Endlich! Séralinis Genfood-Sensation wandert in die Tonne

29. November 2013 von Martin Ballaschk in Gentechnisches, Kritisches

Wer erinnert sich noch? Im letzten Jahr veröffentlichte das Labor von Prof. Gilles-Eric Séralini der Universität Caen eine Arbeit mit riesigen, sensationsheischenden Bildern von Ratten, deren Tumore im Verlauf von zwei Jahren auf bis zu 25% des Körpergewichts angewachsen waren. Die Tiere hatten gentechnisch veränderten Mais der Firma Monsanto und das Herbizid RoundUp zu fressen bekommen. Es gab einen riesigen Medienrummel um das „giftige Genfood“. Das Journal Food and Chemical Toxicology, das Séralinis Arbeit im September 2012 veröffentlichte, hat die Arbeit nun zurückgezogen und damit aus der Fachliteratur getilgt – nach fast einem Jahr der eingehenden Kritik aus der Fachwelt. Das ist ein Gewinn für die Wissenschaft!

Man sieht: die Mühlen des Wissenschaftsbetriebs mahlen mitunter recht langsam, aber am Ende lässt sich so etwas nicht dauerhaft unter den Teppich kehren. „Science always wins“ findet auch Prof. Kevin M. Folta, Pflanzengenetiker der Universität Florida und einer der schärfsten Kritiker von Séralinis Arbeit. Er sagt voraus, dass es viel Verschwörungs-Geschrei um das zurückgezogene Paper geben wird. Ich denke ebenfalls, dass wir nicht lange warten müssen, bis „aufgedeckt“ wird, dass Monsanto hinter der Retraktion steckt – ausgeschlossen, dass es sich hier um schlechte Wissenschaft handelt und die Retraktion gerechtfertigt ist! Update: Die Verschwörungstheorie wird in der Tat derzeit kolportiert: Ein neuer Redakteur im Journal ist offenbar früher einmal Bereichsleiter bei Monsanto gewesen: Richard E. Goodman. Er wurde vor kurzem vom Chefredakteur angeworben. Er erklärt die Hintergründe hier. Für Claire Robinson von GMwatch riecht das nach Klüngelei, Jon Entine vom Genetic Literacy Project will aber von mehreren Seiten bestätigt bekommen haben, dass Goodman nicht an der Evaluierung der Séralini-Arbeit beteiligt gewesen ist. Psiram kommentiert das hier

Interessant ist dabei, dass die Editoren Einsicht in die Rohdaten des Projekts bekamen (anders als die Öffentlichkeit, die darauf bis heute verzichten muss), und dort keinen Vorsatz für wissenschaftliches Fehlverhalten erkennen konnten. Die rectraction notice liest sich sehr vorsichtig formuliert, womöglich auch aus Angst vor rechtlichen Schritten. Wenn wir aber ehrlich sind, lassen bereits fadenscheinigen Erklärungen, weshalb die Studie als chronische Toxizitätsstudie und nicht als Kanzerogenitätsstudie angelegt war, die Wahl des der Sprague-Dawley-Ratten und die geringe Zahl der Tiere diesen Vorsatz vermuten.

Mehr denn je gilt nun die Séralini-Regel: „If you favorably cite the 2012 Séralini rats fed on Roundup ready maize study, you just lost the argument.

retracted

Zum Hintergrund: Die Meldung „Genmais erzeugt Krebs“ ging kurz nach dem Erscheinen der Publikation durch die Massenmedien, darunter „Drehscheibe Deutschland“ und die regulären Nachrichten im ZDF, oder auch die TAZ. Auch das Museum für Naturkunde widmete der Publikation und dem darum entstandenen Medienrummel eine Animation, die im Rahmen von der „EntwicklunGEN“-Ausstellung gezeigt wurde. Die breite Berichterstattung war nicht zuletzt die Folge einer ausgeklügelten Medienkampagne, die Séralini fuhr: den zahlreich kontaktierten Journalisten wurde verboten, vorab Experten zu konsultieren, es gab eine große Pressekonferenz, eine TV-Dokumentation und ein populärwissenschaftliches, ängsteschürendes Buch zu dem Thema.

Die wissenschaftliche Welt fragte sich indes, wie die Publikation überhaupt durch das Peer Review kommen konnte. Über 30 Forschungsorganisationen, die Gentechnik-Zulassungsbehörden vieler Länder (darunter die europäische EFSA und das deutsche BfR) und zahllose Wissenschaftler distanzierten sich von den Schlussfolgerungen, die in der Arbeit gezogen wurden. Die Hauptvorwürfe: Die gezeigten Daten stützten nicht die Schlussfolgerungen, dass der gentechnisch veränderte Mais NK 603 wirklich in Ratten Krebs verursache. Die Studie hätte viele schwere Fehler, darunter eine viel zu kleine Zahl von Versuchstieren, sodass ein Zufallsbefund nicht ausgeschlossen werden könne. Der ausgewählte Rattenstamm neige zur spontanen Entwicklung von Tumoren, und auch die nicht behandelten Tiere der Kontrollgruppe hätten Tumore entwickelt und seien vorzeitig verstorben. Die Darstellung der Daten sei unnötig kompliziert und unvollständig, und die Rohdaten wären von Séralini auch auf wiederholte Anfrage nicht veröffentlicht worden. In der wissenschaftlichen Literatur tauchten detaillierte Widerlegungen von unabhängigen Wissenschaftlern auf (etwa Klaus-Dieter Jany 2013 oder Arjo et al. 2013), die keine Zweifel an der schlechten Qualität der Arbeit ließen. Später berichteten auch Spiegel OnlineSpektrum der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung kritisch über die „Séralini-Affäre“.

Nicht alle Wissenschaftler/innen distanzierten sich so deutlich von der Studie, sie wurde ganze 28 mal zitiert (davon wird ein Gutteil Kritik gewesen sein). Darunter eine Arbeit von Prof. Monika Krüger von der Uni Leipzig, die derzeit als Kronzeugin für die Giftigkeit des Herbizids Glyphosat durch alle möglichen TV-Formate gereicht wird. Sie zitierte die Studie wohlwollend in einer recht medienwirksamen Publikation, in der eine Verbindung zwischen Glyphosat-Gehalten im Urin und verschiedenen biochemischen Parametern im Blut von dänischen Rindern gezogen wurde. Sie verschweigt allerdings, dass Séralinis Daten tendenziell sogar eine vorteilhafte Wirkung von Glyphosat auf männliche Ratten nahelegen. Ohne die Arbeit abschließend zu bewerten, fällt auf, dass überall eine nachvollziehbar charakterisierte Kontrollgruppe fehlte, nirgends die Zusammensetzung des Futters dokumentiert wurde und die Studie in einem Journal der indischen Verlagsgruppe OMICS erschien. OMICS wird als predatory open access publisher gehandelt, der Autor/innen abzockt und es mit der Wissenschaft (oder besser: mit dem Peer Review) nicht so genau nimmt. Hier bei dem Bibliothekar Jeffrey Beall und in der Wikipedia gibt es mehr Informationen dazu. Und zuletzt zeigte der Science-Journalist John Bohannon, dass ein bei einem OMICS-Journal eingereichtes gefälschtes Paper ganz ohne Peer Review veröffentlicht wurde. Diese Nebenepisode zeigt, wie es auch möglich ist, Peer Review zu umgehen: Man sucht sich einfach ein obskures Journal aus, das Peer Review möglicherweise nur als Feigenblatt benutzt. Ob das im Fall der Krüger-Publikation der Fall war, kann ich natürlich nicht beurteilen.

Aus der gesamten Geschichte kann man aber lernen, dass die Kontrollmechanismen der Wissenschaft manchmal versagen und der Begutachtungsprozess keine Garantie für gute Wissenschaft ist. Manchmal verkleidet sich Dogmatismus auch nur als Wissenschaft, wogegen gute Wissenschaft immer ergebnisoffen bleiben muss. Um sich ein Bild vom Stand des Wissens zu machen, muss man eben die Gesamtheit aller wissenschaftlichen Befunde betrachten und gegebenenfalls Experten zu Rate ziehen. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und eine einzelne Studie eines wissenschaftlichen Außenseiters bewirkt noch längst keinen Paradigmenwechsel, wenn es um die Sicherheit von gentechnisch veränderten Pflanzen geht.

Hinweis: Dieser Beitrag ist eine für die SciLogs in weiten Teilen umformulierte und erweiterte Version eines Artikels, den ich ursprünglich für das Blog des Museums für Naturkunde Berlin geschrieben habe. Selbstplagiate sind hier also durchaus beabsichtigt.


38 Kommentare zu “Endlich! Séralinis Genfood-Sensation wandert in die Tonne”

  1. Josef Antworten | Permalink

    Jost Maurin von der taz hat längst die Verschwörung aufgedeckt. Incl. Monsanto-Beteiligung! Machen die Monsantos eigentlich auch die Kondensstreifen (ChemTrails)?

  2. Christoph Antworten | Permalink

    Schon zu wissen, daß es auch noch vernünftige Menschen gibt und man offensichtlich doch nicht dauerhauft Müll verbreiten kann.

  3. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Man erhält durch diesen Bericht den Eindruck, Seralini sei es mit seiner Studie mehr um die öffentliche Wirkung gegangen und weniger um die Wissenschaft. Wenn das zutrifft, hätte er eine vorgeblich wissenschaftliche Publikation für seine Zwecke missbraucht.
    Man frägt sich, wie eine solche Studie mit einer zu kleinen Anzahl von Versuchstieren und ohne Kontrollgruppe überhaupt je publiziert werden konnte.

  4. Spritkopf Antworten | Permalink

    Lustig und gleichzeitig peinlich finde ich auch an den Maurin'schen Einlassungen, dass er der Séralini-Studie deswegen besonderes Gewicht zuweist, weil sie "in einer Zeitschrift erschienen ist, die ihre Artikel in einem „Peer Review“-Verfahren von unabhängigen Gutachtern überprüfen lässt". Und als ob dies etwas ganz Besonderes wäre, wiederholt er diese Banalität in seinem zweiten Artikel von gestern.
    Maurin scheint überhaupt keinen Plan zu haben, was ein Peer Review eigentlich bedeutet.

    [Anmerkung, M.B.: Es geht um diesen Artikel von TAZ-Autor Jost Maurin.]

    • Spritkopf Antworten | Permalink

      @Martin B.

      [Anmerkung, M.B.: Es geht um diesen Artikel von TAZ-Autor Jost Maurin.]

      Und diesen hier, in dem Maurin den Quatsch vom "besonderen Gewicht durch Peer Review" ein zweites Mal schrieb.
      Stimmt, beide Artikel hätte ich verlinken sollen.

  5. Volker Henn Antworten | Permalink

    Ein Pyrrhussieg! Es ist schon höchst ungewöhnlich, dass eine Studie ohne den Nachweis von Fehlverhalten zurückgezogen wird, da braucht es eine gute Begründung - und schlechtes Studien-Design ist keine! Hand aufs Herz, mit so einer Begründung müssten Tausende von Studien zurückgezogen werden. Wenn es aber einzig und allein Seralini trifft, darf man schon einmal nachfragen, wie das so zugegangen ist. Nicht dass wir uns missverstehen - diese Studie hat den Orkus verdient, aber es wäre besser gewesen, sie für alle Zukunft zu ignorieren.

  6. Emanuel Wyler Antworten | Permalink

    Mich würde mal unabhängig von der ganzen Geschichte interessieren wie die Tumoren entstanden sind (außer es sind tatsächlich alles spontane Tumoren, kenn mich zuwenig aus mit Ratten)

    • Martin Ballaschk Antworten | Permalink

      Der Witz ist ja gerade, dass der Rattenstamm ohne Ende Spontantumore entwickelt. Arjo et. al sagen dazu:

      This particular rat strain exhibits a 45–80 % incidence of spontaneous tumors in the absence of any exogenous factor, depending on the diet and whether or not fed ad libitum (Prejean et al. 1973; Davis et al. 1956; Keenan et al. 1996; Suzuki et al. 1979; Thompson et al. 1961). The rats normally begin developing these spontaneous tumors after 90 days, and are used in shorter-term experiments to ascertain tumorigenicity, i.e. if tumors are formed before 90 days, then a compound is perceived to be tumorogenic. Appropriate rat strains have been used previously in long-term toxicity studies (Kano et al. 2012; Otabe et al. 2011). The Se ́ralini article therefore suffers from all the problems of an underpowered statistical fishing trip.

      Séralini und seine Apologeten werden nicht müde, zu betonen, dass er keine Kanzerogenitätsstudie durchgeführt hätte, weil es dafür üblicherweise 50 Ratten pro Gruppe (insb. Kontrollgruppe) braucht. Dann frage ich mich aber, weshalb überall die Tumorbilder herumgereicht werden.

  7. S. H. Antworten | Permalink

    Mal aus Interesse: Wie genau verbietet man Journalisten im Vorfeld einer Pressekonferenz, Experten zu kontaktieren?
    "Hey, ich hab was skandalöses über Gentechnik herausgefunden! Gen-Mais verursacht Krebs! Aber fragt niemanden sonst danach, die lügen doch sowieso alle..."
    ...oder wie jetzt?^^

    • Spritkopf Antworten | Permalink

      @S.H.

      Wie genau verbietet man Journalisten im Vorfeld einer Pressekonferenz, Experten zu kontaktieren?

      So zum Beispiel:
      "Yet Séralini has promoted the cancer results as the study’s major finding, through a tightly orchestrated media offensive that began last month and included the release of a book and a film about the work. Only a select group of journalists (not including Nature) was given access to the embargoed paper, and each writer was required to sign a highly unusual confidentiality agreement, seen by Nature, which prevented them from discussing the paper with other scientists before the embargo expired."

  8. Ralf P. Antworten | Permalink

    Eines verstehe ich nicht: Dieser Artikel-Rückzug bringt doch niemandem etwas. Wen überzeugt das schon?
    Wäre es nicht besser, wenn Monsanto dieselbe Studie, diesmal vernünftig konzipiert, kontrolliert unter den Augen der Öffentlichkeit durchführen würde. Sie könnten sogar Seralini dazu einladen, der dann nur schwer ablehnen könnte. Das wäre doch der absolute PR-Sieg für Monsanto und hätte das Zeug auch Gentechnik-Kritiker zu überzeugen.

  9. Kathrin Siebert Antworten | Permalink

    @Ralf P. Gentechnikkritiker lassen sich leider selten überzeugen, da die Kritik auf irrigen Annahmen beruht die durch eine Art Immunisierung gegen noch so gesicherte Argumente geschützt.
    Gerade eine Studie von Monsanto würde kaum Vertrauen geniessen.
    Gegner werden regelmaessig diskreditiert, wie auch in diesem unsäglichen BUND-Film hinsichtlich Glyphosat. Interessant ist die Frage trotzdem wie man argumentativ gegen Irrationales an kommt. Aber wie es aussieht, braucht man neben Sachkenntnis rhetorische Strategien, um den Zickzacklinien in der Argumentation, den Vermischen sämtlicher Ebenen usw. beizukommen - und sehr viel Geduld.

  10. Hans Antworten | Permalink

    @Ralf P.
    Wie Frau Siebert schon richtig geschrieben hat: Eine Studie von Monsanto würde kaum Vertrauen erwecken! - Nun gehöre ich zwar nicht zu jenen, die der Gentechnik grundsätzlich feindlich gegenüber stehen, allerdings geniest die Firma Monsanto bei mir überhaupt kein vertrauen. Bevor ich also einer Studie von denen irgendwas glaube, müsste es schon mindestens dreimal von drei auch finanziell unabhängigen Institutionen bestätigt werden. Dabei sollte es sich von selbst verstehen, das diese Institutionen in irgendwelchen Lobbykampagnen pro oder kontra Gentechnik bisher noch nicht aufgefallen sind.

  11. Ralf P. Antworten | Permalink

    @Hans, @Kathrin,
    genau deshalb ja unter den Augen der Öffentlichkeit. Das eine weitere Monsanto-Studie niemanden überzeugen würde, der eh gegen die Gentechnik eingestellt ist, ist schon klar.
    Monsanto hat schließlich den unbeschränkten Zugriff auf das zu untersuchende, veränderte Saatgut und auf die unveränderte, ursprünglich Sorte. Das Ganze kann doch an einer Uni durchgeführt werden, unter Beteiligung von unabhänigen Wissenschaftler sowie solchen von Monsanto. Die Presse wäre eingeladen, das Ganze zu verfolgen.
    Was spricht denn dagegen? Das wäre doch transparent, oder?

  12. Ralf P. Antworten | Permalink

    @Martin B.
    wo bleibt die Reaktion? Ich finde meinen Vorschlag immer noch gut.

  13. Martin Ballaschk Antworten | Permalink

    @Ralf P.

    Oh, sorry, mir war nicht klar, dass ich das kommentieren muss.

    Ich finde: Die Arbeit ist zurückgezogen, dann muss man sie auch nicht mehr replizieren.

    Es gibt außerdem unzählige Studien zur Biosicherheit transgener Nutzpflanzen, warum sollen jetzt tausende Nager sterben, weil ein gewisser Wissenschafts-Schauspieler aus Frankreich politische Ambitionen hat? So eine Studie gäbe fast Null Erkenntnisgewinn, und unabhängig von ihrem Ergebnis hätte sie keine politische Wirkung. Die radikalen GM-Gegner würden sie nicht anerkennen, genauso wie vor jeder anderen negativen GM-Studie die Augen verschlossen werden.

  14. Ralf P. Antworten | Permalink

    @Martin B.
    Das sehe ich nicht so: Die radikalen GM-Gegner wird das nicht überzeugen, aber die verunsicherte Öffentlichkeit schon.

    Da du dir so sicher bist, dass der Erkenntnisgewinn gleich Null ist, gehe ich davon aus, dass du eine unabhängige Langzeit-Studie kennst, die die Biosicherheit dieses Maises eindeutig belegen kann. Welche ist denn das?

    Das "ein gewisser Wissenschafts-Schauspieler aus Frankreich politische Ambitionen hat" ist dabei übrigens vollkommen ohne Belag.

  15. Martin Ballaschk Antworten | Permalink

    Das stimmt, der Bias und die Voreingenommenheit Séralinis ändert nichts daran, wie Wissenschaft funktioniert, da gebe ich Dir Recht.

    Mit "Erkenntnisgewinn fast Null" meinte ich, dass es keinen Sinn macht, Séralinis Studie zu replizieren, weil sie per Design darauf ausgelegt ist, Tumorbilder von Ratten zu generieren. Niemand außer dem Editorial Board von FCT kennt die Details der Studie, die man für eine Replikation bräuchte – Séralini hält die Rohdaten unter Verschluss.

    Also wie macht man es "richtig"? Für eine "vernünftige" Kanzerogenitätsstudie würde man wahrscheinlich einen anderen Rattenstamm nehmen, dazu noch eine zweite Tierspezies, sehr viel größere Gruppen untersuchen (50 Tiere je Geschlecht und Dosis), adäquate Standardkontrollen machen, nach GLP arbeiten und darauf achten, eine Dosis-Wirkungs-Beziehung detektieren zu können. Es würde also eine komplett andere (und sehr viel teurere) Studie herauskommen. Wenn Monsanto so etwas finanziert, OK, aber den Steuerzahler/innen würde ich das nicht anlasten wollen.

    Es stellt sich mir persönlich schon die Frage, ob es diese Fütterungsstudien wirklich braucht, wenn man über Omics-Ansätze keine nennenswerten Unterschiede zwischen transgener Pflanze und isogener Linie gefunden hat. Pflanzen sind auch von der Zusammensetzung viel heterogener als Einzelchemikalien bzw. Zubereitungen, für die diese Fütterungsstudien ursprünglich konzipiert wurden – ob diese Art von Studie überhaupt geeignet ist, ist zumindest nicht vollumfänglich zu bejahen. Es gibt auch schlicht auch keinen Mechanismus, wie eine friedliche Maispflanze auf einmal kanzerogen werden soll, weil sie ein einziges Enzym zusätzlich exprimiert.

    Aber gut, selbst die EFSA rät ja zu 90-Tages-Studien, wenn:

    animal feeding studies may provide additional and useful information to complement safety and nutritional value assessments of whole GM food and feed, especially when unintended effects are suspected.

    Von der Sinnhaftigkeit mal ganz abgesehen, existieren ja mindestens 12 Langzeitstudien (die teilweise über den von Séralini genannten Zeitraum hinausgehen) zu transgenem Mais, Soja und Reis; dazu noch mindestens 12 Multigenerationsstudien. Das kann man in einem Review nachlesen, das im selben Journal im selben Jahr wie Séralinis Studie erschien [Snell C et al. (2012) Food Chem Tox 50: 1134]. Séralinis MON603 ist meines Wissens nicht dabei. Aber wenn man davon ausgeht, dass es Gentechnik selbst ist, was bei Séralini die krassen Effekte erzeugt hat, und nicht etwa genau die NK603-Maislinie, dann gibt es einige vergleichbare Studien, die keine vergleichbaren Gesundheitsgefahren gefunden haben.

  16. Thorsten Antworten | Permalink

    Ist Dir eigentlich bekannt wie Seralini zum "erhobenen" Kreis des "invasion a la vie" gehört?
    Eine Esothrik-Sekte, die die Menschen mit Handauflegen von Krebs, MS und AIDS heilt.
    Gibt es auch in Deutschland unter http://www.ivi-ev.de/
    Die Sekte wird vom französischem Innenministerium überwacht.

    • Martin Ballaschk Antworten | Permalink

      Ja, und auch die Verbindungen zur Pharma-Industrie bzw. die Homöopathie-Firma Sevene Pharma mit ihren Wundermittelchen gegen Glyphosat-Vergiftung wären eigentlich mal einen Artikel wert. Steht definitiv auf der Liste.

  17. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    GMOs Are Green, allow farming with less pesticides and fertilizer
    Organic Farming kann nicht auf GMO verzichten, dies ist die Quintessenz des MIT Technology Review-Artikels GMOs Are Green
    Weitere Artikel des Januar-Heftes Buy Fresh, Buy GMO von MIT Technology Review widmen sich der Frage, warum GMO in einer Zeit abnehmender Erträge (wegen Klimawandel) notwendig ist. Vor allem deshalb, weil mit GMO krankheitsresistente und an die klimatischen Verhältnisse angepasste Pflanzen in viel kürzerer Zeit herangezüchtet werden können.

  18. Martin Ballaschk Antworten | Permalink

    @Marcus:

    Danke, genau das hatte ich beim Verfassen des Artikels noch im Hinterkopf, wusste aber nicht mehr, wo ich es gelesen hatte. Natürlich beim Medien-Doktor - super! ;) Ich trage es bei Gelegenheit nach.

  19. Karl Antworten | Permalink

    Unabhängig ob die Resultate stimmen oder nicht hoffe ich auf ein Stop von genmanipulierten Nahrungsmittel bzw. ein echtes Zulassungsverfahren mit korrekter Überprüfung. Wieso setzt man sich nie dafür ein? Das RoundUp krebserzeugend wirkt ist doch gut möglich, gesund ist es sicher nicht und Monsanto ist wohl eine der asozialsten Konzerne die es gibt. Man schaue sich doch einfach die Krebsraten bei den Bauern an oder die unmenschlichen Rechtspraktiken. Oder all die armen Bauern, die sich die Lizenzkosten nicht mehr leisten können und sich nun umbringen.

    Studien kritisieren ist sicherlich gut, aber sich dafür einzusetzen ein von Menschenhand manipuliere Pflanze in die freie Natur zu lassen, und damit einen unumkehrbaren Prozess zu beginnen, ist in meinen Augen doch höchst fraglich. Worauf baut den bitte diese Überzeugung, dass alles wäre okay und wie rechtfertigt man das ganze Unmenschliche dahinter?

    Und nein, ich bin kein Verschwörungstheoretiker oder sonst was. Auch ist es gut, wenn Medien die Leute hinter der Kriti kritisieren.

    Ja, ich habe relativ wenig Ahnung wieviele Studien es gibt und wieviele davon wirklich unabhängig sind. Aber was ist Superweeds? Gegen Roundup resistente Pflanzen? Was macht man dann? Eine neue Sorte züchten? Mit richtigen Zulassungsverfahren? Dauert alles länger als die Bildung des SUperweeds.

    Wieso denkt man, gentechnisch veränderter Mais dass sei eine Lösung? Ich denke keiner hat was gegen Gentechnik wenn sie isoliert passiert, aber das alles in der freien Umwelt?

  20. Faktencheck: Der BUND, Glyphosat und tote Babys › Detritus › SciLogs - Wissenschaftsblogs Antworten | Permalink

    […] Séralini ist ein alter Bekannter: Der französische Wissenschaftler fertigt Auftragsarbeiten etwa für Greenpeace an, verklagt seine Kritiker, ist Mitglied in einer Anti-Gentechnik-Lobbyorganisation, und ist im Herbst 2012 durch übelste Propagandawissenschaft aufgefallen. Die Ergebnisse dieser Arbeit von 2012, auf die der BUND in der Stellungnahme auch Bezug nimmt, wurde auf der ganzen Welt von Wissenschaftlern, Universitäten und Behörden abgelehnt. Inzwischen wurde sie sogar zurückgezogen. […]

  21. Anon Antworten | Permalink

    Witzig, dass nun die WHO selbst bestätigt hat, dass Glyphosat (enthalten im RoundUp) krebserregend ist. Scheint ja doch nicht nur Mist zu sein, was der Seralini da getestet hat ;D

  22. WHO: „Glyphosat ist wahrscheinlich krebserregend“ › Detritus › SciLogs - Wissenschaftsblogs Antworten | Permalink

    […] Halt, da war doch noch was! Hatten die vielen Glyphosat-Kritiker nun eigentlich Recht? Die Naturschutzorganisation BUND etwa, die in einem Werbespot Flugzeuge aufsteigen ließ, um Babys totspritzen zu lassen? Oder Gilles-Eric Séralini, der französische Forscher, der zwei Jahre lang glyphosathaltiges Wasser an Ratten verfütterte und dann behauptete, die entstehenden Tumore wären auf das Unkrautvernichtungsmittel zurückzuführen? […]

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