Das Chikungunya-Fieber kommt nach Mitteleuropa

5. Oktober 2010 von Lars Fischer in Klima und Umwelt

Es wird mal wieder Zeit, dass ich über scheußliche Krankheiten schreibe – da passt es gut, dass eine davon gerade an unsere Haustür klopft. Das Chikungunya-Fieber, eigentlich in Afrika, Asien und Indien beheimatet, ist in Frankreich angekommen. Ihren Namen hat die Krankheit von ihrem charakteristischsten Symptom, der gebeugten Haltung der Kranken, verursacht durch schwere Gelenk- und Gliederschmerzen. Ansonsten ist der Effekt vergleichbar mit dem Dengue-Fieber. Es gibt übrigens kein Mittel gegen Chikungunya – man behandelt die Symptome, bis die Infektion von alleine weggeht.

Es gibt ein paar gute Gründe, sich über das tropische Fieber Gedanken zu machen. Der aktuelle Ausbruch in Frankreich ist schon das zweite Mal, dass das Virus in Europa von Mensch zu Mensch übertragen wird statt wie üblich mit Fernreisenden ins Land zu kommen. Überträger des Virus ist die Asiatische Tigermücke Aedes albopictus, die vor 30 Jahren in Europa ankam und sich seither langsam ausbreitet. Im Fokus der blutsaugerischen Landnahme steht Deutschland. Und ihr blinder Passagier, das Chikungunya-Virus, hat vor ein paar Jahren gezeigt, dass es mehr drauf hat als nur Gliederschmerzen.

Der Ausbruch in Frankreich ist allerdings noch einmal glimpflich ausgegangen. Betroffen waren lediglich zwei zwölfjährige Mädchen in der Provence, und die haben die Affäre glimpflich überstanden. Allerdings sind die Fälle eine deutliche Warnung, zumal gerade zwei Wochen vorher in der gleichen Region das Dengue-Fieber aufgetaucht war, das ebenfalls von A. albopictus übertragen wird. Eigentlich ist Chikungunya eher harmlos, verglichen mit, sagen wir, Ebola oder dergleichen. Die Infektion ist zwar meist schmerzhaft, aber nur sehr geschwächte Patienten sterben daran. Bei allen anderen verschwindet die Krankheit nach ein paar Tagen oder Wochen wieder, oder fällt, dank milder Symptome, gar nicht erst auf. Es geht allerdings auch anders.

In den Jahren 2005 und 2006 gab es auf der französischen Insel Réunion völlig unerwartet mehrere hundert Tote, als Chikungunya etwa ein Drittel der 800000 Einwohner befiel. Hochgerechnet auf Deutschland wären das etwa 20000 Tote, und das ist nun ganz und gar nicht mehr harmlos. Später machten Forscher zwei Hauptgründe für das aggressive Verhalten des Virus auf der Pazifikinsel aus: Einerseits traf das mit der gerade frisch eingewanderten Tigermücke eingeschleppte Virus auf eine Bevölkerung, die keinerlei Immunität gegen die Krankheit besaß, und zum anderen vermehrte sich der neue Virenstamm dank einer einzelnen Mutation hundertfach schneller als das normale Virus.

Hierzulande ist die Bevölkerung natürlich auch nicht gegen das neue Virus immun – schließlich war es für den Vektor, die Tigermücke, hier immer zu kalt. Aedes albopictus verbreitet sich zwar schon seit 1979 vom Balkan aus entlang der europäischen Mittelmeerküsten, doch die Populationen waren wegen des ungünstigen Klimas zu klein, um Viren effektiv zu verbreiten. Mit steigenden Temperaturen werden die Bedingungen allerdings besser für die Mücke und damit auch für seine ungebetenen Gäste.

Der erste Warnschuss war ein Ausbruch in Nordostitalien im Jahr 2007. Damals erkrankten in mehreren Dörfern um Ravenna über 200 Personen, ausgelöst durch einen infizierten Indien-Reisenden, dessen Viren die Mücken auf weitere Opfer übertrugen. In den Jahren zuvor waren noch Dutzende Infizierte (unter anderem vom Ausbruch in Réunion) nach Italien eingereist, ohne dass das Virus weiter getragen worden wäre. Deswegen spekulierten die beteiligten Wissenschaftler noch, ob es sich bei dem Ausbruch 2007 vielleicht um einen ungewöhnlichen Zufall handeln könnte, aber die Fälle von Südfrankreich deuten jetzt darauf hin, dass es der Beginn eines Trends war.

Eines Trends, wohlgemerkt, den Forscher bereits 2008 vorhergesagt haben. In dem Jahr untersuchte das European Center for Disease Prevention and Control eingehend Populationsdichte und geographische Verbreitung (pdf) der Asiatischen Tigermücke in Europa, einerseits anhand konkreter Beobachtungsdaten, zum anderen mit einem statistischen Modell auf der Basis der Bedingungen[1], die Aedes auf anderen Kontinenten bevorzugt.


Bereiche Europas, deren klimatische Bedingungen bekannten Verbreitungsgebieten von A. albopictus entsprechen.

Speziell in den Regionen um die Adria, wo Aedes albopictus seit geraumer Zeit präsent ist, stimmen die Beobachtungsdaten (soweit sie vorliegen) mit diesen Kriterien gut überein. Südfrankreich dagegen war, trotz klimatisch günstiger Bedingungen, bis 2008 nicht betroffen. Genau dort sind nun Dengue und Chikungunya aufgetreten, woraus wir getrost schließen können, dass die Mücke sich dort inzwischen häuslich eingerichtet hat.


Tatsächliche Verbreitung und Sichtungen von A. albopictus, Stand 2007/2008. Die violetten Markierungen in Holland kennzeichnen Sichtungen in Treibhäusern, wahrscheinlich Importe mit Glücksbambus.Die hellen Flächen kennzeichnen fehlende Daten.

Das sieht zuerst einmal so aus als sei die Mücke an der Mittelmeerküste ziemlich effektiv festgenagelt und wir müssten uns keine Sorgen machen. Dass das nur die halbe Wahrheit ist, zeigen allerdings schon die einzelnen Sichtungen der Mücke in Nordfrankreich über die letzten Jahre. Tatsächlich ist bekannt, dass einwandernde Arten sich in ihrer neuen Heimat eben nicht an ihre ursprünglichen Nischen halten, ein Umstand, der auch für unsere Mücke gut untersucht ist, z.B. in dieser Studie. Diesem Umstand trägt eine weitere Simulation Rechnung, die die mögliche Verbreitung von A. albopictus nicht auf Basis ihres bevorzugten Habitates, sondern ihrer klimatischen Toleranzschwellen für Sommer- und Wintertemperaturen und Regenmengen darstellt. In dieser Darstellung sehen wir auch, wo die einzelnen Sichtungen in Frankreich herkommen: Das Rhônetal ist, klimatisch gesehen, eine wahre Chikungunya-Autobahn nach Norden. Mit, wenn man genau hinguckt, verkehrsgünstiger Anbindung an den Rhein.


Mögliches Habitat von A. albopictus, basierend auf klimatischen Toleranzschwellen. Stand 2008.

Und das ist heute. In Zukunft wird es wärmer werden. Was das für die theoretische Reichweite der Tigermücke im Jahr 2030 bedeutet, haben die Forscher auf der Basis verschiedener Klimamodelle berechnet, ich habe mir hier nur das optimistischste herausgesucht, also das mit der geringsten Erwärmung. Die farbcodierte Karte brauche ich gar nicht zu posten, da ist komplett Mitteleuropa rot. Stattdessen hier die Differenzkarte, die zeigt, wo sich die Bedingungen für die Krankheitsüberträger am stärksten verbessern.


Gebiete in Zentraleuropa, in denen sich die klimatischen Bedingungen für A. albopictus bis 2030 am stärksten verbessern.

Wir werden uns mit dem Chikungunya-Fieber beschäftigen müssen. Und zwar bald.

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(via Maryn McKenna/Superbug)

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[1] Dieses Modell verwendete zur Vorhersage der Verteilung von A. albopictus die höchsten Nachttemperaturen, das Jahresmittel der Tagestemperaturen, die Tagestiefstwerte, und ein Maß für die Temperaturschwankungen. Diese vier Variablen sind auf anderen Kontinenten am stärksten mit An- und Abwesenheit der Mücke korreliert.

Bildnachweis:

Aedes Albopictus: Wikipedia, CC-BY-NC-SA

Karten aus: ECDC Technical Report: Development of Aedes albopictus risk maps, Stockholm 2009.


8 Kommentare zu “Das Chikungunya-Fieber kommt nach Mitteleuropa”

  1. Annette Leßmöllmann Antworten | Permalink

    Mensch zu Mensch, Mücke zu Mensch

    Sind die beiden Übertragungswege nicht sauberer zu unterscheiden, bevor man einen Trend prognostiziert? Zwar ist es sicher ein Problem, dass die Tigermücke sich in Europa einnistet, und ein zweites, dass Europäer der Infektion wenig entgegenzusetzen haben, mangels Training des Immunsystems. Aber es gibt doch Unterschiede: In Frankreich sind die beiden Mädchen qua Mücke infiziert worden, wenn ich dich richtig verstanden habe. In Ravenna hat dagegen ein Indien-Reisender "Mensch zu Mensch" 200 weitere angesteckt (oder interpretiere ich deinen Beitrag hier falsch?). Diesem Punkt wüsste ich jetzt gerne genauer, wovon mehr Gefahr ausgeht: Dass die Mücke sich in Europa verbreitet - oder dass die Infektion plötzlich einen anderen Verbreitungsweg nimmt, indem es den Mückenwirt auslässt. Oder ist die Mensch-zu-Mensch-Infektion bei Chikungunya längst üblich? (Ich meine, es wäre doch auch eine Riesennachricht, wenn sich z.B. Malaria plötzlich Mensch-zu-Mensch verbreiten würde. Die ganzen schönen Landkarten "Malaria-Gebiet/kein Malaria-Gebiet", mit deren Hilfe man die Infektionsgefahr geografisch eingrenzen kann, wären auf einen Schlag obsolet. Gleiches würde in den Zeiten der Reiselust gerade der Europäer für Chikungunya gelten.)

  2. Lars Fischer Antworten | Permalink

    Nein.

    Das hast du falsch verstanden. Der Vektor ist ausschließlich die Mücke, eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch gibt es nicht.

  3. Annette Leßmöllmann Antworten | Permalink

    Mücke zu Mensch...

    ... dann verstehe ich "...ausgelöst durch einen infizierten Indien-Reisenden, der als Virenquelle fungierte" nicht :-).

  4. Lars Fischer Antworten | Permalink

    Das Chikungunya-Virus

    ist in Europa nicht endemisch und entsteht auch nicht spontan im Darm der Mücke. Irgendwo muss es ja herkommen, und da Dengue und CHIKV kein tierisches Reservoir haben, sind die einzigen Quellen Reisende aus Endemiegebieten. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern - Chikungunya wird in Europa nie endemisch werden, dazu ist es nicht warm genug.

  5. Norbert Bechtold Antworten | Permalink

    Asiatische Tigermücke

    Heute, 19 Oktober 2012 wurde in Lörrach/Marktplatz meine Frau von einer Tigermücke gestochen. Da sie die Mücke KO geschlagen hat, konnten wir uns ihren Körper und ihre weiss-schwarz getigerten Beine genau ansehen.
    Ich hab mit Internetfotos verglichen.
    Kein Zweifel, das Viehzueg ist bei uns heimisch geworden. Der Oberrhein und die Zuflüsse wie die Wiese bieten ja beste Ausbreitungsbedingungen.

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