Vieldeutige Natur

27. Februar 2012 von Ludwig Trepl in Naturbegriff

Beim Transcript-Verlag ist ein von Thomas Kirchhoff und mir herausgegebenes Buch erschienen mit dem Titel „Vieldeutige Natur – Landschaft, Wildnis und Ökosystem als kulturgeschichtliche Phänomene“.[1]

Hier ist das Inhaltsverzeichnis, das Vorwort von Wolfgang Haber und eine Leseprobe.

Auszüge aus einer Rezension in der Zeitschrift „Natur und Landschaft“:

„Natur wird in der Regel aufgefasst und erlebt als das Gegebene, ohne hierbei zu reflektieren, wie sehr Natur eine Projektionsfläche für kulturelle Ideen und gesellschaftliche Ideale ist. Im vorliegenden Buch wird das Ziel verfolgt, anschaulich zu rekonstruieren, welche kulturellen Denkmuster sich hinter den Schlüsselbegriffen Landschaft, Wildnis und Ökosystem verbergen . ....

Bei der Charakterisierung der drei Schlüsselbegriffe ... knüpfen die beiden Herausgeber an die von Max Weber entwickelte Methodik der idealtypischen Begriffsbildung an. Hierbei wird aus der Vielfalt von Auffassungen von Landschaft, Wildnis und Ökosystem jeweils einige besonders typische Aspekte herausgegriffen und einseitig gesteigert. Das Ergebnis ist eine Heuristik idealer Grenzbegriffe, die besonders geeignet sind, in realen Diskursen Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten aufzufinden und begrifflich bestimmen zu lassen. Die Autoren zeigen mit dieser Methodik, dass Landschaft primär ein ästhetischer, Wildnis ein moralischer und Ökosystem ein theoretischer Begriff von Natur ist. ....

Ebenso wie bei der Landschaft gibt es für die Wildnis sehr unterschiedliche Bedeutungen, doch im Kern ist sie (unberechenbare, bedrohliche) Natur als Gegenwelt zur moralischen Ordnung (Zivilisation)...

Das Buch ist in drei Teile unterteilt. Im ersten wird das Phänomen Landschaft analysiert: Die Palette der Themen reicht vom „semantischen Wandel von ‚Landschaft‘ seit dem 18. Jahrhundert“ (Dominik Brückner) über „kulturelle Differenzen der Landschaftswahrnehmung in England, Frankreich, Deutschland und Ungarn“ (Dóra Drexler) bis hin zur Vielfältigkeit und Vieldeutigkeit von „Natur und Landschaft im Chinesischen“ (Johannes Küchler & Xinhai Wang). Darüber hinaus werden so interessante Themen wie die „Vieldeutigkeit der Bilder im Landschaftsgarten“ (Andrea Siegmund) die „Landschaft der Architekten“ (Karin Raith) sowie die „Zwischenstadt als Heimat“ (Vera Vicenzotti) behandelt. Inspirierend sind die „Reflexionen über Landschaft und Arbeit“ (Ludwig Fischer). Daneben gibt es so praxisrelevante Themen wie „Positionen und Konzepte zur Bergbaufolgelandschaft. Ansätze einer kulturwissenschaftlichen Analyse des planerisch-gestalterischen Diskurses“ (Markus Schwarzer).

In „Natur als Wildnis“, dem zweiten Teil des Buches, reicht die Palette der Themen “Von der schrecklichen Waldwildnis zum bedrohten Waldökosystem – Differenzierung von Wildnisbegriffen in der Geschichte des Bayerischen Waldes“ (Gisela Kangler) über „Die Erfindung des tropischen Regenwaldes“ (Klaus-Dieter Hupke) und die „Landschaft als Auflösung ihrer selbst – Die Besiedelung des amerikanischen Westens“ (Torsten Kathke) bis hin zum „Transzendentalismus als philosophische Basis der amerikanischen Freiheitsmythos vom Pionier in der Wildnis“ (Anne Hass).

Im dritten Teil, „Natur als Ökosystem“, reichen die Themen „Vom züchterischen Blick zur Kombinationszüchtung. Die landwirtschaftliche Kulturpflanze um 1900 zwischen Geistes- und Naturwissenschaft“ (Eva Gelinsky) über „Globale Vielzahl oder lokale Vielfalt: zur kulturellen Ambivalenz von Biodiversität“ (Thomas Kirchhoff und Sylvia Haider) bis hin zu der Fragestellung „’Wie sie ein Ganzes bilden’ – analoge Deutungsmuster in ökologischen Theorien und politischen Philosophien der Vergesellschaftung“ (Annette Voigt).

Mit diesem Buch ist ein gewichtiger und origineller Beitrag zur theoretischen Fundierung des Naturschutzes geleistet wurden. Noch nie sind so facettenreich vergleichende Analysen zu Wildnis, Landschaft und Ökosystem publiziert wurden hinsichtlich der verschiedenen Epochen und Kulturen (Deutschland, England, Frankreich, Holland, Italien, Ungarn, USA, China).

Wohltuend an diesem Buch ist, dass die beiden Herausgeber besonders Wert auf eine anschauliche Sprache legten, um die komplexen gesellschaftswissenschaftlichen Inhalte für Naturwissenschaftler und Naturschützer verständlich zu machen. Nahezu durchgängig ist bei fast allen Beiträgen diese angestrebte Verständlichkeit erreicht worden. So ist dieses Buch nicht nur eine Fundgrube für all die Gesellschaftswissenschaftler, die sich zunehmend mit dem Thema Natur beschäftigen, sondern es ist für jeden Naturschutzexperten, der vor Ort im ständigen Kampf um einen effektiveren Naturschutz steht, ein äußerst lesenswertes Buch, das sehr viel Gewinn verspricht für denjenigen, der sich auf dieses Abenteuer der Lektüre einlässt.“ (Reinhard Piechocki)

Weitere Rezensionen: bei satt.org, im Freitag, auf Sehepunkte.


Ein Kommentar zu “Vieldeutige Natur”

  1. Kai Hiltmann Antworten | Permalink

    Sieht interessant aus ...

    ... die Leseprobe ist allerdings in recht akademischem Stil. Mein Lieblingsbuch zu diesem Thema ist bisher Küster, Hansjörg: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, das sich sehr angenehm liest Es hat mir tatsächlich die Augen geöffnet für viele Landschaftselemente, die ich zwar gesehen, aber nicht wahrgenommen hatte.

    Ich werde Ihres auch lesen.

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