Kernkraftwerk Hamaoka in Japan: Maßnahmen zum Weiterbetrieb

25. Mai 2011 von Michael Khan in Irdisches

Bekanntlich kam es in Folge des schweren Erdbebens vor der Nordostküste Japans am 11. März 2011 zu einem schweren Störfall im Kraftwerkskomplex Fukushima 1. Wenn auch der Hergang der Ereignisse noch nicht komplett aufgearbeitet ist, wird doch ein Sachverhalt deutlich: Das Erdbeben selbst führte offenbar nicht unausweichlich zu der Havarie - mehrere Kraftwerkskomplexe in Nordostjapan waren ähnlichen seismischen Belastungen ausgesetzt, aber die Schadensverläufe gleichen einander nicht. Das Beben löste zunächst eine Reaktorschnellabschaltung in den Blöcken 1-3 des Komplexes Fukushima 1 (Blöcke 4-6 waren ohnehin wegen Wartungsarbeiten heruntergefahren, bei Block 4 waren sogar die Brennstäbe aus dem Druckbehälter entfernt und im Abklingbecken gelagert worden) und in den aktiven Blöcken der nahe gelegenen Komplexe Fukushima 2 und Onagawa aus.

Es ist wichtig, genau zu verstehen, wie der Hergang des Unglücks war und welche Versäumnisse es begünstigten. Japan wird, ebenso wie andere Länder, nicht auf die Kernenergie verzichten können. Da sollten zumindest aus diesem Unglück die erforderlichen Lehren gezogen werden. Es zeigt sich nämlich, dass die Kette der Ereignisse in Fukushima 1 keineswegs zwangsläufig und unausweichlich war. Relativ einfache Maßnahmen im Vorfeld, deren Kosten in Anbetracht der Folgekosten des Unglücks vollkommen vernachlässigbar gewesen wären, hätten wahrscheinlich dieses Unglück verhindert. Für Fukushima 1 kommen diese Erkenntnisse zu spät, aber sie müssen in anderen Anlagen umgesetzt werden. Wenn es nicht anders geht, auch zwangsweise.

Ich beziehe mich im Folgenden auf das verfügbare Material der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS), des Kraftwerksbetreibers TEPCO, der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA und auf diese bereits am 23. März 2011 publizierten Ergebnisse einer Sicherheitsstudie des Energieversorgungsunternehmens Chubu Electric, das das 400 km südlich liegende Kernkraftwerk Hamaoka betreibt, auf das ich noch zu sprechen kommen werde.

Zurück zum 11. März, nach dem Erdbeben: Mit der Reaktorschnellabschaltung starteten in allen betroffenen Komplexen die dieselmotorbetriebenen Notstromaggregate, die die elektrische Leistung für die Umwälzpumpen zur zwingend erforderlichen Nachkühlung der Reaktorkerne und der Abklingbecken liefern. In der Stunde nach dem Erdbeben traf eine Serie von Tsunamis die Anlage, wobei die Höhe des Run-up mehr 14 Meter über dem örtlichen mittleren Wasserstand des Ozeans lag.

In vielen Berichten wird nicht zwischen der eigentlichen Wellenhöhe und dem Run-up unterschieden. Erstere ergibt sich aus der transportierten Energie, letzterer ist stark von der lokalen Topographie abhängig - in einer trichterförmigen Bucht können sowohl wind- als auch bebengenerierte Meereswellen beim Auftreffen auf Land viel höher gelegene Gebiete erreichen, als ihrer eigentlichen Höhe entspricht. Falls Sie einmal vor einem Tsunami fliehen, sollten Sie das bei der Wahl ihres Fluchtortes berücksichtigen.

Der Komplex Fukushima 1 war durch eine Schutzmauer gegen Tsunamis von bis zu 5.7 Meter Höhe geschützt. Die Grundfläche der Anlage selbst lag 10 Meter über dem Ozean. Weil der Run-up mehr als 14 Meter hoch war, wurde der Komplex mit mehreren Metern Wasser überschwemmt. Dies hatte zweierlei zur Folge:

  • Zum einen fielen die Pumpen aus, mit denen Meerwasser für den Sekundärkreislauf zur Abfuhr der Abwärme gefördert wurde
  • Zum anderen drangen große Mengen Meerwassers durch nicht ausreichend gesicherte Türen in Gebäude ein, die die Dieselgeneratoren beherbergten und setzten diese außer Betrieb
Skizze (hier größer) der Tsunami-Überflutung des Geländes von Kraftwerkskomplex Fukushima 1. Der Tsunami mit einer Wellenhöhe von über 14 Metern überrannte mühelos die Schutzmauer, die Pumpen der Meerwasserzuführung und die Böschung zum eigentlichen Kraftwerksgelände, wo es Kraftwerksgebäude mehrere Meter hoch umflutete und Türen eindrückte, unter anderen die zu den Räumen mit den Notstromaggregaten. Quelle: TEPCO/GRS
Hier (größer) im Kontrast dazu die Situation im Komplex Fukushima 2. Obwohl auch hier die Schutzmauer überrannt wurde, waren die Pumpen ausreichend geschützt und das eigentliche Kraftwerksgelände wurde nicht überflutet. Damit blieb die Notkühlfunktion erhalten. Quelle: TEPCO/GRS

Karte der Gelände beider Komplexe mit Wasserständen und Überflutungshöhen. Auch hier ist ersichtlich, dass der Komplex Fukushima 2 wenig bis gar nicht überflutet wurde, wohingegen die Gebäude im Komplex Fukushima 1 meterhoch vom Wasser umschlossen waren. Quelle: TEPCO/GRS

Der Ausfall der Stromversorgung und der Meerwasserzufuhr führte zum Ausfall der Notkühlung und damit in rascher Folge zur wahrscheinlich irreparablen Beschädigung des Komplexes Fukushima 1 und zu erheblicher Freisetzung von Radionukliden. Im Gegensatz dazu ist der Komplex Fukushima 2 mit seinen vier Blöcken heute in sicherem Zustand, weil dort die Notkühlung gewährleistet blieb, ebenso die ebenfalls in der Erdbebenzone befindlichen Komplexe Onagawa und Tokai 2 mit drei Blöcken bzw. einem Block. Der offenkundige Unterschied liegt in dem Grad der Überflutung, bzw. den Maßnahmen, mit denen die Anlage vor Überflutung geschützt wurde.

Kraftwerkskomplex Hamaoka

Und nun zum Kraftwerkskomplex Hamaoka in der Präfektur Shizuoka, von dem in letzter Zeit in den Medien berichtet wurde. Hamaoka befindet sich etwa 400 km südlich von Fukushima und weniger als 200 km südlich der Metropole Tokio.

Der Komplex gehört nicht dem Fukushima-Betreiber TEPCO, sondern dem EVU Chubu Electric und umfasst fünf Siedewasserreaktoren, von denen die zwei ältesten noch aus den 70ern stammen und bereits seit 2009 permanent abgeschaltet sind und rückgebaut werden sollen. Der jüngste und größte Block 5 wurde erst 2004 in Betrieb genommen und ist der erste einer moderneren Baureihe mit diversen Verbesserungen, auch im Bereich der Sicherheitstechnik. Mit dem Bau eines sechsten Reaktorblocks wurde begonnen.

Der Kraftwerkkomplex Hamaoka ist, wie auch Fukushima 1 und 2, in unmittelbarer Meeresnähe gebaut. Im Gegensatz zu Fukushima 1 und 2 mit ihren (im gegebenen Fall zu niedrigen) Wellenschutzmauern ist das Gelände meerseitig von einer 60-80 Meter breiten und 10-15 Meter hohen Düne geschützt. Das Gelände selbst liegt nur zwischen 6 und 8 Meter über dem Meeresspiegel, noch weniger als Fukushima 1, wo die Geländehöhe 10 Meter beträgt.

Die Betreiber haben recht schnell auf die Katastrope in Nordjapan reagiert und den Zustand des Kraftwerkskomplexes Hamaoka im Licht der Ereignisse in Fukushima untersucht (Hier eine Zusammenfassung der Ergebnisse). Zunächst wurde unter Zugrundelegung der Daten vergangener Seebeben die erwartete Tsunamihöhe simuliert. Dabei kam man auf eine Run-Up-Höhe von nur 8 Metern, selbst im schlimmsten Fall. Falls das so ist, würde schon die Düne ausreichenden Schutz bieten, selbst wenn das Gelände selbst tiefer liegt als in Fukushima 1. Auf dem Gelände des Komplexes befinden sich landeinwärts von den Kraftwerken Hügel von mehr als 20 Metern Höhe über dem Meeresspiegel.

Allerdings werden selbst vom Betreiber schon zu diesem Zeitpunkt weitere Maßnahmen vorgeschlagen:

  • Bau einer Schutzmauer von mindestens 12 Metern Höhe (allerdings über dem Meeresspiegel, nicht über dem Gelände)
  • Ummantelung der Meerwasserpumpen für die Kühlwasserzuführung mit massiven Stahlpanzern einer Stärke von 8 cm.
  • Gesicherte Bereitstellung von Reservemotoren für den Pumpenantrieb (Laut zitiertem Bericht war die Bereitstellung der Reservemotoren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung (23.3.2011) für die Pumpen der Blöcke 3 und 4 erfolgt, für die Pumpen des Blocks 5 waren sie bestellt - was aber auch heißt, dass vor den Ereignissen in Fukushima keine Reserveeinheiten vor Ort waren)
  • Verifizierung der Solidität der wasserdichten Türen der Reaktorgebäude. In Fukushima 1 hielten sie dem Druck der meterhohen Überflutung nicht stand. In Hamaoka wurde die Funktionstüchtigkeit verifiziert, Maßnahmen zur Verstärkung werden erwogen.
  • Gesicherte Bereitstellung mobiler Generatoren und Batterien zur Überbrückung in Anbetracht der Erkenntnis, dass in Fukushima 1 der Ausfall der Notstromaggregate zum Verlust der Notkühlung führte. Laut Bericht wurden drei mobile (auf LKW montierte) Generatoreinheiten und drei weitere portable Generatoren in gesicherten Standorten bereitgestellt. Das heißt allerdings auch, dass es bis Fukushima keine solchen Vorsichtsmaßnahmen gab.
  • Weitere dieselbetriebene Notstromaggregate sollen auf dem Hügel im Kraftwerksgelände installiert werden, so hoch, dass sie von Tsunamis nicht erreicht werden können. Das heißt, dass es aktuell keine solchen Notfallvorkehrungen in diesem Kraftwerkskomplex gibt.
  • Lager für Ersatzteile und Reserveausrüstung soll ebenfalls auf dem Hügel in ausreichender Höhe bereitgestellt werden. Das heißt, dass bis jetzt keine solchen Maßnahmen getroffen worden sind.
  • Zuletzt wird die Notwendigkeit des Trainings des Bedienpersonals für das Verhalten in Krisensituationen angesprochen. Spezifisch geht es um das Wiederherstellen der Notkühlung oder der Notstromversorgung und die Reparatur ausgefallener sicherheitskritischer Komponenten. Die Tatsache, dass Implementation und Durchsetzung solcher Trainingsmaßnahmen ausdrücklich als notwendige Verbesserung angesprochen werden, lässt darauf schließen, dass es in diesem Punkt ein Defizit gibt - vielleicht nicht nur in Hamaoka, sondern auch in Fukushima? Ich halte diesen Punkt sogar für zentral. Die beste Ausrüstung nutzt nichts, wenn das Personal nicht ausreichend trainiert wurde. Das gilt in jedem Bereich, wo komplexe Technik zum Einsatz kommt, bei der eine Fehlbedienung oder eine verzögerte oder unzureichende Intervention im Störfall schwerwiegende Folgen haben kann. Ganz sicher bei Kraftwerken aller Art, aber genau so auch in der Luftfahrt, in der Schiffahrt und im Betrieb von Raumsonden. 

Ich bin kein Seismologe und kann deswegen die Wahrscheinlichkeit des Auftreten eines Tsunamis an der Küste von Hamaoka, dessen Run-up die Höhe von 8 Metern deutlich überschreitet, nicht beurteilen. Die genannten Vorsichtsmaßnahmen erscheinen mir aber nicht als Luxus der "Hosenträger plus Gürtel"-Kategorie, sondern als unabdingbare Vorausbedingung für den Betrieb der Anlage.

Der japanische Premierminister Kan wurde dafür kritisiert, dass er die vorübergehende Stilllegung des Kraftwerkskomplexes Hamaoka anordnete, bis geeignete Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt wurden. Diese Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Ist doch klar, dass das das gemacht werden muss. Will da wirklich jemand die paar Yen sparen, die diese Maßnahmen kosten?

Weitere Information

Matters Addressed at the Hamaoka Nuclear Power Station in Light of the Tohoku-Pacific Ocean Earthquake (pdf), Quelle: Chubu Electric Power Co, 23. März 2011

TEPCO-Analysen zum Zustand der Reaktorkerne in den Blöcken 1-3 und vorläufige Einschätzung der GRS, Quelle: Gesellschaft für Reaktorsicherheit


19 Kommentare zu “Kernkraftwerk Hamaoka in Japan: Maßnahmen zum Weiterbetrieb”

  1. Joachim Antworten | Permalink

    Eigentlich fand ich die Informationspolitik recht vorbildlich. Von Anfang an haben und doch die Japaner gesagt, dass eine Kernschmelze in allen drei Reaktoren vorliegen könnte, dass man es aber nicht weiß, weil man nicht hineinsehen kann. Jetzt wissen sie es besser und informieren sofort die Öffentlichkeit. Dieses TEPCO-bashing mag sich ja ganz gut verkaufen, angemessen ist es nicht.

    [Vor allem ist Vergleich mit der Katastrophe in Tschernobyl nicht angemessen, weder was die Schwere des Unglücks angeht, noch in punkto Information. Man erinnere sich: Die Katastrophe in Tschernobyl wurde verheimlicht, bis es nicht anders ging.

    Man kann an der Informationspolitik von TEPCO einiges kritisieren, und das passiert auch in Japan. Aber man sollte schon das rechte Maß halten. MK]

  2. Michael Khan Antworten | Permalink

    Angst ist ein schlechter Ratgeber

    Leute, die emotional an dieses Thema herangehen, gibt es nun wirklich genug. Ich finde auch nicht, dass es etwas bringt, sich einfach nur Behauptungen um die Ohren zu hauen. Wenn man damit fertig ist, haben beide Seiten rote Ohren und das Problem ist der Lösung keinen Deut näher.

    Eine emotionaler Äußerung findet jede Menge Zustimmung, eine nüchterne weniger - das ist zwar so, sagt aber nichts über die Wichtigkeit der jeweiligen Äußerungen aus.

    Man kann darauf bestehen, dass die Nutzung der Kernenergie nicht vertretbar ist, weltweit. Ich stimme dem nicht zu, aber meine Meinung ist jetzt mal gerade egal. Wesentlich ist dagegen: Egal, was ich oder sonst jemand sagen oder denken - Fakt ist, dass weltweit viele Kernkraftwerke in Betrieb sind und es ist realistischerweise davon auszugehen, dass das auch noch in absehbarer Zukunft so sein wird.

    Das gilt auch in Japan. Das Mindeste, was man jetzt tun kann, ist aus dem Unglück lernen und die erforderlichen Maßnahmen ergreifen. Wie man im gegebenen Fall sieht, sind es gar nicht einmal besonders ausgefeilte Dinge, auf die keiner der Entscheider hätte kommen können. Im Gegenteil, es handelt sich um Dinge, die so offensichtlich sind, dass man sich fragt, wieso das nicht von vorneherein verstanden wurde.

    In einer von Tsunamis heimgesuchten Region sollte man solche Anlagen nicht direkt am Meer bauen. Zumindest sollte man alle sicherheitskritische Anlagenteile gegen eine Überflutung sichern. Vorsichtshalber baut man sie auf einen Hügel. Und dann stellt man auch noch ein paar mobile Einheiten daneben, für alle Fälle.

    Das alles sind doch wohl keine Anforderungen, auf die nur ein Genie kommen kann. Im Gegenteil, es sind Offensichtlichkeiten. Keine Technik ist per se sicher sie muss sicher gemacht werden. Ja, das kostet, aber was soll's, dann kostet das halt. Die Investition in die Sicherheit ist ... alternativlos.

    Nüchtern betrachtet: Entscheider, die sich an Zielen wie Kostensenkung und Shareholder Value orientieren, werden ethischen und moralischen Argumenten vielleicht gar nicht zugänglich sein. Aber diese Leute sollte sich wenigstens mal überlegen - wenn sie schon keine andere Sprache verstehen - dass es genau diese Denke war, die das Unternehmen TEPCO wahrscheinlich in den Ruin gerissen hat, und die japanische Wirtschaft gleich mit.

  3. Joachim Antworten | Permalink

    @Michael Khan

    Sicher kann man einiges kritisieren, allerdings habe ich den Eindruck, dass der anfängliche Informationsmangel kein Zeichen schlechter Informationspolitik, sondern mangelndes Krisenmanagements war. Soll heißen: Die wussten einfach selbst nicht, was vor sich geht.

    Das liegt natürlich daran, dass die Ingenieure vor Ort alle Hände voll zu tun hatten und entsprechend wenig an das Management weitergeben konnten. So jedenfalls kam es mir vor. Kann sein, dass es nicht stimmt und dass tatsächlich Tatsachen verheimlicht wurden. Hast du mehr Information.

    Ansonsten stimme ich deinen Ausführungen beinahe ausnahmslos zu und bin fast geneigt zu behauten, dass Kernkraftwerke nicht in die Hände von privatwirtschaftlich organisierten Unternehmungen gehören. Ob ein staatlich organisierter Betreiber das Krisenmanagement besser hinbekommen hätte, weiß ich nicht. Aber die Kompetenzen und vor allem Verantwortlichkeiten wären eindeutiger gewesen.

    [Ich denke, man muss unterscheiden, wer informiert wurde. TEPCOs Verhalten gegenüber der Öffentlichkeit war alles andere als geschickt. Erst zwei Tage nach dem Beben, als die Situation wirklich schon extrem kritisch ist - nach Ausfall der Notkühlung in mindestens zwei Blöcken, nach dem (zu späten) Venting des Containments von Block 1, nach dem Beginn der Einspeisung von Meerwasser in den Druckbehälter von Block 1, nach Wasserstoffexplosionen, die große Teile vom Gebäude von Block 1 und dann Block 3 zerreißen, und wie wir jetzt wissen, nach Einsetzen der Kernschmelze in mindestens einem Block, da gibt am Abend des 13.3. das Management der Firma die erste Pressekonferenz. Sowas geht einfach nicht. Das kann man nicht machen.

    Selbst wenn die nicht umfassend informiert waren - dass sie noch keinen genauen Überblick hatten, ist durchaus plausibel - dass sie ein wirklich ernstes Problem haben, ist ihnen doch bestimmt nicht erst nach zwei Tagen gedämmert. Hier die Timeline der Ereignisse in Fukushima dai-ichi.

    Die Regierung wurde zwar schneller informiert aber wirklich zufrieden mit deren Informationspolitik und deren Krisenmanagement war man regierungsseitig weniger.

    Ich denke nicht, dass ein staatlich geführtes Unternehmen besser auf die Katastrophe vorbereitet gewesen wäre. Ich denke vielmehr, Teil des Problems war, wie oft in Japan, ein zu kuscheliges Verhältnis zwischen Industrie und Staat. Meine Meinung: Der Wirtschaft obliegt der Betrieb von Industrieanlagen, und dem Staat obliegt es, die Wirtschaft mit strengen Vorgaben und harten Kontrollen an der Kandare zu haben. Der Staat soll gerade kein direktes, eigenes finanzielles Interesse an der Nuklearwirtschaft haben, denn dann entsteht ein Interessenkonflikt - wenn er harte Sicherheitsvorgaben entlässt, schadet er sich selbst finanziell. Genau darauf soll aber die Kontrollinstanz keine Rücksicht nehmen müssen: Sicherheit geht vor. MK]

  4. Joachim Antworten | Permalink

    Am Wasser gebaut

    Dass die meisten Atomkraftwerke an der See gebaut werden, ist natürlich nicht reine Dummheit. Die brauchen das Kühlwasser. Aus dem gleichen Grund sind die deutschen Kernkraftwerke alle an großen Flüssen gebaut. Ich bin mir nicht sicher, ob es in Japan genügend geeignete Plätze an Flüssen gibt.

    [Vor allem gibt es in Japan nicht genug große Flüsse. Eigentlich gar keine.

    Dass Kernkraftwerke Kühlwasser brauchen und deswegen in Meeresnähe gebaut wurden, weiß sogar ich kleiner, dummer Ingenieur. (Beleg: Im Artikel habe ich es mehrfach explizit erwähnt).

    Aber daraus kann doch wohl man nicht ableiten, dass sie direkt am Ufer stehen müssen, sodass, wenn die Schutzmauer nicht ausreicht, gar kein Schutz vor der Überschwemmung durch einen Tsunami besteht.

    Ich vermute mal, dass weder Dummheit noch zwingende technische Gründe für die bauliche Auslegung verantwortlich zeichnen, sondern schlicht ökonomisches Kalkül ... OK, also doch Dummheit. Der ufernahe Standort minimiert die Länge der Rohrleitungen und die erforderliche Pumpleistung. Und wenn einem mal was ausläuft, dann kann man das relativ einfach im Meer entsorgen. Idealerweise, ohne dass es jemand mitkriegt. Falls solches Kalkül dahintersteckt, dann würde ich sagen: In Fukushima 1 hat es sich nicht ausgezahlt. MK]

  5. Gunnar Glitscher Antworten | Permalink

    TEPCO: Vielleicht, vielleicht auch nicht

    Summary of results

    (oder: Wo sind eigentlich die Brennstäbe?)

    'Analysis results show that although thecores were partially melted, they remained within the fuel areas and RPVs were not damaged. However, if we assume water levels were lower, results indicate that RPVs were damaged.'

    'Seeing that measured temperature around RPV in each plant now shows the trends from which we can expect large part of fuel remains within RPV and that now we stably continue water injection which sufficiently cools reactors, we don’t think it will develop into a worse situation.'

    http://www.tepco.co.jp/en/press/corp-com/release/betu11_e/images/110524e14.pdf

    Ist das nun 'Angstmacherei' oder nüchterner Realismus?

    http://www.welt.de/wissenschaft/article13392255/Die-Angst-vor-den-hochradioaktiven-Corium-Klumpen.html

  6. Joachim Antworten | Permalink

    Entschuldigung

    "Dass Kernkraftwerke Kühlwasser brauchen und deswegen in Meeresnähe gebaut wurden, weiß sogar ich kleiner, dummer Ingenieur."

    Es war nicht meine Absicht, zu beleidigen. Tut mir Leid, wenn das so angekommen ist.

  7. Clear Skies Antworten | Permalink

    @ Joachim - Informationspolitik
    Auf Wunsch des Kommentators wurde der Kommentar gelöscht. MK

  8. Joachim Antworten | Permalink

    @Clear Skys

    Eine sachliche Diskussion dieses Themenkomplexes ist wohl zur Zeit nicht möglich. Das hätte ich wissen müssen. Tut mir Leid, dass ich mich eingemischt habe.

    [Ich hatte eigentlich meinen Artikel als Beitrag zu einer sachlichen Diskussion verstanden und deine Kommentare ebenso. Dass auch mal Kommentare ins Unsachliche abgleiten, ist unvermeidlich, aber ich denke, damit muss man leben. Das Problem geht ja nicht weg, nur weil es nicht diskutiert wird. MK]

  9. Joachim Antworten | Permalink

    Hi,

    nach einem Telefongespräch mit Clear Skies und einem Mittagessen, möchte ich nochmal kurz erläutern, was mich geritten ist, die Diskussion so kurzatmig abzubrechen.

    1) Ich finde diesen Beitrag von dir, Michael, wieder einmal sehr gelungen und habe ja schon bemerkt, dass ich weitgehend übereinstimme. In dem einen Punkt, ob man die Kraftwerke weiter von der Küste weg bauen könnte und sollte, bin ich nicht sicher, wie weit das machbar und nötig ist. Mir fehlt einfach die Information. Wie viel sicherer wird die Anlage dadurch, wie viel Energie würde durch zu lange Pumpleitungen wieder verloren gehen? Ich wollte natürlich auch nicht unterstellen, dass dir die Notwendigkeit zu Kühlen unbekannt ist. Ich wollte nur anmerken, dass das Problem vielleicht schwieriger zu lösen ist, als auf den ersten Blick offensichtlich.

    Dass die Betreiber der Kernkraftwerke annehmen, sie könnten radioaktive Abwässer unbemerkt entsorgen, halte ich für unwahrscheinlich. Radioaktivität ist zu einfach nachweisbar.

    2) Mit den Unsachlichkeit muss ich mich offensichtlich selbst einbeziehen. Ich selbst arbeite im technischen Umfeld (meine Arbeit ist die eines Ingenieurs nicht unähnlich) und stehe in der Arbeit häufig unter Druck, weil Strahlzeit am FEL wertvoll ist.

    Wenn fünfzig Ingenieure in einem Kraftwerk unter Einsatz ihres Lebens versuchen zu retten, was zu retten ist, dann neige ich dazu, mich in deren Lage zu versetzen. Manchmal bin ich dann versucht, sie zu verteidigen. Leute, die im Kernkraftwerk arbeiten, sind vermutlich keine Unmenschen. Sie verdienen Respekt.

    Ich möchte niemanden verdächtigen, ihnen diesen Respekt bewusst zu verweigern. Manchmal scheint mir die Berichterstattung aber einfach den Arbeitern und auch den Managern gegenüber unfair. Wenn jemand um des Profit willens Menschenleben aufs Spiel setzt, dann verdient er Verachtung. Aber das ist eine ernste Unterstellung, die man nicht leichtfertig machen sollte.

    3) Nicht nur die Ingenieure und Manager, auch die Journalisten stehen in solchen Situationen unter Stress. Ihr Job ist es zu informieren und zu hinterfragen. Manchmal müssen sie über Dinge informieren, die sie selbst nicht verstehen. Ich ärgere mich jedesmal, wenn ich schlechte Berichterstattung zur Kernkraftdebatte sehe. Aber andererseits habe ich Verständnis, dass auch die Journalisten trotz gewissenhaften Arbeitens Fehler machen.

    Wir haben es also mit einem Komplizierten Problem zu tun und es mischen viele Gefühle mit. Auf der einen Seite Angst vor dem GAU, auf der anderen Seite Wut darüber, dass den Arbeitern in Fukushima unrecht getan wird, wenn man sie als Bösewichte darstellt.

    Das schöne an diesem Blogartikel ist, dass Michael Khan von der Schuldfrage ein Stück weit abrückt und nach den Lehren forscht, die wir daraus ziehen können. Ich werde jetzt Abstand davon nehmen, hier weiter emotional mitzudebattieren, weil das dem Artikel nicht angemessen ist.

    Bitte verzeiht mir beide meine Ungeduld.

  10. Michael Khan Antworten | Permalink

    @Joachim

    [Zur Frage, ob die Kraftwerke wirklich so dicht an der Küste stehen müssen oder vielleicht doch ein paar Hundert Meter weiter weg]

    Joachim schrieb:

    Ich wollte nur anmerken, dass das Problem vielleicht schwieriger zu lösen ist, als auf den ersten Blick offensichtlich.

    Gegenfrage: Es mag schwieriger zu lösen sein als die direkte Platzierung in unmittelbarster Meeresnähe. Aber ist nicht angesichts der Konsequenzen der Überflutung nicht ausreichend gesicherter Anlagen von zentraler Bedeutung für das Sicherheitssystem auch eine technisch aufwändigere Platzierung dennoch vorzuziehen?

    Wenn jemand um des Profit willens Menschenleben aufs Spiel setzt, dann verdient er Verachtung. Aber das ist eine ernste Unterstellung, die man nicht leichtfertig machen sollte.

    Das stimmt. Den Schuh muss ich mir auch anziehen. Am Ende ist es alles ein bisschen komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheinen mag, wie du selbst sagst.

    Einerseits ist es immer so, dass bei der Auslegung eines Sicherheitskonzepts eine Abwägung vorgenommen werden muss - auf der einen Seite die Schwere des Schadens und die Wahrscheinlichkeit des Eintretens, auf der anderen Seite die Kosten für die Vorbeugung. Sicher kann es dazu kommen, dass die Abwägung zu einer im Nachhinein als falsch erkannten Entscheidung führt. Das allein macht den Entscheider nicht zum Verbrecher.

    Nur geht es ja in meinem Artikel um ganz konkrete Maßnahmen, die zur Verbesserung der Sicherheit ergriffen werden müssen. Diese Maßnahmen habe nicht ich mir ausgedacht, sondern ich habe sie einem Papier einer japanischen EVU entnommen. Die listen eine Anzahl Dinge auf, die getan werden müssen. Alles konkrete, offensichtliche, simple Dinge.

    Das ist konkret, also erlaube ich mir auch eine konkrete, fallbezogene Bewertung, nicht eine allgemeine.

    Und die lautet, dass ich es unverständlich finde, dass in Anbetracht der örtlichen Gegebenheiten solche vernünftigen und keinesfalls übetrieben erscheinenden Maßnahmen wie das Vorhalten von Reserveeinheiten und die Errichtung der Notstromdieseln auf sicherem Grund erst jetzt angegangen werden.

    Formal setze ich mich immer noch dem Vorwurf aus, als Außenstehender nicht im Detail informiert zu sein. Aber das erlaube ich mir jetzt einfach mal. Auf der Basis dieser Information ist meine Meinung wie folgt:

    - Der Betrieb dieser Anlage ohne die angesprochenen Sicherungsmaßnahmen erscheint mir als der Risikosituation unangemessen.
    - Die Entschedung der japanischen regierung, dieses Kraftwerk bis zur Nachrüstung stillzulegen, halte ich für vernünftig und angemessen.
    - Ich kann nur hoffen, dass derartige Analysen für alle Anlagen durchgeführt und dass etwaige als erforderlich erkannte Nachrüstungen unverzüglich vorgenommen werden.

    Und weniger geschraubt: "Das sind Kleinigkeiten im Vergleich zum Risiko, wenn man es nicht tut. Warum hat man das nicht schon längst gemacht?"

  11. Gunnar Glitscher Antworten | Permalink

    Frühe Warnungen - nicht nur vor Tsunamis

    'Relativ einfache Maßnahmen im Vorfeld, deren Kosten in Anbetracht der Folgekosten des Unglücks vollkommen vernachlässigbar gewesen wären, hätten wahrscheinlich dieses Unglück verhindert. Für Fukushima 1 kommen diese Erkenntnisse zu spät, aber sie müssen in anderen Anlagen umgesetzt werden.'

    Zum Gesamtbild gehört auch, dass in Japan schon mehrfach AKW durch Erdbeben beschädigt wurden (jüngst auch die Anlage Hamaoka: 'Damaged pipes were located in the Unit 5 condenser and the operator estimated that about 5 tons of seawater may have entered the reactor itself.'), und dass es aus fachlichen Kreisen durchaus Bemühungen gab, den Beben- und Tsunami-Risiken durch bauliche Maßnahmen konsequenter zu begegnen.

    Wohlgemerkt - es waren Japaner, die diese Forderungen erhoben. Der Atomgemeinde in Deutschland, aber auch der recht halbseidenen 'Atomaufsicht' IAEA war es schnurzpiepe egal, dass in Japan Zeitbomben ticken.

    Auch im Zuge der Erweiterung des jetzt abgeschalteten AKW Hamaoka gab es 'Spinner' und 'Hysteriker', auf die man nicht hören wollte:

    'Der Bau des Kraftwerks wurde erheblich kritisiert, da es sich direkt bei einer Subduktionszone befindet, weshalb Erdbeben in der Gegend häufig vorkommen.'...'So führte der Bau des fünften Blocks zur Gründung der lokalen Anti-Atomenergie-Bewegung (engl. Society of Reviewing Hamaoka Nuclear Power Plants)...'

    http://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Hamaoka

    Dass Japans Regierungschef nun die Abschaltung verfügte, war keine Heldentat, die Idee hatten schon kompetentere Leute, denen nicht erst ein multipler Super-GAU vor der Haustür auf den Gaul der Erkenntnis helfen musste:

    'Professor Katsuhiko Ishibashi, a former member of a government panel on nuclear reactor safety, claimed in 2004 that Hamaoka was 'considered to be the most dangerous nuclear power plant in Japan'...'In 2007, following the 2007 Chketsu offshore earthquake, Dr Mogi, by then chair of Japan's Coordinating Committee for Earthquake Prediction, called for the immediate closure of the plant.'

    http://en.wikipedia.org/...oka_Nuclear_Power_Plant

    Die Dramatik und Tragik des Versagens des verantwortungsscheuen globalen Atomclubs (nicht nur des jetzt gerne vorgeführten Buhmannes TEPCO) ist diesem Artikel zu entnehmen:

    'Aber was half es, vor den gefährlichen Flutwellen zu warnen? "Es lief ab wie immer", sagt Yamaguchi. "Einer gegen ein Dutzend Tepco-Leute. Und die sagten, alles sei in bester Ordnung."

    Bis um 14.46 Uhr. Da war es vorbei mit dieser Ordnung. Plötzlich wankte das Sitzungsgebäude.'

    http://www.spiegel.de/...gel/0,1518,764069,00.html

    Meine Meinung: In einer Erdbebenregion wie Japan, hätte niemals auch nur ein einziges Kernkraftwerk errichtet werden dürfen. Zu meinen, mit ein paar Nachbesserungen blieben dem Land künftige 'Atomkrisen' erspart, ist m. E. ein frommer Wunsch.

    Keine Frage - natürlich muss nun alles getan werden, um die Risiken zu minimieren. Dazu gehört aber auch, sich von dem Gedanken zu befreien, die Nutzung der Kernkraft sei unverzichtbar. Alternativen gibt es auch für Japan, z. B.:

    http://www.heise.de/tp/blogs/2/149472

    Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hatten die Betreiber von kerntechnischen Anlagen, unterstützt mit horrenden Kapitalmitteln, Gelegenheit, ihr Können (und ihren guten Willen) unter Beweis zu stellen. Wenn sich nun immer mehr Leute enttäuscht und erschrocken abwenden, ist das eine gute Sache und kann das Beschreiten innovativer Wege der Erzeugung und des Umgangs(!) mit Energie nur beschleunigen.

    Emanzipative Entwicklungen in demokratischen Gesellschaften muss man nicht beklagen. Irgendwann werden auch Herr Großmann/RWE und selbst Herr Amano/IAEA damit aufhören - schließlich ist die Macht mit uns... ;-)

    http://www.spiegel.de/...and/0,1518,764960,00.html

  12. Michael Khan Antworten | Permalink

    Zitate und Schlussfolgerungen

    Ich finde es bedauerlich und wenig hilfreich, aber leider sehr typisch dafür, wie die Debatte zu solchen Themen in der Regel verläuft, dass einfach nur eine Anzahl aus Wikipedia oder der allgemeinen Presse zusammengesuchten Zitate, garniert mit reichlich Beleidigungen und Unterstellungen, die Recherche und Argumentation ersetzen.

    Der zitierte Seismologie Katsuhiko Ishibashi selbst kommt keineswegs zu dem Schluss Kernkraftwerke seien nicht verantwortbar, siehe in diesem Artikel, dessen Autor Professor Ishibashi selbst ist. Zitat:

    [...]the guidelines should require that a nuclear power plant, no matter where it is located, should be designed to withstand at least the ground acceleration caused by an earthquake of about a 7.3 magnitude, roughly 1000 gal. In fact, however, the new guidelines require only about 450 gal. This figure should be raised substantially, and all existing nuclear power plants should be examined rigorously according to the revised criteria. The facilities that cannot be improved under the revised criteria should be shut down.

    Das ist, wenn Ishibashi belastbare Begründungen für die von ihm genannten Grenzwerte liefern kann, eine sachliche und verifizierbare Äußerung, der ich voll zustimmen würde. Daraus lese ich allerdings nicht, dass dieser Experte Kernkraftwerke in einer seismisch aktiven Region wie Japan generell für unverantwortbar hält.

    Wer selbst meint, sie seien nicht zu verantworten, mag das ja gern tun. Wenn man es dann auch noch schlüssig begründen kann, umso besser. Insbesondere wenn man das nicht kann, sollte man auch zur Kenntnis nehmen, dass die eigene Meinung nur eine von vielen möglichen ist.

    Es ist grundsätzlich verdächtig, wenn in einer Frage, insbesondere einer technischen und wissenschaftlichen Frage, in wirklich derartig auffälliger Weise nicht nur die Deutungshoheit, sondern auch die moralische Überlegenheit der eigenen Seite beansprucht wird. Allein das erregt bei mir schon heftigen Argwohn. Unwahrscheinlich, dass diese Haltung einer wirklichen Problemlösung dienlich ist.

  13. Joachim Antworten | Permalink

    Grenzwerte

    "wenn Ishibashi belastbare Begründungen für die von ihm genannten Grenzwerte liefern kann"

    Das ist meines Erachtens ein wunder Punkt in solchen Diskussionen. Für einen Konkreten Grenzwert eine solide Begründung anzugeben, ist fast immer unmöglich. Hier handelt es sich ja um maximale Beschleunigungswerte, die eine Struktur aushalten muss. Wie legt man die Fest, wenn man weiß, dass die Natur hier kein Absolutes Maximum kennt?

    Man wird immer einen maximal zu erwartenden Wert annehmen müssen und dann großzügig aufrunden. Genau darin liegt dann die Willkür.

    [Es ist der Job eines Seismologen, solche Grenzwerte festzulegen, die für die Auslegung von Gebäuden und technischen Anlagen berücksichtigt werden müssen. Gerade japanische Seismologen kennen ihr Metier sehr gut.

    Die Tatsache, dass die Anlagen in Fukushima 2 un Onagawa das Beben ohne schweren Störfall überstanden haben zeigt erstens, dass das möglich ist und dass die mit Entwurf und Bau der Anlagen befassten Ingenieure offenbar nicht ganz inkompetent gewesen sein können.

    Leider ist die Auslegung der Notstromversorgung nicht angemessen, weder in Fukushima 1, nioch in Fukushima 2 (da allerdings hatte man Gluück) und auch nicht in Hamaoka, und eventuell auch in anderen Anlagen nicht. Da man das nun weiß, wäre es unverzeihlich und komplett inakzeptabel, dieses Wissen nicht schnellstmöglich umzusetzen.

    Danach sollte man daran gehen, festzustellen, warum die Auslegung bei Fukushima 1 so war, wie sie war. Falls ein Verantwortlicher benannt werden kann, sollten angemessene Maßnahmen ergriffen werden. Das aber ist nicht so wichtig wie die schnellstmögliche Nachrüstung aller noch weiterzubetreibenden Ablagen. MK]

  14. Gunnar Glitscher Antworten | Permalink

    Zitate und Quellen

    'Der zitierte Seismologie Katsuhiko Ishibashi selbst kommt keineswegs zu dem Schluss Kernkraftwerke seien nicht verantwortbar'

    Michael, das hatte ich auch nicht geschrieben, sondern Wiki zitierend (s.o.):

    'Professor Katsuhiko Ishibashi, a former member of a government panel on nuclear reactor safety, claimed in 2004 that Hamaoka was 'considered to be the most dangerous nuclear power plant in Japan'

    Eine völlig andere Aussage - darauf möchte ich hinweisen, weil wir sonst eine Phantomdiskussion führen.

    Dass in einer Diskussion Informationen aus der allgemeinen Presse oder Wiki nicht verwendet werden sollten, ist eine ungewöhnliche Forderung, die den Exkurs auf 'Fachliteratur' beschränken würde. Wie sinnvoll diese Einengung ist, wäre eine gesonderte Betrachtung wert.

    Dass in einem engagierten Diskurs neben Fakten auch Einschätzungen und pointiert zum Ausdruck gebrachte Meinungen einfließen dürfen, ist aus meiner Sicht eine Selbstverständlichkeit. Bezeichnungen wie (z. B.) 'Atomgemeinde' oder Einschätzungen der Kompetenz von Regierungschefs liegen dabei sicherlich noch deutlich unterhalb der Schwelle zur Beleidigung.

    Wenn man allerdings die Internationale Atomaufsicht IAEA wegen ihres Verhaltens und der bestehenden Verstrickungen lakonisch als 'halbseiden' tituliert, sollte man dies in der Tat näher begründen, da die auffällige und jahrelang praktizierte Milde dieser Organisation gegenüber den gefährlichen Schlampereien von AKW-Betreibern nicht bei jedem Misstrauen wecken wird.

    Einiges, wie ich finde, Lesenswerte zum Thema IAEA sei daher hiermit nachgereicht:

    '....Die IAEA selber will also nicht nur einen Fortbestand vorhandener Kernenergiekapazitäten, sondern arbeitet auch an ihrem Ausbau.....'

    ....In Deutschland gab es seit Initiierung der Missionen 1983 genau fünf Überprüfungen und bei der letzten kam heraus, dass der Reaktor Neckarwestheim I, welcher jetzt von der Schwarz-Gelben Regierung aus Sicherheitsüberlegungen abgeschaltet wurde, angeblich noch sechzig Jahre betrieben werden könnte....'

    http://www.suite101.de/...ima-und-die-iaeo-a106930

    sowie

    http://www.tagesschau.de/ausland/iaeaamano100.html

    Nochmal zurück zum Ausgangspunkt der Diskussion, also dem Blog-Artikel, in dem u. a. ein Papier mit Vorschlägen zur sicherheitstechnischen Nachrüstung des AKW Hamaoka vorgestellt wird. Dort ist z. B. zu lesen:

    ' Surround the pumps with enclosures made of sheet metal approximately 1.5 m high and 8 cm thick. Secure Spares for Seawater Pump Motors
    [Purpose] Shorten the time when seawater pump motors are unable to function because of water exposure and secure the seawater necessary to cool the nuclear reactor....'

    Es geht an dieser Stelle also nicht darum, die Funktion der Seewasserpumpen zu *garantieren*, sondern lediglich um eine *Verkürzung* möglicher Ausfallzeiten ('Shorten the time when seawater pump motors are unable to function').

    Angesichts von aktuell 3 geschmolzenen Reaktorkernen und dem noch völlig offenen Ausgang der Fukushima-Krise und angesichts zehntausender evakuierter und entwurzelter Menschen und Familien kann ich mich über solche noch nicht einmal am Sicherheitsminimum orientierten Nachrüstmaßnahmen nur wundern.

    Nein - ich sage es offen: Ich empfinde diese technokratische und offenbar weiterhin kühl kostenfixierte Art der 'Problembehebung' als zynisch.

    Wenn Japan nach den aktuellen Erfahrungen immer noch an Kernkraftanlagen festhält, also meint, mit dem möglichst kostengünstigen Nachrüsten sei alles getan, um gegen sehr starke Beben und erneute vernichtende Tsunamis gewappnet zu sein, dann ist dies bestenfalls Technikgläubigkeit in ihrer gefährlichsten Form, denn Technik maßt sich hier trotz gegenteiliger Erfahrungen an, Risiken einfangen zu können, die sie selber mit der Anhäufung spaltbaren Materials in dicht besiedelten Räumen geschaffen hat.

    Japan ist ein Land, in dem extreme Naturereignisse keine Seltenheit sind, dort kann ehrlicherweise niemand garantieren, dass Tsunami-Schutzmauern und andere Einrichtungen unter allen Bedingungen ihren Zweck erfüllen können.

    Wir brauchen aber gar nicht nach Japan zu schauen, um zu erkennen, dass wir (die Gesellschaft) den Betreibern von Kernkraftanlagen gestattet haben, in Ballungsräumen Risiken zu schaffen, denen die dort lebenden Menschen unzureichend geschützt ausgeliefert sind.

    Im Falle der Meiler des 20 km von meinem Wohnort entfernt gelegenen AKW Biblis könnte ein ganz normaler privater LearJet, wie sie hier täglich am Himmel zu sehen sind, ein Szenario auslösen, das große Teile unseres Landes unbewohnbar machen kann. Auch wenn es hoffentlich nie passieren wird: Alleine die Tatsache, dass man aus wirtschaftlichen Gründen meint, dies sei eine akzeptale Situation, zeigt, dass in unserer Gesellschaft Diskussionen über Ethik und Menschenwürde nicht überflüssig sind.

    Nicht die Technik ist das Problem, sondern wie wir sie einsetzen. Entscheidungen darüber nur den Experten oder Lobbyisten zu überlassen führt zur (Selbst-) Entmündigung des Bürgers und zum Ruin der demokratischen Kultur.

  15. Michael Khan Antworten | Permalink

    @Gunnar

    Wir führen hier keine Phantomdebatte. Ich zitiere wörtlich deine Einschätzung, wie folgt:

    In einer Erdbebenregion wie Japan, hätte niemals auch nur ein einziges Kernkraftwerk errichtet werden dürfen.

    Mag ja sein. Ich weise lediglich darauf hin, dass der von dir zitierte Seismologe Professor Ishibashi, dem du, nehme ich an, Kompetenz zubilligst (immerhin verwendest du das Adjektiv "kompetent", und ich nehme an, wenn du ihn nicht als kompetent ansehen würdest, hättest du ihn auch nicht in im gegebenen Kontext zitiert) deine radikale Einschätzung nicht teilt.

    Ferner schreibst du:

    Es geht an dieser Stelle also nicht darum, die Funktion der Seewasserpumpen zu *garantieren*, sondern lediglich um eine *Verkürzung* möglicher Ausfallzeiten ('Shorten the time when seawater pump motors are unable to function').

    Keiner von uns will eine Phantomdebatte. Dann sollten wir auch diese Art von Argumentation mithilfe vielleicht allzu stark verkürzender Zitate lassen, denn die eigentlich vom Zitierten gemachte Aussage kann so beim Leser in entstellter Form ankommen. Jeder, der will, kann in dem zitierten Dokument nachschauen, was da wirklich steht, nämlich:

    "Emplacement of Waterproof Barrier in Seawater Pump Area, [Purpose]Prevent the submersion under water of seawater pumps installed outdoors and secure the seawater required to cool the nuclear reactor [...] "Secure Spares for Seawater Pump Motors [Purpose] Shorten the time when seawater pump motors are unable to function because of water exposure[...]"

  16. Gunnar Glitscher Antworten | Permalink

    @Michael

    Wir reden leider aneinander vorbei, denn die frühe Forderung, das durch Erdbeben gefährdete AKW Hamaoka abzuschalten, kam vom Chef-Seismologen Mogi (siehe mein Posting oben), nicht von Professor Ishibashi.

    Hier nochmal der Klarheit halber der entsprechende Abschnitt meines Postings, dem auch zu entnehmen ist, dass Herr Mogi im Unterschied zum Regierungschef kein Fukushima benötigte, um die Gefahr zu erkennen.

    Bei meiner Einschätzung, dass es grob fahrlässig ist, in Japan AKWs zu betreiben, bezog ich mich weder auf Herrn Ishibashi, noch auf Herrn Mogi, diese Meinung äußerte ich an anderer Stelle und ich schrieb auch nicht, dass die beiden meine Auffassung teilen würden.

    Dass ich die beiden Experten in der Tat für kompetent halte, muss man nicht mutmaßen, da ich daran keinen Zweifel ließ.

    Zitat:
    ‘Dass Japans Regierungschef nun die Abschaltung verfügte, war keine Heldentat, die Idee hatten schon kompetentere Leute, denen nicht erst ein multipler Super-GAU vor der Haustür auf den Gaul der Erkenntnis helfen musste:

    'Professor Katsuhiko Ishibashi, a former member of a government panel on nuclear reactor safety, claimed in 2004 that Hamaoka was 'considered to be the most dangerous nuclear power plant in Japan'...'In 2007, following the 2007 Chketsu offshore earthquake, Dr Mogi, by then chair of Japan's Coordinating Committee for Earthquake Prediction, called for the immediate closure of the plant.'

    http://en.wikipedia.org/...ka_Nuclear_Power_Plant'

    Noch eine Bemerkung zu den Kühlwasserpumpen in Hamaoka: Selbst Tepco geht ja davon aus, dass diese trotz der geplanten Nachrüstungen ausfallen könnten und möchte daher auch die Ersatzpumpen besser schützen. Der Zweck: '[Purpose] Shorten the time when seawater pump motors are unable to function because of water exposure'.

    Wenn ich also schrieb (Zitat):

    'Es geht an dieser Stelle also nicht darum, die Funktion der Seewasserpumpen zu *garantieren*, sondern lediglich um eine *Verkürzung* möglicher Ausfallzeiten ('Shorten the time when seawater pump motors are unable to function')'

    , dann war diese Schlussfolgerung richtig, und sie ist auch durch die Tepco-Erläuterungen belegt.

    Wie schnell ungekühlte Reaktorkerne schmelzen können, ist durch Fukushima hinreichend belegt, ebenso die daraus resultierenden Gefährdungen und immensen Folgekosten.

    Der Totalausfall von AKW-Kühlsystemen kann viele Ursachen haben - im Erdbebenland Japan braucht man aber keine Phantasie, um mit einem Blick zu erkennen, dass dort die Ursache Nr. 1 in den - nicht seltenen - starken Beben zu sehen ist. Genauer: Wenn dort erneut ein Reaktorkern schmilzt, werden wir wieder das Eingeständnis hören, man habe leider fehlerhaft geplant. Nur nutzt das keinem - auch das ist eine Lehre aus Fukushima.

  17. Michael Khan Antworten | Permalink

    @Gunnar

    Wir reden überhaupt nicht aneinander vorbei, sondern du hast behauptet, in einem erdbebengefährdeten Land wie Japan dürfe man keine Kernkraftwerke bauen und betreiben. Ich nehme auf die Aussage Bezug und zitiere dazu verbatim die Aussage eines eminenten Seismologen und Experten aus Japan (aus einem Text, den der Zitierte selbst geschrieben hat, nicht irgendwelche Wikipedia-Soundbites!), der das anders sieht und lediglich fordert, dass hohe Grenzwerte für die baulichen Anforderungen gelten sollten. Mag sein, dass du recht hast und nicht er, das kann ich nicht beurteilen.

    Was die Angaben von Chubu Electric (nicht TEPCO) zu den Pumpen für den Sekundärkühlkreislauf angeht, da sagen die, auch das habe ich wörtlich zitiert, dass sie bauliche Maßnahmen treffen wollen, um ihre Überschwemmung zu verhindern und zusätzlich vorsichtshalber auch noch ausreichend Ersatzteile vorhalten wollen, falls es doch zum Ausfall kommt. Das halte ich für vorsichtige und sicher nicht unkluge Maßnahmen. Bemerkenswerterweise war eben genau beides in Fukushima 1 nicht gegeben. Niemand kann die Funktion einer technischen Einrichtung, gleich welcher Art, "garantieren". Das ist eine Trivialaussage, und damit ist deine Schlussfolgerung auch nicht richtig. man kann aber vernünftige Maßnahmen treffen, um die Ausfallwahrscheinlichkeit zu minimieren. Was die vorschlagen, erscheint mir wie solche vernünftigen Maßnahmen.

    Mich wundert nur - und ich finde, genau das ist zu kritisieren - dass das nicht von vorneherein gemacht wurde.

    Deine Theorien zu den Ursache von Reaktorunglücken stehen dir ja zu. Die Fakten, angesichts der Erfahrungen des Unglücks vom 11. März, sind allerdings die, dass eben nicht das Erdbeben selbst den Störfall des Schweregrads wie in Fukushima 1 herbeiführte, sondern die Überschwemmung durch den Tsunami.

    Jetzt würde jemand, dem es gar nicht um die Diskussion geht, sondern ums Recht-Haben (und ich hoffe, du geörst nicht zu denen), wahrscheinlich einwerfen, dass Tsunamis durch Erdbeben ausgelöst werden und dass deswegen so eine Behauptung formal richtig sei.

    Auf eine Hin und Her auf dieser Ebene habe ich keine Lust. Es ist so, dass es gegen Erdbeben die eine Art von Vorbeugung gibt, und gegen Überschwemmungen durch Tsunamis eine ganz andere.

    Offenbar waren die Maßnahmen gegen Erdbeben ausreichend - wer das anders sieht, möge erläutern, wieso es in Fukushima 2 und Onagawa nicht zu einem vergleichbaren Schadensverlauf kam.

    Offenbar - das belegt nicht nur der Verlauf im Komplex Fukushima 1, sondern das belegen auch die die Untersuchungsergebnisse des Betreibers des Komplexes Hamaoka, Chubu Electric - waren allerdings die Sicherungsmaßnahmen gegen einen großen Tsunami geradezu haarsträubend unzulänglich.

    Es handelt sich eben nicht um Fälle, die belegen, dass eine solche Technologie nicht beherrscht werden kann. Die Kerntechnik stellt Anforderungen und diesen Anforderungen muss Rechnung getragen werden.

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