Gentech-Food: die Innovationsbremse „Zulassungsverfahren“

22. Oktober 2010 von Martin Ballaschk in Gentechnisches

Gegenstand häufiger Kritik gegen kommerzialisierter gentechnisch veränderten Pflanzen ist die Verwendung von praktisch nur zwei Merkmalen. Erstens, eine Toleranz gegen Unkrautvernichtungsmittel (meist Glyphosat) und zweitens, eine Resistenz gegen Schadinsekten durch die Expression einer Bt-Toxin-Variante. Bt ist ein Fraßgift aus Bacillus thuringiensis, von dem einige hundert Varianten existieren, die unterschiedliche Spezifitäten haben. Insofern kann man Bt-Expression als eine Gruppe von ähnlichen Merkmalen beschreiben.

Na und? Was ist denn das Problem?

Resistenzen. Eine mangelnde an Vielfalt bei den Pestiziden hat in der Vergangenheit oft zum Auftauchen von Resistenzen unter den zu bekämpfenden Organismen geführt. Durch den hohen Selektionsdruck haben zufällig resistente Individuen einen Vorteil gegenüber den Artgenossen und kann sich massenhaft vermehren. Dasselbe Phänomem ist auch von Antibiotika und resistenten Bakterien bekannt. Resistenzen gegen Glyphosat sind bereits aufgetreten und gegen Bt ebenfalls. Sollte sich das Problem ausweiten, gibt es im Fall von Bt ein gravierendes Problem: Sprays mit Bt-Toxinen aus Bakterien sind als umweltschonendes und natürliches Insektizid im Bio-Landbau zugelassen - es macht Bio-Landbau eigentlich erst möglich, denn Alternativen sind Mangelware. Und Schädlinge machen auch Bio-Bauern das Leben schwer.

Abseits von der Resistenzdiskussion kann man die Situation als Beispiel eines mangelnden Innovationsfähigkeit der Gentech-Industrie auslegen. Selbst die Neuheit „SmartStax“ von Monsanto und Dow beinhaltet auch wieder nur Variationen des Bt-Toxins und Toleranzen gegen die Herbizide Glyphosat und Glufosinat. Der Konzern, vom Forbes-Magazin eigentlich als Firma des Jahres ausgezeichnet, hat 2010 erstmals ernsthafte finanzielle Probleme, denn inzwischen ist der Patentschutz für Monsantos Herbizid Roundup abgelaufen und die Umsätze brechen wegen Billigimporten aus Fernost weg. Außerdem hat die Firma Probleme mit den Erträgen, sowie Absatzschwierigkeiten von neuen Sorten.

Warum sind nicht mehr Merkmale auf dem Markt?

Zwei sind ziemlich wenige Merkmale, wenn man das Potenzial der Technologie bedenkt. Bis auf Ausnahmen wie die Virusresistenz bei Papaya nutzt man kaum die Möglichkeiten: Nematodenresistenz, allergenfreie Erdnüsse, nikotinfreier Tabak, pilzresistente Weinreben, mit Vitaminen und anderen Nährstoffen angereicherte Früchte, Salztoleranz, Trockentoleranz, etc., etc. (Siehe auch hier bei Transgen.de)

Weshalb landen diese Merkmale nicht auf dem Acker? Sie sind bereits fertig entwickelt – oftmals sogar öffentlich finanziert – und eigentlich bedarf es nur noch ein wenig Züchtung, um sie zu kommerzialisieren. Eine mögliche Alternativerklärung zur Innovationsfaulheit der Industrie verraten Kent Bradford und Jamie Miller, die eine Unmenge an Daten zu gentechnisch veränderten Merkmalen zusammengetragen haben, bereits im Titel ihres neuen Papers „The regulatory bottleneck for biotech specialty crops“.

Die Kosten des Zulassungsprozesses sind 15 Mio Dollar je Pflanze nämlich so hoch, dass sich der Versuch, ein bestimmtes Merkmal am Markt zu etablieren, nur für Feldfrüchte lohnt, bei denen einen großes Vermarktungspotenzial existiert, „commodity crops“, wie etwa Soya, Mais, Baumwolle und Raps. Diese werden jedes Jahr erneut und auf riesigen Ackerflächen ausgesät. Der Markt ist groß, die Anzahl an Arten und Sorten ist überschaubar.

Für die Gruppe der „specialty crops“, sieht es ganz anders aus: Obst, Gemüse, Nüsse und Baumfrüchte besetzen jeweils nur winzige Nischen am Markt. Man muss sich nur überlegen, wie viele verschiedene Arten Obst es gibt, und wie viele Sorten davon im Umlauf sind, wie zum Beispiel bei Äpfeln! Jede Pflanzenart oder sogar Sorte hat dann wiederum spezialisierte Schädlinge und Pathogene – die zu verändernden Merkmale sind also ebenfalls divers. Damit steigen die Entwicklungkosten, weil man das Rad immer wieder neu erfinden muss. Es lohnt sich einfach nicht, diese „Nischenprodukte“ durch den langwierigen und teuren Zulassungsprozess zu bringen.

In Deutschland ist man von einer derartigen Diskussion meilenweit entfernt, hier will man ja nicht einmal gv-Kartoffeln, die für die Produktion von Industriestärke gedacht sind.

via Anastasia Bodnar von Biofortified.org


3 Kommentare zu “Gentech-Food: die Innovationsbremse „Zulassungsverfahren“”

  1. fatmike182 Antworten | Permalink

    Prospektive

    das lustige an der Sache ist ja, dass genau das den Firmen vorgeworfen wird, v.a. unter dem Hintergrund, dass Alternativen nicht nur von Firmen kommen.

  2. Martin Ballaschk Antworten | Permalink

    @Maulwurf

    Danke! Der Artikel ist auch besser als meiner, weniger ausschweifend und trotzdem detaillierter ... :)

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