Das schwimmende Schwein von Ahrensburg

26. Januar 2013 von Lars Fischer in Biologie

Fast die Hälfte aller Fische, die die Menschheit verzehrt, kommt inzwischen von Fischfarmen, und es werden immer mehr: Die Fischzucht ist der am schnellsten wachsende Sektor der Nahrungsmittelproduktion. Doch noch zu Beginn der 70er Jahre war die Menschheit, was Meeresfrüchte anging, noch weitgehend im Jäger- und Sammlerstadium. Getreide und Vieh waren seit Jahrtausenden gezüchtet und domestiziert, Fische dagegen wurden bis auf wenige Ausnahmen nach wie vor mit Netzen und Langleinen wild gefangen. Nur vier Prozent des gesamten Fischverbrauchs stammte damals aus den vergleichsweise wenig ertragreichen Zuchtteichen.

Schon damals beschäftigten sich Forscher mit der Frage, wie man das ändern könnte - das Ergebnis ist die Liste der heute im industriellen Maßstab produzierten Fische wie Lachs, Pangasius und Tilapia. Diesen Erfolgen gegenüber stehen allerdings auch bemerkenswerte Fehlschläge, und einer dieser heute vergessenen Misserfolge spielte sich vor den Toren Hamburgs ab, in Ahrensburg.

Dort beschäftigte sich auch der bereits als Pflanzenzüchter sehr renommierte Wissenschaftler Reinhold von Sengbusch mit der Suche nach Zuchtfischen für eine industrielle Aquakultur. Sein auserwählter Kandidat war der bis zu vier Meter langen Amazonasfisch Pirarucú (Arapaima gigas), den er wegen seiner Größe, seines schnellen Wachstums und des wohlschmeckenden Fleisches als schwimmendes Schwein bezeichnete. Die Zucht dieses seltsamen Tieres wurde zu einer Leidenschaft, die er auch nach dem Ende seiner aktiven wissenschaftlichen Laufbahn verfolgte.

Das Problem mit den Gräten

Das einzige, was heute von der Passion des Züchters zeugt, sind zwei Artikel aus der Bild-Zeitung. Mit Hilfe alter Publikationen und insbesondere der Erinnerungen von Sengbuschs damaligem Mitarbeiter Christoph Meske habe ich die Geschichte des schwimmenden Schweins von Ahrensburg rekonstruiert.

In den 60er Jahren versuchte Sengbusch am Max-Planck-Institut für Nutzpflanzenzüchtung in Ahrensburg nahe Hamburg, dessen Direktor er war, einen verbesserten Karpfen zu züchten. Der Karpfen ist eigentlich ein idealer Zuchtfisch, er ist leicht zu halten und wird auch vergleichsweise groß - unglücklicherweise besitzt er sogenannte Zwischengräten, die man aus dem Fleisch nicht rausbekommt. Karpfenfilets nach dem Muster der im Supermarkt erhältlichen Fischfilets sind deswegen unverkäuflich, und so suchte Sengbusch nach einer Möglichkeit, die dem Karpfen die Gräten wegzuzüchten. Mit einem selbst entwickelten Röntgengerät durchleuchteten er und seine Mitarbeiter insgesamt über 13000 Karpfen nach einer zwischengrätenfreien Mutante für die Zucht. Erfolglos.

Nach seiner Emeritierung im Jahr 1968 machte Sengbusch sich auf die Suche nach einem Speisefisch, der schon von Anfang an keine Zwischengräten besaß. Die aussichtsreichsten Kandidaten waren Tilapia-Buntbarsche, Welse und schließlich der aus dem Amazonas stammende Pirarucú, der ihm von dem Tropenökologen Harald Sioli empfohlen wurde.

Ein Gigant aus dem Amazonas

Der Pirarucu ist ein ungewöhnliches Tier. Mit bis zu 200 Kilogramm Lebendgewicht und angeblich über vier Metern Länge ist er einer der größten Süßwasserfische überhaupt. Als Raubfisch ernährt er sich von kleineren Wirbeltieren und kann bis zu zehn Kilo jährlich an Gewicht zulegen. Kurioserweise atmet er Luft, und er betreibt Brutpflege. Und er ist wild, so wild, dass seine Haltung zum Problem wurde.

Diesen Giganten zu züchten nahmen sich Sengbusch und seine Mitarbeiter Meske und Cellarius ab 1973 vor, doch das Vorhaben erwies sich als recht kompliziert. Schon Anfang der 70er Jahre bedurfte es einer Sondergenehmigung, um den Fisch aus Brasilien zu importieren, erinnert sich Meske. Außerdem braucht der Pirarucú Luft zum atmen und damit ein spezielles Transportgefäß.

Einmal in Europa angekommen, erfüllten die Tiere zunächst die in sie gesetzten Erwartungen. Ein Exemplar, zu Testzwecken geschlachtet, erwies sich als ausgesprochen Wohlschmeckend, und die Tiere legten in ihren Zuchtbecken enorm an Gewicht zu. Zuerst mit Lebendfischen, Seelachs oder Rinderherz gefüttert, fraßen sie später preiswertes Fisch-Trockenfutter.

Doch Christoph Meske berichtet auch, dass die Fische im Laufe der Zeit immer mehr Probleme bereiteten. "Zuerst einmal waren sie einfach furchtbar groß" erklärt er, und sie ließen sich nur sehr ungerne wiegen oder vermessen. „Es waren ja nun mal wilde Tiere.“ Die Aquarien in Ahrensburg wurden ihnen schnell zu klein, sie sprangen aus ihren Plastikwannen in den Tod. Andere verendeten, weil sie die Haltung nicht vertrugen. Innerhalb von zwei Jahren gingen nahezu alle Tiere der ersten Lieferung ein, und nach dem was mir ein Mitarbeiter der Ahrensburger Außenstelle der Bundesforschungsanstalt für Fischerei erzählt hat, war die offizielle Arapaima-Forschung dort spätestens 1975 beendet.

Sengbusch allerdings reagierte auf diesen Fehlschlag mit einem erneuten Versuch, diesmal in einer privaten Forschungsanlage, etwa zwei Kilometer vom Institut entfernt. Aus Brasilien besorgte er sich neue Pirarucus, die er diesmal in einem damals neuen Wasserkreislauf-Aquarium hielt, dem Ahrensburg-System. Zu dieser Zeit arbeitete er offenbar mit dem Berliner Zoologischen Garten zusammen, wohin er einige der Fische auslagerte.

Zu dieser Zeit berichtete die Bild-Zeitung über den Forscher und sein schwimmendes Schwein. Dem Bericht entnehmen wir, dass die Tiere mit Fischabfällen gefüttert wurden und nach drei Monaten bereits 600 Gramm wogen. Weniger glaubhaft ist die Behauptung, dass die Pirarucus nach zwei Jahren 100 Kilo wiegen sollten. Das dürfte sich der Reporter ausgedacht haben.

Etwa zehn Jahre würde es noch dauern, vermutete Sengbusch damals in BILD, bis Pirarucu im Kühlregal der Supermärkte auftauchen würde, aber dazu kam es nicht. Die Tiere erreichten nie das gewünschte Schlachtgewicht. Aus einer späteren Publikation geht hervor, dass die Fische nach 18 Monaten lediglich acht Kilo erreicht hatten. Dann starben die letzten, trotz aller Mühe.

Kein Sex, nirgends

Im Frühjahr 1977 erhielt Sengbusch eine weitere Lieferung der eigentlich streng geschützten Tiere. Spätestens zu dieser Zeit muss dem Forscher klar gewesen sein, dass das Unterfangen nahezu aussichtslos war. "Sengbusch hat es auf keinen Fall geschafft, die Fische zu vermehren, und das wäre für eine kommerzielle Nutzung unumgänglich gewesen" meint Meske. Aus den vorliegenden Veröffentlichungen geht hervor, dass keines der Tiere aus Sengbuschs Beständen auch nur nachweislich geschlechtsreif gewesen ist.

Diese Besonderheit der Picarurus, die vergleichsweise späte Geschlechtsreife, ist wohl auch, was der kommerziellen Züchtung letztendlich den Todesstoß versetzt hat. Das optimale Schlachtgewicht schätzte Sengbusch auf etwa fünf Kilo, weil bei Jungfischen die Gewichtszunahme am größten ist. Geschlechtsreif sind jedoch nur wesentlich größere Tiere, deren Haltung entsprechend aufwendig ist. Man bräuchte gigantische Hallen und Becken, die mit starken Netzen überspannt sind, enorme Mengen Futter und eine spezielle Infrastruktur.

Doch die Experimente erreichten nie die Phase, in der sie sich auch ökonomisch hätten bewähren müssen. Die Bild-Zeitung berichtete im Dezember 1977 vom tragischen Ende der dritten Ladung Pirarucus: Der letzte war – wieder einmal und anscheinend trotz Fangnetz – aus dem Becken gesprungen und verendet. Sengbusch hatte zwar weitere 30 Fische geordert, doch deren Spur verliert sich im Dunkel der Geschichte. 1980 publizierte der Forscher in der Zeitschrift "Berichte aus der Landwirtschaft" einen Artikel mit seinen Ergebnissen, in dem er empfiehlt, die Aquakultur mit Arapaima gigas weiter zu verfolgen.

Das tat dann aber niemand mehr. Arapaima ist im Amazonasgebiet nach wie vor ein wichtiger Speisefisch, aber die Aquakultur konzentrierte sich auf einfacher zu haltende Süßwasserfische wie Tilapia – die Buntbarsche, die Sengbusch 1973 verworfen hatte.

Dieser Beitrag ist die überarbeitete Version eines Artikels von 2009 im alten Fischblog.


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