SciLogs International .eu.be.es.de
scilogs Context spektrum.de

aktuelle Artikel RSS

Die Herzmaschine

22. Februar 2012, 20:34

Vor einigen Tagen sah ich mir wieder einmal Metropolis an, Fritz Langs Film in der rekonstruierten, aktuell längsten Fassung. Es war die britische Blu-ray, die bei mir rotierte und ich konzentrierte mich diesmal auf den Audiokommentar, in dem David Kalat und Jonathan Rosenbaum interpretatorisch, filmhistorisch und ein wenig anekdotisch den Film untersuchen.

Die beiden unterhielten sich auch ausführlich über die Mutter Freder Fredersens, deren Bedeutung für die drei männlichen Hauptrollen – Freder, ohne sie aufgewachsen, Joh, sein Vater, der sie verlor und Rotwang, der sie verehrte – in der jetzt praktisch ungekürzten Version erst richtig deutlich wird. Die US-Verleiher hatten die Sequenz, in der Rotwangs Monument an sie deutlich zu sehen ist, heraus geschnitten, da ihr Name zu lesen war. Sie hatten berechtigte Angst, dass amerikanischer Zuschauer den Namen der Mutter falsch verstehen würden. » weiter

Geschrieben in Film | 5 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


No Common Sense without Paine

08. Februar 2012, 13:42

Keine Angst, es geht auf Deutsch weiter, ich will ja keinen meiner raren Leser verschrecken.

Vor einigen Tagen machte ein bildhaftes Pamphlet im Internet die Runde. Dort wurden Porträts mehrerer Geistesgrößen der Vergangenheit einem deutlich größeren Foto einer jungen Blondine gegenübergestellt. Wer die Wissenschaftler, Philosophen und Menschenrechtler nicht erkannte, aber wusste, wer Paris Hilton ist, solle seine Bildung mal überprüfen. So der Urheber.

Die grundsätzliche Fragwürdigkeit* dieses eher mäßig lustigen Scherzes wurde schnell von vielen festgestellt. Neben fraglos wichtigen – und auch bildlich bekannten – Personen wie Einstein, Freud und Darwin tauchten auch Ayaan Hirsi Ali, Carl Sagan und Christopher Hitchens auf. Selbstverständlich finde ich es sehr schade, dass selbst gut gebildete Menschen Probleme hatten, Marie Curie, Nicola Tesla oder Thomas Paine zu erkennen. Letzterer ist immerhin er einer der ganz großen Polemiker der Weltgeschichte.

Was, Sie kennen Paine nicht?

Thomas Paine wurde in England geboren und reiste, wie seine amerikanischen Kollegen Benjamin Franklin und Thomas Jefferson in der Welt herum. Seine Ziele waren revolutionären Hochburgen seiner Zeit, erst ging es in die USA, später nach Paris. Jedesmal schrieb er feurige Artikel und Bücher, mit denen er die Menschen aufrief, das Heft in die Hand zu nehmen und sich zu befreien. » weiter

Geschrieben in Wissen | 8 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Zwischendurch - ein Quickie

31. Januar 2012, 17:44

Heute mal eine kurze Zwischenbemerkung, angestoßen durch einen Artikel von Laura Miller, Literaturredakteurin bei Salon.com. Sie schreibt aktuell gegen die - wie sie es nennt - Besessenheit, in jeder literarischen Geschichte eine 'Message' zu finden. Die klassische Frage, 'Was will uns der Autor damit sagen', die wir in der Schule sicher alle gehasst haben.

Kunst beantwortet keine Fragen, sie stellt sie. Das gleiche gilt für Literatur und Musik. Hier der Link zu Laura Miller. [Englisch]



Geschrieben in Theorie | 6 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Mehr Zensur für bessere Literatur!

29. Januar 2012, 14:11

In den letzten Tagen durften wir wieder den Schrei lesen 'ZENSUUUUUUUUUUHR!!!' – er ging durchs ganze Internet, sogar die sogenannten seriösen Medien nahmen ihn auf. Zumindest in ihren Online-Ausgaben. Dabei hatte Twitter nur ein neues Modell zur Einhaltung lokaler Gesetze angekündigt. Dazu ist eigentlich alles gesagt worden, u.a. von arschhaarzopf und Zapp; ich selbst habe etwas allgemeiner schon vor einiger Zeit darüber geschrieben.

Aber wir sind hier ja in einem Literaturblog, da interessiert uns nicht so sehr die gegenwärtige Politik, obwohl die offensichtliche Leseschwäche vieler Internetbewohner durchaus ein Thema wäre. Zensur ist ja schon ein wenig älter, auch wenn so manch Aufschrei wirkt, als wäre sie erst gestern von Facebook, Twitter, Google oder irgendeinem Landesdatenschützer erfunden worden.

Die göttliche Ordnung

Die berühmteste Zensurgeschichte ist vermutlich die des Sokrates, der angeklagt war, ein Verderber der Jugend zu sein, der sich nicht scheute, mit antidemokratischen Kreisen Umgang zu pflegen. Er wäre seinem Todesurteil entkommen, hätte er versprochen, nicht mehr zu predigen [oder fragen; was Ihnen besser gefällt]. Aber er wollte sich nicht zensieren lassen. Ergebnis: Frühzeitiges Ableben. » weiter

Geschrieben in Allgemein | 4 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Bauer Information schlägt König Monopol

21. Januar 2012, 15:14

Als ich vor vor einigen Tagen die ersten Teile der BBC-Dokureihe A History of Britain von Simon Schama sah, kam ein Gedanke wieder hoch:

Die Kraft, die Gesellschaft verändert, ist nicht hegel'scher Geist, der durch die Geschichte weht, es ist kein vager Trieb der Menschen, Freiheit zu suchen. Es ist auch nicht die gewalttätige Revolution, die dauerhaft etwas an den Verhältnissen ändert. Wesentliche Triebfeder ist die Massenfertigung von Produkten zur Verbreitung von Nachrichten und Informationen.

1381 erhob sich in England das Landvolk gegen Pläne, Steuern zu erhöhen. Natürlich waren es nicht die Ärmsten, die ihre Mistgabeln schwangen, sondern zuerst einmal die nicht adeligen Besitzenden, die es zu Ruhm, Ansehen und Geld gebracht hatten. Sie fanden allerdings Unterstützung durch die Arbeiter, die wegen des Mangels an arbeitenden Menschen – die Pest wütete – recht gute Löhne verhandeln konnten. Auch diese sollten über die Einführung von festen Tarifen beschnitten werden. » weiter

Geschrieben in Geschichte | 11 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Faktisch fiktiv

08. Januar 2012, 15:36

Kennen Sie Harry Flashman? Nein? Das ist schade, denn er ist eine ganz große historische Gestalt, ein Soldat, Agent, Raufbold – ein ganzer Kerl. Dank Feigheit. Und George Macdonald Fraser, der die Memoiren des viktorianischen Helden zufällig fand und sorgsam editiert seit Ende der 1960er veröffentlichte.

Bevor Fraser die Memoiren des Frauenhelden fand, war uns Flashman nur als eine wenig bedeutende Nebenfigur in Thomas Hughes stark autobiografischen Tom Brown's Schooldays begegnet. Ein Bully – ein Schulhoftyrann – war er damals in Rugby, er quälte die jüngeren Schüler, nahm ihnen Wertvolles ab, ließ sie für sich arbeiten. Es war nirgendwo zu sehen, wohin sich dieser mittelmäßig begabte Kerl hin entwickeln würde: zum größten unbekannten Haudegen, der Queen Victoria, Abraham Lincoln und vielen anderen zur Verfügung stand. Ein Mann, der sich Otto Bismarck entgegenstellte! » weiter

Geschrieben in Film , Theorie | 1 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Die Relevanz des Wissens*

01. Januar 2012, 14:02

In der Vor-Internet-Zeit wurde Wissen auf Papier gesammelt und veröffentlicht, ein teures Unterfangen. Selbst wirklich umfassende Lexika wie die Encyclopaedia Britannica, die mit zwei alphabetischen Indexbänden und einem Propaedia genannten Wissensbereichindex immerhin auf 32 große Bände kommt, mussten entscheiden, was wirklich wichtig ist. Einbändige Konversationslexika waren natürlich noch weiter eingeschränkt.

Der Computer erleichterte die Arbeit der Lexikographen, er machte sie günstiger, viel günstiger. Fehler werden schneller korrigiert, neue Informationen zeitnah hinzugefügt, Daten können jederzeit abgerufen werden. Auch wenn Speicherplatz praktisch unendlich ist, braucht er viel weniger Raum und kostet vergleichsweise nichts. Die gedruckte Encyclopaedia Britannica benötigt bei mir einen eigenen kleinen Schrank, 40 cm x 78 cm x 100 cm, und die in ihr enthaltenen Daten stammen aus dem Jahr 1994. Glücklicherweise war noch ein wenig Platz im Schrank, so dass Jahresbände, die Ereignisse bis 2003 abdecken, auch noch knapp rein passten. Gekostet hat mich das ganze damals mehrere 1000 DM.

Neben meinem Schreibtisch liegt eine unscheinbare DVD-Hülle mit einer Scheibe drin, die EB 2009; Kostenpunkt € 45. Da sich sowohl die Kostenstruktur als auch Einnahmen und Konkurrenzsituation für den Verlag verändert haben, gibt es selbst die gedruckte Enzyklopädie heute für etwa € 500 – immer noch zehnmal soviel wie die DVD kostet. » weiter

Geschrieben in Wissen | 3 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Literaturwissenschaft ist doch kein Wunschkonzert

24. Dezember 2011, 15:36

Literaturwissenschaftler gelten oft als Schwätzer. Schon in der Schule werden jene, die in Deutsch oder Englisch etwas zu sagen haben, gerne schief angesehen. Das ist verständlich, gibt es doch anders als in den Naturwissenschaften keine klaren Kriterien, was richtig und was falsch ist. Literarische Texte leben von der Interaktion zwischen Autor und Leser – mit allen Widrigkeiten, die sich daraus ergeben.

Solange der Schöpfer eines Werkes lebt, kann er sich tatsächlich mit seinen Lesern unterhalten, kann Fragen beantworten, kann seinen Roman, seine Kurzgeschichte oder sein Lied interpretieren. Er sollte es nicht, aber er kann es. Schwierig wird das bei toten Dichtern. Shakespeare kann uns nicht über seine Einstellung zum Judentum aufklären; wir müssen mit seinen Theaterstücken vorlieb nehmen. Ob diese wiederum seine Ansichten widerspiegeln oder die seiner Figuren, ist alles andere als klar.

Interpretationsspielräume

Selbstverständlich haben Wörter unterschiedliche Bedeutungen, abhängig vom Zusammenhang, in dem sie stehen, sei es ein historischer, gesellschaftlicher oder ästhetischer. Wir dürfen nie den Text selbst aus den Augen verlieren! Was dort steht, ist die einzige Gemeinsamkeit, die wir haben, seien wir Komparatisten, Ästhetizisten, Pragmatiker, Marxisten, Feministen oder Ausübende einer von Dutzenden anderer Theorien. Einzige Ausnahme sind Dekonstruktivisten - für die ist es völlig egal, was auf der Seite steht, denn es ergibt sowieso keinen Sinn.

Interpretieren nun verschiedene Menschen einen Text, ist es unvermeidbar, dass jeder andere Dinge in den Mittelpunkt stellt. Was die eine klar sieht, übersieht der andere, bis er drauf gestoßen wird.

Hier spielt die Musik

Vor ein paar Tagen sagte mir jemand, der folgende Song sei sexistisch:

Natürlich! Wünschen und hoffen soll die Frau, damit aus ihrem Leben was wird – wenn der Mann der Träume sie endlich freit. Klingt oberflächlich nach einem klassischen Sehnsuchtsschlager. Und jetzt hören wir mal etwas genauer hin und achten nicht nur auf Titel und Refrainzeile. Der Einfachheit halber hier der Text zum Nachschlagen:

Wishin', and hopin', and thinkin', and prayin',
Planning and dreamin' each night of his charms.
That won't get you into his arms

So if your're looking for love you can share
All you gotta to is hold him, and kiss him, and love him,
And show him that you care.

Show him that you care just for him.
Do the things that he likes to do.
Wear your hair just for him, 'cause,
You won't get him, thinkin' and a prayin',
Wishin' and hopin'.

'Cause wishin', and hopin', and thinkin', and prayin',
Planning and dreamin' his kisses will start.
That won't get you into his heart!

So if you're thinking how great true love is
All you gotta to is hold him, and kiss him, and squeeze him, and love him.
Yeah, just do it!
And after you do, you will be his.

You gotta show him that you care just for him.
Do the things that he likes to do.
Wear your hair just for him, 'cause,
You won't get him, thinkin' and a prayin',
Wishin' and a hopin'.

'Cause wishin', and hopin', and thinkin', and prayin',
Planning and dreamin' his kisses will start.
That won't get you into his heart!

So if you're thinking how great true love is!

All you gotta to is hold him, and kiss him, and squeeze him, and love him.
Yeah, just do it!
And after you do, you will be his.*

Ein wenig Zeilenschinderei

Ich habe einige Zeilen herausgehoben, jene nämlich, die mir sofort ins Ohr fallen. 1963 singt eine Frau also davon, aktiv zu werden, selbst was zu tun, eben nicht in alter Girl-Pop-Manier rumzusitzen und zu warten. Sie gibt auch eine deutliche Bedingung dafür aus: if you're thinking how great true love is! Es wird nicht vorausgesetzt, dass Frauen an nichts Anderes denken, als an die wahre Liebe, aber falls jener dort die große Liebe ist, lass sie nicht an dir vorbei gehen. Greif dir den Kerl, zeig ihm, was du von ihm hältst, er muss merken, was du für ihn bist.

Und dann gibt es die Zeile Show him that you care just for him. Hier wie in den konkreten Anweisungen, wie der Kerl denn zu überzeugen sei, ist sicherlich Spielraum für Interpretation. Sind es typische Topoi von Liebesliedern? Soll hier doch die Unterordnung der Frau unter den Mann gepredigt werden? Ich tendiere zur ersten Variante, schließe die zweite aber nicht aus, da sie direkt aus dem Text belegbar ist.

Hier wird's deutsch

Eine interessante Entdeckung habe ich noch gemacht, auch Dusty Springfield hat den deutschen Markt mit einer eigenen Version desselben Songs beehrt. Ich weiß nicht, ob sie den deutschen Text verstanden hat ... oder ob Hal David ahnte, was aus seinem frühfeministischen Poem wurde:

Zum Vergleich auch hier die Lyrics:

Warten und hoffen
Und hoffen und warten
Sehnen und Träumen  
Tag aus und Tag ein
Denn einmal ist jeder allein

Das Glück ist überall  
Weit und nah
Darum muss du immer
Warten und hoffen und träumen  
Auf einmal ist es da

Und fragst du den Wind und das Meer
Sag mir wann, wann kommt er
Dann sagt der Wind und das Meer, oooohhh

Du muss warten, warten und auch hoffen
Hoffen und auch träumen

Nur warten und hoffen
Und hoffen und warten
Sehnen und Träumen  
Tag aus und Tag ein
Dann bist du bald nicht mehr allein

Dann wird die Zukunft schön  
Jahr aus, Jahr ein*

Ganz offensichtlich war die deutsche Gesellschaft Anfang-Mitte der 1960er noch lange nicht so weit, so emanzipiert, wie die britische oder die amerikanische.

 

 

*Lyrics von http://www.metrolyrics.com/, slightly cleaned up



Geschrieben in Musik | 5 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Ein wenig Wehrtechnik

18. Dezember 2011, 16:05

Markus A. Dahlem stellt in seinem Blog eine These über die Form von Festungsanlagen als Widerspiegelung migränoser Visionen auf. Er gibt dort selbst zu, dass diese These gewagt ist. Ich verstehe wenig von Neurologie, praktisch gar nichts von den Spezifika neurologischer Störungen wie Migräne oder Epilepsie. Architektur und Militärgeschichte sind allerdings Hobbies von mir, daher möchte ich kurz den Hintergrund von Wehranlagen aus der Zeit nach Erfindung des Schießpulvers erläutern.

Vor dem Schießpulver

Bevor das Schießpulver erfunden wurde standen Angreifern vor allem [tierische] Muskelkraft und Federmechanik zur Verfügung, um schwere Gegenstände, z.B. Steine oder Metallkugeln, aber auch Brennbares in belagerte Ortschaften zu schleudern. Als Verteidigung reichte es aus, Mauern dicker und höher zu bauen. Damit konnten Geschosse direkt abgewehrt werden oder durch Beeinflussung des Schusswinkels ineffektiv gemacht. Ein manchmal mit Wasser gefüllter Graben samt steilen Ufern erschwerte Angreifern das schnelle Erklettern der Burgmauern.

Falls es doch zu einem Durchbruch kam, gab es hinter der hohen Außenmauer oft eine weitere Mauer, getrennt durch schmale Laufgänge. Außerdem waren viele Burgen und Schlösser fast labyrinthartig gestaltet, so dass Angreifer - egal, ob sie über die Mauer kamen oder durchs Tor - erhebliche Zickzackwege zurücklegen mussten. Wege, die eng gehalten waren, um leicht verteidigt zu werden. Ein bis heute voll erhaltenes Paradebeispiel ist das japanische Schloss Himeji, das sehr oft in Spielfilmen zu sehen ist, u.a. im James-Bond-Film You Only Live Twice oder in diversen Werken Akira Kurosawas.

Schwere Artillerie

Die ersten Schießpulverwaffen wurden in Europa in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eingesetzt und wurden über die nächsten hundert Jahre immer größer, schwerer und effektiver. Statt großer Pfeile zum Brechen von Holztoren wurden sehr viel kleinere, aber zerstörerischere Eisenkugeln auf Festungen abgefeuert. Für die zu verteidigenden Orte wurde das zu einem Problem, zwar nutzten auch sie Kanonen, da sie aber aus Wehranlagen abgefeuert wurden, die vor allem die Überwindung durch Kletterer verhindern sollten, konnten sie nur in eine Richtung feuern. Damit ergaben sich tote Winkel, die von den Angreifern zum Näherrücken genutzt wurden.

Es war der Architekt Leon Batista Alberti, der in den 1440ern bemerkte, dass eine effektive Verteidigungsanlage nicht geradlinig aussehen durfte, sondern unregelmäßig sein musste, einer Säge ähnlich. Die erste Form, die sich praktisch ergab, war die Bastion, die den Angreifern eine recht breite Front bot, dazu kurze Flanken bot, die wiederum noch einmal eingesägt waren und so auch eine seitliche Verteidigung ermöglichten. Diese Bastionen verstärkten zuerst die Ecken rechteckig angelegter Burgen:

Prinzip des toten Winkels und wie die Form des Bastions sie ausschließt

Damit war die Grundlage für die heute so faszinierenden Formen alter Festungsanlagen gelegt. Im 15. und 16. Jahrhundert wurden so komplett neue Wehranlagen konstruiert, es kamen weitere Elemente dazu:

Kronenwerk Kronenwerk [das kronenförmige Teil oben im Bild]

HornwerkHornwerk [das große Teil in der Mitte]

Wallschild

Wallschild [ganz rechts im Bild, die pfeilspitzförmigen Teile]

Die Illustrationen zeigen die inzwischen verbreitetste Variante der Bastion, mit einer spitz zulaufenden Front statt einer geraden Mauer.

Die vermutlich vollkommenste Umsetzung der trace italienne, wie diese Form der Wehranlagen seit dem 15. Jahrhundert genannt wird,  ist die Festung Neuf-Brisach, auf der französischen Rheinseite:

Plan Neuf-Brisachs von Sébastien Le Prestre de Vauban, 1697

Luftbildaufnahme Neuf-Brisach

[Luftbildaufnahme von Luftfahrer]

 

Angreifer müssen durch die Staffelung und Formen der Verteidigungswerke diverse, sehr unterschiedliche Hindernisse überwinden, immer im Kugelhagel der Verteidiger. Das schwächt. Der zweite und dritte Teil der Lord of the Rings-Trilogie zeigen das ganz gut bei den Schlachten von Helm's Deep und Minas Tirith.

Ich bezweifele eine direkte Verbindung von Migräne und Verteidigungsanlagen der trace italienne, sie wurden nicht aus ästhetischen Gründen geschaffen, sondern aus rein praktischen Erwägungen. Die Proportionen mögen dabei auch auf Schönheit angelegt sein, das wäre aber nicht der Punkt, um den es Markus A. Dahlem geht.





Verwendete Literatur:

Geoffrey Parker [ed.]. Cambridge Illustrated History of Warfare. CUP, 1995 [updated 2008],  S. 112ff.

Patrick Goode [ed.]. The Oxford Companion to Architecture. OUP, 2009.

M. Fazio, M. Moffett, L. Wodehouse. A World History of Architecture. 2nd ed. Laurence King Publishing, London, 2009.

Wikipedia International zu Neuf-Brisach, crownwork, hornwork, bastion, ravelin, star fort für die Bilder.



Geschrieben in Allgemein | 1 Kommentare | 2 Trackbacks | Permalink


Weihnachtsmanns Werden

11. Dezember 2011, 16:19

Adventszeit, Märchenzeit. Abgesehen vom Märchenprogramm der ARD-Sender - im Wesentlichen die Dauerschleife des brillanten tschechischen Films Drei Nüsse für Aschenbrödel - bekommen wir vor allem Sagenhaftes aus christlicher Tradition vorgesetzt. Natürlich weiß jeder, der es wissen möchte, dass Weihnachten und Silvester von Missionaren im Frühmittelalter kooptiert wurden. So wie die Römer Frieden brachten [lat. pacere], nicht Krieg und Ausplünderung. Die germanischen und keltischen Lichterfeste wurden erst verchristlicht, im 19. Jahrhundert durch die deutsche Romantik verklärt und geschmückt, zuletzt von Softdrinkunternehmen kapitalisiert. Es gibt aber schöne, unterhaltsame Alternativen zu Neuerzählungen christlicher Abenteuergeschichten. Eine davon schuf L. Frank Baum.

Machen Sie sich keine Sorgen, falls sie den Namen noch nie gehört haben, er ist in Europa, besonders in Deutschland, nicht so bekannt. Sein berühmtestes Werk kennen die meisten Menschen eh nur als Film - The Wizard of Oz. Der Amerikaner schuf zwischen 1900 und 1920 insgesamt 16 wundervolle Bücher rund um das fabelhafte Land Oz, dazu viele weitere Romane, Gedichte, Abenteuerromane, die meisten für Kinder und Jugendliche.

1902 kam seine Version des Weihnachtsmannes in die US-amerikanischen Buchläden: The Life and Adventures of Santa Claus. Wie in seinen anderen Kindergeschichten, schuf er eine ganz eigene Welt. Er löst sich dabei bewusst fast vollkommen von europäischen Vorbildern. Genau wie John Ford mit seinen Western eine ganz eigene Ikonografie und sagenhafte Geschichtsschreibung für die USA hervorbringen wollte, war es das Ziel Baums, eine amerikanische Märchenwelt zu entwickeln. Er mochte die Brutalität der alten Märchen nicht, deren Moralisierung, deren immer gleiche Figuren.

Aus dem Märchenwald


Bei Baum ist der Weihnachtsmann kein Bischof aus Kleinasien, er ist ein Findelkind, eines Tages gefunden im Märchenwald von Burzee vom Meister des waldes, der das Baby einer Waldnymphe anvertraut, die gerne ein Kind aufziehen möchte. Sie nennt ihn 'den Kleinen', in ihrer Sprache 'Claus', was zu 'Neclaus', der Kleine von Necile [so der Name der Waldnymphe] wird. Alle Wesen des Waldes helfen, das Kind groß zu ziehen, sogar der große Wald-Meister.

In einem harmlosen Initiationsritus muss Claus erkennen, wie schlecht die Menschen - seine eigene Art! - sind. Sie behandeln Kinder schlecht und bekriegen sich, statt gemeinsam gegen Armut zu kämpfen. Seine Güte macht ihn bald bekannt, er hilft Kindern und beschenkt sie mit Spielzeug, das er selbst herstellt. Wie es sich für eine spannende Kindergeschichte gehört, gibt es auch böse Wesen, die Claus das Leben schwer machen, weil sie wollen, dass Kinder sich schlecht benehmen oder einfach nur ein wenig Spaß haben wollen.

Schritt für Schritt lässt Baum Claus Episoden erleben, die den Lesern die verschiedenen Weihnachtsbräuche erklären, bis hin zu seinem Namen:

[B]ut the mothers, watching the glad faces of their dear ones, whispered that the good Claus was no mortal man but assuredly a Saint, and they piously blessed his name for the happiness he had bestowed upon their children.

"A Saint," said one, with bowed head, "has no need to unlock doors if it pleases him to enter our homes."

And, afterward, when a child was naughty or disobedient, its mother would say: "You must pray to the good Santa Claus for forgiveness. He does not like naughty children, and, unless you repent, he will bring you no more pretty toys."

But Santa Claus himself would not have approved this speech. He brought toys to the children because they were little and helpless, and because he loved them. He knew that the best of children were sometimes naughty, and that the naughty ones were often good. It is the way with children, the world over, and he would not have changed their natures had he possessed the power to do so.

And that is how our Claus became Santa Claus. It is possible for any man, by good deeds, to enshrine himself as a Saint in the hearts of the people.*

 


Baum verfolgte sicherlich keine christlich-missionarische Agenda, auch wenn es in dieser Passage so aussehen mag. Der letzte Satz macht deutlich, dass er hier nicht die katholische Definition für 'Saint' benutzt, sondern eine umgangssprachliche.

Noch stärker als im Zauberer von Oz gelingt es Baum mit seiner überschäumenden Fantasie eine ganz eigene Welt zu schaffen, in die wir schnell eintauchen wollen. Und aus der wir nur ungern wieder auftauchen. Weil er seine kindliche Zielgruppe Ernst nimmt, macht es auch Erwachsenen Spaß, sein Weihnachtsmannmärchen zu lesen. Sein Wortwitz mag dem abgestumpftem Intellektuellen zu albern erscheinen, erfreut aber den Leser, weil er spielerisch bleibt. Da finden sich Wesen, die Knooks heißen oder Ryls, ein kleiner Junge namens Weekum und so fort.

Alle Werke L. Frank Baums sind im Original Public Domain und u.a. bei Project Gutenberg erhältlich; eine deutsche Übersetzung von The Life and Adventures of Santa Claus gibt es als Insel Taschenbuch.



*aus L. Frank Baum. The Life and Adventures of Santa Claus. 1902 [Public Domain, verwendete Quelle bei Project Gutenberg]

Weitere Quellen:

  • Roger Sale. Fairy Tales and After: From Snow White to E. B. White. Cambridge, MA: Harvard University Press, 1978.
  • Jerry Griswold. Audacious kids: coming of age in America's classic children's books. New York, NY: OUP, 1992. 
  • Neil Earle. The wonderful wizard of Oz in american popular culture: uneasy in eden. Lewiston, ME: Edwin Mellen Press, 1993.
  • Michael O. Riley. Oz and Beyond: The Fantasy World of L. Frank Baum. Lawrence, KS: University of Kansas Press, 1997.
  • http://thewizardofoz.info/


Geschrieben in Kinderbuch | 7 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink