27. April 2012, 10:47
Unter der Überschrift „Existenzwerte“, was seltsamerweise eine „Ökosystemdienstleistungs-Kategorie“ genannt wird, steht in TEEB (2010):
„Horton et al. (2003) verwenden den kontingenten Bewertungsansatz und schätzen die Zahlungsbereitschaft britischer und italienischer Haushalte für Schutzgebiete im brasilianischen Amazonasgebiet auf US$ 46 pro Hektar und Jahr.“
Ich bin auf dem Gebiet der Ökonomie völliger Laie und meine Frage mag dumm sein, aber ich möchte sie doch nicht unterdrücken: Kann man auf diese Weise tatsächlich den „Existenzwert“ von irgend etwas ermitteln, noch dazu in Zahlen? Wenn die Ökonomen damit nur unter sich blieben! Aber sie können sich nicht halten und teilen der Öffentlichkeit mit, wie viele Dollar die Existenz eines Stücks Regenwald wert ist, und die Leute glauben dann, diese Zahl sage ungefähr so viel aus wie im Falle handfester Sachen, etwa wie im Falle der Summe, die man für eine Flasche Bier zahlen muß.
Gemeint scheint ja etwa zu sein, daß der Wert der bloßen Existenz dessen, was zur Zeit auf Flächen im Amazonasgebiet vorhanden ist, folgendermaßen festgestellt werden kann: Man fragt Briten und Italiener, was sie zahlen würden, wenn sie damit erreichen könnten, daß auf diesen Flächen alles so bleibt, wie es ist. Sicher diskutieren die Ökonomen heftig und mit größter Akribie darüber, daß die ermittelten Zahlen unsicher sind, weil man bei leichter Veränderung der Befragungssituation vielleicht erheblich abweichende Werte genannt bekäme. Aber diskutieren sie auch die Möglichkeit, daß Brasilianer, Nigerianer, Chinesen oder Texaner sich vielleicht bereit erklären könnten, dafür zu zahlen, daß das Stück Regenwald in eine Viehweide umgewandelt wird oder in einen Golfplatz? Und wie bestimmt man unter diesen Bedingungen den – nun eventuell negativen – Zahlenwert des Regenwalds? Errechnet man den Durchschnitt aus Briten und Chinesen? Berücksichtigt man dabei, daß es mehr Chinesen als Briten gibt? Wird in Rechnung gestellt, daß ein US-Amerikaner viel mehr wert ist als ein Nigerianer – wie man ja da daran sieht, daß 10 tote Amerikaner eine viel größere Zeitungsmeldung wert sind als 1000 tote Nigerianer? Kann mich jemand aufklären?
Literatur:
TEEB (2010): Die Ökonomie von Ökosystemen und Biodiversität: Die ökonomische Bedeutung der Natur in Entscheidungsprozesse integrieren. (TEEB (2010) The Economics of Ecosystems and Biodiversity: Mainstreaming the Economics of Nature) Ansatz, Schlussfolgerungen und Empfehlungen von TEEB – eine
Geschrieben in
Biodiversität und Aussterben
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