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Seid polyedrisch!

24. Dezember 2013 von Günter M. Ziegler

Das gesternte Rhombenkuboktaeder, gezeichnet von Leonardo da Vinci

Ohne ein intimer Kenner der Kirchengeschichte zu sein, wage ich zu behaupten: Selten noch hat ein Papst ein so menschliches Bild von Gesellschaft so mathematisch beschrieben wie der dieses Jahr gewählte Papst Franziskus in seiner Enzyklika “Evangelii gaudium” (“Die Freude des Evangeliums”), “Das Modell ist nicht die Kugel, die den Teilen nicht übergeordnet ist, wo jeder Punkt gleich weit vom Zentrum entfernt ist und es keine Unterschiede zwischen dem einen und dem anderen Punkt gibt. Das Modell ist das Polyeder,... weiter

 

Nobelpreis für Mathematik?

11. Oktober 2013 von Günter M. Ziegler

“Am ersten Tag des Januar, im Jahr 1891, gehen eine kleine Frau und ein großer Mann über den Alten Friedhof in Genua. Beide sind um die vierzig. Die Frau hat einen großen Kopf wie ein Kind, mit einem Dickicht von dunklen Locken, und ihr Ausdruck ist eifrig, und etwas bittend. Ihr Gesicht beginnt Anstrengung zu zeigen. Der Mann ist riesig. Er wiegt 285 Pfund, die sich über einen großen Körper verteilen, und weil er Russe ist, nennt man ihn oft... weiter

 

Die Optimierung und der menschliche Faktor

13. September 2013 von Günter M. Ziegler

Airberlin Flug AB6491 von Berlin-Tegel nach Köln-Bonn, planmäßiger Abflug 6:25 morgens, fliegt heute erst "irgendwann nach 8 Uhr". Begründung: erst keine. Dann: "die Maschine kommt erst später rein", was für den ersten Flug am Morgen nicht sehr glaubhaft ist. Andere Passagiere hören eine andere Begründung: "Die Crew ist nicht da". Von der Airberlin ist keine Alternative angeboten, keine Entschuldigung zu hören, kein Zeichen des Bedauerns: Das Personal am Ticket-Counter geriert sich als Opfer. Die Szene ist deshalb bemerkenswert, weil ich... weiter

 

Ziviler Nutzen von “miltärischer” Mathematik?

5. September 2013 von Günter M. Ziegler

Mündliche Abiturprüfung “Katholische Religionslehre”, Mai 1981: Mein Religionslehrer will wissen, was Heisenberg mit der “Ambivalenz von Wissenschaft und Technik” meine. Ich habe damals herumgedruckst - weil ich nicht zugeben wollte, dass ich nicht wusste, was “Ambivalenz” ist. Was damals abstrakte “Ambivalenz” war, äußert sich heute ganz konkret als “dual-use”: Zivile Technik, die in den Kriegseinsatz kommen könnte - ein aktuelles, hochpolitisches Thema, auch bei deutschen, europäischen, russischen und US-amerikanischen Lieferungen in den nachfrühlingshaft brodelnden Nahen Osten. Mir geht es aber nicht... weiter

 

Happy Birthday, Dr. Turing!

16. Juni 2012 von Günter M. Ziegler

Der Film "Colors of Math" der Berliner Filmemacherin Ekaterina Eremenko wird am kommenden Samstag, 23. Juni 2012, im Dokumentarfilm-Wettbewerb des Moskauer Filmfest seine Weltpremiere haben. Gleich zu Beginn des Films spricht Cedric Villani, ein brillianter Mathematiker, Fieldsmedaillist und bekennender Exzentriker, in die Kamera:  Boltzmann hat sich umgebracht --- Mark Kac' gesamte Familie kam im Krieg ums Leben --- Turing hat sich umgebracht, nachdem die englische Regierung ihn für Homosexualität bestraft hat --- Nash hat dreißig Jahre zugebracht mit schwerer Geisteskrankheit... weiter

 

Boykottiert Elsevier! Ich boykottiere Elsevier!

19. Februar 2012 von Günter M. Ziegler

In einem Blog-Eintrag vom 21. Januar 2012 "Elsevier - my part in its downfall" hat Timothy W. Gowers, ein herausragender britischer Mathematiker (Fields-Medaille 1998, Berlin), Buchautor (Mathematics - A very short introduction; The Princeton Companion to Mathematics) und Blogger (Gowers's weblog) zum Boykott des Verlagskonzerns Elsevier aufgerufen. Warum? Meine verkürzte Zusammenfassung: Elsevier macht unverschämte Profite mit unglaublich teuren Produkten, in steuerzahlerfinanzierter Arbeit von Wissenschaftlern erstellt werden, die dafür nicht bezahlt werden. Wissenschaftliche Ergebnisse sind aber einzigartig - und deshalb für die Forschung... weiter

 

Mädchen haben weniger Talent?

8. Januar 2012 von Günter M. Ziegler

Haben Mädchen im Schnitt weniger mathematisches Talent als Jungen? Das wurde von Professor Gerhard Roth im Interview in einem aktuellen GEO-kompakt Heft “Intelligenz, Begabung, Kreativität” (Nr. 28 - 09/11) propagiert. Der Kollege Roth ist nicht irgendwer, sondern Leiter des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen, und laut GEO "einer der renommiertesten deutschen Neurowissenschaftler". Zusätzlich argumentiert er auch als Präsident der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Das GEO-Heft hat mir beim Schulvortrag an einem Gymnasium in Berlin eine entrüstete Lehrerin unter die... weiter

 

1000$ aus Beverly Hills für die Lösung eines Mathe-Problems

20. Januar 2011 von Günter M. Ziegler

Oliver Friedmann, Doktorand in der Informatik an der LMU München, verteidigt nächsten Monat seine Dissertation. Darin enthalten ein Beweis, dass die "Zadeh-Regel" für die lineare Optimierung "exponentiell" ist, also sehr lange zur Problemlösung brauchen kann.     Warum ist das bemerkenswert? "Lineare Optimierung" beschreibt einen Typ von ausgesprochen wichtigen Rechenaufgaben, die in allen großen Planungsprozessen auftaucht.  Solche Probleme werden üblicherweise mit dem "Simplex-Verfahren" gelöst, das üblicherweise schnell arbeitet, manchmal aber auch ärgerlich lange braucht. Wie schnell das geht, hängt ganz entscheidend... weiter

 

P≠NP: Atem anhalten!

10. August 2010 von Günter M. Ziegler

Eines der berühmtesten Probleme der Mathematik steht möglicherweise vor der Lösung: am letzten Freitag (6. August) hat der indische Mathematiker Vinay Deolalikar - 1971 in New Delhi geboren, ein Principal Research Scientist am Forschungslabor von Hewlett Packard, den HP Labs - ein 102-seitiges Manuskript an 21 Kollegen verschickt, in dem er versucht zu beweisen, dass “P nicht gleich NP” ist:     Das P≠NP-Problem ist eines der berühmtesten Probleme der Mathematik. Unter anderem ist es eines der sieben “Millenniumsprobleme”, auf deren Lösung die Clay-Stiftung im Jahr 2000 jeweils eine... weiter

 

Tetraeder-Tetris: Noch ein Rekord, der im Sylvester-Knallen unterging

30. Januar 2010 von Günter M. Ziegler

Wie dicht kann man gleich-große reguläre Tetraeder im Raum packen? Aristoteles soll behauptet haben, dass es eine perfekte Packung gibt, in der sie den Raum zu 100% ausfüllen. Der Irrtum hielt sich immerhin fast 1800 Jahre, bis Johannes Müller, genannt Regiomontanus (1436-1476), den Irrtum aufdeckte. Also sind 100% nicht zu erreichen, aber wie dicht kann man Tetraeder packen? Würfel lassen eine perfekte Packung zu (die man in Würfelzucker-Packungen bestaunen kann). Mit gleichgroßen Kugeln kann man den Raum nur zu 74,05% ausfüllen:... weiter