Harte vs. weiche Wissenschaften – Warum die Blogosphäre Emergenz verstehen sollte

2. Januar 2013 von Michael Blume in Begriffe - Symbole

Vor sechs Wochen geschah es auch in den Scilogs: Ein Mini-Shitstorm ergoss sich via Twitter und Kommentaren über die Medizinethnologinnen des Nachbarblogs "Indische Medizin im Wandel". Ich kann nur hoffen und bitten, dass sich die Kolleginnen nicht entmutigen lassen!

Denn der Prozess an sich qualmt seit Jahrzehnten zwischen den Disziplinen und bricht gerade in der noch immer überschaubaren, deutschsprachigen Blogosphäre immer wieder auf: (Häufiger männliche) Stimmen werfen im Namen "der" Naturwissenschaften Vertreterinnen und Vertretern der Kultur- und Geisteswissenschaften eine "unwissenschaftliche Haltung" oder gleich "Esoterik" vor. Und (häufiger weibliche) Vertreterinnen der angegriffenen Fachrichtungen kontern mit dem Vorwurf des "Reduktionismus" und "Eurozentrismus". Die erstere Richtung brüllt zahlreicher und lauter, bis im schlimmsten Fall die zweite Richtung verstummt.

Und wen es beruhigt: Diese "Frontstellungen" erlebe ich nicht nur in der Blogosphäre, sondern auch z.B. in meinen Universitätsseminaren, in denen regelmäßig Studierende sehr verschiedener Fächer zusammenkommen. Im Folgenden möchte ich kurz vorstellen, wie ich dort das Problem benenne und was für Lösungen ich vorschlage.

Harte vs. weiche Wissenschaften

Es ist leicht erkennbar, dass verschiedene Wissenschaften ihre Fragestellungen unterschiedlich erfolgreich formalisieren und "lösen" können. Wenn die notwendigen Grundinformationen vorliegen, können Astrophysiker beispielsweise problemlos die Bahn eines Kometen auf Jahre oder auch Jahrzehnte im Voraus berechnen. Hypothesen können meist in Experimenten geklärt werden. Ganz anders Kultur- und Geisteswissenschaftler: Diese können auch mit dem Einsatz komplexester und modernster Verfahren und Wortwolken bestenfalls näherungsweise voraussagen, wie ein Wahlergebnis (zum Beispiel einer Bundestagswahl) im nächsten Monat ausfallen könnte. Und Experimente sind auch nur eingeschränkt möglich - schon weil je historisch einmalige Konstellationen bestehen, lassen sich Ereignisse wie eine Wahl kaum unter den gleichen Randbedingungen wiederholen, Hypothesen weniger eindeutig falsifizieren. Entsprechend gilt die Physik als sehr "harte", die Politikwissenschaft als eher "weiche" Wissenschaft.

Und dies liegt selbstverständlich nicht daran, dass sich die einen weniger anstrengen würden als die anderen - es sind nur schon bei einer simplen Wahlprognose sehr viel mehr Faktoren zu berücksichtigen! So ist die Wahrscheinlichkeit unvorhergesehener Ereignisse in einer Politiklaufbahn sehr viel größer als im gleichen Zeitraum einer Kometenbahn. Sozialpsychologische Ereignisse (wie der Ausgang einer Fernsehdebatte oder Berichte über ein Verbrechen) können die Prozesse ebenso beeinflussen wie biologische Geschehnisse (z.B. eine Grippeepidemie) oder auch physikalisch-chemische Vorgänge (z.B. ein Erdbeben oder das Wetter am Wahltag). Und während Kometen (meist) brav auf ihren Bahnen wandeln, bringen Menschen auch noch weitgehend unvorhersehbare Ereignisse wie Erfindungen (Internet!), Revolutionen und Modetrends hervor, die Prognosen zuverlässig über den Haufen werfen.

Klar entstehen da Gruppendynamiken: Hier die Vertreter vermeintlich "harter" Wissenschaften, die ihre "weicheren" Kolleginnen und Kollegen belächeln und finden, dass eigentlich alle Welterklärung in Modellen der Physik (Physikalismus) erfolgen könnte und sollte. Und dort die Stimmen vermeintlich "weicher" Wissenschaften, die über diesen "Reduktionismus" den Kopf schütteln und finden, Naturwissenschaften hätten zu den "eigentlichen" Fragen des Wahren, Guten und Schönen wenig bis gar nichts beizutragen.

Emergenz und Evolutionäre Erkenntnistheorie

Die Lösung liegt (meines Erachtens) in einem reflektierten Verständnis von Emergenzprozessen. Damit beschrieben wird das Auftauchen neuer Eigenschaften in Systemen. Man kann dabei kleine Emergenzen innerhalb eines Systems (z.B. Chemie: die über je H und O hinausgehenden Eigenschaften von Wasser) unterscheiden von großen Emergenzen wie dem Entstehen von Leben oder Bewußtsein.

So ergibt sich eine Schichtenstruktur der Wissenschaften entlang eines Zeitstrahls, die deutlich macht: "Spätere" Emergenzebenen bauen auf vorhergehenden auf und entfalten dabei neue, nicht reduzierbare Eigenschaften. Deswegen entstehen entlang großer Emergenzen auch je eigene Wissenschaftsdisziplinen: Eine Ameisenkolonie verhält sich komplexer (und damit auch: weniger vorhersagbar, "weicher") wie ein Steinhaufen und eine Versammlung bewusst denkender Menschen wiederum komplexer als die Ameisen. Wir erforschen die gleiche Natur inklusive von Kultur und Geist, aber eben auf unterschiedlichen Ebenen der emergenten Komplexität.

Erfreulicherweise gibt es bereits längst entsprechend interdisziplinäre Brückenbauer wie den Physiker und Philosophen Gerhard Vollmer, den ich für die wichtigste, deutschsprachige Stimme der Evolutionären Erkenntnistheorie halte. Die folgende Darstellung dazu (u.a. im sciebook Psyche & Fantasie des Menschen) baute ich daher auf Grundlage eines hervorragenden Kapitels von ihm im lesenswerten "Der Mensch - Evolution, Natur und Kultur" (2010)).

Was "harte" und "weiche" Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aneinander haben

Dieses Verständnis entspricht m.E. nicht nur dem derzeitigen, empirischen Kenntnisstand (in all seiner Vorläufigkeit mit Bezug auf Daten und Begriffe), sondern erlaubt auch die fruchtbare, interdisziplinäre Zusammenarbeit: So tun beispielsweise Forscherinnen und Forscher der menschlichen Sprachen, Kulturen und auch Religionen und Philosophien gut daran, im Dialog mit ihren naturwissenschaftlichen Kolleginnen und Kollegen die "härteren", z.B. biologischen Grundlagen ihrer Merkmale zu erforschen. Ignorierten sie deren Befunde völlig, so liefen sie m.E. tatsächlich Gefahr, in eine vorwissenschaftliche Esoterik zurück zu fallen, bei der alles gilt, was irgendwie stimmig klingt. So bietet ein vertieftes Verständnis etwa des Stimmapparates und Brocca-Areals, der Anatomie des Kochens oder der Neurobiologie der religiösen Erfahrungen bessere Chancen zum Verstehen beispielsweise der chinesischen Kulturen oder christlichen Kirchengeschichte - kann und wird diese damit jedoch gerade niemals weg-reduzieren.

Umgekehrt täten aber meines Erachtens Vertreterinnen und Vertreter der "härteren" Wissenschaften nicht weniger gut daran, die Grenzen ihrer eigenen Erkenntnisbereiche stärker zu reflektieren und auch von den Befunden "weicherer" Wissenschaften zu lernen. Es würde so manchen Frust auf allen Seiten sparen, wenn sich breiter herumsprechen würde, dass ein Studium der Physik alleine noch niemanden zum Experten in Kultur-, Sozial- oder Glaubensfragen macht. Im lesenswerten Gedichtband "Rotverschiebung" des Naturwissenschaftlers Henning Heske heißt es zum Beispiel schon zu einer vermeintlich einfachen Interaktion richtig und weise: "Ich finde ein Haar von Dir; es enthält alle Informationen über Deinen Körper, doch keine über unser Leben."

So ist es! Poesie und Liebe sind wie Kultur und Geist der Menschen insgesamt immer auch (!) Physik und Biologie - aber eben niemals nur. Ich glaube: Wenn sich das weiter herumsprechen würde, kämen wir miteinander deutlich weiter. Wissenschaftlich - und menschlich.


54 Kommentare zu “Harte vs. weiche Wissenschaften – Warum die Blogosphäre Emergenz verstehen sollte”

  1. Herr Senf Antworten | Permalink

    oha

    Die Pseudowissenschaften rücken auf, ab morgen wird wieder gependelt. Werden unsere Hochschulen auch glaubwürdiger, wenn noch mehr Unfugprofessuren vergeben werden? PISAAAA ruft nach Auswegen.

  2. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Senf

    Tja, auch die PISA-Studien waren und sind das Ergebnis kultur- und geisteswissenschaftlicher Arbeiten. Ohne diese geht halt gar nichts! :-)

  3. Wegdenker Antworten | Permalink

    Ist dem überhaupt so?

    Wie hoch konkret der Grad an Genauigkeit ist, mit dem die Bahn eines Kometen beschrieben werden kann, hängt von der Kenntnis der Nebenfaktoren ab. Bei einem Kometen fallen vergleichsweise wenige an, bei z. B. einen Haufen Federn, die man hinabwirft (Beispiel Darwins), dagegen sehr viel mehr.

    Auch muss man bei den "Geisteswissenschaften" natürlich anderes berücksichtigen als bei den "Naturwissenschaften". Ich würde z. B. nicht per se Geisteswissenschaften mit "weichen Wissenschaften" gleichsetzen. Die Ergebnisse der Historie scheinen mir z. B. sehr viel gewisser zu sein als die meisten speziellen Hypothesen der meisten anderen Wissenschaften. Dort streitet man nur über das Gesamtbild und welche Lehren daraus zu ziehen sind, falls überhaupt welche gezogen werden können.
    Geschichte wäre also in diesem Sinne sehr "hart", zumindest so hart wie die Paläontologie z. B. es ist.
    Dagegen scheinen mir naturwissenschaftliche Theorie, die sich mit komplexen Systemen zu befassen, ähnlich "weich" zu werden, wie die meisten Geisteswissenschaften.

    Ob diese Trennung in "harte" und "weiche" Wissenschaften nicht selbst nur eine Fiktion ist kann ich gar nicht beurteilen.

    Was dagegen Esoterik angeht: Es ist natürlich schon so, dass sich Anhänger gewisser Weltanschauungen von neueren Ergebnissen von Gesellschafts- oder allgemein Geisteswissenschaften angegriffen fühlen können. Meistens beinhalten weltanschauliche Muster ja keine explizit naturwissenschaftlichen Bestandteile.
    Allerdings habe ich unter Materialisten/Naturalisten auch oft ein gewisses Unbehagen gegenüber dem objektiven Zufall in der Quantenphysik herauslesen können. Es gab sogar Kritik an der Urknalltheorie, weil sie von einen Theologen stammte und quasi einen "Punkt 0" annahm, an dem die Welt, wie wir sie kenne, entstanden ist.

    Ich hoffe, dass war nicht zu Off Topic.

  4. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Wegdenker

    Nein, ich finde die Überlegungen gar nicht so "off-topic", sondern durchaus angebracht.

    Denn es gab sie ja, die erbitterten, anfangs gerne auch höhnischen Widerstände in der Physik zum Beispiel gegen die Relativitätstheorien, die Befunde der Quantenphysik und das heute etablierte Konzept eines Urknalls. Worauf jedoch Physikerinnen und Physiker zu Recht verweisen können, ist der Umstand, dass die Meinungsumschwünge durch "harte" wissenschaftliche Methoden wie Beobachtungen und Experimente herbeigeführt wurden.

    Schon die von Ihnen angeführte Geschichtsschreibung ist dagegen immer auch (nicht: nur!) Geschichtsinterpretation, die je nach Interessen und Weltanschauung anders ausfallen und dann diskutiert wird. Gerade auch die naturwissenschaftlich-"harten" Methoden wie Datierungsverfahren, DNA-Analysen etc. haben hierbei Fortschritte gebracht, ohne den dennoch "weicheren" Charakter von Geschichtswisssenschaften völlig aufheben zu können.

  5. chris Antworten | Permalink

    Interessant, dass sie das Thema ansprechen.

    Sogesehen bin ich dankbar dafür. Ob es was bringt, wage ich nicht zu hoffen. Da sind die Fronten doch arg verhärtet.

    Dabei ist es einzig ein Egostreit und die Anhänger der harten Wissenschaften meinen mit Belegen die Welt erklärt zu bekommen - schade dass sie nicht erkennen, das deren Welt leider arg selbstbeschränkt ist. Daran ist nichts generell schlimm, da Wissenschaftsmethode sie dazu zwingt. Aber nicht zu erkennen, dass man mit belegter Naturwissenschaft keine Phänomenologie erklären kann und auch sonst im alltäglichen Kaos nichts erklärt bekommt, ist ein struktureller Denkfehler. Wir alle lieben Eindeutigkeit, mit der man besser leben kann. Der Rest ist dann der absolute Zufall, der sich unter keine Gesetzmässigkeit zwingen lässt. Und das aus dem Geiste eines Reduktionisten - wie unglaubwürdig. Jene müssten unmissverständlich dafür streiten, dass es den Zufall nicht gibt, sondern nur das Unwissen um die Bedingungen.

    Aber mit bisher Belegtem ist noch wenig zu erklären und das Bestehen auf "Belege" zu jeder Aussage führt dazu, dass nichts neues mehr in Erkenntnis gebracht werden kann, weil ja alles schon "belegt" sei und für "neues" darin nichts angelegt oder aufgeführt sei. Tolle Sicherheitsfunktion, um sein weltbild nicht verändern zu müssen.

    Wie die Affen, die nichts sehen, nicht hören und nichts fühlen. Aber Messwerte ablesen können sie gerade noch. Der Grad der technischen Intelligenz ist der Grad der Dummheit in anderen Disziplinen - so scheints mir manchmal.

    Dabei ist kein Grund gegeben, um sich gegenseitig zu leugnen, da beide Seiten unverzichtbar sind, für einen Erkenntnisfortschritt.

    Und für die Extremisten unter den harten Wissenschaften (und deren Symphatisanten und Disziplin-Gläubigen):
    Mein erstes Auto damals war auch das Beste auf der Welt...
    Und logischerweise muß ich aus gewisser Abhängigkeit oder aus strategischen Erwägungen (Diplomatie) öffentlich erklären, dass mein/e Frau/Mann (Partner) der/die jeweils Beste für mich sie.
    Leider ein bischen zu viel "welch Brot ich fress... dess Lied ich sing"

    Na dann, auf ein neues Kampfjahr der dogmatischen Weltbilder.

  6. Michael Blume Antworten | Permalink

    @chris: Optimismus

    Lieben Dank - und von mir doch ein Plädoyer für mehr Optimismus.

    Tatsächlich ist es schon so, dass durch das Netz erst einmal die extremenen Positionen gewinnen und sichtbarer werden: Die sind lauter, interessanter und leichter zu verstehen als die ausgewogeneren Positionen: kath.net schlug das offizielle katholisch.de seit jeher und scharfe Physikalisten mit gerne auch polemischen Posts genießen im Web mehr Popularität als z.B. mein sehr geschätzter, auch erkenntnistheoretisch angenehm differenzierter Blognachbar Josef Honerkamp.

    Aber der Rausch der Polemiker sollte uns nicht verschrecken - auf Dauer setzen sich nach meiner Erfahrung eben doch die inhaltlich differenzierteren Ansätze durch und das Getobe wirkt nur noch lächerlich. Man denke nur an den langsamen Niedergang der Richard Dawkins-Jüngerschaft, die im wirklichen Wissenschaftsdiskurs kaum noch eine Rolle spielt. Für viele war Dawkins ein anregender, intellektueller Durchlauferhitzer (dafür schätze auch ich ihn bis heute!) - aber wer nicht darüber hinauswachsen kann, verliert halt auch den Anschluss an die Debatten und Begriffe.

    Die allermeisten Kolleginnen und Kollegen sowie auch Studierenden, mit denen ich zu tun habe, sind weder "harte" Physikalisten noch "weiche" Esoteriker, sondern befinden sich suchend und tastend in mittleren Positionen. Das ist vielleicht nicht so aufregend - aber m.E. doch deutlich besser und erfreulicher als die Tagesaufregung, an die sich morgen kaum noch jemand erinnern wird...

  7. Susanne Klarmann Antworten | Permalink

    @alle

    Im ersten Semester meines Studiums der Geographie, die wahlweise als schwerpunktmäßig geistes- oder naturwissenschaftliche Disziplin ausgeübt werden kann, hörte ich sinngemäß folgenden Satz: „Wissenschaft fragt nicht nach ihrem Sinn und Zweck, sie hat das Recht auch unabhängig von jeglicher Anwendbarkeit ausgeübt zu werden und strebt nach neuem Wissen.“

    Dennoch konnte ich mich fallweise nie dagegen wehren, nach dem Sinn mancher wissenschaftlicher Projekte zu fragen, egal ob vor natur- oder geisteswissenschaftlichem Hintergrund. Genau so ergeht es mir gerade mit dem Forschungsgegenstand der Unani-Medizin, nachdem ich die zwei letzten Blogs und zahlreiche Kommentare dazu gelesen habe. Gleichzeitig ist mir aber bewusst, dass ich so nicht denken sollte. Denn ich kann als kleines (obwohl intelligentes) Individuum gar nicht ermessen, was für die Menschheit sinnvoll ist bzw. noch werden kann. Darüber hinaus überzeugt mich die Anschauung, dass Wissenschaft keinen Zweck erfüllen muss, außer neues Wissen zu schaffen.

    Persönlich wundere ich mich über die starke „Provocatibility“ des Blogs (vom 21. November 2012), was u.a. an der gemeinschaftlichen Verwendung der Begriffe „Esoterik“ und „Medizin“ gelegen haben mag, was die Gemüter offensichtlich stark erregt hat. Darüber hinaus empfinde ich die Diskussionen, ob Unani esoterisch sei oder nicht, ob die Schulmedizin tatsächlich existiere oder ob die Autorinnen unzulässig Grenzen gezogen hätten als völlig normal innerhalb eines wissenschaftlichen Diskurses, vor allem in einem Forschungsfeld, in welchem sich potentiell so viele Disziplinen treffen können.
    Die „harten“ und „weichen“ Wissenschaften sind hinsichtlich ihrer Methodik und Beweismittel so grundverschieden, dass ich mich immer darüber gewundert habe, warum sie sich gegenseitig derart angreifen. Dennoch könnten sie voneinander lernen: Geisteswissenschaftler könnten z.B dem Beweisbaren ein wenig mehr Aufmerksamkeit zubilligen und manche Naturwissenschaftler der „Objektivität“ ihrer Empirik weniger blind vertrauen. Aber, die alte Feindschaft zwischen den Harten und Weichen wird wohl leider noch länger bestehen bleiben.

  8. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Susanne Klarmann

    Vielen Dank für die ausgewogene Betrachtung - so sehe ich es auch!

    An den Forschungen rund um Unani interessiert mich über das reine, historische Erkenntnisinteresse hinaus, wie "Wissen" zwischen Kulturen wanderte, wie es Strukturen änderte und hervorbrachte, das Selbstverständnis der Menschen berührte usw. Mir scheint, da ließe sich gerade für unsere Zeit mit dynamischen Globalisierungsprozessen historisch einiges besser verstehen und lernen.

    Interessanterweise hat sich nun daran eine Debatte entzündet, was Wissen und Wissenschaft eigentlich sei - bzw. sein dürfe. Ich hoffe, dass das Ganze wenigstens bei einigen (auf allen Seiten) Lernprozesse anstößt. Denn das Hauptproblem scheint m.E. zu sein, dass verschiedene Wissenschaftsbereiche viel zu stark nach innen kommunizieren - und dann gegenüber anderen sprachlos werden.

  9. Soziobloge Antworten | Permalink

    Angesichts der doch starken Resonanz auf den Artikel der Forscherinnen, habe ich mich auch gewundert, nachdem ich den Artikel mal gelesen hatte. Man kann sich natürlich immer über die Methodik streiten, doch konnte ich kein "Esoterik" oder ähnliches im Forschungsprojekt selbst erkennen.

    Ein Faktor in dieser generellen Diskussion zwischen den Wissenschaftlichen Disziplinen ist sicherlich der, wie sie sie schon richtig bemerken, dass sich jeder für Kompetent hält, Aussagen über Geistes- oder Sozialwissenschaftliche Themen zu tätigen, während für die Physik oder andere Naturwissenschaften ein Studium für notwendig gehalten wird. Dabei wird übersehen, dass eine gute sozialwissenschaftliche Studie komplizierter ist, als es den Anschein hat.

    Ein gewisser gegenseitiger Respekt wäre sicher angebracht. Unterschiedliche Felder erfordern unterschiedliche Methoden. Das gilt eigentlich für alle Wissenschaften.

    Der Frau Klarmann kann ich da auch nur voll zustimmen. Man kann voneinander lernen, statt sich gegenseitig zu "bekämpfen". Das ist meiner Meinung nach auch der Kern von Wissenschaft.

  10. Susanne Kurz Antworten | Permalink

    @ Michael Blume: Mich freut dieser Beitrag vor allem, weil er deutlich macht, wie unterschiedlich zunächst einmal die Gegenstände von Natur- und Geisteswissenschaften sind. Natürlich zieht das unterschiedliche Methoden nach sich. Daß es trotzdem Berührungspunkte gibt und deshalb ein Miteinander sinnvoller wäre als ein Gegeneinander, scheint mir auch völlig unstrittig.

    @ Wegdenker: In der Tat berechtigte Fragen und Überlegungen.

    @ Susanne Klarmann: Sie haben sehr richtig erkannt, daß die Hitze in der Diskussion zu unserem letzten Blogbeitrag etwas mit den Begriffen Esoterik und Medizin zu tun hatte, denn hier gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, was unter diesen Begriffen zu verstehen ist. Doch mehr als diese eigentlich ja ganz sachliche Diskussion, die man auch ganz ruhig und kühl führen kann, war dafür meiner Ansicht nach verantwortlich, daß die Kritik hie und da recht scharf und nicht in jedem Fall sachlich, jedenfalls aber emotional geäußert wurde. Emotion provoziert eben wieder Emotion.

    Leider sind solche Töne nicht dazu angetan, Lust auf mehr Kommunikation zu machen, selbst wenn man einsieht, daß sie sinnvoll wäre. Meinem Eindruck nach sind Geisteswissenschaftler in der Regel weder uninteressiert an naturwissenschaftlichen Ergebnissen noch haben sie etwas gegen sinnvolle Kooperationen (nicht immer und überall sind Kooperationen sinnvoll). Ich habe auch noch keinen Geisteswissenschaftler sagen hören, Naturwissenschaften seien unnütz oder ihre Forschungen grundsätzlich nicht unterstützenswert. Allenfalls kritisieren Geisteswissenschaftler unangemessene Deutungsansprüche von Naturwissenschaftlern. Nur muß die grundsätzliche Akzeptanz von Wissenschaften, die anders funktionieren als die eigene und deren Vertreter sich für anderes interessieren, schon auf beiden Seiten gegeben sein, damit fruchtbare Kommunikation möglich ist.

    Sie wundern sich, warum die Vertreter so unterschiedlicher Wissenschaften, die in ihren Arbeitsmethoden und meist auch ihren Gegenständen gar nicht miteinander vergleichbar sind, aufeinander losgehen? Meiner Ansicht nach liegt das an einem erhöhten Rechtfertigungsdruck im Verteilungskampf um knappe Ressourcen. Man ist gezwungen, die Relevanz der eigenen Wissenschaft und Forschung hervorzuheben, um Geld zu bekommen. Und natürlich muß man dazu auch zeigen, was man (besser) kann als andere. Wenn es nicht um öffentliche Anerkennung und damit um Geld und damit wiederum um Existenzen ginge, könnte man ja einfach akzeptieren, daß jede Wissenschaft ihren guten Sinn hat und daß es auch in jeder Wissenschaft sowohl Forschungen gibt, deren Nützlichkeit man unmittelbar versteht, ohne viel nachzudenken, als auch Forschungen, deren Nützlichkeit sich vielleicht erst nach einigem Nachdenken oder viel später einmal oder auch nie erweisen kann.

    Sie fragen nach dem „Sinn“ mancher Projekte, kommen aber erfreulicherweise zu dem Ergebnis, daß Sie (wie ja übrigens wir alle) kein Urteil darüber fällen können, was sich vielleicht irgendwann einmal als sinnvoll erweisen wird oder auch nicht. Ich glaube aber, daß Sie gar nicht „Sinn“ meinen, sondern „Nützlichkeit“. Und „Nützlichkeit“ wird meist so definiert, daß ein unmittelbarer (am besten noch wirtschaftlich verwertbarer) Nutzen für die Gesellschaft (oder gar die Menschheit) als ganze vorliegen muß. Man fragt sich natürlich, woher dieser zur Zeit sehr einflußreiche Nützlichkeitsbegriff eigentlich kommt. In jedem Fall ist „Nützlichkeit“ weder selbsterklärend noch in einem bestimmten Sinne zeitübergreifend gültig. Denn jede Zeit hat ihren eigenen Begriff von Nützlichkeit. Er richtet sich danach, woran man gerade besonders interessiert ist: technischer Fortschritt, wirtschaftlicher Gewinn, größere Verbreitung von Menschlichkeit (vielleicht mal in der Zukunft?), jenseitiges Seelenheil (auch schon mal dagewesen) oder Erkenntnisgewinn über Menschen als kulturschaffende Wesen und höhere Toleranz gegenüber dem (unverstandenen) Anderen. Daher wäre es sicher angemessen, wenn man dem Ideal der Zweckungebundenheit von Wissenschaft, wie Sie es an der Universität kennengelernt und hier formuliert haben, wieder ein bißchen mehr Geltung und öffentliche Akzeptanz verschaffen könnte. Aber damit sind wir wohl „off-topic“.

  11. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Soziobloge

    Ich meine schon zu verstehen, dass da zwei Weltsichten aufeinander prallen: Aus einem "harten" Wissenschaftsverständnis heraus ist Medizin schlichtweg die Summe der Methoden, die empirisch nachweisbar und nachvollziehbar zu Heilerfolgen führen - alles andere ist Pseudomedizin oder Esoterik. Aus einem "weichen" Wissenschaftsverständnis heraus ist Medizin jedoch ein Teilsystem in einem kulturellen Gefüge - und kein Europäer habe das Recht, z.B. Indern vorzuschreiben, was Medizin sei.

    Meines Erachtens stimmt schlichtweg beides, wie ja auch Liebe sowohl ein biologischer wie ein hochgradig kultureller Vorgang ist. Und deswegen geht m.E. jede Engführung an den Aufgaben von Wissenschaft insgesamt vorbei.

    Ebenso gehe ich davon aus, dass z.B. Soziologen ihr Fach als "soziale Physik" betreiben würden - wenn dies ginge. Aber es geht eben nicht, weil sich eben Menschen erfreulicherweise um Dimensionen komplexer verhalten als Materie.

  12. Hans Antworten | Permalink


    Poesie und Liebe sind wie Kultur und Geist der Menschen insgesamt immer auch (!) Physik und Biologie - aber eben niemals nur. Ich glaube: Wenn sich das weiter herumsprechen würde, kämen wir miteinander deutlich weiter. Wissenschaftlich - und menschlich.

    Ich wunder mich gerade, dass sich das immer noch nicht weiter herum gesprochen hat. Aber nach diesem Text und den vorherigen Kommentaren zu schliessen, ist das ja noch 'ne grosse Baustelle.

    ... hörte ich sinngemäß folgenden Satz: „Wissenschaft fragt nicht nach ihrem Sinn und Zweck, sie hat das Recht auch unabhängig von jeglicher Anwendbarkeit ausgeübt zu werden und strebt nach neuem Wissen.“

    Das unterschreibe ich sofort.

    Die „harten“ und „weichen“ Wissenschaften sind hinsichtlich ihrer Methodik und Beweismittel so grundverschieden, dass ich mich immer darüber gewundert habe, warum sie sich gegenseitig derart angreifen. Dennoch könnten sie voneinander lernen: Geisteswissenschaftler könnten z.B dem Beweisbaren ein wenig mehr Aufmerksamkeit zubilligen und manche Naturwissenschaftler der „Objektivität“ ihrer Empirik weniger blind vertrauen. Aber, die alte Feindschaft zwischen den Harten und Weichen wird wohl leider noch länger bestehen bleiben.

    Als nicht im Wissenschaftsbetrieb involvierter, aber interessierter Beobachter erscheint es mir so, als ob die verschiedenen Zweige nicht wirklich über die Unterschiede in der Methodik der jeweils anderen informiert sind, bzw. diese Unterschiede ausblenden, aus welchen Gründen auch immer. Deshalb sollte sich wohl als erstes mal herum sprechen, das die Methoden der Geisteswissenschaften nicht immer mit denen der Naturwissenschaftler identisch, und somit auch nicht immer vergleichbar sind. - Bliebe die Frage, ob das auch an den Hochschulen gelehrt wird. - Dass es diese Feindschaft zwischen den Diziplinen immer noch gibt, spricht eher dagegen.

    Schon die von Ihnen angeführte Geschichtsschreibung ist dagegen immer auch (nicht: nur!) Geschichtsinterpretation, die je nach Interessen und Weltanschauung anders ausfallen und dann diskutiert wird.

    Diese und

    Sie wundern sich, warum die Vertreter so unterschiedlicher Wissenschaften, die in ihren Arbeitsmethoden und meist auch ihren Gegenständen gar nicht miteinander vergleichbar sind, aufeinander losgehen? Meiner Ansicht nach liegt das an einem erhöhten Rechtfertigungsdruck im Verteilungskampf um knappe Ressourcen. Man ist gezwungen, die Relevanz der eigenen Wissenschaft und Forschung hervorzuheben, um Geld zu bekommen. Und natürlich muß man dazu auch zeigen, was man (besser) kann als andere. Wenn es nicht um öffentliche Anerkennung und damit um Geld und damit wiederum um Existenzen ginge,

    diese Aussage beschreiben meiner Ansicht nach den Kern des Problems. Und das fatale daran ist mMn, das dieser Kampf ums Geld derzeit politisch gewollt ist. Der wird einerseits von "der Wirtschaft" immer wieder angestachelt, indem sie versucht, die Disziplinen, deren Sinn sich nicht sofort erschliesst, für obsolet zu erklären (und evtl. sogar abzuschaffen). Andrerseits scheint mir "die Gesellschaft" inzwischen auch relativ weit "verblödet" bzw. in weiten Teilen mit ihrem eigenen Existenskampf voll ausgelastet zu sein, so dass sie dieses "Spiel" von Teile und Herrsche, das da gespielt wird, nicht wirklich durchschaut. Und die, die es durchschauen sind entweder zu wenige oder sie haben nicht die Mittel und Möglichkeiten, effektiv etwas dagegen zu tun.
    Und, um die Weltanschauung noch mal ins Spiel zu bringen: "die Wirtschaft", bzw. viele Ihrer Vertreterinnen und Vertreter haben zudem scheinbar eine Weltanschauung, bei der alles um Konkurenz geht. Da wird mMn nur im Falle einer Win-Win-Situation mal auf Kooperation gesetzt. Im allgemeinen scheint es jedoch eher so zu sein, das auf Konfrontation gesetzt wird, und dass sich zumindest vorrüber gehend diejenigen durchsetzen, die die meisste Macht (oder das meisste Geld) haben. Das macht das Leben in der Forschung schwerer als es sein müsste. In historischen Zeiträumen betrachtet ergibt sich daraus hoffentlich mal die Erkenntnis, dass Konkurenz eben nicht immer nützlich ist.

  13. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Hans: Konkurrenz

    Nach meiner Beobachtung spielt nicht nur die Konkurrenz "zwischen" den Wissenschaftsdisziplinen, sondern vor allem auch die Konkurrenz "innerhalb" derselben eine enorme Rolle: Potentielle Nachwuchsforschende müssen möglichen Berufungskommissionen beständig demonstrieren, dass sie die je facheigene Methodik besser drauf haben als potentielle Konkurrenten. Interdisziplinäre "Ausflüge" sind da fast Harakiri! (Ich habe z.B. bei meiner Promotion auch die Warnung bekommen, "mit Biologen spiele man nicht", sonst "gibt es halt nie einen Lehrstuhl." Hätte ich auf diese Laufbahn gezielt, hätte ich das Promotionsthema ggf. wechseln müssen!)

    Die Sitution des wissenschaftlichen Mittelbaus war hier auf dem Blog schon Thema, zum Beispiel hier:
    http://www.scilogs.de/...n-universit-ren-mittelbau

    Allerdings ist es m.E. natürlich auch unrealistisch, einfach zu fordern, alle Wissenschaften müssten unendlich viel Geld erhalten, damit es keine Konkurrenz mehr gibt. Da ist meines Erachtens eher Kreativität gefragt, zum Beispiel weniger, dafür feste Stellen.

  14. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @Hans: science does not trust "words"

    Die Sokal-Affäre hat gezeigt, wie tief die intellektuellen Standards in den Sozial- und Geisteswissenschaften sind: Ein Hoax-Text des Physikers Alan Sokal, der die Quantengravitation als linguistisches und soziales Konstrukt zu deuten vorgab, wurde trotz bewusst falschen Details publiziert. Man konnte daras schliessen, dass der richtige Jargon genügt um von Sozial- und Geisteswissenschaftlern ernst genommen zu werden.

    Über die präkäre Situation in der psychologischen "Forschung" hat der scilogs-Blogautor Thomas Grüter im Artikel Unwiederholbare Experimente geschrieben. Man liest dort:
    "In den Naturwissenschaften gilt es als selbstverständlich, dass Experimente wiederholbar sein müssen. Wichtige, unerwartete und bahnbrechende Ergebnisse gelten erst dann als gesichert, wenn sie von wenigstens einer weiteren Forschergruppe bestätigt werden. In der Psychologie ist das anders, wie sich jetzt wieder einmal deutlich erwiesen hat."

    Thomas Grüter berichtet dann über mehrere psychologische Studien, deren Schlussfolgerungen in späteren Arbeiten in Frage gestellt wurde. Diese kritischen Studien wurden aber abgewiesen, das heisst bewusst nicht publiziert (Zitat)" Das Journal of Personality und Social Psychology weigerte sich, die Arbeit überhaupt anzusehen. Begründung: Sie veröffentlichten keine Zweitstudien. Mit dem gleichen Argument lehnten die Journale Science und Psychological Science ab. Alle diese Zeitschriften ließen die Arbeit nicht einmal begutachten."
    Die Abweisung von kritischen Nachstudien in der Psychologischen Forschungsliteratur haben auch andere erlebt. Der Psychologe Seymour Epstein hat genau die gleiche Erfahrung gemacht und kommt zum Schluss:
    „Wissenschaftler, wie andere menschliche Wesen, werden von eigenen Interessen geleitet. Zu den wichtigeren gehören das Vorankommen in ihrem Bereich und damit verbunden die Erhöhung ihrer Selbstachtung und die Erhaltung ihres Selbstbilds.“
    Und deshalb also sind kritische Studien, die Ergebnisse von Vorgängerstudien in Frage stellen, in den Sozial- und Geisteswissenschaften oft nicht erwünscht.

    Fazit: Eine Wissenschaft, die Reproduzierbarkeit nicht anstrebt und immun gegen Korrekturen ist, ist keine Wissenschaft und sollte nicht öffentliche Gelder erhalten.

  15. Mona Antworten | Permalink

    Sokal-Affäre

    Der manipulierte Text des Physikers Alan Sokal dürfte nicht der einzige Unsinn sein, der jemals verbreitet wurde. Solche Beispiele finden sich auch in anderen Disziplinen und ich würde äußerst zurückhaltend damit umgehen. Vor allem wenn hinterher herausstellt, dass das Ganze auch politisch motiviert war. "Sokals Fälschung war das falsche Zeichen."

    Siehe dazu: http://dtserv3.compsy.uni-jena.de/...em%20Boot.pdf

  16. Christian Antworten | Permalink

    Jein

    Grundsätzlich: Ja, wer sich mit Physik beschäftigt kann viele Dinge z. B. im Verhalten von Lebewesen nicht vorhersagen. Andere, "weiche" Wissenschaften sind dazu sehr viel geeigneter.
    Die "harten" Wissenschaften legen allerdings gewisse Grenzen für die "weichen" fest. So kann man problemlos erfassen, vergleichen etc. was Menschen z. B. von Homöopathie, TCM etc. halten. Wenn es allerdings um deren behauptete Wirksweise oder Wirkung geht dann muss durchaus die "harte" Wissenschaft gefragt werden. Nur weil Menschen einer Kultur glauben dass etwas wirkt heißt das nicht dass es so ist.
    Ähnliches gilt für Theologie. Es darf gerne geforscht werden was alles geglaubt wird, mit welchen Begründungen etc., aber bitte als Religionswissenschaft, nicht als ein bewusst auf unbelegten Aussagen basierendes Dogma.

  17. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @Mona: Wir sitzen alle in einem Boot

    Das Gerede von der ganz unterschiedlichen Arbeitsweise der Sozial- und Geisteswissenschten (inklusive Psychologie) und der Naturwissenschaft beweist doch nur, dass sich Sozial-, Geisteswissenschaftler und Psychologen in ihre eigene Welt eingekapselt haben.

    Denn:
    - Kritische Bewertungen sollte es in jeder Wissenschaft geben
    - Reproduzierbarkeit sollte in jeder Wissenschaft eine Rolle spielen wo es um Behauptungen über Sachverhalte geht.

    Viele Sozial-und Geisteswissenschaftler haben falsche Vorstellungen wie in den Naturwissenschaften gearbeitet wird und auf was es überhaupt ankommt, damit ein Papier oder eine Theorie etwas wert ist. In den Naturwissenschaften wird nicht - wie oft behauptet - vor allem bewiesen. Vielmehr werden Modelle erstellt, die unsere Realität oder Teile davon mehr oder weniger gut beschreiben. Wie aber beurteilt man die Qualität dieser Modelle?
    Der Autor von Wir sitzen alle in einem Boot schreibt dazu:
    "Statt eine Wissenschaft durch ihre Losgelöstheit zu definieren, beschreibt man sie durch die Verbundenheit mit ihrer Umwelt. Anstatt eine Wissenschaft an der absoluten Genauigkeit ihres
    Wissens zu erkennen, erkennt man sie an der Qualität ihrer kollektiven Erfahrung, die sie mit anderen zusammen steigert."

    Die Ironie an diesen Sätzen ist, dass der Autor meint, solch eine Arbeitsweise gäbe es in den Sozial- und Geistewissenschaften. Dabei gibt es sie dort eben nicht. Es gibt sie beispielhaft z.B. am Cern, wo viele Papiere kollektiv erarbeitet werden oder in der Klimaforschung, wo der Weltklimarat hunderte von Arbeiten berücksichtigt.

  18. Studierendenfutter Antworten | Permalink

    meiner beobachtung nach wird in den "harten" wissenschaften zumindest theoretisch in betracht gezogen, dass jede these falzifizierbar sein muss. in den "weichen wissenschaften" ist diese denkweise unbeliebt, was durchaus daran leigen kann, dass selbige ihre thesen schon nicht verifizieren können.

  19. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Christian: Jein

    Mir geht es wie Ihnen - auch von mir ein konstruktives "Jein"! :-)

    So stimme ich Ihnen zu, wenn Sie schreiben: Die "harten" Wissenschaften legen allerdings gewisse Grenzen für die "weichen" fest.

    Auch hier sehe ich eine Gegenseitigkeit. Denken Sie nur an den Sozialdarwinismus, der nicht zuletzt dadurch befeuert wurde, dass (immer vorläufige) Befunde aus der Biologie unreflektiert auf die menschliche Gesellschaft übertragen und daraus z.B. brutaler Konkurrenzkampf sowie Eugenik und Euthanasie abgeleitet wurden. M.E. tun also sowohl "harte" wie "weiche" Wissenschaften gut daran, sich ihrer Grenzen bewusst zu werden - was eine philosophisch-erkenntnistheoretische und damit geisteswissenschaftliche Tätigkeit ist.

    So kann man problemlos erfassen, vergleichen etc. was Menschen z. B. von Homöopathie, TCM etc. halten. Wenn es allerdings um deren behauptete Wirksweise oder Wirkung geht dann muss durchaus die "harte" Wissenschaft gefragt werden. Nur weil Menschen einer Kultur glauben dass etwas wirkt heißt das nicht dass es so ist.

    Völlig einverstanden! Wobei Wissenschaft m.E. auch erkunden und verstehen sollte, "warum" Menschen solche Glaubensaussagen ausprägen und sogar gegen empirische Belege aufrecht erhalten. Menschen dafür zu verachten oder gar beschimpfen, dass sie Menschen sind, erscheint mir als unwissenschaftlich bzw. ideologisch.

    Ähnliches gilt für Theologie. Es darf gerne geforscht werden was alles geglaubt wird, mit welchen Begründungen etc., aber bitte als Religionswissenschaft, nicht als ein bewusst auf unbelegten Aussagen basierendes Dogma.

    Nur erheben Sie damit ja wiederum selbst ein metaphysisches (hier: philosophisches) Dogma!

    Um nur ein Beispiel zu nennen: Wir beide werden uns m.E. sehr schnell einig werden, dass sich wesentliche Aussagen der mormonischen Theologie und des Buches Mormon bislang empirisch nicht bestätigen ließen. In Ihrer Formulierung wäre es wohl win "bewusst auf unbelegten Aussagen basierendes Dogma".

    Aber ebensowenig können wir leugnen, dass auf Basis dieser Lehren eine außerordentlich erfolgreiche, kinderreiche, weltweit wachsende und relevante Religionsgemeinschaft enstanden ist.
    http://www.scilogs.de/...h-smith-und-seiner-kirche

    Und wenn Sie mich - als Religionswissenschaftler, also als Nicht-Theologen - fragen, ob es hilfreich sei, dass sich auch aus der mormonischen Bewegung heraus eine akademisch reflektierende Theologie entwickelt, hören Sie von mir ein klares: "Ja, bitte!" Mir machen religiöse Bewegungen sehr viel mehr Sorgen, die sich von vornherein jeder universitären Reflektion und Diskussion ihrer Glaubensgrundsätze entziehen! Auch der studierte Theologe Charles Darwin rief (m.E. zu Recht) dazu auf, dass gewachsene Religionen durch Vernunft "veredelt" werden sollten.

  20. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Studierendenfutter

    Wie oben geschrieben: Ich glaube, dass daran etwas dran ist - dass es aber auch gar nicht anders sein kann.

    Wenn Sie schreiben: in den "weichen wissenschaften" ist diese denkweise unbeliebt, was durchaus daran leigen kann, dass selbige ihre thesen schon nicht verifizieren können. - dann kann ich nur zustimmen: Ja, die Wahlergebnisse des nächsten Monats oder die Existenz und Gültigkeit der Menschenrechte lassen sich empirisch nicht in gleicher Weise "verifizieren" wie z.B. das Auftreten einer Supernova in einem fernen Kugelsternhaufen. Für das reale Leben der Menschen - einschließlich der Wissenschaftler aller Fakultäten - können Wahlen und Menschenrechte jedoch um Dimensionen relevanter sein.

    Bei aller Begeisterung für empirisches Forschen - das ja auch mein Hauptansatz ist - kann ich also vor einer Verabsolutierung dieses "harten" Ansatzes nur warnen.

  21. ms Antworten | Permalink

    Ich habe mich jetzt nicht mit den verlinkten Themen und Blogs beschäftigt, aber: So hart sind viele der angeblich harten Wissenschaften auch nicht, sie sind häufig nur geschichtsvergessen. Auch in den harten Wissenschaften von Physik bis Medizin gab es in der Vergangenheit gewaltige Paradigmenwechsel. Die Physiker vor der Relativitätstheorie haben damals ihre Wissenschaft auch als richtig harte Wissenschaft verteidigt und natürlich bestanden auch die Schädelvermesser darauf, dass sie natürlich nur objektive, messbare Fakten wie etwa die Nasengröße verwenden würden.

    Die Liste der mittlerweile überholten naturwissenschaftlichen Theorien und Annahmen ist jetzt auch nicht viel kleiner als die der überholten geisteswissenschaftlichen.

  22. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @ms: Fortschritt in der Geist..wiss?

    Gibt es überhaupt Fortschritt in den Geisteswissenschaften. Sie legen das nahe, wenn sie schreiben:
    "Die Liste der mittlerweile überholten naturwissenschaftlichen Theorien und Annahmen ist jetzt auch nicht viel kleiner als die der überholten geisteswissenschaftlichen."

    Können sie mir geisteswissenschaftliche Theorien nennen, die inzwischen überholt sind, begründen warum sie überholt sind und welche neuen Erkenntnisse sie als überholt erscheinen lassen? Können sie mir geisteswissenschaftliche Umbrüche nennen, die vergleichbar sind mit der Einführung der Relativitätstheorie oder der Evolutionstheorie?

  23. Wegdenker Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    "Denn es gab sie ja, die erbitterten, anfangs gerne auch höhnischen Widerstände in der Physik zum Beispiel gegen die Relativitätstheorien, die Befunde der Quantenphysik und das heute etablierte Konzept eines Urknalls."

    Die meinte ich eigentlich gar nicht. Mir ging es nur darum, dass manche Leute, die sich selbst als Naturalisten verstehen, eben einige Probleme mit diesen Ideen haben. Und das aus, wie sie selbst ausführen, weltanschaulichen Gründen.
    Etwa wenn sie nur das Aufzeigen kausaler Abläufe als Erklärung akzeptieren und ihnen der Zufall daher ein Dorn im Auge ist oder wenn... Schon dieser Blog scheint mir z. B. einen sehr "harten Kern" (demographische Tendenzen in verschiedenen Gesellschaften auf der ganzen Welt) zu haben, aber grade das ist für einige Atheisten offenbar ein rotes Tuch. Ob die Erklärungen immer so korrekt sind, das kann man ja in frage stellen.

    "Schon die von Ihnen angeführte Geschichtsschreibung ist dagegen immer auch (nicht: nur!) Geschichtsinterpretation, die je nach Interessen und Weltanschauung anders ausfallen und dann diskutiert wird."

    Das mag ja vielleicht richtig sein, aber dennoch ändern sich Dinge wie das Mittelalter nicht auf einmal, bloß weil man sie anders wahrnimmt. Klar werden auch auf diesen Gebieten Mythen gestrickt, aber Eckdaten, z. B. wann der Papst ins Amt kam, wann die Hexenverfolgung begann (nämlich nach dem Mittelalter), bleiben bestehen.

    Aus einem "harten" Wissenschaftsverständnis heraus ist Medizin schlichtweg die Summe der Methoden, die empirisch nachweisbar und nachvollziehbar zu Heilerfolgen führen - alles andere ist Pseudomedizin oder Esoterik.

    Das stimmt doch nicht.
    Aus "harter" Perspektive sind solche Effekte entweder Autosuggestion, in Wahrheit Wirkung bisher noch unbekannter Ursachen oder der Placebo-Effekt.
    Ich kenne keinen einzigen Anhänger der "Schulmedizin" oder evidenzbasirten Medizin (mich eingeschloßen), der den Placebo-Effekt ablehnen würde.

    @Martin Holzherr

    Die Sokal-Affäre hat gezeigt, wie tief die intellektuellen Standards in den Sozial- und Geisteswissenschaften sind: Ein Hoax-Text des Physikers Alan Sokal, der die Quantengravitation als linguistisches und soziales Konstrukt zu deuten vorgab, wurde trotz bewusst falschen Details publiziert.

    Nein, hat sie nicht.
    Ich habe einmal gelesen, dass die Verantwortlichen der Zeitschrift diesen Artikel nur deshalb abgedruckt haben, weil der Urheber ein renommierter Physiker war und man überrascht war, überhaupt so einen Artikel von ihn zu erhalten. Zumal er darin angeblich auch "Geistesgrößen" des in den Magazin behandelten Fachgebietes zitiert hat.

    Das scheint mir eine plausibele Interpretation des "Experimentes" von Sokal zu sein, in dem den entsprechenden Magazin keine Inkompetenz unterstellt wird.
    Ich möchte in diesen Zusammenhang nicht unerwähnt lassen, dass Sokals Kritik an den "niedrigen methodischen Standards" auch politisch motiviert war: Die politische Linke solle ihre Kritikfähigkeit nicht verlieren.

    Aber selbst wenn wir Sokals Ergebnisse mal anerkennen - und damit unsererseits niedrige methodische Standards anwenden - , so müssen wir doch zugeben, dass nicht alle Geisteswissenschaftler "postmodern" arbeiten.

    Eine Wissenschaft, die Reproduzierbarkeit nicht anstrebt und immun gegen Korrekturen ist, ist keine Wissenschaft und sollte nicht öffentliche Gelder erhalten.

    Das Fazit ist falsch, denn es berücksichtigt nicht, dass sich die Ergebnisse eines psychologischen Experimentes auch verändern können, wenn es publiziert wird.
    Wenn z. B. in einer berühmten und politisch diskutierten Studie nachgewiesen wird, dass Angehörige der Bevölkerungsgruppe X die Tätigkeit Y eher vermeiden oder geringschätzen und das als Skandal betrachtet wird, werden viele Mitglieder von X in solchen Studien eben besonders bemüht sein, so zu tun als würden sie Y gern tun.

    Ich halte es nicht für selbstverständlich, dass man naturwissenschaftliche Methodiken auch auf andere Gebiete übertragen kann.
    In Übrigen gibt es auch in "harten" Wissenschaften das Problem, dass Experimente nur einmal durchgeführt werden, weil die Reproduktion eines Experiments der eigenen akademischen Karriere nicht besonders hilft, es schwerer ist, Gelder zu bekommen (!) und die Arbeiten, die sich damit befassen, überdies schlecht zitiert werden. (Was ja eines der Punkte bei der Leistungserhebung wissenschaftlich arbeitender Menschen ist!)

    @Studierendenfutter
    "Meiner beobachtung nach wird in den "harten" wissenschaften zumindest theoretisch in betracht gezogen, dass jede these falzifizierbar sein muss."
    Ihre Beobachtung in Ehren, aber es ist eben nicht immer ohne weites möglich, zu sagen, welche These durch ein Experiment jetzt "falzifiziert" wurde.
    Das ist meines Wissens eine der Axiome der popperschen Wissenschaftsphilosophie, die aber auch am Heftigsten angegriffen wurde.

  24. Wegdenker Antworten | Permalink

    Noch einmal...

    @Michael Blume

    Auch der studierte Theologe Charles Darwin rief (m.E. zu Recht) dazu auf, dass gewachsene Religionen durch Vernunft "veredelt" werden sollten

    Können Sie dafür bitte eine Quellenangabe liefern?

    @Martin Holzherr:
    "Können sie mir geisteswissenschaftliche Umbrüche nennen, die vergleichbar sind mit der Einführung der Relativitätstheorie oder der Evolutionstheorie?"

    Sicherlich. Beispielsweise waren die Gelehrten früher davon überzeugt, dass Mythen keine Realitäten widerspiegeln und gingen deshalb davon aus, dass z. B. Homers Troja eigentlich nicht existierte. Also nicht als Stadt.
    Dann kamen die Ausgrabungen von Schlimmann.
    Es gab noch andere Punkte, in denen überholte Thesen überarbeitet wurden, z. B. in der Linguistik.

  25. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Wegdenker

    In Sachen Medizin stimme ich zu: Auch die meisten (wenn nicht gar: fast alle) Vertreter evidenzbasierter Medizin würden Autosuggestion, Placebo-Effekt etc. inzwischen als empirisch gesichert ansehen. Die Debatten toben, ob das aber zur Begründung und Bezuschussung z.B. von Homöopathie reicht, ob weitere Effekte bestehen usw.

    Eine ethnologische Perspektive könnte (m.E. ergänzend dazu!) aufzeigen, dass schon die Begriffe "Heil" und "Heilung" sehr kulturell geprägt sind und z.B. Schmerzfreiheit, Wohlbefinden, Verlängerung der Lebenserwartung, Beginn des Lebens, rituelle Reinheit etc. sehr unterschiedlich gewichten können. Wie geschrieben: Ich denke, dass die verschiedenen Perspektiven ihren Sinn haben und sich schon deswegen nicht völlig voneinander abschotten sollten.

    Können Sie dafür bitte eine Quellenangabe liefern?

    Ja - gleich Anfang kommender Woche! :-)
    In der Vorschau z.B. schon hier:
    http://www.science-shop.de/artikel/1179418

    Beste Grüße!

  26. Chris Antworten | Permalink

    Ich glaube auch, dass die unterschiedlichen Disziplinen viel mehr voneinander lernen können. Ich selber habe sowohl eine "relativ harte" und eine "sehr weiche" Wissenschaft studiert. Den Ratschlag an die "harte" Wissenschaft mehr über die eigene Erkenntniskraft und ihre philosophisch-geschichtlichen Voraussetzungen nachzudenken halte ich für absolut angebracht.

    Damit komme ich zum Aber: was mich an vielen Akteuren der "weichen" Wissenschaften stört ist dass, obwohl die eigenen Ergebnisse tlw. auf sehr viel tönernen Füßen stehen als Ergebnisse der "harten" Wissenschaften, für mein Empfinden der eigene "Gestaltungsanspruch" mit viel zu großer Verve vorgetragen wird. Das reicht von Philosophen und Soziologen bis hin zu Psychologen und Ökonomen. Diese "Politisierung" spüre ich dort als sehr viel stärker als in den "harten" Wissenschaften. Ich halte das für wissenschaftliche Erkenntnis sehr kontraproduktiv. Als ein Beispiel empfinde ich meine Wahrnehmung dass der "Kampf der Disziplinen" die "gleiche" Gegenstände in ihren Überschneidungsbereichen untersuchen in den "weichen" Wissenschaften stärker ausgeprägt ist. Man vergleiche das Dreieck Physik/Chemie/Biologie und Soziologie/Ökonomie/Psychologie.

    Auf jeden Fall interessanter Artikel. Ich habe kürzlich einen älteren Text zum "Holismus" von Vollmer gelesen und wollte mir auch mal eine neuere Schrift besorgen.

  27. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @Wegdenker: NWiss. und GWiss. overlap

    Sokrates' mäeutische Dialogführung verunsichert den Dialogpartner und führt in die Aporie (Ratlosigkeit), was ihn zwingt die Grundbegriffe zu hinterfragen.
    Galilei übernahm diese Dialogtechnik in seinem Dialog über die zwei Weltsysteme. Das kritische Hinterfragen wurde in der Philosohpie erfunden und hat sich in der Naturwissenschaft bewährt.

    Umgekehrt wäre es für Geisteswissenschaftler ratsam ebenfalls von den Naturwissenschaftlern zu lernen und nicht einfach festzustellen (Zitat) "Ich halte es nicht für selbstverständlich, dass man naturwissenschaftliche Methodiken auch auf andere Gebiete übertragen kann."

    Wie gehen den Naturwissenschaftler mit dem folgenden Problem um (Zitat)
    "In Übrigen gibt es auch in "harten" Wissenschaften das Problem, dass Experimente nur einmal durchgeführt werden, weil die Reproduktion eines Experiments der eigenen akademischen Karriere nicht besonders hilft, es schwerer ist, Gelder zu bekommen (!) und die Arbeiten, die sich damit befassen, überdies schlecht zitiert werden."

    Eine fehlende Reproduzierbarkeit wurde kürzlich bei biologischen/biomedizinischen Arbeiten festgestellt (nur 50% der Resultate reproduzierbar) und skandalisiert. Jetzt gibt es die Reproducibility Initiative

    Was kann man daraus lernen: Naturwissenschaftler sind nicht wie Geisteswissenschaftler einfach kluge Leute, die die Literatur kennen und gelehrte Aufsätze schreiben, sondern sie sind angreifbar und ihre Arbeit ist wenig wert, wenn andere damit nichts anfangen können.

    Gute Geisteswissenschaftler haben nichts gegen Fakten
    Sie schreiben: "Beispielsweise waren die Gelehrten früher davon überzeugt, dass Mythen keine Realitäten widerspiegeln und gingen deshalb davon aus, dass z. B. Homers Troja eigentlich nicht existierte. Also nicht als Stadt.
    Dann kamen die Ausgrabungen von Schlimmann."

    Sehen sie, Schlimann war eben kein reiner Geisteswissenschaftler. Er hat selber gegraben und zwar auch dort, wo er eigentlich gar nicht hätte graben dürfen.

  28. Studierendenfutter Antworten | Permalink

    "aber es ist eben nicht immer ohne weites möglich, zu sagen, welche These durch ein Experiment jetzt "falzifiziert" wurde."

    das ist nicht der punkt. eine these muss erkenntnistheoretisch dergestalt sein, dass eine falsifikation möglich ist. das bedeutet nicht, dass jede these falsch ist.

  29. Joachim Antworten | Permalink

    Weich und Hart? Wirklich?

    Abgesehen von dem unpassenden Aufhänger (die Angriffe erfolgten ja nicht gegen die Kulturwissenschaftlichen Arbeiten der Autorin, sondern gegen ihre Aussagen über Medizin) finde ich es etwas merkwürdig, Wissenschaften in hart und weich einzuteilen. Als Naturwissenschaftler, der durchaus Einsichten in Geistes- und Sozialwissenschaften hat, kann ich nicht erkennen, inwiefern die letztgenannten weicher sein sollen als die ersten. Gerade die Soziologie ist als ein sehr schwieriges Fach bekannt, weil es bei soziologischen Untersuchungen recht schwer ist, störende Effekte auszuschließen. Soziologinnen und Soziologen müssen in Mathematik, Textverständnis und Menschenkenntnis gut sein. Das ist eine mindestens ebenso harte Wissenschaft wie Chemie oder Physik.

  30. Wegdenker Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    "Die Debatten toben, ob das aber zur Begründung und Bezuschussung z.B. von Homöopathie reicht, ob weitere Effekte bestehen usw."

    Das ist schon generell richtig. Das wesentliche daran scheint mit aber zu sein, dass hier auch die medizinethische Frage mit reinspielt: "Ist es richtig einen Patienten einen Placebo zu verschreiben, von dem man weiß, dass er eigentlich nicht wirkt?
    Zerstört das nicht das Vertrauen?"

    Nun, die Frage halte ich für schwerwiegend.

    @Chris:

    "Den Ratschlag an die "harte" Wissenschaft mehr über die eigene Erkenntniskraft und ihre philosophisch-geschichtlichen Voraussetzungen nachzudenken halte ich für absolut angebracht."

    Das sehe ich nicht zwangsläufig so. Vielleicht ist es wichtiger, wenn die harten Wissenschaften "objektiv" also sachgemäß, arbeiten und sich dabei nicht so sehr von Nachdenken über ihre Voraussetzungen ablenken lassen.
    Die meisten "harten Wissenschaften" werden sonst wohl versuchen, ihre Wissenschaft statistisch zu begründen.

    Man vergleiche das Dreieck Physik/Chemie/Biologie und Soziologie/Ökonomie/Psychologie.

    Auch Biologen kämpfen, so mein Eindruck, darum, dass man ihre Wissenschaft nicht komplett auf Physik oder Chemie reduzieren kann.
    Selbst die "naturalistischen" Biologen begründen das in der Regel mit der Komplexität einzelner Organismen und Ökosystemen, die sich nicht mehr aus einzelnen Molekülen ableiten lässt. Andere sprechen sogar von Emergenz.

    @Martin Holzherr

    Das kritische Hinterfragen wurde in der Philosohpie erfunden und hat sich in der Naturwissenschaft bewährt.

    Schon die Griechen des Altertums hatten eine Physik. Nur wurde diese im Rahmen der Philosophie betrieben.
    Insofern verstehe ich jetzt den Zusammenhang nicht ganz...

    Umgekehrt wäre es für Geisteswissenschaftler ratsam ebenfalls von den Naturwissenschaftlern zu lernen und nicht einfach festzustellen

    Das ist aber keine korrekte Schlussfolgerung.
    Bloß weil die modernen Naturwissenschaften das Prinzip der rationalen, auf denken basierenden Welterklärung von den antiken Philosophen übernommen haben, heißt das ja nicht, dass die andere Disziplinen auch davon profitieren naturwissenschaftliche Methoden einzusetzen.
    Es mag vielleicht sein, dass z. B. Verfahren der modernen Quellenkritik anfangs philosophisch motiviert waren, aber wie könnte die Geschichtswissenschaft z. B. von Verfahren mit Experimenten und den Versuch sie zu wiederholen profitieren?
    (Das gilt nur eingeschränkt, etwa wenn man versucht ein römisches Aquädukt mit damaligen Mitteln nachzubauen. Dann kann man vielleicht erkennen, dass die Römer damals wohl schon Mittel und Wege hatten, die wir heute nicht mehr bei ihnen vermuten würden...)

    Naturwissenschaftler sind nicht wie Geisteswissenschaftler einfach kluge Leute, die die Literatur kennen und gelehrte Aufsätze schreiben, sondern sie sind angreifbar und ihre Arbeit ist wenig wert, wenn andere damit nichts anfangen können.

    Ich würde jetzt mal vermuten, dass das bei Geisteswissenschaftlern nicht anders ist.
    Ich werde jetzt noch ein Beispiel geben (die Darstellung ist jetzt extrem vereinfacht!): Meines Wissens geht man heute davon aus, dass Sextus Empiricus (ein Philosoph der Antike) 5 Bücher geschrieben hat. Erstens die "pyrrhonischen Grundrisse", dazwischen 2 heute verlorene Bücher, eins über Medizin, eins über sie Seele, zweitens "Gegen die Dogmatiker" (was man auch als eine Art philosophiehistorischen Aufsatz lesen könnte), drittens "Gegen die Mathematiker" (eine Art Enzyklopädie über alle damaligen "Wissenschaften" mit Widerlegungsversuchen zu allen).
    Nun wurde im 19. Jahrhundert noch angenommen, die "Grundrisse" seien später geschrieben worden, quasi ein Spätwerk, dass die Ergebnisse der vorangehenden Untersuchungen zusammenfasst und ein Fazit zieht. Das gilt heute als falsch, weil sich kein direkter Verweis aus den Grundrissen auf eines der späteren Werke finde, wohl aber in den späteren Werken Verweise auf die Grundrisse!
    Manche Altphilologen gingen davon aus, dass "Gegen die Dogmatiker" und "Gegen die Mathematiker" ursprünglich ein Werk wäre. Das gilt heute aber als widerlegt, weil er am Ende von der Dogmatiker seine Untersuchungen quasi schließt und ähnliches.
    Auch gingen frühere Altphilologen davon aus, dass Sextus beim Abfassen des "Grundrisses" noch einen logisch-methodischen Standpunkt hatte, während "Gegen die Logiker" (aus "Gegen die Dogmatiker") seine Konvertierung zu einem Empiriker bezeugt. (Was ich für falsch halte. Denn er sagt selbst, er benutze die Argumente nur, um das mangelnde Wissen seiner Zeit zu erweisen.)

    Nun stelle ich 2 Fragen:
    1. Ist es nicht möglich, dass die Hypothese mit den 5 Büchern "falsifiziert" wird?
    Etwa, wenn sich in einem alten Codex ein 6. Buch findet oder eine glaubwürdige Referenz in einem anderen Werk darauf?
    Natürlich. Nur wäre allein das Auftauchen so eines Werkes noch lange kein definitiver Beweis für ein 6. Buch. Es gibt z. B. auch viele Schriften, die im Namen von Aristoteles geschrieben wurden, aber nicht als authentisch gelten.
    Deshalb müsste man dieses 6. Buch wiederum untersuchen auf sprachliche und inhaltliche Besonderheiten und auch auf Verbreitung usw.
    (Ich hoffe man versteht, auf was mein Argument hinausläuft?)
    2. Lässt sich die Hypothese mit den Empiriker oder Methodologen auf diese Weise "falsifizieren"?
    Wohl eher nicht.

    Schon dieses Beispiel scheint mir die Besonderheit der Geisteswissenschaften sehr schön zu illustrieren.

    Wenn es jetzt um den praktischen Nutzen geht, okay, der dürfte bei diesen Fächern im Allgemeinen nicht so hoch sein wie in den Naturwissenschaften, aber auch dort gibt es Forschungsprojekte ohne unmittelbaren Nutzen.

    Er hat selber gegraben und zwar auch dort, wo er eigentlich gar nicht hätte graben dürfen.

    Ich bin jetzt mit den Grabungsvorschriften seiner Zeit nicht vertraut, aber ich wollte sein Verhalten ohnehin nicht als komplett vorbildlich einstufen!

  31. Wegdenker Antworten | Permalink

    @Studierendenfutter: Erklärung

    das ist nicht der punkt.

    Doch, das ist schon ein wesentlicher Punkt!
    Es kann nämlich sehr wohl eine kontroverse darüber geben, was genau ein neues Experiment eigentlich widerlegt.

    eine these muss erkenntnistheoretisch dergestalt sein, dass eine falsifikation möglich ist.

    Muss? Wer sagt das? Und was ist, wenn dieses "Muss" nicht erfüllt wird?

    das bedeutet nicht, dass jede these falsch ist.

    Wenn ich zum Beispiel eine bisher selbstverständliche These widerlegt habe, dann wird man nicht einfach sagen, die These ist widerlegt, sondern eher weiter nachforschen:
    - War die Messung überhaupt korrekt?
    - Handelt es sich um eine einmalige Anomalie?
    - Ist vielleicht unsere Theorie darüber, wie das Messgerät funktioniert, falsch?
    - Können wir vielleicht die selbstverständliche These so umformulieren, dass man sie "retten" kann und wenn ja, was sind die Kosten?

    Es stehen ja meistens mehrere mögliche Theorien, die als widerlegt gelten können, zur Auswahl und es greift ggf. zur kurz, einfach eine als widerlegt zu betrachten.
    Wie mein obiges Beispiel zeigt würde das im "geisteswissenschaftlichen" Bereich oft zu kurz greifen.

  32. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @Wegdenker: Modelle auch in GW wertvoll

    Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft können methodisch voneinander profitieren - dabei bleibe ich.
    Reproduzierbarkeit und Falsifizierbarkeit sowie (Zitat) " Verfahren mit Experimenten und den Versuch sie zu wiederholen" sind vielleicht nicht direkt auf geisteswissenschaftliche Gebiete anwendbar. Diese Methoden der Naturwissenschaft stehen aber meist im Zusammenhang mit der Modellbildung, das heisst, Experimente und Falsifikationsversuche werden oft durchgeführt um Modelle zu stützten oder in Frage zu stellen. Beispiel: Es gibt verschiedene Modelle, was die dunkle Materie des Universums ausmacht und es werden dann Experimente ersonnen um diese Modelle zu stützten, zu revidieren oder zum Einsturz zu bringen.

    Ähnlich kann man auch Modelle in vielen Gebieten der Geisteswissenschaften bilden. Um beim Beispiel der Geschichtswissenschaft zu bleiben, könnte man die Frage, warum das römische Imperium unterging, im Rahmen eines Modells beantworten, welches die wichtigen Faktoren enthält, die zum Fortbestehen des römischen Imperiums wichtig waren. Dieses Modell würde man mit Dokumenten, Artefakten etc. zu stützen respektive herausfordern versuchen.
    So etwas wird in der Geschichtswissenschaft wohl durchführbar sein, zumal man in der Wikipedia dazu liest:
    "Die Geschichtswissenschaft zeichnet sich durch eine kritische Methode aus, das heißt, ihre Voraussetzungen, Methoden, Gedankengänge und Ergebnisse sind nachprüfbar (also verifizierbar oder falsifizierbar), und man geht stets prüfend und mit dem Streben nach weitgehender Objektivität vor (siehe Historisch-kritische Methode). Die Grundlage bilden historische Quellen, die im Rahmen einer Recherche gesammelt und dann nach den Regeln des Faches ausgewertet werden."

    Ganz ähnlich könnte man aber in sehr vielen Geisteswissenschaften vorgehen, inklusive der Psychologie.

    Ein solch modellbasiertes Vorgehen wie es in der Naturwissenschaft üblich ist, würde meiner Vermutung nach in vielen Geisteswissenschaften Sinn machen und könnte zu Projekten führen die analog zum Human Genome Project oder dem Human Brain Project in den Naturwissenschaften sind.

  33. Studierendenfutter Antworten | Permalink

    Muss? Wer sagt das?

    das besagt die logik.

    Und was ist, wenn dieses "Muss" nicht erfüllt wird?

    dann handelt es sich nicht um wissenschaft sondern um meinung, behauptung etc. – um eine art Russel's teapot.

  34. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Joachim: Erkenntnistheorie

    Lieber Joachim,

    vielen Dank für Deine Anfrage. Tatsächlich geht es bei der Unterscheidung "harter" und "weicher" Wissenschaften gerade nicht (!) darum, dass behauptet würde, dass die einen härter lernten und arbeiteten als die anderen. Vielmehr handelt es sich um eine international gängige Unterscheidung aus der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie, die sich an Graden der Formalisierung, der Prognostizier- und Falsifizierbarkeit festmacht. Die Begrifflichkeit geht schon bis auf Auguste Comte zurück und ist als "hard vs. soft sciences" in den englischsprachigen und stärker empirisch orientierten Geisteswissenschaften fest etabliert. Vgl. hier:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Hard_and_soft_science

    Danke Deiner Nachfrage - genau solche Begriffsklärungen scheinen mir einer der wichtigen Gewinne interdisziplinärer Debatten zu sein!

  35. Joachim Antworten | Permalink

    Danke Michael,
    ich weiß, dass diese Unterscheidung üblich ist, ich bin weniger dumm als du glaubst. Ich schlage trotzdem vor, sie zu vergessen.

  36. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Joachim

    Lieber Joachim,

    also, ich halte Dich nicht für dumm, sondern für sehr klug und lese Deine Texte immer wieder gerne. Magst Du uns anderen aber ggf. sagen, warum wir diese Begriffsunterscheidung und die doch sehr rege Diskussion dazu "vergessen" sollten?

    Beste Grüße!

  37. Joachim Antworten | Permalink

    @Blume

    ich denke, hier ist etwas zerbrochen, was wir nicht öffentlich austragen sollten. Gibt es eine e-mail-Adresse, über die ich dich erreichen kann?

  38. Joachim Antworten | Permalink

    keine weiche Wissenschaft

    Ich habe eigentlich schon oben geschrieben, warum ich die Unterscheidung in harte und weiche Wissenschaft nicht mag, die ja auch in der verlinkten Wikipedia als "colloquial term", also Umgangssprache bezeichnet wird:
    Sie erweckt den Eindruck als seien einige Wissenschaften weniger erst zu nehmen, weniger durch harte Fakten und stringentes Vorgehen geprägt.

    Das ist aber, wenn man genauer hinsieht nicht der Fall. Auch die Sozialwissenschaften und Geisteswissenschaften haben harte Standards und unterscheiden sich darin vom Alltagswissen.

    Die Methoden sind natürlich immer dem Forschungsgegenstand angepasst. Wer Menschen untersucht wird das mit anderen Methoden machen müssen, als wer Elektronen untersucht. Darüber habe ich nebenan schon geschrieben. (Blogartikel "Geschlechterrollen in der Erziehung" im Blog Quantenwelt unter Wissenslogs.)

    Aber bei aller Verschiedenheit teilen die Sozialwissenschaften und einige Geisteswissenschaften einige Methoden mit den Naturwissenschaften. Zum beispiel die Methode der statistischen Analyse, die in der Umgangssprache wohl eher einer harten als einer weichen Wissenschaft zugeordnet würde.

    Ich schlage also vor, dass wir nicht so tun, als seien irgendwelche Wissenschaftszweige härter als andere, sondern die etwas passenderen Einteilungen nach Themengebieten, wie Geistes- Sozial- und Naturwissenschaften, bemühen. Da verstehen wir auch alle, was gemeint ist und es werden keine falschen Assoziationen von Beliebigkeit geweckt.

  39. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Joachim: Stimmt!

    Lieber Joachim,

    wenn Du vom Eindruck dieser Debatten schreibst: Sie erweckt den Eindruck als seien einige Wissenschaften weniger erst zu nehmen, weniger durch harte Fakten und stringentes Vorgehen geprägt. - dann kann ich nur zustimmen. Genau DAS ist die Erfahrung, die Vertreterinnen und Vertreter von Sozial- und Geisteswissenschaften insbesondere auch in der Wissenschaftsblogosphäre immer wieder machen: Ihnen wird in oft herablassendem Ton die Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Abgesehen von der Unani-Esoterik-Debaate: Selbst hier, in dieser doch vergleichsweise sachlichen Diskussion, sind die Forderungen etwa nach Abschaffung von Theologie(n), Psychologie o.ä. gefallen.

    Ich nehme Dir persönlich absolut ab, dass Du selbst das nicht so siehst und grundsätzlich Respekt vor Sozial- und Geisteswissenschaftlern hast. Leider bist Du damit aber nicht die Regel.

    Mir ist es wichtig, meinen Studierenden und auch den Blogleserinnen und -lesern einen verständlichen Einblick in die Methodendebatten und auch Gruppendynamiken im Wissenschaftskonzert zu geben. Sollte sich eines Tages herumgesprochen haben, dass es sowohl "harte" wie "weiche" Wissenschaften braucht und eine entsprechende Begrifflichkeit vielleicht gar nicht mehr notwendig wäre, so fände ich das super.

    Meine private Mailadresse habe ich Dir gerne übersandt.

    Herzliche Grüße

  40. Joachim Antworten | Permalink

    Nein, ich rede nicht vom Eindruck dieser Debatte, ich rede von dem Wortpaar "harte Wissenschaft" gegen "weiche Wissenschaft". Dieses Wortpaar ist schon jetzt nicht notwendig, weil es treffendere Begriffe gibt, um die Wissenschaftsbereiche (ich schreibe bewusst nicht Wissenschaften) voneinander abzugrenzen.

  41. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Hart vs. Weich, Subjektiv vs. Objektiv

    Hart oder Weich, objektiv oder subjektiv wurde bereits einmal diskutiert auf scilogs.
    Braucht es überhaupt Objektiviät, entkommt man in gewissen Geisteswissenschaften überhaupt der Subjektivität?
    Dies wurde diskutiert unter dem Titel Die Wissenschaft und die Emotionen

    Hier ein Ausschnitt aus einem Kommentar von Elmar Diederich zum Thema Objektivitätsanspruch:

    "Was Simone hier gesagt hat zu"

    "Wir würden in einem heillosen Subjektivismus, Relativismus und Kulturalismus versinken.

    ist

    "Da juckt es mir in den Fingern:
    a) Das tun wir sowieso, wir merken es nur nicht.(Das fängt schon mit der Sprache an und geht mit der Wahrnehmung weiter...)"

    Und das ist doch äquivalent zu:

    "Ja, es gibt einen heillosen (=unbeschränkten) Subjektivismus, Relativismus, Kulturalismus."

    Oder seh ich das falsch?

  42. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Martin Holzherr

    Danke für den Hinweis - und ich finde, Blognachbarin Simone hatte da bei dem benachbarten, wenn auch m.E. nicht identischen Thema Recht. Interessant auch, dass auch sie gleich angegangen wurde, passt leider ja sehr gut zu den o.g. Beobachtungen.

  43. chris Antworten | Permalink

    @ Chris kein Betreff 03.01.2013, 16:02

    Achtung... Chris ist in diesem Blog nicht gleich chris.

  44. Joachim Antworten | Permalink

    Weitgehende Zustimmung

    Um vielleicht nochmal abschließend zu formulieren, was ich meinte und was mir offenbar beim ersten Versuch deutlich auszudrücken misslungen ist:

    Ich stimme diesem Blogpost fast in allen Punkten zu und gerade deshalb wollte ich infrage stellen, ob es denn wirklich gerechtfertigt ist, einige Wissenschaften als weicher zu bezeichnen als andere. Michael hat ja ganz bewusst "hart" und "weich" durchgehend in Anführungsstriche gesetzt, weil die Klassifizierung als "weich" den Geisteswissenschaften eben nicht gerecht wird.

    Die Physik wäre ohne Philosophie nicht was sie ist. Mehr noch, ohne Philosophie gäbe es keine Physik. Und das gilt nicht nur historisch. Menschen wie Bohr, Einstein, Heisenberg wären ohne philosophische Spekulationen und ihr Interesse für Geisteswissenschaften vermutlich nie auf ihre mathematisch formulierten Theorien gekommen.

    Wir Naturwissenschaftler brauchen euch Geisteswissenschaftler. Ob wir das nun wissen oder nicht.

    Ich bin auch gespannt, wie es im Blog "Indische Medizin im Wandel" weitergeht und wünsche mir, dass die Autorinnen sich nicht entmutigen lassen.

    Damit verlasse ich diese Diskussion und bitte um Entschuldigung für den Ärger, den ich offenbar ausgelöst habe.

  45. Michael Blume Antworten | Permalink

    @chris - Chris - chrys

    Und einen @chrys gibt es auf den scilogs auch noch... Habt Mut zu Klarnamen, Joachim & ich tuen es ja auch! :-)

  46. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Joachim: Vielen Dank...

    ...für diese starke Geste! Tatsächlich habe ich Deinen Kommentar zunächst ganz anders aufgefasst (als eine Absage an geisteswissenschaftliche Begrifflichkeit) - und hatte damit Unrecht.

    M.E. braucht es diesen Dialog wohl, um sich besser zu verstehen - und ich freue mich, dass der Nachbarblog "Indische Medizin" schon den nächsten Post angekündigt hat!

    Eine Frage an alle Lesenden: Sollen hier auf NdG öfter solche wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Themen angesprochen werden oder gibt es davon andernorts schon genug?

  47. chris Antworten | Permalink

    @ Blume betr. Klarnamen...

    Als ich einmal meinen Namen googlelte, kamen 21 millionen treffer herraus. Das war nicht gerade das, was man unverwechselbar nennen könnte.

  48. chris Antworten | Permalink

    chris kein Betreff
    05.01.2013, 13:52

    @ Blume betr. Klarnamen...

    O.k., ... "chris" hat 1,35 milliarden Treffer...

    Kein Argument also.

  49. Michael Blume Antworten | Permalink

    @chris :-)

    Und Sie haben sich auch gleich empirisch "hart" selbst überprüft! Chapeau from Swabia!

  50. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Systematisches Vorgehen in Geisteswiss.

    Ich möchte eine Gegenposition aufbauen zu:
    "Die „harten“ und „weichen“ Wissenschaften sind hinsichtlich ihrer Methodik und Beweismittel so grundverschieden.."
    Transnationale Forschung, Geisteswissenchaftliche Grossprojekte und Datenaustausch in den Geistes- und Kulturwissenschaften mit Hilfe moderner Informationstechnologie eröffnen für die Geisteswissenschaftler einen Weg in die systematische Forschung wie sie in den Naturwissenschaften immer mehr die Regel ist. Im folgenden drei Beispiele:
    Future ICT
    FutureICT, das EU-Flagshipprogramm, will (Zitat)komplexe, globale und sozial interaktive Systeme verstehen und bewältigen und dabei den Fokus auf Nachhaltigkeit und Resilienz legen.
    Zur geplanten Platform wird folgendes gehören:
    - Ein planetares Sensor-/Nervensystem, das die sozio-ökonomischen, umweltbezogenen und technologischen Systeme "vermisst" und ihre Interaktionen untersucht
    - Der Living Earth Simulator will die Simulation von zukünftigen Szenarien ermöglichen
    - Die Globale Partizipationsplatform soll ein offenes Rahmenwerk für Bürger, Firmen und Organisationen sein um Daten und Simulationen auszutauschen, die Implikationen zu diskutieren und die Modellierung komplexer Systeme Nicht-Experten öffnen.

    Wissenschaftlicher Koordinator dieses EU-Flagship-Projekts ist Dirk Helbing, Professor für Soziologie an der ETH.

    D-Grid-Initiative mit TextGrid
    D-Grid hat das Ziel, eine nachhaltige Grid-Computing-Infrastruktur sowohl für Forschung und Entwicklung sowohl im akademischen als auch im industriellen Bereich in Deutschland aufzubauen.
    Eines dieser Grids wird das TextGrid sein: (Zitat) Eine grid-fähige Workbench ermöglicht die gemeinschaftliche philologische Bearbeitung, Analyse, Annotation, Edition und Publikation von wissenschaftlichen Texten. Grid-Technologien verbinden die vorhandenen Textarchive, und - inspiriert von Ansätzen und Entwicklungsmöglichkeiten zum Semantic Grid - deren Ressourcen wie Textkorpora, Wörterbücher und Nachweisinstrumente untereinander verknüpfen.
    Beteilen werde sich SUB Göttingen (Projektleitung), das Institut für Deutsche Sprache, die Max Planck Digital Library, die Universität Trier, die Fachhochschule Worms, die Universität Paderborn, die Technische Universität Kaiserslautern, die Ludwig-Maximilians-Universität München, die Universität Würzburg

    Digital Humanities
    Digital Humanities umfasst die Anwendung von computergestützten Verfahren und die systematische Verwendung von digitalen Ressourcen in den Geistes- und Kulturwissenschaften und wird getragen von The Association for Computers in the Humanities (ACH), der europäischen Association for Literary and Linguistic Computing (ALLC) und der kanadischen Society for Digital Humanities / Société pour l'étude des médias interactifs (SDH-SEMI)

    tldr:Digitale Forschungs-Grids und Modellierung sowie Simulation von Sozioökonomischen Systemen sind ein Bereich wo Methoden der Naturwissenschaften Eingang in die Geisteswissenschaft finden können und wo transnationale geisteswissenschaftliche Forschungsnetze mit Forschungszielen globaler Bedeutung entstehen.

  51. Hans Antworten | Permalink

    Eine Antwort

    Eine Frage an alle Lesenden: Sollen hier auf NdG öfter solche wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Themen angesprochen werden oder gibt es davon andernorts schon genug?

    Ich denke Ja. - Das kann der Wissenschaft und vor allem den mitlesenden interessierten Laien nur nützen. Mir selbst hat es jedenfalls was gebracht.

  52. Wegdenker Antworten | Permalink

    Martin Holzherr

    Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft können methodisch voneinander profitieren - dabei bleibe ich.

    Dabei können Sie ja bleiben, aber das ohne eine besondere Begründung.
    Ich wiederum würde dem entgegenhalten: Man muss seine Vorgehensweise den Umständen anpassen.

    Dieses Modell würde man mit Dokumenten, Artefakten etc. zu stützen respektive herausfordern versuchen.

    Was aber nicht besonders viel bringt, da ja alle Seiten bereits über die Daten verfügen und damit ihre Modelle entsprechend angleichen werden.
    Welchen Faktor sie dabei wie stark gewichten werden ist dann eine Frage, wie man das Modell konstruiert. Ohne neue Daten wird es also weiterhin Streit geben. Außerdem kennen wir viele Daten inzwischen nicht mehr...

    Es ist vergleichsweise sehr leicht, ein Modell zu finden, mit dem man Daten der Vergangenheit beschreiben kann, es ist ungleich schwerer, dieses Modell vor allen anderen Auszuzeichnen.
    Dass kann man tun, indem man acuh zukünftige Ereignisse vorhersagt oder auch damit, dass das Modell besonders einfach, leicht zu erlernen oder schön ist.

    @Studierendenfutter
    "das besagt die logik."

    Und wer ihr widerspricht?
    Außerdem frage ich mich, wo sie das gesagt haben soll?

    "dann handelt es sich nicht um wissenschaft sondern um meinung, behauptung etc. – um eine art Russel's teapot."

    Also meinen Sie, es gibt nur entweder "wissenschaftliche Erkenntnis" oder "bloße Meinung, eigentlich mit Russells Teekessel gleichzusetzen"? (Russell schreibt man übrigens mit 2 L.)
    Das sehe ich aber nicht so. Es gibt auch Formen des Wissens, die man ohne "wissenschaftliche Untersuchung" sammelt.

    @Joachim

    Die Methoden sind natürlich immer dem Forschungsgegenstand angepasst.

    Dem stimme ich zu.

    Ich hoffe, ich habe euch nicht gelangweilt und bin nun weg...

  53. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Wegdenker: Zum Schlusssatz

    Also, mich langweilen Sie überhaupt nicht, ich lese Sie immer wieder sehr gerne!

Einen Kommentar schreiben


7 × sieben =