Stachelschwein-Liebe / Porcupine Love


Heute ist Welttag des Artenschutzes - eine gute Gelegenheit, um Schopenhauers Stachelschwein-Dilemma vorzustellen, und wie Bestseller-Autorin Elizabeth Gilbert (Eat, Pray, Love) das Geheimnis unseres Glücks darin erklärt. Das wird der erste zweisprachige Artikel dieses Blogs. Los geht’s.

Today is World Wildlife Day - a great opportunity to present Schopenhauer’s porcupine dilemma, and how bestselling author Elizabeth Gilbert (Eat, Pray, Love) extracts the secret of happiness from it. This is going to be the first bilingual article on this blog. Here we go.

Arthur Schopenhauer (1788-1860) war wohl kein besonders umgänglicher Zeitgenosse und dennoch unbestritten ein philosophisches Genie. Umso besser konnte sich der professionelle Pessimist in das Sozialleben der Stachelschweine einfühlen. Indem er das Stachelschwein-Dilemma beschreibt, beweist er seinen meisterhaften Blick für menschliche Beziehungen und deren Probleme. Für Elizabeth Gilbert steht die Fabel für eine wunderschöne Metapher, wie wir durch das Leben gehen und uns unseren Mitmenschen nähern, um die Balance zu halten zwischen dem nötigen Selbstschutz zur Wahrung unserer Integrität und der Vulnerabilität, die für die wärmende Wirkung wahrer Vertrautheit nötig ist:

[...] Wir alle sind auf dieser Erde wie Stachelschweine in einer kalten Winternacht. Wenn sie frieren, rücken sie zusammen, um Wärme zu suchen. Sie sehnen sich nach Körperkontakt, nach dem Schutz durch ihre Gefährten. Also rücken sie immer näher zusammen - bis sie sich gegenseitig pieken (lacht!). Denn Stachelschweine haben schrecklich lange Borsten. Die Stacheln sind so schmerzhaft, dass die Tiere wieder auseinanderrücken. Und wieder frieren, um wieder zusammenzurücken. Bis sie sich wieder stechen (lacht!) und sich erneut zurückziehen. Doch dann wird ihnen wieder kalt und sie kehren in die Gesellschaft zurück. So setzt sich dieser Tanz um die Intimität fort, der auch unsere menschlichen Beziehungen beschreibt: das Bedürfnis der Nähe und das Bedürfnis, getrennt zu sein, um uns zu schützen vor dem unausweichlichen Schmerz, der bei zu großer Nähe entsteht.

Schopenhauer hatte keine wirkliche Lösung für dieses Problem. Er glaubte nicht, dass das jemals zu Ende gehen würde, sondern sah es an etwas an, das unserer menschlichen Natur entspricht. Seiner Idee nach können diejenigen, die selbst über genug Wärme im Innern verfügen, die sicherste Distanz zu den anderen Stachelschweine halten (lacht!). Dies bedeutet jedoch nicht unbedingt, ein Leben in Isolation führen zu müssen. Vielmehr ging es ihm darum, sich nicht von anderen Menschen zu etwas zwingen zu lassen, sondern den kritischen kleinen Raum zu wahren, der uns ein wenig Selbstständigkeit erlaubt, egal in welch frostiger Umgebung wir uns gerade befinden mögen. Denn wenn wir unsere eigene Wärme, unseren eigenen Sinn, unsere eigene Menschlichkeit erschaffen, können wir anderen nahe kommen, ohne gestochen zu werden – eines der größten Geheimnisse des Glücks, das ich je gelernt habe,

so die Erfolgsautorin Gilbert (eigene, freie Übersetzung).

Der World Wildlife Fund for Nature (WWF), eine der größten Naturschutzorganisationen der Welt, bietet die symbolische Adoption verschiedener Tierarten an. Darunter befindet sich auch der Nordamerikanische Baumstachler (Erethizon dorsatum). Obwohl diese Nager bis zu 30.000 Stacheln haben, um Gefahren fernzuhalten, gibt es sie hier als knuddelige Plüschtierversion, die uns um das Maß an Liebe und Respekt bittet, das für ein gemeinsames Weiterleben auf diesem Planeten nötig ist.

AdoptAPorcupineDer WWF bietet symbolische Adoptionen von Stachelschweinen und anderen Tierarten an.
The WWF offers symbolic adoptions of porcupines and other species.

 

English

Arthur Schopenhauer (1788-1860) was probably not a very pleasant fellow, but he was one hell of a philosophical genius. As a matter of fact the professional pessimist could excellently empathize with the social life of porcupines. By describing the porcupine dilemma, he proves his masterful eye for human relationships and their problems. Best-selling author Elizabeth Gilbert relays the fable – a beautiful metaphor for how we choose to go through life and on how we approach others, in our quest to keep the intricate balance between the necessary self-protection and the vulnerability that is needed for the warming effect of true intimacy.

[…] We are, all of us, like porcupines who are out on a cold winter’s night. They get cold and they need to huddle together for warmth. They crave connection and they crave warmth, so they come together and then they prick each other (laughs) because they have these horrible spines. And it’s painful and so in order to avoid the pain, they retreat and then they get cold, and so they come together and then they get spined (laughs), so they retreat. And they get cold, and they come together. And this dance of intimacy is what defines our relationships with everybody that we encounter. There is this need to be close that’s followed by this need to be separated in order to protect ourselves from the inevitable hurt that happens when you get too close.

And Schopenhauer didn’t have much of a remedy for that. He didn’t think that that was ever really going to end. He sort of saw that as innate to our human nature. What he suggested was that that those who have learned how to generate their own warmth were able to keep the safest distance from the other porcupines (laughs), which didn’t necessarily mean living a life of isolation. It just meant not impelling yourself on other people so that you could have that critical little space in which to be a little bit self-contained to create your own warmth, your own sense of your own humanity so that you could be close without being stabbed. The path to that is closest secret to happiness as anything I have ever learned,

concludes Gilbert.

The World Wildlife Fund (WWF), one of the world’s largest organizations in wildlife conservation, offers “symbolic adoptions” of a whole bunch of different species, including the North American porcupine (Erethizon dorsatum). Although these rodents may have as many as 30.000 quills to keep mischief at bay, here they come along as a cuddly plush version to ask their human fellows for the love and respect that is needed to continue our life together on this planet.

Quelle / weiterführende Literatur:
References / Further Reading:

 


2 Kommentare zu “Stachelschwein-Liebe / Porcupine Love”

  1. qilin Antworten | Permalink

    Dazu gibt es ein nettes Gedicht von Max Hayek (1882 - 1944 [in Auschwitz]):

    [b]Die Stachelschweine[/b]

    Von Stachelschweinen eine Schar
    beschloß am Wintertag, da's rauh und frostig war,
    einander helfend nah zu rücken
    und so, im Aneinanderdrücken,
    die Körperwärme klüglich auszunützen
    und vor dem Froste sich zu schützen.
    Allein, die Sache ging nicht recht,
    denn Stachelschweine sind ein stachliges Geschlecht.
    Sie [i]fanden[/i] Wärme, aber stachen sich
    an ihren Häuten fürchterlich,
    sodaß sie eilends wieder seitab rückten
    und sich nicht länger aneinanderdrückten.
    Doch trieb des rauhen Frostes grimmer Schmerz
    sie immer wieder stachelschweinewärts,
    und immer wieder riet ein scharfer Stich
    dem Wärmesuchenden: Entferne dich!
    Bis sie zuletzt - was ward da ausgestanden -
    den wohlgemess'nen richt'gen Abstand fanden,
    dabei zur Not sie mochten sich ertragen
    an Winter- wie wohl auch an Sommertagen.
    Und diesen Abstand nennt der Mensch noch heut'
    die [i]feine Sitte[/i] und die [i]Höflichkeit[/i].

  2. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Es liegt bei den Schopenhauerschen Stachelschweinen kein Paradox und kein Dilemma vor, sondern eine Parabel (die biologisch nicht belegt ist), d.h. Stachelschweine können weitgehend problemlos "kuscheln".

    Ansonsten scheint die Ideenmenge metaphorisch nachvollziehbar, nämlich: gleichzeitig Freund und Gegner zu sein, "Frenemy" sozusagen, also, ja, das müsste das Schicksal jedes vernunftbegabten Wesens sein.
    Muss aber nicht negativ gesehen werden.

    MFG
    Dr. W

Einen Kommentar schreiben


sieben − = 6