Kaum Studien zur Alternativmedizin – wirklich ein Problem der Finanzierung?

2. März 2011 von Martin Ballaschk in Medizinisches

Wer hat es nicht schon einmal gehört: Die Pharmaindustrie erforscht nur solches, was sich patentieren und zu Bergen an Geld machen lässt. Mit Homöopathika und Naturstoffen wie Aminosäuren oder Vitaminen ließe sich nicht genug Geld verdienen – der Grund für das mangelnde Interesse der Schulmedizin an diesen Mitteln und Verfahren. Die Hersteller von Alternativmedizin und Nahrungsergänzungsmitteln dagegen hätten keine große Portokasse und könnten sich die teuren Studien zum Wirksamkeitsnachweis nicht leisten. Aber stimmt das?

Die Branche der Alternativmedizin lässt sich erfolgreich als Underdog gegenüber dem übermächtigen Pharma-Schulmedizin-Komplex feiern. Die sinnlose Petition zum angeblichen Heilkräuterverbot aus dem letzten Jahr hat gezeigt, dass in der Bevölkerung sogar die Angst besteht, dass „Big Pharma“ Naturheilmittel völlig verdrängen will, um die Menschen mit „Chemie“ abzufüllen:

Naturstoffe, denen man eine Heilwirkung zuschreibt werden nicht mehr als Lebensmittel eingestuft, sondern als Arznei. Nur was man patentieren und mit einer Schutzmarke im Handel monopolisieren kann ist erwünscht. [...] Unsere Gesundheit wird dadurch nicht geschützt, sondern es werden die Umsätze und Profite der Grosskonzerne gesichert.

Auch Prof. Jürgen Spona, der Entwickler und Vertreiber des Aminosäure-basierten Nahrungsergänzungsmittels „Vitatonic“, mit dessen Wirksamkeitsnachweis ich mich hier und hier auseinandergesetzt habe, beteuerte im persönlichen Kontakt, dass sich nur die Industrie große evidenzbasierte Studien leisten könnte, und er deshalb die Wirksamkeit seines wundersamen Präparates nicht mit entsprechenden hochqualitativen Studien belegen kann.

Das alles hat nur leider nicht viel mit der Realität zu tun. Die Industrie der alternativmedizinischen Präparate setzt zwar nur einen Bruchteil des Geldes um, das konventionelle Pharmafirmen einfahren – aber es ist bei weitem nicht so wenig, dass sie sich keine guten Studien leisten könnten. Es werden mehrere Milliarden Euro jährlich verdient, allein in Europa sind es laut EUobserver im Jahr 2009 ganze 1,05 Milliarden Euro gewesen. 

Wie Erik Davis von der kanadischen Skeptikerseite „Skeptic North“ vorrechnet ist das genug, um sich gegenseitig aufzukaufen und teure Werbekampagnen zu fahren. Die französische Firma Boiron etwa hat einen jährlichen Gewinn von ca. 500 Millionen Euro, genug Geld, um die Konkurrenten Dolisos (Frankreich) und Unda (Belgien) zu schlucken. Damit haben Sie in Frankreich fast ein Monopol und beherrschen 90% des Homöopathie-Marktes. Neben der VErgrößerung lässt sich das Unternehmen auch das Marketing etwas kosten, nämlich ganze 114 Millionen Euro, also 21% des Erlöses! 

Für die Forschung hat Boiron allerdings nicht viel übrig: Es werden nur 0,8% dieses Erlöses in Forschung und Entwicklung investiert, was 4,2 Millionen Euro entspricht. Zum Vergleich: die Pharmariesen GlaxoSmithKline, Pfizer und Merck verbraten zwar auch etwa 30% für Verwaltung und Marketing, aber stecken immerhin auch zwischen 14 und 21% des Geldes in Forschung und Entwicklung.

Davis bringt noch andere Beispiele wie auch die im deutschsprachigen Raum bekannten Unternehmen wie die anthroposophische Weleda (Schweiz) oder Heel (Deutschland), Hersteller von Homöopathika wie Traumeel. Das Schema ist immer das gleiche: verglichen mit der großen Pharmaindustrie wird nur etwa ein Zehntel des Erlöses in die Forschung gesteckt, das meiste Geld fließt in Marketing und Werbung.

Wie Scienceblogger Marcus Anhäuser vor einiger Zeit in diesem lesenswerten Artikel berichtet hat, scheut sich die Homöopathen-Industrie auch nicht, massiv Lobbyismus für ihre zweifelhaften Anliegen zu betreiben.

Studien zur Homöopathie etwa sind dabei sind zu lächerlich geringen Kosten – 30.000 Pfund pro Jahr – durchführbar, wie der britische Onkologe Michael Baum im Interview mit Richard Dawkins beschreibt, - „of course they can afford it“ (Video bis etwa 4:00 min):

(Komplettes einstündiges Interview in englisch hier)

Weshalb hat die alternativmedizinische Industrie so wenig Interesse an Forschung und Entwicklung? Davis hat ein schönes Schlusswort, das ich hier frei übersetzt wiedergeben will:

Zur Frage: Warum? vermute ich einfach, dass sie das nicht müssen. Die Produkte verkaufen sich offensichtlich jetzt schon gut. Ohne die regulatorische Zulassung, den Pharmazeutika benötigen, bedeutet mehr Forschung auch mehr Risiko, denn wenn man nicht nachforscht, kann man schließlich auch nicht herausfinden, dass das Produkt gar nicht funktioniert. Anders gesagt: „Big Herba“ verhält sich exakt genauso, wie sich „Big Pharma“ verhalten würde, hätte es keine behördliche Kontrolle.

Links und Quellen

via @JoergR und @paulingraham


9 Kommentare zu “Kaum Studien zur Alternativmedizin – wirklich ein Problem der Finanzierung?”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Ohne Nebenwirkungen Cash machen.

    Mit homöopathischen Medikamenten riskiert man keine Nebenwirkungen und auch keine Wirkungen. So gesehen sind homöopathische Medikamente immer indiziert, selbst bei einer Fehldiagnose.
    Forschung wäre in so einer Situation Fehl am Platz. Es kann nur darum gehen möglichst viele Patienten zu erreichen und das Medikament bekannt zu machen.

    Die Firmen in dieser Branche sind wirklich zu beneiden.

  2. Martin Ballaschk Antworten | Permalink

    Job-Alternative Scharlatan

    @Martin Holzherr:

    Ja, man überlegt manchmal, ob man mit seinem Doktor nicht in die Homöopathenbranche gehen sollte ... Mit so viel Autorität kann man Wissenschaftlichkeit vortäuschen und vermutlich Badewannen voll Geld verdienen.

  3. Sören Schewe Antworten | Permalink

    Mythen-Gräber

    Das Ausbuddeln und Plätten von Mythen scheint Dir wohl großen Spaß zu bereiten...liest sich auf jeden Fall sehr schön. Und so muss auch ich mich mal bedanken für den spannenden Artikel und Zahlenzusammensucherei!

  4. Elmar Breitbach Antworten | Permalink

    Werbung bringt mehr als Forschung

    Und damit meine ich nicht die forschende Pharmaindustrie und selbst nicht die Hersteller von Generika, die sich ja (zum Teil) wenigstens um die Absenkung des Preisniveaus verdient machen.

    Sondern ich meine jene Firmen, die Nahrungsergänzungsmittel herstellen. Da diese Präparate frei verkäuflich sind und dafür auch beim Endkunden geworben werden darf, übersteigen der Werbeetat vermutlich die Herstellungskosten der Präparate bei weitem.

    Wobei nicht nur der Patient umworben wird. Auch in den Arztpraxen werden diese Produkte intensiv beworben.

    Und da Vitamine per se gut und gesund sind (das weiß man ja), sind teure RCT-Studien natürlich überflüssig. Anwenderstudien gibt es einige wenige, wobei deren Ausagekraft naturgemäß gegen Null geht.

  5. ulf_der_freak Antworten | Permalink

    Ts.

    Diese Finanzierungs-Interessengruppen-Leier hört sich immer wieder nach der gleichen Selbstalsmärtyrervermarktung an...

  6. Björn Lohmann Antworten | Permalink

    @Martin Holzherr: Nebenwirkungen

    "Mit homöopathischen Medikamenten riskiert man keine Nebenwirkungen"

    Das sehe ich nicht ganz so.

    a) Das Gros der Homöopathie kommt sicherlich bei Leiden zum Tragen, die durch Selbstheilungskräfte und ein bisschen psychologische Hilfe verschwinden. Dennoch gibt es immer wieder Fälle, in denen Schulmedizin zugunsten der Homöopathie abgelehnt wird, wo es ohne sie lebensgefährlich wird (Stichwort Krebs).

    b) Die wesentlich größere Nebenwirkung klingt darin schon an: der Vertrauensverlust in die Medizin resp. die Wissenschaft. Denn die sagt ja: "Wirkt nicht." Und siehe da: Es geht mir ja besser, die haben also keine Ahnung. Vermutlich auch nicht vom Impfen, und wer weiß wovon noch alles nicht.

    Ich halte das für ein ernstes Problem, das ich passenderweise gerade im Blog nebenan diskutiere. ;)

  7. Massageliege Antworten | Permalink

    Ausbeutung der Gesundheit

    In diesem Artikel steckt sehr viel wahres! Nicht nur ist es den Pharmaunternehmen wichtiger ihr Produkt zu vermarkten anstelle es zu verbessern oder neue wege zu erforschen, sondern es werden ausschließlich in Feldern gearbeitet in denen sich auch Geld verdienen lässt. Nicht ohne Grund gibt es Studien die belegen das dank der Armut in Afrika niemand bereit ist Anti Aids Medikamente zu erforschen, denn wer will schon einen haufen Kohle rauswerfen wenn am ende niemand für die Medikamente zahlen kann? Diesbezüglich muss die Menschheit noch viel lernen und erkennen das die freie Marktwirtschaft in vielen Punkten kontraproduktiv arbeitet.
    Vg Tom

  8. Jens Antworten | Permalink

    Vielleicht spült die Alternativmedizin auch einfach nicht genug Geld in die Kassen um wirklich wahrgenommen zu werden. Finde ich echt schade.

  9. lemona Antworten | Permalink

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