Wie man Ebola besiegt – wenn man denn wirklich will

25. Oktober 2014 von Lars Fischer in Allgemein, Medizin, Politik

Nun gibt es also auch einen Ebola-Fall in New York. Freunde des Katastrophenfilms wissen: Erst wenn New York betroffen ist, geht es richtig los (mit Dank an @donalbain_de). Gut unterwegs ist allerdings schon die allgemeine Hysterie - allerdings nicht in Westafrika, wo man das nachvollziehen könnte, sondern in Europa und ganz besonders drüben in den USA. Dabei zeigen die bisherigen Erfahrungen mit diesem Ebola-Ausbruch, dass die Krankheit sehr wohl eingedämmt werden kann.

Die Lehren von Nigeria

Die größte Stadt Afrikas und ungefähr der letzte Ort, an dem man Ebola haben will. Bild: JRobin08 CC BY-SA 3.0

Lagos: Die größte Stadt Afrikas und ungefähr der letzte Ort, an dem man Ebola haben will. Bild: JRobin08, CC BY-SA 3.0

Mitbekommen habt ihr sicher, dass Nigeria und Senegal jeweils Ebolafälle hatten, die beide Länder aber relativ bald in den Griff gekriegt haben. Und das vor dem Hintergrund, dass gerade in Nigeria die Kacke schon richtig am Dampfen war. Dort ist nicht nur ein bereits todkranker und hochgradig infektiöser Patient von Monrovia in die Zwanzig-Millionen-Metropole Lagos geflogen, ohne dass ihn irgendwer am Betreten des Fliegers gehindert hätte. Während der Bekämpfung des Ausbruchs ist sogar noch ein Diplomat aus der Quarantäne geflohen und hat einen Arzt in einer anderen Stadt infiziert. Wie es dann weiter ging, ist purer Slapstick:

He continued treating patients at his private clinic for 2 days, operating on at least two of them. Between 13 and 16 August, he was ill enough that he stayed home, but, according to the WHO report, he received multiple visitors who came to celebrate the birth of a baby. On 16 August, he was hospitalized. He did not tell doctors there that he had been exposed to Ebola.

The WHO report is grim: “During his 6 day period of hospitalization, he was attended by the majority of the hospital’s health care staff,” it says, and members of his church community visited and performed a healing ritual that apparently involved laying on of hands. [...] It was not until 27 August that tests confirmed he was infected with Ebola.

Viel mehr kann in so einer Situation eigentlich nicht schief gehen, trotzdem hat sich die Krankheit nicht weiter ausgebreitet. Das Beispiel Nigeria zeigt, wie wichtig funktionierende Organisation in den betroffenen Ländern ist. Binnen drei Tagen nach der Ankunft des ersten Patienten in Lagos richtete das Gesundheitsministerium ein Notfallzentrum ein, basierend auf den Strukturen, die während eines Giftnotfalls 2010 und der Anti-Polio-Kampagne im Land entstanden. Das Zentrum hatte die nötige Autorität, um Maßnahmen zwischen den verschiedenen Akteuren abzustimmen - übrigens auch mit der Presse.

Mit diesen organisatorischen Voraussetzungen ist das nigerianische Gesundheitsministerium dann daran gegangen, alle Kontakte der bekannten Patienten zu finden und zu isolieren - erfolgreich. Ebenso wie anscheinend die Behandlung der Infizierten. Von 20 während des Ausbruchs an Ebola erkrankten Personen starben acht - damit war die Sterblichkeit deutlich unter den etwa 70 Prozent, die teilweise aus dem Epidemiegebiet berichtet werden.

Ebola auf der Plantage - Community-basierte Ebolabekämpfung

Auch in Westafrika selbst gibt es Erfolgsgeschichten, die zeigen, wie man Ebola vor Ort in den Griff kriegen kann. Das CDC veröffentlichte am 24. Oktober einen sehr lesenswerten Bericht, wie das Unternehmen Firestone auf einen Ebolafall im Umfeld einer seiner Gummibaum-Plantagen mit 8500 Arbeitern in Liberia reagierte. Das beschriebene Vorgehen ist im Wesentlichen das gleiche wie in Nigeria.

Firestone betreibt im Umfeld der gelegentlich durchaus kontroversen Plantage (manche werden sich noch erinnern) mehrere medizinische Einrichtungen, die insgesamt 80.000 Menschen erreichen. Nachdem die Betreiber der Pflanzung von den Gesundheitsbehörden alarmiert wurde, dass es einen Ebola-Fall in der Region lag, richtete das Unternehmen eine zentrale Stelle ein, die die Anti-Ebola-Maßnahmen in der Region der Plantage koordinierte. Außerdem entstand in einem abseits gelegenen Trakt einer Klinik ein Ebola-Behandlungszentrum mit insgesamt 23 Betten. Zwei mobile Teams - mit "religious leaders" an Bord - haben gleichzeitig die Kontakte der Infizierten in der Region abgeklappert und Betroffene mit hohem Ansteckungsrisiko überzeugt, 21 Tage in Quarantäne zu gehen. Dabei dürfte der lokale Pfarrer im Team sehr hilfreich gewesen sein.

Übersichtsplan der Gummibaum-Plantage mit umliegenden Siedlungen. Aus: CDC Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR) October 24, 2014 / 63(42); 959-965

Übersichtsplan der Gummibaum-Plantage mit umliegenden Siedlungen. Aus: CDC Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR) October 24, 2014 / 63(42); 959-965

Auf jeden Fall traten um die Plantage in August und September 71 Ebola-Fälle auf, mit 53 Toten. Im Firestone-Distrikt waren Ende September mit 0,09 % der Bevölkerung weit weniger Menschen infiziert als in der restlichen Provinz mit einer Inzidenz von 0,23 Prozent. Und obwohl die Quarantänemaßnahmen freiwillig waren, waren alle Kontakte, die sich angesteckt hatten, bei Krankheitsausbruch in Quarantäne (so dass man keine weiteren Kontakte einzufangen hatte). Das CDC wertet die Maßnahme als Erfolg.

Bemerkenswert sind vor allem zwei Dinge: Erstens, Firestone hat neben diesen Maßnahmen außerdem Schutzausrüstung an Familien mit anderweitig kranken Angehörigen verteilt und generell über Ebola aufgeklärt. Das CDC weist darauf hin, dass es angesichts der fehlenden Behandlungszentren möglicherweise notwendig wird, die familiäre Pflege ansteckungsfest zu machen. Möglicherweise wird man da noch auf die Firestone-Erfahrungen zurückgreifen. Zweitens, und das scheint mir auch nicht unwesentlich zu sein, hat das Unternehmen systematisch einen Community-basierten Ansatz verfolgt, bei dem die Dorfgemeinschaften Maßnahmen wie Überwachung und Isolierung mittrugen. Das reicht bis hin zu Maßnahmen gegen die Stigmatisierung Überlebender. Da hat jemand mitgedacht.

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Addendum: Die Bedeutung dieses Ansatzes zeigt sich daran, dass anderswo in der Region Helferteams Angriffen ausgesetzt waren und sogar ermordet wurden. Das Misstrauen gegenüber Institutionen, zumal fremden, ist in der Region erheblich - vermutlich eine Folge des Bürgerkrieges. Das bedeutet, dass die "internationale Gemeinschaft" nicht einfach hoppladihopp mit ordentlich Gerät und Leuten anrücken kann und dann Ebola unter Kontrolle bringt. Da muss erstmal Vertrauen aufgebaut werden. Warum ausgerechnet Firestone dieses Vertrauen anscheinend genießt, weiß ich nicht. Möglicherweise hat es mit dem zu tun, was Michael Blume immer sagt: Die Verbindlichkeit von Institutionen ist wohl wichtiger als ihre tatsächliche Qualität - Firestone ist seit 1926 in der Region. WHO und Co. täten gut daran, das im Hinterkopf zu behalten.

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Ebola im Krankenhaus - Heilung mit konventioneller Intensivmedizin

Schließlich gibt es ja noch die medizinische Behandlung. Es ist noch gar nicht so lange her, da galt Ebola weithin als ziemlich sicheres Todesurteil, man erinnere sich an die 90 Prozent Sterblichkeit, die überall rumgereicht wurden. Inzwischen zeichnet sich allerdings ab, dass der Unterschied zwischen unbehandeltem Ebola und vernünftiger medizinischer Betreuung ganz erheblich ist. Darauf deuten schon die Zahlen aus Nigeria hin, wirklich bemerkenswert ist aber, dass von den inzwischen 7 Patienten in den USA lediglich einer gestorben ist. Der Arzt Paul Farmer schreibt sogar in einer Kolumne, dass mit richtiger Behandlung bis zu 90 Prozent der Opfer überleben könnten.

Wenn das stimmt, warum sterben dann so viele Kranke? Ein Grund ist schlicht, dass man nach wie vor kaum etwas über Ebola beim Menschen weiß. Dieser Ausbruch ist meines Wissens der erste, bei dem für einige Patienten das komplette Arsenal medizintechnischer und analytischer Methoden zur Verfügung steht. Unter diesen Umständen wissen Ärzte natürlich viel genauer, was im Körper der Erkrankten zu jedem Zeitpunkt vorgeht, und wie man darauf reagieren kann.

Im Grunde ist die Erkenntnis die gleiche wie schon beim Eindämmen der Epidemie: Ebola ist keineswegs so unaufhaltsam, wie oft behauptet wird, und vor allem ist die Welt nicht auf irgendwelche neuartige Wundermittel angewiesen. Die vorhandenen Verfahren, konsequent umgesetzt, nehmen der Krankheit einen beträchtlichen Teil ihres Schreckens.

Eines der wichtigsten Mittel bei der Behandlung von Ebola: Kochsalzlösung. Bild: Iv1-07 014 CC BY-SA 3.0

Eines der wichtigsten Mittel bei der Behandlung von Ebola: Kochsalzlösung. Bild: Iv1-07 014 CC BY-SA 3.0

Das kann man im Detail einerseits in diesem ausführlichen Interview mit dem Arzt Bruce Ribner nachlesen, dessen Team zwei Ebola-Patienten heilte. Da geht es vor allem um den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt, der bei Ebola dramatisch gestört ist. Als deutlich dramatischer erwies sich der gerade letzte Woche in NEJM publizierte Fall des in Hamburg behandelten Senegalesen. Dieser Patient kam bereits schwer Krank in die Klinik, und einige seiner Symptome wie eine Darmlähmung, Durchfall und Schluckauf gelten als Zeichen für einen wahrscheinlich tödlichen Ausgang. Als die eigentliche Virusinfektion nachließ, entwickelte dieser Patient - vermutlich wegen der geschädigten Darmwand - eine schwere Blutvergiftung durch einen multiresistenten Keim, den die Hamburger Ärzte aber in den Griff bekamen. Das Ganze, wie angekündigt, nur durch klassische intensivmedizinische Behandlung und ohne irgendwelche ungetesteten Wundermittel.

Falsche Prioritäten

Eine Vakzine oder ein Medikament wären natürlich nice to have, die Suche danach verdient aber sicher nicht die überzogene Aufmerksamkeit, die sie derzeit bekommt.[1] Zumal Studien wie diese aktuelle Untersuchung immer wieder zeigen, dass nur 10-30 Prozent aller Präparate in klinische Studien diese auch erfolgreich absolvieren. Dass bei den jetzt geplanten Impfstoffversuchen überhaupt - wann auch immer - etwas Hilfreiches herauskommt, ist also gar nicht mal so sicher.

Das wäre im Grunde aber kein Beinbruch, denn wie oben gesehen, sind seit Monaten alle Voraussetzungen vorhanden, um Ebola einzudämmen. Wenn man denn mal die entsprechenden Ressourcen in die betroffenen Regionen brächte. So schlimm die Krankheit ist, auch jetzt noch hat kein Land mit einem halbwegs funktionierenden Gesundheitssystem mehr zu befürchten als sporadische Fälle. Das dürfte auch ein Grund sein, weshalb der Rest der Welt so lahmarschig reagiert: Wir sitzen das aus. Weil wir es können.

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[1] Bei Jürgen Schönstein im Blog habe ich in einem Kommentar noch mal zusammengefasst, wo ich das Problem bei den Vakzinen sehe. Aber ich mache da weder der WHO noch den Seuchenbekämpfern einen Vorwurf, dass sie es immerhin versuchen. Ressourcen für tatsächliche Maßnahmen scheint es ja nicht zu geben, außer mal wieder von den USA. Man könnte höchstens bemängeln, dass sich die Impfstoffentwickler als Feigenblatt für die Untätigkeit (und Unfähigkeit[2]) der Industrieländer missbrauchen lassen. Aber andererseits ist die Alternative auch nicht besser.

[2] Wenn jemals so'n deutscher Politiker wieder von nem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat faselt, lacht ihn aus.


8 Kommentare zu “Wie man Ebola besiegt – wenn man denn wirklich will”

  1. Friedhelm Antworten | Permalink

    Genialer Plan. Wobei: ....wo zaubern die betroffenen Länder Klinken und Personal her umd x-tausend infizierte intensivmedizinisch zu behandeln?

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Eine Ebolainfektion verläuft schnell und ist oft tödlich innert weniger Tage. Die Krankheit ist aber verglichen mit Grippe wenig infektiös. Frühere Ebolaausbrüche waren deshalb meist auf ein einziges Dorf oder eine kleine Region beschränkt. Dass der jetzige Ausbruch sogar Landesgrenzen überschritten hat ist ein Zeichen dafür, dass heute die (physische) Mobilität wesentlich größer ist als noch vor 50 Jahren - und das auch in Afrika, also in noch wenig entwickelten Gebieten.
    Eine hohe Mobilität ist ein idealer Nährboden für virale Infektionskrankheiten. Der Ebolaausbruch von 2014/15 zeigt also, dass freies regionales oder gar weltweites "commuting" ein hohes Gefahrenpotenzial mit sich bringt. Dies vor allem, wenn in bestimmten Weltregionen immer noch äusserst gefährliche Infektionskrankheiten grassieren. Ein weiteres Globalisierungsrisiko also. Nicht jede Form der Globalisierung ist gut, ein globales Funk.- und Datennetz ist vielleicht etwas Gutes, ein globales Virennetz aber nicht, egal ob die Viren elektronischer oder biologischer Natur sind.

  3. Michael Blume Antworten | Permalink

    Sehr guter Blogpost und danke für die Erwähnung, Lars! :-)

    Und es ist eben wie beschrieben: Wenn man Epidemien in den Griff kriegen möchte, muss man nicht nur den menschlichen Organismus, sondern auch die menschliche Psyche erstmal akzeptieren, wie sie sind.

    Und unter dem Gefühl akuter, existentieller Bedrohungen klammern sich Menschen überall auf der Welt an den Zusammenhalt von Religionsgemeinschaften und an Verschwörungstheorien. In Europa wurden Pestepidemien z.B. von Zügen sich selbst peitschender Flagellanten ("Geißler") und von Übergriffen gegen Juden und "Hexen" begleitet. Und auch die allermeisten Leserinnen und Leser dieses Blogs dürften die morbide Faszination von Katastrophenberichten kennen, bei denen sich das Gefühl einstellt, es werde irgendwie "endlich wesentlich".

    Der Mensch ist eben nur teilweise rational und "Not lehrt beten". Besser, wir lernen, mit uns selbst und damit auch mit Krisen umzugehen... http://www.blume-religionswissenschaft.de/pdf/BGAEUReligionGlueckBlume.pdf

    Nochmal danke für Deine unermüdliche Aufklärungsarbeit, Lars!

  4. Mona Antworten | Permalink

    "Die Verbindlichkeit von Institutionen ist wohl wichtiger als ihre tatsächliche Qualität"

    Tja, heute kann man im "Stern" lesen: "Das "National Center for Homeopathy", eine Vereinigung der Homöopathen in den USA, hat Ende Oktober eine Mitteilung auf seiner Internetseite veröffentlicht, in der es heißt: "Homöopathen weltweit haben ihre Anstrengungen aufgeboten, in die betroffenen Länder gelangen zu können, um an Ebola Erkrankte medizinisch zu behandeln." Vor Ort wolle man die Seuche untersuchen und herausfinden, welches homöopathische Gegenmittel am besten dagegen geeignet sei."
    http://www.stern.de/gesundheit/ebola-in-westafrika-homoeopathen-wollen-mit-kuegelchen-helfen-2149457.html

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