Die jetzt noch Besten, die nötige Neubesinnung und „Brave thinking“

6. Januar 2016 von Gunter Dueck in Allgemein

Die Besten – wer sind die überhaupt? Es sind solche, die nach anerkannten Kriterien weit herausragen. Sie sind am schnellsten über 100 Meter oder erwirtschaften die höchste Eigenkapitalrendite. Die Kriterien, nach denen etwas am besten ist, werden in uns eingebläut. Wir sollen sie internalisieren.
Derzeit in der Werbung: „Kind, hast du einen Wunschzettel geschrieben? Ach, da ist er ja…ich schaue mal durch… hey, Kind, das ist praktisch der gesamte Spielzeugkatalog, meinst du das ernst?“ – „Aber Mama, ich bin dieses Jahr doch so brav gewesen!“ Spüren Sie es? Das Hauptkriterium unserer Kultur ist „brav“, das weiß sogar der Weihnachtsmann: „Kinder, seid ihr denn schön brav gewesen?“ – „Jaaa!!!“ Über unseren Zeugnissen stehen die Kopfnoten in Ordnung, Fleiß, Betragen und Mitarbeit – brav.
Ein Kind ist laut Duden brav, wenn es sich so verhält, wie es die Erwachsenen erwarten oder wünschen. Es soll Kriterien genügen, die als bewährt gelten. Wenn ein Kind nicht brav ist, sieht man es als „unzuverlässig“ an. Dann traut man ihm nicht recht…

Bei den Erwachsenen ist Zuverlässigkeit denn auch die am stärksten erwartete Eigenschaft, wie auch bei den Maschinen. Es muss alles funktionieren. Also werden Manager zuverlässig im Sinne der Kriterien; also vertreten Geistliche die ewigen Rituale. Das alles mag seine Berechtigung haben, aber es gibt Zeiten, in denen wir uns neu besinnen müssen.

Die Digitalisierung und die einhergehende Globalisierung verändert unser Leben so sehr, dass die alten Regeln nicht mehr gelten. Neue Regeln gibt es noch nicht so wirklich. Es ist eine Zeit der Ungewissheit angebrochen. Die Kriterien, nach denen jemand am besten bewertet wird, verwässern und verlieren ihre Gültigkeit. Machtstrukturen verändern sich, Wissen veraltet. Was ist da Bravheit? Was Zuverlässigkeit?

Denjenigen aber, die die Besten nach den alten Kriterien sind, kann diese Entwicklung nicht gefallen. Wissenschaftsgenies klammern sich an ihre vergehenden Fachgebiete, in denen sie Weltexperten und für die nun zu Ende gehende Ewigkeit wirken. Top-Manager gewinnen zwar gegen die vielen Wettbewerber im etablierten Markt, aber die ganze Branche verschwindet. Die besten Lehrer hüten ihre Lehrmethoden und werden Google-Smartphone-Digitalhasser. Nichts fürchten die Besten so sehr wie die Änderungen der Kriterien, wonach jemand der Beste ist. Ihr Streben wäre vergebens gewesen, so denken sie meist und lehnen „das Neue“ ab.

Liebe Leute, woher kommen denn die Regeln? Die hatten – einmal ganz naiv positiv gesehen – doch einmal einen Sinn in einer bestimmten Zeit. Und in diesen Zeiten, die da kommen und gehen, wäre es gut, sich immer wieder auf den Sinn der Regeln und Kriterien neu zu besinnen. Faktisch gesehen tut man das dann doch lieber nicht, weil sich die Zeiten meistens nur so langsam und allmählich ändern und weil die stur fest etablierten Regeln, Kriterien und Rituale an sich auch etwas Gutes haben.

Die Digitalisierung aber erzwingt jetzt große Veränderungen in unser aller Leben. Kriterien und Regeln werden sich „radikal“ (so sagt man das) verändern. Das Bewahren verliert seinen Sinn. Man könnte also denken, dass eine Neubesinnung quasi erzwungen ist. Sie findet aber nicht statt. Die Besten fürchten sich und blockieren, am liebsten würden sie die Digitalisierung ganz vermeiden. Sie stehen heute hinhaltend in den leidigen Diskussionen „Chancen und Risiken des Neuen“ auf der Seite der Mahner, bitte doch all die Regeln, unter denen sie die Besten sind, so zu lassen.

Hilfe, es geht nicht um die Chancen und Risiken, sondern um eine echte Neubesinnung. Wer führt die denn an, wenn sich die Besten abwehrend heraushalten und damit die Neubesinnung unendlich mit ihrer noch geltenden gegenwärtigen Autorität stören?

Brauchen wir bald den mehr kreativen Menschen statt des braven? Was ist Bildung? Wie geht Demokratie? Sind wir denn nicht nur bester Freund von Frankreich, weil wir mit denen eine lange reale Grenze haben, sondern mit allen Ländern, weil ja Grenzen kaum noch etwas bedeuten? Was ist Christsein in der entgrenzten Welt? Wie wollen wir zusammenleben, wie wollen wir unser Sein gestalten? Wie viel Maschine ist noch gesund?

Statt einer Neubesinnung sehe ich überall nur hoffnungsklammernde Repositionierungen. Die Besten wollen natürlich die Besten bleiben und denken, „Neuaufstellungen in der Organisation“ würden ihnen vollkommen reichen. Sie siechen aber ohne Neubesinnung dahin, weil es immer klarer wird, dass ganz neue Geschäftsmodelle alles andere verdrängen werden. An die wollen die derzeit noch Besten nicht heran. Und wir Menschen sehen eigentlich schon, dass die neue Zeit auch neue Lebensmodelle hervorbringen werden! Aber wir wollen nicht darüber reden, das neue Leben riecht ja nach Anstrengung, Veränderung und der notwendigen eigenen Höherbildung.

Brav – dass sagt man im Englischen nicht. Man sagt „good girl“, „good boy“, „good dog“ oder „good patient“. Es gibt aber das Wort „brave“ wie mutig, unerschrocken und tapfer in ungewohnten Situationen, in denen gehandelt werden sollte. Heute brauchen wir „Brave thinking“ und nicht mehr braves Warten im Alten, das eben die begünstig, die jetzt „oben sind“.


3 Kommentare zu “Die jetzt noch Besten, die nötige Neubesinnung und „Brave thinking“”

  1. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Schwierig - 'Brauchen wir bald den mehr kreativen Menschen statt des braven?' -, Kreativität ist ja immer mit dem Trial & Error, auch mit dem Scheitern verbunden, insofern: Nichts gegen die "alte" Zuverlässigkeit!

    Es müsste insofern auch wirtschaftlich, was die Neuen Medien betrifft, gemeint immer: das Web, um Zuverlässigkeit vor dem Hintergrund des zuverlässigen Verstehens der Neuen Medien gehen, der diesbezüglich Beste, der nicht bspw. zu den Besten der Besten der Besten gehören muss, darf also weiterhin dieser eigenartigen Mischung aus Verständigkeit (vs. 'Kreativität') und Zuverlässigkeit zugeordnet werden.

    Nett der Exkurs mit dem Braven, vgl. auch:
    -> http://www.etymonline.com/index.php?search=brave

    MFG
    Dr. W

  2. Martoffel Antworten | Permalink

    Wer bitteschön möchte denn heutzutage noch als brav bezeichnet werden? Die "Bravheit" fiel doch bereits während der 68er-Studentenrevolte in Ungnade und hat sich von der ideologiekritischen Dekonstruktion nie wieder erholt. "Brav" wird allenfalls noch ironisch verwendet (wie in der Weihnachtswunschzettelwerbung) – und zudem meist abwertend.

    Heute wäre es also geradezu „brave“ (im englischen Sinne), für die Bravheit Partei zu ergreifen. Und überhaupt müssen sich die Eigenschaften "brav" (deutsch) und "brave" (englisch) gar nicht ausschließen, sondern können bestens miteinander koexistieren, wie es die folgende Meldung illustriert, die kürzlich durch die Presse ging:

    „Elfjährige hilft Mutter bei Entbindung und geht danach brav zur Schule“.

    Aber während der Bravheit eine Betulichkeit anhaftet, mit der sich niemand ernstlich identifizieren will, nimmt man nur allzu gerne die "Braveness" für sich in Anspruch. Jeder Kulturoptimist (oder Manager), der zum unerschrockenen Kampf für den Fortschritt und gegen scheinbar verkrustete Strukturen aufruft, hat das gewisse Pathos gleich auf seiner Seite. Aldous Huxley hat wohl um die fragwürdige Verführungskraft dieses Wortes gewusst und seiner Dystopie ganz bewusst den Titel "Brave new World" gegeben. Also vielleicht doch lieber das nüchterne Aushandeln von konkreten Chancen und Risiken? Auch wenn es zunächst langweiliger erscheinen mag als der Sturm und Drang einer "mutigen Neubesinnung"?

  3. Hans-J. Schubert Antworten | Permalink

    Der Beitrag scheint mir fast aus dem Herzen geschrieben. Kämpfe ich doch zeitlebens gegen "das haben wir schon immer so gehalten". Wer sich nicht wenigstens zu 95 Prozent fügt, hat keine Chance.
    Doch die Neubesinnung auf zeitgemäße Regeln des Miteinanders wird schwierig. Leiden wir alle irgendwie an der Informations-Überdosis. Und zwar nicht nur jene aus dem Internet, sondern auch bei neuen Gesetzen, Vorschriften, Bedienungsanleitungen usw. Schlimm daran ist, dass diese Informationen immer weniger gemeinsam mit Erkenntnissen über die Zusammenhänge daherkommen.
    Wir müssen also immer mehr lernen und verstehen dabei immer weniger Bedeutungen. Selbst unsere Gehirne sind bereits darauf eingestellt, nämlich auf Entscheidungen nach unvollständigen Fakten. Manche nennen es Digitale Demenz.
    Wenn wir die Zukunft wirklich in Sinne des "brave thinking" meistern wollen benötigen wir weniger Fakten und dafür mehr Erkenntnisse. Denn Erkenntnisse schaffen Orientierung, bilden in jedem Gehirn die notwendigen Fakten und tragen so zu besseren Entscheidungen bei. Wir haben es nötig, denn die Welt scheint in den letzten Jahren aus den Fugen zu geraten.
    http://www.gehirnsabotage.de/warum-wir-unser-denken-begreifen-müssen/6-die-wurzeln-des-nachhaltigen-erfolges/

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