Der Untergang des Abendlandes?


Wir sind noch drei Wahlen vom Zerfall des Westens entfernt, schreibt die amerikanische Historikerin Anne Applebaum im Online-Magazin Slate. Die Populisten Donald Trump und Marine Le Pen wollen die gegenwärtigen Bündnisstrukturen zerschlagen. Der Austritt Englands aus der EU könnte den Zerfall Europas und der NATO einleiten. In Deutschland feiert die AfD zum Entsetzen der übrigen Parteien erstaunliche Erfolge. Es stellt sich also zum wiederholten Male die Frage: Wie bekämpft man Populisten?

Das Thema ist ja wahrhaftig nicht neu. Schon nach den Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai 2014 erschraken viele Menschen über das starke Abschneiden populistischer Parteien in England, Dänemark, Frankreich oder Italien. Mit dem Flüchtlingseinstrom ist das Thema auch in Deutschland akut geworden. Und die Parteien sind so hilflos wie eh und je.

Hintergrund

Der Homo sapiens als biologische Art ist ein soziales Lebewesen. So nennt man Tiere, die in Gruppen (Horden, Rotten, Herden etc.) leben. Unser Gefühlsleben ist seit Millionen von Jahren darauf ausgerichtet, die eigene Gruppe bedingungslos zu unterstützen. Vormenschen und Menschen konnten nur überleben, wenn ihre Gruppen eng zusammenhielten, und die Mitglieder bis zur Selbstaufgabe füreinander eintraten. Im Gegenzug durften sie einen ebenso bedingungslosen Schutz erwarten. Die Mitglieder einer Gruppe erwarten von ihren Anführern, dass sie die Belange der Gruppe kraftvoll durchsetzen. Diese emotionale Bindung an die eigene Gruppe besteht bis heute. Bei Menschen gibt es aber eine Besonderheit: Sie betrachten sich oft als Mitglieder mehrerer Gruppen, deren Mitglieder sie nicht einmal alle kennen. Als Ausweis der Zugehörigkeit reicht ein Symbol (Flagge, Anstecker etc.), die gemeinsame Sprache, oder gemeinsam erlebte Rituale.

Als Kehrseite des unbedingten Vertrauens innerhalb einer Gruppe misstrauen Menschen instinktiv den Mitgliedern anderer Gruppen. Je fremder sie erscheinen, sprechen oder sich verhalten, desto schlimmer wird die instinktive Abneigung.

Rein emotional ist die Ankunft einer großen Zahl fremder Menschen deshalb eine Zumutung und erzeugt eine instinktive Abwehrhaltung. Weil die Flüchtlinge über ganz Deutschland verteilt werden, sehen sich sehr viele Menschen in ihrem Alltag unvermittelt mit Fremden konfrontiert. Es gibt gute Gründe für die Aufnahme der Flüchtlinge, aber die Menschen haben zunächst einmal ein ungutes Gefühl. Das Misstrauen gegen Fremde muss aktiv abgebaut werden. Diese schwierige Aufgabe fällt derzeit den Politikern auf allen Ebenen zu. Sie erfüllen sie teilweise hervorragend, teilweise aber leider eher schlecht. Bis zu einer Rückkehr oder einer echten Integration der Flüchtlinge bleibt das Misstrauen erhalten. Der Abbau dauert viel Zeit, wie heute noch die Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten berichten, die nach dem Zweiten Weltkrieg hier aufgenommen wurden.

Populistische Gruppen beuten das Misstrauen aus (zur Definition von Populismus siehe Blogbeitrag vom Juni 2014). Sie argumentieren gerne wie folgt:

  1. Die Fremden wollen sich nicht integrieren.
  2. Ihre Lebensweise und Religion sind mit unserer unvereinbar.
  3. Unter ihnen sind zu viele Kriminelle, die uns einschüchtern/ausrauben/umbringen wollen.
  4. Ihre Männer wollen unsere Frauen belästigen/verführen/schwängern.

Dieses letzte Argument wird seit Tausenden von Jahren fast universell verwendet. Es entspricht offenbar einer sehr tief sitzenden Angst.

Gegen die eigenen Anführer richten die Populisten den Vorwurf, die Fremden zu bevorzugen. Das wäre ein Verrat an der eigenen Gruppe und ruft deshalb unmittelbar Empörung hervor. Ein Anführer, der andere Gruppen bevorzugt, muss natürlich abgesetzt werden. Auf dieser Welle reiten die Populisten und setzen dafür auch Falschmeldungen in die Welt. Die Website Hoaxmap.org sammelt Falschmeldungen über Flüchtlinge. Dabei sortiert sie nach Kategorien und nach Orten. Bis zum 8.3.2016 hatte sie die erstaunliche Zahl von 301 Falschmeldungen gesammelt. Die häufigsten Kategorien sind:

 

Raub/Diebstahl61
Körperverletzung25
Geld/Sachleistungen oder Vorzugsbehandlung43
Vergewaltigung55
Sexualisierte Gewalt19

 

Wie gesagt: Es geht nur um Falschmeldungen, die sich über soziale Netze verbreitet haben. Es ist eine alte Weisheit, dass sich Gerüchte immer dann rasant ausbreiten, wenn sie starke Gefühle wecken. Die Liste gibt also die Urängste der Menschen gegenüber Fremden sehr gut wieder. Die hohe Zahl der Falschmeldungen zum Thema Leistungen und Vorzugsbehandlung illustriert das latente Misstrauen gegen die eigene Regierung.

Vorgehen gegen Populisten

In der emotionalen Stresssituation, die durch das plötzliche Auftauchen von Fremden erzeugt wird, haben Populisten bei Wahlen ein echtes Heimspiel.

Sie sagen einfach: „Fühlt Ihr Euch unwohl mit den Fremden? Wir sind gegen Einwanderung! Also wählt uns.“

Diese einfache Botschaft orchestrieren sie dann mit schaurigen Erzählungen über Einbrüche, Vergewaltigungen oder unverdiente Vorzugsbehandlung. Das reicht schon, um Stimmen zu gewinnen. Noch einmal: Die Grundlage dafür ist ein evolutionär tief sitzendes Misstrauen gegen Fremde. Angeblich rationale Argumente sind in Wahrheit nur vorgeschoben.

Was tun?

Populisten bieten in aller Regel keine brauchbaren Rezepte an, sie beuten nur Gefühle aus. Sie wollen auch nicht regieren, das wäre zu mühsam. Die klassischen Parteien hingegen müssen liefern. Aber dafür stellen sie sich schließlich zur Wahl. Was ist also zu tun?

Hier einige Vorschläge:

  1. Die Flüchtlinge dürfen nicht als fremde Gruppe aufgebaut werden. Jeder hat ein individuelles Schicksal, und die meisten haben auf der Flucht fast alles verloren. Wir helfen, wo wir können, das sind wir als Menschen unseren Mitmenschen schuldig.
  2. Deutsche scheinen vor dem Flüchtlingseinstrom weniger Angst zu haben als andere Nationen. Dafür werden sie im Ausland geradezu ungläubig bestaunt. Natürlich werden sie auch angefeindet, aber letztlich hat die Aufnahme der Bürgerkriegsflüchtlinge dazu beigetragen, das deutsche Ansehen im Ausland zu verbessern. Alle Politiker sollten diesen Aspekt öfter betonen.
  3. Politik und Verwaltung müssen die Leistung der freiwilligen Helfer angemessen würdigen. Ohne sie wäre die Aufnahme der Flüchtlinge vielerorts unmöglich gewesen. Die Erfahrungen der Helfer müssen unbedingt ausgewertet und berücksichtigt werden.

 

Was darf man nicht tun?

Politiker geben dem Druck von unten gerne nach. In diesem speziellen Fall wäre das allerdings gefährlich. Tatsächlich finden viele Menschen, dass man den Flüchtlingen helfen sollte, und viele engagieren sich auch. Aber etwas unheimlich ist ihnen das schon. Wenn sie sich also beklagen erwarten sie Zuspruch, die Versicherung, dass ihr Handeln richtig ist, und die Flüchtlinge zur Recht hier sind, dass sie keine Gefahr darstellen und das sie bleiben dürfen. Die Strategie der CDU-Spitzenkandidaten Julia Klöckner und Guido Wolf vor den Wahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg lautet aber: „Uns gefällt der Flüchtlingseinstrom auch nicht, aber wir können nun mal nichts dagegen machen, das ist schließlich von oben verordnet. Aber wir werden uns für eine Obergrenze einsetzen, damit das alles aufhört.“

Damit missverstehen sie die Basis massiv, wie übrigens auch der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel. Die richtige Strategie wäre es, die ausdrückliche Unterstützung für die Politik der Bundesregierung zu erklären und zugleich den Helfern vor Ort ausdrücklich Rückendeckung zu geben. Das hat offenbar Winfried Kretschmann, der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, besser erkannt als sein Gegner von der CDU. Nach einer aktuellen Umfrage des STERN haben 83% der Menschen Angst vor rassistischer Gewalt und Angriffen auf Flüchtlingsheime, aber nur 52% vor der Zahl der Flüchtlinge.

In schwierigen Zeiten erwarten die Menschen von den Politikern klare Ansagen und eindeutige Aussagen. Frau Merkel und Herr Kretschmann erfüllen diese Erwartungen, viele andere hingegen nicht.

Zusammengefasst:

  • Bedenkt man das im menschlichen Verhalten verankerte Misstrauen gegen Fremde, bekommen Populisten in Deutschland eher wenige Stimmen.
  • Man kann ein Volk nicht führen, indem man ihm hinterherläuft.
  • Wer schon im Wahlkampf keine eindeutige Haltung zeigt, empfiehlt sich nicht für das Amt des Ministerpräsidenten.

 

Was auf uns zukommt

Wir leben in einer Zeit des extrem schnellen Umbruchs. Politiker und Wissenschaftler, aber auch alle übrigen Menschen sollten die kommenden Aufgaben nicht unterschätzen. Z.B.:

  1. Der Zustrom von Immigranten wird anhalten, eine effektive Abschottung ist unmöglich. Die Politik muss deshalb die Rahmenbedingungen für eine geordnete legale Einwanderung schaffen. Das Recht auf politisches Asyl ist davon unabhängig.
  2. Die Bündnissysteme aus der Zeit des Kalten Krieges erodieren immer mehr, wenn sie nicht schon verschwunden sind. Europa droht wieder in Einzelstaaten zu zersplittern. Zugleich schwindet die Macht und der Einfluss des Westens. Die Machtstrukturen der Welt ordnen sich neu. In der gesamten geschriebenen Geschichte entlud sich die dadurch aufgebaute Spannung immer in katastrophalen Kriegen zwischen den alten und neuen Großmächten.
  3. Der technische Fortschritt wird vermutlich in den nächsten 10 – 20 Jahren die Hälfte aller Arbeitsplätze wegfallen lassen. In den nächsten 10 Jahren könnten bereits 200 der weltweit größten 500 Unternehmen verschwinden (Zahlen aus: Das Digital-Manifest im Spektrum). Noch nie in der geschriebenen Geschichte hat sich eine Gesellschaft so schnell verändert.

Wir können uns gegen diese Veränderungen nicht abschotten. Zäune, Wälle und Mauern mögen die Veränderungen eine Zeit lang zurückhalten, aber sie sperren uns auch ein. Wenn wir unser Land zu einer uneinnehmbaren Festung ausbauen, werden wir darin versteinern, während um uns herum das Leben pulsiert. Die Veränderungen werden kommen, ob wir wollen oder nicht. Noch haben wir die Gelegenheit, sie sinnvoll zu gestalten. Nutzen wir sie!

 


68 Kommentare zu “Der Untergang des Abendlandes?”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Die Flüchtlinsgwelle ist nur ein vorübergehendes Problem. Die Reaktion vieler EU-Länder zeigt aber wie schwach die europäische Idee verankert ist. Wenn vermeintlich Gefahr droht, macht jedes Land was es will. Ein vorübergehendes Problem ist der Flüchtlingsstrom weil er durchaus gelenkt werden kann wie die osteuropäischen Länder mit praktisch überhaupt keinen Aufnahmen zeigen und wie die Verhandlungen mit der Türkei verdeutlichen, wo es darum geht, eine von Europa finanzierte Sperre schon vor Europa , also ausserhalb, zu errichten. Einen gewissen Zustrom von Migranten bis etwa 1% der Bevölkerung pro Jahr kann die Gesellschaft zudem auch ohne Ausbildung einer Abwehrhaltung verkraften.
    Wenn Europa untergeht, dann wohl eher, weil es auf vielen Ebenen stagniert, weil die Bevölkerung zunehmend überaltert (Japan lässt grüssen) und weil Europa eventuell gar in eine lang anhaltende wirtschaftliche Stagnation gerät (Japan lässt grüssen). Aber auch dann wird Europa als Modell und Anschauungsmaterial dienen - als Mahnung nämlich für Amerikaner und Asiaten, wie man es nicht machen soll.

    • Thomas Grüter Antworten | Permalink

      Eigentlich können wir nur hoffen, dass Europa unter Druck zusammensteht und nicht zersplittert. Die Bruchstücke wären kaum wieder zu kitten. Wie viele Flüchtlinge ein Land ohne große innere Widerstände aufnehmen kann, hängt eher vom Umgang mit dem Problem zusammen. 1% pro Jahr ist schon etwas hoch angesetzt, Deutschland hat 2015 etwa 1,3% aufgenommen, Schweden etwa 2%. Das hat schon zu deutlichen Widerständen geführt. Eine langfristige Zuwanderung von ca. 500000 Menschen im Jahr wird Deutschland aber wohl nicht aus dem Gleichgewicht bringen (das entspricht inzwischen auch der oberen Grenze der Erwartungen).

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Fremdenfeindlichen Populismus emotional und ausgrenzend zu begegnen, scheint mir kontraproduktiv. Doch instinktiv machen das viele aus dem Gegenlager was zu einer Polarisierung der Gesellschaft mit Feindbildern auf beiden Seiten führt. Typisch ist etwa die Verortung all derjenigen, die eine Begrenzung der Zuwanderung wollen, auf der (extrem) rechten Seite. Dabei wird suggeriert, wer progressiv, links und ein Menschenfreund sei kenne keine Vorbehalte gegen einen kaum beschränkten Zuzug von Migranten und umgekehrt seien alle anderen primitiv, rechtsgerichtet und barbarisch. Diese Zuordnung in ein linkes und ein rechtes Lager stimmt schon insoweit nicht, als dass die Parteizugehörigkeit oder das bisherige Wahlverhalten keine zuverlässige Richtschnur für die Einstellung zur Migration ist. Sehr gut hat das das SPD-Urgestein Erhard Eppler in einem Spiegel-Interview (akuteller gedruckter Spiegel) zum Ausdruck gebracht, wo der Interviewer meinte, viele Menschen aus dem rechten Flügel der konservativen Partein (CDU,CSU) seien nun zu Wählern der AfD geworden und Erhard Eppler antwortete, auch die SPD verliere Wähler an die AfD.
    Zunehmende Polarisation scheint mir sowieso ein Problem einer zu stark ideologisch, also Ideen überhöhenden Denkweise zu sein. Jede Abweichung von der Linie droht dann zum Verdikt zu werden. Der Grünen-Politiker Boris Palmer beispielsweise sprach von konkreten Problemen mit der Migration und wurde darauf von den jungen Grünen zum Parteiaustritt aufgefordert. Anstatt Diskussion und konkrete Kritik wird also gleich der Austritt gefordert und der Störer ins feindliche Lager verortet.
    Richtig ist es dagegen der Irrationaliät und falschen Behauptungen Rationaliät und Fakten gegenüberzustellen. Wer sich Fakten verwehrt weil sie nicht in sein Weltbild passen ist eben genau ein Ideologie und zuviel Ideologie führt zu einer Spaltung der Gesellschaft wie man es in den USA gut beobachten kann.

    • Thomas Grüter Antworten | Permalink

      Gerade beim Thema "Flüchtlinge" ist sehr viel Emotion im Spiel. Wie ich im Beitrag schon geschrieben habe, ist ein instinktives Misstrauen gegen Fremde tief in der menschlichen Natur verankert. Deshalb fühlen sich vermutlich auch viele Grüne bei dem beträchtlichen Zustrom erst einmal unwohl, aber dieses Gefühl widerspricht ihrem Weltbild. Deshalb weisen sie es besonders vehement von sich, und geißeln alle diejenigen in den eigenen Reihen, die von solchen Gefühlen reden. Ich meine, man sollte das Gefühl durchaus zulassen, aber dann lernen, damit umzugehen, und sich vor allem klarmachen, dass andere Menschen das gleiche fühlen. Das Misstrauen wird dann durch den Umgang mit den (erst einmal) Fremden und die Integrationsbemühungen langsam abgebaut.

  3. Horst Antworten | Permalink

    "Schon nach den Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai 2014 erschraken viele Menschen über das starke Abschneiden populistischer Parteien ..."

    Oh Gott, als wenn dieses WIEDERERSTARKEN im Kreislauf des zeitgeistlichen Reformismus ein Wunder wäre - Mensch, mit Verstand von wirklich-wahrhaftiger Vernunft, fragt höchstens welche des "freiheitlichen" Wettbewerbs um ... nun populistischer / bewußtseinsbetäubter sind: Die heuchlerisch-verlogenen Gewinner und ..., oder die logischen Verlierer und Sündenböcke dieses offensichtlich im geistigen Stillstand stattfindenden Spieles!?

    "Was auf uns zukommt" - Wenn diese Dummheit immernoch weiter in Systemrationalität gespielt wird, dann wird die ATOMARE Apokalypse SICHER nicht mehr lange auf sich warten lassen, und Veränderung wird ...!?

  4. Tim Antworten | Permalink

    Das Erstarken der Populisten fast überall in der westlichen Welt hat einer Meinung nach einen anderen Grund: Menschen möchten sich zunehmend nicht mehr nach Regeln richten, die für (zu) große geographische Einheiten gelten (Beispiel: Hätte die US-Bundesregierung weniger Einfluß, gäbe es die Tea Party nicht). Die politisch Verantwortlichen dieser geographischen Einheiten haben das noch nicht wirklich wahrgenommen, doch das fördert diesen Trend nur.

    Im Grunde ist es eine Entwicklung mit sehr positivem Potential. Solange Re-Regionalisierung aber von vielen als Gefahr wahrgenommen wird, werden die negativen Aspekte überhand nehmen und die Populisten an Einfluß gewinnen.

    • Wizzy Antworten | Permalink

      Ich glaube nicht unbedingt, dass Ihre These stimmt, aber wo liegt denn das Positive einer Regionalisierung? Mir fallen fast nur negative Aspekte ein: Zerstörung von Wirtschaftsräumen mit folgendem wirtschaftlichem Abschwung, Unfähigkeit globale Probleme anzugehen da die Konsensfindung bei einer Vielzahl an Akteuren erschwert ist. Gäbe es viele starke Regionen, würden diese ggf. auch machen was sie wollen - Beispielsweise könnte eine Region lauter dreckige Kohlekraftwerke bauen, weil sie die Sorgen der Anrainer einfach nicht interessiert. Meines Erachtens können Probleme wie Klimawandel, Globaler Friede etc. nur durch eine durchsetzungsfähige Weltregierung angegangen werden, also genau durch das Gegenteil von Regionalisierung.

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Eine Regionalisierung würde ich nicht von vornherein negativ sehen. Dann nämlich nicht, wenn die Region gar keine Abschottung will, sondern wenn es nur darum geht, dass die Region selber als Souverän und Vertreter seiner eigenen Interessen auftreten will.
        Ein autonomeres Bayern und eine autonomere Lombardei beispielsweise könnten beschliessen, einen gemeinsamen Wirtschafts- oder gar Kulturraum zu bilden und ihre Mutterländer Deutschland und Italien weitgehen zu ignorieren.
        Zudem muss ein Regionalisierung kein Gegensatz zu einer Weltregierung sein. Eher im Gegenteil. Die Schotten beispielsweise wollten nach Separation Teil der EU werden, gerade weil sie überzeugt waren, dass es ausser Schottland und der EU nichts weiter braucht, insbesondere kein Grossbritannien. Eine Regionalisierung mit Weltregierung würde konkret bedeuten, dass Regionen wie die um Tokio, Shanghai oder um München alle gleichberechtigt und sehr souverän wären und es um Tokio herum kein Japan, um Shanghai herum kein China und um München herum kein Deutschland mehr gäbe.
        Heute sind doch gerade die Nationen der grösste Hemmschuh für eine Weltregierung, denn die Nationen bilden sich ein, sie könnten alle Probleme, die ihre Bürger betreffen in nationaler Souveränität lösen. Regionen würden sich das nie einbilden. Sie würden in vielem einer grösseren Einheit vertrauen aber liebend gern auf "Zwischenhändler" (Nationen) verzichten .

        • Tim Antworten | Permalink

          @ Martin Holzherr

          Sehr schön dargestellt. Daß Regionen (insbesondere auch Metropolregionen) freiwillig zusammenarbeiten können und werden, ist die große Hoffnung der Zukunft. Politik würde dadurch viel konkreter und greifbarer.

      • Tim Antworten | Permalink

        @ Wizzy

        Mit diesen Drohszenarien kann ich nichts anfangen. Man muß sich nur mal den Euro ansehen, um zu sehen, welche drastischen Folgen gemeinsame Entscheidungen auf der falschen Ebene bewirken können.

        Und es bringt überhaupt nichts, wenn man z.B. über den Hebel EU Menschen in Regionen Regelungen aufzwingt, die sie eigentlich nicht mittragen. Das ist doch gerade der technokratische Ansatz, der momentan zum Bröckeln der EU und zum Erstarken der Populisten führt. Wir können sogar live zusehen.

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Granularität und Machtanspruch der souveränen Einheiten spielen eine wichtige Rolle.Sie schreiben dazu: Unfähigkeit globale Probleme anzugehen da die Konsensfindung bei einer Vielzahl an Akteuren erschwert ist. Gäbe es viele starke Regionen, würden diese ggf. auch machen was sie wollen

        In einer Welt von Regionen aber ohne Nationalstaaten wären alle Akteure weniger stark als es heute die Nationen sind. Das hätte zur Konsequenz, dass es praktisch eine Weltregierung oder ein paar grosse Blöcke sogar zwingend bräuchte, denn München oder Barcelona wollen doch nicht eine eigene Armee unterhalten (diese wäre auf einer viel höheren Ebene angesiedelt). Der Souverän einer Region würde sich auf das konzentrieren was für die Region wichtig ist und vieles andere dem grossen Block oder gar der Weltregierung überlassen. Damit wäre ein Konsensfindung wie sie sie mit (Zitat) da die Konsensfindung bei einer Vielzahl an Akteuren erschwert ist andeuten, gar nicht mehr nötig, denn die Region würde viele Kompetenzen an die höhere Instanz abgeben. Es ist viel besser, wenn Akteure gewisse Kompetenzen völlig abgeben als wenn sich sich alle einig werden müssen.

    • Thomas Grüter Antworten | Permalink

      Ich habe meine Zweifel, ob eine Re-Regionalisierung ein Zurückdrängen der Populisten bringen kann. In den USA ist der Einfluss der Bundesregierung auf das Leben der Bürger vergleichsweise sehr viel geringer als in Deutschland. Die Tea-Party-Bewegung setzt sich hauptsächlich für geringere Steuern bei gleichzeitiger Reduzierung des Staatsdefizits ein. Für sie ist die ferne Bundesregierung ein Feindbild, das man für alle Fehlentwicklungen verantwortlich machen kann. Und wo die Bundesregierung nicht herhalten kann, wird dann die UN angefeindet. Viele populistische Bewegungen in Europa machen die EU für alles verantwortlich. Gäbe es sie nicht mehr, würden sie die UN, die Juden oder Feindstaaten verantwortlich machen. Populisten konstruieren immer einen Feind, den man bekämpfen muss, um alles wieder ins Lot zu bringen. Wenn er besiegt ist, wird das eigene Land wieder friedlich und harmonisch wie das Auenland.

      • Tim Antworten | Permalink

        Oh nein. Eine wesentliche Ursache für den aus europäischer Perspektive absurd gesteigerten Haß vieler Republikaner auf die Demokraten liegt ja in Obamacare, d.h. der Krankenversicherung auf Bundesebene. Auf Ebene der Einzelstaaten hätte niemand etwas dagegen, aber vom fernen Washington möchten man sich nicht fremdsteuern lassen.

        Daß es wahrscheinlich nur eine einzige US-Bundesinstitution gibt, die die Republikaner mehr lieben als die Demokraten, muß ich wohl nicht betonen.

        • Thomas Grüter Antworten | Permalink

          Obamacare (eigentlich: Patient Protection and Affordable Care Act) ist keine Versicherung auf Bundesebene. Das Gesetz verpflichtet alle Amerikaner, die es sich leisten können, eine Krankenversicherung abzuschließen. Im Gegenzug müssen die Versicherungen für jeden Amerikaner Leistungen bereitstellen. Eine staatliche Versicherung ist nicht eingeführt worden, die privaten Krankenversicherungen müssen die Leistungen bereitstellen. In der Wikipedia kann man die teilweise absurden Diskussionen darum nachlesen. Daraus geht sehr gut hervor, dass der tiefe Graben zwischen Republikanern und Demokraten schon sehr viel älter ist. Übrigens bestreitet keine Partei die Berechtigung des Medicaid-Programms, das eine Krankenbehandlung für die Armen und Bedürftigen regelt. Die amerikanische Bundesregierung und die Einzelstaaten finanzieren das Programm gemeinsam.

          • Tim | Permalink

            Bitte keine Haarspalterei. Obamacare ist durch Bundesgesetz eingeführt worden. Alle Bundesstaaten müssen mitmachen, ob die Bürger vor Ort wollen oder nicht. Obamacare war die perfekte Maßnahme, um die politische Spaltung der Gesellschaft zu zementieren.

          • Thomas Grüter | Permalink

            Es gibt auch in den USA immer eine ganze Menge Bundesgesetze, von denen die meisten aber keinen solchen Widerstand auslösen. Man denke nur an die NSA-Überwachung, die von den Republikanern nicht in Frage gestellt wird. Bei Obamacare habe ich eher den Eindruck, dass die Republikaner die Gelegenheit sahen, Obama eine Niederlage zu bereiten. Immerhin war ein entsprechendes Gesetz unter Bill Clinton bereits gescheitert.

        • Martin Holzherr Antworten | Permalink

          Das Motiv für die Ablehung Washingtons (Bundesbehörden) durch die Republikaner muss man allerdings auch hinterfragen. Denn die Republikaner sind ein gemischter Haufen bestehend aus vor allem konservativer ländlicher Basis, Religiösen und Kapitalisten. Die Kapitalisten schafften es bis jetzt immer wieder massive Steuererleichterungen für sich selbst als im Gesamtinteresse auszugeben. Auch die Ablehnung von Obamacare kommt vor allem von dieser Seite. Als Grund wird das Bestreben für einen kleinen Staat ausgegeben, oft unter Vorgabe von kommunitaristischen Motiven.Diese Begründung spricht auch die Basis und die Religiösen an ist aber womöglich nichts anderes als eine Täuschung der Kapitalisten gegenüber der republikanischen Basis und den Religiösen.

      • Horst Antworten | Permalink

        "Populisten konstruieren immer einen Feind, ..."

        Fast richtig, denn man muß KLARSTELLEN, daß der zeitgeistliche Populist ein Dogmatist seiner "individualbewußten" Bildung zu systemrational-funktionaler Suppenkaspermentalität ist, und ein entsprechendes / "adäquates" Feindbild braucht, für die systemrational-materialistische Schuld- und Sündenbocksuche, im nun "gesunden" Konkurrenzdenken des "freiheitlichen" Wettbewerbs um die stets immergleiche Symptomatik in "Wer soll das bezahlen?" und "Arbeit macht frei"! ;-)

  5. Jade Antworten | Permalink

    Ich halte dieses weltriegierungs-gedöns auch für sehr bedenklich. Wo viel Macht zusammenkommt, besteht die Hohe wahrscheinlichkeit, dass diese ausgenutzt wird. Das liegt in der Natur der Hierarchie und das hat die Geschichte meines Erachtens schon vielfach bewiesen. Und das passiert, obwohl es vermeintlich fest zementierte gesellschaftliche Regeln gibt. besonders die altruistischsten regelwerke werden die totalitärsten (zB Bibel im Mittelalter, ausgeartet in ablasshandel, Folter bei Abtrünnigkeit, selbst-überwachendes system (dadurch, dass gotteslästerer von fremden beschuldigt wurden (Hexenverfolgung)).
    Ich glaube nicht, dass in den nächsten 10 Jahren so viel passiert. In den 60ern dachte man auch noch, dass es 2000 fliegende Autos gibt. Viel eher ist es so, dass wissenstechnisch einiges passiert. Vielleicht gibt es ja auch durch die aktuellen Politik-Proteste bald einen Anstoß hin zur direkten Demokratie. Etwas dezentrales, transparentes, bei dem jeder mitb stimmen kann.
    alle sagen immer gerade die Deutschen müssten aus ihrer Geschichte lernen... Dann sollte man sich auch gegen zentralistische Regierungen einsetzen.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      @Jade: Prognosen sind ungewiss - vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.

      Ihre Aussage Ich glaube nicht, dass in den nächsten 10 Jahren so viel passiert. ist wohl eine Antwort auf die Prognose in Thomas Grüters letzter Drei-Punkt-Liste Der technische Fortschritt wird vermutlich in den nächsten 10 – 20 Jahren die Hälfte aller Arbeitsplätze wegfallen lassen. In den nächsten 10 Jahren könnten bereits 200 der weltweit größten 500 Unternehmen verschwinden

      Eine zweite digitale Revolution, die smarte Programme und Roboter an die Stelle von Menschen setzt wird heute tatsächlich von vielen Medienkanälen verkündet. Doch gleichzeitig liest man auch, die hochentwickelte Welt trete in eine Phase der säkularen Stagnation ein. Unter anderem weil sehr wenig investiert wird - auch in die Forschung wird wenig investiert. Die einzige Ausnahme ist eine Klicke von Silicon-Valley Milliardären, die ihr Geld in eine ganz andere Zukunft investiert. Ob das aber genügt? In den USA und Europa sind nämlich heute Vorbehalte gegen das Neue - was es auch sei - das Normale und nur wenige wollen andere und radikalere Technologien. Beispiele für ein gesellschaftilches Ausbremsen von potenziellen Zukunftstechnologien gibt es viele: Die Idee vom blitzschnellen Verkehr in Vakuum-Röhren beispielsweise ist schon recht alt: Sie wäre ohne weiteres realisierbar, doch sie stösst auf wenig Liebe. Elon Musk hat diese Idee nun Kraft seiner Persönlichkeit und eines neuen Namens (Hyper-Loop) reaktiviert. Andere Beispiele sind andere, sicherere Formen der Nuklearenergie, die bereits seit den 1970ern nicht mehr verfolgt werden oder Hyperschallflugzeuge, die mit der Concorde gestorben sind obwohl sie weiterhin technisch möglich wären. Mit der heutigen Reserviertheit gegenüber neuen Technologien wird es sogar bei den gehypten selbstfahrenden Autos noch mehr als 10 Jahre gehen bis sie das Strassenbild aufmischen. Systeme künstlicher Intelligenz schliesslich entstehen nicht einfach so, nicht einfach weil einige daran forschen. Voraussetzung wäre vielmehr ein breites Engagement schon auf der Universitätsstufe mit weit mehr Lehrgängen als heute, die sich diesem Thema widmen und mit Einfluss der zugehörigen Denkweise auf ganz viele verschiedene Ingenieurdisziplinen. Das alles gibt es nicht - und schon werden aus 10 Jahren Erwartungshorizont 30 Jahre.

      • Thomas Grüter Antworten | Permalink

        Welche Veränderungen wie schnell kommen werden, ist natürlich weiterhin ungewiss. Als Faustregel gehe ich davon aus, dass im kommerziellen Umfeld alle Idee, die Geld sparen, schnell umgesetzt werden. Wenn Firmen durch den vermehrten Einsatz von Computerprogrammen oder Robotern Stellen einsparen können, werden sie nicht lange zögern. Damit erhöhen sie wiederum den Druck auf die Konkurrenz, ebenso zu verfahren. Die Bank ING-Diba hat 2015 eine Studie veröffentlicht, nach der bis zu 18 Millionen Arbeitsplätze in Gefahr sind. Sie könnten in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verschwinden. Im privaten Bereich setzen sich erfahrungsgemäß solche Neuerungen durch, die Geld sparen, die Bequemlichkeit verbessern (z.B. selbstfahrende Autos) oder das Sozialprestige erhöhen (z.B. das iPhone). Gesetze begünstigen Innovationen, die der Sicherheit der Menschen dienen. Das könnte beispielsweise die Einführung von selbstfahrenden und vernetzten Autos beschleunigen. Außerdem geht es dem Staat um mehr Kontrolle. Das wiederum könnte die Abschaffung des Bargelds beschleunigen. Hyperschallflugzeuge oder künstliche Intelligenz werden noch etwas auf sich warten lassen. Aber in 10 Jahren werden wir vermutlich schon KI an den Support-Hotlines haben. Sie könnte sogar technisch versierte als heutige Callcenter-Mitarbeiter sein.

        • Horst Antworten | Permalink

          "Als Faustregel ..."

          Wenn GRUNDSÄTZLICH alles allen gehören darf, so daß "Wer soll das bezahlen?" und "Arbeit macht frei" keine Macht mehr hat, kann PRINZIPIELL alles OHNE ... menschenwürdig-gerecht organisiert (NICHT REGIERT!!!) werden - Zusammenleben auf der Basis eines UNKORRUMPIERBAREN Menschenrechts auf KOSTENLOSER Nahrung, MIETFREIEM Wohnen und KASSEN-/KLASSENLOSER Gesundheit. ;-)

          "Aber in 10 Jahren werden wir vermutlich schon KI ..."

          Na dann "Gute Nacht", wo wir doch wissen, daß diese KI auch nur so "gut" ist wie ihr wegrationalisierenden Programmierer!?

          • Jade | Permalink

            Lieber Horst, dass alles allen gehören darf ist eine Utopie, die nicht realisierbar ist. Gegenstände sind eben nicht unendlich teilbar, so wie mp3 . Man hat das schon versucht aber es war zum scheitern verurteilt. Es geht nicht ohne Eigentum. Wir sind aber eigentlich auch bald soweit, dass auch mit Eigentum jeder mit allem versorgt ist, ohne dass er dafür arbeiten muss bis er frei wird. Hauptsache ist, dass wir nicht wieder alles durch Krieg zerstören.

          • Horst | Permalink

            Liebe Jade, in dieser Utopie soll und muß es auch Eigentum (auf Lebenszeit und nicht vererbbar!) geben, als Anreiz für Leistungen, besonders aussergewöhnliche, die allerdings KONSEQUENT für die GLOBALE Gemeinschaft gebildet / gemacht werden - Es gäbe also absolut keinen Grund für Verlust-Ängste :-)

            "Wir sind aber eigentlich auch bald soweit, dass auch mit Eigentum jeder mit allem versorgt ist, ohne dass er dafür arbeiten muss bis er frei wird."

            Angesichts der "Krisen-Verhältnisse" glaubst du wirklich immernoch an ein gutes SPIEL-ERGEBNIS für alle Menschen dieser Welt- und "Werteordnung" im "Recht des Stärkeren"???

        • Martin Holzherr Antworten | Permalink

          Ja, wenn Roboter Stellen einsparen können verdrängen sie Menschen, anderfalls ist es umgekehrt wie der SPON-Artikel Industrie 4.0: Warum manchen Robotern Arbeitslosigkeit droht beschreibt.
          Heute sind wir nämlich an einer Umbruchstelle: Die Fertigung muss flexibilisiert und individualisiert werden wozu die Roboter der heutigen Fertigungsstrassen denkbar ungeeinget sind, muss ihnen doch jede Bewegung mühevoll einprogrammiert werden, was Wochen dauern kann bis es im Zusammenspiel sitzt. Deshalb verkündete der Mercedes-Vorstand kürrzlich, Roboter durch Menschen zu ersetzen. Doch gleichzeitig sind gerade jetzt flexible Roboter im Kommen, die von Menschen lernen können indem sie ihnen beim Arbeiten zuschauen und sie anschliessen nachahmen. Dieser flexible Robotertypus kann sogar Seit an Seit mit Menschen arbeiten, was mit den Robotern von den heutigen Fertigungsstrassen unmöglich ist (diese sind in für Menschen unzugängliche Käfige eingeschlossen). Flexible Roboter sind tendenziel - in dieser Frühphase - auch teurer als Industrieroboter der ersten und zweiten Generation. Doch das ändert sich erfahrungsgemäss mit zunehmender Stückzahl.
          Die eigentliche Umwälzung, der eigentliche Umbruch aber wird erst kommen, wenn Roboter ähnlich flexibler und lernfähig werden wie es Menschen sind. Davon sind wir noch einige Jahre entfernt.

      • Jade Antworten | Permalink

        Prognostiziert wird viel und gerne. Das kann auch spannend sein. Mir ist mal ein Buch in die Hände gefallen "die Zukunft der Welt", glaube das war aus den 70ern, da stand aber im wesentlichen das gleiche drin, wie das was jetzt prognostiziert wird. Das ist jetzt aber 40 Jahre her. Und klar - zum Teil ist es eingetreten, es gibt mehr Dienstleistung und viele Roboter. die Roboter tragen ja auch zu unserem Wohlstand bei. Sonst wären wir wohl kaum in der Lage, flachbildfernseher und Autos zu kaufen - sowas könnte sich keiner leisten.
        In Zukunft wird es wahrscheinlich mehr Hypes geben. Denn da wo eine Gesellschaft gesättigt ist, kann man Kaufverhalten nur noch über Hypes Steuern. Oder: wie bringe ich Leute dazu Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen? Man muss versuchen diese Hypes von der Realität zu trennen. Ich kann mich daran erinnern, dass es mal diesen aktienhype gab, (new Economy oderso?) das war doch als jeder einen internetanschluss hatte. Da haben Hausfrauen telekomaktien gekauft. Und es gab diesen Hersteller, der Zeppelins herstellen wollte und um zu demonstrieren, dass es ernst war, hat er schon,al eine riesige Halle gebaut, in der die Zeppelins gebaut werden sollte, damit jeder heiopei Aktien kauft. Es wurden große aktionärsveranstaltungen gemacht. Dann hat sich herausgestellt, dass es alles Schwindel war - eben ein Hype. Bilanzen waren glaube auch gefälscht usw. Man kann schon ganz gut so tun als ob - das fällt den meisten nicht auf - wie auch?

        • Martin Holzherr Antworten | Permalink

          Die effizientesten Roboter sind immer noch die Menschen aus den Billiglohnländern und Roboter wie sie in der Autoindustrie eingesetzt werden haben kaum Intelligenz. Diese Roboter sind Maschinen wie man sie schon in den 1980er prinzipiell bauen konnte.
          Die nächste Stufe der industriellen Revolution zündet dann, wenn Computer und Roboter selbst Enscheidungen fällen können, wenn Roboter Roboter bauen, Bestseller schreiben und selbständig Missionen durchführen. Heute sind wir noch weit davon entfernt trotz Hypes um Programme, die selbstständig Katzenbilder erkennen oder die Go spielen können.
          Wenn Roboter und Computer aber selber Entscheidungen treffen können, wenn sie sich selber bauen und reparieren können, dann ist unbeschränktes Wachstum möglich, dannn wird sich alles ändern.
          Tatsächlich brauchen wir sogar so etwas weil unsere Gesellschaft nicht nachhaltig ist. Nur schon die Überalterung verlangt nach smarten Assistenten und Begleitern/Gefährten, weil sie sonst zu einem Leben in Armut und Vernachlässigung führt.

          • aristius fuscus | Permalink

            Dass selbstreplizierende Roboter die nächste Stufe der Entwicklung sein werden, sehe ich auch so. Allerdings sieht es mir so aus, als ob diese Stufe schon begonnen hat.
            Was wir gerade in Seoul sehen (das Computerprogramm alphaGo zerlegt einen der weltbesten menschlichen Go-Spieler nach allen Regeln der Kunst) ist nämlich mitnichten einfach ein Hype um einen PC, der Go spielen kann, sondern eine eindrucksvolle Demonstration der Selbstlernfähigkeit eines Computerprogramms. Anders ist diese Leistungsexplosion einfach nicht zu erklären, wenn man dreisten Betrug ausschliesst. Nun ist die Fähigkeit, eigenständig zu lernen, ohne dass ein menschlicher Programmierer verbessernd eingreift, die Grundvoraussetzung für selbstreplizierende Systeme, und die scheint man bei Google erfüllt zu haben.
            Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich noch in einem Auto fahren werde, dass nicht am, sondern vom PC entwickelt wurde.

          • Martin Holzherr | Permalink

            Das Go-spielende Google-Programm ist nur beschränkt selbstlernend, ja es weiss nicht einmal, dass es Go spielt. Der Lernvorgang beruht auf supervised Learning (siehe Figur 1), was bedeutet, dass für jede Go-Stellung, die dem Programm beim Lernen gezeigt wird, angegeben wird, was der nächste gute Zug ist (und ob es eine Gewinnstellung ist). Zum Lernen wird ein neuronales Netzwerk verwendet, welches mit allen so gezeigten Züge das Netzwerk so konfiguriert, dass es die Lernbeispiele abdeckt und gleichzeitig diese Beispiele so generalisiert, dass es auf jede Stellung - im Geiste des Traniningssets - reagieren kann.

            Das alpha-Go-Programm kann mit dem trainierten neuronalen Netwerk nur Go spielen. Wenn es ein anderes Spiel spielen soll, muss es von Menschen neu trainiert werden wozu die Menschen ihm ein Trainingsset bereitstellen müssen, welches ihm zeigt, welche Züge gut sind. Ein Programm, das zwar Go spielen kann, aber nicht weiss was Go ist, ein solches Programm kann auch nicht denken. Es kann keine logischen Schlüsse ziehen. Es ist nicht intelligent. Man könnte es vielleicht mit einem Zirkustier vergleichen, welches seltsame Kunststücke einstudiert hat und sie dem Publikum vordemonstiert, ohne dass das Tier weiss, wozu diese Kunststücke gut sein sollen (ausser dass es dafür belohnt wird).
            Ganz so simpel ist Go-Alpha aber nicht, denn es besteht aus 2 Netzwerken. Das erste Netzwerk arbeitet wie ich es beschrieben habe. Nachdem es trainiert ist spielt es auf einem Niveau wie es vom Trainingsset vorgegeben war. Damit wird nun ein zweites Netzwerk initialisiert, welches lernfähig ist (Reinforcement Learning) und womit Go-Alpha gegen sich selbst spielt und mit jedem Spiel etwas besser wird, weil es sich selbst optimiert (aufgrund des Ausgangs des Spiels)

            Doch es bleibt dabei, dass alpha-Go keine Intelligenz besitzt im gleichen Sinne wie ein Go-Spieler, der das Go-Spiel vielleicht mit einem Buch gelernt hat und der auch auf Anhieb andere Go-ähnliche Spiele spielen könnte .

            Mir scheint es, dass neuronale Netze allein wohl nicht genügen um intelligente Maschinen zu erhalten, die ohne Supervision (ohne Aufsicht) lernen können. Maschinen, die selbstgesteckte Ziele verfolgen können sind noch nicht in Sicht. Dazu braucht es Grundzüge von logischem Denken, Selbstreflexion, verinnerlichte Ziele, Einschätzungsvermögen und damit Eigenschaften, von denen man heute nicht einmal weiss, wie man sie einem Computer vermitteln soll.

          • aristius fuscus | Permalink

            Was soll der Nutzen sein, wenn sich ein Computer seine Ziele selbst aussucht? Das möchte ich schon ganz gerne dem Menschen überlassen. Es reicht völlig (auch für die Anforderungen, die Sie oben gestellt haben), wenn Computer die Vorgaben, die ihnen ein Mensch macht, wo nicht perfekt, so doch besser als etwa ein menschlicher Ingenieur umsetzen. Und dass wir in diesem Prozess schon mittendrin sind, scheint mir offensichtlich zu sein.

          • Martin Holzherr | Permalink

            Ohne selbstgewählte/gefundene Ziele ist ein System dumm. Beispiel: Sie sagen dem Roboter: Stell diesen Strauss Blumen in eine mit Wasser gefüllte Vase
            Allein mit diesen Angaben muss der Roboter nun folgendes entscheiden
            1) Er muss eine Vase beschaffen (wo sind die Vasen, wie sehen sie aus, welche passt?)
            2) Er muss die Blumen in die Vase stellen (wie macht man das?)
            3) Soll er das Wasser für die Blumen zuerst in die Vase giessen und dann die Blumen hineinstellen oder umgekehrt (was ist einfacher, besser?)
            4) Wo hat es Wasser und wie bringe ich es in die Vase.

            Was uns (Menschen) äusserst simpel erscheint ist für einen Computer/Roboter eine Herkulesaufgabe bestehend aus mehreren Teilaufgaben deren Reihenfolge auch nocht bestimmt werden muss.
            Die Teilaufgaben muss der Roboter durch "Nachdenken" selbst generiern. Wenn er das nicht kann ist der dumm und nur wenig autonom.

            Heute wird bei solchen komplexen Aufgaben ebenfalls mit neuronalen Netzen, teilweise auch mit automatischer Auswertung von Videoaufnahmen gearbeitet. Der Roboter lernt also aus einem Video. Nur bedeutet das wiederum, dass er nichts versteht. Sobald etwas unvorhergesehenes passiert beim Blumen in die Vase stecken kommt der Roboter nicht mehr weiter.

            Fazit: Ziele selbst bestimmen muss ein Roboter können, wenn er in einer offenen Umgebung nützlich sein soll. Mindestens Unterziele muss er bestimmen können. Die Frage ist nur was ist alles ein Unterziel? Es stellt sich heraus, dass das sehr vieles umfassen kann.

          • Martin Holzherr | Permalink

            Zitat: Es reicht völlig, wenn Computer die Vorgaben, die ihnen ein Mensch macht, wo nicht perfekt, so doch besser als etwa ein menschlicher Ingenieur umsetzen

            Sie unterschätzen menschliche Ingenieure gewaltig, wenn sie meinen, ein Computer könne einen Ingenieur einfach so ersetzen und sei dann sogar noch besser , selbst wenn er nicht perfekt ist.

            Generell gilt: Was uns einfach erscheint, kann für einen Computer eine äusserst schwierige Aufgabe sein. Denn einfach erscheint es uns oft nur, weil wir vergessen haben, an was alles implizit gedacht werden muss um das Einfache auszuführen.

        • Jade Antworten | Permalink

          Soviel zum Thema:

          "Die einzige Ausnahme ist eine Klicke von Silicon-Valley Milliardären, die IHR Geld in eine ganz andere Zukunft investiert"

          • Joker | Permalink

            Klicke? - klick, klick -> Clique

            (Applaus vom Klakör)

  6. Trice Antworten | Permalink

    Der Beitrag ist insofern interessant, als es dabei nicht um die Frage geht, die die Überschrift suggeriert, sondern er mit dem Geltungsanspruch aufzutreten scheint, im Besitz der allein richtigen moralischen Einstellung zu sein. Mir fielen beim Lesen spontan die ersten beiden Sätze im Vorwort von Norbert Bischofs Buch „Moral. Ihre Natur, ihre Dynamik und ihr Schatten“ ein: „Dieses Buch handelt von der nobelsten, segensreichsten Errungenschaft der Humanität, der Krönung des Schöpfungswerkes. Es handelt von dem gefährlichsten, erbarmungslosesten Mordinstrument, dem mehr Menschen ihr Leben opfern mussten als den schlimmsten Naturkatastrophen.“
    Es geht also um Verhalten und um seine Bewertung unter dem Gesichtspunkt der Moral, allerdings ohne dass zuvor eine Analyse erfolgte, warum das eine Verhalten als moralisch gut und das andere als moralisch schlecht gelten soll. Diese Analyse wäre auch deshalb hilfreich und notwendig gewesen, da am Ende eine Empfehlung gegeben wird, die auf dieser Bewertung beruht.

    Der Hintergrund, der als Ausgangspunkt gewählt wurde, gibt die moralische Einstellung und Abwertung Andersdenkender jedoch nicht her. In seinem 1988 erschienenen Buch „Der Mensch, das riskierte Wesen. Zur Naturgeschichte menschlicher Unvernunft“ schrieb der Verhaltensforscher Eibl-Eibesfeldt: „Ohne die uns angeborene Disposition zum Mitgefühl, zur Hilfsbereitschaft und zur Freundschaft blieben wird in einen sich selbst verstärkenden agonalen Wettstreit verstrickt. Aus der Nächstenliebe, dem wirklich Guten, erwächst uns daher, so sollte man meinen, keine Gefahr Und doch wurde aus guter Absicht manch Schaden gestiftet“. (Man lese dazu Dörners Logik des Misslingens und das Kapitel zu Tanaland). „Man kann zweifellos des Guten zu viel tun. Das geschieht vor allem, wenn Tugend ideologisiert und damit zum Programm erhoben wird.“ Einige Seiten weiter fährt er fort: „Tritt zur glaubensmäßigen Kennzeichnung noch eine physisch-anthropologische, so stößt die Integration dann auf Schwierigkeiten, wenn die Einwanderer in einem relativ kurzen Zeitraum als Gruppe ankommen (...). Einwanderung führt in solchen Fällen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Konflikten, denn sie kommt ja einer Landnahme gleich. Eine Ethnie, die einer anderen, nicht integrationsbereiten, in größerer Zahl Zuwanderung erlaubt, tritt damit zugleich Land an sie ab. Sie schränkt ihre eigenen Fortpflanzungsmöglichkeiten zugunsten eines anderen Volkes ein, denn die Tragekapazität eines Landes ist begrenzt.“ Oder in den Worten Sloterdijks: Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung.
    Mit Misstrauen hat das nichts zu tun, allenfalls mit Misstrauen gegenüber der Politik und denen, die anderen die eigenen Moralvorstellungen oktroyieren wollen. Bemerkenswert auch, dass der Begründer des Fachs Humanethologie nach den derzeit als richtig propagierten Moralvorstellungen als Populist gelten muss.
    Da es „gute Gründe für die Aufnahme von Flüchtlingen“ gibt, hätte ich mir gewünscht, dass diese auch genannt werden. Stattdessen folgt eine Auflistung von Argumenten der Andersdenkenden. Eingegangen wird allerdings nur auf das letztgenannte, das mit einer „offenbar tiefsitzenden Angst“ weg zu erklären versucht wird. Angesichts der Vorgänge in Köln, Stuttgart, Hamburg zu Silvester empfinde ich das als Demütigung und Herabwürdigung der betroffenen Frauen - auch wenn der überwiegende Teil der Migranten keine derartigen Absichten hat. Und meine tiefsitzende Angst ist momentan eher die vor der Rückkehr der Inquisition, nur diesmal nicht im Namen eines liebenden Gottes sondern im Namen der Menschenrechte.

    Von den klaren Ansagen von Frau Merkel sind mir vor allem ihr „Wir schaffen das“ und ihr „dann ist das nicht mein Deutschland“ bzw. „mein Europa“ in Erinnerung geblieben. Von ihrem Plan, von dem sie spricht und nicht abweicht, erfährt man dagegen nichts, weshalb u.a. in Zeit Online in mindestens drei Artikeln dazu spekuliert wurde, und jedes Mal anders. Die einzige Ansage dazu, die allerdings auch nicht klar ausgesprochen wurde, weshalb sie auch kaum jemand verstanden hat, war die zur Rückkehr der meisten Migranten und ihr Wunsch, „dass sie gehen mit dem Wissen, was sie von uns bekommen haben“ - ob der Plan, der dahintersteckt, allerdings gelingt, daran habe ich Zweifel, denn die USA und ihre Konzerne werden sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen - da seien TTIP und CETA vor, für deren Abschluss wir unbedingt das vereinte Europa ohne Grenzen brauchen. Ob damit das Leben bei uns pulsieren wird, daran zweifele ich ebenfalls.

  7. wereatheist Antworten | Permalink

    Und? Was sollen uns diese vielen Worte sagen?
    Eibl-Eibesfeld ist natürlich immer gut für Empathiebehinderte :)

    • Trice Antworten | Permalink

      "Was sollen uns diese vielen Worte sagen?"

      Tja, wer lesen kann ist klar im Vorteil, ;-) Probieren Sie es aber ruhig noch einmal, vielleicht wird es dann verständlicher. Nur Mut, nicht aufgeben, :-)

      Und was den vermeintlichen Mangel an Empathie betrifft: Ich habe rund drei Jahrzehnte sehr erfolgreich in der sozialpädagogischen Familienhilfe gearbeitet und mehr Menschen geholfen, als die meisten anderen, die sich als Menschenfreunde verstehen. Deshalb Vorsicht mit schnellen Urteilen, ok?

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Nicht Empathie zählt hier, sondern ob Eibl-Eibesfeld Prognose einer misslingenden Integration wegen fehlendem Integrationswillen zutrifft oder nicht. Wie gut die Integration gelingt hängt von beiden Seiten ab. Diie Mehrzahl (deutlich mehr als 50%) der Flüchtlinge, die jetzt von Deutschland aufgenommen wurden, scheint integrationswillig zu sein.Sucht man nach Studien und Expertenmeinungen zu diesem Thema fällt auf wie weit die Meinungen auseinandergehen. Einig scheinen sich aber vieler darin zu sein, dass Deutschland Migranten aus gewissen Herkunftsländern nicht besonders schnell und gut integriert.

      • Trice Antworten | Permalink

        @ Martin Holzherr
        Es geht nicht einmal um Integrationswilligkeit, sondern eher um Integrationsfähigkeit. In einem Interview mit der "Cicero" sagte der Iraker, der durch sein Selfie mit Merkel bekannt wurde, seine Wunschvorstellung sei ein Stück Land, auf dem er Gemüse anbauen könne, denn das könne er am besten. Das ist aber in unserer Gesellschaft nicht zu realisieren.Gehen wir davon aus, dass die Mehrzahl der durchaus integrationswilligen Immigranten zwar vergleichbare Wunschvorstellungen haben, werden sie sich vermutlich dennoch mehr oder minder gut zumindest in unsere Berufswelt fügen. Aber es sind Menschen - und sie werden eins ganz sicher haben, nämlich Heimweh. Die Trauer um den Verlust der Heimat, die Notwendigkeit, sich in eine Gesellschaft eingliedern zu müssen, die ihnen fremd ist, wird dazu führen, dass sie sich umso mehr im Privatleben mit Menschen aus ihrer Heimat zusammenfinden, um wenigstens dort ein Refugium zu haben, in dem sie sein können (und dürfen?), die sie sind.

        Mich überrascht allerdings, dass offenbar niemand über diesen Satz von Merkel gestolpert ist: „Wir erwarten, dass, wenn wieder Frieden in Syrien ist, wenn der IS im Irak besiegt ist, sie mit dem Wissen, das sie bei uns erworben haben, wieder in ihre Heimat zurückkehren“ (nachzulesen u.a. in der FAZ vom 30. Januar). Warum wohl sind es vorwiegend Syrer und Iraker, die bei uns aufgenommen werden, von denen die Meisten wieder zurückkehren müssen? Liest eigentlich niemand, was da steht?
        Merkel war und ist - vielleicht mehr noch als Schröder - die Kanzlerin der Wirtschaft, insbesondere auch der großen Konzerne. Nicht umsonst stehen der Verband deutscher Arbeitgeber, Industrie-und Handelskammer u.a. hinter ihrer Politik. Und die Wirtschaft will den TTIP und CETA - dafür braucht sie ein vereintes Europa, denn diese Verträge werden nicht mit Nationalstaaten, sondern mit der EU-Kommission geschlossen. Und ausgerechnet mit ihrer Flüchtlingspolitik konterkariert Merkel anscheinend eben dieses vereinte Europa. Das scheint hinten und vorn nicht zu passen - außer man hat im Hinterkopf, dass in Syrien un (und im Irak) ein Stellvertreterkrieg geführt wird, in denen es für USA einerseits und Russland (und China) andererseits um die Verteilung der Welt und den wirtschaftlichen Imperialismus geht ... an dem Europa genauer: Deutschland teilhaben will und muss, wenn es nicht bedeutungslos werden will.Wenn es in diesen Ländern irgendwann Frieden gibt und Regierungen, die Verträge schließen müssen, um das Land und die Wirtschaft wieder aufzubauen, dann brauchen dies Länder auch ein Volk, das dies tun kann. Und menschen, die Heimweh haben, werden dann auch gehen wollen. Aber wenn wir bis dahin eine große Zahl an Syrern und Irakern aufgenommen haben, die die deutsche Sprache gelernt, die bei uns eine Ausbildung erhalten haben, die für deren Länder durchaus nützlich sind, dann werden wir diese Menschen "mit dem Wissen, WAS sie von uns bekommen haben (nicht etwa nur das Wissen, das sie sich erworben haben) zurrückschicken mit eben diesem Wissen: Ihr habt von uns bekommen wir schließen nun mit euch die Verträge - zu unser beider Nutzen.
        Darum geht' s, nicht um Humanismus und schon gar nicht darum, sie vollständig zu integrieren. Und deshalb gbt es keine Obergrenzen, denn je mehr von ihnen zu uns kommen, umso größer die Zahl derer, die mit diesem Wissen wieder zurückkehren.
        Lehr mich einer die Menschen kennen ...

        • Paul Stefan Antworten | Permalink

          Trice:
          "Aber wenn wir bis dahin eine große Zahl an Syrern und Irakern aufgenommen haben, die die deutsche Sprache gelernt, die bei uns eine Ausbildung erhalten haben, die für deren Länder durchaus nützlich sind, dann werden wir diese Menschen "mit dem Wissen, WAS sie von uns bekommen haben (nicht etwa nur das Wissen, das sie sich erworben haben) zurückschicken mit eben diesem Wissen: Ihr habt von uns bekommen wir schließen nun mit euch die Verträge - zu unser beider Nutzen."

          Vielleicht ist das ein Gedanken, aber bestimmt kein Masterplan von Merkel. Dafür ist das politische und gesellschaftliche Risiko zu hoch. Der Syrienkrieg ist auch nicht in erster Linie ein Stellvertreterkrieg zwischen Russland und den USA.Dafür engagieren sich die USA viel zu wenig, Obama hat die rote Linie bei den Chemiewaffen ja wieder mit Hilfe Russlands ausradiert und vermeidet einen Stellvertreterkrieg mit Russland. Bis zum direkten Eingreifen Russlands war es hauptsächlich ein Stellvertreterkrieg zwischen Iran und Saudi-Arabien/Katar, wobei Russland Assad unterstützt hat. Russland möchte auf jeden Fall Assad halten. Wie sie auf (China) kommen, verstehe ich nicht.

          Es ist vollkommen in Ordnung, wenn man Bürgerkriegsflüchtlinge nach Beendigung des Krieges (und einer gewissen Frist) zur Rückkehr auffordert. Die meisten wollen das dann auch.

          "Aufteilung der Welt": Man sollte über die gängigen Erklärungsmuster für alles und jedes nicht die regionalen Unterschiede und Besonderheiten vergessen, z.B. den Machtkampf Saudi-Arabiens mit dem Iran, die Unfähigkeit der irakischen Politiker, den Irak zu einen und halbwegs fair zu regieren und vieles anderes mehr. Sie reduzieren die Komplexität des Problems.

          • Trice | Permalink

            Eben weil das politische und gesellschaftliche Risiko so hoch ist, hat sie ihn ja auch nicht verkündet, sondern stets nur gesagt, sie habe einen Plan, aber nicht wie dieser Plan aussieht.
            Dass die meisten Flüchtlinge zurückwollen und dies in Ordnung ist, gehört mit zum Plan. Anderenfalls ergäbe es überhaupt keinen Sinn, Millionen in deren Integration zu stecken, sie zu schulen und auszubilden, nur um sie dann zurückzuschicken.
            Zudem: es ist ja nicht gesagt, dass ein Plan auch funktioniert. Wenn sich an einer Stelle etwas ändert, muss man entweder nachziehen oder neu planen.

            Man darf sich im Übrigen nicht zu sehr in Einzelheiten verzetteln, sonst verliert man die Übersicht, ;-).

        • Martin Holzherr Antworten | Permalink

          Dass Merkel mit der Aufnahme von Flüchtlingen letztlich wirtschaftliche Ziele verfolgt, scheint mir - ehrlich gesagt - abwegig.
          Wenn schon sollte die Aufnahme von syrischen Flüchtlingen als deutscher und europäischer Beitrag zum Syrienkonflikt rüberkommen. Merkel will Deutschland als Friedensmacht - oder wenn es schon kein Macht ist - als Linderer von Leid positionieren. Das macht Sinn und es passt sehr gut dazu, dass Europa im Syrienkonflikt überhaupt keine Rolle spielt - mindestens ist es in ihrer Liste von Fremdmächten, die im Syrienkonflikt mitspielen, nicht erwähnt. In dieser Liste erwähnen sie die USA, Russland und China, vergessen aber die Iraner, die Saudis, die Hisbollah und den Konflikt zwischen Sunniten und Shiiten, der in Syrien ausgetragen wird. Dass Europa hier vollkommen abseits steht und auch die USA - entgegen dem Erscheinen auf ihrer Liste - sich raushalten will soweit das überhaupt geht, deutet auf ein sehr ernstes Problem hin: Europa ist Zuschauer, es ist Zuschauer, selbst wenn die Welt um Europa herum untergeht. Neu ist das nicht. Auch im Bosnienkrieg mussten die USA die Kastanien aus dem Feuer holen, obwohl doch Ex-Jugoslawien dazumal vor der Haustür Europas lag und heute sogar Teil davon. Doch jetzt hat sich dieses Problem deutlich verschärft, denn jetzt haben die USA die Kastanien nicht mehr aus dem Feuer geholt. Diesmal stehen sie in Syrien und überhaupt in den Ländern des Post-Arabischen-Frühlings (gekennzeichnet durch Zerfall/Restauration) genau so abseits wie Europa schon immer (seit dem 2. Weltkrieg). Ich behaupte, diese Position - das ewige Abseitsstehen - lässt sich auf Dauer nicht durchhalten ohne dass auch Europa Schaden nimmt. Deutschland und Europa hat nun mit der Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge zeigen wollen, dass sie trotz allem einen Beitrag leisten. Doch Fliehende aufzunehmen ist letztlich weit weniger friedensstiftend als mitzuhelfen den Krieg in Syrien zu beenden. Heute verlässt sich Europa viel zu stark auf die USA. Was aber, wenn die USA in Zukunft kein Interesse mehr am Nahen Osten zeigen und Europa mit allem was dort und in den Nachbarländern zur EU (zum Beispiel der Türkei) passiert, allein zurechtkommen muss. Bis jetzt hat Europa nicht gezeigt, dass es dieser Situation gewachsen ist. Neuerdings zahlt es sogar Milliardenbeträge in die Türkei, damit dieses Land einen Puffer zwischen dem Nahen Osten und Europa bildet. Klar gibt es für Europa wenig Alternativen. Dies aber auch weil Europa als Einheit zu schwach ist und die Nationalstaaten immer noch den Ton angeben. So lässt sich dann auch erklären, dass Frankreich schon mehrmals in Nordafrika eingegriffen hat und dabei so tut. als hätte das alles nichts mit Europa zu tun.

          • Trice | Permalink

            @Martin Holzherr " Wenn schon sollte die Aufnahme von syrischen Flüchtlingen als deutscher und europäischer Beitrag zum Syrienkonflikt rüberkommen. Merkel will Deutschland als Friedensmacht - oder wenn es schon kein Macht ist - als Linderer von Leid positionieren"

            Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber das ist nachgerade rührend naiv. Humanität ist eine ethische Haltung, die man sich als Einzelner aneignen sollte und muss. In der Politik ist sie nachrangig. Als Kanzlerin Deutschlands hat Merkel die Aufgabe, im Interesse und zum Wohl dieses Landes zu handeln. Und sie weiß mit Sicherheit, dass eine florierende Wirtschaft der Dreh- und Angelpunkt für die Erhaltung des Lebensstandards eines Volkes ist. Dass sie bei ihrer derzeitigen Politik den humanitären Aspekt nutzt, um ihre Politik zu verkaufen, ist clever. Aber sie wäre geradezu verantwortungslos naiv, wenn das ihr einziges Motiv wäre. Denken Sie politisch.

            "Ich behaupte, diese Position - das ewige Abseitsstehen - lässt sich auf Dauer nicht durchhalten ohne dass auch Europa Schaden nimmt."

            Das klingt schon besser, denn genau das ist der Punkt: dafür zu sorgen, dass Deutschland nicht abseits steht, dass es ein Faktor ist, der auf dem globalen Wirtschaftsmarkt mithalten kann.
            Dass sie das nicht an die große Glocke hängt, ist nachvollziehbar, würde ich auch nicht tun. GB und Spanien werfen ihr ja jetzt schon vor, nur deshalb junge, gut ausgebildete Leute als Fachkräfte und zur Sicherung der Altersvorsorge hereingeholt zu haben. Stellen Sie sich mal die Reaktionen unserer europäischen Partner und der USA vor, wenn sie sagen würde, sie habe sie hereingeholt, um später, wenn sie zurückkehren müssen, die erhaltenen Leistungen durch Verträge mit deutschen Firmen wieder hereinzuholen.

          • Martin Holzherr | Permalink

            @Trice:Ihre Meinung, Politik handle immer im direkten nationalen Eigeninteresse, teile ich nicht. Vielmehr darf/sollte Politik nicht gegen Eigeninteressen verstossen. Das ist aber nicht das Gleiche. Es bedeutet, dass Aussenpolitik auch wenig eigennützige Hilfestellung geben kann, wenn das dem Partner nützt, es die Beziehungen zum Partner verbessert und es dem Ansehen des Landes in der Welt dient. Als gute Nation angesehen zu werden bringt nämlich auch einen Nutzen - wenn auch nur indirekt. Die bewusste Schaffung eines positiven Images für ein Land kann als Teil der Soft Power angesehen werden. Soft Power bedeutet, dass man das Denken und Handeln der Anderen indirekt lenkt, indem man Denkweisen und Betrachtungsweisen beeinflusst und einen Sympathiebonus oder Kompetenzbonus erarbeitet. In EU-Finanzfragen hat sich beispielsweise Deutschland oft darum durchgesetzt, weil viele Haushaltsminister Deutschland mehr Kompetenzen in Finanzfragen attestierten und sie zudem keinen Affront riskieren wollten. Hätte Deutschland aber eines dieser Länder verärgert, dann wäre die Bereitschaft nachzugeben kleiner gewesen.

        • Martin Holzherr Antworten | Permalink

          Nicht nur Assimilation, sondern sogar Integration scheint einigen Pro-Migration Agierenden nicht unbedingt nötig. Die Beachtung des Grundgesetztes genüge.
          Oder mit anderen Worten: Parallelgesellschaften sind OK, solange alle Bewohner von Deutschland sich ans Grundgesetz halten.

          Parallelgesellschaften zementieren Chancenungleichheit
          Fehlende Integration und die Ausbildung von Parallelgesellschaften lässt sich am Grad der Vermischung der Bevölkerung ablesen. Personen aus einer Parallelgesellschaft haben keine Bekannten und Freunde in der übrigen Gesellschaft und heiraten auch nicht nach aussen.Doch dabei bleibt es meist nicht. Auch die Berufstätigkeiten unterscheiden sich von der übrigen Gesellschaft, Sprache, Medien, Moral und Werte sind andere. Eine Gesellschaft - auch eine Parallelgesellschaft - hat auch ein Aussenbild, urteilt also über die Nichtzugehörigen. Und nicht selten sind diese Urteile feindselig. Die Anderen leben ein falsches Leben, sind potenzielle Feinde. Das ist zwar nicht immer festzustellen - bei rein religiös motivierten Paralellgesellschaften am wenigsten -, doch es scheint mir eher die Regel als die Ausnahme. Ein Grund liegt darin, dass die Gesamt-Gesellschaft als ganzes quasi Ressourcen verwaltet und diese Ressourcen in Form von Arbeitsanstellungen, Karrierechancen etc. auf die Mitglieder verteilt. Mitglieder von Parallelgesellschaften kommen hier meist zu kurz, weil ihnen die Qualifkation fehlt (oder angeblich fehle (in Frankreich erhalten Banlieuebewohner oft von vornherein keinen Job)). Die unterschiedlichen Lebenschancen von Mitgliedern der Regelgeselllschaft gegenüber der Parallelgesellschaft schaffen aber zwangsweise Neid, sogar Hass.
          Weil das so ist, sollte Integration angestrebt werden und weil das so ist, ist auch die Ausbildung von Parallelgesellschaften problematisch.

  8. Gerald Fix Antworten | Permalink

    Sind Sie, Herr Grüter, eigentlich sicher, dass es heutzutage tatsächlich mehr Populisten gibt als früher? (FJ Strauß fällt mir da als erstes ein, oder in den USA G.C. Wallace.) Besteht der Unterschied nicht eher darin, dass manche der klassischen Organisationen (Parteien) die Populisten heute nicht mehr einbinden können?

    • Thomas Grüter Antworten | Permalink

      "Früher" ist natürlich ein weiter Zeitraum, und ich denke, ein Vergleich bringt uns nicht unbedingt weiter. Zur Zeit des kalten Kriegs existierte eine Art "offizielles" Feindbild in Europa. Für populistische Parteien war da wenig Raum (Im Ostblock waren andere Parteien sowieso nicht zugelassen). Die Aufhebung der Zweiteilung hat erst den Platz geschaffen für die populistischen Bewegungen in vielen Ländern. Es gibt also heute vielleicht nicht mehr Populisten, aber mehr Raum (und mehr Stimmen) für populistische Bewegungen, die selbst definierte innere und äußere Feinde für die Quelle allen Übels halten und ihnen deshalb den Kampf angesagt haben.

      • Trice Antworten | Permalink

        Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es eben diese Populisten sind, die dem selbst definierten inneren und äußeren Feind in Gestalt von TTIP und CETA den Kampf ansagen, während die "Eliten" die Zunahme der Privatisierung fördern und jeder Wiederverstaatlichung Widerstand entgegensetzen. Nur mal als Auszug aus Max Roths "TTIP.Wohlstand durch Freihandel oder Verelendung Europas?": "In Frankreich hingegen werden gut 9000 der 11800 Autobahnkilometr ohnehin schon von Privatunternehmen betrieben, nämlich von Konzernen aus Frankreich Spanien und Australien. Im Februar 2015 planten mehr als 10 000 Autofahrer eine gemeinsame Klage gegen diese Betreiber, nachdem der Rechnungshof und die Wettbewerbsaufsicht in Berichten festgestellt hatten, daß die Mautgebühren überhöht sind: Wenn der französische Autofahrer 100 Euro Maut zahlt, bewirkt das einen durchschnittlichen NETTOgewinn der Unternehmen von 20 bis 24 Euro."
        Der Begriff "Populist" lässt sich also auch sehr gut als Totschlaginstrument zur Machterhaltung missbrauchen.

        Und auch das mag niemandem aufgefallen sein: Seit Monaten nennen die Medien: CDU, SPD, Grünen, Linke, aber AfD immer mit dem Attribut: die rechtspopulistische AfD, mitunter zwei-, dreimal in einem Artikel oder Beitrag, obwohl einmal vielleicht genügt hätte. Zufall?
        Das liest man ein paarmal bewusst, dann liest man es automatisch mit, dann versickert es ins Unterbewusstsein, und irgendwann reicht es, nur noch AfD zu schreiben - das "rechtspopulistisch" wird dann automatisch mitgedacht. Nennt man operantes Konditionieren und ist ein sehr subtiles Mittel, um Menschen zu manipulieren. Bei mir schrillen bei solchen Praktiken die Alarmglocken ...

        • Anton Reutlinger Antworten | Permalink

          Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass viele Rechtspopulisten glauben, das Volk sei so blöde, sich von den Medien korrumpieren zu lassen und nur sie selber seien so schlau, die bösen Machenschaften der Medien zu durchschauen.

          • Trice | Permalink

            Sie wollen doch damit hoffentlich nicht zum Ausdruck bringen, dass es bei Ihnen bereits gewirkt hat?

            Und ich weiß zwar nicht was viele Rechtspopulisten glauben, ich stelle nur in meinem Umfeld fest, dass praktische Jede(r) sagt, tun könne man ja doch nichts, am besten, man kümmert sich nur um seine eigenen Dinge.

        • Martin Holzherr Antworten | Permalink

          Und den freigewordenen Raum versuchen sie auszufüllen Frauke Petry: Genau. Das politische Vakuum war bereits vor der AfD da. Wir sind so gesehen ein Kind Merkels.

          Genau das ist Populismus: Die Populisten greifen Sorgen und Unzufriedenheiten auf, die bei den existierenden Parteien unter den Tisch fallen. Deshalb und weil die übergangenen Leute meist aus einem einfacheren Milieu stammen ist der Populismus meist auch so Trumpish, also so rüde und vulgär. Deshalb auch arbeitet der Populist mit Emotionen der deutlichen Sorte - mit Hass, Wut, mit der Sprache des zornigen Manns von der Strasse.

          Wenn sie schreiben: Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es eben diese Populisten sind, die dem selbst definierten inneren und äußeren Feind in Gestalt von TTIP und CETA den Kampf ansagen so müssen sie wissen, dass Aussagen der AfD zu TTIP oder CETA nur - oder vor allem- deshalb gemacht werden, weil sie hier ein Protest- und Wählerpotenzial wittern.
          Dazu liest man im Interview der Sonntagszeitung (Zürich) mit Frauke Petry folgendes:
          Interviewer Die AfD startete als EU-kritisches Projekt. Mit Ihnen als Chefin versteift sich die Partei auf das Flüchtlingsthema.
          Frauke Petry Als Journalisten sollten sie wissen, dass kleine Parteien nicht in der Lage sind, eigene Themen zu setzen. Unser Programm beinhaltete von Anfang an auch Aspekte der Familien- oder Energiepolitik. Es ist aber nun mal so, dass die Migrationskrise das letzte Jahr dominiert hat. Wir haben uns das nicht ausgesucht.
          Interviewer: Vielleicht ist die AfD auch nur ein Übergangsphänome, so wie es die Piratenpartei war.
          Frauke Petry ....Wir wollen Fehler wie jene der Piraten verhindern; die waren von Anfang an unser Negativ-Vorbild

          Fazit: Eine neue Partei, die Wähleranteile gewinnen will, muss bis zu einem gewissen Grad populistisch sein. Sie muss jedenfalls Wähler für sich gewinnen, die keine Heimat bei den etablierten Parteien haben. Diese Bürger, die sich nicht vertreten fühlen, verfügen oft auch nicht über die Sprache um ihre Anliegen druckfertig oder auch nur "gepflegt" zu formulieren. Das schafft dann die Voraussetzungen für den rüden, von Zorn bestimmten Stil der Politiker, die vorgeben die Anliegen dieser schweigenden Minderheit/Mehrheit zu vertreten.

  9. Paul Stefan Antworten | Permalink

    Thomas Grüter:
    "Die Flüchtlinge dürfen nicht als fremde Gruppe aufgebaut werden. Jeder hat ein individuelles Schicksal, ... ."

    Das ist eine ideale Betrachtung, aber die Einwanderer verstehen sich ja mehr oder weniger auch als Angehörige von diversen Gruppen, deswegen kamen ja auch die ernsten Hinweise, dass man christliche und muslimische Einwanderer, insbesondere zum Christentum konvertierte Ex-Muslims, Homosexuelle aus muslimischen Ländern und andere religiöse und ethnische Minderheiten in den Unterbringungen trennen muss, weil es zu schweren Belästigungen, Mobbing und Drohungen kam.
    Gruppensolidarität und Abgrenzung von Gruppen gegenüber Fremden gilt natürlich nicht nur für Deutsche, die sich durch eine Masseneinwanderung auf irgendeine Weise bedroht sieht, sondern auch für die einwandernden Gruppen,umso mehr, wenn sie früher oder später die Position des abhängigen und dankbaren Hilfsuchenden verlassen und gesellschaftliche Mitsprache verlangen. Dann stellen sich entsprechend der Mehrheitsverhältnisse unter Umständen problematische Fragen. Jede Forderung einer Gruppe (Minderheit) kann dann als Angriff auf die Gewohnheitsrechte der anderen Gruppe (Mehrheit) verstanden werden. Jede individuelle Zurückweisung durch einen Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft kann als Ausdruck struktureller Unterdrückung gewertet werden.

  10. Paul Stefan Antworten | Permalink

    Trice:
    "Man darf sich im Übrigen nicht zu sehr in Einzelheiten verzetteln, sonst verliert man die Übersicht, ;-)."

    Ja, Details sind lästig. :-)

    Man sollte übrigens auch nicht hinter jedem Handeln einen großen Plan vermuten. Ein/e Politiker/in macht etwas mit großen, mutmaßlich unbeabsichtigten Folgen und möchte nicht als Depp dastehen. Er/Sie behauptet deswegen, stets konsequent zu handeln, während sich die Umstände schneller ändern als man schauen kann. Mal erscheint das Handeln fragwürdig, dann gerissen, dann verrückt und bald darauf wieder weitsichtig, je nach Beobachter und Zeitpunkt. Sie sollten sich nicht hinreißen lassen, jedem politischen Handeln einen großen, übergeordneten Sinn zu geben, es ist oft nur chaotisch, getrieben von den widerstreitenden Impulsen des Augenblicks.

    • Trice Antworten | Permalink

      Details sind nicht lästig, sie sind nur nicht immer relevant.
      Aber da Sie die Komplexität der Lage angesprochen haben: beschäftigen Sie sich doch mal mit komplexem Problemlösen, z. B. mit "strategischem Denken in komplexen Situationen." Das ist der Untertitel eines Buches des Psychologen Dietrich Dörner, der dazu geforscht und aus den Untersuchungsergebnissen den Schluss gezogen hat, dass das menschliche Denken für den Umgang mit komplexen Problemen nicht ausgelegt sei. Ich hatte ihn damals gefragt, warum er eine so generalisierende Aussage gemacht habe, immerhin hatte er Probanden, die sehr gut mit solchen problemen zurecht kamen. Er sagte, es seien so wenige gewesen, dass sie aus der Statistik herausgefallen waren. Er wies mich außerdem auf die Theorie einer Mathematikerin hin, die dasselbe herausgefunden hatte wieich: dass es zwei Gruppen gibt, in die Menschen sich unterteilen i der Art ihres denkens: die wesentlich größere Gruppe denkt in Begriffen und Beziehungen, achtet auf Zustände und Details (die zueinander in Beziehung gesetzt werden). Die deutlich kleinere Gruppe denkt in Prozessen und Funktionen, achtet auf Abläufe und Wirkungsweisen - dies haben in Dörners Untersuchungen die Probanden getan, die sehr gut mit komplexen Problemen zurecht kamen.
      (Nur nebenbei: die "Ursache" zweier verschiedener Arten des Denkens liegt in der Ausführung des Regelwerks, das der menschlichen Informationsverarbeitung zugrunde liegt).
      Ich gehöre zur Minderheit, weshalb ich Anderes wahrnehme, auf Anderes achte und Zusammenhänge auf der Basis von Wirkungsweisen erkenne.

      Ihre Analyse von Merkels Verhalten ist, ich hoffe, es ist Ihnen klar, imgrunde eine Beleidigung der Intelligenz dieser Frau. Sie lassen außerdem bei Ihren Überlegungen die Vergangenheit, also Merkels Handeln in der Vergangenheit außer Acht - ihren Einsatz für die Rettung Griechenlands um den Euro und mit ihm die Einheit Europa zu erhalten; ihren Einsatz für den Abschluss der CETA- und TTIP-Verhandlungen - alles im Interesse der Wirtschaft. Und nicht umsonst stehen die großen Industrie- und Wirtschaftsverbände hinter ihrer Politik, auch ihrer Flüchtlingspolitik. Und das bestimmt nicht, weil sie Sorge um die Altersversorgung haben, und nicht einmal wegen des (angeblichen) Fachkräftemangels. Die wollen einen Fuß in die Tür auf dem globalen Markt und da geht es nicht um politischen, sondern um wirtschaftlichen Imperialismus.
      Vielleicht können wir auch mal festhalten, dass sie mehrfach gesagt hat, sie habe einen Plan und einen anderen gebe es nicht. Da braucht man also nichts zu vermuten, außer dass sie so dämlich sein könnte an einer Luftblase festzuhalten.
      Sie hätte, nachdem sie die Migranten im Herbst nach Deutschland geholt hat, auch sagen können, es wäre eine einmalige Angelegenheit, mehr ginge nicht. Stattdessen lässt sie einen immensen Nachzug zu, wehrt sich gegen Obergrenzen, lenkt auch nicht ein, als sich abzeichnet, dass ihre Flüchtlingspolitik Europa, für das sie sich so eingesetzt hat und einsetzt, zerreißt, dass durch die eigene Bevölkerung ein Riss geht, sie will die Migranten integrieren, was Millionen, wenn nicht Milliarden kostet - und das alles, nur um einen Fehler nicht zugeben zu müssen?
      Sorry, aber in welchen Dimensionen denken Sie?
      Dass Merkel sich dafür einsetzt, die europäischen Grenzen zu sichern, ist kein Argument dagegen, denn es sollen weiterhin Migranten aufgenommen werden, nur eben in Kontingenten. Und wenn sie dann sagt, die Meisten müssten wieder zurück, mit dem Wissen, was sie von uns bekommen haben - sie sagte nicht, mit dem Wissen, das sie von uns bekommen haben, und sie sagte auch nicht, mit dem Wissen, das sie von uns erhalten oder erworben haben. Das sind Details, auf die man sehr wohl achten muss.

      Das Problem dürfte allerdings sein, alle diese Fakten in einen sinngebenden Zusammenhang zu setzen. Nur weil Sie ihn nicht sehen können, heißt es nicht, dass es ihn nicht gibt. Und es heißt auch nicht, dass er funktionieren wird ...
      Ich fürchte, er wird nicht funktionieren.

      • Paul Stefan Antworten | Permalink

        Merkel ist so intelligent, dass sie ein Riesensuperplan hat, und Sie sind so intelligent, dass Sie erkannt haben, dass er nicht funktioniert. Und weil ich das nicht erkenne, bin ich blöd.
        Soweit habe ich das kapiert.
        Dass sich die Hilfeleistung irgendwann einmal auszahlt ist nichts als eine vage Hoffnung und kein Plan. Warum sollte sich Merkel darin verrennen? Ist sie dümmer als Sie?
        Ihre Theorie überzeugt mich nicht.

        • Trice Antworten | Permalink

          1.Zunächst einmal ist es keine Theorie, sondern wenn, dann eine Hypothese, also eine Annahme, die ich aufgrund der Fakten für gültig halte. Ob sie zutrifft, wird die Zeit zeigen.
          2.Dass sich die Hilfeleistung einmal auszahlt, darf keine Hoffnung sein, wenn kein Plan dahintersteht. Die Hilfeleistungen sind eine Investition, aber sie wären keine, wenn die meisten derer, die sie erhalten haben, wieder zurückkehren müssen. Jedes Unternehmen, das so vorgehen würde, wäre in kürzester Zeit bankrott.
          3. Ich habe nicht geschrieben, dass ein solcher Plan nicht funktioniert, sondern dass ich FÜRCHTE, dass er nicht funktionieren wird. Dass Ganze ist eine Kosten-Nutzen-Rechnung: Wenn er in Teilen funktioniert, war er immer noch richtig, jedenfalls solange die Kosten den Nutzen nicht übersteigen.
          4. Was das "dümmer oder nicht dümmer" betrifft, das Problem haben ich und Meinesgleichen mein / ihr Leben lang. Als ich mich vor dem zweiten Irak-Krieg darüber ärgerte, dass ständig über die Inspektoren berichtet wurde, die im Irak nach Saddams Waffen suchten und ich diese Berichterstattung als Volksverdummung bezeichnete, weil für mich klar war, dass die USA diesen Krieg in jedem Fall führen und das Land ins Chaos stürzen würden, da glaubte mir niemand und ich wurde sogar gefragt, ob ICH diesen Krieg etwa wolle - es sei doch gut, dass weiterhin nach Waffen gesucht würde.
          Als einige Zeit später eingetreten war, was ich prognostiziert hatte, konnte sich plötzlich niemand mehr erinnern, dass ich das vorhergesagt hatte.
          Mein Sohn schreibt deshalb Memeos, und er sagte mir einmal, er habe festgestellt, dass seine Kollegen Angst vor ihm hätten, weil er Dinge wisse, die sie nicht wissen, obwohl er auch keine anderen Informationen habe als sie. Liegt, wie ich schon sagte, daran, dass unser Gehirn Information anders verarbeitet als das Gehirn der Mehrheit. Mit Dummheit hat das nichts zu tun. Es gäbe keine zwei Arten, wenn sich nicht beide als erfolgreich erwiesen hätten.

          • Paul Stefan | Permalink

            1."Zunächst einmal ist es keine Theorie, sondern wenn, dann eine Hypothese..."

            Akzeptiert, es ist eine Hypothese. Dagegen spricht, dass Merkel nicht den österreichischen Vorschlag aufgreift, die Flüchtlinge z.B. direkt aus Griechenland oder der Türkei nach Deutschland einzufliegen

            2."Dass sich die Hilfeleistung einmal auszahlt, darf keine Hoffnung sein, wenn kein Plan dahintersteht."

            Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Es handelt sich um eine Rationalisierung, mit der Tatsachen nachträglich Sinn gegeben wird. "Die Krise als Chance" ...

            3. Auch Merkel müsste wissen, dass so ein "Plan" hochriskant ist, warum sollte sie ihn dann verfolgen?

            4. "Was das "dümmer oder nicht dümmer" betrifft, das Problem haben ich und Meinesgleichen mein / ihr Leben lang."
            Da sind Sie nicht allein.
            Joschka Fischer hat das mit den Massenvernichtungswaffen nicht geglaubt, ich auch nicht und viele andere auch nicht. Sie haben vielleicht Pech mit Ihrem Milieu.
            2011 war ich auf einer Türkeireise, der Reisebus fuhr an der Westküste vorbei, der Reiseführer wies uns auf die griechischen Inseln hin, die man vor der Küste sehen konnte und da fiel mir ein: es ist nur ein Katzensprung in die EU. Was passiert, wenn Flüchtlinge diese Route entdecken? Ich bekam einen Schreck. Dann dachte ich mir, sei kein Schwarzmaler, vergiss es, verdräng es. Vielleicht hätte ich aber doch Merkel einen Brief schreiben sollen. :-)

            "Es gäbe keine zwei Arten, wenn sich nicht beide als erfolgreich erwiesen hätten."
            Wer zuviel über die Folgen nachdenkt, zögert eventuell mit den Entscheidungen, wer schnell entscheidet, übersieht die Folgen. Insofern hat beides Vor- und Nachteile.

  11. Trice Antworten | Permalink

    @ Martin Holzherr " Ihre Meinung, Politik handle immer im direkten nationalen Eigeninteresse, teile ich nicht. Vielmehr darf/sollte Politik nicht gegen Eigeninteressen verstossen. Das ist aber nicht das Gleiche. Es bedeutet, dass Aussenpolitik auch wenig eigennützige Hilfestellung geben kann, wenn das dem Partner nützt, es die Beziehungen zum Partner verbessert und es dem Ansehen des Landes in der Welt dient."

    Dass Politik nicht immer im nationalen Eigeninteresse handelt, daran zweifle ich nicht. In einer Diktatur ist das ja gerade nicht der Fall, oder? Aber dass sie nur nicht gegen die nationalen Eigeninteressen verstoßen darf, ist denn doch ein bisschen zu wenig. Immerhin lautet der Amtseid:

    „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden (...) werde." Solange dies gewährleistet ist, ist alles in Ordnung. Das beinhaltet nämlich auch, dass man auch uneigennützige Hilfestellung geben darf und muss, und wie Sie sagen, "die Beziehungen zum Partner verbessert". Derzeit verbessert diese Politik die Beziehungen zu den europäischen Partnern gerade nicht, im Gegenteil, was eventuell noch zu entschuldigen wäre, wenn es den nationalen Interessen nützt. Aber auch das ist momentan nicht der Fall - außer es steckt ein langfristiger Plan dahinter, der im nationalen Eigeninteresse bzw. im Interesse der deutschen Wirtschaft ist.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Ja, die Flüchtlingskrise hat Europa (wieder einmal) gespalten, was voraussehbar war, Merkel aber scheinbar nicht voraussah. Wenn man nationalen oder europäischen Mehrgewinn durch Regierunsentscheidungen erwartet, war Merkels Einstehen für einen Grenzabbau mindestens kurzfristig gesehen falsch.

      Übrigens sind sie nicht allein beim Zusammenphantasieren eines eigennützigen Plans hinter Deutschlands Willkommen für Flüchtlinge. Ganz zu Beginn las ich oft, der Zweck sei der Ausgleich des Geburtenmangels, des Fachkräftemangels. Dass Flüchtlinge die neuen Facharbeiter wären habe ich allerdings nie geglaubt und dass es "Intellektuelle" gab, die dies annahmen beweist für mich nur, wie wenig deutschsprachige Denker und Schreiber über die sozialen Realitäten wissen.
      Für mich ist nach wie vor die beste Interpretationh des Willkommens, dass Merkel und Deutschland als positive Kraft wahrgenommen werden wollten. Denn alle anderen Erklärungen gehen nicht auf. Es gibt keinen monetären oder irgendwie anders gearteten Nutzen der Flüchtlingsaufnahme.

        • Martin Holzherr Antworten | Permalink

          Klar Mona, die Sozialindustrie verdient an den Flüchtlingen. Doch gesamtgesellschaftlich ist die (finanzielle) Rechnung negativ. Wenn die Flüchtlinge den Asylbewerbern der jüngeren Vergangenheit entsprechen, dann muss man damit rechnen, dass nach 5 Jahren Aufenthalt immer noch 80% ohne Arbeit sind.

      • Trice Antworten | Permalink

        @ Martin Holzherr " Übrigens sind sie nicht allein beim Zusammenphantasieren eines eigennützigen Plans hinter Deutschlands Willkommen für Flüchtlinge."

        Momentan sind alle Überlegungen zu Merkels Plan A Spekulationen, solange sie nicht definitiv sagt, wie er aussieht. Davon abgesehen ist ein Plan, der der (deutschen) Wirtschaft nützt, kein eigennütziger. Eigennützig wäre er, wenn Merkel mit ihm bezweckt, als Friedens - oder Einheit Europas Kanzlerin in die Geschichte eingehen zu wollen.
        Falls hinter ihrem Handeln nur eine gesinnungsethische Haltung stehen sollte, sagte der Soziologe Gunnar Heinsohn einmal im Interview, die Entwicklung könne in zwei Richtungen gehen:
        1. in die ökonomisch-kapitalistische: Dann hätte man eine florierende Wirtschaft, aber eine gesinnungsethische Einstellung wäre dann nachrangig. Oder
        2. in die gesinnungethische, weshalb man sich dann aber von einer ökonomischen bzw. kapitalistischen Gesellschaftsform verabschieden müsse (dann dürften aber nicht die großen Wirtschaftsunternehmen und die großen Wirtschaftsverbände hinter Merkel stehen, sondern müssten gegen ihren Plan Sturm laufen). Dann würde man irgendwann auf dem wirtschaftlichen Niveau von Brasilien landen ... aber da würden ja auch viele Leute hinfahren ...

        • Martin Holzherr Antworten | Permalink

          Die Antwort der Poltik auf das Flüchtlingsproblem ist eine momentante Antwort und kein Plan für Jahrzehnte. Grosse und langfristige Pläne hatte Merkel - oder die neuere deutsche Politk überhaupt - nie. Der von Ihnen zitierte Gunnar Heinsohn denkt dagegen in historischen und demographischen Dimensionen, wenn er sagt:

          es ist verständlich, dass die, die in ihren Ländern keine Chance auf eine Position haben, Wirtschaftsflüchtlinge werden wollen. Aber wenn sie das nicht werden können, dann besteht die Gefahr, dass sie in ihren Heimatländern einen Kampf gegen diejenigen anfangen, die Positionen haben. Und dann werden ihre Heimatländer zu Kriegsgebieten. Und alle Mitbewohner werden, wenn sie auf unseren Kontinent kommen, Menschen mit Anspruch auf Schutz oder Asyl. Das ist der Hintergrund für die Masseneinwanderung, die erst ganz am Anfang steht. Die wirklichen Dimensionen liegen ja im Bereich von Hunderten von Millionen.

          Dass Europa das demographische Problem der Araber lösen kann oder will ist nicht anzunehmen. Dass Europa aber eine Antwort auf die aktuellen Probleme in ihrer Nachbarschaft - zu der die Türkei und die arabischen Länder gehören - finden will und finden muss, scheint mir klar, denn sonst ist Europa kein Akteur, sonst ist es nicht handlungsfähig und damit kein ernstzunehmender Block in der Welt.
          Mit der Bereitschaft zur Aufnahme von Flüchtlingen wollte Merkel wohl Deutschland und Europa zu humanen, aus humanistischen Gründen handelnden Problemlösern machen. Dass Merkel dabei Jahrzehnte oder nur schon Jahre voraus gedacht hat und alles Teil eines grossen Plans war, scheint mir unwahrscheinlich wenn man die Geschichte Merkels und der deutschen und europäischen Poltiik kennt. Wenn schon ist der Horizont gegeben durch die Ereignisse im Rahmen des syrischen Bürgerkriegs und der Neuordnung des arabischen Raums nach dem "arabischen Frühling".

  12. Trice Antworten | Permalink

    @ Paul Stefan, 15. März

    zu 1. Sie konnte vielleicht einmal in einer Alleinentscheidung 150 000 Flüchtlinge nach Deutschland holen, aber sicher nicht im Alleingang ohne Rücksprache mit den Koalitionspartnern und dem Parlament eine den österreichischen Vorschlag betreffende Entscheidung treffen. Schon gar nicht in der gegenwärtigen Situation.

    zu 2. Krise als Chance: ja. Ansonsten genau umgekehrt: Sie hat die Chance gesehen und sie genutzt - und ihr Handeln nicht erst hinterher rationalisiert.

    zu3. Jeder Plan auf einer solchen Ebene ist riskant. Und wer sagt, dass sie sich nicht zuvor mit Anderen abgesprochen hat, z. B. Leuten aus der Wirtschaft und ihren Beratern? Dass sie nicht Jeden einweiht, dessen Zustimmung sie nicht sicher sein kann, zumal sie ja auch schnell gehandelt und dies einem endlosen Diskutieren vorgezogen hat, ist doch wohl klar, oder?

    zu 4.
    Die zwei Arten haben nichts mit zu viel oder zu wenig Nachdenken oder mit Entscheidungsfreudigkeitetc. zu tun, und auch nicht mit dem Milieu. Sondern mit menschlicher Informationsverarbeitung und der Zugehörigkeit zur jeweiligen Gruppe, der prädikativen bzw. der funktionalen: „Zur Konzeption prädikativer vs. funktionaler kognitiver Strukturen und ihrer Anwendung“
    http://www.mathedidaktik.uni-koeln.de/fileadmin/home/ischwank/literatur/zdm96_a.pdf S. 1-9
    http://www.mathedidaktik.uni-koeln.de/fileadmin/home/ischwank/literatur/zdm96_b.pdf S-10-24

    Versuchen Sie sich mal Sie im zweiten Link auf S. 16 an der Testaufgabe und achten Sie auf Ihre Begründung, wenn Sie erklären wollen, warum Ihre Lösung richtig ist.
    Vielleicht stellt sich ja heraus, dass Sie ebenfalls zur funktionalen Minderheit gehören, nur nicht zu denen mit der extremen Ausprägung.

  13. Trice Antworten | Permalink

    @Martin Holzherr:
    "Dass Europa das demographische Problem der Araber lösen kann oder will ist nicht anzunehmen. Dass Europa aber eine Antwort auf die aktuellen Probleme in ihrer Nachbarschaft - zu der die Türkei und die arabischen Länder gehören - finden will und finden muss, scheint mir klar"

    Wenn Europa eine Antwort auf die aktuellen Probleme in seiner Nachbarschaft finden muss, wird es auch Antworten auf die zukünftigen Probleme finden müssen. Ob es das will, steht nicht zur Debatte, denn das Problem ist dasselbe: Die Menschen werden an der Grenze stehen und nach Europa wollen.
    Ich gehe allerdings auch nicht davon aus, dass mit der jetzigen Antwort auch eine für künftige Probleme gefunden werden soll. Aber eine Politik, die nicht vorausdenkt, wurde bei uns auch noch nicht gemacht - Kohl sprach schon kurz nach der Wende von blühenden Landschaften im Osten, und wie lange hat es gedauert? Und nachdem man sich in Brüssel gerade geeinigt hat: Wer, glauben Sie, wird die Mehrzahl der 200 000 Syrer aufnehmen, die jetzt legal nach Europa einreisen dürfen?

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      @Trice: Ja, Die EU hat das Vertrauen von Merkel verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, Merkel löste die EU auf und wählte eine andere EU? (frei nach Bertolt Brecht)

      • Trice Antworten | Permalink

        Warum sollte sie? Bisher läuft doch alles nach Plan. Die EU hat sich erst einmal geeinigt auf den Pakt mit der Türkei, es wurde nirgendwo festgeschrieben, wer die 200 000 Syrer (!!) aufnehmen wird, die legal einreisen dürfen, es geht, wie erwähnt, nur um die Syrer, nicht um Asylbewerber aus anderen Ländern. Und nun raten Sie mal, wer die meisten Syrer aufnehmen, integrieren und, sobald Frieden in Syrien herrscht, wieder zurückschicken wird - mit dem Wissen, was sie von uns bekommen haben ...

        Und ebenfalls frei nach Brecht: Die Regierung hat sich ein anderes Volk gewählt, es wird Zeit, das das Volk sich eine andere Regierung wählt. ;-)

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