Der Mann mit dem staunenden Blick

3. September 2014 von Kirsten Baumbusch in Allgemein

Naturgesetze in der Kaffeetasse“, Physikalische Überraschungen im Alltag, so lautet der Titel des gerade erschienen Spektrum Spezial mit Texten von Professor H. Joachim Schlichting. Hier geht es unter anderem um den Cappuccino-Effekt, das Heiz-Paradoxon und das Bermuda Dreieck. Der Schöpfer der Geschichten ist früherer Direktor des Instituts für Didaktik der Physik an der Universität Münster und seit vielen Jahren Autor bei Spektrum der Wissenschaft. Studiert hat Schlichting Physik und Philosophie, zuletzt wurde er mit dem Archimedes-Preis für Physik ausgezeichnet. Wir haben ihn zu seinem Faible für die Physik zum Mitdenken und Nachmachen befragt.

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1.) Wie sind sie zu ihrem Ansatz gekommen?
Schlichting: Physik wird in unserer Gesellschaft zwar als eine wichtige Angelegenheit angesehen, weil die Wirtschaft davon abhängt, andererseits hat sie aber so gut wie keine Akzeptanz. Viele kokettieren sogar mit ihrem Nichtwissen, das in anderen Bereichen sehr peinlich wäre. Physik wird einfach nicht zum Bildungsgut gerechnet. Die Frage, die sich für mich daraus entwickelte, war: Wie schaffe ich es, die Physik für die Menschen zugänglicher zu machen. Eigentlich ist der Auftrag an das Schulfach nämlich klar: Es soll den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, sich in der wissenschaftlichen und technischen Welt als mündige Bürger zurechtzufinden. Ich sehe meine Aufgabe darin, Wiederbegegnungsmöglichkeiten in der Alltagswelt mit dem im Physikunterricht Erlebten zu schaffen.
2.) Wann haben sie angefangen, die Physik mit der Lebenswelt zu verknüpfen?
Schlichting: Ich war zunächst theoretischer Physiker in der Forschung. Schon damals war es mir wichtig, Formeln nicht nur auswendig zu lernen, sondern konkret etwas damit zu verbinden. Dann entdeckte ich zu meinem großen Glück, dass es mit der Didaktik der Physik eine Fachrichtung gab, wo genau dieses schon betrieben wurde. Da habe ich mir dann erst einmal die Thermodynamik vorgenommen, wo damals noch haarsträubende Missverständnisse bestanden.
3.) Was möchten sie ihren Leserinnen und Lesern nahebringen?
Schlichting: Die Kernbotschaft ist: Physik ist überall, man muss es nur zu sehen lernen. Das Alltägliche ist erst einmal nicht faszinierend. Ich muss dazu gebracht werden, darin etwas Besonderes zu sehen. Diese Distanzierung erreiche ich durch den physikalischen Blick. Das erfordert einen unvertrauten Blick auf das Vertraute.
4.) „Physik ist überall“, das wird bei ihren Beiträgen deutlich. Warum ist das Fach trotzdem so verpönt?
Schlichting: Das hängt mit der Ausbildung der Lehrkräfte zusammen. Sie erhalten eine Ausbildung, die hauptsächlich auf die konventionellen Inhalte der klassischen Physik beschränkt ist; zu den wirklich spannenden Fragen kommt es darin meistens nicht. Wir bräuchten eine eigene Physikausbildung für Lehramtskandidaten, die nicht nur rechnet und Formeln auswendig lernt, sondern auch eine Verbindung zur Lebenswelt der Lernenden herstellt. Weil das Fach aber an den Schulen keine große Akzeptanz genießt und an vielen Universitäten die Lehramtsausbildung nicht zum Kerngeschäft gehört, leitet auch niemand die notwendigen Veränderungen ein.
5.) Wie stoßen Sie auf ihre Phänomene und wie finden Sie die Erklärungen dazu?
Schlichting: Der Blick verändert sich, wenn man die ersten Phänomene entdeckt hat. Plötzlich kommt einem vieles „physikalisch“ vor, das bislang ganz alltäglich erschien. Es ist so, als hätten sie eine andere Brille auf. Dann ist es ganz leicht. Aber eine gewisse Muße und Beharrlichkeit ist durchaus nötig. Die meisten Dinge entdecke ich ohne Druck.
6.) Gibt es ein Lieblings-Phänomen von ihnen?
Schlichting: „Wie vergitterte Fenster die Welt einfärben“ (€ 1,49), so lautet ein Artikel im Spektrum spezial. Darauf stieß ich vor etlichen Jahren, als ich zu einer Sonnenfinsternis in die Türkei flog und auf der Tragfläche des Flugzeugs plötzlich Farben sah, wie ich das aus dem Labor kannte, wenn ich durch ein Gitter gucke. Ein Gitter war aber weit und breit nicht zu sehen. Ich habe recherchiert und gefragt, ohne zu einer Lösung zu kommen. Bis ich eines Tages feststellte, dass ein Blick durch ein Geodreieck auf eine Lichtquelle ebensolche Farberscheinungen hervorrufen kann. Dann untersuchte ich das Geodreieck genauer und stellte fest, dass es eine innere Struktur hatte, die mit der Herstellung zusammenhängt. Es zog sich über Jahre hin, bis ich glücklich dieses Phänomen beschreiben und erklären konnte.
7.) Was gehört zu einer gelungenen physikalischen Überraschung im Alltag?
Schlichting: Ich muss unbedingt wissen wollen, was dahinter steckt. Wenn es gelingt, das Gefühl auch beim Lesenden auszulösen, dann ist das vollbracht. Beispielsweise bei der Frage, wie die Katze trinkt.
8.) Wie machen Sie das mit den Fotos?
Schlichting: Ich habe meine Kompaktkamera immer dabei. Das ist gar nichts Tolles und wird von der Spektrum-Redaktion auch manchmal bemängelt. Aber die Fotos sind zum größten Teil authentische Schnappschüsse.
9.) Für welches Niveau schreiben sie?
Schlichting: Das Niveau bei Spektrum ist schon ziemlich hoch. Manchmal bescheinigen mir Freunde und Bekannte, dass das schon starker Tobak war, was ich ihnen an physikalischem Verständnis abgenötigt habe. Aber unter einen gewissen Level möchte ich nicht gehen. Es soll durchaus ein bisschen anstrengend sein. Auf meinem Blog - Die Welt physikalisch gesehen - erkläre ich Dinge sehr viel einfacher.
10.) Sie haben Philosophie und Physik studiert, ist ihre Herangehensweise auch ein Brückenschlag?
Schlichting: Die Philosophie hat mir sehr geholfen, auf den ersten Blick selbstverständlich erscheinende Dinge zu hinterfragen. Eigentlich habe ich sogar mit Germanistik angefangen, bevor ich dann zur Philosophie wechselte. Mein Lehrer war Carl Friedrich von Weizsäcker und der sagte immer, „wenn Du ein richtiger Philosoph werden willst, musst Du entweder Alt-Griechisch lernen, um Platon im Original lesen zu können oder Physik studieren“. So bin ich dazu gekommen, die Physik zu lernen und zu lehren, aber auch meiner ursprünglicher Liebe, der Philosophie, immer treu zu bleiben.
11.) Gibt es ein Alltagsphänomen, dessen Erklärung noch auf ihrer unerfüllten Wunschliste steht?
Schlichting: Manchmal sind Phänomene zwar offiziell erklärt, aber für meinen Geschmack noch nicht klar oder einleuchtend genug. Was mich besonders interessieren würde, wäre eine wirklich gut verständliche Erklärung der „Glorie“. Etwas, was man beispielsweise vom Flugzeug aus beim Blick auf eine der Sonne abgewandte Wolkenbank sehen kann. Da erscheint ein farbiges, spektral zerlegtes Ringsystem. Sobald ich das erklären kann, wird man es in Spektrum lesen.
12.) Sind sie jemand, der das Staunen wohl nie verlernen wird?
Schlichting: Ja, das stimmt, auch wenn ich meine unmittelbare Umgebung damit fast ein wenig nerve. Die Faszination ist so groß, ich werde da wohl, so lange ich kann, weitermachen.

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2 Kommentare zu “Der Mann mit dem staunenden Blick”

  1. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Liest sich ganz gut, der Schreiber dieser Zeilen, der eine unverständliche, aber natürlich nicht umfängliche Abneigung gegenüber der Mathematik pflegt, selbst für ihn, ist über die Philosophie wieder zur Physik(lehre) geraten und findet vor allem Phänomene oder Effekte, die eben physikalisch beschrieben und erklärt werden können, interessant, vor allem auch, wenn die Vorhersage möglich wird.
    MFG
    Dr. W

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Und wann kommt die Frau mit dem staunenden Blick? In 100 Jahren wohl, wenn man als Massstab die Zahl der weiblichen Fields-Medaillenträger und ihre zeitliche Verteilung nimmt

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