Des letzten Kaisers schwere Geburt und deren Folgen

28. Dezember 2010 von Trota von Berlin in Medizin-Geschichte(n)

Ein eisiger Mittag im Januar 1859. Frauenarzt Prof. Dr. Eduard Arnold Martin, Direktor der Entbindungsanstalt der Berliner Charité, eilt an das Bett der seit Stunden kreißenden Kronprinzessin Victoria. Die 18-Jährige erwartet den ersten Nachwuchs und der berühmte Professor wird hinzugerufen, weil es Probleme gibt. Seit Stunden stockt die Geburt. Zudem haben die Leibärzte die Steißlage des Kindes übersehen.
 
Das Kind, um das es geht, ist der kleine Wilhelm, der einmal als letzter deutscher Kaiser in die Geschichte eingehen soll. Für eine manuelle äußere Wendung ist es viel zu spät. Die äußerst schmerzhaften Wehen sind unproduktiv. Der Vater des Kindes, Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen, der spätere 99-Tage-Kaiser Friedrich III., bereitet sich seelisch bereits auf eine Totgeburt vor.
 
Ein Kaiserschnitt könnte den späteren Kaiser zwar retten, würde aber höchstwahrscheinlich zum Tod der Mutter und vielleicht auch zur Hirnschädigung des Kindes führen. Denn Antibiotika, Hygienemaßnahmen, Bluttransfusionen sowie moderne Narkose- und Operationstechniken müssen erst noch erfunden werden und Einzug in die medizinische Praxis halten.
 
Auch der Schweizer Kaponenmacher Jakob Nufer ist bereits seit vielen Jahren tot. Seine Kenntnisse hätten vermutlich die edle Mutter und ihr Kind retten können. Dabei war Nufer nicht einmal Arzt. Der Mann verdiente seinen Lebensunterhalt mit dem Kastrieren von Schweinen, damit diese schneller fett wurden. Dadurch wusste er im Gegensatz zu den zeitgenössischen Ärzten, dass ein Organ, welches aufgeschnitten wird, auch wieder zusammengenäht werden muss. Diese operativen Kenntnisse retteten schließlich seiner Ehefrau und dem Erstgeborenen das Leben. Erfolgreich führte er im Jahr 1500 den ersten Kaiserschnitt durch, den sowohl die Mutter als auch das Kind überlebten.
 
Im Jahre 1859 ist der Kaiserschnitt also für die kaiserliche Familie entgegen des gleichlautenden Namens keine Wahl, denn zu dieser Zeit kommt der Eingriff seiner Herkunft vom lateinischen Wort caedere (schlachten, töten) noch recht nahe. Mutter und Kind brauchen andere Hilfe.
 
Prof. Martin versucht, die unproduktiven Krämpfe zunächst mit Ipecacuanha, einem Brechmittel, zu lindern. Endlich schreitet die Geburt voran. Jetzt regt der Arzt die Wehen mit Mutterkorn an und narkotisiert Victoria mit Chloroform, um das Kind aus der Gebärmutter entwickeln zu können. Martin hatte als erster Mediziner in Deutschland im Jahre 1848 bei Kreißenden Chloroform angewendet.
 
Um viertel vor drei am Nachmittag tritt das Kind mit dem Po voraus in den Geburtskanal ein. Martin bemerkt dabei, dass der Nabelschnurpuls sehr schwach und langsam ist. Jetzt zählt jede Minute. Das Leben des kleinen Prinzen hängt an einem winzigen seidenen Faden. Zunächst entwickelt der Professor die in der Gebärmutter komplett nach oben gestreckten Beine. Dann bekommt er den linken Arm zu fassen, der sich nur unter großen Mühen hinabführen lässt. Unter starkem Zug am linken Arm gelingt es ihm schließlich, den Körper zu drehen, um danach auch den rechten Arm und schließlich den Kopf zu befreien.
 
Das Neugeborene ist mehr tot als lebendig und kann nur dank des beherzten Eingreifens der Hebamme durch heftige Schläge, Reiben des Kindes und kalte Wassergüsse zum Schreien bewogen werden. Zunächst ist die Freude groß, dass doch noch alles gut gegangen ist, Mutter und Kind wohlauf sind.
 
Erst einige Tage später bemerkt man, dass der linke Arm des Knaben schlaff gelähmt ist. Einer der Leibärzte findet in der linken Achsel Spuren einer Quetschung. Wahrscheinlich haben die Manipulationen unter der Geburt zu einer unwiderruflichen Schädigung des Armnervengeflechts in der Achselhöhle (Plexus brachialis) und damit zu einer so genannten Erb-Duchenne-Lähmung geführt.
 
Als der Prinz vier Jahre alt ist, fällt außerdem ein zunehmend ausgeprägter muskulärer Schiefhals nach rechts auf, dessen Ursache unklar bleibt. Diese Makel sollen das ganze Leben des jungen Prinzen bestimmen. Immer wird er versuchen, seine Behinderung zu verbergen.
 
Gut versteckte Makel: ''Kaiser Wilhelm II.'', Öl auf Leinwand, 1890, Max Koner (1854–1900)
 
Qualvolle Heilversuche
 
Neben Kühlungen und Spülungen des kranken Arms mit Salzwasser werden die Gelenke des Säuglings mehrmals täglich nach einem bestimmten Schema bewegt. Als der kleine Prinz ein halbes Jahr alt ist, bindet man den rechten Arm täglich eine Stunde lang fest, in der Hoffnung, damit das Kind zum Gebrauch des linken Arms zu bewegen. Hinzu kommen ‚animalische Bäder’ des kranken Arms, der in frisch geschlachtete Hasen gesteckt wird. Zehn Jahre lang wird das Kind einer Elektrisierungsbehandlung unterzogen und mit Wechsel- oder galvanischem Strom behandelt. Täglich wird der Hals eine Stunde lang in eine Kopfstreckmaschine eingespannt, während gleichzeitig die Halsmuskeln galvanisiert werden. Im Alter von sechs Jahren erfolgt die Abtrennung des großen Kopfwendermuskels (Musculus sternocleidomastoideus) von seinem Ansatz Ursprung am rechten Schlüsselbein. Danach kann der Prinz zwar den Kopf aufrecht halten, die linksseitigen Gesichtszüge und die Augen bleiben jedoch weiterhin im Vergleich zur rechten Gesichtshälfte unterentwickelt. Im Erwachsenenalter ist der linke Arm etwa 15 cm kürzer als der rechte.
 
Der britisch-deutsche Historiker John C.G. Röhl schreibt später in seiner Biographie über Wilhelm II., dass „die meisten der zweifellos gut gemeinten Versuche der Ärzte, Wilhelms Geburtsverletzungen wieder in Ordnung zu bringen, objektiv gesehen einer massiven Misshandlung des zarten kleinen Jungen gleichkamen.“ Diese jahrelangen Missbehandlungen könnten zu einer schweren Persönlichkeitsstörung geführt haben.
 
Vom ungeliebten Kind zum selbstherrlichen Herrscher
 
Nicht nur die Behandlungsmethoden, sondern auch die emotionale Kälte seiner Mutter, die sich nur schwer mit der Behinderung ihres Sohnes abfinden kann, lassen Wilhelm in seiner Kindheit leiden. Später äußert Sigmund Freud, die Mutter habe „dem Kind ihre Liebe wegen seines Gebrechens“ entzogen, was seiner Meinung nach die späteren Handlungen Wilhelms beeinflusst hätte.
 
Auch Wilhelms schulische Erziehung verläuft selbst für damalige Verhältnisse äußerst hart. Sein Lehrer Dr. Georg Hinzpeter praktiziert grausame Erziehungsmethoden und versucht immer wieder den Jungen zu körperlichen Übungen zu zwingen, zu denen er aufgrund der Behinderung niemals in der Lage ist.
 
Aus dem gepeinigten Kind wird schließlich im Alter von 29 Jahren Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser. 1918 muss er nach immerhin 30 Jahren Regentschaft abdanken und der Republik weichen. Am 4. Juni 1941 stirbt Wilhelm II. im Alter von 82 Jahren im niederländischen Exil nach einer Lungenembolie. In ihrem Buch „Der Kaiser und ich“ beschreibt seine zweite Frau, Hermine Prinzessin von Preußen, das Leben im Exil und den besonderen Zeitvertreib ihres Gemahls: „Während seines Aufenthaltes in Amerongen zersägte seine Majestät siebzehntausend Tannen.“
 
Wilhelm II. war offenbar eine bizarre, gleichzeitig jedoch auch bis ins hohe Alter mächtige Persönlichkeit. Der Kaiser-Skeptiker Walther Rathenau bemerkt zu den Verdiensten Wilhelms II.: „Niemals zuvor hat so vollkommen ein sinnbildlicher Mensch sich in der Epoche, eine Epoche sich im Menschen gespiegelt.“ Der britische Historiker Christopher Clark schreibt in seiner Machtanalyse über den zwiespältigen Monarchen, dass Wilhelm ein „intelligenter Mensch“ gewesen sei, „ausgestattet allerdings mit einem schlechten Urteilsvermögen, der zu taktlosen Ausbrüchen und kurzlebigen Begeisterungen tendierte, eine ängstliche, zur Panik neigende Gestalt, die häufig impulsiv aus einem Gefühl der Schwäche und Bedrohung heraus handelte.“
 
152 Jahre später wäre Deutschlands letzter Kaiser mit einem Kaiserschnitt entbunden worden. Sein Geburtstrauma wäre hierbei vermieden worden – ebenso wie die sich daraus ergebenden Folgeschäden. Inwieweit dies die Weltgeschichte verändert hätte, werden wir jedoch nie erfahren.
 
 
Quellen/weiterführende Literatur:
 
Christopher Clark: Wilhelm II.: Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers (Pantheon Verlag, München 2009)
 
Hermine Prinzessin von Preußen: Der Kaiser und ich (Matrix Media, Göttingen 2008) 
 
John C. G. Röhl: Wilhelm II. Die Jugend des Kaisers. 1859 – 1888 (C. H. Beck Verlag, München, 3. Auflage 2008)
 
John C. G. Röhl: Wilhelm II. Der Aufbau der persönlichen Monarchie 1888 – 1990 (C. H. Beck Verlag, München 2001)
 
John C. G. Röhl: Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund. 1900 – 1941 (C. H. Beck Verlag, München 2008)
 
John C. G. Röhl: Kaiser, Hof und Staat. Wilhelm II. und die deutsche Politik (C. H. Beck Verlag, München, 2. Auflage 2007)

19 Kommentare zu “Des letzten Kaisers schwere Geburt und deren Folgen”

  1. Helmut Wicht Antworten | Permalink

    Origo/Insertio

    (für insider)
    "Im Alter von sechs Jahren erfolgt die Abtrennung des großen Kopfwendermuskels (Musculus sternocleidomastoideus) von seinem Ansatz am rechten Schlüsselbein."

    Ursprung!

    (für outsider):
    Suchst Du frisch gekackt' Korinthen?
    Wirst beim Anatom' sie finden!
    Gratis dazu, man weiss ja nie,
    scheisst er noch'n paar Punkt für's "i":
    ........

  2. Michael Khan Antworten | Permalink

    Animalische Bäder?

    Hinzu kommen ‚animalische Bäder’ des kranken Arms, der in frisch geschlachtete Hasen gesteckt wird.

    Was erhoffte man sich denn davon?

  3. Stephan Schleim Antworten | Permalink

    Medizin, Psychologie, Pädagogik

    Schöner Beitrag und spannendes historisches Thema, das sich, wenn ich die Jahreszahlen der Bücher richtig deute, neuer Aktualität erfreut; wünschen sich die Deutschen etwa einen neuen Kaiser?

    Was wäre gewesen, wenn...

    ...die Medizin eine bessere Geburt ermöglicht hätte;
    ...Psychologen die Mutter zu mehr Liebe bewegen...
    ...oder das Trauma das ungeliebten Sohns hätten behandeln können;
    ...Pädagogen den geeigneten Unterricht für den zukünftigen Kaiser entwickelt hätten?

    Ja, wir werden es wirklich nie wissen.

  4. Trota von Berlin Antworten | Permalink

    @ Helmut Wicht: Korinthen

    Danke, Helmut für die anatomische Korrektur des Ansatzes zum Ursprung.

    Was wäre der Christstollen, dieses berühmte Gebäck aus schwerem Hefeteig, welches in seiner Form an das gewickelte Christkind erinnern soll, doch ohne seine Korinthen. Fast hätte ich vor Scham über meine Nachlässigkeit solch einen kostbaren Stollen fallen lassen (zum Glück hatte ich gerade keinen Schädel in der Hand). Ach, was bin ich froh, dass ich kein Anatomie-Testat mehr bestehen muss... :-)

  5. Trota von Berlin Antworten | Permalink

    @ Michael Khan: Hand im Hasen

    = feuchte Wärme.

    Früher wurden „animalische Bäder“ in der Hoffnung angewendet, gelähmte Glieder oder auch zu früh geborene Kinder mit den Lebensgeistern der gerade gestorbenen Tiere zu heilen. Mittlerweile weiß man jedoch, dass diese merkwürdigen Anwendungen keinen Vorzug gegenüber anderen Formen der feuchten Wärme haben. Heute können wir uns über solche Praktiken nur noch wundern und vermutlich wird es in weiteren 150 Jahren unseren Nachfahren mit einigen unserer heutigen evidenzbasierten Therapien nicht anders ergehen.

  6. Trota von Berlin Antworten | Permalink

    @ Stephan Schleim: Aktualität

    Danke :-). Die Aktualität ist wahrscheinlich eher auf den 150sten Geburtstag von Wilhelm II. (29.1.2009) als auf den Wunsch nach einem neuen Kaiser zurückzuführen (jedenfalls hoffe ich das ;-)).

  7. Stephan Schleim Antworten | Permalink

    P.S. zu animalischen Bädern

    In der Biografie "The Island Man" ist davon die Rede, dass dem Autor, nachdem ihm ein Seehund im Todeskampf ein gehöriges Stück Fleisch aus der Wade gebissen habe, ein Stück Seehundfleisch auf die Wunde gebunden worden sei.

  8. Antje Antworten | Permalink

    Ärzte von Kaiser Wilhelm II

    Hallo, im Zuge einer literarischen Nachforschung (handschriftliche Notizen aus der Vergangenheit) meinerseits meine Frage an Sie, gab es einen Prof. von Riedner, Niedner oder ähnlich, der 17 Jahre lang Leibarzt von Kaiser Wilhelm gewesen sein soll, wie heisst er richtig? Er starb im März 1946 in Hohenschäftlarn, aber im Internet habe ich nichts über ihn gefunden. Können Sie mir helfen? Vielen Dank und Gruss

  9. Trota von Berlin Antworten | Permalink

    @ Antje

    Leider bin ich keine Medizinhistorikerin. Aber vielleicht kann Ihnen ein Institut für Geschichte der Medizin weiterhelfen (bestehen an diversen Universitäten).
    Viel Erfolg!

  10. I. Heerde Antworten | Permalink

    @antje

    Der Leibarzt hieß Otto von Niener, ein indirekter Vorfahre von mir. Ich kann aber auch nichts im Internet über ihn finden – bis auf das hier (unter Punkt 106) http://familytreemaker.genealogy.com/users/h/a/u/Jennifer-M-Haugland/FILE/0001text.txt . Ich höre nur alte Tanten manchmal von ihm reden.
    Wenn Du was herausfindest würde ich mich über eine Benachrichtigung freuen.

  11. I. Heerde Antworten | Permalink

    @antje

    Der Leibarzt hieß Otto von NIEDNER, ein indirekter Vorfahre von mir. Ich kann aber auch nichts im Internet über ihn finden – bis auf das hier (unter Punkt 106) http://familytreemaker.genealogy.com/users/h/a/u/Jennifer-M-Haugland/FILE/0001text.txt . Ich höre nur alte Tanten manchmal von ihm reden.
    Wenn Du was herausfindest würde ich mich über eine Benachrichtigung freuen.

  12. Joachim Antworten | Permalink

    Ich hab ein altes Foto, auf dem er zusammen mit dem Kaiser in einer Jagdgesellschaft am 25.11.1910 gezeigt und genannt wird.

  13. Andrew BAus Antworten | Permalink

    Ich habe die Dienstlaufbahn des char. Gen. Ob. Arztes Dr. Otto von Niedner zusammengestellt und werde sie gerne hier geben falls es noch Interesse daran gibt.

    Andy

  14. Fabian Antworten | Permalink

    Hallo,
    ein sehr gut geschriebener Bericht über die Praxis der früheren Medizin. Die Methoden der damaligen Medizin hören sich nicht gerade nach einer Heilpraktik an. Ich glaube wir können von Glück reden, dass sich die Medizin so gut entwickelt hat.

  15. otto Antworten | Permalink

    Hallo Andy, das wäre doch eine schöne Grundlage für einen Wikipedia-Eintrag. Es scheint hier ja von mehreren Seiten Interesse zu geben. Von meiner ebenfalls.

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