Who morphed my cheese? Über Leute, die nur Käse machen

13. Februar 2013 von Gunter Dueck in Allgemein

Bei Keynotes in großen Unternehmen frage ich öfter, ob das dortige Management nicht auch ab 1998 gezwungen wurde, die berühmte Business-Parabel von Spencer Johnson zu verinnerlichen. Sie heißt: „Who moved my cheese?“ Ich habe so ein Buch damals sehr offensichtlich absichtlich geschenkt bekommen und es gleich voller Zorn in den Shredder geworfen. Ich ahnte immer, dass es dazu verführt, die Dinge zu einfach zu sehen. Es erfüllt aber eine oft erhobene Forderung des Managements: „Keep it simple and stupid.“ – Das tut das Buch auch. „Well done.“

Sie können eine Kurzfassung des Buches in der Wikipedia finden. Ganz kurz hier: Zwei Mäuse leben in einem Labyrinth und fressen darin an einer lieben, immer gewohnten Stelle ihren Käse, von dem es einen ganzen Berg voll gibt. Eines Tages ist der Käse alle. „Alle, alle!“ Da jammern sie und weinen, besonders die eine Maus! Die andere aber zeigt sich couragierter und schlägt vor, im (gefahrvollen) Labyrinth nach neuem Käse zu suchen. Es entspinnt sich ein lehrreicher Dialog zwischen der angstvollen Maus, die nur rumweint, und der unternehmerischen Maus, die Mut hat, aus der „Komfortzone auszubrechen“ und „nach neuen Wegen“ zu suchen. Parallel dazu läuft eine zweite Geschichte zwischen zwei Menschen, die ihre Arbeit verlieren… Na, die Mäuse finden am Ende der Parabel einen neuen Berg Käse und alles ist gut.
Seitdem alle das Buch gelesen haben, wird allgemein „Verlasst endlich eure Komfortzone, ihr Faulpelze!“ gepredigt. „Sucht neuen Käse! Und wenn ihr welchen gefunden habt, ruft nur kurz an. Fresst ihn nicht, sondern sucht gleich wieder neuen. Keine Komfortzone! Nie mehr!“

Warum hatte ich so ein unangenehmes Gefühl beim Lesen? Weil es dazu führte, dass nun jede Telekom in jedem Land der Welt eine neue Tochter gründete oder kaufte, also mehr Käse auftrieb. Autofirmen bauten viel mehr Modelle. Banken eröffneten Zweigstellen überall, Schlecker-Drogerien verbreiteten sich über Osteuropa, Produktion wurde nach China verlagert, Verlage schluckten die kleineren, Buchhandelsketten breiteten sich aus. Das Käsesuchen wurde zu einer Strategie des übertriebenen „Mehr vom Gleichen“, ach, das ist oft ein normaler Ausbruch der Neurose in der Psychologie… Watzlawick…
Heute lesen wir oft, dass Banken ihre ausländischen Tochtergesellschaften verkaufen, dass der Media-Markt in China aufgibt, dass Telekoms ihre Schulden senken, indem sie ihre Weltpläne begraben. Sie haben eben überall im Weltlabyrinth nach Käse gesucht und gesucht, am besten auf Kredit und mehr, als sie verdauen konnten.

Können wir uns nicht bitte-bitte eine Stufe subtiler dies fragen? „Who morphed my cheese?“

Irgendwie, um in der Parabel zu bleiben, ist der Käse, den man früher machte, nicht mehr das, was die Welt will. Sie will gar keine Papierbücher mehr, sondern eBooks, keine Festnetzleitungen mehr, sondern Glasfaser und LTE, keine Bankfilialen, sondern Finanzportale, keine Handys, sondern Smartphones, keine Desktops, sondern Tablets, keine Kodak-Filme, sondern Digicams, keine komplexe Software, sondern Apps etc. etc.

Ich setze die Mäuseparabel fort: Die Mäuse sausen durch das Labyrinth und suchen Käse. Sie finden und finden und finden keinen Käse mehr und erlahmen deprimiert. Sie fühlen sich gleichzeitig mehr und mehr durch den penetranten Geruch von gebratenem Frühstücksbacon gestört, der überall herumliegt. Den Mäusen wird übel – überall Bacon, kein Cheese. „Bacon stinkt ganz entsetzlich, außerdem ist er warm – pfui, warm! Er ist sehr salzig, man muss hinterher den ganzen Amazon austrinken und hinterher noch mit Heilwasser goorgeln. Ach, wäre hier doch ein Zauberberg von Höhlenkäse, und wir könnten einfach ‚Samsung, Samsung öffne dich!‘ rufen, aber so muss man vor dem Gestank dieses Neuen die Windows schließen.“
Ab und zu bleiben sie schaudernd vor den überhand nehmenden Baconbergen stehen. Da sehen sie einige fremde Mäuse Speck fressen, ohne dass denen übel würde. Die Fremden rufen ihnen zu:

Bacon, das neue Manna der Erde!
Bacon kam über die Welt!
Alles Gute zu Bacon werde,
Genug mit Käse gequält!

„Käse wird siegen! Bacon ist eine Eintagsfliege!“, rufen die Käsemäuse, aber die Speckmäuse erwidern, dass Bacon die Long Term Evolution von Käse sei…

„Who morphed my cheese?“

Diese Frage wird nicht gestellt. Darunter werden wir alle leiden. Da machen viel zu viele noch Analogkäse, während sich andere schon auf den virtuellen Schinken klopfen.


2 Kommentare zu “Who morphed my cheese? Über Leute, die nur Käse machen”

  1. Frank Wappler Antworten | Permalink

    Way ahead of the cheese

    Gunter Dueck schrieb (13. Februar 2013, 17:00):
    > [...] die berühmte Business-Parabel von Spencer Johnson [...] „Who moved my cheese?“
    > [...] Sie können eine Kurzfassung des Buches in der Wikipedia finden.

    Dort ( http://en.wikipedia.org/.../Who_Moved_My_Cheese%3F ) findet sich, wie es sich für eine enzyklopädische Darstellung gehört, auch Mitteilbares zu Veröffentlichung und Vertrieb dieses Werks:

    [...] published in 1998, is a motivational book by Spencer Johnson

    sowie

    In 1990, Who Moved My Cheese Inc. was founded to handle the Who Moved My Cheese? book order demands from businesses.

    Mit der gegenwärtigen "one style fits all"-Weise des Verwikilinkens bzw. Annotierens enthält der zitierte Text im vorliegenden Wikipedia-Artikel übrigens keinen Link.

    Überhaupt gar keinen!
    Nicht einen einzigen!

    Nun wäre es zwar sicherlich nicht schwer, dort an eine passende Stelle z.B. die naheliegende Annotation

    "[[Planning#Plannig_in_organizations=Who_Moved_My_Cheese_Inc.//Founded_eight_years_ahead_of_shipping_product| ]]"

    zu setzen.
    Aber eines Tages ist die dann sicher wieder weg.

    Ach -- könnte man doch etwas subtiler und nachhaltiger losenzyKlopÄdiSierEN! ...

  2. Marvin Antworten | Permalink

    Verstehe ich nicht!

    Guten Tag Herr Dueck,

    ich verstehe Ihren Beitrag nicht.

    Wollen Sie mit der Frage "Wer den Käse verändert?" bewirken, dass wir uns Gedanken machen, wie das nächste Suchobjekt aussehen wird oder wie der Bacon ins Labyrinth gekommen ist? Oder steckt hinter dem Beitrag eine Kritik an der Strategie an sich und wir uns fragen sollten, ob nicht die Strategie falsch ist?

    Insbesondere der letzte Satz "Da machen viel zu viele noch Analogkäse, während sich andere schon auf den virtuellen Schinken klopfen." verwirrt mich da etwas. Ich habe das Gefühl, dass sie weiter oben die Strategie an sich kritisieren. Dieser Satz wirkt mehr wie ein Aufruf, schnell auf die Suche nach Bacon umzusteigen.

    Könnten Sie mir helfen etwas mehr Verständnis zu erlangen?

    Grüße Marvin

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