Grímsvötn spuckt Feuer – und Wasser

22. Mai 2011 von Karl Urban in Bilder

Der Grímsvötn ist erwacht und speiht Asche. Gestern um 19:30 Uhr MESZ brach der Vulkan nach einer Serie von schwachen Erschütterungen aus. Über ihm erhebt sich mittlerweile eine 20 Kilometer hohe Aschewolke, die aufgrund der günstigen Windbedingungen vorerst nur den isländischen Flugverkehr beeinträchtigt. Längere Ausfälle sind wohl auch nicht zu erwarten, denn der sehr regelmäßig spuckende Grímsvötn mag es lieber kurz und heftig.
 

 
Davon abgesehen lohnt ein detaillierterer Blick auf Grímsvötn. Auf Island sind für gewöhnlich alle Vulkane nach den Gletschern benannt, die auf ihnen lasten. Der letztjährige Kettenraucher Eyjafjallajökull und Jules Vernes berühmter Eingang in die irdische Unterwelt – der Snæfellsjökull – sind nur zwei von ihnen. Das isländische jökull bedeutet Gletscher. Ausgerechnet Grímsvötn macht eine Ausnahme, denn ein vatn (Dativ: vötn) ist ein See.
Das ist besonders merkwürdig, denn der Eyjafjallajökull liegt unter einem der kleineren Gletscher Islands, während Grímsvötn unter der Eiskappe des Vatnajökull liegt, der größten Eiskappe Europas, die bis zu 1000 Meter mächtig ist. Benannt ist Grímsvötn dennoch nach einem See, denn Vulkane unter großen Gletschern neigen dazu, viel Schmelzwasser zu produzieren. Hinreichend große Vulkane erzeugen nach ihren Eruptionen zudem gerne eine Caldera, eine Art Mulde mit einem Rand. Wenn der Vulkan nun wieder ausbricht, sammelt sich Schmelzwasser in dieser Mulde. Der Wasserdruck darin steigt so lange an, bis der Wall entweder bricht oder das Wasser den Gletscher so weit anheben kann, dass das Becken überschappt.
 
 Gletscherlagune in Südisland
 
Gletscherlagune und Sanderebene in Südisland: So sieht es aus, wenn es ruhig ist. (Bild: Karl Urban, CC-BY-SA 3.0 DE)

Dies ist die unmittelbarste Katastrophe fast aller isländischen Vulkane, von denen immerhin 30 aktiv sind: Das Jökulhlaup, zu deutsch Gletscherlauf. Beim letzten größeren Gletscherlauf am Grímsvötn wurde 1996 die wichtigste Straße am Fuße des Vatnajökull schwer beschädigt, Flüsse verließen ihre Betten (und kehrten später nicht in die gleichen zurück) und die Flut schwemmte so viele Sedimente ins Vorland, dass sich die südisländische Küstenlinie um gut 200 Meter vorschob.
Zumindest 1996 ging das sehr schnell: Schon neun Stunden nach der Eruption schwoll der Schmelzwasserstrom auf 25.000 qm/s an, 15 Stunden später waren es bereits 45.000 qm/s. Zum Vergleich: Die Abflussmenge des Amazonas liegt bei 209.000 qm/s.
 

Wie sich der neue Gletscherlauf entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab, etwa der Stärke der Eruption und der Geometrie des Beckens, das die Wassermassen entweder schwallartig oder kontinuierlicher ins Vorland ablenkt. Das Jökulhlaup dürfte aber aber bald beginnen. Isländischen Geophysikern zufolge ist die Eruption immerhin die stärkste in den letzten 100 Jahren.

 

Nachtrag, 15:45 Uhr: Offenbar klingt die Eruption bereits ab. Auch dürfte die erwartete Gletscherflut schwächer ausfallen als die von 1996, weil in den letzten Jahren einiges Wasser aus der subglazialen Caldera gesickert ist.

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