkamp

Will man den Gegenstandsbereich der Physik beschreiben, kann man zunächst viele Dinge dieser Welt aufzählen:  Elektronen,  Atome, Gase, Flüssigkeiten, feste Körper, Planeten, Galaxien oder das Universum als Ganzes.   Alles Unbelebte gehört offensichtlich dazu, wenn man noch die Chemie mit ins Boot holt.  Aber die Tatsache, dass für Studierende der Medizin auch eine Grundausbildung in Physik vorgeschrieben ist, weist darauf hin, dass physikalische Gesetze auch  für das Verständnis von Prozessen im menschlichen Körper eine Rolle spielen. Wenn man aber etwas anführen will, was auf keinen Fall zum Gegenstand der Physik gehört, so wird man die Psyche des Menschen nennen und sein Verhalten anderen Menschen gegenüber.  Wann immer der Mensch als soziales und geistiges  Wesen gesehen wird, schweigt die Physik.  Hier  ist das Terrain der Geistes- und Verhaltenswissenschaften.  Hier also die Natur und die Physik zusammen mit den anderen Naturwissenschaften, dort die geistigen Erzeugnisse sowie die Befindlichkeiten der Menschen und die Geisteswissenschaften. ... weiter

 

Naturwissenschaft und Religion

15. November 2013 von Josef Honerkamp

Über das Verhältnis von Religion und Naturwissenschaft wird oft diskutiert. Häufig wird von einem Gegensatz geredet, manchmal davon, sie hätten nichts mit einander zu tun. Was stimmt denn nun? Vielleicht sollte man sich zunächst einige charakteristische Merkmale von  Religion und Naturwissenschaft vor Augen führen, wenn man sich dieser Frage nähern will. Den  Begriff der Religion sollte man erst einmal von dem der Spiritualität abgrenzen. Diese ist ein allgemeineres Grundbedürfnis der Menschen. Sie zielt auf die Herstellung eines vom Alltag enthobenen Bewusstseinszustands, nutzt dazu oft religiöse Vorstellungen, kommt aber mitunter auch ohne sie aus. Religionen, die vergangenen wie auch die heutigen, zeichnen sich dadurch aus, dass man in ihnen an einen Gott glaubt, an "jenes höhere Wesen, das wir verehren", wie es so schön bei Heinrich Böll in "Dr. Murkes  gesammeltes Schweigen" heißt. In den Religionswissenschaften wird solch ein Wesen viel prosaischer, aber auch treffender als "übernatürlicher Akteur" bezeichnet.  Es gibt Weissagungen, Orakel, "heilige Schriften" wie eine Bibel oder einen Koran, aus dem jeweils das höhere Wesen zu den Menschen spricht, und diese Worte sind Richtschnur für alles, ob nun dem Wortlaut nach oder gemäß einer Interpretation. Höchste Autorität ist also dieses Wort Gottes.  Alles, was über Gott und die Welt als "wahr" gelten will, darf  nicht im Widerspruch zu diesem Wort stehen. ... weiter

 

Die Rolle der Mathematik in einer Wissenschaft

15. Oktober 2013 von Josef Honerkamp

"Ich behaupte aber, daß in jeder besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist",  schreibt im Jahre 1786 Immanuel Kant in seinen Werk  "Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft, A VIII".  Er stand damals unter dem Eindruck der Newtonschen Mechanik,  die beispiellose  Erfolge in der Erklärung und Vorhersage aller  möglichen Bewegungen am Himmel und auf der Erde gezeitigt hatte und damit zum Maßstab für eine Wissenschaft von der Natur geworden war. Und diese "Naturlehre" war aus der Symbiose von Experiment und Mathematik hervor gegangen, die Galilei  zwei Generationen vor Newton konzipiert hatte.  Ich halte diese Aussage von Kant für problematisch und irreführend,  und ich will hier meine Gründe dafür nennen.  Gleichzeitig will ich aber auch das hohe Lied der Mathematisierung der Wissenschaften singen, nur dass ich diese nicht als Garant und eigentliche Ursache für eine Wissenschaftlichkeit ansehe. ... weiter

 

Was ist es denn nun wirklich?

15. September 2013 von Josef Honerkamp

Als ich neulich einem Bekannten erzählte, dass man heute das Licht einerseits als elektromagnetische Welle verstehe, andererseits aber auch als einen Strom von Lichtquanten,  fragte er: "Und was ist es denn nun wirklich?".  Ich glaubte, eine leichte Verwunderung zu spüren - ob wir Physiker denn das nicht so genau wüssten. Die Frage danach, was "etwas"  denn nun "wirklich" oder auch "eigentlich"  sei, ist sehr alt und man erwartet mit der Antwort darauf eine endgültige Aufklärung über das "etwas".  Wir haben... weiter

 

Warum gibt es eigentlich irgendetwas und nicht einfach nichts?

15. August 2013 von Josef Honerkamp

In meinem Artikel "Die Natur der Physik und der kritische Rationalismus" habe ich von meinem Nachbarn erzählt, den ich manchmal bei meinem morgendlichen Spaziergang an einer Bushaltestelle treffe. Als ich vor einigen Tagen von einem solchen Spaziergang auf mein Zuhause zusteuerte, stürzte er mit einem Buch heftig winkend aus seinem Haus und kam aufgeregt auf mich zu. Er läse gerade in dem Buch eines naturwissenschaftlich interessierten Theologen, in dem dieser den christlichen Glauben mit der Naturwissenschaft versöhnen wolle und dabei... weiter

 

Über die Suche nach einer Weltformel

15. Juli 2013 von Josef Honerkamp

Immer wieder geistern Wörter wie "Weltformel" oder "Theorie für Alles" durch die Presse und führen zu heftigen Kontroversen. Der amerikanische Nobelpreisträger Robert Laughlin hat diese Diskussion mit seinem Buch [1] "Abschied von der Weltformel" wieder angeheizt und konstruiert dabei einen Gegensatz zwischen Emergenz und Reduktionismus. Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer glaubt aus der Heisenbergschen Unschärferelation entnehmen zu können, dass in der Welt "die eigentliche Einheit die Zweiheit ist", eine Weltformel wäre immer nur "als eine Spannung zwischen Punkten", zwei Sichtweisen,... weiter