Das schrägste Nobelpreisträger-Interview aller Zeiten (2/3)
Die erste Frage des wohl ungewöhnlichsten Nobelpreisträger-Interviews aller Zeiten lautete, was aus Sicht von Nachwuchsforschern einen guten wissenschaftlichen Betreuer ausmacht. Schnell herrschte Einigkeit darüber, dass gute Betreuung vor allem Verfügbarkeit bedeutet. Sein Doktorvater, Paul Rupar (ebenfalls Nobelpreisträger) sei leider viel auf Reisen, beantworte aber jede E-Mail innerhalb von 12 Stunden, hob der junge Chemiker Evans Boney vom Caltech hervor. Ob man sich denn nicht häufig ausgenutzt fühle als Doktorand, hakten die interviewenden Laureaten nach. Sein Betreuer verstehe es zwar in der Tat bestens, Arbeit zu verteilen, so der junge Astrophysiker Baybars Kulebi aus Heidelberg. Doch sei es für ihn selbstverständlich, die Paper und Buchkapitel des Chefs zu schreiben. Das System verlange es so, ausgenutzt fühle er sich nicht.
Interview-Runde: Der Heidelberger Doktorand Baybars Kulebi (rechts) steht den Nobelpreisträgern Harold W. Kroto und George F. Smoot (links) Rede und Antwort. Am Tischende Moderator Adam Rutherford von nature.
(Harold Kroto)
Bemerkenswert fand ich das Statement von
Chemie-Nobelpreisträger Harold Kroto: Bei aller Sehnsucht nach
möglichst engem Kontakt zwischen Betreuten und Betreuern müsse Raum für
Freiheit bleiben: „Die größten Erkenntnisse resultieren aus den
dümmsten Ideen,“ so Kroto wörtlich. Und da er selbst dumm sei, würde er
auch den noch so krudesten Ideen aus seiner Arbeitsgruppe versuchen
Raum zu geben. Man könne nie wissen, was noch daraus werde. Das
unterstrich auch Physik-Laureat Ivar Giaever – anhand dieses Beispiels:
Er habe viele extrem gute chinesische Nachwuchsforscher unter seinen
Fittichen gehabt, „tolle Typen“ allesamt, aber mit einem
Kardinalfehler: „Die wollen einem immer nur gefallen. Aber ich möchte
niemanden, der mir zu Gefallen ist, ich möchte Leute, die mich
überraschen.“
ich möchte Leute, die mich überraschen.“
(Ivar Giaever)
Es folgte eine spannende Diskussion über die Kunst,
gute Fachartikel abzufassen. Dass die Papers meist von den
Doktorandinnen und Doktoranden geschrieben würden, sei ja schön und
gut, so Evans Boney. Nur könne man als junger Mensch bei dieser Praxis
keine eine eigene Stimme entwickeln. Denn wenn der Betreuer jedes Paper
vor Einreichung in die Mangel nehme und nach seinem Gutdünken
umschreibe, könne sich der eigentliche Autor nicht entfalten. Woraufhin
Laureat George Smoot konterte, doch nicht die Persönlichkeit des Autors
zähle bei Fachartikeln, sondern die darin formulierten Erkenntnisse.
Wobei Form und Stilistik freilich eine nicht geringe Bedeutung haben.
Die Art, wie man ein Paper formuliert, entscheidet natürlich mit über
Annahme oder Ablehnung. Darüber herrschte Einigkeit zwischen den
Nobelpreisträgern und den Jungforschern. Stil und Form seien wichtig,
so Smoot. Die Kunst bestehe darin, klar und ansprechend zu schreiben.
Jedes Paper müsse auch für Leserinnen und Leser aus anderen Fächern
interessant sein. Kauderwelsch sei verboten.
Weiter zu Teil 3 dieses Beitrags.
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