Mit 50 Zoll in den Sternhimmel


Davon träumt der Sterngucker: Mit einem 50-Zoll-Dobson und den eigenen Augen in den Sternhimmel abtauchen. Für zahlungskräftige und unter Öffnungsfieber leidende Astro-Freaks muss dies kein reiner Traum mehr bleiben. Die aktuelle "Sterne und Weltraum" 6/2010 informiert in der Rubrik "Astroszene" auf den Seiten 108/109 über Dobson-Teleskope einer US-amerikanischen Firma, die alles Bisherige übertreffen. Die drei "Monster-Dobsons" von "Orion Telescopes & Binoculars" haben Öffnungen von 36, 40 beziehungsweise 50 Zoll. Doch selbst ein satt gefülltes Konto vorausgesetzt, was könnte ein solches Instrument bieten, wie realistisch ist die Benutzung eines Teleskops, das mehrere hundert Kilo auf die Waage bringt, und bei dem der Einblick in schwindelnder Höhe liegt?

Nur wenige Amateurastronomen gibt es, die über Dobsons mit mehr als 25 Zoll Öffnung verfügen, und fast immer handelt es sich dabei um Selbstbauten. Auf Teleskoptreffen wie dem ITV gibt es immer mal Gelegenheit, solche ungewöhnlichen Teleskope zu bestaunen, vielleicht sogar einmal durchs Okular eines solchen Riesen zu spähen. Hier gibt es Fotos des berühmten 30-Zöllers von Raffael Benner auf dem ITV 2007 und hier auf dem ITV 2008, einem Eigenbau.

Es handelt sich natürlich auch bei diesen drei von "Orion Telescopes" angebotenen Dobsons letztlich um Einzelanfertigungen, und keine Teleskope "von der Stange". Die Preise sind auf der Hersteller-Website angegeben mit $ 55.600 bzw. € 45.000 (36"), $ 80.000 bzw. € 65.000 (40") und $ 123.000 bzw. € 100.000 (50"). Aus den Angaben der Firmen-Website des Dobson-Spezialisten "Orion Telescopes" (von der sämtliche technischen Angeben stammen, die ich in diesem Blog-Post nenne) schließe ich, dass erst der 36-Zöller "serienreif" sein dürfte; Fotos der beiden größeren Brüder fehlen.

50 Zoll = 25 10-Zöller

Allein die theoretischen Werte dieser Lichtsammel-Riesen beeindrucken: Der 36-Zöller sammelt so viel Licht wie vier 18-Zöller beziehungsweise so viel Licht wie dreizehn 10-Zöller. Beim 40-Zöller liegt die Entsprechung bei vier 20-Zöllern und beim 50-Zöller bei vier 25- bzw. sechs 20-Zöllern. Wer also schon mal mit einem 20- oder gar ein 25-Zoll-Dobson am Sternhimmel hat beobachten können, bekommt eine ansatzweise Ahnung des Lichtsammelvermögens dieser Teleskope. Die 25 10-Zöller, die in einen 50-Zöller "passen", sind dann schon übertrieben theoretisch.

Auf der Website sagt Orion es ganz offen: Ist der 36-Zöller unter Umständen noch transportabel, so sind die beiden großen Brüder für den ortsfesten Einsatz in einer Privatsternwarte gedacht. Die Gewichtsangaben verdeutlichen, weshalb: Die Teleskope wiegen insgesamt 170 kg (36"), 280 kg (40") und 400 kg (50"). Dabei ist natürlich der Hauptspiegel das jeweils schwerste Element. Beim 36-Zöller wiegt er 70 kg; beim 40-Zöller 180 kg und beim 50-Zöller 230 kg. Schon beim 36"-Dobson kann ich mir mindestens vier kräftige Personen vorstellen, die beim Aufbau behilflich sein sollten.

Welche Qualität die Hauptspiegel haben (und natürlich die Fangspiegel, die mit Durchmessern von 15 cm, 18 cm und 23 cm ebenfalls Riesen sind), kann ich nicht abschätzen. Schon die "schnellen" Öffnungsverhältnisse von f/4 bei den beiden 36- und 40-Zoll-Dobsons verlangen megaperfekte Optiken. Der 1,27-Meter-Spiegel des größten Dobsons mit seinem wahnwitzigen, "ultraschnellen" Öffnungsverhältnis von f/3,8 (auf der Website sind f/3,7 angegeben, was aber bei der angegebenen Brennweite von 4,765 m falsch ist) verlangt eine mehr als hervorragende Optik. Selbst bei 20 Zoll ist es schon eine extreme Herausforderung, ein Öffnungsverhältnis von f/4 sauber hinzubekommen. Koma dürfte rein konstruktionsbedingt bei allen drei Teleskopen eine Rolle spielen, und wohl selbst in Nagler-Okularen unschöne Randabbildungen zeigen.

Aus nachvollziehbarem Grund werden diese Dobsons mit Goto-Steuerung und Nachführung verkauft. Die tatsächlichen Gesichtsfelder sind so klein bis winzig, dass das Auffinden bzw. Nachführen von Himmelsobjekten ansonsten nur schwer möglich sein dürfte. Die folgende Tabelle zeigt, welche Austrittspupillen, Gesichtsfelder und Vergrößerungen sich bei den drei Teleskopen ergeben. Ich war so frei, für diese Übersicht jene Okulare mit dem derzeit größten scheinbaren Gesichtsfeld von 100 Grad zu wählen. Doch dürfte die Anschaffung der Ethos-Okulare für jene Käufer, die sich ein solches Riesen-Dobson leisten können, nur "Peanuts" bedeuten. ;-)  Natürlich weiß ich nicht, welche Abbildungsleistung diese Okulare an diesen Instrumenten bieten, alles ist rein theoretisch.



Tabelle: Drei Dobson-Teleskope mit Öffnungen von 36", 40" und 50"

Spannend die Vorstellung, mit größtmöglichem tatsächlichem Gesichtsfeld in die Sternfluten abzutauchen; immerhin ergibt sich hier bei allen drei Kandidaten rund ein halbes Grad. Das Ethos 21 mm dürfte die erste Wahl sein, um mit einer nutzbaren Austrittspupille von rund fünf Millimetern flächige Deep-Sky-Objekte zu erkunden. Höhere Vergrößerung verlangt nach mehr als gutem Seeing. Und jeder Sterngucker kennt die Faustregel: Je größer die Teleskopöffnung, desto seltener ist das Seeing geeignet. Das liegt in der Fläche der Luftsäule begründet, die bei größerer Teleskopöffnung logischerweise ebenfalls größer ist. Andererseits gelten bei visuellen Beobachtungen ganz andere Voraussetzungen als bei der Astrofotografie. Planeten sind hier die Testobjekte der ersten Wahl: Die geniale Konstruktion des menschlichen Auges nimmt zwar Zittern und Wabbeln wahr, erkennt dennoch immer wieder klare Bilder. Das Gehirn filtert diese quasi heraus, und sortiert beim Beobachten, so dass im Hirn des Betrachters mit der Zeit fotografische Ansichten entstehen.

Inwieweit visuelle Beobachtungen mit derartigen Teleskopöffnungen überhaupt Sinn ergeben, ist fraglich. Eine andere Beschränkung entspannten Beobachtens – die meiner Ansicht nach wesentlich zum "Beobachtungserfolg" beiträgt – sehe ich im schwierigen Einblick dieser Riesen-Dobsons. Schon beim 36-Zöller liegt er in mehr als 3,50 Metern Höhe, wenn im Zenit beobachtet wird. Dazu ist eine große Beobachtungsleiter notwendig. Um zenitnahe Himmelsobjekte erreichen zu können, muss der Beobachter beim 50-Zöller schon reichlich schwindelfrei sein, liegt der Einblick doch in mehr als vier Metern Höhe. Ob man dort oben noch so richtig entspannt ist?

Ein weiteres Problem dürfte die Justierung der Newtons darstellen, die ich mir rein praktisch nur so vorstellen kann, dass man zu Beginn einer Beobachtungsnacht bereit ist, zig Mal die Beobachtungsleiter runter und rauf zu hechten. Immer wieder, so lange, bis die Justage stimmt. Auch hier kennt man es ja: Je "schneller" das Öffnungsverhältnis, desto pingeliger muss die Justierung von Hauptspiegel und Fangspiegel erfolgen. Kann man bei f/5 die Augen noch ein wenig zu drücken, so ist der Spielraum bei f/4 nur noch winzig, in dem die Optik ein gutes Bild liefert. Für f/3,8 fehlen mir eigene Erfahrungen, es liegt aber auf der Hand, dass hier bei der Justierung allerpingeligste Pingeligkeit gefordert ist.

Träumen erlaubt

Sich vorzustellen, wie mit eigenen Augen betrachtete Himmelsobjekte in diesen Riesen-Teleskopen erscheinen mögen, ist spannend, und bietet Freiräume für nette Tagträume. Nicht zu verachten ist auch die alte Weisheit: Was nutzt Öffnung, wenn das Teleskop viel zu unhandlich wird, um es "mal eben" unter den Sternhimmel zu stellen.

Mit großen und immer größeren Teleskopöffnungen verhält es sich wie mit Gesichtsfeldern neuer, grandioser Okularkonstruktionen: Der Schritt zurück zu Teleskopen mit kleineren Öffnungen beziehungsweise Okularen mit minderen Gesichtsfeldern fällt stets schwer. Da fühlt man sich nach Beobachtungen durch ein TeleVue-Ethos-Okular mit 100 Grad Gesichtsfeld selbst beim Blick durch ein Ultraweitwinkelokular mit 82 Grad irgendwie eingeengt, und ein Weitwinkelokular mit 70 Grad bietet dann schon den berühmten Tunnelblick. Objektiv betrachtet, ist das natürlich Unfug, doch schnell wird das Außergewöhnliche zum Normalfall. Noch vor 30 Jahren war ein Amateurteleskop mit 8 Zoll Öffnung kaum erschwinglich, heute sind Dobsons mit 10 bis 18 Zoll und astronomische Okulare mit brillanter Abbildungsleistung bei gleichzeitig riesigem Gesichtsfeld der Normalfall. Das ist einfach genial! :-)

Ich bin zwar skeptisch, aber dennoch gespannt, ob ein solches Lichtsammel-"Monster" irgendwann auf einem mitteleuropäischen Teleskoptreffen auftauchen wird, wenngleich die Chancen allein durch den sinkenden Euro-Kurs zunehmend geringer werden dürften. Ich persönlich bin mit meinem f/5-10-Zoll-Dobson erst mal mehr als zufrieden, zumal seine Optik nahezu perfekt ist. Mein Plan ist freilich ein 18- oder 20-Zoll-Dobson, irgendwann vielleicht... Tja, träumen darf man ja. ;-)

Clear Skies! Stefan Oldenburg

Link:

Die drei "Monster-Dobsons" der Firma "Orion Telescopes & Binoculars"


4 Kommentare zu “Mit 50 Zoll in den Sternhimmel”

  1. Andreas Schnabel Antworten | Permalink

    Hänßgens Riesendobson

    Schade dass in diesem Artikel Dr. Erhardt Hänßgens 42 Zoll Dobson nicht erwähnt wurde. Herr Hänßgen hat sein Teleskop ebenfalls in Eigenregie konstruiert. Dieser Dobson ist auf dem HTT regelmäßig der Besuchermagnet und kann auch von einer Person in weniger als 1 Stunde aufgebaut und justiert werden, wovon sich jeder Besucher dort überzeugen kann.

    http://aschnabel.bplaced.net/...es/HTT2007-07.html

    Ein Blick durch das Teleskop ist einfach atemberaubend.

    http://www.cruxis.com/scope/scope1070.htm

  2. Clear Skies Antworten | Permalink

    @ Andreas

    Vielen Dank für den Hinweis! Stimmt, ich erinnere mich an diese Website zum 42-Zöller (mit Pyrex-Spiegel!), die Du nennst. Habe diesen Riesen-Dobson allerdings noch nicht live erlebt, geschweige denn selbst durchgeschaut. Vielleicht mal ein Grund mehr für mich, das HTT zu besuchen. :-)

    Was mir ebenfalls nicht mehr präsent war: Jan präsentierte im September Bilder dieses Teleskops... ;-)

    Nachtrag, 21.05., 14.40 Uhr:

    Just for fun die obige Tabelle für den von Andreas erwähnten 42-Zöller gerechnet:

  3. Jan Hattenbach Antworten | Permalink

    Natürlich sind Riesendobsons immer eine Attraktion auf Teleskoptreffen und beeindruckend allemal. Stefans Skepsis teile ich trotzdem. Ab einer gewissen Öffnung muss man sich doch fragen, ob so ein Teleskop noch sinnvoll einzusetzen ist. Bzw. wie oft man die Bedingungen hat, um die Leistungsfähigkeit eines solchen Riesen auszureizen. In unseren Breiten doch eher selten, sowohl was die Himmelstransparenz, Lichtverschmutzung und vor allem das Seeing angeht.

    Ich habe letztes Jahr durch den erwähnten 42-Zöller den Kern des Orionnebels gesehen. Klar ist das beeindruckend. Man muss sich aber auch keine Illusionen machen, insbesondere durch das Seeing fand ich den Anblick des selben Objekts in meinem 10" oder anderen, kleineren Teleskopen auf dem Treffen schöner.

    Wenn man dann noch die Transportabilität berücksichtigt steht für micht fest: Einen Riesendobson würde ich nie haben wollen. 10-12", leicht und transportabel, stabil und von guter optischen und mechanischen Qualität, dass ist die richtige Teleskopwahl für mich. Ich habe mich schon vor einiger Zeit darauf eingestellt, dass ich dem schönsten Teil meines Hobbys, die visuelle Deep-Sky-Beobachtung in naher Zukunft (und eigentlich heute schon) wegen der explodierenden Lichtverschmutzung hier in Deutschland nicht mehr sinnvollnachgehen kann.

  4. Michael Khan Antworten | Permalink

    Ich finde solche Trumms "riesig" ....

    ... in jedem Wortsinn. Aber nur, wenn sie anderen gehoeren und andere Leute sich den Streß mit Antransport und Aufbau machen müssen. :-)

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