Alternative Medizin ist keine Medizin

16. Februar 2010 von Martin Ballaschk in Medizinisches

Die Wikipedia weiß, das Wort „Medizin“ leitet sich von lat. ars medicina, „Heilkunst“ ab. Das Ziel der Medizin ist es, zu heilen. Heilen kann man auf unterschiedliche Weise, der Körper verfügt über erstaunliche Selbstheilungkräfte, die man durch geeignete Arzneien unterstützen kann. So erkranken nur 10% der mit Mycobacterium tuberculosis Infizierten an Tuberkulose, da die Krankheit meistens bereits in der Lunge abgewehrt wird. Einmal erkrankt, stehen zur Bekämpfung des Erregers Antibiotika zur Verfügung. Die Therapie ist wirksam und erprobt, ihre Risiken sind bekannt und sie hat trotzdem schon Millionen Menschen vor dem Tod bewahrt.

Ich behaupte, nur eine Therapie, die wirksam ist, kann als „Medizin“ bezeichnet werden. Nur die Wirksamkeit definiert ein Mittel als Arznei und ein Verfahren als Therapie. In der evidenzbasierten „Schulmedizin“ werden Medikamente und Verfahren fairen Tests unterzogen, deren Ergebnisse idealerweise in peer-review-Journalen publiziert werden. Diese Nachweise sind öffentlich und für jeden mit Fachkenntnis nachzuvollziehen.

Dieser Schluss ist auch im „Zürcher Manifest“ dargelegt: Es gibt nur eine einzige Medizin. Die einzige Medizin ist die wirksame Medizin.

Was ist nun also alternative Medizin?  Gewissermaßen eine „Alternative“ zu wirksamer Medizin, ein buntes Wirrwarr unterschiedlichster Behandlungsmethoden und diagnostischer Konzepte. Die einzige Gemeinsamkeit besteht in ihrer Abgrenzung zur beweisgestützten „Schulmedizin“ durch die Abwesenheit des Entscheidenden – des Beweises. In der Selbstwahrnehmung der Alternativmediziner sind deren Verfahren jedoch „sanft“, „natürlich“ und „ganzheitlich“, die schwammigsten und nichtssagendsten Kriterien also, die man sich vorstellen kann.

Die populärsten alternativmedizinischen Konzepte umfassen Homöopathie, Geistheilen, Lichtfasten, Bachblüten, Schüßler-Salze, Akupunktur und Edelsteintherapien, die nach fairen, wissenschaftlichen Kriterien nicht besser als Placebos wirken. Sie alle sind angeblich nebenwirkungsfrei. Sie sind gewissermaßen auch wirkungsfrei, wenn man vom Placeboeffekt absieht, und somit keine Medizin. Sie sind somit auch keine „alternative“ Medizin. Allerdings gibt es eine Reihe von Konzepten, etwa aus der Phytotherapie, die, obwohl traditionell zur Alternativmedizin gezählt, wirksam und somit eigentlich Medizin sind. Diese wirksamen Konzepte werden in der Regel von der konventionellen Medizin assimiliert und finden dort auch Anwendung.

„Alternative Medizin“ kann per Defintion nicht wirken, da sie sonst schlicht „Medizin“ wäre.

Nachtrag:
Christian Götz hat sich mit dem Thema beschäftigt und kommt zum gleichen Schluss: Es gibt keine alternative Medizin. Besonders gefällt mir an seiner Argumentation der Vergleich mit „alternativen Bäckern“, die feinstoffliches Brot backen, das keiner sehen kann.


5 Kommentare zu “Alternative Medizin ist keine Medizin”

  1. Anna Antworten | Permalink

    Homöopathie in der Schulmedizin

    Lieber Herr Ballaschk, erstmal danke für diesen tollen Blog!
    Vielleicht könnten Sie (oder ein Kollege) mal etwas dazu schreiben, dass auch einige (ich weiß leider keine Zahlen) Schulmediziner homöopathische Präparate verschreiben. Ich komme darauf wegen eines persönlichen Erlebnisses diese Woche: Ich kämpfe immer wieder mit Blasenentzündungen und hatte mich daher entschlossen, einen Urologen aufzusuchen. Ich entschied mich dann für den, den mein Hausarzt mir auch empfohlen hatte. Der Arzt machte zunächst eine ausführliche Anamnese (was ich natürlich sehr positiv fand) und faselte dann - ohne auch nur ein einziges Untersuchungsergebnis, abgesehen vom Ultraschall, zu haben! - etwas von irgendwelchen D6-Globuli. Als ich dann sofort sagte davon hielte ich überhaupt nichts, kam er mit Anekdotenbelegen. Das sagte ich ihm dann auch und fragte, ob er eine Doppelblindstudie nennen könne. Darauf antwortete er: "Ach, das ist doch alles Quatsch." Es folgten noch einige Minuten Diskussion (ich konnte kaum glauben, dass ich einem approbierten Arzt gegenüber sitze!), dann bin ich wutschnaubend hinausgestürmt.
    Jetzt meine Frage: Ist das nicht fahrlässig? Was, wenn ich nicht so gut informiert gewesen wäre und die Zuckerpillen genommen hätte, im Glauben in guten Händen zu sein und behandelt zu werden? Kann man solche Fälle irgendeiner Behörde melden? Ich war jedenfalls entsetzt, schließlich war ich in der Hoffnung auf Hilfe zu dem Facharzt gegangen.
    Da muss doch im Medizinstudium einiges schiefgelaufen sein, damit so etwas dabei herauskommt...

    Schöne Grüße aus Tübingen!

  2. Martin Ballaschk Antworten | Permalink

    Hallo Anna,

    vielen Dank für das Lob! :)

    Diese Praxis scheint weit verbreitet zu sein – immerhin gibt es ja auch den Deutschen Zentralverband der homöopathischen „Ärzte“.

    Ich fürchte, in der Ausbildung der Mediziner kommt die Wissenschaft ziemlich kurz. Die Studenten bekommen kein Handwerkszeug, um Therapien überhaupt nach ihrer Wirksamkeit zu beurteilen – ich kenne persönlich keinen Arzt, der PubMed bedienen kann (Stichprobe: 5 Ärzte).

    Ich hacke dann auch zwar gern auf den Ärzten herum, musste aber in letzter Zeit feststellen, dass die kaum eine Schuld trifft. Die überschätzen halt ihre Kompetenzen, wenn sie sich dazu aufschwingen, Studien als sinnlos und Ankedoten als absoluten Beweis darzustellen.

    Das ist traurig, und ich weiß nicht, was man dagegen tun soll. Vielleicht hilft es schon, mit dem Arzt zu reden, obwohl der es natürlich nicht gewöhnt ist, auf Augenhöhe mit seinem Patienten zu reden, oder sich sogar etwas von ihm sagen zu lassen ...

    Viele Grüße
    Martin

  3. Quadrat Antworten | Permalink

    Link

    geehrter Herr Ballaschk,
    leider ist der Link, der auf die Züricher-Uni verweist, mittlerweile tot.

  4. Martin B. Antworten | Permalink

    Danke für den Hinweis! Der Link funktioniert jetzt wieder.

    Allerdings sind hier über die Jahre noch einige andere Links kaputt gegangen ... man muss wohl ein Stück weit damit leben.

  5. Mihaela M. Antworten | Permalink

    Alternative Medizin – Zusatz oder Ersatz

    Die Vorteile der schulischen Medizin sind für die Patienten heutzutage unverzichtbar. Doch vor allem die leichten Erkrankungen oder bei den chronischen Problemen setzen immer mehr Menschen auf alternative Gesundheitsmethoden. Diese dienen als Ergänzung zur klassischen Medizin und können diese in manchen Fällen sogar ersetzen, wenn ärztlich gesehen nichts dagegen spricht. - http://absolutgesund.com

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