24. Dezember 2011, 15:36
Literaturwissenschaftler gelten oft als Schwätzer. Schon in der Schule werden jene, die in Deutsch oder Englisch etwas zu sagen haben, gerne schief angesehen. Das ist verständlich, gibt es doch anders als in den Naturwissenschaften keine klaren Kriterien, was richtig und was falsch ist. Literarische Texte leben von der Interaktion zwischen Autor und Leser – mit allen Widrigkeiten, die sich daraus ergeben.
Solange der Schöpfer eines Werkes lebt, kann er sich tatsächlich mit seinen Lesern unterhalten, kann Fragen beantworten, kann seinen Roman, seine Kurzgeschichte oder sein Lied interpretieren. Er sollte es nicht, aber er kann es. Schwierig wird das bei toten Dichtern. Shakespeare kann uns nicht über seine Einstellung zum Judentum aufklären; wir müssen mit seinen Theaterstücken vorlieb nehmen. Ob diese wiederum seine Ansichten widerspiegeln oder die seiner Figuren, ist alles andere als klar.
Interpretationsspielräume
Selbstverständlich haben Wörter unterschiedliche Bedeutungen, abhängig vom Zusammenhang, in dem sie stehen, sei es ein historischer, gesellschaftlicher oder ästhetischer. Wir dürfen nie den Text selbst aus den Augen verlieren! Was dort steht, ist die einzige Gemeinsamkeit, die wir haben, seien wir Komparatisten, Ästhetizisten, Pragmatiker, Marxisten, Feministen oder Ausübende einer von Dutzenden anderer Theorien. Einzige Ausnahme sind Dekonstruktivisten - für die ist es völlig egal, was auf der Seite steht, denn es ergibt sowieso keinen Sinn.
Interpretieren nun verschiedene Menschen einen Text, ist es unvermeidbar, dass jeder andere Dinge in den Mittelpunkt stellt. Was die eine klar sieht, übersieht der andere, bis er drauf gestoßen wird.
Hier spielt die Musik
Vor ein paar Tagen sagte mir jemand, der folgende Song sei sexistisch:
Natürlich! Wünschen und hoffen soll die Frau, damit aus ihrem Leben was wird – wenn der Mann der Träume sie endlich freit. Klingt oberflächlich nach einem klassischen Sehnsuchtsschlager. Und jetzt hören wir mal etwas genauer hin und achten nicht nur auf Titel und Refrainzeile. Der Einfachheit halber hier der Text zum Nachschlagen:
Wishin', and hopin', and thinkin', and prayin',
Planning and dreamin' each night of his charms.
That won't get you into his arms
So if your're looking for love you can share
All you gotta to is hold him, and kiss him, and love him,
And show him that you care.
Show him that you care just for him.
Do the things that he likes to do.
Wear your hair just for him, 'cause,
You won't get him, thinkin' and a prayin',
Wishin' and hopin'.
'Cause wishin', and hopin', and thinkin', and prayin',
Planning and dreamin' his kisses will start.
That won't get you into his heart!
So if you're thinking how great true love is
All you gotta to is hold him, and kiss him, and squeeze him, and love him.
Yeah, just do it!
And after you do, you will be his.
You gotta show him that you care just for him.
Do the things that he likes to do.
Wear your hair just for him, 'cause,
You won't get him, thinkin' and a prayin',
Wishin' and a hopin'.
'Cause wishin', and hopin', and thinkin', and prayin',
Planning and dreamin' his kisses will start.
That won't get you into his heart!
So if you're thinking how great true love is!
All you gotta to is hold him, and kiss him, and squeeze him, and love him.
Yeah, just do it!
And after you do, you will be his.*
Ein wenig Zeilenschinderei
Ich habe einige Zeilen herausgehoben, jene nämlich, die mir sofort ins Ohr fallen. 1963 singt eine Frau also davon, aktiv zu werden, selbst was zu tun, eben nicht in alter Girl-Pop-Manier rumzusitzen und zu warten. Sie gibt auch eine deutliche Bedingung dafür aus: if you're thinking how great true love is! Es wird nicht vorausgesetzt, dass Frauen an nichts Anderes denken, als an die wahre Liebe, aber falls jener dort die große Liebe ist, lass sie nicht an dir vorbei gehen. Greif dir den Kerl, zeig ihm, was du von ihm hältst, er muss merken, was du für ihn bist.
Und dann gibt es die Zeile Show him that you care just for him. Hier wie in den konkreten Anweisungen, wie der Kerl denn zu überzeugen sei, ist sicherlich Spielraum für Interpretation. Sind es typische Topoi von Liebesliedern? Soll hier doch die Unterordnung der Frau unter den Mann gepredigt werden? Ich tendiere zur ersten Variante, schließe die zweite aber nicht aus, da sie direkt aus dem Text belegbar ist.
Hier wird's deutsch
Eine interessante Entdeckung habe ich noch gemacht, auch Dusty Springfield hat den deutschen Markt mit einer eigenen Version desselben Songs beehrt. Ich weiß nicht, ob sie den deutschen Text verstanden hat ... oder ob Hal David ahnte, was aus seinem frühfeministischen Poem wurde:
Zum Vergleich auch hier die Lyrics:
Warten und hoffen
Und hoffen und warten
Sehnen und Träumen
Tag aus und Tag ein
Denn einmal ist jeder allein
Das Glück ist überall
Weit und nah
Darum muss du immer
Warten und hoffen und träumen
Auf einmal ist es da
Und fragst du den Wind und das Meer
Sag mir wann, wann kommt er
Dann sagt der Wind und das Meer, oooohhh
Du muss warten, warten und auch hoffen
Hoffen und auch träumen
Nur warten und hoffen
Und hoffen und warten
Sehnen und Träumen
Tag aus und Tag ein
Dann bist du bald nicht mehr allein
Dann wird die Zukunft schön
Jahr aus, Jahr ein*
Ganz offensichtlich war die deutsche Gesellschaft Anfang-Mitte der 1960er noch lange nicht so weit, so emanzipiert, wie die britische oder die amerikanische.
*Lyrics von http://www.metrolyrics.com/, slightly cleaned up
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