Hirn verpflichtet

30. Juni 2010 von Gunter Dueck in Allgemein

Normalerweise kennen wir nur die Formel „Eigentum verpflichtet“, womit wohl gemeint sein könnte, dass Menschen, die ziemlich viel von etwas besitzen – also mehr, als sie persönlich brauchen –, ein gediegenes Maß von dem Überschüssigen anderen zur Verfügung stellen oder dem Gemeinwohl widmen. Aber schauen wir uns einen großen Bauernhof an, den der Besitzer einfach brach liegen und verkommen lässt. Disteln sprießen, überall blüht Löwenzahn. Solch ein Niedergang würde uns verstören. Ist man nicht auch verpflichtet, sein Eigentum gedeihen zu lassen? Wie aber steht es dann mit unseren Talenten, Fähigkeiten und Begabungen?

Es gibt sehr wenige, die ein großes Mietshaus besitzen und daran nichts mehr tun, bis es verrottet, nicht mehr bewohnbar ist und verfällt. Manchmal ist das zu Spekulationszwecken, aus Rache an Miterben oder bei versicherungstechnischen Überlegungen „sinnvoll“. Wenn aber einfach so ein Verfall sehenden Auges hingenommen wird, empört sich etwas in uns. Es ist unerträglich, wenn etwas durch überdrüssiges Nichtstun ruiniert wird, was ohne großen Aufwand blühen und Früchte tragen könnte.

Ich reise derzeit im Lande herum und verlange „Abitur für alle“ oder noch konsequenter „Alle sollen studieren“, damit Deutschland einen Platz in der kommenden Wissensgesellschaft einnehmen kann. Fast alle (weit über 80 Prozent) aller Kinder, deren Eltern Abitur haben, schaffen selbst das Abitur. Natürlich gibt es Eltern mit Abitur, die in Familienhöllen leben, die sich scheiden lassen, Familienunglücke hinnehmen müssen, an Sucht leiden oder kranke Kinder betreuen. Wenn wir alle diese statistisch berücksichtigen und von den idealistischen 100 Prozent abziehen, dann würde ich aus der Statistik dieses schließen: Wenn sich jemand liebevoll und mit dem nötigen Sachverstand und guter Bildung um ein halbwegs gesundes Kind kümmert, dann schafft es das Abitur und kann dann per definitionem (!) auch studieren.

Warum kümmern wir uns also nicht? Warum werden Kinder, deren Eltern sehr viel Zeit zu Hause haben, eher schlechter gefördert? Warum lernen die Eltern nicht gleich mit den Kindern mit und finden wieder Arbeit? Wozu bekommt man erst Kinder, wenn man sie nicht fördern will oder nicht fördern zu können glaubt? Und warum presst man Leistungsträger in unserer Gesellschaft so sehr aus, dass sie, die nur Kinder bekommen würden, die sie wirklich fördern können, aus genau diesem Grunde keine mehr wollen können?

Neben der Arm-Reich-Schere haben wir jetzt auch die, dass sich die Leistungsträger bis zum Burnout ruinieren und die anderen eine Supernanny bestellen müssen. Deutschland ist doch das Volk der Dichter und Denker! Und nun bricht das Zeitalter des Wissens an, in dem die „studierten Völker“ den meisten Wohlstand erwerben können. Wie also würde ein Top-Manager vor diesem desolaten Gewirr stehen? „Wir sind von unserer langen Unternehmenstradition her optimal aufgestellt, um an den herausragenden Zuwachsraten der kommenden rosigen Zukunft überproportional zu partizipieren. Wir werden in diesen unzweifelhaft kommenden Goldrausch tatkräftig investieren. Das tun wir dadurch, dass wir uns in der Führung sehr viel Zeit nehmen, schon jetzt an unsere Mitarbeiter dringlich zu appellieren, sich individuell bestmöglich für die kommende Wissensgesellschaft aufzustellen. Wir werden uns konsequent von Mitarbeitern trennen, die sich weigern, notwendige Voraussetzungen nicht zur Verfügung zu stellen.“ Im Klartext: Alle kennen die Richtung, aber sie möchten durch die Selbstheilungskräfte der Märkte, die gerade die Finanzkrise erzeugt haben, nun wieder einmal ohne eigenes Zutun in die Wissensgesellschaft gespült werden.

Einen Ruck brauchen wir!

Hirn verpflichtet!

Warum sehen wir der Misere zu und lassen „unser Haus unter langsamem Mietverlust verfallen“?

Wer genug Hirn hat, muss selbst die Verantwortung in sich spüren, daraus etwas zu machen. Wir müssen die Ressourcen, besonders die, auf die es jeweils ankommt, unbedingt gedeihen lassen. „Hirn verpflichtet“ sollte neben „Eigentum verpflichtet“ ins Grundgesetz (habe ich in AUFBRECHEN geschrieben und den Ruf unverbesserlicher Naivität kassiert).

Tja, aber ich sehe naiv, dass unsere ErzieherInnen leider nicht studiert haben und unterbezahlt werden, ebenso wie die Bankberater, die sich um unser Allerheiligstes kümmern. Die Pfarrer wechseln schnell wie Zeitkräfte ohne Zeit zur Vertrauensbildung und verlieren sich faktisch in Mega-Seelsorgeeinheiten durch Verdünnung. Viele Lehrer fordern die Anlieferung von abiturwilligen, an jedem vorgeschriebenen Lehrstoff hoch interessierten Schülern als Arbeitsvoraussetzung. Wir selbst raffen uns nicht genug auf. Sind wir müde?

Uns geht es so gut wie nie zuvor. Aber wir arbeiten unter Stress an Effizienz, wir verarzten schon lange betagte Plattenbauten und schrumpelnde alte Obstbäume, die noch länger Früchte alter Sorten tragen sollen, die die Käufer nicht mehr recht mögen (weshalb für vieles ein Mindestlohn oder –preis eingeführt werden muss). Wir gewinnen derzeit noch viel, aber wir gedeihen nicht mehr. Wir müssen uns um neue Saat und zarte Pflänzchen kümmern, die wieder ohne effiziente Künstlichkeiten schwere Frucht tragen. Bitte verstehen Sie das, das bitte ich Sie – ich als Teil der Gesellschaft, der Ihnen demnächst das Überalterungsproblem beschert.


6 Kommentare zu “Hirn verpflichtet”

  1. adenosine Antworten | Permalink

    Die Evolution wird schon dafür sorgen, dass neues Leben in den verödeten Bauernhof einwandert.
    Möglicherweise werden die sich mal dafür interessieren, welche Eigenschaften genau zum Absterben der Vorgängerpopulation geführt haben. War es eine besondere kulturelle Tradition? die Besessenheit Großes für Unternehmen und Staatskasse zu leisten? der Stellenwert von Fernreisen ohne Kinder? oder eher das politische System? oder eine Kombination davon?

  2. KRichard Antworten | Permalink

    Fehler

    Die Forderung ´Abitur für alle´ ist schon der verkehrte Denkansatz. Viel wichtiger wäre eine konsequente und sinnvolle Frühförderung - notfalls auch mit Druck auf Eltern, welche ihr Kind vernachlässigen.
    Der US-Nobelpreisträger James Heckmann sagte, dass das Geld für gute Kinderkrippen selbst aus Sicht knallharter Ökonomen mehr als sinnvoll investiert sei. Denn schon mit acht Jahren sei weitgehend entschieden, wie leistungsfähig ein Mensch in seinem späteren Berufsleben sein wird.

    Und hier ist der Denkfehler und das Problem. Man fordert Abitur für alle und Eliteunis weil dieser Aktionismus positiven Eindruck in der Öffentlichkeit hinterlässt.

    Man müsste aber viel konsequenter auf Frühförderung Wert legen - da die ersten Lebensjahre entscheidend prägend für die weitere Zukunft eines Menschen sind. Ein Kleinkind, welchem von Anfang an interesante und kreative Lernangebote gemacht werden - wird in seinem späteren Leben automatisch Abitur machen und studieren - weil es dazu motiviert ist, Neues zu lernen. Was Hänschen nicht lernt, das lernt Hans nimmermehr.

  3. Stefan Taube Antworten | Permalink

    Wieviel Latein braucht denn Podolski?

    Hmm, ich weiß nicht, ob ich der Wild Dueck recht geben kann. Was sollen wir denn mit diesen ganzen Intelligenzbestien anfangen?

    Wenn der Autor schreibt "... jetzt an unsere Mitarbeiter dringlich zu appellieren, sich individuell bestmöglich für die kommende Wissensgesellschaft aufzustellen."
    frage ich mich, ob dieses Unternehmen überhaupt in der Lage ist, dieses Wissen abzurufen. Mindestens genauso problematisch wie das Burnout ist doch das Boreout: Die Mehrzahl der Arbeitnehmer ist doch eher überqualifiziert, bzw. kann ihre Qualifikation in der Unternehmenstruktur nicht abrufen.

    "Abitur für alle" ist quatsch und traurige Notwendigkeiten wie eine Supernanny für kaputte Familien schafft man nicht ab, indem man die Leute länger zur Schule schickt.

  4. Helmut Wicht Antworten | Permalink

    @ Latein und Podolski

    "Wieviel Latein braucht denn Podolski?"

    Jedermann, so denke ich, braucht soviel Latein, dass er weiss, wann er damit am Ende ist. (Der Gedanke ist, wenn ich es recht sehe, von Sokrates.)

    "Abitur für alle" - oh je. Erstmal würd' ich ja sagen: "Grundkompetenz in Kulturtechniken für alle". Und ich mein' damit nicht nur lesen, rechnen und schreiben. Auch Arbeit mit den Händen, Werken, Bauen, Umgang mit Material, Holz, Ton, Metall, Werkzeug - auch das sind Kulturtechniken. Und ich denke und hoffe wirklich, dass man viele der "dropouts" wieder in das Bildungssystem hineinbekäme, wenn es nicht so einseitig auf "Wissen" ausgerichtet wäre. Das "Machen-Können" ist eine tolle, motivierende Sache. Und wenn man merkt, dass einem das besser gelingt, wenn man sich auch auf den theoretischen Überbau des Wissens über die Dinge einlässt - dann macht auch der Erwerb des abstrakten Wissens Spass.

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