“Als Physikerin sage ich”

12. Februar 2008 von Günter M. Ziegler in Allgemein

Die Bundeskanzlerin befasste sich kürzlich in einem Ihrer wöchentlichen Video-Podcasts unter der Überschrift "Du kannst mehr Mathe, als Du denkst" mit dem Jahr der Mathematik 2008. Sie formulierte dabei

"Als Physikerin sage ich"

- das ist ein wunderbar selbstbewusstes "ich", mit der Wissenschaft im Rücken.

Den Satz sollte so mancher einfach morgens laut vor dem Spiegel üben. Von Henry Kissinger wurde ja mal kolportiert, er habe zu den morgentlichen Kniebeugen (in seiner aktiven Zeit) ein Mantra von "Every day in every way I am getting better and better and better" wiederholt - so lange, bis er's geglaubt hat. Ein "Als Physikerin sage ich" eignet sich auch zum Morgengebet.

Das Mathematikjahr ist ja mit einer unglaublichen Medienresonanz gestartet. Dabei wurden ein paar festbetonierte Binsenweisheiten weggeschwemmt - etwa die Meinung der Medien, Mathematiker seien nicht ansprechbar, und die Meinung der Mathematiker, es interessiere sich keiner für sie und ihr Fach. (Zu Vorurteilen siehe auch: Schöne Formeln von Christoph Drösser, in der ZEIT.)

Ein "als Physikerin sage ich ..." bzw. "als Physiker sage ich..." (je nach Selbsteinschätzung) habe ich dabei allerdings von kaum einem Journalisten gehört, sondern immer wieder immer wieder immer wieder die zwei Einleitungssätze, die etwas verschämt das "in Mathe lagen früher ja meine Stärken nicht" umschrieben. Alle unterdurchschnittlich? Das ist ja doch statistisch bemerkenswert.

Das löbliche krasse Gegenteil hat sich bisher eigentlich nur einer geleistet, dem ich danken möchte für seinen Blog: Matthias Matussek, der auf Spiegel-Online seinen wöchentlichen Kulturtipp unter Topp, die Wette gilt!  abgeliefert hat. Da kam zum Selbstbewusstsein noch etwas ganz neues, ungewöhnliches, bemerkenswertes dazu: Gute Laune! (Und: achten Sie auf die Untertitel!)


8 Kommentare zu ““Als Physikerin sage ich””

  1. Stefan Taube Antworten | Permalink

    Physik studiert, na und?

    "Ein wunderbar selbstbewusstes "ich", mit der Wissenschaft im Rücken" könnte sich auch Oskar Lafontaine erlauben: "Als Physiker sage ich...". Was lernen wir daraus?

  2. Martin Huhn Antworten | Permalink

    Tja, was ich so im Studium beobachten konnte gab es zwei Gruppen von Studenten.
    Die einen haben nur alte Klausuren durch gerechnet und bestanden (manche sogar sehr gut), aber nichts vom Thema verinnerlicht. Zwei Wochen später wußten sie nicht mehr worum es ging (wie denn auch, wenn sie es nicht verstanden haben).
    Die anderen wollten es wirklich begreifen und nicht wenige haben bei den Klausuren schlechter abgeschnitten, als die andere Gruppe, die alte Klausuren auswendig gelernt hat.

    Wie werden es wohl Lafontaine und Merkel im Studium gehandhabt haben? Bei manchen Äußerungen von denen frage ich mich schon, wie es sich mit der Physik verträgt. ;-)

  3. Stefan Taube Antworten | Permalink

    Mein lieber Herr Huhn

    was ich mit meinem Kommentar ansprechen wollte ist, dass ich keinen Zusammenhang sehe zwischen dem Bundeskanzlerinsein von Frau Merkel und ihrem Vorleben als Physikerin. Genauso könnte sie auch sagen "Als Trägerin des Seepferdchen-Schwimmpass ..." vorausgesetzt sie hat den Pass wirklich! Das Zeitalter des lebenslangen Lernens verträgt sich nämlich nicht mit solchen Rückgriffen in die Biographie.

  4. John Perlemann Antworten | Permalink

    zum Kommentag von Martin Huhn

    Den Sachverhalt wohl etwas zu stark vereinfacht. Deine Theorie ist nicht adäquat, um das Spektrum aller Physikstudenten zu erklären.

  5. Martin Huhn Antworten | Permalink

    @ Perlemann

    Mein Kommentar soll weder eine Theorie noch eine Doktorarbeit sein. Deshalb ist es in der Tat grob vereinfacht. Aber ich bleibe dabei, es gibt genügend Studenten, die lernen nur auf Klausuren und haben nicht viel verstanden. Oder willst Du mir etwas anderes erzählen?

  6. Evelyn Polte Antworten | Permalink

    zu Martin Huhn

    Es ist schon etwas anderes, wenn jemand für Mathematik wirbt, der dieses Fach nie verstanden hat und deshalb nicht glaubwürdig ist. Und Frau Merkel hat als Physikerin erst einmal viel mit Mathematik zu tun gehabt. Ob Frau Merkel nun für die Prüfungen aus alten Klausuren gelernt hat oder mehr in diese Wissenschaft eindringen wollte, steht doch hier nicht zur Debatte. Sie arbeitet ja nicht als Naturwissenschaftlerin, da wäre es etwas anderes.

  7. thetamikron Antworten | Permalink

    Bildungswert der Mathematik

    Eine Anekdote aus meinem ersten Studiensemester. Es war in einer Vorlesung bei einem lupenreinem Zahlentheoretiker. Der stellte sich da vorne hin und sprach:

    "Meine Damen und Herren, wissen Sie eigentlich, worin der Bildungswert der Mathematik besteht? Nein? Es ist aber ganz einfach. Die Mathematik ist dazu da, um zu BEWEISEN, dass alle Menschen dumm sind - alle, alle, alle" - und schlug sich demonstrativ auf seine eigene Brust.

    Ich weiß, dass ich nichts weiß - Mathematiker können dies sicher am schnellsten verstehen. Ob sie es aber auch beherzigen, schon gar als Lehrer oder Politiker? Was weiß ich...

  8. Mediator Antworten | Permalink

    So schlecht finde ich die Einleitung ihres Satzes gar nicht. Im Gegenteil: Warum sollte Frau Dr. Merkel nicht im Zusammenhang mit dem Jahr der Mathematik darauf hinweisen, daß sie nicht nur als Bundeskanzlerin, also als (Berufs-)Politikerin grüßt und spricht bzw. schreibt, sondern auch als Naturwissenschaftlerin?!

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