US – Weltraumforschung: Einstieg in den Ausstieg?

16. April 2010 von Michael Khan in Irdisches

Es war einmal, vor langer Zeit, im Jahre 1989. Da kündigte Präsident Bush der Erste die "Space Exploration Initiative" an, ein Programm, das auf jeden Fall auf der damals noch in weiter Ferne liegenden Raumstation basieren sollte. Bis 2010 sollte eine permanente bemannte Präsenz auf dem Mond geschaffen und Anfang des 21. Jahrhunderts die bemannte Erforschung des Mars angegangen werden.

Nicht nur war dieses Programm beliebig unklar und vage, bis auf die Festlegung auf die Raumstation, es wurde auch nicht wirklich mit Nachdruck vertreten und war nicht ausreichend finanziert. In den Folgejahren blieb davon außer der Raumstation nicht übrig, und selbst die ist heute, 21 Jahre später, immer noch nicht ganz fertig.

Danach wurde noch viel Papier mit Plänen für weitere kühne bemannte Projekte schwarz gemacht. Das Ziel war immer eine bemannte Mission zum Mars in der unbestimmten, aber nicht allzu fernen Zukunft. Diesen Plänen war eins gemein: Viele hatten dafür offene Ohren, aber niemand offene Taschen. Es gab eine Menge Berichte, Veröffentlichungen, computeranimierte Dokumentarfilme ... und dann verschwand das Ganze wieder in der Versenkung, bis zum nächsten Plan.

2004 war wieder was im Bush: Die "Vision for Space Exploration" sollte die Infrastruktur für die bemannte Erforschung des Monds, erdnaher Asteroiden und des Mars schaffen. Kernstück der VSE war das Constellation-Programm. Dieses Programm war zwar auch nicht ausreichend finanziert und konnte deswegen nicht mit Nachdruck vorangetrieben werden. Aber immerhin geschah diesmal endlich einmal etwas, im Gegensatz zu den vorherigen Aktivitäten.

Man begann mit Entwicklung und Bau eines Raumschiffs namens "Crew Exploration Vehicle" und seiner Trägerrakete Ares I, und auch mit dem Entwurf des Kernstücks des Programms, einer Schwerlastrakete namens Ares V, die eine Nutzmasse von fast 190 Tonnen ins niedrige Erd-Orbit tragen sollte. Eine solche Rakete wäre unverzichtbar für jegliche bemannte Raumfahrt außerhalb des niedrigen Orbits, aber sie wäre auch für unbemannte Missionen aller Art sehr nützlich ... gewesen, denn Anfang Februar dieses Jahres gab der neue Präsident Obama seine Pläne für die NASA bekannt, die auf die Einstellung der VSE und damit des Constellation-Programms hinausliefen.

Gestern nun äußerte sich Präsident Obama zu seinen Plänen für die weitere bemannte Erforschung des Weltraums. Was er sagte, klang in seiner beliebigen Unverbindlichkeit wieder ungemein bekannt, denn es unterschied sich nicht wesentlich von dem, was bereits vorherige Pläne umfasst hatten, die auch die bemannte Landung auf dem Mars etwa 25 Jahre in der Zukunft versprochen hatten. Diese Zahl muss wohl eine Art Naturkonstante sein. Zu jedem Zeitpunkt trennen uns immer 25 Jahre von einer bemannten Marsmission.

Ebenso wie seine Vorgänger blieb auch Obama sehr vage, wenn es um den Weg zu diesem Ziel geht. Das Credo ist diesmal anscheinend, dass man nicht so weitermachen soll wie vorher. Damit ist die Entwicklung der Trägerraketen gemeint. Das Constellation-Programm sah eine teilweise Verwendung von Shuttle-Technik vor. Die ist zugegebenermaßen nicht mehr der neueste Schrei - die Frage ist allerdings, ob es die Nutzlast besonders interessiert, wie modern die Rakete ist. Da kommt es wohl eher darauf an, dass die Rakete funktioniert ... und dass sie verfügbar ist.

Aber es muss jetzt wohl unbedingt eine neue Rakete sein, und für die Forschung, die zu dieser Rakete führen soll, werden 3 Milliarden Dollar lockergemacht. Das ist ein Bruchteil von dem, was die Entwicklung der viel kleineren Ariane 5 gekostet hat, sodass man sich schon fragen sollte, ob diese Pläne Ernst gemeint sind oder nur einen Rauchschirm darstellen, hinter dem der Ausstieg der USA aus der bemannten planetaren Forschung vorgenommen wird.

Ich vermute Letzteres.

Weitere Information

spaceflightnow.com zur gestrigen Ankündigung Präsident Obamas

NASA-Webseite mit diversen Links zu historischen Dokumenten zur Space Exploration Initiative

Kosmologs-Artikel vom 2. Februar 2010

Kosmologs-Artikel vom 1. Februar 2010


7 Kommentare zu “US – Weltraumforschung: Einstieg in den Ausstieg?”

  1. Stefan Taube Antworten | Permalink

    Respekt

    vor Herrn Khan, der es schafft, die ganzen präsidialen Visionen noch auseinanderzuhalten.

    Ich selber würde den Auftritt von Präsident Obama allerdings positiver bewerten, weil er sich nach meinem Eindruck als glaubwürdig von der bemannten Raumfahrt inspiriert gezeigt hat. Das ist natürlich überhaupt kein sachlicher Grund. Ich traue Obama einfach eher zu, dass er im Gegensatz zu seinen Vorgängern um die wahre Bedeutung der Raumfahrt weiß und jetzt zusehen muss, wie er mit den hohlen Versprechungen der letzten Jahrzehnte umgehen soll.

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Obama und die NASA

    Obama skizziert den Weg zur bemannten Marslandung nach ABC News (siehe http://www.abc.net.au/...es/2010/04/16/2874352.htm )folgendermassen: "He sketched an ambitious vision of developing spacecraft capable of journeys into deep space by 2025, and by the mid-2030s sending astronauts to an asteroid, into orbit around Mars, and later to land there."

    Also: Asteroidenlandung gefolgt von einem Orbit um den Mars und irgendwann später die bemannte Marslandung.

    Es stimmt allerdings, dass das Budget für die neue Grossrakete zu knapp ist.

    Vielleicht will er auch nur die Stimmung unter den NASA-Mitarbeitern etwas heben, denn es könnte ihn sonst Stimmen in Florida kosten. Hier noch ein Trostplaster für die Nasa-Leute: "And he is promising a $40 million plan to help NASA workers who lose their jobs when the space shuttles are retired at the end of the year."

  3. Max Antworten | Permalink

    Entwicklungskosten

    Laut "Fact Sheet on the President’s April 15th Address in Florida" will er mitnichten die neue Rakete mit den genannten 3Mrd $ Entwickeln. Der Vergleich mit den Ariane-5 Entwicklungskosten ist also nicht zutreffend. Laut obigem Text soll das erstmal eine reine Technologieentwicklung sein - die Entwicklung der Rakete kommt dann nochmal oben drauf. Unt für 3 Mrd kann man durchaus ein paar nette Technologien entwickeln, auf die dann eine zukünftige Rakete aufbauen kann.

  4. Michael Khan Antworten | Permalink

    Forschung ist nicht Entwicklung

    "Der Vergleich mit den Ariane-5 Entwicklungskosten ist also nicht zutreffend."

    Ich schrieb ja auch von Forschung, die zur neuen Großrakete führen soll. Forschung ist nicht dasselbe wie Entwicklung. Die Zahl von 3 Milliarden habe ich nur deswegen den Entwicklungskosten der Ariane 5 gegenübergestellt, um die Größenordnungen klarzustellen.

    Hinzu kommt aber, dass ich grundsätzlich skeptisch bin, was die Behauprtung der noch notwendigen Grundlagenforschung und angeblichen technologieentwicklung in diesem speziellen Bereich angeht.

    Ich meine zwar, mich in meinem Beruf einigermaßen auszukennen. Aber ich bin durchaus lernwillig ... schaun wir mal.

    "für 3 Mrd kann man durchaus ein paar nette Technologien entwickeln, auf die dann eine zukünftige Rakete aufbauen kann."

    Ach so, für diese Summe kann man auch gleich noch mehrere "neue Technologien" entwickeln?

    Was mögen das wohl für neue Technologien sein?

    Immerhin ist die Raketentechnik mittlerweile ziemlich ausgereift. Es ist nicht zu erwarten, dass in Punkto Triebwerkstechnik, Werkstoffe oder Brennstoffe nun noch etwas wirklich Bahnbrechend Neues gefunden wird.

    Wäre das so, dann müssten die vergangenen zwei Generationen von Raumfahrtingenieuren aber ziemliche Schnarchnasen gewesen sein, denen so dramatische Neuerungen, die für läppische 3 Milliarden zu haben sind, bis jetzt einfach durch die Lappen gegangen sind.

    Machen wir uns nichts vor. Es wird sicher große technologische Anstrengungen geben, um die nähere und fernere Umgebung der Erde zu erforschen und den Aktionsradius des Menschen auszudehnen.

    Aber diese technologischen Anstrengungen beziehen sich doch nicht auf die Raketen, mit denen von der Erde aus das Erdorbit erreicht wird. Da geht es viel mehr um die Antrieb im Transfer, um die Energieversorgung, um das Lebenserhaltungssystem, um den Wiedereintritt - also um Dinge, wo die Technik eben *nicht* jetzt schon weitgehend ausgereift ist.

    Bei den Raketen wird es sicher noch schrittweise Verbesserungen geben, damit die Startkosten verringert und die Zuverlässigkeit beibehalten oder sogar erhöht wird.

    Aber diese schrittweisen Verbesserungen sind nicht "neue Technologien". Es sind optimierte Produktions- und Testverfahren, Massenfertigung und optimierte Systemtechnik. Es handelt sich um Dinge, die man im laufenden Entwicklungsprozess hinbekommt, aber doch nicht per Grundlagenforschung oder Suche nach "neuen Technologien".

    Ehrlich, als ich das mit dem Forschungsprogramm las, dachte ich unwillkürlich an die Einstellung des europäischen Raumgleiters Hermes in den 90ern. Damals sagte man auch nicht: "So, Leute, Schluss jetzt, der Letzte macht das Licht aus!". Nein, man sagte: "Hermes wird nicht eingestellt, er wird in ein Forschungs- und Technologieprogramm umgewandelt".

    Das Ergebnis ist dasselbe, aber irgendwie ist mir eine klare Ansage schon noch lieber. Dieser Tod auf Raten ist so, wie wenn man ein Pflaster ganz langsam, Stück für Stück abzieht. Dann lieber auf einen Ruck, wenn es schon sein muss.

  5. Astra Antworten | Permalink

    Augenauswischerei

    Ich war jetzt einige Tage bei meinen italienischen Kollegen von Thales Alenia Spazio in Turin. Auch dort ist Obamas Besuch einer der Top-Diskussionsthemen gewesen, und auch dort haben seine Aussagen nur für Kopfschütteln gesorgt. In den Turiner Hotels sind auch viele amerikanische Raumfahrtingenieure zu sehen (die Logistik-Module des Shuttle stammen aus Turin und auch das Logistik-Modul für das private Cygnus-Raumfahrzeug wird dort gebaut, genauso übrigens wie die druckbeaufschlagte Sektion des ATV) die abends in Gruppen zusammensitzen und ihre persönliche Zukunft in der Raumfahrt diskutieren.

    Ich kann Michael in allen Punkten nur recht geben, und hätte selber was zum Thema verfasst, wenn nicht er es schon getan hätte. Besonders zur „Marslandungskonstante". Zu Zeiten Wernher von Brauns und der Mondlandung (um 1970) hielt man es für realistisch, dass eine Landung auf dem Mars innerhalb der nächsten 15 Jahren erfolgen würde. Seit den 80iger Jahren bis vor kurzem waren wir zu jedem beliebigen Zeitpunkt 20 Jahre davon entfernt. Obama hat jetzt erstmals 25 Jahre ins Gespräch gebracht. Aber auch in diesem Zeitraum will er Menschen lediglich in den Marsorbit senden, keineswegs auf seine Oberfläche.

    In etwa fünf Jahren soll laut Obama mit der Entwicklung eines neuen Schwerlastträgers begonnen werden. Jeder die Entwicklungszeiträume von Großträgern kennt, weiß dass damit vor dem Jahr 2025 nichts auf der Rampe stehen wird.

    Ein weiteres Bonbon für die Kritiker ist eine leptosome Variante der Orion-Raumkapsel. Diese Schmalspur-Orion darf aber nicht mit einem Startrettungssystem ausgerüstet werden. Deshalb muss sie unbemannt zur ISS geschickt werden um dort als Rettungsboot für die Crew der ISS dienen zu können. Ein solcher Plan ist von Grund auf unsinnig. Nach wie vor müssen die Besatzungen von den Russen gestartet werden, deren Kapseln dann aber ohnehin an der ISS angedockt sind, und als Rettungsfahrzeuge für den Notfall dienen. Welchen Sinn macht also ein weiteres Evakuierungsfahrzeug an der ISS wenn sich alle Mann ohnehin mit den russischen Kapseln in Sicherheit bringen können, mit denen sie gekommen sind?

    Der Einsatz der Leichtgewichtsorion als Rettungsfahrzeug bedeutet aber, dass alle 180 Tage ein neues Fahrzeug zur ISS geschickt werden muss (Länger ist die technische Einsatzdauer nicht). Keine billige Sache wenn man bedenkt, dass in dieser ganzen Zeit ja auch die Russen für die Transporte bezahlt werden müssen (und dort steigen die Preise – wer hätte das gedacht - inzwischen steiler steigen als so manche Rakete).

    Eine besondere Note gewinnt diese abstruse Entscheidung - ohne Startrettungssystem und damit unbemannt zu starten - noch dadurch, dass das dieses System derzeit die technisch wohl fortgeschrittenste Komponente des gesamten Orion-Systems ist. Anfang Mai ist ein Test dieser Einheit in White Sands vorgesehen. Und zwar unter der schwierigen Zero-Zero-Situation. Es wird dabei das Startversagen einer Trägerrakete in Höhe Null und bei einer Ausgangsgeschwindigkeit von Null erprobt.
    Und der Gipfel des Ganzen: Der Mond soll nicht als Ziel angesteuert werden. Schließlich waren schon Neil Armstrong und Buzz Aldrin da.

  6. Michael Khan Antworten | Permalink

    Konstante ist gar keine?!

    Ach, die Konstante ist gar keine, sondern eine linear anwachsende Funktion? Wer weiß, wenn wir noch länger abwarten, stellt sich am Ende gar 'raus, dass es eine Quadratfunktion ist. :-(

    Das ist allerdings ein Grund mehr, eine bemannte Marsmission so früh wie möglich anzugehen, denn wenn wir jetzt noch lange Däumchen drehen, wird die Zeit zwischen Programmbeginn und Landung irgendwann einmal die Dauer eines Menschenlebens übersteigen.

  7. Daniel Fischer Antworten | Permalink

    Michael Khan fliegt zu Apophis

    "Michael Khan", lesen wir soeben in diesem Artikel vom Astronomietag, "hielt einen Vortrag über die [sic] geplante bemannte Mission zu einem Asteroiden (Kleinplaneten) namens Apophis" - was wird denn da beim ESOC ausgebrütet ...? :-)

Einen Kommentar schreiben


+ eins = 5