Climategate: ein Jahr danach

1. Dezember 2010 von Stefan Rahmstorf in Medien-Check

Spät, aber immerhin: zum Klimagipfel in Cancún beleuchten einige Medien jetzt kritisch die Aktivitäten der "Klimaskeptiker" und ihre Angriffe auf den Weltklimarat IPCC. Die ZEIT bringt eine ganze Doppelseite zu den "Gehilfen des Zweifels". Dort kommen Benjamin Reuter und Toralf Staud zu dem Schluss, dass sich nach diversen Untersuchungen "die ‚Climategate'-Affäre in Luft aufgelöst" hat, die Medien aber kaum über die Aufklärung der Vorwürfe berichtet haben.

Am Ende blieben von vielen Vorwürfen lediglich zwei: eine falsche Jahreszahl im IPCC-Bericht zum möglichen Schmelzen der Himalaya-Gletscher (2035 statt 2350) sowie eine fehlerhafte Prozentangabe zu überflutungsbedrohten Gebieten in Holland (die von der niederländischen Regierung falsch zugeliefert worden war).

Genau zu dieser Folgerung waren wir hier schon im Februar gekommen, nachdem wir selbst den Vorwürfen nachgegangen waren. (Wobei ich damals selbst von diesem Ergebnis überrascht war - die Vorwürfe klangen erstmal plausibel und man erwartet ja nicht, dass Journalisten Dinge behaupten, die einfach nicht stimmen. Daher war ich selbst zunächst auch von mehr Fehlern ausgegangen.)

In der taz schreibt Bernhard Pötter zum gleichen Thema:

Ein Jahr später, vor dem wichtigen Gipfel im mexikanischen Cancún, sind die Anschuldigungen aus "Climategate" vollständig widerlegt. Daten sind nicht manipuliert worden, die Forschungsergebnisse nicht zu beanstanden, haben voneinander unabhängige Studien des britischen Parlaments, der University of East Anglia, der Penn State University und die internationalen Dachorganisation der Wissenschaftsakademien herausgefunden. Diese Freisprüche waren den Medien höchstens Randnotizen wert. Nach dem Kalkül der Klimaskeptiker: Ein Skandal wird entdeckt und mit viel medialem Theaterdonner verkündet, der politische Schaden ist erreicht.

Beim Südwestrundfunk berichtet Gabor Paal über seine Erfahrungen mit "Klimaskeptikern" und die "Hobby-Lobby" EIKE, das "Europäische Institut für Klima und Energie". Und selbst die Welt, die sonst durchaus einmal ihre Seiten für "Klimaskeptiker"-Enten öffnet, hat kürzlich die Aktivitäten von EIKE hinterfragt:

Einen validen wissenschaftlichen Gegenbeweis zum menschengemachten Klimawandel hat das Institut allerdings bislang nicht erbracht. Tatsächlich steckt hinter dem "Europäischen Institut für Klima und Energie" ein Verein ohne Büro, der nur eine Postfachadresse in Jena vorzuweisen hat. EIKE-Präsident und CDU-Lokalpolitiker Holger Thuss ist zugleich Gründer von CFACT Europe, einem Ableger des amerikanischen "Commitee für a constructive tomorrow", das zu den Spendenempfängern des Ölkonzerns ExxonMobil gehört.

  Am Nigardsbreen, Norwegen. (Foto: SR)

Ein kleiner Rückblick auf einige der vielfältigen zu Skandalen aufgeblasenen Whatevergate-Geschichten ("Climategate", "Himalayagate", "Amazongate", "Africagate", ...):

  • Die Sunday Times musste ihre "Amazongate"-Geschichte zurückziehen und eine ausführliche Korrektur drucken, nachdem der britische Amazonasforscher Simon Lewis sich über die Falschbehauptungen bei der britischen Medienaufsicht beschwert hatte. Ursprung der falschen Anschuldigungen waren - wie in weiteren Fällen - der Blogger Richard North und der Journalist Jonathan Leake.
  • In Deutschland zog die Frankfurter Rundschau einen "Africagate"-Artikel der Journalistin Irene Meichsner zurück, der ebenfalls auf Behauptungen von North und Leake fußte (wir berichteten).
  • Der Sunday Telegraph musste sich am 21. August für einen Artikel von Richard North und Christopher Booker entschuldigen, in dem er fälschlich dem IPCC-Vorsitzenden Rajendra Pachauri finanzielle Interessenkonflikte vorgeworfen hatte. Dennoch schrieb zehn Tage später der Kölner Stadtanzeiger (wieder Frau Meichsner) über Pachauris "Beratertätigkeiten für Großbanken und Investmentfirmen; trotzdem scheint der Begriff ‚Interessenkonflikt' für ihn ein Fremdwort zu sein". Zwar zitierte der Artikel Pachauri mit der Aussage, er erhalte "keinen Penny" - doch mit keinem Wort war erwähnt, dass ein unabhängiger Bericht der Buchprüfungsgesellschaft KPMG dies bestätigt und der Telegraph sich für die Vorwürfe gerade entschuldigt hatte. (Sehr lesenswert zu dieser Geschichte George Monbiot: The smearing of an innocent man.)
  • Den Vogel schoss Irene Meichsner im Kölner Stadtanzeiger mit dieser Behauptung über Pachauris Roman Return to Almora ab: "‚Rückkehr nach Almora' handelt von den amourösen Eskapaden von Sanjay Nath, einem ehemaligen Ingenieur in den 60ern, der sich in Sachen Klimawandel engagiert, genau wie der 69-jährige Rajendra Pachauri selber." Hier sollte offenbar durch die Altersangabe und das Stichwort Klimawandel Pachauri mit seiner Romanfigur identifiziert und in Verbindung mit "amourösen Eskapaden" gebracht werden. Nur hat die Hauptfigur des Romans gar nichts mit Klimawandel zu tun (ich habe das Buch gelesen). In dem Entwicklungsroman wird von der Kindheit bis zum Alter die Lebensgeschichte von Sanjay Nath erzählt, der nach einer unerfüllten Liebe in Studienjahren den Großteil seines Lebens völlig enthaltsam lebt. Erst mit Ende Vierzig trifft er die Frau seines Lebens, die aber während der Hochzeitsvorbereitungen tragisch an Krebs stirbt. Die Handvoll dezent angedeuteter Liebesszenen in dem Buch als "amouröse Eskapaden" zu bezeichnen dient offenbar nur dazu, Pachauri in ein anrüchiges Licht zu setzen.

Fundierte, sachliche Kritik sieht anders aus als solche Diffamierungsversuche. Sachliche Kritik braucht die Klimaforschung auch nicht zu scheuen. Viele Medien haben sich bei "Climategate" nicht gerade mit Ruhm bekleckert. In einem eindringlichen Appell an die Redaktionen hat die US-Medienorganisation Media Matters for America (gemeinsamen mit 12 weiteren Organisationen) es im Juli treffend auf den Punkt gebracht:

With the dust finally settling now six months later, it's painfully clear that news outlets across the globe hastily published hundreds of stories -- based on rumors, unsubstantiated claims, and the shoddy reporting of their competitors -- questioning the overwhelming scientific consensus that human activities are causing climate change. One by one, the pillars of evidence supporting the alleged "scandals" have shattered, causing the entire storyline to come crashing down.

[Nachdem der Staub sich nach sechs Monaten endlich legt, ist schmerzhaft klar, dass Nachrichtenmedien in der ganzen Welt hastig Hunderte von Geschichten publiziert haben - basierend auf Gerüchten, unbelegten Behauptungen oder den schludrigen Berichten ihrer Konkurrenten - die den überwältigenden wissenschaftlichen Konsens über den vom Menschen verursachten Klimawandel in Frage stellten. Eine nach der Anderen sind die Säulen der Evidenz für die angeblichen Skandale zerborsten, sodass am Ende die gesamte Geschichte kollabiert ist.]

 

Update 3. Dezember: Die Bundesregierung hat sich aufgrund einer kleinen Anfrage der Grünen wie folgt zu den "Klimaskeptiker"-Thesen geäußert (Drucksache 17/3917):

Der letzte IPCC-Sachstandsbericht von 2007 hat eine eindeutige Erwärmung des Klimasystems festgestellt und den Anstieg der durch den Menschen erzeugten Treibhausgaskonzentrationen als sehr wahrscheinliche Ursache der globalen Temperaturzunahme seit Mitte des 20. Jahrhunderts benannt. Der Bundesregierung sind keine wissenschaftlichen und einem Verfahren der Peer Reviews unterzogenen Arbeiten bekannt, die diese Einschätzungen nachvollziehbar in Frage stellen.

Speziell zu EIKE:

Der Bundesregierung ist die Arbeit der genannten Institution nicht näher bekannt. In begutachteten, wissenschaftlichen Publikationen oder auf Fachtagungen ist die Institution nach Kenntnis der Bundesregierung bisher nicht in Erscheinung getreten.

Update 6. Dezember: Telepolis hat einen Bericht von der EIKE-Konferenz in Berlin.

Update 12. Dezember: Das ZDF hat in der Sendung Frontal 21 einen kritischen Beitrag zur EIKE-Konferenz in Berlin gebracht. Als Reaktion darauf hat sich EIKE-Pressesprecher Professor-Emeritus Horst-Joachim Lüdecke mit einer wüsten Tirade an das ZDF gewandt. Dort vergleicht er den Sender mit DDR-Medien und beklagt sich bitterlich, dass ich in der Sendung zu Wort komme:

Rahmstorf ist der politische Savonarola der deutschen Klimaszene und hat seinen Kollegen Jan Veizer, der im Gegensatz zu ihm mit echten Forschungspreisen überhäuft wurde und inzwischen Weltruhm erlangt hat, durch unappetitliche Anwürfe, unterstützt von deutschen Kolegen gleicher Couleur, aus dem Lande getrieben. Veizer lehrt und forscht heute an der  kanadischen Universität in Ottawa als "Distinguished Professor".  Insbesondere diese Aktion von Rahmstorf zeigt Parallelen mit den  Aktivitäten der "deutschen Physik" im dritten Reich auf, die unsere  besten jüdischen Köpfe außer Landes trieb.

Der seit 2004 emeritierte Veizer schreibt im Lebenslauf auf seiner home page:

After short teaching and research stints at the University of California in Los Angeles, and the Universities of Göttingen and Tübingen, he arrived in 1973 at the University of Ottawa, his family base ever since.

Laut EIKE soll ich also schon 1973 - als 13-jähriger Schüler - ein so schlimmer Bursche gewesen sein, dass ich in Nazi-Manier die besten Köpfe außer Landes trieb! Ein weiteres bemerkenswertes Schlaglicht auf die Seriosität der EIKE-Argumentation... (In der Sache ging es hier übrigens um unsere fachliche Kritik an einem Veizer-Artikel.)


9 Kommentare zu “Climategate: ein Jahr danach”

  1. fk Antworten | Permalink

    In den Wind pieseln...

    Zwar haben sie mit ihrer Analyse natürlich recht, und dies ist sicherlich ein wichtiger Beitrag im Sinne eines Resümees und in gewisser ist ein Armutszeugnis für viele Leitmedien auszustellen, aber wie sehr die verbliebenen vernünftigen Stimmen in den öffentlichen Wind der Ignoranz pieseln, zeigt sich schon an einem Blick ins SPON-Forum zum Thema Wintereinbruch. "BREAKING NEWS! Klimawandel widerlegt: Im Winter wird es kalt" ist dort das Motto.

  2. Ingo Sarp Antworten | Permalink

    Strategiewandel

    Für die Medien sind Skandale und Horrormeldungen interessant weil gut für die Auflage. Die Nachricht, dass an der Schlagzeile von neulich doch nicht so viel dran war, ist uninteressant. Sie taugt höchstens zum Lückenfüller.
    Bei den Skeptikern sehe ich einen Strategiewandel. Wurde bisher bestritten, dass es einen Klimawandel gibt, so versucht man nun zu beweisen, dass er 1. natürlichen Ursprungs, 2. nicht so schlimm wie prognostiert und 3. sogar gut für alle ist. Tenor: Klimawandel - na und?

  3. Bleyfuß Antworten | Permalink

    "Prima Klima"

    @sarp
    Ein schlagendes Beispiel für ihre These ist im neuen Focus enthalten. Da heißt es ganz unverblümt: "umdenken - die globale Erwärmung ist gut für uns."
    Kostprobe:
    http://www.focus.de/...-prima-klima_vid_21483.html
    (wusste gar nicht, dass Bohlen auch in der Sahara wirkt)
    So bestimmte Medien haben eine ähnliche Mentalität wie Rauschgifthändler: Hauptsache das Zeug verkauft sich. Und sie setzen leider zurecht auf den Faktor Vergesslichkeit.

  4. Ingo Sarp Antworten | Permalink

    @Bleyfuß:

    An diese Titelstory hatte ich u. a. gedacht. Der Ressortchef für den Bereich Forschung, Technik, Medizin heißt seit September übrigens M. Miersch. Das erklärt sicher einiges.
    Dabei war Focus bisher flexibel. Vor ein paar Jahren, ich glaube 2008, gab es ein Titelthema zur drohenden Klimakatastrophe. dazu eine Fotomontage mit Palmen im Hamburger Hafen. Etwas später dann die Frage "Fällt der Klimawandel aus?" und nun "nein, er kommt doch - und das ist gut so!"

  5. christian wettercafe Antworten | Permalink

    Pachaurie

    hat nicht Pachaurie höchstpersönlich Wochen und Monate nach Bekanntwerden des IPCC Himalaya Fehlers überzeugt und steif am "Datum" festgehalten und den Irrtum in seiner Heimat, den Medien und selbst auf der IPCC Homepage weiter felsenfest unterstützt?
    Wozu? Ist er schlecht informiert? Glaub ich nicht.
    Zu mindest sagt und schreibt das Hans Von Storch in seinem Webauftritt Klimazwiebel.
    Kann es sein, dass es sich im Wesentlichen um einen Lobbyismus der Oberliga handelt, weil es am Ende um viel mehr geht, als einige Zehntel °C globale T Erhöhung?

  6. Thorsten Seifert Antworten | Permalink

    Wo sind die "Climategate"-Aufbauscher?

    Merkwürdig, dass sich niemand der Klimaskeptiker hier zu Wort meldet, obwohl diese über ein Jahr lang Woche für Woche die sog. "Climategate-Affäre" durch die Medien, Blogs und Foren getrieben haben.

  7. Spuddle Antworten | Permalink

    Das Geschäft mit der Erderwärmung

    Climategate hin oder her - wir befinden uns in Mitten des größten Betrugs an der Menschheit! Ich empfehle hierzu folgenden Beitrag bzw. folgende Dokumentation:

    http://www.lars-haise.de/...der-erderwaermung.html

    Hier kommen u.a. auch ehemalige Autoren des IPCC zu Wort, die auch nicht mehr so recht an die Erderwärmung glauben - aus ganz wissenschaftlichen, weil widerlegten Gründen. Zum Beispiel, dass CO2 kein Klimatreiber ist (wurde in der Vergangenheit schon mehrfach belegt - deswegen wundert mich bei diesem Artikel, dass es keine Erwähnung findet?) und wie in diesem Bereich der Wissenschaft ("Klimaforschung") überhaupt gearbeitet wird...

  8. Aladin Antworten | Permalink

    Veizer

    Der von Ihnen zitierte Teil aus dem CV Veizers ist aber nur die halbe Wahrheit, seine mit Shaviv veröffentlichte und von Ihnen zerrissene Arbeit erschien, als er an der Ruhr-Uni in Bochum arbeitete, habe Sie das vergessen zu erwähnen oder ist es Ihnen schlicht entgangen ??

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