Flutkatastrophe in Pakistan – da war doch mal was?

5. April 2011 von Lars Fischer in Allgemein

Katastrophen haben eine begrenzte mediale Halbwertzeit - auch das Sendai-Beben und seine Folgen verschwinden, noch bevor alle Opfer gezählt sind, aus dem Blickfeld. Das betrifft aber nicht nur Japan, und deswegen werde ich hier kurz den Blick zurück werfen auf ein anderes, ebenso dramatisches Naturereignis, das vor gar nicht allzu langer Zeit tausende getötet und Millionen obdachlos gemacht hat: Die große Flut von Pakistan.

In nur vier Tagen, vom 27. Bis zum 30. Juli, fielen in einigen Regionen Nordpakistans über 300 Liter Regen pro Quadratmeter. Betroffen war zuerst die Region Khyber Pakhtunkhwa an der Grenze zu Afghanistan. Teilweise stand dort das Wasser bis zu fünf Meter hoch, in den bergigen Regionen kam es zu großen Erdrutschen die Dutzende Menschen töteten. Doch das war erst der Anfang. Das ganze Gebiet beliefert einen einzigen Fluss mit Wasser, den Indus. Der fließt aus den Bergen in eine breite fruchtbare Ebene, die das größte zusammenhängende landwirtschaftliche Bewässerungsgebiet enthält. Dort lebt der größte Teil der etwa 160 Millionen Pakistaner.

Im Laufe der folgenden Wochen wälzte sich die Flut nach Süden durch die Provinzen Punjab, Balutschistan und Sindh Richtung Indischer Ozean. Unterwegs zerstörte das Wasser Brücken, Straßen Bewässerungsanlagen und Ortschaften, Millionen mussten fliehen, Hunderttausende waren für Tage und Wochen von der Außenwelt abgeschnitten. Am 13. August traten die ersten bestätigten Cholera-Fälle auf. Insgesamt waren 800.000 Quadratkilometer Land überschwemmt, ein Fünftel von Pakistan.

Ein halbes Jahr nach der Flut in Pakistan lag eine Bilanz vor. Es gab wohl etwa 2000 Tote, 20 Millionen Menschen waren insgesamt in der einen oder anderen Weise direkt betroffen. Das Wasser hat beträchtliche Teile der Bewässerungs-Infrastruktur im Industal beschädigt und viele Felder überschwemmt, so dass die nächste Saat verspätet oder gar nicht ausgebracht werden konnte. Zusätzlich sind 200.000 Nutztiere, davon 20.000 Rinder, ertrunken. In den betroffenen Gebieten bezogen bis zu 80 Prozent der Bevölkerung ihr Einkommen aus der Landwirtschaft - Experten beziffern den Schaden allein in diesem Sektor auf 500 Millionen Dollar, und pakistanische Bauern sind eh nicht für ihren Reichtum berühmt. Es sind wie immer die Armen, die es wie üblich am härtesten getroffen hat - sie hängen am stärksten von den Einkommen aus Ernten und Viehzucht ab, die sie in der Katastrophe verloren haben. Im September nach der Katastrophe hatten laut World Food Programme 70 Prozent der Bevölkerung unzureichenden Zugang zu Nahrung und Trinkwasser.

Zerstört sind außerdem 4000 Kilometer Fernstraßen, 3500 Kilometer Eisenbahnstrecken und 5000 Schulen. 5,3 Millionen Menschen verloren dauerhaft ihre Arbeit und Einkommen. Insgesamt dürfte die Flut Pakistan 40 Milliarden Dollar Schäden verursacht haben, das ist ein knappes Viertel des gesamten Bruttonationalprodukts. Man male sich eine Naturkatastrophe aus, die in Deutschland neunhundert Milliarden Euro Sachschaden anrichtet, dann hat man eine Vorstellung von dem, was letzten Sommer in Pakistan geschehen ist.

Ein halbes Jahr nach der Flut veröffentlichten die Ärzte Ohne Grenzen, die seit den 80er Jahren in Pakistan aktiv sind, mehrere Lageberichte aus dem Land. In vielen Ländern auf der Welt versorgt die Organisation Opfer von Naturkatastrophen mit Wasser, medizinischer Hilfe und anderen Notwendigkeiten, auch wenn Medien und Öffentlichkeit längst wieder mit anderen Dingen beschäftigt sind. Auch in Japan.

Ärzte ohne Grenzen
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Bankleitzahl: 370 205 00


5 Kommentare zu “Flutkatastrophe in Pakistan – da war doch mal was?”

  1. Gunnar Antworten | Permalink

    Daran erinnern

    Daran zu erinnern ist in unserer schnelllebigen zeit immer gut. Nur weil ein Thema nicht mehr in den Medien ist, heisst das ja noch lange nicht, dass dort alles wieder läuft. Das Wasser der Überflutung hat in Pakistan einige Gebiete bis weit in den Dezember beherrscht. Für die betroffenen Menschen eine unglaubliche Katastrophe, die sie ohne fremde Hilfe kaum bewältigen können.

  2. Sebastian R. Antworten | Permalink

    Danke an die Erinnerung! Ich frage mich zudem, wie es im Moment in Haiti ausschaut und was mit den verseuchten Ölregionen ist, die BP zu verursachen hat. Da hört man ja auch nichts mehr von.

  3. Chieron Antworten | Permalink

    ein fünftel ?

    ist schon erschreckend, wie schnell das in der Versenkung verschwindet, wobei die Flut m.E. ohnehin nicht Topthema war im Sommer..

    kleine korrektur:

    "Insgesamt waren 800.000 Quadratkilometer Land überschwemmt, ein Fünftel von Pakistan. "

    kann nicht stimmen, Pakistan hat nur 880.000km^2 Fläche

  4. Knox Antworten | Permalink

    Aktuelle Schreckensmeldungen drängen das ganze sehr schnell in den Hintergrund, allerdings verschwindet es auch ohne neuerlichen Schrecken viel zu schnell aus dem Bewusstsein.
    Leider gibt es daraus resultierend auch weniger Spenden für die entsprechenden Regionen.
    Ab und an muss man das mal wieder wachrufen und daran erinnern, damit die Opfer dieser Katastrophen nicht ganz aus dem Bewusstsein verschwinden...

  5. Rob Antworten | Permalink

    Diese Naturkatastrophe war wirklich schrecklich... ein guter Freund von mir war zu der Zeit in Pakistan und hat das Elend miterlebt... Können uns wirklich glücklich schätzen, dass wir in Deutschland leben.

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