Philanthropen? Raus! – Wieso Gruppen keine Wohltäter mögen

30. Juli 2010 von Bastian Greshake in Psychologie

Das Gruppen, aber auch Individuen, sich relativ gut vor selbstsüchtigen Individuen schützen können ist ja nicht ganz unbekannt. Unter anderem das Gefangenendilemma ist ja so ein nettes Beispiel für besonders effektive Strategien um sich davor zu schützen. Eine Studie die nun im “Journal of Personality and Social Psychologyerschienen ist wollte eigentlich nur schauen wo die Toleranzgrenze für einen solchen Missbrauch liegt.

Um diese Theorie zu testen haben sie 104 Psychologie-Studenten des ersten Semesters (die Ergebnisse gelten also mal wieder nur für WEIRDs, trotzdem werde ich der Einfachheit halber von Menschen reden.) an einem Versuch teilnehmen lassen. Den Teilnehmern des Versuchs wurde erzählt, sie würden an einem Spiel am Computer mit 4 anderen Studenten teilnehmen. Dabei bekam jeder Spieler 10 Punkte auf sein Spiel-Konto. Diese Punkte konnte er entweder behalten oder in den Gruppen-Pool spenden. Wie viele seiner Punkte er spendet konnte er dabei selbst entscheiden. Jeder Punkt der in den Gruppenpool ging wurde dabei automatisch verdoppelt.

Am Ende konnte der Teilnehmer entscheiden wie viele Punkte er aus dem Gruppen-Pool nehmen will. Bis zu einem Maximum von 25 %. Würden also alle Teilnehmer ihre kompletten Punkte spenden könnte man so anstelle der 10 Punkte gleich 25 abgreifen. Damit es auch spannend ist möglichst viele Punkte zu bekommen wurde den Teilnehmern versprochen die Punkte in Gutscheine für die Restaurants auf dem Campus umzuwandeln am Ende des Versuchs.

Und wie bei jedem guten psychologischen Versuch hat man die Teilnehmer dabei natürlich dreist angelogen. Denn sie haben nicht gegen 4 andere Studenten gespielt sondern die Aktionen der 4 “Spieler” waren einfach einprogrammiert. Einer dieser virtuellen Teilnehmer, Spieler Blau, war dabei so programmiert entweder besonders große oder besonders kleine Anteile zu spenden (8 bzw. 2 Punkte) und entweder besonders viele oder besonders wenige Punkte am Ende aus dem Gruppentopf zu nehmen (12 oder 3 Punkte).

Am Ende des Spiels, vor der Aufklärung des Schwindels, wurde den Studenten gezeigt wie viele Punkte die virtuellen Teilnehmer gespendet hatten und wie viele Punkte die anderen Teilnehmer aus dem Topf genommen hatten. Dann durfte jeder Teilnehmer sagen welche anderen Teilnehmer er wie gerne aus dem Spiel entfernen würde wenn er könnte.

Dabei kam dann auch das raus, was erwartet wurde. Wenn Spieler Blau besonders wenig in den Topf eingezahlt hatte und sich großzügig bedient hat, also eigennützig gespielt hat, dann gaben die meisten Teilnehmer an diesen Spieler aus dem Spiel entfernen zu wollen. Das ist aber nicht das Spannende. Spannend ist das Ergebnis, dass die Teilnehmer den Spieler Blau auch dann entfernen wollten wenn dieser besonders viel eingezahlt hat und sich dann wenig aus dem Topf genommen hat. Wenn Spieler Blau also wohltätig gehandelt hat.

Das ist schon seltsam, denn nicht nur die Gruppe als solches, sondern auch jeder andere Spieler profitiert ja ganz direkt davon, dass jemand viel einzahlt und dann wenig davon zurücknimmt. Denn so gibt es mehr Punkte für jeden anderen. Das hat nicht nur mich verwirrt sondern auch die Psychologen. Deshalb haben sie noch mehr Studien dazu durchgeführt. Ihr erster Erklärungsansatz dazu war, dass diese Beobachtung einfach ein Artefakt, hergestellt durch den Versuch selbst, sein könnte.

Denn die Teilnehmer könnten jene, die viel Spenden und wenig nehmen, einfach als Leute die das Spiel nicht verstanden haben oder sich einfach zufällig verhalten einordnen. Und aus anderen Studien weiss man, dass Menschen nicht gerne mit inkompetenten Menschen oder mit Menschen die sich unvorhersehbar verhalten zusammenarbeiten.

Um diesen Effekt auszuschliessen haben sie in zwei anderen Studien den Test ähnlich wiederholt. Dabei haben sie den Teilnehmern entweder vorher mitgeteilt wie gut die anderen Spieler sind (dabei war Spieler Blau dann entweder genauso gut wie der Rest oder signifikant schlechter) oder den Teilnehmern wurde zwischen den Spielrunden verraten wie konsistent die anderen in ihren Entscheidungen waren (hier war Spieler Blau dann entweder genauso konsistent wie der Rest oder sehr unvorhersehbar). Und in diesen beiden Versuchen änderte sich das Bild nicht. Auch wenn die Teilnehmer den Spieler Blau als kompetent und konsistent bewerteten wollten sie ihn am liebsten rauswerfen.

Deshalb mussten die Psychologen sich andere Erklärungsmodelle für dieses Verhalten überlegen. Und dabei kamen sie auf 2 mögliche Gründe: Zum einen die Bewertung des eigenen Verhaltens der Teilnehmer und zum anderen haben sie ein normatives Modell vorgeschlagen und diese Erklärungsmodelle auch getestet und bestätigen können.  

Der Grund wieso die Bewertung des eigenen Verhaltens eine Rolle spielen könnte liegt darin, dass sich jeder gerne mit anderen Menschen vergleicht. Wenn nun manche Mitglieder der Gruppe besonders gut sind, dann führt das bei jenen die nicht so außergewöhnlich abschneiden dazu, dass sie sich selbst schlecht bewerten. Und das sogar dann, wenn es objektiv gesehen keinen Grund gibt, weil sie immer noch gute Leistungen bringen.

Wenn ein Teilnehmer das Gefühl hat schon sein bestmögliches zu versuchen und trotzdem nicht mithalten kann, dann kann das dazu führen, dass er die anderen, die “besser” sind, ablehnt und sogar zu der Ansicht kommt, dass er selbst ein gutes Mitglied der Gruppe ist. Und als Konsequenz wird der Wohltäter aus der Gruppe geschmissen, denn so muss man sich auch nicht weiter mit ihm vergleichen lassen.

Bei der normativen Begründung spielt dieses “bloßstellen” der eigenen Makel keine Rolle. In dem Fall geht es nur darum, dass jemand die Regeln in der die Gruppe lebt verletzt. Und da das Verhalten der Wohltäter die Ausnahme ist verstößt auch er, genauso wie der Selbstsüchtige, gegen die Norm “Fairness”.

Nach den Daten der Studie dazu durchgeführt wurde halten sich beide Begründungen die Waage. Es gibt also in etwa so viele Teilnehmer die sagen “Spieler Blau lässt uns doof aussehen, deshalb muss er raus” als auch jene die sagen “Spieler Blau ist anders als der Rest der Gruppe, deshalb muss er raus”. Und im Endeffekt ist das auch gar nicht so überraschend, wie es für mich war.

Denn Psychologen kennen den Effekt, dass außergewöhnliche Individuen unbeliebt sind schon länger: Ablehnung von besonders kompetenten Menschen, Unbehagen gegenüber solchen Leuten die Hilfe anbieten und die Ablehnung von Leuten die stark auf ihrem moralischen Standpunkt beharren sind bereits bekannt. Spannend ist dabei, dass diese Ablehnung aber so weit geht, dass sie der Gruppe als solche damit schaden und lieber darauf pochen, dass aller gleichermaßen zum Erfolg beitragen. Auch wenn Einzelne mehr dazu beitragen könnten. Doch wieso entscheiden sich die Gruppenmitglieder dann trotzdem für einen Ausschluss?

Für die Leute die wegen der Bloßstellung den Ausschluss wollen könnte dies am Wettbewerb unter den Gruppenmitgliedern liegen. Für den Versuch das gleiche Level wie der Wohltäter zu erreichen müssten sie ihre persönlichen Ressourcen minimieren. Und so treten das Wohl des Einzelnen und das Wohl der Gruppe in Konkurrenz. Mit dem Ausschluss des Wohltäters fällt dieser Druck weg. Und anderen Studien zufolge gewinnen in solchen Dilemma-Situationen meist die subjektiv wahrgenommenen Eindrücke gegen die objektiven Fakten.

Für jene Leute die wegen der Übertretung der Norm den Ausschluss verlangen könnte der Grund sein, dass dieses abweichende Verhalten subjektiv eine Gefahr für die Integrität der Gruppe bedeutet. Und so führen diese Entscheidungen, egal aus welcher Motivation, dazu, dass die Gruppe als ganzes geschwächt wird. Nicht nur weil sie ein objektiv wichtiges und nützliches Mitglied verloren hat sondern schon dadurch, dass die Anzahl der Personen die positiv wirken könnten verkleinert wird.

Was in der Studie leider nicht getestet wurde ist, wie die Wohltäter darauf reagieren würden wenn sie von ihrer Unbeliebtheit erfahren. Bislang haben die Autoren dazu nur verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt: Entweder der Wohltäter passt sein Verhalten einfach an die Norm an (und schadet auch damit im Endeffekt der Gruppe) oder er verlässt die Gruppe einfach aus eigenem Willen, weil er sich ihr nicht zugehörig gefühlt (was eben auch der Gruppe als ganzes schadet). Allerdings könnte, es unter passenden Voraussetzungen, auch dazu kommen, dass sich die Wohltäter noch weiter anstrengen um zu helfen.

Es wäre spannend das zu testen. Nicht nur weil die Dynamik von Gruppen spannend ist. Sondern auch weil dieses Problem abseits von Studien wichtig ist. Denn im Endeffekt heisst dieses negative Gruppenverhalten nichts anderes als das wir Gandhi lügen strafen müssen. “We need to be the change we wish to see in the world.” sagte er. Was nach dieser Studie allerdings nicht funktioniert solange dieses Verhalten die Ausnahme ist und gegen die Norm verstößt.

Nachtrag: Zum Thema Teilen und Evolution von Altruismus gibt es auch einen Text.


3 Kommentare zu “Philanthropen? Raus! – Wieso Gruppen keine Wohltäter mögen”

  1. KRichard Antworten | Permalink

    Prinzip bekannt

    Das beschriebene Prinzip ist doch seit Jahrzehnten bekannt, denn so wird die Schulbenotung durchgeführt.

    Es gibt landesweite Durchschnittsnoten (pro Fach). Einzelne Lehrer sollten mit ihrem Klassendurchschnitt im Durchschnittsbereich benoten.
    Benotet ein Lehrer(eine Schule) zu gut oder zu schlecht (vom Durchschnitt aus gesehen), so wird vom zuständigen Ministerium aus darauf hingewiesen und nachgefragt, was los ist. > Um keinen Ärger zu bekommen, benoten Lehrer deshalb immer so, dass sie sich im unauffälligen Durchschnittsbereich bewegen.
    Für den Schüler wirkt sich das so aus: fällt der Durchschnitt einer Klassenarbeit einmal zu gut aus - so wird die nächste Klassenarbeit deutlich schwieriger sein, damit ein schlechter Schnitt herauskommt. Im Mittel befindet man sich dann wieder im Durchschnitt.

  2. itz Antworten | Permalink

    P.I.A.-Philanthropische Republik Amerika

    Interessante und überraschende Erkenntnis.

    Vor allem wenn man bedenkt, dass dieser Versuch nicht nur an W.E.I.R.D.s sondern eigentlich an W.A.S.P.s durchgeführt wurde. Oder noch genauer: an S.L.A.Y.E.R.s (Students, Liberals, Americans, Young, Educated, Rich) :-)

    Und dabei hatte ich immer den Eindruck, dass die W.A.S.P.s Philanthropen sehr schätzen.

    Ganz im Gegensatz zu vielen R.E.M.s (Religionslose Europäische Mittelklasse). :-)

    Ich kann mir also gut vorstellen, dass dieser Versuch die unterschiedlichsten Ergebnisse liefert - je nachdem in welchem Kulturkreis bzw. in welcher Bevölkerungsgruppe er durchgeführt wird.

    P.S.
    Ich persönlich zähle mich übrigens zu den B.E.A.S.T.I.E. Boys (Bright, Educated, Atheist, Smart, Talented, Intelligent, European) ;-)

  3. s3basti8n Antworten | Permalink

    normbrecher

    mit menschen zusammen zu arbeiten, welche besser sind als man selber ist schon schwer.
    in der arbeitswelt nennen die sich wohl normbrecher, siehe auch
    http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsnorm
    da bin ich doch froh wenn solche menschen weit weg sind. ich mags etwas ruhiger.

Einen Kommentar schreiben


8 − = fünf