Man sucht Erhebung in der Natur nicht mehr auf romantische Weise. Teil 2: von „Das Fliegen gelingt nicht mehr“

30. Mai 2012 von Ludwig Trepl in Naturbegriff

Von den vier Kasten von Spaziergängern, die man zur Zeit der Romantik unterschieden hat, scheinen die beiden oberen verschwunden: die Kaste derer, die Natur »mit den Augen des Landschaftsmalers« sehen und die Kaste derer, die den »Tempel der Natur« als »Stätte der Andacht« brauchen. Sind nur noch »Eitelkeit und Mode« sowie »tierisches Wohlbehagen« als Motive übrig?

 Die erste Kaste ist in den 200 Jahren sicher größer geworden. Sie ist aber mit der zweiten – und, wie wir sehen werden, nicht nur mit dieser – heute so verschmolzen, dass man nur noch wenige findet, die allein dieser untersten, der Kaste der Modegecken, angehören. Die zweite Kaste hat an Zahl außerordentlich zugenommen. Während es damals nur die »Gelehrten und Fetten« waren, also die sicher sehr kleine Gruppe derer, die es nötig hatten, sich um ihre physische Gesundheit eigens durch Bewegung zu kümmern, sind es heute Abermillionen, die sich deshalb durch die Natur bewegen, weil sie für ihren Körper ›etwas tun wollen‹. Nicht, dass sie sich etwa erholen wollen, sie haben eher anschließend Erholung nötig. Sondern sie tun es manchmal wie ihre Vorgänger vor 200 Jahren ihrer Gesundheit zuliebe, meist aber wollen sie in irgendeiner Weise ihre körperliche Leistungsfähigkeit steigern oder ihren Körper formen – was sie zugleich in die erste Kaste, die Kaste derer, die »aus Eitelkeit und Mode« spazieren, versetzt.

Dabei ist die besondere Form des Spazierengehens allerdings weitgehend verschwunden; wer es doch tut, braucht vor sich und anderen eine Ausrede: Man muss den Hund ausführen. Oft bewegt man sich gar nicht durch die Natur, sondern setzt sich ihr in Gestalt der Sonnenstrahlen stundenlang regungslos aus – etwas, was die Menschen aller früheren Zeiten für völlig abwegig gehalten hätten, was sie vielleicht an eine besondere Art der Folter hätte denken lassen. Oder man läuft, klettert, fährt mit dem Rad. Das darf aber alles nicht mehr so heißen, sondern muss unter besonderen Modenamen gemacht werden, sonst wird es nicht gemacht. Zudem geschieht es kaum jemals ohne modische Kleidung, die man ausschließlich zu diesem Zweck trägt; auch darum sind die Grenzen zur ersten, also der jämmerlichsten Kaste nur noch mit Mühe zu erkennen. – Man fragt sich, ob all diese primär der Körperformung und teilweise auch der Gesundheit dienenden Tätigkeiten wirklich die Natur da draußen brauchen; man kann, und viele machen das ja auch, mehr oder weniger all die notwendigen Übungen auch in geschlossenen Räumen absolvieren. Und doch sind es Heerscharen, die täglich durch die freie Landschaft walken, joggen, biken usw., und die Zahl derer, die sich am Strand braten lassen, ist weit höher als die derer, denen ein Sonnenstudio genügt. Was sie treibt, ist im obigen Zitat bereits benannt: »tierisches Wohlbehagen«. Sie suchen, hätte man damals gesagt, ›Sinnenlust‹, und auch der Blick auf die Landschaft ist auf das reduziert, was diese Art von Lust gewährt.

Soll der Blick der »unermeßlichen Schönheitlinie nachblicken«, dann darf man sich nicht zu angestrengt bewegen. Das ist selten geworden, und jene, die sich gar nicht bewegen, blicken im Allgemeinen nicht in die Gegend, sondern haben die Augen geschlossen oder sorgen mittels einer Sonnenbrille dafür, dass sie von der landschaftlichen Schönheit nichts mitbekommen. Die dritte Kaste scheint darum verglichen mit der Zeit Jean Pauls gewaltig geschrumpft. Überhaupt ist die Schönheit der Landschaft kein Thema mehr. In der Kunst kommt sie nicht mehr vor, allenfalls in irgendeiner Art von Brechung, etwa ironischer. Die Landschaftsbilder aber, die vor allem über die Werbung die Gesellschaft überschwemmen, sind im Wesentlichen auf die Erzeugung von »Sinnenlust« aus, von »tierischem Wohlbehagen«.

Außerordentlich zugenommen hat aber die vierte Kaste. Diese Behauptung wird überraschen und bedarf der Erklärung.

Spaziergänger, »die nicht bloß ein artistisches, sondern ein heiliges Auge auf die Schöpfung fallen lassen«, sind die, denen die Natur das Medium ist, sich über eben die Natur in eine nicht mehr nur natürliche Welt zu erheben. Die Sehnsucht nach dieser – so allgemein formuliert – ist geblieben und auch die Vorstellung, dass die Natur dazu das primäre Medium sei. Dass es uns so vorkommen will, als ob Jean Pauls vierte Kaste heute ganz ausgestorben ist, liegt an seiner für die Zeit der Romantik typischen Weise, wie er sich diese Erhebung vorstellt. Die Beseelung der Dinge der Natur durch den künstlerischen Blick auf sie und schließlich die Beseelung des Universums als Ganzes, so dass dieses zum göttlichen Du wird, mit dem wir sprechen können wie mit jedem einzelnen zum Du gewordenen Naturwesen, ist der Kern der romantischen Kunst-Religion. Das Immanente (Natur) und das Transzendente (Göttliches) verschmelzen. Ziel ist nicht mehr die »Auffahrt in ein himmlisches Reich, sondern so etwas wie Erlösung durch Differenzlosigkeit von Himmel und Erde«, es soll keine Spur mehr geben »von der Kluft, die zwischen dem Übernatürlichen und der Natur bestand« (Albrecht Koschorke). Zur Zeit der Romantik war das Sache einer kleinen Minderheit, die große Mehrheit hoffte nach wie vor auf die Auffahrt in ein himmlisches Reich. Aber die Romantik hat, indem sie die Sehnsucht nach dem Himmel auf die Erde holte, eine Bewegung angestoßen, die im Laufe des 19. Jahrhunderts Massencharakter im Bürgertum annahm und im 20. Jahrhundert alle Schichten der Bevölkerung ergriff. Es entstand das Wandern um des Wanderns willen – das »ewig Ziehn in wunderbare Ferne« (Eichendorff) – und schließlich der Ferntourismus. Die Fernsehnsucht der Romantik ist die »in die Horizontale umgekippte Vertikale der Höhensehnsucht« (Heinz Hillmann). Und das ist es nach wie vor, was die Menschen von zuhause wegtreibt: die Hoffnung, es könnte irgendwo, hinter dem Horizont, ganz anders sein als in der öden Welt des Alltags, die sie zurücklassen – so ganz anders, wie sich einst der Himmel vom irdischen Jammertal unterschied. Aber weil man diese Hoffnung immer auf Erden zu erfüllen sucht und hier nur enttäuscht werden kann, hört die Bewegung nie auf, es muss immer noch weitergehen. Zwar muss es, wenn man in die Ferne zieht, nicht immer zugleich in die Natur gehen, aber es geht doch vorzugsweise in sie. Sie ist ja für sich schon Kontrast zur öden Alltagswelt, die wir uns eingerichtet haben; in der Natur geschehen die Dinge nicht so, wie sie es unserem berechnenden Verstand zufolge tun sollten, sondern einfach von sich aus, und immer ist ihr auch etwas eigen, was diesem nicht mehr zugänglich ist. Der Wald ist im 19. Jahrhundert nicht nur zum Tempel geworden, er ist damals – und zu allen Zeiten – vor allem unheimlich gewesen. Vor der Romantik war das der Hauptgrund, ihn zu meiden. Seit der Romantik aber ist gerade das Unheimliche, Schauerliche in der Natur anziehend geworden, das Unbegreifliche, das all unseren Verstand und unsere Vernunft Übersteigende. Verstand und Vernunft aber sind verantwortlich dafür, dass unser Alltag so öde geworden ist. Im Unbegreiflichen kann die Phantasie schweifen, nichts setzt ihr Grenzen, die Herrschaft des Banalen, im Voraus schon Bekannten ist gebrochen. Diese Natur, d.h. den Kontrast zur idyllischen Natur der ›Gefildelandschaft‹, die exotische und die unheimliche, die unbegreifliche, schauerliche, überhaupt gefahrvolle Natur sucht man in der Romantik und man sucht sie heute noch.

Man sucht sie aber heute kaum mehr in der Weise der Romantiker. Was diese vorzugsweise taten, nämlich wandern, ist zumindest verglichen mit all dem anderen, was man draußen unternimmt, selten geworden. Vor allem aber die Beseelung der Natur durch den schöpferischen Künstlerblick, den das romantische Denken von jedem Spaziergänger forderte, und damit ihre und die eigene Erhebung in eine übernatürliche, göttliche Sphäre, scheint alles andere als das, was man heute in der Natur macht – selbst wenn man wandert. Und doch ist der Kern dessen, was diese vierte Kaste ausmacht, eben das Aufsuchen der Natur nicht um eines Genusses willen, sondern wegen der Sehnsucht nach jener Erhebung, nicht verschwunden. Ja, man muss wohl sagen, dass diese Sehnsucht jetzt erst prägend geworden ist, nachdem die vor-romantische Vorstellung – einer Erhebung nicht mittels der und in der Natur, sondern über sie hinaus ins Himmelreich – ihre Kraft nicht allein für eine kleine Gruppe von Künstlern und Denkern verloren hat, sondern für so gut wie alle.

 

Die Wege aber, auf denen man heute dieser Sehnsucht folgt, haben eher andere Traditionen als die der romantischen Naturbeseelung. Sie lassen sich, erstaunlicherweise, zurückverfolgen zu den beiden Denkweisen und Lebenshaltungen, die von der Romantik bekämpft wurden: Aufklärung und gegenaufklärerischen Konservativismus. Beide repräsentierten für die Romantiker die von ihnen verachtete Welt des bürgerlichen Alltags, der geschäftsmäßigen, berechnenden Nüchternheit, der »vernünftig denkenden Vernunft«, deren Gesetze es aufzuheben gilt, um »uns wieder in die schöne Verwirrung der Phantasie, in das ursprüngliche Chaos der menschlichen Natur zu versetzen« (Friedrich Schlegel). Aber in diesen beiden Traditionslinien, Konservativismus und Aufklärung, und weniger in der romantischen stehen zumindest die heute auffälligsten Versuche, jener Sehnsucht zu folgen, in und mit der Natur das Übernatürliche zu finden. Man kann diese Versuche mit ›Einfügung‹ und ›Kampf‹ überschreiben.

Einfügung in die Natur statt der für so vergeblich wie verderblich gehaltenen Anstrengung, sie zu beherrschen, ist die Quintessenz dessen, was man seit 40 Jahren ökologisches Bewusstsein nennt. Das scheint zunächst nichts mit dem zu tun zu haben, was man beim Spazierengehen sucht. ›Ökologie‹ scheint für nüchterne Berechnungen zu stehen, in denen es ums Überleben der Menschheit geht. In den Technokratenkreisen, in denen der offizielle Diskurs um Umweltschutz, Klimaschutz, Biodiversität usw. stattfindet, mag das überwiegend so sein. Aber die Bewusstseinslage der ökologischen Bewegung ist doch eine andere, eher ein naturalistischer Konservativismus. Man sieht das vor allem in ihren naturethischen Diskussionen, in denen man die Anerkennung des ›Eigenwerts der Natur‹ fordert. Immer geht es gegen den menschlichen Egoismus. Er habe zugunsten der Einsicht aufgegeben zu werden, dass wir nur ein Teil der Natur sind wie alle anderen Wesen auch, und ›die Natur‹, der allumfassende Überorganismus in Gestalt des ›globalen Ökosystems‹, ist es, was die Normen vorgibt, denen wir zu folgen haben. Das war früher, und im Konservativismus noch lange in die Zeit der Moderne hinein, die Rolle Gottes. Das ökologische Bewusstsein ist »materialistische Theologie« (Ulrich Eisel). Im klassisch-konservativen Denken war alles Einzelne Teil von übergreifenden, organischen Ganzheiten – Familie, Staat, Landschaften als Einheiten von »Land und Leuten« (Wilhelm Heinrich Riehl). Diesen Ganzheiten hat der Einzelne auf dem Platz, auf den er sich gestellt sieht, zu dienen. Er bildet, mit anderen zusammen, Organe wie in einem Organismus. Darin erfüllt sich der Lebenssinn jedes Einzelnen. Dass aber in diesem Dienen der Sinn des Lebens liegt, war im klassisch-konservativen Denken deshalb so, weil das der Auftrag des Gottes war, der diese umgreifenden organischen Ganzheiten wie auch jeden Einzelnen erschaffen hat. Im ökologischen Bewusstsein ist typischerweise aber der Schöpfer verschwunden, die Natur ist ihr eigener Schöpfer und von ihr erhalten wir unseren Auftrag. Wer ›in die Natur‹ geht, um dort Kröten zu retten oder etwas anderes für die ›Biodiversität‹ zu tun, der tut das ›für die Natur‹, über der es nichts Größeres gibt und die das von ihm verlangt. Es ist eine Art paradoxer Gottesdienst ohne Gott, ein Dienst an der Natur, die göttlich, aber zugleich doch bloße, berechenbare ökologische Natur ist, und es ist ein Gottesdienst in der Natur wie bei denen, die »mit dem Herzen spazieren gehen«, aber kein romantischer.

Wer ›in die Natur‹ geht, um einen Wildwasserfluss oder einen Achttausender zu bezwingen oder um sich mit Skiern eine Felswand hinabzustürzen, tut das auch aus Gründen, die man besser als religiöse auffasst statt als psychologisch zu erklärende Marotten. Auch das ist nicht romantisch, steht aber natürlich ganz und gar nicht in der konservativen Tradition des Sich-Einfügens ins große Ganze. Die Haltung des Siegenwollens über die Natur entstammt, wenn sie auch offensichtlich noch weit ältere Wurzeln hat, der Aufklärung. Alle Wildnis sollte damals besiegt, also beseitigt werden, so sagte ich oben. Das ist aber nicht ganz richtig. Gerade die wilde Natur bekam in der Aufklärung – zumindest in deren eher demokratischen als liberalen Variante – eine herausragende Bedeutung, die ihre Beseitigung nicht verlangte, im Gegenteil. Die Zeit der Aufklärung war die Zeit der Entdeckung der erhabenen Natur.

Erhaben ist die Natur da, wo sie vorher nur schrecklich, furchteinflößend war. Wo sie übergroß und übermächtig ist, da ruft sie in uns den Gedanken an den wach, der größer und mächtiger ist als alles, was es in der Natur geben kann: Gott. So sah man es zunächst, in der frühen Aufklärung. Bei Kant, in der Kritik der Urteilskraft, wird dann eine Naturerscheinung als erhaben bezeichnet, wenn und weil sie eine »Kraft (die nicht Natur ist) in uns aufruft«, so dass wir »das, wofür wir besorgt sind (Güter, Gesundheit und Leben), als klein« ansehen. Wo der Mensch unausweichlich der Naturgewalt unterliegen müsste, wird ihm bewusst, dass es für ihn als Mensch »eine Selbsterhaltung von ganz andere Art« gibt, die nicht »von der Natur außer uns angefochten und in Gefahr gebracht werden kann, wobei die Menschheit in unserer Person unerniedrigt bleibt, obgleich der Mensch jener Gewalt unterliegen müßte«. Diese Selbsterhaltung ist die moralische. Angesichts der übermächtigen und übergroßen Natur erhebt sich also der Mensch nicht mehr zu Gott, aber doch unendlich über die Natur, auch über seine eigene Natur, zu seiner eigenen übernatürlichen Bestimmung. Das suchen die Menschen seit der Aufklärung, vor allem deshalb wurden die Alpen und überhaupt die wilde Natur seitdem nicht mehr gemieden, sondern gesucht. (Fortsetzung folgt)

 

Literatur

Eichendorff, Joseph Freiherr von (1841/1962): Sängerleben, Sonett 3. In: Manfred Häckel (Hg.), Gesammelte Werke in drei Bänden, Bd. 1. Berlin: Aufbau.

Eisel, Ulrich (1987): »Landschaftskunde als ›Materialistische Theologie‹. Ein Versuch aktualistischer Geschichtsschreibung der Geographie«. In: Gerhard Bahrenberg; Jürgen Deiters; Manfred M. Fischer; Wolf Gaebe; Gerhard Hard & Günter Löffler (Hg.), Geographie des Menschen. Dietrich Bartels zum Gedenken. Bremen: Universität Bremen, S. 89-109.

Hillmann, Heinz (1971): Bildlichkeit der deutschen Romantik. Frankfurt a.M.: Athenäum.

Kant, Immanuel (1790/1996): Kritik der Urteilskraft. Werkausgabe, Bd. X. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Koschorke, Albrecht (1990): Die Geschichte des Horizonts. Grenze und Grenzüberschreitung in literarischen Landschaftsbildern. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Riehl, Wilhelm H. (1854): »Land und Leute«. In: Ders., Kulturgeschichte der Natur als Grundlage einer deutschen Social-Politik, Bd. I. Stuttgart: Cotta’scher Verlag.

Schlegel, Friedrich (1800/2000): »Rede über die Mythologie«. In: Herbert Uerlings (Hg.), Theorie der Romantik. Stuttgart: Philipp Reclam jun, S. 82-90.

Siegmund, Andrea (2011): Der Landschaftsgarten als Gegenwelt: Ein Beitrag zur Theorie der Landschaft im Spannungsfeld von Aufklärung, Empfindsamkeit, Romantik und Gegenaufklärung. Würzburg: Königshausen & Neumann.

 


2 Kommentare zu “Man sucht Erhebung in der Natur nicht mehr auf romantische Weise. Teil 2: von „Das Fliegen gelingt nicht mehr“”

  1. Nils Antworten | Permalink

    Warum soviel Spott denen, die sie in die erste und 2te Kaste stecken.
    Was macht sie schlechter, niederer, als die, die ihren spirituellen Gefühlen in der Natur folgen oder der Ästhetik Willen in der Natur weilen.

    Letztere sind ja auch keine Ewigkeiten sondern nur kurze flüchtige Augenblicke.

    Außerdem schließt die eine Nutzung die andere nicht aus.

  2. Ludwig Trepl Antworten | Permalink

    @ Nils

    Ich glaube Ihnen nicht, daß Sie nicht ebenfalls glauben, daß sie „schlechter, niederer“ sind. Wer das behauptet – in einer falschverstandenen Interpretation von Demokratie –, widerspricht dem, was er selbst ständig an Wertungen vornimmt. Sehen wir uns die Einteilung Jean Pauls im Einzelnen an:

    Die unterste Kaste spaziert „aus Eitelkeit und Mode“. Diese Neigungen dürften viele, wenn nicht alle haben, aber jeder weiß auch, daß er sie nicht haben sollte.
    Die zweite Kaste von unten spaziert wegen eines „tierischen Wohlbehagens“. Dagegen ist nichts zu sagen, wir haben halt auch tierische Bedürfnisse (in der untersten Kaste allerdings geht es um rein Menschliches), die können wir nicht ablegen und sollen das auch nicht. Aber jeder, der nur solche Bedürfnisse hat, weiß doch, daß er nicht nur solche haben sollte.

    Was die dritte Kaste angeht, so sollte man bedenken, daß damals die allgemeine Meinung war, daß der Anblick schöner und erhabener Natur den Menschen bessert. Deswegen in erster Linie hat man Landschaftsgärten in den Städten angelegt und das Wandern gepriesen, nicht, weil der Aufenthalt in der Natur erholsam ist; das ist eine spätere Entwicklung. Kant war der Meinung, daß die Fähigkeit zur Freude am „Naturschönen“ auf einen guten Charakter schließen lasse (anders als beim „Kunstschönen“, da man ja allzu viele Beispiele moralisch verdorbeber Kunstliebhaber kannte).

    Die vierte Kaste, die derer, die „ein heiliges Auge auf die Schöpfung fallen lassen“ steht einfach definitionsgemäß ganz oben; wir können das gar nicht anders denken. Denn was bedeutet die Redewendung vom „heiligen Auge“ anderes, als daß ein solcher Spaziergänger, auch wenn es, wie Sie richtig schreiben, „nur kurze flüchtige Augenblicke“ für ihn sind, sich innerlich dem zuwendet, was „für die Ewigkeit“ Bestand hat? Freilich muß das Konsequenzen fürs Leben haben, es darf sich nicht nur um einen seelischen Genuß handeln. Doch das war für die Dichter und Denker der damaligen Zeit selbstverständlich. Es begann sich allerdings mit der Romantik zu ändern: Der Innerlichkeitskult entstand, der schließlich überging in die heute übliche Auffassung, daß es allein um „Erlebnisse“ ginge, die irgendeine Art innerer Befriedigung oder angenehmer Erregung verschaffen und ausschließlich für das Individuum einen Nutzen haben, das die Erlebnisse hat: den Genuß (neuerdings meist "Spaß" genannt).

    „Außerdem schließt die eine Nutzung die andere nicht aus.“ Na ja, nicht ganz: Wer aus „Eitelkeit“ spaziert, wird es mit dem „heiligen Auge“ schwer haben.

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