Kein ZMapp für den Hamburger Ebola-Patienten


Seit gestern betreut das UKE, in dem ich ja seit Wochen rumliege, einen mit Ebola infizierten Arzt aus dem Senegal, und angesichts mehr als 200 angesteckten WHO-Mitarbeitern dürfte er nicht der letzte bleiben. Was mich aber wirklich beruhigt ist, dass die behandelnden Ärzte hier die Finger von irgendwelchen ungetesteten Wundermedikamenten wie dem ominösen Antikörpermix ZMapp lassen.

(Hier ein Interview mit einem der behandelnden US-Ärzte, der ein bisschen über die erfolgreiche Therapiestrategie spricht)

Die Ebola-Epidemie in Westafrika ist bisher nicht so sehr ene medizinische Krise, sondern eine politische. Die Seuche könnte die betroffenen Gesellschaften um Jahre zurückwerfen und sogar neues Chaos auslösen. ZMapp und ähnliche Mittelchen sollen nicht nur die Kranken retten, sondern ganze Gesellschaften. Aber das hat mit Medizin nichts mehr zu tun, und auch therapeutisch macht ZMapp nicht so wahnsinnig viel her.

Ob das Zeug überhaupt wirkt, ist bei Lichte betrachtet bestenfalls fragwürdig. Ich habe da ganz erhebliche Zweifel, wenn ich mir die Berichterstattung durchlese. Werfen wir mal einen Blick auf die bisherigen Ergebnisse mit ZMapp: Bisher haben zwei mit dem Serum behandelte US-Patienten überlebt. Parallel dazu starb letzte Woche ein dritter Patient, sowie diese Woche ein liberianischer Arzt. Zwei weitere ZMAPP-Patienten sollen Zeichen von Besserung zeigen - was allerdings auch von den verstorbenen Patienten berichtet wurde. Es ist glaube ich ziemlich offensichtlich, dass die letzten beiden Patienten uns keine genauere Auskunft geben werden, unabhängig davon wie es ausgeht. Die Stichprobe ist zu klein, nichts Genaues weiß man nicht.

Wie wirkt ZMapp?

Mein Bauchgefühl wiederum (und nicht nur meins) sagt mir aber, dass da etwas ziemlich faul ist.

ZMapp ist ein Cocktail aus drei humanisierten, in Pflanzen gezüchteten Antikörpern. Nach den verfügbaren Informationen neutralisieren zwei dieser Antikörper das Virus direkt, indem sie sich an dessen Hülle anlagern. Nummer drei dagegen bindet an Ebola-infizierte Zellen und aktiviert die Komplementkaskade, quasi den wütenden Mob des Immunsystems, und der schlägt dann alles kurz und klein. Ein bisschen komplizierter ist es, aber das ist die Idee.

Das klingt auf jeden Fall ganz gut, und die Pflanzenbiotechnik dahinter ist auch ganz clever, aber mir scheint diese Kombination überhaupt nicht zu den Aussagen über die Wirkung von ZMapp zu passen. Übereinstimmende Berichte der beiden geheilten Patienten und mehrerer Ärzte (Vorsicht, Video) berichten nämlich von positiven Wirkungen binnen einer Stunde, auf jeden Fall noch am gleichen Tag. Und das haut nicht hin.

Die angebliche Wirkung passt nicht

Der erste Wirkmechanismus, bei dem die Antikörper direkt Viruspartikel neutralisieren, schlägt erst dann wirklich durch, wenn bei der nächsten Vermehrungsrunde plötzlich viel weniger Viren da sind, die irgendwelche Zellen angreifen. Die positive Wirkung entfaltet sich ungefähr in dem gleichen Zeitrahmen wie der Fortpflanzungszyklus von Ebola - das sind etwa 48 Stunden.

Das Komplementsystem arbeitet dagegen deutlich schneller und könnte wohl innerhalb von Minuten der Spur der Antikörper folgen und die infizierten Zellen wegmetzeln. Das ist schön, aber wenn plötzlich auf einen Schlag der ganze Körper mit sterbenden Zellen geflutet wird, dann fühlt man sich ganz sicher nicht auf dem Weg der Besserung, sondern erstmal so richtig dreckig. Die Frage ist auch, wie die mit dem ganzen lytischen Schlonz fertig werden, nicht dass man sich nebenher ein Organversagen einfängt. Am nächsten Tag, wenn all die eliminierten Zellen keine Viren mehr ausscheiden, dann fühlt man sich wahrscheinlich besser. Aber nicht nach ner Stunde.

Insofern hab ich nicht das Gefühl, dass die Leute ne Wirkung beschreiben, sondern das, was sie sehen wollen. Und das ist ja noch nicht alles. Wer sagt eigentlich, dass das Serum selbst ungefährlich ist? Antwort: Niemand. Das hat nämlich bisher keiner getestet. Das heißt, wenn man jetzt ZMapp in Massen produziert und verteilt wird, spricht nichts dagegen, dass bei einem Teil der Patienten das Gleiche passiert wie 2006 bei TGN1412. Und was das für ein Theater gäbe, wenn plötzlich Dutzende Patienten am neuen WHO-Wunderserum verrecken, will ich mir gar nicht erst vorstellen.

Die Risiken sind völlig unbekannt

So gesehen finde ich das ganz beruhigend, dass kaum Mediziner auf derlei ungeprüfte Präparate anspringen. Das ist echt das letzte was wir jetzt brauchen: Unüberprüfbare Ergebnisse, unbekannte Gefahren und dann wahrscheinlich noch völlig unkontrolliert als Prophylaxe, wenn sich irgendwelche Leute nebenher eindecken, und nachher machen wieder irgendwelche Verschwörungstheorien die Runde.

Die Mediziner am UKE sagen, sie behandeln konventionell mit Schmerztherapie, Flüssigkeitsmanagement und ähnlichen Methoden (Dialyse, um die Niere zu entlasten?), und sie vermuten, dass sie damit die Überlebenschancen deutlich erhöhen können. Ich glaub ihnen das.


6 Kommentare zu “Kein ZMapp für den Hamburger Ebola-Patienten”

  1. Andreas Herzog Antworten | Permalink

    Die Skepsis beim Einsatz von ZMapp ist sicher richtig. Aber in der Not greift man nach jedem Strohhalm.
    Interessant finde ich, bereits zugelassene und gut verfügbare (und billige) Medikamente auf ihre Wirkung gegen Ebola zu testen:

    http://www.deutschlandfunk.de/ebola-herzmedikament-koennte-krankheit-abschwaechen.676.de.html?dram:article_id=293973

    Das hat den Vorteil, dass man die Nebenwirkungen besser kennt und es die Produktionslinien schon gibt. Es ist natürlich nicht der Weisheit letzter Schluss, ein Medikament und Impfungen müssen entwickelt werden, aber bis dahin geht es schneller und ist sicherer als experimentelle Medikamente einzusetzen.

  2. Karl Mistelberger Antworten | Permalink

    > Ob das Zeug überhaupt wirkt, ist bei Lichte betrachtet bestenfalls fragwürdig. Ich habe da ganz erhebliche Zweifel, wenn ich mir die Berichterstattung durchlese.

    In der Studie waren 18 Affen mit ZMapp behandelt worden. Bei je sechs Affen startete die Behandlung drei, vier oder fünf Tage nach der Infektion. Anschließend bekamen die Tiere im Abstand von drei Tagen zwei weitere Dosen ZMapp.

    Alle Affen wurden geheilt, obwohl die meisten schon Symptome wie Fieber, eine erhöhte Zahl weißer Blutkörperchen und einen Mangel an Blutplättchen hatten. Selbst Schleimhautblutungen gingen komplett zurück. Die drei Kontrolltiere der Studie starben.

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/ebola-wirkstoff-zmapp-heilt-affen-a-988901.html

  3. Andreas Hahn Antworten | Permalink

    Hi, ich verstehe deine Argumentation nicht, warum es 48 Stunden dauern soll, bevor die Antikörper-Wirkung spürbar eintritt.
    Du sagst, dass ein Vermehrungszyklus so lange dauert. Ich habe dazu leider keine Info finden können, aber das erscheint mir schon sehr lange. Wie ist denn deine Quelle?
    Aber okay, nehmen wir an nach 48h sind die betroffenen Zellen wohl dann lysiert, oder jede Menge Viruspartikel budden sich ab. Aber ist nicht vorher schon der Zellstoffwechsel stark beeinträchtigt? Wenn ich nun die zirkulierende Virusmenge drastisch reduziere, würde ich doch sofort für eine geringere Menge infizierter Zellen sorgen, oder? Gut, die Wirkung innerhalb einer Stunde, bzw. weniger Stunden ist meiner Meinung nach auch Unfug, aber ich könnte mir schon einen Effekt weit vor Ablauf von 48h vorstellen.
    Der Vergleich mit TGN1412 hinkt auch ein wenig, da ZMapp nicht gezielt auf Zellen des Immunsystems gerichtet ist wie TGN1412 (was schon mal ne blöde Idee war).

    Aber natürlich ist ein nicht getestetes Medikament sehr unsicher, keiner weiß, was eventuell passieren könnte!!! Abzuwägen ist hier leider Sache des Arztes.

  4. aeon Antworten | Permalink

    "Das ist schön, aber wenn plötzlich auf einen Schlag der ganze Körper mit sterbenden Zellen geflutet wird, dann fühlt man sich ganz sicher nicht auf dem Weg der Besserung, sondern erstmal so richtig dreckig."

    Kann jeder bestätigen, der schon mal eine Malaria-Attacke hatte. Fühlt sich ganz schön scheiße an.

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