Wer sagt denn, dass Masern eine harmlose Kinderkrankheit ist?

11. November 2011 von Gunnar Ries in Hammer

Die Masern scheinen in Deutschland mal wieder auf dem Vormarsch zu sein. Im laufenden Jahr sind bereits doppelt so viele Fälle von Maserninfektionen gemeldet, wie im gesamten letzten Jahr. Hier scheint so langsam die Impfmüdgkeit der letzten Jahre ihre schrecklichen Früchte zu tragen. Denn auch wenn viele Impfskeptiker die Masern gerne als harmlose Kinderkrankheit hinstellen, ja regelrecht zu Masernpparties einladen; Masern sind alles andere als harmlos. Das durften unter anderem auch die Eltern von diesem Mädchen im ersten Film hier feststellen. Sie hatte sich im Alter von 7 Monaten angesteckt. Das Problem dabei ist, dass Kinder unter einem Jahr in der Regel nicht geimpft werden können und daher auf den Herdenschutz angewiesen sind. Die Infektion selber schien das Mädchen auch relativ gut überstanden zu haben. Allerdings zeigten sicherst jetzt, rund 5 Jahre später, im Februar diesen Jahres erste motorische Störungen und innerhalb von 8 Wochen wurde aus einem gesunden Kind ein Pflegefall. Masern, besonders bei so kleinen Kindern, sind eben nicht harmlos. Die Masernviren besiedelten bei der ersten Infektion unbemerkt das Gehirn. Hier können sie rund 5 bis 8 Jahre unbemerkt bleiben und vermehren sich erst sehr viel später, wobei sie das Gehirn unwiderruflich schädigen. Diese Verlaufsform, die Subakuten Sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE), ist weder heilbar noch zu stoppen und verläuft immer tödlich.

Bisher wurde die Wahrscheinlichkeit, an SSPE zu erkranken, mit 1 zu 5000 Masernfällen angegeben. Allerdings gibt es aus dem Ansteckungszeitraum 2006, in dem auch dieses Mädchen hier erkrankte, bereits einen weiteren SSPE Fall, bei 313 gemeldeten Masernfällen. Seit 2001 sind Masern meldepflichtig. Daher steht zu befürchten, dass selbst bei einer angenommenen Dunkelziffer von ungemeldeten Masernfällen die Gefahr für sehr kleine Kinder, später an SSPE zu erkranken, ungefähr bei 1 : 200 liegen könnte. 

Ich kann daher nur allen Eltern dringend an Herz legen, ihre Kinder entsprechend gegen Masern impfen zu lassen. Es ist nämlich schon weit mehr als einmal vorgekommen, dass sich noch nicht geimpfte Säuglinge bei ungeimpften Masernpatienten während des Arztbesuches angesteckt haben. Im unteren Film führte das ebenfalls zu SSPE. Die ständige Impfkommission empfiehlt außerdem, alle ungeimpfte erwachsene mit Jahrgang 1970 und jünger, welche nicht wissend eine Masernerkrankung durchlaufen haben, gegen dieselbe zu impfen.


10 Kommentare zu “Wer sagt denn, dass Masern eine harmlose Kinderkrankheit ist?”

  1. A.P. Antworten | Permalink

    Hallo, nur ein kleine Korrektur: In der Überschrift steht "Wer sagt den", es muss aber "Wer sagt denn" heißen...

    :)

    Danke, wurde korrigiert [GR]

  2. Juliette Antworten | Permalink

    wer sagt denn

    Jau, und gleich weiter: Wer sagt denn, dass Masern eine harmlose Kinderkrankheit SIND. ;-)

    Inhaltlich bin natürlich einverstanden. Danke.

  3. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Masern ausrotten (Impfgegner gleich mit)

    Die WHO hat eigentlich für 2010 die Ausrottung der Masern auf der Agenda gehabt, doch dieses Ziel weit verfehlt. Doch auch das neue Zieldatum 2015 wird wohl verfehlt werden. Nicht zuletzt wegen all den Impfgegnern.

    Meiner Meinung nach währen Zwangsimpfungen und Strafen für Impfverweigerung durchaus vertretbar, ja vielleicht sogar indiziert.

    Die WHO hat alles was zum Thema Masern gesagt werden muss in folgenden kurzen Sätzen zusammengefasst:

    Measles still remains a leading cause of death among young children, especially in developing countries. In 2008 alone, an estimated 164 000 died from the disease, often from secondary complications related to pneumonia, diarrhoea and encephalitis.

    Although there is no cure, a highly effective, safe and relatively inexpensive vaccine has been available since the 1960s. Therefore, every case of measles is preventable and any death or disability from measles is unacceptable.

  4. Martin B. Antworten | Permalink

    Danke :)

    Schön, dass du das verbloggst, dann muss ich das nicht mehr machen, war schon auf der Warteliste bei mir nach der Meldung, dass Berlin lt. RKI ein all-time-Hoch der Masernerkrankungen hat.

    Der Link unter „doppelt“ ist tot. Wolltest du möglicherweise das Epidemiologische Bulletin Nr. 44 verlinken?

  5. Physiker Antworten | Permalink

    Antwort

    Meiner Meinung werden die Masern/Komplikationen sogar von den (seriösen) Medien verharmlost, die wenigstens darüber berichten. Denn selbst in den ZDF-Nachrichten oder z.B. dem Spiegel-Artikel wird teilweise suggeriert, dass für die an SSPE erkrankten Kindern noch Hoffnung besteht:
    "Ärzte fürchten, dass die Patientin bald sterben könnte."
    http://www.spiegel.de/...zin/0,1518,796269,00.html
    An dieser oder ähnlichen Formulierung ist gleich mehreres falsch:
    1.) Die Ärzte "fürchten" nicht, sondern sie "wissen". Denn es hat noch niemand SSPE überlebt.
    2.) "bald" klingt sehr unbestimmt. Viele assoziieren damit, dass es ähnlich zu HIV die Möglichkeit/Hoffnung gibt, den Krankheitsverlauf für Jahrzehnte aufzuhalten. Soweit ich das sehe ist das aber nicht der Fall.
    3.) Der Konjunktiv "könnte" ist komplett fehl am Platz. Denn die Ärzte wissen, dass die Patienten innerhalb der nächsten Jahre sterben werden.

  6. Michael Münzer Antworten | Permalink

    Es gibt gute Gründe gegen das Impfen

    Was der Autor verschweigt, ist dass es gute Gründe gegen das Impfen gibt. In vielen Fällen ist die KKur schlimmer, als die Krankheit.

  7. Michael Khan Antworten | Permalink


    n vielen Fällen ist die KKur schlimmer, als die Krankheit.

    Was "in vielen Fälen" (in welchen Fälen denn?) sein mag, ist hier irrelevant, denn es geht um einen spezifischen Fall: die Masernimpfung.

    Da ist die Annahme mancher sorgloser Eltern, es handele sich um eine harmlose Krankheit, gegen die es keiner Impfung bedarf, unzutreffend.

    Eine Impfung ist im Übrigen keine Kur, denn eine solche gibt es bei der beschriebenen schweren Verlaufsform nicht.

  8. Gunnar Antworten | Permalink

    @Michael Münzer

    Was der Autor verschweigt, ist dass es gute Gründe gegen das Impfen gibt. In vielen Fällen ist die KKur schlimmer, als die Krankheit.

    Ach, welche guten Gründe könnte es wohl geben, andere Menschen, die sich nicht wehren können, einem deutlich erhöhten Todesrisiko auszusetzen? Im Ernst. Viele kriegen das große Angstschlottern, wenn sie von dem "Restrisiko", sei es bei Impfen oder radioaktiven Strahlen oder sonstiges hören. dann ist immer die Devise: jedes Risiko ist zuviel". Aber wenn das Restrisiko signifikant (immerhin 1:5000, wahrnscheinlich sogar 1:200!) ist und bei anderen liegt, dann ist es den Leuten schnurz. Es sind ja die anderen, die sterben dürfen. Himmel, so etwas ist derart erbärmlich, dass ich kotzen möchte.

  9. Heines Jürgen Antworten | Permalink

    Masern-Spätkomplikation

    Sehr geehrter Herr Ries!
    Leider geht Ihre Warnung in die falsche Richtung. Die von Ihnen beschriebene Encdephalitis gehört sehr wahrscheinlich zu der grossen Zahl der in allen Zivilisationsgesellschaften im Vormarsch befindlichen Autoimmunkrankheiten. Diese verhindert man - nach allem, was man bisher darüber weiss - nicht durch eine Impfung, sondern nur dadurch, dass man das Abwehrsystem von Kindern wie von Heranwachsenden wie von Erwachsenen trainiert. Das geschieht durch Methoden der Immunmodulation. Früh erkennen kann man die Neigung zu aberranten Reaktionen an den Lymhozyten und ihren Subpopulationen und anderen Immunparametern. Ein Blick in die sog. mitochondriale Medizin zeigt Ihnen, wie komplex, aber nicht un-logisch das Abwehrsystem aufgebaut ist. Die MM beweist auch, dass man - auch bei nachgewiesenen Abwehrstörungen - immer noch etwas ausrichten kann.
    Das ist ein weites Feld.
    Für heute mag es genügen.

    Mit freundlichen Grüssen,

    Dr. med. J. Heines

  10. Renate Druschinski Antworten | Permalink

    Mitochondriale Medizin

    Die "sog. Mitochondriale Medizin"
    (http://esowatch.com/...?title=Mitochondrienmedizin)
    beweist zuallererst, dass Spinnertum und ein medizinischer Doktortitel einander keinesfalls ausschließen.
    Und dass "man - auch bei nachgewiesenen Abwehrstörungen - immer noch etwas ausrichten kann", könnte jeder sinnvolle und jeder sinnlose Medizinzweig von sich behaupten.

    "Das ist ein weites Feld." Fürwahr, gerade wenn man Fachwortbingo spielt, anstatt den Stand der aktuellen medizinischen Forschung zur Immunologie wiederzugeben.
    Deswegen wieder zurück zu den Masern und ihren statistisch belegten Spätfolgen.

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