Wie man sich ins Tun verliebt. Über intrinsische Motivation und innige Beziehungen


Michaela Brohm

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Eine Schriftstellerin steht nachts auf einer New Yorker Brücke – nehmen wir einfach an, es war die Brooklyn Bridge – und schaut einem fremden Mann vier Minuten in die Augen. Dieser Blick ist das abenteuerliche Finale eines Selbstversuchs der mit 36 Fragen in einer Bar begann und zum Ziel hat, dass sie sich ineinander verlieben. Detailliert schilderte die Schriftstellerin, Mandy Len Catron, kürzlich dieses aufregende Experiment in der New York Times. Was dubios klingt, hat zuvor im Labor des Psychologen Arthur Aron geklappt: Wildfremde Menschen verliebten sich ineinander – unter Anweisung. Und hier meine leicht riskante These: Wenn es tatsächlich klappt, dass spezifisches Verhalten (hier provoziert durch die Versuchsanweisungen) Verlieben begünstigt, und wir dieses Verhalten auf unsere Aktivitäten übertragen würden, hätten wir fast alle Motivationsprobleme gelöst.
Denn wir könnten dann das genussvolle partnerschaftliche sich Verlieben auf das Tätigkeitsverlieben übertragen. Soll heißen: Wenn wir wüssten, wie sich Menschen verlieben, könnten wir versuchen, das auf Aktivitäten zu übertragen und wären – wann immer wir wollten – hoch intrinsisch motiviert, denn die Tätigkeit verspricht von sich aus schon Spaß.

Das genau ist es, was intrinsische Motivation freisetzt und so fragt etwa der Motivationsforscher Falko Rheinberg genau das an erster Stelle in seinem Diagnoseschema zur Bestimmung verschiedener Motivationsformen: „Verspricht die Aktivität von sich aus schon Spaß?“ (Rheinberg 2004). Denn wenn unsere Antwort auf diese schlichte Frager „Ja“ ist, hat die Aktivität in sich schon einen Tätigkeitsanreiz, ist „schon durch ihren Vollzug genussfähig“ (ebda.). Die Tätigkeit führen wir „um ihrer selbst willen“ aus, und mitunter „werden sogar negative Konsequenzen in Kauf genommen“ (ebda.) nur um das zu tun, was man aus lauter Spaß tun will. Der eine läuft, bis zum Umfallen, obwohl er weiß, dass er dann morgen Knieschmerzen haben wird, ein anderer übt lange und heftig Klavier, obwohl die Nachbarin an die Decke klopft. „Wer gerne isst“, so Rheinberg, „der hat die Tendenz, das oft und lange zu tun, obwohl sich unerwünschte Folgen ergeben können und Kosten entstehen“ (ebda., S. 23 f.). Oft. Lange. Oft und lange. Wir tun das oft und lange.

Wir sind bei solchen Tätigkeiten intrinsisch motiviert, was bedeutet, ins Tun verliebt zu sein. Wenn die Sache mit der Motivation so einfach ist, warum verlieben wir uns dann nicht einfach öfter ins Tun? Und das auch bei Tätigkeiten, die uns eigentlich nicht sonderlich faszinieren? Weil wir noch nicht genau wissen, WIE wir uns in die Lernerei für die nächste Klausur, die Steuererklärung, das Unterrichten der schwierigen Klasse, das Putzen, Einkaufen, Rasenmähen, das vermutlich problematische Mitarbeitergespräch verlieben können. Wie verliebt man sich also in das Tun? Genauso wie in einen Menschen? Schaun mer mal, ob Arthur Arons Verliebens-Experiment uns Hinweise gibt.

Vor knapp 20 Jahren kündigte Aron in einem Seminar an, er wolle ein Experiment durchführen, in welchem es um die Nähe zwischen zwei bis dahin fremden Menschen gehe. Die Fremden sollten sich einfach gegenseitig einige Fragen beantworten (Aron et al. 2010). Fast alle Studierenden meldeten sich dazu an und was Aron fand, war die Formel, mit der es gelingt, dass Wildfremde sich nach gut einer Stunde unglaublich nah fühlen – Aron selbst sprach hier zunächst nicht explizit von „verlieben“ und die Fragen waren auch nicht für diesen Zweck entwickelt worden (Aron 2015) aber die unglaubliche Nähe führte wohl in vielen Fällen genau dort hin; man munkelt, spätere Partner und Ehepaare hätten sich gefunden und in Arons Labor die wildesten Hochzeiten gefeiert...

Was so simpel klingt („einige Fragen beantworten“) hatte es in sich: Die Studierenden wurden in Zweiergruppen eingeteilt, wobei in einer Unterstichprobe berücksichtigt wurde, dass keine grundlegenden Verhaltensdifferenzen zwischen den Partnern bestanden (z.B. Raucher/Nichtraucher). Die Experimentalgruppe bekam nun 36 Fragen, die zunehmend auf das abzielten, was Aron als Kernelemente vertrauter Beziehungen definiert: Die Fragen zielten auf anhaltende, eskalierende, gegenseitige persönliche Selbst-Offenbarung. Das heißt, die Fragen wurden immer intimer und intimer. Von: Wenn du dir jeden Menschen auf der Welt wählen könntest, wen würdest du gerne zum Essen einladen? Bis hin zu: „Wann hast du das letzte Mal geweint? Was ist deine schönste Erinnerung? Was ist deine schrecklichste Erinnerung? Was magst du an deinem Gesprächspartner (alle Fragen in guter Übersetzung finden Sie hier). Eine Kontrollgruppe bekam hingegen Fragen, die einen schlichten Smalltalk anregen sollten (Wetter, Shoppen usw.). Die Paare hatten eineinhalb Stunden Zeit, sich an den 36 Fragen jeweils abwechselnd abzuarbeiten.

Die Zeit war gut investiert, denn nach eineinhalb Stunden war klar: Das Maß der Nähe hing nicht davon ab, ob zwischen den Menschen grundsätzliche Unterschiede, also Verhaltensdifferenzen bestanden (Rauchen/Nichtrauchen usw.) und es war auch irrelevant, ob man vom jeweils anderen erwartet hatte, gemocht zu werden. Eine starke Bindung entstand immer dann, wenn sich die Menschen anhaltend, eskalierend, gegenseitig immer mehr selbst offenbarten. Die Befragungswerte auf der Intimitätsskala bei der Experimentalgruppe lagen im Mittel bei 4.06, bei der Kontrollgruppe bei 3.25 – was einer Effektstärke (d) von .88 entspricht – bei klarer Signifikanz (p < 0.5). Das heißt, die Effekte waren heftig und glasklar. Hier haben wir also den deutlichsten Wink für die Herstellung von Nähe; die Anweisung zum Verlieben sozusagen: Es geht um das tiefe Einlassen, das immer tiefere gegenseitige Erforschen und das Offenbaren seiner Selbst.

Die oben erwähnte Schriftstellerin kannte diese Studie und probierte die Fragen mit einem fast fremden Sportkollegen in einer nächtlichen Bar aus, bevor sie später auf der Brücke den finalen Augen-Blick durchführten. Zu dem Fragenteil bemerkt sie, sie habe sich an das infame Experiment vom gekochten Frosch erinnert, in dem der Frosch nicht merkt, wie das Wasser heißer und heißer wird, bis es zu spät ist. „With us, because the level of vulnerability increased gradually, I didn’t notice we had entered intimate territory until we were already there, a process that can typically take weeks or months.“ (Catron 2015) Besonders heftig erschienen ihr Fragen wie: Welche fünf positiven Eigenschaften vermutest du, hat dein Gesprächspartner? Sage deinem Gesprächspartner, was du an ihm magst. Sei ganz ehrlich und sage Dinge, die man normalerweise nicht sagen würde, wenn man jemanden erst gerade kennengelernt hat...

Um zum Ausgangspunkt zurück zu kommen: Kann uns dieses alles bei der Motivation helfen? Versuchen wir es: Personifizieren wir die Aufgaben doch mal; man hat etwas zu tun und deutet die Aufgabe um (reframen) und betrachtet sie nun inniglich wie eine unglaublich spannende Person: Man öffnet sich, vertieft sich und die Sache und diese spricht durch wachsende Erschließung zurück... Indem wir die Sache inniglich befragen: z. B. Was genau will mir der Text sagen? Was habe ich verstanden? Warum sagt der Autor dieses oder jenes? Wie ist die Struktur? Kann ich diese Textstruktur graphisch darstellen? Was will ich noch genauer wissen? Was fasziniert mich so sehr an diesem Abschnitt? Wo will ich noch tiefer hinsehen? So entsteht von Frage zu Frage mehr Vertiefung und ein hohes Maß an „Intimität“ zwischen der Sache und uns – die Vertiefung führt immer mehr in eine starke Bindung wenn wir anhaltend, eskalierend, gegenseitig immer mehr selbst offenbaren. Die Aufgabe offenbart sich durch ihre Struktur und ihren immer tiefer freigegebenen Inhalt und wir offenbaren uns durch unsere Selbstwahrnehmung im Arbeiten an der Sache. Okay, ich gebe zu, es fehlt das Moment der echten Gegenseitigkeit im Austausch – die Sache interessiert sich nicht so richtig ernsthaft für uns :))

Aber vielleicht können wir da einiges von den Instrumentalisten lernen: Wie viele Musiker geben ihren Instrumenten einen Namen, das berühmteste Stradivari-Cello heißt „Mara“, die edelsten Stradivari-Geigen „Sleeping Beauty“, „Golden Bell“, „Lady Inchiquin“, „Aurea“ oder „Lady Blunt“. Durch die Namen werden sie personifiziert, greifbar, ja, liebbar und fragt man einen Musiker, so wird deutlich, dass viele ihr Instrument tatsächlich wie eine Person „ansprechen“, in ihr Cello „verliebt“ sind und einen kannte ich gar, der seine Geige mit ins Bett nahm, um sie zu umarmen. Üben und Spielen wird durch die Vermenschlichung zu einem dichten emotionalen Austausch zwischen zwei Subjekten – Kammermusik wird nicht zuletzt deswegen oft als „Gespräch“ interpretiert. Die suggerierte Lebendigkeit des Instruments erleichtert das Üben sehr: Es wäre auch echt nicht auszuhalten, sechs bis acht Stunden mit einem Stock voller Pferdehaare auf einem alten Kasten mit vier Saiten rumzuschrubben...

Beim Arbeiten ist es ähnlich. Nehmen wir zum Beispiel einen Studierenden, der einen wichtigen Text für die nächste Hausarbeite durcharbeiten „muss“ und die Sache recht lustlos angeht. Nach langem hin und her („ich prokrastiniere...“) widmet er sich mit gedämpftem Interesse oberflächlich den Kopien vor ihm auf dem Tisch. So wird das nie eine Liebesbeziehung! Also beginnt er etwas anderes – er tut, was er liebt...

Besser: Er setzt sich mit einer Tasse heißen Kaffees an seinen Schreibtisch, schaltet alle Störquellen aus (Handy, soz. Netzwerke usw.), bewaffnet sich mit einem Stift und öffnet sich für die Kopien, die vor ihm liegen. Er tut nun nicht mehr einfach was er liebt, sondern er liebt einfach, was er tut. Er vertieft sich vollkommen in den Text, vergisst die Zeit, ist hoch konzentriert und ganz im „Du“ – also dem Text („my Sleeping Beauty“) – gefangen. Und er arbeitet sich von Satz zu Satz, von Abschnitt zu Abschnitt, von Frage zu Frage immer tiefer ein, immer weiter vor, so dass eine wirklich intime Beziehung zwischen ihm und dem Text entsteht. Eine immer tiefere und tiefere Vertrautheit mit dem Gegenstand – wie beim selbstvergessene Hochleistungszustand „Flow“ (Brohm 2015)

Spannend ist auch, dass sich „Flow-Erleben“ und Verliebtsein freilich auch darin treffen, dass wir in beiden Zuständen Zeit und Raum vergessen. Verliebtsein begünstigt wohl Flow-Erleben. Über eine Gesprächspause in der Bar schildert die Schriftstellerin: „I sat alone at our table, aware of my surroundings for the first time in an hour, and wondered if anyone had been listening to our conversation. If they had, I hadn’t noticed. And I didn’t notice as the crowd thinned and the night got late“ (Catron 2015). Übrigens: Sie haben sich gekriegt :))

Vielleicht sind sich ja wirklich das Verlieben in einen Menschen und in eine Aufgabe in Grundzügen ähnlich und Motivation meint genau das: Eine intime, innige Beziehung zu dem aufzubauen, was man gerade tut...

 

 

Literatur

Aron, Arthur; Melinat, Edward; Aron, Elaine N.; Vallone, Robert Darrin; Bator, Renee J.: The experimental generation of interpersonal closeness: A procedure and some preliminary findings. Personality and Social Psychology Bulletin, Vol 23(4), Apr 1997, 363-377. http://www.stafforini.com/txt/Aron%20et%20al%20-%20The%20experimental%20generation%20of%20interpersonal%20closeness.pdf. (Abruf: 24.05.2015)

Aron, Elaine, N. (2015): 36 Questions for Intimacy, Back Story. https://www.psychologytoday.com/blog/attending-the-undervalued-self/201501/36-questions-intimacy-back-story (Abruf: 24.05.2015)

Brohm, Michaela/Endres, Wolfgang (2015): Positive Psychologie in der Schule. Weinheim/Basel, Beltz.

Catron, Mandy Len: To Fall in Love With Anyone, Do This. The New York Times. 09.01.2015. http://www.nytimes.com/2015/01/11/fashion/modern-love-to-fall-in-love-with-anyone-do-this.html?_r=0 (Abruf: 24.05.2015)

Rheinberg, Falko (2004): Motivationsdiagnostik. Göttingen, Hogrefe


6 Kommentare zu “Wie man sich ins Tun verliebt. Über intrinsische Motivation und innige Beziehungen”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Sich in eine beliebige Arbeit verlieben ist vielleicht genau so einfach wie sich in einen beliebigen Menschen zu verlieben. Nur kommt das nicht jeden Tag, ja nicht einmal jede Woche ja nicht einmal, jeden Monat, ja nicht einmal jedes Jahr vor.
    Also kein gutes Rezept um durchs Arbeits- oder Studienleben zu kommen - ausser man wacht jeden Morgen vollkommen amnestisch auf und beginnt den Tag als wäre es wieder der erste Tag.

  2. DH Antworten | Permalink

    Welcher Typus Mensch ist überhaupt bereit , ein solches Experiment zu machen?
    Ganz sicher nicht diejenigen , die es nicht so sehr schätzen , wenn ihnen Andere immer gleich penetrant auf den Pelz rücken und sie über ihr Leben ausquetschen.
    Das Experiment paßt aber bestens in die Zeit , das Exhibitionieren des Privaten hat Konjunktur , genauso wie die immer weitere Ökonomisierung aller Lebens-Bereiche .
    Du magst nicht , was du tust ? Kein Problem , wir konditionieren dich schon richtig.
    Die Feinde der Freiheit schleichen auf leisen Sohlen daher , und sie wirken ganz furchtbar aufgeklärt dabei.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Stimmt. Wer nach Dingen sucht, die Menschen motivieren können, der verfolgt meistens einen Zweck, behauptet aber, er habe nur das Wohl und Glück der zu motivierenden Menschen (Zielpersonen) im Sinn.

  3. Gerhard Kugler Antworten | Permalink

    Es gibt einen - im Blog auch angesprochenen - Unterschied zwischen Liebe zu einem Menschen und Liebe zu einer Tätigkeit: die gegenseitige Versetzung in die Perspektive des anderen. Liebe ist deshalb zu einer Art Unendlichkeit fähig. Doch die Parallelität bleibt: Eingehende Befassung erschließt immer mehr, was da alles möglich ist. Eingehende Befassung erzeugt Kompetenzen und weitere Neugier. In meiner Tätigkeit als Psychotherapeut wusste ich fast sicher, dass ich jeden meiner Patienten "lieben" lernte, je mehr ich ihn kennenlernte.
    Ein Aber: Wenn ich schlechte Voraussetzungen für eine Tätigkeit (und Befassung) mitbringe oder wenn es eine unzureichende Entsprechung, Passung gibt, wird es mich früher oder später aus diesem Kreislauf schleudern. Ob in der Liebe zu einem Menschen oder in der Motivation für eine Tätigkeit.
    G.K.

  4. Anonym Antworten | Permalink

    1. Dass die "intrinistische Motivation" oder das platonische Verliebtsein in eine Idee irgendwie mit der Liebe mit einen Menschen zu tun haben, ist doch serh zweifelhaft. Die Beziehung zwischen Menschen hat eine ganz andere Qualität als die Beziehung eines Menschen zu einer Idee oder einer Tätigkeit.
    2. Die Unterscheidung zwischen Dingen, die "an sich" Freude bereiten und Dingen, die nur als Mittel zum Zweck ihren Wert haben erinnert mich irendwie an die ethische Theorie von Moore. Allerdings werden die die Psychologen bestimmt nicht kennen, insofern...
    3. Es gibt durchaus theoretisch begründete Zweifel, ob es sowas wie "intrinsische Motivation" überhaupt gibt:
    http://www.verhalten.org/grundlagen/intrinsisch.html

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      Die Liebe zu romantisieren [1], ist eine vglw. neue Angelegenheit, etymologisch scheint diese Herleitungsmenge OK:
      -> http://www.etymonline.com/index.php?term=love

      'Belief' spielt hier eine Rolle, die 'Motivatio' meint die Bewegung, die irgendetwas zu folgen hat, zumindest wäre dementsprechend und sozusagen in der Außenansicht zu folgern.
      Die Motivation ist insofern immer intrinsisch oder innerlich, sofern eben nicht von Außen andere Adjektivierung erfolgt.

      MFG
      Dr. W

      [1]
      Was immer dies auch genau meinen mag.

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