Kondor und Co. im Colca-Canyon

25. Mai 2015 von Kirsten Baumbusch in Allgemein

Es gibt Aufgaben, die sind so schön, dass man sich fast ein bisschen schämt, dafür bezahlt zu werden. So geht es mir bei der dreitägigen Trekkingreise in den Colca-Canyon, die ich für die Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg und die Reiseagentur Aventoura aus Freiburg machen darf. Da daraus eine Reisereportage entstehen soll, gibt es hier im Blog nur die Geschichten hinter den Geschichten und Fotos.

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Die Geschichte fängt damit an, dass ich morgens um 4.30 Uhr dem Fahrer unseres Kleinbusses die Taschenlampe halte. Er wollte tanken und dann sprang die Kiste nicht mehr an. Es funkt ein bisschen und irgendwann sind wir wieder auf dem Weg aus dem noch verschlafenen Arequipa in den Colca-Canyon. All das ging mit der peruanischen Gelassenheit gegenüber den Unwägbarkeiten des Alltags vonstatten, die ich so bewundere. Bringt ja auch nichts, bei solchen Nichtigkeiten in Hektik oder gar Panik zu verfallen. Das Leben hier birgt so viele Gefahren, da wäre es eher riskant, irgend etwas übers Knie zu brechen.

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Ich sitze vorne neben David (Foto oben), unserem 27-jährigen Trekkingführer. Er ist drei Tagesmärsche weg vom Canyon aufgewachsen und kennt die Gegend wie seine Westentasche. Ein echter Quechua, seine Muttersprache ist das gleichnamige Indio-Idiom. Spanisch hat er erst in der Schule gelernt, Englisch büffelt und übt er jetzt für seine Touristen. Sein Vater war Schamane, von ihm hat er sein Wissen über die Natur. Da sich sein Vater aber mit Lungenkrebs nicht selbst helfen konnte, musste der Sohn seine Studien abbrechen und in einer Goldmine arbeiten gehen. Dort hämmerte er dann unter Tage Jahre lang das pure Edelmetall aus dem Berg. Bis ihn ein riesiger Gesteinsbrocken mitten im Gesicht traf. Der kluge David nahm es als Zeichen, beendete die lukrative Arbeit und begann, Tourismus zu studieren. Jetzt ist er ganz in seinem Element. Nicht überfürsorglich, aber so umsichtig, dass wir uns zu jeder Sekunde gut aufgehoben fühlen.

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Das wird auch notwendig werden. Denn ein junges deutsches Paar ist gleich aus Europa über  Lima nach Arequipa gekommen und fährt nun mit in den Colca-Canyon. Da hilft es nichts, dass beide sportlich durchtrainiert sind. Ihre Körper reagieren auf die ungewohnte Höhe und die intensiv-knallige Sonne bald mit Brechdurchfall, Kopfweh und Schüttelfrost. Die beiden leiden schwer und am letzten Tag überlegen wir ernsthaft, sie auf Maultiere zu hieven. Aber David kennt nicht nur seine Pappenheimer, sondern auch etliches an Kräutern, so dass er die beiden am Ende so fit bekommt, dass sie die 1000 Meter Aufstieg aus der Oase an der Talsohle des Canyons in aller Herrgottsfrühe schaffen, kreidebleich und um eine wichtige Erfahrung reicher.

Doch noch ist es nicht es längst nicht soweit, wir fahren durch die stockdunkle Nacht von Arequipa Richtung Canyon, höher immer höher, bis auf knapp 5000 Meter. Als zwischen den Vulkanen dann die Sonne durchbricht, weitet sich in mir alles und wird gleichzeitig still. Das Steppengras ist gefroren, die Lamas und Alpakas sind noch in ihren nächtlichen Einfriedungen. Der Weg hinunter nach Chivay bieten den Blick auf ein gigantisches Amphietheater. Auf den Terrassenfeldern grasen Kühe, Esel und Pferde, der Quinoa und der Hafer sind zur Ernte bereit. Doch die Idylle trügt, die Jungen ziehen weg von hier, nur noch die Alten bleiben und versuchen, der Erde ihre Früchte abzuringen. Umso besser, dass Menschen wie David zurückkehren, wenn auch nicht als Bauern, sondern als Wanderführer.

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Immer tiefer geht die Fahrt in den 100 Kilometer langen Canyon (nach derzeitiger Rechnung der vierttiefste der Erde und doppelt so tief wie der Grand Canyon) hinein. Die Straße wird zur Piste. Trotz des frühen Morgens herrscht schon mächtiger Verkehr, die Saison hat begonnen und alle wollen zum Cruz del Condor. Bei meinem ersten Besuch haben sich die schwarzen Riesenvögel mit drei Metern Spannbreite noch extrem rar gemacht. Doch jetzt tummeln sich Weibchen (braun, rote Augen und keine Krone), Männchen (schwarz und mit Krone). Junge (ganz schwarz) und Alte (weiß an den Flügeln) gleich im Dutzend. Sie lassen sich von den Aufwinden nach oben treiben und gleiten dann durch die Lüfte: Selten habe ich etwas so Friedliches und Majestätisches gesehen. Dass sie in den ersten Monaten des Jahres selten anzutreffen sind, hat etwas mit dem Speiseplan der zweitgrößten Vögel der Welt zu tun. Dann ziehen sie nämlich gerne an den Pazifik, wo die Seelöwen gerade Junge haben und dort mundet den Assfressern dann deren Plazenta. Bis zu 80 Jahre alt wird ein Kondor. Und neigt sich sein Leben dann zum Ende und der stolze Vogel wird müde, dann lässt er sich aus höchster Höhe über dem tiefsten Punkt der Schlucht einfach fallen.

David ist voll von solchen Geschichten. Er weiß, wie man aus den Blättern des rosa Pfefferbaumes Insektenschutz macht oder zermahlen und mit Alkohol vermengt eine Salbe gegen Krämpfe herstellt. Er kennt die besten Aloe Vera-Plätze und zeigt uns die Läuse der Kaktusfeige, die, wenn man sie zerquetscht, eine intensive rote Kriegsbemalung ergeben. 40 Dollar das Kilo war einst in Lima dafür zu erzielen. Denn dort fertigte man Lippenstift daraus.

Nur sieben Kilometer haben wir am ersten Tag vor uns und 1000 Höhenmeter. Doch wir brauchen dazu fast drei Stunden. Steil ist es, nicht wirklich schwindelerregend, aber mitunter rutschig, so dass am Ende die Kniee mächtig schlackern. Wir sind eine neunköpfige Gruppe, ein älteres australisches Ehepaar auf Weltreise, ein Ukrainer und eine Weißrussin, die in den Niederlanden leben, das junge deutsche Paar, ein sehr ernsthafter amerikanischer Student und eine 21-jährige belgische Medizinstudentin und ich, die eingeschleuste Journalistin.

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Als wir in San Juan ankommen, liegt die erste Hängebrücke hinter uns und der Magen ist leer. Das Essen ist typisch peruanisch, mit viel Kartoffeln, Reis, Gemüse und Mais, wenig, aber gutem Fleisch und immer gibt es Suppe und dann ein "Segundo". Für die Männer ist das ein wenig spärlich, zumal, was man hier kaufen könnte, enorm teuer ist. Kein Wunder, alles wird per Muli oder Esel her transportiert. Deshalbe sind die Wände der Hütten aus Matschziegeln gefertigt, das Dach mit Gras gedeckt. Dafür darf man sich die Orangen und Avocado, die in diesem kleinen Paradies wachsen, gerne pflücken - sofern man dran kommt. Als die letzten Sonnenstrahlen über den steilen Hängen die frühe Nacht ankündigen, sind wir schon längst bei den weltpolitischen Themen angelangt. Die Stimmung ist entspannt und engagiert, als würden wir uns lange kennen.

Dafür bricht der nächste Morgen früh an. Trotz der fast dröhnende Stille habe ich geschlafen wie ein Murmeltier. Klar gibt es zum Frühstück Coca-Tee, der uns munter machen und Kräfte verleihen soll. Ein bisschen schmeckt er wie aufgebrühtes Gras, finde ich zumindest. Wir steigen auf und die Hitze bemächtigt sich nach der kühlen Nacht unserer kleinen Gruppe. Was für ein Glück, als wir endlich einen kleinen Stand erreichen, wo es etwas zu trinken und Früchte zu probieren gibt. Gleich nebenan quiekt es vertraut und ich werfe einen Blick auf die Speisekarte: Meerschweinchen. Die freundliche Züchterin gibt Auskunft. Am besten schmecken sie mit drei Monaten, dann sind sie noch knusprig zart, danach wird die Haut zu zäh. Männchen sind besser als Weibchen und sie werden ins Jenseits befördert, in denen man ihnen den Hals herum dreht. Auf genauere Details verzichte ich dankend.

P1030505Beim Abstieg nach Sagalle verstehen wir sogleich, warum das Örtchen, das es vor 20 Jahren noch gar nicht gegeben hat, auch "Oasis" heißt. Das Wasser, der Quell des Lebens, entspringt einem Wasserfall, der direkt aus dem Berg geschossen kommt. Deshalb sind die blauen Pools schon von ganz weit oben zu sehen und wir freuen uns nach der staubigen Wanderung darauf.

P1030555Die Herberge trägt den Namen Tropical Lodge nicht zu Unrecht: Palmen, Bananen, Blumen aller Art und eben Wasser, dass dies alles ermöglicht. Die kleinen Hütten sind ohne großen Komfort, aber gemütlich, gekocht wird mit Gas und die Toilettenanlagen sind unbeleuchtet. Ich bemerke, dass meine Solartaschenlampe leer ist (die kleine Kurbel entdecke ich erst am nächsten Morgen). Strom kommt hier vom Generator und der ist ein eher unzuverlässiger Geselle. Dafür gibt es den gigantischen Sternenhimmel absolut gratis. Stundenlang können wir hier am Fluss sitzen, in der Hängematte liegen oder den Himmel betrachten: Seele baumeln lassen mit Tiefgang.

Das ist eine gute Vorbereitung für den nächsten Morgen, der um 4.30 Uhr beginnt. Wie aufgereihte Glühwürmchen ziehen sich die Wandergruppen mit ihren Stirnlampen (ich kurble kräftig) den steilen Berg hinauf. Die Fauleren oder Schwächeren haben sich ein Maultier gemietet und kommen ein bisschen später. Jetzt versteht auch noch der Letzte, warum die Tour für Leute mit Kondition ausgeschrieben wurde. 1000 Meter und sieben Kilometer sind kein Pappenstiel, dazu kommen die großen Steinbrocken, die Schritte wie beim Treppensteigen erfordern. Drei Stunden brauchen wir, David hat es als Einheimischer einmal in 45 Minuten geschafft. Wie das gehen soll, ist ein Quechua-Geheimnis, aber er hatte damals verschlafen und seine Touristengruppe war schon mit Maultieren unterwegs. Am Ende ist unsere ganze Gruppe bis nach Cabanaconde hinauf gelangt. Die Erschöpfungstränen der Australierin sind versiegt, das kranke deutsche Paar liegt sich bleich, aber glücklich in den Armen und ich habe eine gute Geschichte auf dem Block.

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Ein Kommentar zu “Kondor und Co. im Colca-Canyon”

  1. Günther Antworten | Permalink

    Tolle Geschichte - vielen lieben Dank!!!:)

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