Die Wahrheit…

30. Mai 2010 von Lars Fischer in Allgemein

... ist wie eine kleine schmutzige Walnuss, die nie glatt und rund werden wird, wie sehr man sie auch poliert. Die meisten Leute ziehen ihr eine glänzende Kugel Bullshit vor.

(Cartoon mit freundlicher Genehmigung von Clay Bennett)


22 Kommentare zu “Die Wahrheit…”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Positives-Denken als Bestseller

    Autosuggestives Positiv-Denken, Immunität durch Leben in einer esoterischen Parallelwelt, Aufgehen in einem Netz von (Schein-)Freunden mit Social Networks, ... Das hält das Leben vieler im (labilen) Gleichgewicht.

    Instant-Zufriedenheit und (vermeintliche) Instant-Lösungen lassen es einen von einer Stunde auf die nächste besser gehen.

    Viele Probleme verweigern sich jedoch einer Schnelllösung - das macht sie ja gerade zu echten Problemen.

    Wenn die Griechen ihre Schulden loswerden wollen hilft ihnen ein Refinanzierungskredit nicht wirklich.
    Der Eheberater kann es meist nicht mehr richten. Biotreibstoff löst das Problem der fossilen Abhängigkeit nur scheinbar.

    Echte Lösungen für echte, tiefergehende Probleme erforden oft einen radikalen Bruch. Und es gibt eine Übergangsphase, in der man wie die Comicfigur in der Luft hängt und noch nicht weiss, dass nun der tiefe Fall kommt.

    Echte Lösungen erfordern auch starke Personen, die Einsicht in Handlung umsetzen. In der Politik dominieren heute aber die Wiederwahl-Anwärter und Aussitzer. Das Nachdenken wurde in Think-Tanks ausgelagert und die Leitlinie durch die Meinungsumfrage ersetzt.

  2. Michael Blume Antworten | Permalink

    Zustimmung!

    Wobei ich doch darauf hinweisen möchte, dass dieses "Phänomen" uns alle betrifft: Wir alle bevorzugen (bewußt und unbewußt) jene (politischen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen etc.) Erzählungen, die uns in die schon gegebene Weltanschauung passen. Und beklagen das am liebsten (nur) bei den vermeintlich "doofen Anderen" - denn es auch bei uns selbst zu bemerken wäre ja eine "inconvenient truth" und damit viel schwerer verdaulich als eine "reassuring lie"... In Wirklichkeit sind wir aber alle betroffen!

  3. Lars Fischer Antworten | Permalink

    @Michael

    Deswegen ja auch meine Hammer-Methode: So lange auf jedwede Idee einprügeln, bis das, was übrig bleibt, nicht mehr nachgibt. Funktioniert ganz gut, abgesehen davon, dass dauernd irgendwelche Heinis von Intoleranz rumjammern, wenn man das mit ihrer Lieblingsidee macht.

  4. Elmar Diederichs Antworten | Permalink

    @Lars: Hammermethode

    "So lange auf jedwede Idee einprügeln, bis das, was übrig bleibt, nicht mehr nachgibt."

    Das hat natürlich viel für sich. Aber schlägt man zu früh los, dann stickt man gelegentlich auch die Innovation im Keim. Ich halte mehr davon, aus einer Idee herauszuholen, was möglich ist und dann, wenn sie nichts zu liefern in der Lage ist, mit freundlichem Desinteresse zu reagieren.

  5. Stefan Taube Antworten | Permalink

    @Lars: Gut gesagt!

    "So lange auf jedwede Idee einprügeln, bis das, was übrig bleibt, nicht mehr nachgibt."
    Sehr gut gesagt. Das funktioniert laut Philip K. Dick auch mit der Realität: "Realität ist das, was übrig bleibt, wenn man aufhört daran zu glauben."

  6. Lars Fischer Antworten | Permalink

    @Elmar

    Mit der Idee loslaufen und gucken ob sie funktioniert. Nett, hat aber erfahrungsgemäß den Nachteil dass man sich dabei so richtig schön selbst belügen kann.

    Aber letztendlich ist es ziemlich egal welchen Ansatz man wählt - man muss halt zusehen, dass man nicht anfängt, sich in seine Ideen zu verlieben. Wer seine eigenen Ideen toll findet, hat schon verloren.

  7. Michael Khan Antworten | Permalink

    Stimmt

    Ja, es ist so. Vor der offenkundigen Wahrheit drückt man sich, wie zum Beispiel vor dieser, die schon Mut erforderte.

    [...] dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen.

    Dass es Mut erfordert, so etwas Offenkundiges zu sagen und dass niemand sonst den Mumm hat, dem, der die Wahrheit ausspricht, den Rücken zu stärken, ist bedauerlich, aber auch bezeichnen.

    Es gibt auch mal Dinge, zu denen muss man sagen: "Leider ist das so, aber die Welt ist so, wie sie ist, und nicht wie wir sie gerne hätten. Und es hilft gar nichts, wenn man so tut, als sei das nicht so.".

  8. Edgar Dahl Antworten | Permalink

    Woody Allen: Midsummer Nights Dream

    Oder, wie Woody angesichts von inconvenient thruths zu sagen pflegt: "Sorry, I haven't made the world - I'm merely explaining it."

  9. Edgar Dahl Antworten | Permalink

    Al Gore: Eine unbequeme Wahrheit

    Wie jedoch Al Gore gezeigt hat, kann man mit "An Inconvenient Truth" auch kokettieren gehen. Man kann dem Publikum grobe Unwahrheiten verkaufen und sich gegen jede Kritik immun machen, indem man schlicht und einfach darauf verweist, dass dem Kritiker die vermeintliche Wahrheit wohl zu unbequehm sei.

  10. Edgar Dahl Antworten | Permalink

    Atheisten

    Und schließlich ist dies natürlich auch eine beliebte Strategie des Atheisten gegen über dem Christen, dem unterstellt wird, sich in Illusionen zu flüchten, weil er der Wahrheit nicht ins Gesicht zu blicken vermag... - gleiches gilt freilich auch für Monisten, Deterministen und andere Aussagen der Naturalisten.

  11. Christian Hoppe Antworten | Permalink

    @alle

    Soll ich denn nun noch ernst nehmen, was Sie hier alle so hübsch schreiben oder ist das alles "Bullshit" (wie Sie ja selbst schreiben: "Wenn meine seine eigenen Ideen toll findet, hat man schon verloren.")?

    Und soll ich Sie selbst noch ernst nehmen, oder lieber nicht? - Wenn doch: WARUM?

  12. Christian Hoppe Antworten | Permalink

    @alle - Korrektur

    Soll ich denn nun noch ernst nehmen, was Sie hier alle so hübsch schreiben oder ist das alles "Bullshit" (wie Sie ja selbst schreiben: "Wenn *man* seine eigenen Ideen toll findet, hat man schon verloren.")?

    Und soll ich Sie selbst noch ernst nehmen, oder lieber nicht? - Wenn doch: WARUM?

  13. Lars Fischer Antworten | Permalink

    @Edgar

    Umgekehrt wird natürlich ein Schuh draus: Nur weil es (bevorzugt dem Anderen) unbequem ist, ist es noch lange nicht wahr.

    Und manche unbequemen Wahrheiten lässt man zu Recht unausgesprochen, weil es opportun ist. Das nennt man dann Höflichkeit.

    Und so weiter. Es kommt halt auch ein bisschen drauf an, ob die Wahrheit etwas ist, was man anderen rhetorisch um die Ohren haut.

    @Hoppe:
    Das müssen Sie schon für sich selbst beantworten.

  14. Lars Fischer Antworten | Permalink

    @Edgar

    *Und schließlich ist dies natürlich auch eine beliebte Strategie des Atheisten gegenüber dem Christen*

    Ehrlich gesagt interessiere ich mich nicht für rhetorische Strategien. Die "Wahrheit" per Debatte zu ergründen oder gar anderen zu erzählen was die Wahrheit zu sein habe halte ich für ein extrem fruchtloses Unterfangen.

    Was ich in diesem Beitrag meine ist die Wahrheit oder Teile davon, die man für sich selbst sucht. Und da kann man sich selbst belügen - oder eben nicht.

  15. Christian Hoppe Antworten | Permalink

    @Fischer

    Ich würde Sie und Ihre Gedanken - spontan - unbedingt ernst nehmen wollen! Aber würden Sie mich dann nicht für naiv halten und mich milde belächeln? Da doch jede ernsthafte Wahrheitssuche Ihrer Ansicht nach von vornherein zum Scheitern verurteilt ist?

    Mit den Kommentaren in diesem Beitrag begeben Sie und andere zustimmende Autoren sich m.E. in einen performativen Selbstwiderspruch. Sätze à la "Es gibt keine Wahrheit" - beanspruchen ja eben doch wieder wahr zu sein.

    Meine Rückfrage war überhaupt nicht rhetorisch gemeint, und ich will Sie überhaupt nicht ärgern. Ich meine nur, dass jeder (ernst gemeinten) Äußerung und insbesondere jedem Gedankenaustausch eine Fülle von denknotwendigen, also unaufgebbaren Voraussetzungen zugrunde liegen, die man frei legen kann. Dazu gehört zum Beispiel die Hoffnung auf gelingenden Dialog und auf gelingende Wahrheitssuche gepaart mit einem klaren Bewusstsein unserer Täuschungs- und Irrtumsanfälligkeit. Letzteres ist m.E. geradezu ein Beleg für die Ernsthaftigkeit und Unaufgebbarkeit unserer Wahrheitssuche: Im Erkennen unserer Grenzen sind wir in gewisser Weise schon über sie hinaus (ohne sie tatsächlich überschreiten zu können).

    Ich teile übrigens nicht die skeptische Sicht des Cartoonisten - es käme wohl auf einen Versuch an. Im Hinblick auf Glaube / Religion möchte ich jedoch behaupten, dass eine vermeintlich positive psychologische Wirkung in sich zusammenbricht, sobald die Person die Fraglichkeit oder gar die Falschheit der zugrunde liegenden Annahmen erkennt. (Allerdings kann es lange lange dauern, bis diese Frage ernsthaft gestellt wird.)

    Ich bin also etwas optimistischer: Wir Menschen sind Wahrheits-Tiere - was ja vieles erst so mühsam macht. Unser Kater Freddy kommt jedenfall ohne all das leichter durchs Leben ...

  16. Edgar Dahl Antworten | Permalink

    @ - Lars: Lebenslügen

    Offenbar lügen wir uns ja alle unaufhörlich in die Tasche. So meinen 90 Prozent der Männer überdurchschnittliche Autofahrer oder Liebhaber zu sein.

    In der Glücksforschung geht man sogar davon aus, dass wir unser subjektives Wohlbefinden nur dadurch aufrechterhalten können, indem wir uns auf Schritt und Tritt betrügen.

    Einige haben daraufhin den Vorschlag gemacht, dass bei Menschen, die eine Depression ereilt hat, möglicherweise der Mechanismen des Selbstbetrugs gestört sei.

    Und tatsächlich zeigen psychologische Tests, dass Depressive eine realistischere Sicht von sich selbst haben.

    Offenbar kommen wir ohne Lebenslügen also nicht aus: "Ich weiß, ich bin ein Loser - doch wenn ich auch kein Geld habe, bin ich doch gescheiter als all die anderen Laffen!"

    Frage ist, inwieweit der Selbstbetrug unsere Erkenntnisfähigket einschränkt!?

  17. Edgar Dahl Antworten | Permalink

    @ - Lars: "Wahrheit"

    "Die 'Wahrheit' per Debatte zu ergründen oder gar anderen zu erzählen was die Wahrheit zu sein habe halte ich für ein extrem fruchtloses Unterfangen."

    Aber wie kommst Du sonst an die "Wahrheit", wenn nicht durch trial and error und Approximation?

  18. Lars Fischer Antworten | Permalink

    Morgen gibt's ne Antwort. Bin gerade in eine umfangreiche Recherche verstrickt.

    Btw, @Hoppe, wollen wir zum Du übergehen? Wo wir doch quasi auf der gleichen Plattform bloggen?

  19. Michael Blume Antworten | Permalink

    Kein Relativismus!

    Ich wollte nur noch klarstellen, dass ich nicht von einem Relativismus ausgehe, nach dem es keine Wahrheit und keine Erkenntnis gäbe. Ich denke nur, dass wir uns auf der Suche nach (und in den Debatten zu) ihr meist auch selbst im Wege stehen, weil wir uns für sehr viel objektiver halten, als wir sind. Im Buch "Fall-Stricke" unseres Mitbloggers Ulrich Frey fand ich das eindrucksvoll im Bereich der Wissenschaftsgeschichte (!) demonstriert - und glaube doch keiner, wir wären heute grundsätzlich einsichtigere Menschen als jene Ärzte, die den Kollegen Semmelweis mobbten oder jene Physiker, die die Geigerzähler in Tschernobyl für defekt erklärten, weil die Werte viel zu hoch lagen...
    http://www.wissenslogs.de/...op.de/artikel/1006676

    Will also sagen: Versuchen gilt immer, "Fortschritt" geht wohl auch - aber unser Ego, Gruppenzwang usw. gehören zu unserer Gattung und werden uns auch in Zukunft im Wege stehen. Uns. Nicht nur den "doofen Anderen"...

  20. Lars Fischer Antworten | Permalink

    @Hoppe:

    So, jetzt komme ich mal dazu...

    Das ist natürlich ein völlig berechtigter Einwand - man kann natürlich nicht alles gleichzeitig anzweifeln, dann kommt man nirgendwo hin.

    Allerdings sind Sie und auch Edgar ein bisschen auf dem falschen Dampfer, was die Intention dieses Beitrages angeht. Mit Wahrheit meine ich eben nicht die abstrakten weltanschaulichen und philosophischen Grundsatzfragen, die Sie und andere in den anderen Blogs so gerne verhandeln.

    Ich interessiere mich vielmehr für das konkrete Problem, ob bestimmte Aussagen und Schlussfolgerungen zu einem spezifischen Sachverhalt wahr oder falsch sind - und wie man das herausfindet. Und was das angeht sind wir Menschen leider keine Wahrheitstiere, sondern anfällig für vielerlei Denkfallen.

    Vor diesem Hindergrund kann ich auch nur bekräftigen, was ich vorhin schon gesagt habe: Ich erwarte von Ihnen und von allen meinen Lesern selbstverständlich eine eigenständige kritische Bewertung, ob das, was ich hier schreibe, ernstzunehmen ist. Das ist der Sinn der Sache. Ich predige hier nicht, ich liefere meinen Lesern Instrumente, mit denen sie Sachverhalte bewerten können. Das aber kann ich niemandem abnehmen.

    @Edgar
    Ich würde es so sagen: Lebenslügen sind etwas ganz natürliches, aber sie werden genau dann gefährlich, wenn sie beginnen, unsere Erkenntnisfähigkeit einzuschränken.

  21. cohen Antworten | Permalink

    Schöne Metapher

    Ich bin von Dieser Formulierung über die Wahrheit schwer begeistert.

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