Blöde Petze

30. November 2012 von Götz Müller in Bildungssystem, Diagnostik

„Das ist Petzen; das macht man nicht!“ entgegnet die Klassenlehrerin auf den Hinweis der 7-jährigen Paula, die beanstandet, dass ihr Tischnachbar Tom die zu bearbeitende Aufgabe nicht fertig gestellt hat. Die Lehrerin habe alle beauftragt, die Aufgaben fertig zu machen, da am Nachmittag ja einen Ausflug mit den Eltern geplant sei. Paula ist dafür bekannt, dass sie anscheinend recht treffsicher benennen kann, was aus dem normierten Rahmen herausfällt.

Pausensituationen, klassische Freiräume, in denen natürliche Reibungensprozesse ablaufen (ich meine damit Rumgeschubse, Beinchenstellen, Schimpfereien etc.), sind das Spezialterrain Paulas. Kaum eine Pause vergeht, nach der Paula nicht der Lehrerin berichtet, was alles passiert ist. Jonas hat Nils geschlagen, Anna hat Giulia „blöde Zicke“ genannt und Kilian hat seinen Essensmüll einfach ins Gebüsch geschmissen, obwohl der Mülleimer direkt daneben steht.

Paula selbst verhält sich angepasst. Sie orientiert sich sehr an den Aussagen der Erwachsenen, versucht, sich normkonform zu verhalten. Aus Sicht der Eltern wie auch Lehrer sei sie sehr zuvorkommend, höflich, ordentlich und stets hilfsbereit. Sie setze sich für schwächere Kinder ein, wisse auch, wer Probleme beim Lesen oder Schreiben habe. Gesundes Essen teile sie auch, da so mancher Mitschüler „immer nur Süßigkeiten“ habe. Im Übrigen ist sie tatsächlich hoch begabt und kann dies auch gut umsetzen.

Was hat das mit Hochbegabung zu tun? Zunächst kann man annehmen, dass Paula infolge ihrer Hochbegabung über ein weit entwickeltes Wertesystem verfügt. Hieraus resultierte dann, dass die Regelverletzungen, die von anderen erbracht werden, von ihr schnell erkannt werden – letztlich in einem einfachen Detektionsprozess: Die Verhaltensmuster der anderen entsprechen nicht der normierten Vorgaben. Auch ist anzunehmen, dass Paula selbst angemessene Strategien zur Bewältigung alltäglicher und kritischer Situationen verfügt. Bis zu diesem Punkt entspricht der Vorgang im Übrigen den Grundlagen des „Besserwissens“, einem letztlich natürlichen Zustandes bei höherer Begabung, der sich anschaulicher auf Rechtschreibregeln oder Wegbeschreibungen übertragen lässt. Dass Paula Regelverletzungen erkennt, heißt aber nicht zwangsläufig, dass sie es auch bei der zuständigen Person melden muss.

Wieso „petzt“ Paula? Während ich diese Frage stelle, stelle ich mir die Frage, was am Petzen eigentlich schlimm ist. Warum sollte man dies nicht tun? Mit etwas Überzeichnung fällt mir sogleich die widersprüchliche Parallele zum Postulat für mehr soziales Engagement ein. Wenn die Regelverletzungen zu stark sind (und schriftliche Gesetze überschreiten), werben wir sogar fürs Petzen und direkte Eingreifen. Hm. Kann Paulas Petzen etwas mit ihrer Hochbegabung zu tun haben?


11 Kommentare zu “Blöde Petze”

  1. Ano Nym Antworten | Permalink

    Rechtfertigungstatbestände

    Wie geht P. mit Rechtfertigungstatbeständen um:

    "Jonas hat Nils geschlagen" - Notwehr?

    "Anna hat Giulia „blöde Zicke“ genannt" - ist Giulia denn objektiv eine?

    "Kilian hat seinen Essensmüll einfach ins Gebüsch geschmissen, obwohl der Mülleimer direkt daneben steht." - Ist Kilian gestolpert oder ist er geschubst worden?

    Warum sollte man dies nicht tun?

    Wegen des Subsidiaritätsprinzips. Sich beim - sofern vorhanden - Geschädigten als Zeuge anzubieten, sollte doch reichen. P. mit plumper Normvorgabe im Falle des Minderleisters Tom das Petzen auszutreiben, ist unbefriedigend, weil es nicht begründet ist. Man kann P. erklären, dass es ihr "nichts bringt", wenn sie ein Fehlverhalten bekannt macht und dass man sich damit auch keine Freunde macht. Natürlich nur für den Fall, dass P. Freunde haben möchte.

    Wenn die Regelverletzungen zu stark sind (und schriftliche Gesetze überschreiten), werben wir sogar fürs Petzen und direkte Eingreifen. Hm.

    Man unterscheidet zwischen geplanten und vollendeten Straftaten. Und man unterscheidet, ob man selbst betroffen ist oder nicht. (Kachelmann-Fall: Schadenersatz bei falscher Verdächtigung, usw.)

    Kann Paulas Petzen etwas mit ihrer Hochbegabung zu tun haben?

    Ja.

  2. Marvin Antworten | Permalink

    Regeln machen das Leben einfacher

    Mir scheint es so als würde Paula sich strikt an Normen halten, insbesondere an eine - Regeln dürfen nicht gebrochen werden. Die Meldung einer verletzen Regel/Norm an die regelerschaffende Person, scheint mir mit der Hoffnung verbunden, dass dann auch eine entsprechende "Sanktion" erfolgt. Denn jede Norm auch die ungeschriebenen sollten eingehalten werden und sie macht vielleicht keinen großen Unterschied zwischen, man hält Erwachsenen die Tür auf und man fasst nicht die heiße Herdplatte an.

    Ich würde sagen, sie macht das um die Entscheidung zu vereinfachen. Wenn mit der Hochbegabung eine bessere Abstraktionsfähigkeit einhergeht, kann man erkennen, dass es nur wenige "echte" Gründe gibt sich an Regeln zu halten. Dann muss aber in vielen sozialen Situationen (ohne feste schriftliche Regeln) eine neue Abwägung statt finden. So ist es einfacher sich an eine Meta-Regel zuhalten - jede Norm muss erfüllt werden.

    Das erste Beispiel mit Tom deutet für mich genau in diese Richtung. Unter der Annahme, dass sie sich auf den Ausflug freut und sie versteht, dass wenn einer die Aufgabe nicht fertig hat, der Ausflug ausfällt, wäre es für mich logischer, Tom zu helfen. Da sie so nicht den Zorn der Klasse auf sich zieht, sie am Ausflug teilnehmen kann und sie hätte noch jemanden helfen können. Natürlich nur wenn helfen ihr auch ein gewisses Maß an Freude bringt, was ich hier unterstelle, da in der Beschreibung auch andere Beispiele angeführt werden.

    Wenn Paula, wie es wohl einigen Hochbegabten zu geschrieben wird, einen hohen Gerechtigkeitssinn hat, dann kann ich mir vorstellen, dass die Meldung jeder Normverletzung besser zu ihrem Verständnis von Gerechtigkeit passt, als die Meldung gar keiner Normverletzung. Einige Normverletzungen sollten immer gemeldet werden, z.B. Körperverletzungen. Wenn Paula jedoch selbst entscheidet, wann sie welche Normverletzung meldet, stellt dies einen hohen Grad an Subjektivität dar und wäre damit halt ungerecht. Sie würde entscheiden wann wer der möglichen Konsequenz einer Normverletzung ausgesetzt ist. Das stellt für sie möglicherweise ein großes Konfliktpotenzial dar. Sie würde verschiedene weitere Aspekte mit einfliessen lassen, z.B. wen mag ich und wen nicht, wie viel Schaden verursacht die Normverletzung. Ein Apfelgriebs in einem Blumenbeet ist vielleicht nicht so schlimm wie eine Plastikverpackung.

    Solche Erwägungen sind schwierig und umfangreich. Besonders wenn man viel weiß, einen weiten Horizont hat und einen gut ausgeprägten Gerechtigkeitssinn oder wenn man daran "glaubt", dass die Welt gerecht ist.

    Vielleicht sind diese Gedanken für eine 7-Jährige auch viel zu umfangreich und sie möchte nur die Anerkennung der Erwachsenen.

  3. Sven Türpe Antworten | Permalink

    Privatregeln

    Eines Tages wird Paula auf Menschen treffen, welche für sich die Autorität reklamieren, Privatregeln aufzustellen und deren Einhaltung zu verlangen. Wie wird Paula darauf reagieren und wie werden die selbsternannten Autoritäten mit dieser Situation umgehen?

  4. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Sieben Jahre

    ... und schon hochtbegabt?

    Wow. - BTW: Petzen ist ein Kooperationsbruch und hätte dementsprechend auch in den Artikel eingearbeitet werden können.

    Kann Paulas Petzen etwas mit ihrer Hochbegabung zu tun haben?

    Sicher, warum nicht?

    MFG
    Dr. Webbaer

  5. Merlin der Zauberer Antworten | Permalink

    Einfach ist einfach einfach

    So ein Unsinn . Man sollte aufhören den IQ für alle möglichen Probleme verantwortlich zu machen . Ich habe viel mehr den Verdacht, dass Paula die Aufmerksamkeit und Anerkennung ihrer Lehrer sucht . Manchmal sind Dinge eben ganz einfach . Aber der Artikel hat mich auf einen anderen nicht weniger spannenden Gedanken gebracht . Kann es Zufall sein , dass 99.78% der Hochbegabten Brot frühstücken ? Ich denke nicht , daher fordere ich die wissenschaftliche Untersuchung dieses Phänomens .

  6. GoldUndDiamanten Antworten | Permalink

    Fördergelder

    "Kann Paulas Petzen etwas mit ihrer Hochbegabung zu tun haben?"

    Ein guter Punkt. Das sollte intensiv von dazu qualifizierten Experten erforscht werden. Dafür sollten sich mühelos einige Kilo an Mitteln mobilisieren lassen. Denn es könnte ja stimmen. Und wenn man das herausfände, wäre uns geholfen, man könnte Programme auflegen. Und wenn man etwas ganz anderes herausfände, wäre uns auch geholfen - wir wüssten dann ja immerhin, dass es nicht so ist, wie wir ursprünglich annahmen und könnten entsprechende Programme auflegen.

  7. Götz Müller Antworten | Permalink

    @ Ano Nym

    Ich bleibe im Unsicheren, ob Subsidiarität hier als Prinzip stechen kann. Paulas "Melden" hat - führt man es weiter - doch den Effekt, dass sich Menschengruppen normkonform verhalten. Dies mag zwar zunächst nicht einen spürbaren Vorteil bzw. verhinderten Nachteil für Paula haben, aber im weitergeführten Sinne schon. Sie könnte die nächste sein - die Befriedigung kommt eben später. Oder?

  8. Götz Müller Antworten | Permalink

    @ Dr. Webbaer

    Danke für den Hinweis: Zur Einschulung Paulas wurde eine Diagnostik an einer Modellschule durchgeführt, die eine Hochbegabung ermittelt hat. Insofern gilt: In Abhängigkeit der üblichen Einschränkungen wie Alter etc. ist Paula als hochbegabt zu bezeichnen.

  9. Götz Müller Antworten | Permalink

    Petzen darf man nicht

    Ob Petzen etwas mit Hochbegabung zu tun hat oder nicht, ist letztlich gleich. Um Petzen zu können, muss ich im ersten Schritt erkennen können, was regelwidrig ist. Bei Hochbegabten ist anzunehmen, dass deren innere Regelsystem nicht kompatibel zu denen der Gleichaltrigen sind, was zwangsläufig zu mehr Diskrepanzen führt. Im nächsten Schritt können wir gerne diskutieren: Es muss mich etwas motivieren - und das kann im Sinne der Verpetzten ja nur etwas Niederträchtiges, Menschenverachtendes ... womöglich Regelwidriges sein. Da ich mit vielen "Petzliesen" zusammenarbeite, ist mir klar, dass genau dies nicht der Fall ist, auch wenn das erklärte Ziel ist, "sozial adäquates Verhalten" aufzubauen. Schlichtweg knuffig finde ich, wenn Verpetzte sich erhöhen bzw. durch Autoritäten erhöht werden. Dass der Petzenden möglichst wenig Aufmerksamkeit erbracht werden sollte, ist mehr als selbstverständlich.

  10. Ano Nym Antworten | Permalink

    @Götz Müller

    Ich bleibe im Unsicheren, ob Subsidiarität hier als Prinzip stechen kann. Paulas "Melden" hat - führt man es weiter - doch den Effekt, dass sich Menschengruppen normkonform verhalten.

    Da stellt sich die Frage, ob man das in aller Konsequenz wollen kann. Ich erinnere an den Fall des Mitmenschen [1], der alle Park"sünder", die er wahrnahm (inklusive eines Rettungshubschraubers) zur Anzeige brachte. Der Gesetzgeber hat schließlich die Normverstöße der Schwere nach eingeteilt und die Verfolgung der weniger schwerwiegenden in das Ermessen der Behörden gestellt (Opportunitätsprinzip [2]).

    Im Übrigen ist es gar nicht unbedingt zutreffend, dass Petzen normkonformes Verhalten induziert, wie man etwa in der traditionell gewachsenen und von manchen [3] als wohltuende Bereicherung empfundenen Gemeinschaft der Mafia [4] sehen kann.

    Um Petzen zu können, muss ich im ersten Schritt erkennen können, was regelwidrig ist.

    Das gelingt ohne besondere Begabung, wenn die Zusammenhänge einfach sind (nicht-einfach sind zum Beispiel: Parteienfinanzierung, Konzernbesteuerung usw.)

    Bei Hochbegabten ist anzunehmen, dass deren inneres Regelsystem nicht kompatibel zu denen der Gleichaltrigen sind, was zwangsläufig zu mehr Diskrepanzen führt.

    Ich würde das anders formulieren: Die pfeifen auf bestimmte (nicht alle!) Normen und lassen es drauf ankommen. Sie ziehen es anscheinend vor, sich "im Naturzustand" auszuagieren.

    [1] http://www.lawblog.de/index.php/archives/2011/12/06/hubschrauber-falsch-geparkt/
    [2] http://de.wikipedia.org/wiki/Opportunit%C3%A4tsprinzip
    [3] etwa von Maffiawissenschaftlern, die wohl Wert auf die Feststellung legen, dass sie selbst keine Mafiosi sind; http://www.dradio.de/dlf/sendungen/campus/333120/
    [4] http://www.spiegel.de/panorama/justiz/schutzgelderpressung-wie-unternehmer-ignazio-cutro-gegen-die-mafia-kaempft-a-869350.html

  11. Noït Atiga Antworten | Permalink

    @Götz Müller: Ja, hat es vermutlich.

    Aus meiner Sicht haben Sie die zwei Hauptgründe für das Petzen schon genannt: Paula hat ein deutlich weiter entwickeltes Wertesystem und dieses ist nicht kompatibel mit dem Gleichaltriger. Dazu kommt wohl noch, dass sie wahre Gefühle sehr viel intuitiver als (fast) alle Anderen wahrnimmt (da Kinder das sowieso tun und sie ob Hochbegabung noch mehr).

    Daraus folgt aber leider auch, dass sie Bestätigung nur von Älteren bekommen kann - mangels ausreichenden Kontaktmöglichkeiten mit reiferen Kindern in unseren Schulsystemen also nur von Lehrern oder Eltern. Eine intensive Gemeinschaft ist mit denen aber nicht möglich, da Paula von den Erwachsenen trotzdem als Kind gesehen und gespiegelt wird. Daher kann sie Anerkennung nur dann erreichen, wenn sie sich erwachsen gibt - also den Regeln folgt. Sie kann darum (hoffentlich noch) nicht lernen, dass gewisse Regelbrüche sinnvoll sind.

    Auch gut meinende Lehrer oder Erwachsene können das wohl nur bedingt, denn sie kommen immer in eine Konfliktrolle - als Autoritätspersonen schätzen sie die Regelverbundenheit auch dann noch, wenn sie das Petzen (teils) missachten. In der Spiegelung kommt bei Paula aber sicher ersteres weit mehr an - zumal sie vermutlich wenig andere Wege zur gesellschaftlichen Anerkennung hat. Und vermutlich hat sie irgendwann mal viel Lob dafür bekommen (denn nicht alle Hochbegabten petzen ja).

    Das Ziel, normgerechtes Verhalten zu bewirken, scheint mir für Paula aber nur ein aus dem Anerkennungsbedürfnis abgeleitetes. Darum auch könnte ich mir vorstellen, dass Paula ihr Petzen sehr schnell ablegte, wenn sie in einer Gruppe wirklich als gleichberechtigt aufgehen könnte. Dann würde sie nämlich auch lernen können, warum zu strikte Normbefolgung der Norm sogar entgegenwirkt. Aber das ist ein sehr weites Feld...

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