Ey, Seneszenz, Alter!

28. Januar 2015 von Anna Müllner in Allgemein

DNA-Schäden führen dazu dass unsere Zellen entweder sterben oder mutieren und dann Krebs auslösen. Habt ihr geglaubt. Hab ich auch das Studium über geglaubt. Etwas unbekannter ist, das unsere Zellen auch zu Schläferzellen (Oh hai, NSA!) werden können – die aber nie mehr aufwachen (außer man manipuliert daran rum). Diesen Vorgang nennt man zelluläre Seneszenz.

Nach starken DNA-Schäden werden Zellen mitunter seneszent. Weshalb sie nicht sterben sondern seneszent werden weiß man noch nicht so genau. Vielleicht liegt es an der Menge von Schaden, an der Art oder an etwas ganz anderem. Fakt ist: Zellen werden seneszent und sie verbleiben bei uns im Körper für eine ganze Weile. Seneszente Zellen sind viel größer als normale Zellen, sie leben aber teilen sich nicht, auch wenn sie von außen dazu angeregt werden. Sie produzieren einen bestimmten Cocktail an Botenstoffen, den man Seneszenz-Assoziierten Sekretorischen Phänotyp nennt. Sie zeigen auch eine erhöhte Aktivität der Lysosomen, der zelleigenen Müllhalden, die Proteine in ihre Einzelteile zerlegen. Dann wickeln sie Teile ihrer DNA noch sehr stark auf, so dass sie zu Heterochromatin wird. Sehr eng aufgedrillte DNA geht mit einer Unterdrückung der Gen-Ablese-Aktivität einher, also der Transkription, es werden also einige Proteine nicht mehr produziert. Wie als sei der Bauplan einer zu bestimmten Dingen plötzlich unzugänglich. Man geht davon aus, dass die seneszenten Zellen so die Produktion der Proteine verhindern die zur Zellteilung führen würden.

Das Ganze hat Vor- und Nachteile.

Die Vorteile liegen erstmal darin dass eine seneszente Zelle die Integrität des Gewebes um sie herum unterstützt. Sie fehlt nicht einfach und muss ersetzt werden. Sie signalisieren auch dass dort wo sie sind gerade ein Problem ist und locken so Immunzellen an. Aber der programmierte Zelltod ist ein sehr durchdachter Prozess und gestorbene Zellen können sehr einfach ersetzt werden. Seneszente Zellen produzieren Botenstoffe, die auf eine Entzündung hinweisen. Dazu gehören zum Beispiel Tumor-Nekrose-Faktor Alpha und Interleukin-6. Beide dieser Faktoren können andere, gesunde Zellen ebenso seneszent machen. Das wäre gut, wenn ein gesamtes Gewebe DNA-Schaden ausgesetzt war und so die Seneszenz auf andere Zellen überspringt, die diesen vielleicht nicht bemerkt oder falsch repariert haben. Quasi eine Art Sammelstrafe. Das könnte einer der Gründe sein, weswegen man seneszente Zellen häufig in gutartigem Hautkrebs findet.

Sie können aber auch zu anhaltenden Entzündungsreaktionen führen. Entzündungen im Körper sind auf Dauer immer schlecht. Sie können zu allem möglichen führen: Vaskuläre Erkrankungen wie Atherosklerose sind im Grunde Entzündungsreaktionen. Auch Krebskrankheiten werden durch unkontrollierte Entzündungsprozesse gefördert. Und ja, das widerspricht sich mit dem was ich oben gesagt habe!

Man hat die zelluläre Sensezenz bereits vor über 50 Jahren entdeckt. Damals glaubte man noch, es sei ein Effekt der nur im Labor zu sehen sei, nämlich wenn man Zellen aus Patientenproben in einer Petrischale aussäte und diese Zellen nach einiger Zeit das Wachstum einstellten. Das Problem war schnell erkannt: Die Telomere, die Enden der DNA, wurden zu kurz und wurden von den Zellen plötzlich als DNA-Schaden erkannt. Da die Telomere bei jeder Zellteilung etwas kürzer werden sind unsere Zellen also in der Anzahl ihrer Zellteilungen limitiert (allerdings sind sie für ein Menschenleben absolut ausreichend – euch gehen nicht einfach die Telomere aus). Das ist gut so, denn so können Zellen die sich zu schnell oder zu oft teilen (die Vorläufer von Krebszellen) gestoppt werden. Auch über die Zeit akquirierte Mutationen können nicht unendlich oft weitergegeben werden.

Dass seneszente Zellen auch ganz normal im Körper vorkommen und dass sie auch anders entstehen können, weiß man noch nicht so lange. Aber man vermutet, dass die Entzündungsreaktionen die sie verursachen einer der Gründe sind, weshalb wir altern. Seneszente Zellen akkumulieren im Alter immer mehr. In jungen Menschen sind sie quasi nicht zu finden. Das liegt wahrscheinlich daran, dass seneszente Zellen normalerweise irgendwann vom Immunsystem abgebaut werden und dies in älteren Menschen nicht mehr so gut funktioniert.

Alterung werden viele von uns als normal erachten. Man wächst heran, wird geschlechtsreif, vermehrt sich, altert und stirbt. Aber Alterung ist eben auch nur ein physiologischer Prozess, der uns allerdings krank macht. Wäre es nicht besser die Alterung an sich zu unterbinden, wo sie doch so viele Probleme bereitet? Wenn wir zeit-alt würden, aber eben nicht körper-alt?

Die Evolution sortiert nun mal eben nicht nach dem „Fittesten“ aus sondern nach dem, der die meisten Nachkommen hat. Dazu muss man nur während der Geschlechtsreife und ein paar Jahre danach gesund sein. Alles weitere interessiert die Evolution nicht großartig. Das nennt man dann antagonistische Pleiotropie, bei der Prozesse die für das die Gesundheit in der Jugend wichtig sind im Alter eher schaden können.

Und tatsächlich, es gibt ein paar Studien bei der man künstlich seneszente Zellen im Modell entfernte und siehe da, die Mäuse wurden gesünder zeit-alt, starben jedoch nicht später als ihre Kollegen mit seneszenten Zellen.

Who wants to live forever?


53 Kommentare zu “Ey, Seneszenz, Alter!”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    "Who wants to live forever?" Erstaunlich viele kann ich ihnen versichern (ich gehöre zwar nicht dazu). Und noch viel mehr Menschen wollen zwar nicht ewig leben, aber altern wollen sie dennoch nicht. Kein neues Phänomen und nicht etwa auf den hedonistischen Westen beschränkt, wie die Sage vom Jungbrunnen zeigt ("Die Suche nach der Quelle der ewigen Jugend wird bereits im Alexanderroman geschildert und fand unter anderem hierüber im Orient (besonders in der syrischen Literatur, nach manchen Deutungen auch im Koran (Sure 18,60-64)) wie im Okzident Verbreitung.")
    Aubrey de Grey ist einer derjenigen, die den Leuten das ewige Leben oder mindestens einen Alterungsstopp versprechen. Seneszente Zellen bilden allerdings nur Punkt 6 auf Aubrey de Greys Liste von 7 degenerativen Prozessen die per Therapie so angegangen werden sollen, dass Engineered Negligible Senescence resultiert.
    Die Studie Telomere extension turns back aging clock in cultured human cells, study finds berichtet übrigens über eine Verjüngung von kultivierten Humanzellen durch eine künstliche Telomerverlängerung. Die so verjüngten Zellen altern allerdings auch, verhalten sich also wie normale Zellen - nur zeigen sie eben eine vorübergehende Verjüngung.
    Aubrey de Grey wurde ja immer wieder vorgeworfen, keiner seiner Interventionsvorschläge sei an Mensch oder Tier je erfolgreich durchgeführt worden - und er hat das sogar zugegeben. Doch mit einiger Wahrscheinlichkeit liegt das nicht an einer prinzipiellen Barriere, die sich nicht überwinden lässt, sondern nur daran, dass wir noch nicht den richtigen therapeutischen Ansatz gefunden haben.

    Ich könnte mir jedenfalls eine Zukunft vorstellen, in der es eine Blogkolumne wie die ihrige gibt, Frau Müllner. Mit derselben Portraitfotografie wie hier. Wo man aber im beigefügten Lebenslauf findet, dass sie gestern gerade ihren 150-jährigen Geburtstag gefeiert haben.

    • Anna Müllner Antworten | Permalink

      "Die so verjüngten Zellen altern allerdings auch, verhalten sich also wie normale Zellen - nur zeigen sie eben eine vorübergehende Verjüngung."
      Verlängerte Telomere verjüngen überhaupt nicht. Da unsere Telomere mehr als lang genug sind reichen sie für ein Menschenleben aus, nur in der Zellkultur kommen sie an ihre Grenzen. Des Weiteren korreliert die Länge der Telomere *nicht* unbedingt mit dem Alter. Es gibt ältere Menschen mit sehr langen Telomeren und junge Menschen mit sehr kurzen. Nur die Tendenz in der Gesamtbevölkerung ist die, dass die Länge der Telomere abnimmt. Telomerase, wie in der von Ihnen angezeigten Studie, ist leider auch ein wichtiger Faktor in der Entstehung von Krebs. Verkürzte Telomere sind eine Schutzfunktion bei unkontrollierter und zu schneller Zellteilung. Überkommen die Zellen die verkürzten Telomere indem sie die Telomerase wieder aktivieren ist dies ein wichtiger Schritt hin zur Transformation der Zelle.
      Bis wir einen therapeutischen Ansatz finden wird noch viel Zeit vergehen. Bis dahin müssen wir erst einmal den Vorgang verstehen.

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Ja, es kann lange dauern bis Grundlagenwissen in Therapien genutzt werden kann. Dies zeigt die Krebs-Immuntherapie, die bereits vor 30 Jahren angedacht wurde aber erst heute in klinische Erfolge umgesetzt wird. Wenn wir den anderswo in der Medizin beobachteten Fortschritt als Massstab nehmen, dann könnte es noch viele Jahrzehnte dauern bis Alterungsprozesse gestoppt werden können.
        Ray Kurzweil - der Futurist/Transhumanist - sieht das aber anders. Er glaubt an einen exponentielle Entwicklung in der Wissensaneignung und auch in der Umsetzung zu wirkmächtigen Technologien. Deshalb prophezeit er, dass wir eine technisch/medizinische Allmächtigkeit bereits kurz vor dem Jahre 2050 erreichen werden. Auch der von mir weiter oben zitierte Aubrey de Grey meinte einmal, es gäbe heute schon Menschen, die 1000 Jahre lang leben würden, weil ihre Alterung und ihr Tod durch Fortschritte in der Medizin immer weiter hinausgeschoben wird.

        Nun, sie werden es ja noch erleben.

        • Anna Müllner Antworten | Permalink

          Ich halte Berichte über 1000jährige Menschen für groben Unfug, allerdings sieht Herr de Grey ja schon ein bisschen so aus.

        • Pterry Antworten | Permalink

          Aber was die Autorin schrieb, war: relatives Altern kann durch das Entfernen seneszenter Zellen umgangen werden, absolutes Alter nicht. D.h. bei einer entsprechenden Therapie kann man relativ gesund sein Maximalalter erreichen, aber man kann dieses erreichbare Maximalalter nicht ändern. Und das liegt beim Menschen bei etwa 100 Jahren. 1000 Jahre sind definitiv nicht drin.

          • Martin Holzherr | Permalink

            Wie gesagt. Entfernen von seneszenten Zellen ist Punkt 6 auf Aubrey de Greys Liste von 7 Hebeln, die man einsetzen muss um das Alter zu stoppen.
            Zudem: Eine echte Erhöhung der Lebenserwartung ist ohne genetische Manipulation wohl nicht möglich. Ist sie überhaupt möglich? Ich denke ja, denn Tiere erreichen ganz unterschiedliche maximale Lebensdauern. Laut Negligible senescence gibt es sowieso mehr Dinge unter dem Himmel und auf Erden als die meisten nur ahnen.

            There are also organisms that exhibit negative senescence, whereby mortality chronologically decreases as the organism ages, for all or part of the life cycle, in disagreement with the Gompertz–Makeham law of mortality[3] (see also Late-life mortality deceleration). Furthermore, there are even more peculiar examples, those of species that have been observed to regress to a larval state and regrow into adults multiple times; e.g., Turritopsis dohrnii.

            Die längste bekannte Lebensdauer beträgt immerhin 507 Jahre. Die Islandmuschel erreicht solche Lebensalter

            Im Oktober 2007 wurde eine dieser beim Fang noch lebenden Muscheln bei einer ersten Zählung auf ein Alter von 405 Jahren datiert.Bei einer späteren Überprüfung stellte sich die erste Zählung ebenfalls als falsch heraus, und das erreichte Alter wird heute mit 507 Jahren angegeben

          • Pterry | Permalink

            7 Hebel finde ich ein wenig niedrig gegriffen, wenn man die Komplexität biologischer Systeme bedenkt. Außerdem wird ja oben im Artikel erwähnt, dass manche Vorgänge in einem Zusammenhang stehen. DNA-Schäden und Seneszenz zum Beispiel. Des weiteren sehe ich einen Vergleich zwischen Mensch und Islandmuschel als nicht sehr naheliegend an. Die Menschheit lebt u.a. nicht in dauerhaft kaltem Wasser, um nur mal einen Unterschied zu nennen. Der Grönlandwal, immerhin ein Säugetier, kann auch gut über 200 Jahre alt werden, trotzdem sehe ich jetzt keinen Grund ins arktische Meer umzuziehen und mich von Plankton zu ernähren, damit ich das auch schaffe.

    • Anna Müllner Antworten | Permalink

      Es gibt Flechten die ein paar Millionen Jahre alt sind. Wir sprachen von höheren Organismen, also Menschen und Tieren. Bis der Mensch sich zurück in einer Larve verwandeln kann wird wohl noch sehr, sehr viel Zeit vergehen. Ich halte diese Diskussion für wenig zielführend.

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Dass die maximale Lebensdauer von Menschen verlängert werden kann würde ich nicht ausschliessen. Es macht schon einen riesigen Unterschied aus ob die Menschen maximal 120 Jahre alt werden wie heute oder ob es 150 Jahre sind.
        Wenn sie schreiben " Ich halte diese Diskussion für wenig zielführend." dann verkennen sie völlig, welche Bedeutung die Forschung in diesem Bereich (life extension) inzwischen erhalten hat. Es gibt sogar die Firma Calico, welche sich dem Ziel der Lebensverlängerung verschrieben hat oder etwas bescheidener: "Through our research we're aiming to devise interventions that slow aging and counteract age‑related diseases."

        • Anna Müllner Antworten | Permalink

          Natürlich verkenne ich das völlig. Ich habe von dem Thema natürlich keine Ahnung und bin dankbar dass du mich hier aufklärst. Wenn ich sage ich halte es nicht für zielführend meinte ich deine Aussage über Larven und Muscheln die nunmal ganz anders gebaut sind als Menschen. Ich denke da gehen wir überein.
          Natürlich können wir länger leben, das Durchschnittsalter steigt wegen besserer Hygiene, medizinischer Versorgung etc. Wenn du aber glaubst wir könnten bereits jetzt über 1000 Jahre alt werden - oder irgendein Guru das sagt - dann ist das sehr, sehr, sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich. Aber nichts ist unmöglich. Wir werden sehen was die Zukunft bringt.

          • Martin Holzherr | Permalink

            Aubrey de Grey sagt folgendes: Ein heute 20-jähriger wird, wenn er 80 ist eine Therapie erhalten, die ihn 150 Jahre leben lässt. Und im Jahr 2120 (oder so..) wird dann seine Lebensspanne nocheinmal nach oben adjustiert - und so weiter und so fort.

          • Martin Holzherr | Permalink

            Ja, dass die Transfusion "jungen" Bluts einen verjüngenden Effekt hat ist eine relativ neue Entdeckung. Das zeigt, dass die Anti-Aging-Forschung noch ganz am Anfang steht, denn so eine Entdeckung hätte ich gefühlsmässig in die frühen 1960er Jahre datiert.

            Dass viele Alterskrankheiten in Zukunft verhindert oder hinausgezögert werden können, würde ich eigentlich erwarten.
            Wie in vielen anderen Gebieten, sind Durchbrüche aber nicht voraussehbar.

            Das ist in der öffentlichen Diskussion über Forschungsthemen aber viel zu wenig bekannt. Die Tatsache nämlich, dass ein Gebiet welches lange Zeit keine Fortschritte macht, irgendwann dennoch überwätigende Durchbrüche erzielen kann. Hier auf scilogs wurde beispielsweise von Jürgen vom Scheidt (Labyrinth-Blog und SF-Schreiber) die Meinung geässsert, er habe die Hoffnung aufgegeben dass Krebs heilbar werde oder der Mensch je zum Mars fliege. Viele denken ähnlich über die Aussichten in der Fusionsforschung oder was uns im Bereich der künstlichen Intelligenz erwartet.

            Doch plötzliche Durchbrüche zeigen uns immer wieder, dass wir in einer sehr offenen Welt leben. Einer Welt in der Dinge passieren können, die niemand für möglich gehalten hätte. Und zwar nicht weil Magie am Werke ist, sondern weil harte Arbeit hin und wieder Früchte trägt.

  2. Geoman Antworten | Permalink

    Nee, Herr Holzherr, meine Interpretation oder die Intention von Frau Müllners Beitrag ist nicht, der ewige Jungbrunnen, sondern die physiologisch getriggerte Erklärung, warum es möglich ist, relativ gesund zu sterben.

    Und dies ist keine schlechte Perspektive, wenn man/frau sich halbwegs gesund ernährt.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Fraum Müllners Thema sei (Zitat)"die physiologisch getriggerte Erklärung, warum es möglich ist, relativ gesund zu sterben. Und dies ist keine schlechte Perspektive, wenn man/frau sich halbwegs gesund ernährt."
      Sie scheinen ein völlig anderen Beitrag als ich gelesen zu haben. Von gesunder Ernährung oder anderen Verhaltensratschlägen zum gesunden Leben und Sterben konnte ich in diesem Beitrag nichts ausmachen.

  3. Pterry Antworten | Permalink

    Also: du schreibst, es wäre relativ leicht eine gestorbene Zelle zu ersetzen. Das Problem, dass ich als Körper dabei sehe, ist allerdings, dass ich dazu meine Stammzelle aktivieren muss, denn die Gewebszellen haben ja meist die Fähigkeit zum Teilen verloren. Und wenn ich meine Stammzelle aktivieren muss, besteht eine leicht erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass Krebs entsteht, v.a. wenn man dein Beispiel "gutartiger Hautkrebs" heranzieht. Denn in diesem Beispiel wurden ja sehr wahrscheinlich alle Zellen des Gewebes schädlicher Strahlung ausgesetzt, also auch die Stammzellen, die in dem Gewebe liegen.
    Deswegen sehe ich hier die Seneszenz ganz klar im Vorteil gegenüber der Apoptose-und-Proliferation-Kombi.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Wichtig vom Anti-Aging-Standpunkt aus gesehen ist die Tatsache, dass die Anzahl der seneszenten Zellen mit dem Alter zunimmt. Das betrifft jeden und scheint jedem zu schaden, weil die seneszenten Zellen sich schädlich auf das Gewebe auswirken, in dem sie sitzen. Enfernt man alle seneszenten Zellen in Mäusen sind diese im Alter gesünder, sie entwickeln weniger Katarakte, zeigen nicht den Verlust des Unterhautfettgewebes wie er mit zunehmendem Alter zu beobachten ist und auch schwächer werdendende Muskeln gibt es bei so behandelten m
      Mäusen nicht.

  4. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Seneszente Zellen scheinen eine Art Entzündungszustand auslösen zu können und das wiederum begünstigt Alterungsvorgänge.
    Über entzündungsähnliche Zustände, ausgelöst diesmal durch nichts anderes als Fetlleibigkeit berichtet auch der Blogbeitrag Fette sind gut gegen Diabetes. Ein Überschuss an gesättigten Fettsäuren veranlasst Fettzellen, Substanzen auszuschütten, die das Inflammsom in Makrophagen aktivieren, was schliesslich zur Ausschüttung von Zytokinen führt. Diese wiederum haben bei Dauerauschüttung eine Vielzahl von negativen Wirkungen. Unter anderem verringern sie die Antwort auf einen Insulinanstieg, was Diabetes Typ 2 begünstigt.

    • Anna Müllner Antworten | Permalink

      Etwas ähnliches habe ich im Beitrag bereits geschrieben. Der Senescence Associated Secretory Phenotype hat sehr viele, diverese Funktionen, postiv und negativ. Es freut mich dass dich das Thema interessiert.

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Interessant finde ich, dass sich Systeme unterschiedlicher Funktionalität im Körper gegenseitig beeinflussen können. Wer würde erwarten, dass Fettleibigkeit oder die Anhäufung von seneszenten Zellen eine Art Entzündungszustand begünstigt.
        Aus Sicht des modernen, wohlhabenden Menschen sind solche "Crosstalks" von Systemen ein atavistisches Rückbleibsel. Evolutionär gesehen wohl sinnvoll, weil Entzündungsreaktionen in einer feindlichen Umwelt oft nötig und sinnvoll sind und ein zuviel davon nur langfristig schadet, doch aus Sicht eines Menschen, der ein behütetes Leben führt und gesund altern will, nicht unbedingt erwünscht.

        • Ute Gerhardt Antworten | Permalink

          Herr Holzherr, mit Verlaub, aber warum meinen Sie, Frau Müllner ihr eigenes Forschungsgebiet erklären zu müssen, und das schon vom zweiten Eintrag in diesem Blog an? Sind Sie da ebenfalls Experte? Was Sie erwähnen, steht doch längst in Frau Müllners Text.

          • Martin Holzherr | Permalink

            Ich wollte auf folgendes hinweisen:Unspezifische Entzündungsreaktionen werden nicht nur durch seneszente Zellen sondern auch durch Fettzellen ausgelöst
            Sie missverstehen mich, Frau Gerhardt, wenn sie meinen ich hätte nur wiederholt, was Frau Müllner schon geschrieben hat.
            Der Hintergrund meines Kommentars ist folgender: Ich lese fast alle Blogbeiträge fast aller Kommentatoren auf scilogs und liebe es Querbezüge zwischen verschiedenen Gebieten herzustellen wo es solche gibt.

    • Chris Antworten | Permalink

      Wie wäre es mit lesen? Das steht doch bereits im Beitrag...

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Wo steht im Beitrag, dass ungesättigte Fettsäuren in Fettzellen Entzündungsreaktionen auslösen können. Das ist das Neue, beziehungsweise der Bezug zu einem anderen Blogeintrag einer anderen Autorin, den ich hier herstellen wollte.

    • Pterry Antworten | Permalink

      Die Verbindung von seneszenten Zellen und Entzündungsreaktionen wurde im Blogbeitrag schon gemacht. Das mit den Fettzellen ist jetzt ein Spezialfall davon. Warum gehen Sie davon aus, dass die Autorin diesen nicht kennt? Anscheinend beschäftigt sie sich ja schon länger mit dem Thema?

      • Maritn Holzherr Antworten | Permalink

        Mein Bezug zu Fettzellen entspringt meinem Interesse an Querbezügen. Er richtet sich nicht an die Autorin sondern an andere scilogs-Leser, die dadurch möglicherweise veranlasst werden den Artikel zu lesen, zu dem ich einen Bezug mache.

      • Maritn Holzherr Antworten | Permalink

        Sie schreiben: "Das mit den Fettzellen ist jetzt ein Spezialfall davon [Enzündung durch seneszente Zellen]" Warum ist das ein Spezialfall?

  5. drehumdiebolzeningenieur Antworten | Permalink

    In meinem Bio-LK war eine Mitschülerin, die IMMER genau das, was der Leher gesagt hatte, nochmal in eine Sugestivfrage umformulierte. Plus irrelevante "Bezüge" herstellte. Das hat den Unterricht für die, die am echten Weiterlernen interessiert waren, massiv aufgehalten. An diese Mitschülerin erinnern Sie mich, Herr Holzherr.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Was irrelevant ist, hängt vom Blickwinkel ab. Ich interesserie mich nicht speziell für Seneszenzzellen sondern für das Gesamtsystem, das ein Mensch ist. Darums sind für mich Querbezüge interessant.

        • MartinHolzherr Antworten | Permalink

          Zita Elmar Diederichs :

          Derailing ist ein feministisches Totschlagargument, das nicht übersetzt wird. Es ist auch nicht wichtig, diese Worthülse zu verstehen. Die Funktion besteht darin, mit einem einzigen Wort eine Andermeinung als illegal zu markieren, ein nicht erwünschtes Argument zu bannen und als unzulässigen Angriff auf den Feminismus zu werten. Da Feminismuskritik erklärtermaßen immer als unzulässig gilt, kann der Begriff Derailing beliebig eingesetzt werden, wenn Feministinnen Argumente fehlen. Und Feministinnen fehlen fast immer Argumente.

          Bemerkung: Elmar Diederichs war ein Blogger hier.

          • Joker | Permalink

            @ Martin Holzherr

            In zwei Schritten von ... um was ging´s hier nochmal? … zu Maskulinismus, Respekt, Martin Holzherr. Lauter Querbezüge. Damit Sie noch etwas zum Googeln haben, vielleicht auch noch einer zum Wort des Jahres (in Autralien), Mansplaining.

            Ey, lass gut sein, Alter!

  6. Karl Bednarik Antworten | Permalink

    Ich halte sowohl die Beiträge von Frau Anna Müllner, als auch die
    Beiträge von Herrn Martin Holzherr für informativ und hilfreich.

    Ich gehöre zu jenen Menschen, die gerne unsterblich werden würden.
    Ich habe 33 Jahre lang in der molekularbiologischen Forschung
    gearbeitet, aber ich bin noch immer optimistisch eingestellt.

  7. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Nach Entfernen aller seneszenten Zellen in Mäusen blieb ihre Haut auch im Alter jugendlich (kein Verlust des Unterhautfettgewebes, keine runzlige, faltige Altershaut). Das zeigt das Potenzial derartiger Anti-Aging-Massnahmen, vor allem wenn man weiss wieviel Menschen in den westlichen Ländern für Hautpflege ausgeben, denn:
    17.3% aller US-Haushalte mit mehr als 100'000 Dollar Einkommen (25 Millionen solcher US-Haushalte gibt es) gaben zwischen Juli 2013 und Juli 2014 zwischen 500 und 999 US Dollar für Hautpflege, Kosmetika und Parfums aus. Das sind 15 Milliarden Dollar die in den USA pro Jahr für Kosmetika ausgegeben werden, fast 4 Mal so viel wie das NASA-Budget für 2014 betrug. Weltweit wurden gar mehr als 100 Milliarden US-Dollar für Hautpflegeprodukte ausgegeben.

    Hier nun der Wikipedia-Eintrag zum Experiment mit den Mäusen (Entfernung der senesezenten Zellen), der auch noch weitere positive Gesundheitseffekte nennt:

    A research team led by Jan M. van Deursen at the Mayo Clinic in Rochester, Minn., purged all the senescent cells in mice by giving them a drug that forces the cells to self-destruct. The mice’s tissues showed a major improvement in the usual burden of age-related disorders. They did not develop cataracts, avoided the usual wasting of muscle with age, and could exercise much longer on a mouse treadmill. They retained the fat layers in the skin that usually thin out with age and, in people, cause wrinkling.

    Wenn man sich noch bewusst macht, dass in den hochentwickelten Ländern (USA, Europa, Japan) schon 2020 mehr als 1/3 aller Menschen älter als 50 Jahre sein werden (In Japan waren 2010 23% älter als 65), versteht man plötzlich, warum die Altersforschung im weitesten Sinne eine solche Bedeutung erhalten hat. In der englischsprachigen Wikipedia findet man unter dem Artikel Senescence 35 weitere Wikipedia-Artikel verlinkt, darunter solche wie Longevity, Immortality, Indefinite Lifespan und List of life extension-related topics, einer Liste mit selbst mehr als 200 Einträgen.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Korrekur: Die US-Haushalte mit mehr als 100'000 Dollar Einkommen gaben 2014 "nur" 3 bis 4 Milliarden US-Dollar für Hautpflege und Kosmetika aus, nicht 15 Miliarden. Doch alle US-Haushalte zusammen haben wohl die genannte Summe ausgegeben - denn auch der Haushalt mit US-Durchschnittseinkommen (52'000 Dollar) gibt etwas für Kosemtika aus ( ausser vielleicht ich, nur bin ich kein US-Bürger).

  8. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Eine Intervention die seneszente Zellen entfernt und damit viele Gewebe jugendlich erhält, könnte eine der ersten praktischen Anti-Aging-Therapien werden. In Aiming to Remove the Senescent Cell Contribution to Aging and Age-Related Disease wird spekuliert, schon in 5 Jahren könnten Behandlungsmethoden existieren so dass in 10 bis 20 Jahren dann Therapien zugelassen sind.
    Warum? Zuviele seneszente Zellen verschlechtern das Gewebe, erhöhen den Grad der chronischen Entzündung und können letztlich auch Krebs begünstigen. Sie scheinen in der Jugend teilweise vom Immunsystem abgeräumt zu werden, nicht mehr aber im Alter.
    Wie?Seneszente Zellen könnten unter Ausnützung ihrer Unterschiede zu normalen Körperzellen therapeutisch angegriffen werden wobei Techniken zum Einsatz kommen, die in der Krebstherapie entwickelt wurden. Dazu könnte auch eine Stimulation des Immunsystems gehören.
    Eine Methode arbeitet mit Nanopartikeln, die sich an seneszente Zellen binden und dann ein tödliches Mittel ausschütten.

    "The nanodevice that we have developed consists of mesoporous nanoparticles with a galactooligosaccharide outer surface that prevents the release of the load and that only selectively opens in degenerative phase cells or senescent cells. The proof of concept demonstrates for the first time that selected chemicals can be released in these cells and not in others," says Ramón Martínez Máñez, researcher at the IDN Centre - Universitat Politècnica de València and CIBER-BBN member.

  9. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Seneszente Zellen zu erkennen und sie dann zu eliminieren wird belohnt durch gesünderes Gewebe und - mindestens bei Drosophila - längerem Leben berichtet die CELL-Studie Elimination of Unfit Cells Maintains Tissue Health and Prolongs Lifespan

    Viable yet damaged cells can accumulate during development and aging. Although eliminating those cells may benefit organ function, identification of this less fit cell population remains challenging. Previously, we identified a molecular mechanism, based on “fitness fingerprints” displayed on cell membranes, which allows direct fitness comparison among cells in Drosophila. Here, we study the physiological consequences of efficient cell selection for the whole organism. We find that fitness-based cell culling is naturally used to maintain tissue health, delay aging, and extend lifespan in Drosophila. We identify a gene, azot, which ensures the elimination of less fit cells. Lack of azot increases morphological malformations and susceptibility to random mutations and accelerates tissue degeneration. On the contrary, improving the efficiency of cell selection is beneficial for tissue health and extends lifespan.

  10. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Nicht nur (Zitat) "nach starken DNA-Schäden werden Zellen mitunter seneszent". Nein, Fettleibigkeit genügt bereits, wie das Papier Deleted in Breast Cancer 1 (DBC1) regulates cellular senescence during obesity feststellt. Fettsucht führt nämlich zu Entzündung und Gewebsdysfunktion und in diesem Rahmen werden auch vermehrt seneszente Zellen (inaktivierte, aber lebende Zellen) gebildet. Das eben erwähnte Papier stellt also einen Zusammenhang dar zwischen dem Blogbeitrag von Anna Müllner auf dieser Seite und dem von mir bereits verlinkten Blogbeeitrag Fette (Omega-3) sind gut geben Diabetes von Verena Brucklacher-Waldert, wo Verena Brucklacher-Waldert schreibt: " Fettgewebe, in dem sich überschüssige Fettsäuren von „schlechten“ Fetten ansammeln, produziert Gefahrensignale, ähnlich denen bei Entzündungen,". Scheinbar bleibt es nicht bei Gefahrensignalen, nein, es entstehen bei Fettsucht sogar vermehrt seneszente Zellen.
    Das folgende Zitat aus dem Papier Deleted in Breast Cancer 1 regulates cellular senescence during obesity soll das belegen:

    Obesity, a major health problem in the USA and many developed countries (Flegal et al., 2012), is associated with an increase in cellular senescence and inflammation (Tchkonia
    et al. , 2010). Cellular senescence has been proposed to promote chronic, “sterile” inflammation
    through the senescence-associated secretory phenotype (SASP) (Tchkonia et al. , 2010). Supporting this notion, some of us found that eliminating senescent cells from progeroid mice improves healthspan (Baker et al. , 2011).

    Hier schliesst sich also der Teufels-Kreis: Entzündungszustände beispielsweise durch Fettsucht erzeugen vermehrt seneszente Zellen und diese seneszenten Zellen wiederum verstärken den Entzündungszustand über die Sekretion von inflammatorischen Substanzen. Seneszente Zellen sind also nicht völlig inaktiv. Ihre Aktivität wirkt sich allerdings mehrheitlich schädlich aus.

  11. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Alterungsvorgänge scheinen sich im Fettgewebe und in seneszenten Zellen ähnelnden, umgebauten Fettvoläuferzellen zu wiederspiegeln berichtet der Artikel Fat tissue, aging, and cellular senescence

    In diesem Artikel wird also ein Zusammenhang von Alterung mit pathologischen Vorgängen im Fettgewebe, insbesondere in Fettvorläuferzellen, hergestellt. Seneszente Zellen und Zellen, die in einem pro-inflammatorischen seneszenz-ähnlichem Zustand sind spielen dabei eine herausragende Rolle.
    Im folgenden habe ich die Kurzzusammenfassung des Artikels (das Abstract) auf die mir in diesem Zusammenhang wichtigen Teile zusammengekürzt und ins Deutsche übersetzt.

    Das Fettgewebe - oft das grösste Organ des Menschen - scheint an Prozessen beteiligt zu sein, die über Langlebigkeit und metabolischer Dysfunktion im Alter entscheiden.
    Fettsucht beschleunigt das Auftauchen von Alterskrankheiten, während Fettabtragung und gewisse Mutationen, die den Fettanbau/abbau steuern die Lebensspanne verlängern.
    Eine wichtige Rolle beim Altern nehmen Fettvorläuferzellen ein, die reichlich vorhanden und und eng mit Makrophagen verwandt sind. Diese Fettvorläuferzellen dysdifferenzieren sich im Alter indem sie in einen pro-inflammatorischen seneszenten Zellen ähnlichen Zustand umschalten.
    Zellulärer Stress und Übernutzung von Fettvorläuferzellen scheint zelluläre Seneszenz zu induzieren, was zu Störungen im Aufbau von Fettgeweben, Versagen bei der Sequestrierung von lipotoxischen Fettsäuren und zur Erzeugung von inflammatorischen Zytokinen und Chemokinen führt Dieses Bild fügt sich nahtlos in

    das Konzept ein, dass Seneszenz von Zellen eine Stressantwort sein kann und dass sich die Entwicklung von funktionellen zu seneszenten Zellen über mehrere Stadien vollzieht, welche auch auf andere (gesunde) Zellen übergreifen kann.

    Senesezenz von Zellen kommt also nicht nur durch äussere Noxen zustande sondern auch durch metabolische Dysfunktion.
    Konsistent damit kann sich ein seneszten-ähnlicher Zustand auch in Fettvorläuferzellen von jungen Fettleibigen entwickeln. Weil das "Fettorgan" so gross ist, hat eine solche Entwicklung enorme Bedeutung für den Gesamtorganismus.

  12. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    FOREVER YOUNG durch Entfernung aller sich ansammelnden seneszenten Zellen. Diese Hoffnung ist nicht abgwegig, denn genau das war der Effekt bei der künstlichen Entfernung aller senszenten Zellen in Experimenten mit Mäusen. Älter wurden die Mäuse dadurch nicht, aber sie blieben bis ins hohe Alter gesund (Forever Healthy).
    Beim Menschen beginnt die Hautalterung etwa Mitte 20. Das ist zugleich der Zeitpunkt in dem sich seneszente Zellen im Gewebe - auch in der Haut - anzureichern beginnen. Vorher entstehen vielleicht weniger solche Zellen, doch mit noch grösserer Wahrscheinlichkeit werden sie mit zunehmenden Alter einfach nicht mehr genügend abgeräumt. Das - die Anhäufung von seneszenten Zellen viel stärker als die Entstehung von seneszenten Zellen - ist genau das, was dem Gewebe schadet.
    Erst seit kurzem ist es möglich, bestimmte unerwünschte Zellpopulationen im menschlichen Körper gezielt zu bekämpfen. Es sind die gerade erst in der Entstehung begriffenen "individuellen" Krebstherapien, welche mittels Biomarker die genetische Eigenart der Krebszellen bestimmen un dann mittels Immun-/Gentherapie gezielt gegen diese Krebszellen vorgehen. Erfolge sind nicht nur bei "exotischen" Krebeserkrankungen wie dem Melanom, sondern sogar bei so häufigen Krebserkrankungen wie dem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom zu vermelden.

    Gegen die sich im Gewebe anhäufenden senesezenten Körperzellen könnten bald schon mit ähnlichen Methodne wie in der Krebstherapie vorgegangen werden.

    Nun zu einer ganz anderen Frage: Warum interessiert mich dieses Thema überhaupt. Ganz einfach: mich interessiert alles was Auswirkungen auf die Zukunft der Menschheit hat und kein Laserschwert, keine Rakete und keine Energietechnologie hat mehr Einfluss auf die Zukunft der Menschheit als das was die biologischen Determinanten des Menschseins beeinflusst.

    Heute morgen habe ich in der grössten Tageszeitung der Stadt in der ich lebe folgende Themen gefunden:
    - Der Vatikan hat eine italienisch/amerikanischen Schauspielerin in einem Videoclip auftreten lassen, der den jungen Frauen verkündet, sie sollten sich keinen Schönheitsoperationen unterziehen. Der Witz daran ist, dass der besagten Schauspielerin selbst nachgesagt wird, sie hätte das Messer an sich angesetzt.
    - im Blog der Zeitung ging es um Karrierefrauen und dass diese gleich viel Alkohohl tränken wie ihre männlichen Kollegen obwohl doch Alkohol der stärkste "Altmacher" ist und die gleichen Frauen für teures Geld Anti-Aging-Therapien anwenden
    - Es wurde das Schicksal von Hollywood-Schauspielerinnen thematisert, die ab 30 kaum mehr grosse Rollen erhielten, weil sie Zeichen von Alterung zeigten.

    Mit anderen Worten: Die Themen die den Menschen wichtig sind haben sehr häufig direkt oder indirekt mit der Biologie des Menschseins zu tun. Und die negativen Aspekte der Alterung sind das was heute so viel wohlhabende (aber auch andere) Menschen beschäftigt wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Wenn Therapien wie die Entfernung von seneszenten Zellen hier etwas ändern können werden sie einschlagen wie eine Bombe.

  13. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Ein Medikament das seneszente Zellen in Mäusen abtötet schützt diese Mäuse vor Alterskrankheiten die Haut, Muskeln, Augen und das Fettgewebe verändern, indem es den Zeitpunkt hinauszögert an dem die alterstypischen Veränderungen dieser Gewebe einsetzen.
    Das Medikament richtet sich dabei gegen einen Biomarker, also ein Molekül, das seneszente Zellen charakterisiert. Dieser Biomarker p16Ink4a sitzt auf vielen - aber nicht allen - seneszenten Zellen und er wird mit der Alterung in immer grösseren Mengen produziert. Die Abtötung der Zellen auf denen dieser Biomarker sitzt, gelang hier allerdings nur in transgenen, genmanipulierten Mäusen.

    Gelingt es später einmal auch beim Menschen gezielt gegen seneszente Zellen vorzugehen - und zwar ohne vorherige Genmanipulation - so ist auch beim Menschen eine verzögerte Alterung zu erwarten.

    Gibt es heute bereits wirksame Anti-Aging-Medikamente? Nein. Die gibt es noch nicht. Doch eine Firma will nun Stoffe auf den Markt bringen, die im Tierversuch den Stoffwechsel so verändern wie er auch bei leicht untergewichtigen Tieren zu funden ist. Solche untergewichtige Mäuse und Ratten leben länger und gesünder. Ihr Fell wird erst in einem höheren Alter struppig als bei normal- oder übergewichtigen Mäusen/Ratten. Darüber berichtet der MIT-Review-Artikel The Anti-Aging Pill (Facing a long wait for evidence, a longevity researcher takes an unusual path to market.)
    Doch es ist bis jetzt nur bei Mäusen und Ratten nachgewiesen, dass Mindergewicht einen Anti-Aging-Effekt hat, nicht bei Menschen. Es gibt aber bereits Leute, die bewusst wenig essen um die Alterung herauszuzögern.
    Methoden wie die Entfernung von seneszenten Zellen sind aus heutiger Sicht hochriskant im Vergleich zu einer Diät oder zu Medikamenten wie Reservatrol (Stoff in Rotwein) und anderen den Sirtuin-Stoffwechsel beeeinflussenden Stoffen (mit einem ähnlichen Effekt wie Kalorienrestriktion (Abmagern)), denn die Entfernung von Zellen durch einen Angriff auf diese Zellen kann potenziell auch andere Zellen schädigen. Solche unbeabschichtigen Schädiigungen von Zellen, die gewisse Zellen mit den abzutötenden Zellen gemeinsam haben, ist bei experimentellen Krebstherapien auch schon mehrmals passiert. Aus diesem Grund dürfte es noch einige Zeit dauern bis Therapien für die Beseitigung von seneszenten Zellen auf den Markt kommen.

  14. Joker Antworten | Permalink

    @ Anna Müllner

    Martin Holzherr kannte ich schon, Seneszenz war mir bis dato völlig unbekannt. Danke für die Aufklärung.

  15. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Mayo Klinik Forschern melden, dass sie seneszente Zellen bei Mäusen mit bekannten Parmaka entfernen können womit sie viele Alterserscheinungen stoppen.Insbesondere Gebrechlichkeit, kardiovaskuläre Dysfunktion und Osteoporose wurden vermindert, die körperliche Leistungsfähikgeit erhöht und die "gesunde" Lebensspanne verlängert.
    Die Forscher sprechen von senolytischen Medikamenten , wenn diese selektiv zum Absterben von seneszenten Zellen führen. Gefunden haben sie ein Krebsmittel (Dasatinib) und ein Antihistamin/AntiInflammatorium (Quercetin) welche in Zellkulturen die Apoptose (das Absterben) von seneszenten Zellen einleiten und welche die obengenannten gesundheitlich positiven Effekte haben.

    Zum Teil genügte die einmalige Gabe dieser Pharmaka um einen positiven Effekt zu bewirken. Die Medikamente haben Nebenwirkungen, sollte es jedoch genügen sie relativ selten in grösseren Zeitabständen zu verbabreichen, wären diese Nebenwirkungen akzeptabel.

  16. Omnivor Antworten | Permalink

    Dann werde ich mir am Wochenende eine Portion Rindergeschnetzeltes mit viel Kapern in Rotweinsahne (Quercetin) gönnen und Aktien von Bristol-Myers Squibb (Dasanitib) kaufen.
    Da Dasanitib seit 8 Jahren zugelassen ist, sollte man doch genügend Probanden finden können, um den Jungbrunneneffekt zu überprüfen.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Es gibt bereits einen Eintrag in Wikipedia für Senolytics und es werden dort Dasatinib und Quercetin erwähnt.

  17. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Seneszenz Take-Home-Points aus Anti-Aging Sicht: Seneszente Zellen sind angeschwollene, sich nicht mehr teilende, funktionslos gewordene Zellen, die aber Stoffe ausschütten wie sie bei Entzündungen entstehen. Sie entstehen nach der maximal möglichen Zahl von Zellteilungen oder als Reaktion auf eine Vielzahl von starken Stressoren und sind eine Alternative zum Absterben der Zelle. Mit zunehmenden Alter häufen sie sich an und beeinträchtigen das Gewebe in dem sie sitzen. Mäuse, bei denen man die seneszenten Zellen ständig entfernte, wurden von alterstypische dysfunktionalen Gewebeveränderungen in Haut (fleckiger Verlust von Fettgewebe), Muskel (zunehmende Schwäche) und Auge (Kataraktbildung) verschont. Nicht alle alterstypischen Veränderungen wurden aber durch das Entfernen von seneszenten Zellen behoben und die Lebenszeit kaum verlängert. Inzwischen sind Pharmaka bekannt, die auch beim Menschen "senolytisch" wirken, also seneszente Zellen abtöten und klinische Tests am Menschen werden vorbereitet.

  18. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Kosmetikmittel, die einen Antiaging-Effekt versprechen, Schaden der Haut, ist das Fazit eines Selbstversuchs durch Professor Timothy Caulfield. Der Gesundheitsexperte Timothy Caulfield aus Alberta, Kanada, hat sich mit Gesundheitsversprechen alternativer Ernährungsweisen auseinandergesetzt und anschliessend auch Selbstversuche mit diversen Antiaging-Produkten unternommen. "Ein ganzes Jahr lang schrubbte, peelte, exfoliierte und cremte er mit jenen Mitteln, die ihm von Kosmetikherstellern empfohlen worden waren - mit dem Ergebnis, dass seine Haut gemäss Dermatologen danach in einem schlechteren Zustand war als vorher, als er nur Wasser und Seife verwendet hatte.
    Fazit: Wirksame Antiaging Methoden wie das Entfernen vom seneszenten Zellen würden auf reges Interesse stossen.

  19. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Keeping older muscles strong berichtet über die Entdeckung der Ursachen von Muskelschwäche und Muskelschwund im Alter. Dem Protein ATF4 scheint dabei eine Schlüsselfunktion zuzukommen. Stoffe in Äpfeln und grünen Tomaten scheinen die ATF4-Aktivität natürlicherweise zu vermindern, was sich positiv auf die Muskulator auswirkt. ATF4-Antagonisten könnten als Medikamente verabreicht also Muskelschwäche und Muskelschwund im Alter entgegenwirken oder vorbeugend wirken.

  20. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Mäuse denen seneszente Zellen regelmässig entfernt wurden leben 35% länger berichtet die Mayo-Klinik.
    Senesczente Zellen werden normalerweise vom Immunsystem entfernt, mit zunehmenden Alter verbleiben aber immer im Organismus, wo sie den Grad der Entzündungsaktivität erhöhen, was sowohl Alterssymptome begünstigt als auch das Leben verkürzt.

    “Senescent cells that accumulate with aging are largely bad, do bad things to your organs and tissues, and therefore shorten your life but also the healthy phase of your life,” says Dr. van Deursen. “And since you can eliminate the cells without negative side effects, it seems like therapies that will mimic our findings – or our genetic model that we used to eliminate the cells – that drugs or other compounds that can eliminate senescent cells would be useful for therapies against age-related disabilities or diseases or conditions.”

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