Hintertüren und Supergentechnik

16. April 2015 von Martin Ballaschk in Gentechnisches

Field of Canola

Reispflanzen mögen es feucht, ersticken aber, wenn die über längere Zeit unter Wasser getaucht sind. Für Reisbauern, die über keine ausgeklügelten Entwässerungssysteme für ihre Felder verfügen, kann das bei starken Regenfällen zu einem großen Problem werden. Einige Reissorten überleben längere Zeit unter Wasser – ein einziges Gen namens Sub1 macht sie resistent. Als die Pflanzengenetikerin Pamela Ronald von der University of California in Davis das Sub1-Gen entdeckte, wollte sie dieses natürlich schnellstens für die Allgemeinheit verfügbar machen. Fertigen Sub1-Genreis hatte ihr Labor schon längst hergestellt. Dessen Vermaktung hätte aber immense Zulassungskosten gefordert und die üblichen Akzeptanzprobleme mit sich gebracht. Und so entschloss sich Ronald, das Gen klassisch durch Kreuzung in die Zielpflanze zu übertragen. Da bei der Kreuzung das Erbgut der Elternpflanzen bunt durcheinandergewürfelt wurde, musste anschließend zurückgekreuzt und selektiert werden, um ungewünschte Eigenschaften wieder loszuwerden. Dieser Vorgang war sehr aufwendig, konnte aber durch Genanalysen der Tochterpflanzen stark beschleunigt werden. Am Ende hatte man eine konventionell hergestellte Sub1-Pflanze, die der gentechnisch veränderten Variante vollständig ebenbürtig war.

Ganz ähnlich verhält es sich bei gentechnisch verändertem Soja von Monsanto, wie es in Südamerika angebaut wird. Die umweltschädlichen Mega-Monokulturen, denen das Unkrautvernichtungsmittel RoundUp (Glyphosat) nichts anhaben kann, gelten als bester Beweis, dass Gentechnik das Werk des Teufels ist. Umwelt und Gesundheit leiden tatsächlich unter dem massiven Einsatz von Agrarchemikalien. Dabei ließe sich dieses Phänomen auch trotz einer Ächtung der Gentechnik nicht verhindern, denn eine Herbzid-Toleranz lässt sich schließlich auch auf anderen Wegen erzeugen. BASF entwickelte seine „Clearfield“-Pflanzen durch Mutation und Auslese. Sie sorgen für ein „sauberes“ Feld, und zwar ganz ohne Gentechnik. Warum reguliert man die also Gentechnik so rigoros, wenn die Gesundheits- und Umwelteffekte sich nicht von denen konventioneller Pflanzen unterscheiden?

Die Technologie-Fixierung im Gentechnikgesetz war schon immer grober Unfug. Der Gesetzgeber versucht zwar gleich zu Beginn des Gesetzestextes klarzustellen: „[Ein gentechnisch veränderter Organismus ist] ein Organismus, […], dessen genetisches Material in einer Weise verändert worden ist, wie sie unter natürlichen Bedingungen durch Kreuzen oder natürliche Rekombination nicht vorkommt“ – aber was bedeutet das in der Realität? Wie ich oben beschrieb, kann man künstlich natürliche Eigenschaften nachbauen: Die Grenzen zwischen Gentechnik und moderner Pflanzenbiotechnologie sind de facto fließend. Es gibt keinen grundlegenden Unterschied zwischen „natürlichen“ und gentechnisch veränderten Pflanzen. Wie soll dieser Unterschied auch aussehen? Alles Leben auf der Erde gehorcht dem selben genetischen Code.

Früher brauchte man noch zwingend künstlich erzeugte Genfähren, die sich an zufälliger Stelle in das Erbgut der Zielpflanze einbauen. Heute gibt es Technologien, die Gene an Ort und Stelle präzise umschreiben können. Heraus kommen dabei Designer-Pflanzen, die auch auf Ebene der Erbgutanalyse nicht mehr von konventionell erzeugten unterscheidbar sind. Mit Oligonukleotid-gesteuerten Mutagenese, Zinkfinger-Nukleasen, TALENs und CRISPR/Cas9 steuern wir inzwischen Gene an und mutieren sie nach unserem Gusto. Wird dabei keine Fremd-DNA eingeführt, ist es per Definition keine gentechnische Veränderung.

Infolgedessen hat wie viele andere Behörden in anderen Ländern das Bundesministerium für Verbraucherschutz und Landwirtschaft auch grünes Licht für eine neue Rapssorte der Firma Cibus gegeben. Der “SU Canola” enthält keine fremden Gene und wurde lediglich gezielt mutiert. Der Raps ist gegenüber Unkrautvernichtungsmitteln der Sulfonylharnstoffe tolerant, ganz ähnlich wie die argentinischen Monsanto-Pflanzen. Umweltverbände wie der BUND laufen nun Sturm gegen die Entscheidung des BVL. Es ist die Rede von der „Gentechnik durch die Hintertür“. Harald Ebner, Gentechnik-Sprecher der grünen Bundestagsfraktion nennt den Vorgang auf Twitter sogar „peinlich“ und wirft der Behörde laut der ZEIT vor, in einem Hinterzimmer entschieden zu haben, was als Gentechnik gelte und was nicht.

Es ist wahr: die Öffentlichkeit wird gerade von den neuen biotechnologischen Methoden überrannt und kann kaum mehr mit der Entwicklung schritthalten. Die Gesetze erkennen diese nicht als Gentechnik an und es werden durch Industrie und Behörden Tatsachen geschaffen, obwohl der gesellschaftliche Diskurs über die Folgen der Technologie noch nicht einmal richtig begonnen hat. Ich frage mich: Hätten Pamela Ronald schon vor zehn Jahren naturidentische Sub1-Reispflanzen geschaffen und hätte Monsanto schon vor zwanzig Jahren diese Methoden zur Verfügung gehabt – gäbe es dann heute die Anti-Gentechnik-Bewegung?


2 Kommentare zu “Hintertüren und Supergentechnik”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Wer mit radioaktiver Strahlung mutierte Pflanzen heranzüchtet, der ist ein konventioneller - sprich guter - Pflanzenzüchter, wer mit biochemischen Mitteln eine neue Gensequenz in ein Pflanzengenom einfügt, der ist einer, der böse Gentechnik betreibt und gehört damit für viele in die gleiche Kategorie unmoralischer Akteuere, die im dritten Reich Euthanasie betrieben haben.
    Das ist das eine. Das andere was man immer wieder beobachtet, ist das (nur gespielte?) Unwissen über die vielen Anwendungsmöglichkeiten von gentechnischen Methoden. Immer wieder wird Gentechnik mit herbizidresistenen Pflanzen und damit auch mit Monokulturen in Verbindung gebracht. Dass mittels Gentechnik auch robustere Pflanzen, die beispielsweise Dürren oder langanhaltenden Nässen standhalten können möglich werden oder dass mit gentechnischen Verfahren modifizierter Reis oder Mais (beides Grund- und Hauptnahrungsmittel von mehr als einer Milliarden von Menschen) zusätzlich lebenswichtige Vitamine enthalten kann, die sonst fehlen und zu schweren Mangelkrankheiten führen, das wird kaum zur Kenntnis genommen.

    Wer nur die Vorgehensweise wie ein neues Merkmal in eine Pflanze hineingezüchtet wird, als Kriterium nimmt, ob eine Methode ethisch gut und erstrebenswert oder aber zu verwerfen ist, der denkt tatsächlich nicht mehr wissenschaftlich sondern wohl magisch. Das Beunruhgigende ist für mich nur, wie weit es die Ablehnung von gentechnischen Verfahren bereits gebracht hat - bis in die Amtsstuben von verbeamteten Planwirtschaftern nämlich, sondern auch wie eine gefühlt ethische Beurteilung über eine nüchterne sachorientierte Beurteilung Oberhand gewinnt. So liest man in einer Broschüre des Umwelt-Bundesamtes, die einen ökologischen Landbau auf mindestens 20% der deutschen Agrarfläche fordert.

    Neben den positiven Umweltleistungen sind die erzeugten Bio-Produkte häufig weniger mit unerwünschten Rückständen, wie zum Beispiel Nitrat, Pflanzenschutzmittel
    oder Antibiotika belastet. Die Verwendung von gentechnisch veränderten Organismen ist im Ökolandbau grundsätzlich verboten.

    Einer der Vorzüge des Ökolandbaus ist also der Verzicht auf gentechnisch veränderte Organismen. Dies gilt als so selbstverständlich, dass es nicht einmal begründet werden muss.

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Genome Editing-Techniken wie TALEN, CRISPR/Cas9 bedeuten eine Revolution auch für die Pflanzenzucht (in den Medien wird meist über medizinische Anwendungen berichtet). Das zeigt der Artikel A Potato Made with Gene Editing, wo beschrieben wird wie damit durch Editieren (Löschen einiger Basenpaare) eines einzigen Kartoffelgens verhindert wird, dass kühl gelagerte Kartoffeln Glukose akkumulieren (Umwandlung von Sukrose in Glukose und Fruktose), eine Umwandlung die die Lagerfähigkeit von Standardkartoffeln stark reduziert. Die dabei andgewandte Gene-Editing-Technik TALEN ermöglichte die gezielte Deaktivierung eines bestehendes Kartoffelgen. Es werden also keine Fremdgene eingeführt und das wird von den US-Regulierungsbehörden auch honoriert, indem nicht das aufwendige Zertifizierungsverfahren durchlaufen werden muss, das für andere genmodifzierte Pflanzen gilt:

    In August, the U.S. Department of Agriculture told Cellectis that unlike transgenic plants, its potato wouldn’t be regulated. That means instead of being grown in fenced-in test plots and generating folder upon folder of safety data, the Ranger Russet may go quickly to the market.

    ...
    Altogether, says Luc Mathis, CEO of Cellectis Plant Sciences, developing the potato cost a tenth of what it does to create and bring to market a transgenic plant, like corn or soy. “We will still need to generate some data, but it will not be a huge process,” says Mathis, who continues to meet with regulators to determine what steps remain before the potato can be sold.

    Ausblick: Genome-Editing erweitert das Instrumentarium der Pflanzenzüchter sehr stark und ermöglicht gar Dinge wie eine verbesserte Photosynthese und das ohne dass Fremdgene in eine Pflanze eingeschleust werden müssen.

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