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Boykottiert Elsevier! Ich boykottiere Elsevier!

19. Februar 2012, 11:13

In einem Blog-Eintrag vom 21. Januar 2012 "Elsevier - my part in its downfall" hat Timothy W. Gowers, ein herausragender britischer Mathematiker (Fields-Medaille 1998, Berlin), Buchautor (Mathematics - A very short introduction; The Princeton Companion to Mathematics) und Blogger (Gowers's weblog) zum Boykott des Verlagskonzerns Elsevier aufgerufen.

Warum? Meine verkürzte Zusammenfassung: Elsevier macht unverschämte Profite mit unglaublich teuren Produkten, in steuerzahlerfinanzierter Arbeit von Wissenschaftlern erstellt werden, die dafür nicht bezahlt werden. Wissenschaftliche Ergebnisse sind aber einzigartig - und deshalb für die Forschung nicht ersetzbar. Damit werden die wissenschaftlichen Bibliotheken erpresst - wobei gerade Elsevier, der größte der Publikationskonzerne, seine Marktmacht ausspielt, um die Journale in riesigen Bündeln zu verkaufen, in denen auch viel Schrott drin ist. Das ist unmoralisch. Und durch Publikation ihrer Ergebnisse bei Elsevier tragen die Wissenschaftler indirekt dazu bei, das wissenschaftliche Publizieren zu ruinieren - und damit auch die Wissenschaft. Ein Skandal. 

Am 23. Januar wurde dann die Webseite

thecostofknowledge.com

freigeschaltet, auf der Wissenschaftler erklären, in Zukunft nicht mehr bei Elsevier zu veröffentlichen, für Elsevier zu begutachten, oder für Elsevier als Herausgeber zu arbeiten. 

Über den Boykott hat Martin Ballaschk am 1. Februar 2012 hier auf den wissenslogs berichtet: Boykottiert Elsevier! Unterstützt Open Access! Damals schrieb er, die Liste der Boykotteure sei 2700 Wissenschaftler lang.

Am 8. Februar haben dann 34 Mathematikerinnen und Mathematiker eine vierseitige Erklärung präsentiert, die den Boykott begründet und erklärt: 

The Cost of Knowledge

Der Text ist lesenswert. Er hat Gewicht auch wegen der Liste der Unterzeichner - darunter drei Träger der Fieldsmedaille (Tim Gowers, Terry Tao, Wendelin Werner), sowie vom Weltverband der Mathematiker (International Mathematical Union, IMU) die Präsidentin Ingrid Daubechies, ihr Vorgänger László Lovász, und der Generalsekretär Martin Grötschel (aus Berlin) - jeweils als Privatleute. Und von der Deutschen Mathematiker-Vereinigung DMV zwei ehemalige Präsidenten, Martin Grötschel und ich. Und es war mir eine Ehre, unter der Liste der Unterzeichner dabei zu sein.

Die Präsidentin der IMU hat auch gleich weitere Konsequenzen gezogen, und ihre Tätigkeit als eine Hauptherausgeberin der Elsevier-Zeitschrift "Applied and Computational Harmonic Analysis" beendete.

Der Blogger Michael Eisen hat inzwischen ein T-Shirt zum Boykott gestaltet:

Elsevier Boykott T-Shirt screenshot
Am 16. Februar 2012 hat der Konzern Reed Elsevier seine phantastischen Geschäftszahlen für 2011 präsentiert. Umsatzrekorde, die Aktien so hoch wie noch nie, und der CEO des Konzerns, Erik Engstrom, hat sich nicht geschämt stolz zu behaupten, die Autoren, Herausgeber und Gutachter seien so zufrieden wie noch nie:

Elsevier satisfaction screenshot from slides of 2011 financial summary presentation

Gleichzeitig schreibt die Elsevier-Managerin Lynne Herndon im Boston Globe:

"If the intent is to make the fruits of government-funded researchavailable to taxpayers - a fair and laudable goal - governmentagencies could simply publish the annual progress reports fromscientists that they already require. But instead they see valuein the publishing process, and claim our contributions as theirown without paying for them."

Das ist ein klassisches "Haltet den Dieb!", zynisch, inakzeptabel.

Inzwischen habe ich auch Konsequenzen aus meiner eigenen "author/editor/reviewer satisfaction" gezogen und auf thecostofknowledge.com meinen Boykott erklärt:

alt

Davor habe ich meine Herausgebertätigkeiten bei Elsevier beendet. Insbesondere bin ich ab sofort nicht mehr Mitherausgeber für zwei Elsevier-Zeitschriften: das European Journal of Combinatorics, und das Journal of Combinatorial Theory, Series A. Gerade letzteres tut mir weh - immerhin wurde in dieser Zeitschrift 1986 mein erster wissenschaftlicher Aufsatz veröffentlicht "On the poset of partitions of an integer". Von dem besitze ich noch das Manuskript, Bleistift auf Papier. Und das Typoskript - das hat Harvey, ein Sekretär am M.I.T., für mich auf der Kugelkopfschreibmaschine getippt. In der korrigierten Version sind einzelne Absätze neu getippt und überklebt. Nach dieser Vorlage hat der Verlag (das war damals noch "Academic Press") den Aufsatz setzen lassen, die Reinzeichnungen anfertigen lassen, drucken lassen, und so weiter. Den größten Teil dieser Arbeitskette übernehmen heute die Autoren selbst. Die Zeitschriftenkosten bei Elsevier sind trotzdem explodiert. Martin Ballaschk hat sie Blutsauger genannt. Vermutlich hat er recht. Bei ihren Raubzügen will ich nicht mehr dabei sein.



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Mädchen haben weniger Talent?

08. Januar 2012, 11:34

Haben Mädchen im Schnitt weniger mathematisches Talent als Jungen? Das wurde von Professor Gerhard Roth im Interview in einem aktuellen GEO-kompakt Heft “Intelligenz, Begabung, Kreativität” (Nr. 28 - 09/11) propagiert. Der Kollege Roth ist nicht irgendwer, sondern Leiter des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen, und laut GEO "einer der renommiertesten deutschen Neurowissenschaftler". Zusätzlich argumentiert er auch als Präsident der Studienstiftung des Deutschen Volkes.

GEO Kompakt Stopper

Das GEO-Heft hat mir beim Schulvortrag an einem Gymnasium in Berlin eine entrüstete Lehrerin unter die Nase gehalten: und in der Tat, es ist ein Skandal. Der beginnt auf der sechsten Seite des Interviews, wo Herr Roth erstmal mit undifferenzierten, summarischen Urteilen seine eigenen Studienstiftler beleidigt:

Unter den Hochbegabten, mit denen ich es als Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes zu tun habe, befinden sich etwa fünf Prozent “Inselbegabungen”, meist für Musik und Mathematik, und die weisen zum großen Teil soziale Defizite oder Verbalisierungsschwächen auf.        

(Ob er mich auch meint? Jedenfalls habe ich mathematische Begabung mitgebracht, und bin stolz und dankbar für die Förderung durch die Studienstiftung. Meine Verbalisierungsschwächen führe ich hier vor.) Dann generalisiert er ganz unsinnig bei der nächsten Frage nach der Korrelation von mathematischer und musikalischer Begabung:

Ja, die hängen oft zusammen, das ist genetisch bedingt. Die Fähigkeiten werden von eng beieinander liegenden Hirnarealen unterhalb unseres Scheitels hervorgerufen. Diese Regionen haben, wie wir wissen, mit Raumlogik und Raumwahrnehmung zu tun. Viele große Mathematiker waren musikalisch hoch talentiert, viele große Musiker mathematisch exzellent. Einstein etwa, und umgekehrt Bach.        

(Wobei aber Einstein ein miserabler Geiger gewesen sein soll, und ich über die Raumwahrnehmung von Bach nur spekulieren kann.) Aber dann geht's weiter, und wird nur noch schlimmer. Dann kommt nämlich die Frage nach den geschlechtsspezifischen Begabungen:

In der Tat sind Jungen im räumlichen Bereich und darum mathematisch und musikalisch etwas besser talentiert, es gibt ja auch wenig bedeutende Mathematikerinnen und Komponistinnen. Selbst frühkindliche Förderung holt diese Differenz bei Mädchen offenbar nicht auf. In allen Tests schneiden sie in der räumlichen Vorstellung nicht so gut ab wie die Jungen. Deutlich besser sind Mädchen dagegen bei der Verbalisierung sowie in Hinblick auf ihre sozialen und emphatischen Fähigkeiten, also den Umgang mit anderen Menschen.        

Nächste Frage: “Hat das mit ihren Hirnstrukturen zu tun?” Antwort:        

Ja. Die beiden Sprachzentren, das Wernicke- und das Broca-Areal, sind bei Frauen, jedenfalls statistisch gesehen, größer und besser durchblutet.        

Und gleich weiter, Frage: “Ist vielleicht auch die Intelligenz je nach Geschlecht unterschiedlich entwickelt?”

Das ist ein sehr interessantes Feld. Bis vor fünf Jahren ist weltweit jeder Experte, Mann oder Frau, von einem kleinen, aber robusten Intelligenzunterschied der Geschlechter ausgegangen: Die Frauen lagen vier bis sechs IQ-Punkte hinter den Männern, jedenfalls in der großen Statistik. Seit man aber Mädchen und junge Frauen intensiver fördert, verliert sich das: Der Mittelwert ist kaum noch zu unterscheiden.               

Nun könnte man aber auch sagen, dass diese Entwicklung das Ergebnis eines Artefakts ist: Würden die Jungen genauso gefördert wie vielerorts inzwischen die Mädchen, dann würden sie die wieder überholen.        

Anders gesagt: Jungs sind intelligenter (so um die 4-6 Prozent), aber das wird heutzutage durch besondere Förderung ausgeglichen. Wobei der Herr Professor Roth doch gerade noch behauptet hatte, dass das schwächere mathematische Talent bei Mädchen auch durch Förderung NICHT auszugleichen sei? Die Position ist also nicht konsistent.         

Man müsste eigentlich sofort seinen Rücktritt als Chef der Studienstiftung fordern. Dafür kommen wir aber leider (oder gottseidank) zu spät: der 69-Jährige ist am 2. Dezember 2011 durch den Juristen Professor Dr. Dr. h.c. mult. Reinhard Zimmermann abgelöst worden. Und die Position von Herrn Roth ist auch nicht die Position der Studienstiftung. Antwort auf meine Nachfrage: 

Die Studienstiftung strebt als Förderziel einen Anteil von 50 Prozent Frauen unter den Stipendiaten an (vgl. Jahresbericht 2010, Jahresüberblick unseres Generalsekretärs Dr. Gerhard Teufel, S. 19). Aktuell haben wir einen Förderanteil von 48 Prozent und arbeiten an verschiedene Maßnahmen, um diesen Anteil weiter zu erhöhen.

Die Roth'schen Thesen gehen aber auch von einem biologistischen und einseitigen Begriff von “Talent” aus. Wieso soll “mathematisches Talent” so wesentlich von “Raumlogik und Raumwahrnehmung” abhängen? Und “musikalisches Talent” genauso? Herr Roth hat offenbar nicht begriffen, wie vielfältig Mathematik ist - und wie vielfältig mathematisches Talent ist. 

Auch die statistischen Behauptungen werden in dem Interview ohne Belege und ohne Differenzierungen propagiert. Wen da Details interessieren, der findet eine solide statistische Metastudie zu mathematischen Leistungen (also auch Begabungen?) in einem Aufsatz “Debunking Myths about Gender and Mathematics Performance”, der in der Januarausgabe 2011 der Notices of the American Mathematical Society erschienen ist. Vielfältige Daten und Auswertungen zu verschiedenen populären Hypothesen und Behauptungen - etwa zu der des damaligen Harvard-Präsidenten Lawrence Summers, der 2005 die These öffentlich vortrug, Intelligenz sei bei Männern stärker gestreut als bei Frauen, und daher gäbe unter den Hochbegabten weniger Frauen. 

Und wer den Statistiken nicht traut, der kann am Beispiel lernen. Der erfolgreichste Teilnehmer an den Internationalen Mathematik-Olympiaden aller Zeiten ist Lisa Sauermann aus Dresden (vier mal Gold, einmal Silber)....     



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1000$ aus Beverly Hills für die Lösung eines Mathe-Problems

20. Januar 2011, 16:34

Oliver Friedmann, Doktorand in der Informatik an der LMU München, verteidigt nächsten Monat seine Dissertation. Darin enthalten ein Beweis, dass die "Zadeh-Regel" für die lineare Optimierung "exponentiell" ist, also sehr lange zur Problemlösung brauchen kann.
Oliver Friedmann (photo: Eddie Kim) 
 
Warum ist das bemerkenswert?
"Lineare Optimierung" beschreibt einen Typ von ausgesprochen wichtigen Rechenaufgaben, die in allen großen Planungsprozessen auftaucht.  Solche Probleme werden üblicherweise mit dem "Simplex-Verfahren" gelöst, das üblicherweise schnell arbeitet, manchmal aber auch ärgerlich lange braucht. Wie schnell das geht, hängt ganz entscheidend von einer Suchvorschrift ab, die in dem Verfahren die Einzelentscheidungen trifft, der "Pivot-Regel". Von den meisten Pivot-Regeln weiß man, dass sie bei manchen Rechenaufgaben sehr langsam sein können. Für die "Zadeh-Regel" wusste man das bisher nicht.

Vor dreißig Jahren, 1980, hat Norman Zadeh als Postdoc an der Stanford University einen Aufsatz über schwierige Beispiele für das Simplexverfahren geschrieben. Der Aufsatz ist nie in einer Zeitschrift erschienen, gehört aber zu den Klassikern der Mathematischen Optimierung. Um diese Zeit, als Zadeh noch nicht reich war, hat er ein Preisgeld von 1000$ ausgesetzt - für einen Beweis, dass die "least entered" Pivot-Regel, die in dem Aufsatz vorgeschlagen wurde, langsam kein kann - oder für einen Beweis des Gegenteils.  Die Ausschreibung des Preisgelds haben wir schriftlich, aus einem Brief an Victor Klee (1925-2007), Professor an der University of Washington in Seattle:  
Zadeh's Brief an Klee, (c) Günter M. Ziegler
Im Programm des Workshops am IPAM, dem "Institute for Pure and Applied Mathematics" an der UCLA (University of California at Los Angeles) ist für heute, Donnerstag, 20. Januar, 10 Uhr 30, ein Hauptvortrag von Oliver Friedmann  angekündigt, wo Friedmann seine Lösung des Problems vorstellen will: die Zadeh-Regel kann quälend langsam sein. Und Norman Zadeh will kommen, und einen Scheck von 1000$ für die Lösung des Problems überreichen.

Wer ist Norman Zadeh? 
Norman Zadeh ist ein Sohn von Lotfi Zadeh, der mit der Erfindung von "Fuzzy Logic" berühmt wurde. Der Sohn hat 1972 in Berkeley promoviert,  war dann Postdoc in Stanford, und aus dieser Zeit stammen seine Untersuchungen zur Laufzeit des Simplex-Verfahrens. Dann hat sich Zadeh aus der Mathematik entfernt, wurde als professioneller Pokerspieler sehr reich (er hat kürzlich seine Villa für über 16 Millionen Dollars verkauft) und ist jetzt seit vielen Jahren in der Industrie tätig, die Hochglanzbilder von schönen (nackten) Frauen produziert, unter anderem als Herausgeber von "Perfect10", einem Magazin, das mit expliziten Bildern von Frauen ohne Silikon in den Brüsten glänzt. Derzeit ist eine große Klage von Zadeh (der sich jetzt Norm Zada nennt) gegen Google anhängig: er hat Google verklagt, weil Google Links auf Webseiten mit Bildern herausgibt, die illegal kopierte Bildchen anbieten, die Zadeh gehören ... also eine recht ungewöhnliche Mathematiker-Karriere.

Der Aufsatz von Oliver Friedmann ist ganz frisch, und natürlich noch nicht im Detail überprüft. Er ist aber gerade zur Vorstellung auf der renommierten IPCO-Konferenz 2011 angenommen worden. Bis zur endgültigen Überprüfung der Problemlösung soll ich, als ehemaliger Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, erst einmal den 1000$-Scheck von Norman Zadeh in Obhut nehmen .....
 
Nachtrag, 21.1. abends in Los Angeles: 
Oliver Friedmann hat einen brillianten Vortrag gehalten, Zadeh ist wie angekündigt bekommen und hat den Scheck ausgestellt. Das Beweisfoto zeigt, von links nach rechts: Prof. David Avis (Kyoto/Montreal), Dr. Norman Zadeh (Perfect10), Oliver Friedmann (LMU München, mit dem Scheck) und Prof. Russ Caflish (IPAM-Director). 
Avis, Zadeh, Friedmann, Caflish (Photo: Eddie Kim)
Fotos: Eddie Kim, Delft


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P≠NP: Atem anhalten!

10. August 2010, 10:43

Eines der berühmtesten Probleme der Mathematik steht möglicherweise vor der Lösung: am letzten Freitag (6. August) hat der indische Mathematiker Vinay Deolalikar

Vinay Deolalikar

- 1971 in New Delhi geboren, ein Principal Research Scientist am Forschungslabor von Hewlett Packard, den HP Labs - ein 102-seitiges Manuskript an 21 Kollegen verschickt, in dem er versucht zu beweisen, dass “P nicht gleich NP” ist:
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Tetraeder-Tetris: Noch ein Rekord, der im Sylvester-Knallen unterging

30. Januar 2010, 09:01

Wie dicht kann man gleich-große reguläre Tetraeder im Raum packen? Aristoteles soll behauptet haben, dass es eine perfekte Packung gibt, in der sie den Raum zu 100% ausfüllen. Der Irrtum hielt sich immerhin fast 1800 Jahre, bis Johannes Müller, genannt Regiomontanus (1436-1476), den Irrtum aufdeckte. Also sind 100% nicht zu erreichen, aber wie dicht kann man Tetraeder packen? Würfel lassen eine perfekte Packung zu (die man in Würfelzucker-Packungen bestaunen kann). Mit gleichgroßen Kugeln kann man den Raum nur zu 74,05% ausfüllen: die optimale Packung ist leicht zu konstruieren (Obsthändler verwenden sie auf dem Markt, um Orangen zu stapeln), aber der Beweis, dass die “offensichtliche” Packung optimal ist, war schwierig - das war die “Kepler-Vermutung”, von Johannes Kepler 1611 aufgestellt, und erst 1998 von Thomas Hales mit massiver Computerhilfe bewiesen. (Eine umkämpfte und umstrittene Lösung ....) » weiter

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David gegen Goliath - ein Weltrekord, der im Sylvesterknallen unterging

10. Januar 2010, 21:45

Ein bemerkenswerter Weltrekord ist vermutlich im Champagnerkorkenknallen für das Jahr 2010 = 2 * 3 * 5 * 67 untergegangen: Am letzten Tag des Jahres 2009 = 7 * 7 * 41 hat der französische Programmierer Fabrice Bellard die Berechnung der Kreiszahl π auf sagenhafte 2.699.999.990.000 Nachkommastellen bekanntgegeben. Das sind fast 2,7 Billionen Stellen, und damit 123 Milliarden mehr als bisherige Rekord. » weiter

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Küken können rechnen? Hilfe!

11. April 2009, 18:48

Küken können rechnen - zumindest bis 5. Das hat eine italienische Wissenschaftlerin namens Rosa Rugano herausgefunden. Die Meldung geht um die Welt, teilweise auch mit dem expliziten Hinweis, es handle sich nicht um einen Aprilscherz - obwohl die Meldung genau am 1. April lanciert wurde. Die BBC veröffentlicht die Meldung auf ihrer Webseite mit ausgesprochen süßen Bildern, die dann doch eher meine Skepsis wecken.

BBC screenshot 2
(Screenshot BBC website) 

Angeblich erscheine die wissenschaftliche Publikation dazu in den renommierten Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, und in der Tat finde ich nach einigem googeln auch die Seite dazu - mit Online-Veröffentlichung am 1. April.  

Proc Royal Society B: Biological Sciences
  (Screenshot Proc. Royal Society B: Biological Sciences)

Schön: aber was soll ich da denken. Ich bin verwirrt. Können Sie mir helfen? Ist das nun ein Aprilscherz, oder nicht? Woran erkennt man das? Und ist das wichtig, oder doch nur so banal, dass eigentlich egal ist, ob das nun ein Scherz sein soll oder nicht? Ich bin ratlos. Frohe Ostern. 



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Formel M

31. Dezember 2008, 15:48

Das Mathematikjahr 2008 ist vorbei. Was gab's Neues aus der Mathematik? Ergebnisse? Große Primzahlen! In der Tat, die Rekordmeldung von zwei neu-entdeckten Primzahlen mit mehr als 10 Millionen Stellen ist um die Welt gegangen, und wurde jetzt vom Time Magazine als eine der 50 wichtigsten Erfindungen des Jahres 2008 gefeiert:

Times Magazine: Mersenne-Primzahlen als Entdeckung des Jahres 

Das wirft Fragen auf. Warum sind Primzahlen so interessant? Sind sie Erfindungen? Sind sie "gute" Erfindungen?? Natürlich sind sie keine Erfindungen, große Primzahlen kann man suchen und entdecken, aber nicht erfinden.

Primzahlen sind die "Atome der Arithmetik", ganz grundlegende Bausteine der Mathematik. Was Primzahlen sind, weiß jedes Kind aus der Schule. Man kann Primzahlen herzeigen - die 2, die 3, die 5, die 11, die 73, die 91. Die Primzahlen sind aber auch ein Glücksfall der Wissenschaftskommunikation:

  1. Weil man von den Anfängen und den kleinen Beispielen so schnell zu ungelösten Fragen kommt: Gibt es unendlich viele Primzahlzwillinge (wie etwa 5 und 7, 11 und 13, 71 und 73)? Lässt sich jede gerade Zahl ab 4 als Summe von zwei Primzahlen schreiben (die Goldbach-Vermutung)? Wie viele Primzahlen mit 1000 Stellen gibt es? (Letzteres ließe sich recht präzise beantworten, wenn man die Riemann'sche Vermutung beweisen könnte.) 
  2. Weil sich Primzahlen zum Wettrennen anbieten. Rekordmeldungen über Primzahlen sind ja wunderbar - und im Rahmen des GIMPS-Projekts kann jeder und jede mitmachen, mitsuchen. Und es gibt Preise zu gewinnen - 150.000 $ für eine Primzahl mit mehr als 100 Millionen Stellen. Das Rennen geht weiter - auch 2009 wird es Rekordmeldungen geben. Die "Formel M" der Mathematik hat ja auch keine Finanzprobleme, ganz im Gegensatz zur "Formel I" ... Mathematik ist eben eine billige Wissenschaft, liefert viel Nutzen mit wenig Geld und viel Hirn, ganz im Gegensatz zur "Formel I" ...
  3. Und dann sind Primzahlen auch noch wichtig - für die Kryptographie, also etwa für die Sicherheit des Internet-Banking. Sogar der Suche nach großen Primzahlen hat noch praktischen Nutzen, etwa als Test für neue Computertechnologie. Das klingt theoretisch, ist es aber nicht - den berühmten "bug" im Pentium-Chip hat Thomas Nicely im Jahr 1994 bei der Berechnung der Brun'schen Konstante gefunden, die die Häufigkeit von Primzahlzwillingen misst.

Wunderbar auch, wenn mitten in der Finanzkrise, Krieg und Hunger ein Artikel von Wolfgang Blum über Primzahlen auf spiegel.de den Status "meist-gelesen" bekommt, zwei Plätze vor der Welternährungskrise:

Spiegel Online Screenshot: Primzahlen meistgelesen 

"Most wanted" bei den Spiegel-Lesern sind also Primzahlen! Keep on going! Trotzdem der Vorsatz für's Neue Jahr: 2009 soll auch wieder Mathematikjahr sein, aber Sie sollen nicht nur Primzahlen zu sehen kriegen, sondern auch Geometrie - mit vielen Bildern. Und Optimierung, zwar eine theoretische Wissenschaft, aber unglaublich wichtig. Und vielleicht sogar Topologie. Topologie ist dem "Mann auf der Straße" schwer zu erklären - aber trotzdem. Vorsatz für's neue Jahr.

PS: ja, ich weiß, 91 ist keine Primzahl. Aber es ist die kleinste Zahl, die "aussieht wie eine Primzahl". Ich mag sie. 



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Das JA der Mathematik

22. November 2008, 17:01

 Zum Jahr der Mathematik hat die Deutsche Mathematiker-Vereinigung erstmals einen Cartoonpreis vergeben. Die feierliche Zeremonie dazu (im ehrwürdigen Leibnizsaal der Akademie der Wissenschaften in Berlin) war wissenschaftskommunikativ mindestens in dreierlei Hinsicht bemerkenswert.

Erstens: Til Mette (stern-Cartoonist und Laudator) bedankte sich überschwänglich dafür, dass die Mathematiker einen Cartoonpreis ausgelobt hatten - weil dies Anerkennung für die Cartoon-Zunft darstelle. Das hätte ich eigentlich nicht erwartet, oder wenn dann ganz umgekehrt, dass die Mathematiker überrascht (und glücklich?) sind, wenn die Cartoonisten sie beachten...
Til Mette, kittihawk, Oliver Weiss und Günter M. Ziegler (v.l.n.r - Foto: Kay Herschelmann/DMV)
v.l.n.r.: Til Mette, kittihawk, Oliver Weiss und Günter M. Ziegler (Foto: Kay Herschelmann für DMV) 
 
Zweitens: Spaß macht's natürlich erst, wenn's politisch inkorrekt wird. Und das war allemal die Ankündigung von Til Mette, der 1. Preis sei an "kittihawk" (Christiane Lokar) aus Berlin nur deshalb gegangen, weil sie eine Frau sei - und noch besser hätte's die Jury gefunden, wenn sie auch noch schwarz, behindert und lesbisch gewesen wäre. Nein: ihre Cartoons sind zauberhaft - einen zeige ich Ihnen hier, mehr findet sich unter dmv.mathematik.de.
kittihawk: Das JA der Mathematik
kittihawk: Das JA der Mathematik
 
Wissenschaftsnäher und dem ersten trügerischen Anschein nach seriöser sind die Cartoons des Illustrators Oliver Weiss aus Grassau am Chiemsee - im klassischen "New Yorker" Stil. Auch davon gibt's hier nur eine Kostprobe:
Oliver Weiss - Math Genius in Ivory Tower
Oliver Weiss: Mathe-Genie im Elfenbeinturm
 
Drittens: Christiane Lokar nutzte das Dankesreden-Podium für einen Coup - sie rief als Antwort auf das Mathematikjahr 2008 zu einem "Jahr der Komik 2009" auf. Sie hatte auch schon einen Slogan bereit: Nach dem "Du kannst mehr Mathe, als Du denkst" des Mathematikjahrs soll's 2009 heißen "Du bist komischer, als Du denkst". Das ist doch ein ermutigendes Motto für ein Wissenschaftsjahr, oder? Ich bin dafür, dass wir Mathematiker uns dem stellen. Immerhin hat sich in den letzten Jahren, unter anderem in den Mitteilungen der DMV (mit Hauszeichner "Jamiri"), eine wunderbare Mathematik-Cartoon-Kultur entwickelt.


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Rekordmeldungen aus der Mathematik

16. September 2008, 19:53

Heute wurde vom GIMPS-Projekt endlich bestätigt, dass am 23. August und am 6. September zwei Primzahlen gefunden wurden, die jeweils deutlich mehr als 10 Millionen Dezimalstellen haben. Diese Zahlen füllen "ausgeschrieben" zwei bis drei dicke vollgedruckte Bände. Dass man solche Zahlen innerhalb von ein paar Tagen auf die Primzahleigenschaft überprüfen kann, zeigt eindrucksvoll, dass Zahlentheorie Hochtechnologie geworden ist. (Primzahltesten gilt in der algorithmischen Zahlentheorie eigentlich als einfach - aber natürlich nicht für so gigantisch große Zahlen; Nichtprimzahlen zu faktorisieren gilt als schwierig - das ist die Aufgabe, von der die Internet-Sicherheit abhängt, und die daher auch Geheimdienste wie die NSA brennend interessiert, die reihenweise höchstqualifizierte Zahlentheoretiker einstellen.) » weiter

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