Charles Darwins Evolutionsbiologie und die Gefahr des Sozialdarwinismus – Ein Beitrag von Bernd Ehlert


Seitdem ich mir als Kind erträumte, einmal "Schriftsteller" zu werden (Autor klang zu arg nach Auto, zu wenig nach Büchern), hatte ich mir vorgenommen, "Leserpost" wirklich ernst zu nehmen. Ich hatte auch selbst hin und wieder etwas geschrieben - und mich über (seltene) Reaktionen von Autorinnen und Autoren sehr gefreut! Bis heute lese ich aufmerksam, manchmal auch mehrfach, jeden Leserbrief und jede Rezension - und habe daraus immer wieder viel gelernt.

Interessanterweise brachte "Evolution und Gottesfrage. Charles Darwin als Theologe" einige besonders engagierte Reaktionen hervor. Vielleicht lag dies daran, dass ich darin einerseits Charles Darwin gegen z.B. religiös-fundamentalistische oder auch kampfatheistische Verzerrungen verteidigt hatte - aber auch Themen wie Sozialdarwinismus, Sexismus und Rassismus nicht aus dem Weg ging, die ja jeweils auch "im Namen der Evolutionstheorie" verkündet worden waren. Und so, wie ich es begrüße, wenn zum Beispiel islamische Theologen wie Bülent Ucar auch die Schattenseiten der eigenen Tradition kritisch in den Blick nehmen, wünsche ich mir natürlich auch, dass wir Evolutionsforscher die Wissenschaftsgeschichte kritisch reflektieren.

Daher habe ich mich sehr gefreut, als mir Bernd Ehlert einen mehrseitigen Text übersandte, in dem er über Fragen der Evolutionsforschung, Wissenschaftsgeschichte und interdisziplinären Erkenntnistheorie nachdenkt. Ehlert ist Diplomingenieur und schloss daran noch einige Semester Studium der Religionswissenschaft und Philosophie an, veröffentlicht hin und wieder anspruchsvolle Texte - als ein "Bürgerphilosoph" im besten Sinne! Seine Gedanken dürften insbesondere für jene interessant sein, die die Realität als emergentes "Schichtenmodell" begreifen.

Damit ggf. auch andere die Arbeit Ehlerts bedenken und ggf. diskutieren können, bat ich ihn, seinen Text hier einfach einmal zur Diskussion stellen zu dürfen. Er war damit gerne einverstanden und wird in den kommenden Wochen sicher auch hin und wieder präsent sein, um sich ggf. selbst zu äußern.

So stimme ich mit Ehlert in sehr vielem überein - einen Kritikpunkt hätte ich jedoch: Ich bin skeptisch, ob sich die "Gottesfrage" durch empirische Forschung überhaupt jemals (er-)klären lassen wird. Gerade auch in dieser Frage finde ich Darwins sehr demütige Haltung sehr überzeugend, als er gegen Ende seines Lebens William Graham schrieb, er habe seine...

...innerste Überzeugung ausgedrückt, allerdings viel lebendiger und klarer als ich es hätte tun können, dass das Universum kein Resultat des Zufalls ist. Dann aber steigt in mir immer der furchtbare Zweifel auf, ob die Überzeugungen des menschlichen Geistes, der aus dem Geist niedriger Tiere entwickelt worden ist, irgendeinen Wert hätten oder überhaupt vertrauenswürdig wären. Würde jemand den Überzeugungen eines Affengeistes trauen, wenn in solch einem Geist Überzeugungen wären?“

Andererseits rühmte Darwin aber auch gerade Graham für genau diesen Versuch - und ebenso begrüße ich jeden Ansatz, mutig über das Bekannte hinaus zu denken. Wo stünden wir, wenn nicht immer wieder Menschen den Mut gehabt hätten, etablierte Grenzen und Abgrenzungen in Frage zu stellen?

Also - wer mag - viel Freude beim Mit- und Weiterdenken von Ehlerts Text, dem ich aufmerksame Leserinnen und Leser wünsche!

Ehlert, B.: Das Desaster des Sozialdarwinismus und seine Überwindung hin zu einem wahren, aufgeklärten Mensch-Sein. Natur des Glaubens, 17.01.2015

BerndEhlertBlumeSozialdarwinismus

EvolutionundGottesfrage


52 Kommentare zu “Charles Darwins Evolutionsbiologie und die Gefahr des Sozialdarwinismus – Ein Beitrag von Bernd Ehlert”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Darwins Ängste vor der Selektion der Falschen, der moralisch Minderwertigen, der Rohen und Ungebildeten gibt es auch heute noch und sie sind bis zu einem gewissen Grade auch gerechtfertigt, denn wenn sich die Sorte von Menschen, die man als von Natur aus gut, edel, begabt und positiv für die Gesellschaft empfindet, weniger fortpflanzen als der Rest, dann wird die Zukunft nicht durch die Edlen - sofern ihr Edelkeit biologisch beeinflusst ist -, sondern durch den Rest bestimmt. Darwins Aussage "In dem ewigen Kampf ums Dasein wird die untergeordnete und weniger begünstigte Rasse es sein, welche vorherrscht, und zwar vorherrscht nicht Kraft ihrer guten Eigenschaften, sondern Kraft ihrer Fehler" ist nicht grundsätzlich falsch, wenn man sie als Aussage über die Selektion auffasst. Sie ist aber rassistisch, weil Darwin im obigen Text implizit zwischen untergeordneten und weiter oben stehenden und damit weiter entwickelten Rassen unterscheidet. Doch solch ein Urteil kann nicht objektiv sein. Es ist das Urteil eines Tierzüchters, der beispielsweise weiss, welche Eigenschaften ein guter Stier haben soll und welche nicht. Diese Sichtweise auf Menschen anzuwenden ist höchst anmassend und in der Form wie sie bei Darwin durchscheint auch ethnozentrisch: Wer denn, wenn nicht der weisse gebildete und skrupelbehaftete Engländer steht auf der obersten Stufe der Evolution. Darwin hat hier offensichtlich vergessen, dass ja das Überleben selbst bestimmt was gut ist und Tiere nicht etwa darüber abstimmen wer sich fortpflanzen darf.

    Der im Artikel von Bern Ehlert gewählte Ausweg, in Einklang mit Wallace, für die Entstehung des menschlichen Geistes, einen anderen Mechanismus als die biologische Evolution und Selektion anzunehmen, ist nicht überzeugend - schon damals nicht, erst recht heute nicht. Die Wahrheit ist wohl eher die, dass das, was wir, Darwin oder Wallace als grossen Geist empfinden, nur zum kleineren Teil ein Ergebnis der Gene, zu einem weit grösseren Teil aber das Ergebnis der Erziehung und Bildung ist. Das ändert aber nichts daran, dass das geistige Potenzial sehr wohl durch Gene bestimmt wird. Auch was Bernd Ehlert dazu schreibt ist in meinen Augen hanebüchen oder es bezieht sich nur auf den Unterschied zwischen kulturell unterschiedlich geformeten Individuen (Zitat):"Das alles [Es gibt gutes und schlechtes Erbmaterial] trifft auf die geistige Evolution nicht mehr zu, denn dabei werden die Informationen nicht genetisch, sondern neuronal gefunden, gespeichert, angewandt und tradiert, ganz abgesehen davon, dass die genetische Entwicklung sich in ganz anderen Zeiträumen abspielt."

    Ehlerts vertritt selber eine Art Rassismus oder vielmehr eine fragwürdige Wertung und Hierarchisierung von Kulturen, wenn er von (Zitat)"geistiger Evolution" schreibt. Wer nämlich sagt, die Muslime stehen mit ihrem Glauben an den Koran noch auf der geistigen Stufe von Steinzeitmenschen (kürzlich gelesen) ist eine Art Rassist, argumentiert aber genau im Sinne von Ehlerts, der von einer geistigen Evolution spricht. Auch folgender Text offenbart ein höchst problematisches Denken Ehlerts

    Die Evolution ist in dieser neuen Form beim Menschen nicht zum Stillstand gelangt. Vor allem in der Auseinandersetzung mit den oft nicht mehr passenden Verhaltensweisen seines animalischen Erbes (etwa als Krieg, Gewalt und Rassismus der innerartlichen Aggression oder als exzessives, Macht und Rang befriedigendes materielles Wachstumsideal in einem begrenzten Lebensraum) befindet sich die Evolution vielmehr in einer geradezu explosiven und dramatischen Phase
    – die wir als Hauptakteur darin allerdings überhaupt nicht als solche
    wahrnehmen. Der Mensch kennt die neue Art der Evolution nicht einmal und erkennt damit auch nicht den aktuell dynamisch fortschreitenden natürlichen Menschwerdungsprozess, dessen Wachstumsideal gemäß dem eigentlichen Wesen des Menschen in seiner gespaltenen Natur langfristig nur geistig - kultureller und nicht materieller Art sein kann.

    Nein, da irrt Ehlert: Kulturen auf einer Evolutionsachse anordnen und die weitere geistige Evolution erkennen und voraussehen ist höchst problematisch, mindestens so problematisch wie der Sozialdarwinismus, den er verurteilt.

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      @Martin Holzherr

      Woher stammt Ihre Annahme, Ehlert würde die geistige Evolution auf Ebene von Kulturen verorten? Ich hatte ihn so gelesen, dass er auch diese Evolution auf individueller Basis betrachtet und selbstverständlich die biologischen und kulturellen Grundlagen jeder Geistesäußerung anerkennt...

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Richtig, Ehlert spricht nicht von Kulturen, nimmt aber an, das Animalische, welches er für Krieg, Gewalt und Rassismus verantwortlich macht,werde durch die geistige Evolution langsam eliminiert ( oder überwunden). Übersetzt heisst das wohl, dass humanistisches und aufklärerisches (vielleicht meint er sogar christlich neutestamentarisches) Denken sich immer mehr durchsetzt im Rahmen einer Höherentwicklung. Dem Leser bleibt es dann überlassen gewisse Kulturen eher beim Animalischen anzusiedeln.
        Tatsächlich habe ich auch lange gedacht es gebe so eine Entwicklungslinie, eine Entwicklungslinie, die jeden Menschen schliesslich dem kategorischen Imperativ folgen lässt. Doch eine solche Höherentwicklung gibt es wohl eher nicht. Es gibt eine Art kulturelle Evolution, es ist aber problematisch anzunehmen, sie führe auf eine höhere Ebene. Im Prinzip beginnt jeder Mensch kulturell gesehen als Tabula rasa und wächst in eine Kultur hinein. Dass diese Kultur sich entwickelt stimmt auch. Nur muss sie sich nicht zu etwas Besserem und Höherem entwickeln, zumal sich nicht objektiv sagen lässt worin das besteht.

        • Eberhard von Kitzing Antworten | Permalink

          Ein Begriff wie höhere Kultur lässt sich wohl kaum sauber definieren. Die Anzahl der Menschen auf der Erde, oder der Grad der Vernetzung unter den Menschen oder die Anzahl der Bytes an Bücher, die publiziert wurden, oder ... geben wohl ein objektives Maß für die Komplexität einer Kultur. Sicherlich sollte man ein solches Maß nicht auf eine Zahl reduzieren.

          • Michael Blume | Permalink

            So sehe ich es auch, @Eberhard von Kitzing. Gerade auch nach evolutionärem Verständnis passen sich Lebensformen und auch Kulturen jeweils an ihre Umwelt an, die sie wiederum beeinflussen. Insofern sollte man mit Hierarchisierungen dann tatsächlich sehr zurückhaltend sein.

        • Michael Blume Antworten | Permalink

          Dass andere gerade beim Thema “Evolutionstheorie“ Aussagen in Texte “hineinlesen“, die dort nicht stehen, habe ich auch selbst immer wieder erlebt. Daher bin ich etwas skeptisch, @Martin Holzherr, bei Ehlert “Kulturen“ oder gar “Rassen“ dort zu konstruieren, wo sie nicht stehen. Aber vielleicht nimmt er ja selbst dazu Stellung.

          • Bernd Ehlert | Permalink

            Es ist schon so gemeint, dass die geistige Evolution dann auch für die Gesellschaften oder Kulturen gilt, die ja aus den Individuen bestehen.
            Nun gibt es natürlich keinen absoluten Maßstab, anhand dessen man beurteilen kann, welche Kultur höherstehend ist und welche nicht. Aber man kann schon Urteile darüber fällen,welche Kultur unter den herrschenden Lebensbedingungen (besser) angepasst ist und welche nicht.
            Ein Paradebeispiel dafür ist sicherlich der Nationalsozialismus. Warum ist das eine niedrig stehende Kultur? Aus evolutionärer Sicht deswegen, weil sich das geistige Mensch-Sein in dieser Kultur nicht entfalten kann. Das Verhalten wird hier durch (natürlich begeisterungsfähige) Instinkte bestimmt (die eigene Rasse oder das eigene Volk wird glorifiziert, der Lebensraum durch Gewalt erweitert usw.). Konkretes Beispiel: Ein jüdischer Künstler, Intellektueller oder Wissenschaftler wie etwa Einstein darf sich in einer solchen Kultur nicht entfalten, aus dem einfachen Grund, weil seine Gene angeblich „schlecht“ sind. Die Kriterien, die für die Evolution des Menschen und die Kultur wichtig sind, werden hier vollkommen einem Kriterium untergeordnet, das einer tieferen Schicht angehört und für die höhere Schicht der Kultur gar nicht relevant ist. Daher ist diese Kultur des Nationalsozialismus eine gleichgeschaltete, einseitige Kultur, die darin von animalischen Instinkten beherrscht wird.
            Ähnliches ist in einer dogmatischen religiösen Kultur zu finden. Das Geistig-Kulturelle kann sich hier ebenfalls nicht entfalten. Wobei ich wie beschrieben davon ausgehe, dass diese Geistig-Kulturelle definiert werden kann, so dass anhand dessen beurteilt werden kann, welche Kultur diese neue Art der Evolution am besten verwirklicht und entfaltet.
            In diesem Sinne kritisieren ich auch unsere heutige Kultur, also nur anhand der Fragen, wie diese Kultur in erster Linie wirkt (materialistisch), wie das zu dem Lebensraum passt, in dem sie interagiert, und welche Rolle die definierte geistige Evolution dabei spielt. Eben auch eine sehr einseitige Rolle, die nur auf die Maximierung des Materiellen ausgerichtet ist. Diese Art der Beurteilung ist dabei nicht irgendwie aus der Luft gegriffen, d.h. es macht sich letztlich ganz konkret in der Praxis bemerkbar, und zwar dadurch, dass eine Kultur stockt, sich rückentwickelt oder gar ganz scheitert. Wenn wirklich die Mechanismen verstanden werden, die dabei wirken, kann sehr wohl eine Entwicklung vorhergesehen werden. Dieses Antizipieren ist gerade die große Stärke des menschlichen Geistes.
            Dabei ist es nicht nur gestattet, Kulturen zu kritisieren und zu brandmarken, das ist sogar unabdingbar, denn das gehört zur geistigen Evolution und ist dessen Motor (allerdings sollte die Kritik sachlich und konstruktiv sein und nicht gemäß animalischen Einflüssen emotional geprägt und gefärbt).
            Diese Kritik oder das Brandmarken von Kulturen ist darin jedoch etwas völlig anderes als der Rassismus, weil der Rassismus immer die Gene betrifft und das ist eine andere Schicht oder Ebene. Das ist in etwa so, als würde das Verhalten eines Tieres mit den Kriterien der Pflanzen beurteilt, also etwa indem gesagt wird, dass das Tier sich falsch verhält, weil es nicht dem Licht ausgesetzt ist und sich auf einem schlechten Boden befindet.

  2. Eberhard von Kitzing Antworten | Permalink

    Die rassistischen Ideen, die seinerzeit Darwin und viele andere vertraten, entsprachen meines Erachtens dem damaligen Zeitgeist und waren nicht wirklich reflektiert. Ich war z.B. wirklich überrascht, wie rassistisch Ludwig Büchner in seinem Buch über die Evolution Kraft und Stoff argumentiert. Gerade er mit einem jüdischen Hintergrund muss doch persönlich erfahren haben, wie zerstörerisch und meist völlig unsinnig völkische Vorurteile sein können.
    Noch eine kleine Ironie: die Schriften der Griechen, die Darwin erwähnt, kamen über die islamische Kultur nach Europa. Die frühen Kirchenvater hatten nur eine kleine Auslese der griechischen Schriften mit dem Christentum verträglich erachtet. Die Moslems dagegen haben diese Schriften gesammelt und ins Arabische übersetzt. Und so fanden viele dieser Schriften ihren Weg ins Abendland. ... Ja, lange ist das her ...

    • Hasel Antworten | Permalink

      Haben beim Transfer Byzantiner nicht auch eine gewisse Rolle gespielt? ;-)

      • Anton Reutlinger Antworten | Permalink

        Gelöscht. @Anton Reutlinger, Sie haben hier wie besprochen Blogpause. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Sie in Zukunft wieder mitdiskutieren können - wenn Sie es ENDLICH lernen, andere Diskutanten fair und ohne Herablassung zu behandeln. Das kann man(n) lernen! Bis dahin alles Gute! M.B.

        • Eberhard von Kitzing Antworten | Permalink

          Schade, der Blog gelöscht wurde. Ich hatte mir so eine schöne Antwort überlegt.

          Ich habe nicht behauptet, dass alles griechische Wissen über den Islam übernommen wurde. Laut Sigrid Hunke haben die Araber "...der Nachwelt die Werke der antiken Philosophie und Wissenschaft vermittelt." (S. Hunke, Allahs Sonne über dem Abendland, 1989, S. 224). Allerdings bin ich weder Historiker, noch Orientalist. Da aber Frau Hunke anerkannte Orientalistin war, sehe ich von meiner Seite keinen Grund, ihre Aussagen in Zweifel zu ziehen.

          Falls Sie mit der "Scholastik" höflich anmerken wollten, dass meine obige Aussage Quatsch ist, dann wäre eine Nachfrage meiner Quellen meines Erachtens angebrachter gewesen.

          Mit freundlichen Grüßen,
          Eberhard

          • Paul Stefan | Permalink

            Nur knapp zur Klärung, ganz grob, es gibt verschiedene Wege der Übermittlung des antiken Wissens:
            der Transfer über die spätantiken Griechen oder Byzantinern zu den Arabern, deren Werke dann im maurischen Spanien im Hochmittelalter ins Lateinische übersetzt wurden.
            Die Bemühungen der sog. karolingischen Renaissance um das Kopieren und Edieren antiker Texte. Ein guter Teil dieser Texte wurde erst von den Humanisten des 14. bis 16. Jh. in den Klöstern wiederentdeckt. Ich nehme mal an, dass es sich weitgehend um lateinischsprachige Texte handelt und das Gewicht auch auf lateinischen Autoren lag.
            Die Flucht byzantinischer Gelehrter mit ihren Texten im Vorfeld und nach der Eroberung Konstantinopels in der Mitte des 15. Jh. Damit kamen vor allem Abschriften antiker Texte in der griechischen Originalsprache in den Westen.

  3. Karl Bednarik Antworten | Permalink

    Streng genommen gibt es zwei unterschiedliche Arten der sozialen Evolution.
    Die Evolution des Verhaltens zwischen den Menschen einer großen Gruppe.
    Die Evolution des Verhaltens zwischen den großen Gruppen von Menschen.

    Die Evolution des Verhaltens zwischen den Menschen einer großen Gruppe
    tendiert zu mehr Mitgefühl und zur Zusammenarbeit, weil solche Gruppen
    erfolgreicher als Gruppen mit weniger Zusammenarbeit sind.
    Die Evolution des Verhaltens zwischen den großen Gruppen von Menschen
    ist nicht ganz so zielgerichtet und oft durch Gewaltausbrüche geprägt.
    Wenn allerdings alle großen Gruppen gemeinsam durch Nuklearwaffen,
    Seuchen oder Klimakatastrophen bedroht werden, dann werden sie
    notgedrungen zusammenarbeiten müssen, um zu überleben.

  4. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Demokratie steht für Ehlert an der Spitze der Evolution, einer Evolution, die nach Ehlert zu einer Vergeistigung führt in der animalisches zurückgedrängt wird und der Mensch geistig wachsen will. Ehlert stellt die griechische und neutestamentarische, christliche Kultur als den Pfad dar, der zu diesem Evolutionsziel führt und der wegführt von alttestamentarischer Gewalt, aber auch wegführt von modernem Materialismus.
    Hier ein Zitat zur Demokratie:

    Diejenige Gesellschaftsform, die die neue Evolution als rein geistige Weiterentwicklung unter radikalem Ausschluss der alten, animalischen Gewalttätigkeit verwirklicht, ist die Demokratie. Dieser entscheidende Schritt in der Entwicklung des Geistigen hat sich zwar erst kürzlich national weitgehend durchgesetzt, aber nicht international oder global. Da herrscht beim Menschen immer noch das alte animalische Recht des Stärkeren.

    Für Ehlert ist die abendländische, auf die Griechen und das Christentum zurückgehende Kultur der islamischen aber auch chinesischen mit ihrem Einparteiensystem objektiv im Sinne seiner Auffassung der geistigen Evolution überlegen, auch wenn er explizit nur die Griechen und das neue Testament erwähnt und der Islam oder China in seinem Text nicht vorkommt.
    Für mich ist die westliche Kultur ebenfalls die Bessere, nur dass ich nicht die Arroganz von Ehlert habe (eine Arroganz, die er mit Darwin gemein hat), das sei ein objektives Fakt. Wir können versuchen, der Welt mehr Demokratie und mehr Menschenrechte zu bringen, doch wir haben dabei nicht die Geschichte oder die Evolution auf unserer Seite.

  5. Mona Antworten | Permalink

    Zitat aus Bernd Ehlerts Text (Seite 2): ""Ein noch dunkleres Rätsel ist das Erwachen der europäischen Völker aus dem Dunkel des Mittelalters“ (Ebd., S. 182), denn die zu dieser Zeit alles beherrschende Kirche verlangte von den damals eher noch „Wilden“, und zwar ausgerechnet von den „weicheren, der beschaulichen Betrachtung und der Bildung des Geistes ergebenen Naturen“ (Ebd., S. 182) den Zölibat, „das musste geradezu jede folgende Generation schädigen“ (Ebd., S. 182). Diejenigen der Wilden, die wenigstens etwas über Geist und Kultur verfügten, wurden so im Verständnis Darwins von der Vererbung noch ausselektiert, so dass noch weniger Geist und Kultur vererbt wurde als zuvor."
    Darwin war ein Kind seiner Zeit, aber ging er wirklich davon aus, dass die Vererbung von "Geist und Kultur" ausschließlich über den Vater erfolgt? Bei der Vererbung regiert der Zufall, dieser Begriff kommt bei Darwin allerdings nicht vor, stattdessen verwendet er den Begriff "unbestimmte Variabilität". Er kann die Mechanismen für die Ursachen der Variationen jedoch nicht erklären, denn dazu braucht es die moderne Genetik. Heute weiß man, dass die Erbinformationen auf den Chromosomen beider Eltern gespeichert sind. Die ersten 22 Chromosomenpaare sind bei Vater und Mutter gleich, doch das 23. Chromosomenpaar ist komplett verschieden. Die Mutter hat zwei identische X-Chromosomen, die mit rund 1100 Genen ausgestattet sind. Der Vater hat lediglich ein X-Chromosom und zusätzlich ein Y-Chromosom mit nur ca. 80 Genen, was zur Folge hat, dass die Erbanlagen der Mutter meist etwas deutlicher durchschlagen. Außerdem sind die Frauen in der Regel für die Erziehung der Kinder zuständig und können auf diese Weise "Geist und Kultur" weitergeben.
    Ein anderer Kritikpunkt wäre, dass Bernd Ehlert offenbar von einer "Höherentwicklung" des Menschen im lamarkschen Sinne ausgeht, doch dafür fehlen die Beweise.

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      @Mona

      Über diesen Satz von Dir habe ich intensiver nachgedacht: Ein anderer Kritikpunkt wäre, dass Bernd Ehlert offenbar von einer "Höherentwicklung" des Menschen im lamarkschen Sinne ausgeht, doch dafür fehlen die Beweise.

      Zunächst, klar - im Sinne empirischer Forschung kann es keine "Letztbeweise" geben, jede These kann immer wieder überprüft und ggf. falsifiziert werden. Aber würdest Du wirklich bestreiten, dass es schon auch Hinweise auf eine kulturell-geistige "Höherentwicklung" des Menschen geben könnte, zum Beispiel den Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse, die Alphabetisierung und Bildung, die Umsetzung von Menschenrechten oder die durchschnittliche Lebenserwartung?

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Gibt es eine kulturell-gesitige Höherentwicklung? Alphabetisierung, erhöhte Grade von Kooperation mit Wissensaquistion und -weitergabe, bessere Lebensbedingungen und daraus folgend eine höhere Lebenswerwartung lassen das biologische Potenzial, welches in jedem Menschens steckt heute besser entfalten und sie machen den Menschen zum Herrscher über die Elemente.
        Wenn man dies als Höherentwicklung bezeichnet, kommt man bald zum Weltbild Teilhard de Chardins, der in der biologischen und kulturellen Evolution eine Plan erkennen wollte, der uns immer näher an das Omega heranbringt ("Teilhard nennt Christus das Omega oder den Punkt Omega, das heißt Ziel, Richtung und Motor der Evolution."). Und dann sind wir bei Religion und Idelogie angelangt und der Bewertung von Kulturen..
        Von da ist es nicht mehr weit zum Begriff Steinzeitislam, welcher eine allgemeine Fortschrittsrichtung annimmt und erkennen kann, was der richtige Weg ist. Dieses Denken ist weit verbreitet und er gibt vielen die Gewissheit, dass alles immer besser wird und wir uns immer mehr dem Ende der Geschichte annhähern. Sogar der Transhumanismus, welcher annimmt, es gäbe schon bald den Mensch 2.0 als biologisch und technisch verbesserten Menschen, der nicht mehr sterben muss und über fast unbegrenzte geistige Kapazitäten verfügt, liegt auf dieser Linie.

        Auch für mich gibt es eine solchen Fortschritt, allerdings ist er nicht gottbestimmt und er führt uns auch nicht zum Omega, sondern lässt uns weiterhin im Ungewissen. Es gibt alle Optionen: Die des Zivilisationsverlusts, die der Selbstauslöschung, die der Expansion der menschlichen Rasse über die gesamte Galaxie.
        Wenn man statt Höherentwicklung einfach Verbesserung der Lebensbedingungen sagt, dann kann ich vorbehaltlos zustimmen, dass es eine solche gegeben hat und immer noch gibt.

        Wir wissen inzwischen viel mehr woher wir kommen, ahnen langsam wer wir sind, werden aber nie wissen wohin wir gehen.

      • Mona Antworten | Permalink

        @Michael Blume:
        Die Biologie kann keine Richtlinien für die Höherentwicklung des Menschen angeben. Freilich unterscheidet sich der Mensch von niederen Tieren, indem er planen und sich Ziele setzen kann. Ich bestreite auch nicht, "dass es schon auch Hinweise auf eine kulturell-geistige "Höherentwicklung" des Menschen geben könnte". Allerdings könnten diese sekundärer Natur sein und da wir die gesamte Entwicklung nicht überblicken wissen wir auch nicht, ob es so weitergeht oder wie es eines Tages enden wird. Als ich jung war dachte ich, dass es ein Leichtes sein müsste sämtliche Kriege auf der Welt zu beenden und den Hunger in den Griff zu bekommen. Doch davon sind wir weit entfernt. Wie beuten unseren Planeten aus wie noch nie in seiner Geschichte. Nicht die Vernunft, sondern das Gewinnstreben regiert. Vielleicht haben wir unseren Zenit schon erreicht und streben geradewegs unserem Untergang entgegen. Wer weiß das schon? Die Weltgeschichte hat schon öfter den Aufstieg und Verfall von Kulturen erlebt.

        http://www.amazon.de/Der-Gang-Weltgeschichte-Aufstieg-Kulturen/dp/3861509571

        • Martin Holzherr Antworten | Permalink

          Ja. Bis jetzt ist jede Kultur nicht nur aufgestiegen sondern auch wieder zerfallen.
          Damit ähneln Kulturen Lebewesen mit beschränkter Lebensdauer oder Objekten mit Verfalldatum. Ein durchgängig evolutionäres Bild ergibt sich erst, wenn man seine eigene Kultur als Fortsetzung einer schon verschwundenen Kultur betrachtet - so wie wir uns dazu bekennen die altgriechische und judiäisch/christliche Kultur weiterzuführen obwohl es keine Altgriechen auch kaum noch Christen gibt.

          In dieser Sicht wäre ein vollkommener Wissensverlust eine fast ultimative Katastrophe. Menschen, die nach dem grossen Weltenbrand leben, in dem alle Zeugnisse von früher verloren gingen, müssten wieder bei Null anfangen. In der biologischen Evolution wäre das Analogon zu einem solchen Verlust (fast) allen Wissens ein Massensterben, bei dem nur noch Einzeller überleben. In so einer Situation müsste auch das biologische Leben einen Reboot hinlegen.

        • Michael Blume Antworten | Permalink

          @Mona

          Genau das schrieb ich doch: Man darf Hinweise auf kulturelle und geistige Höherentwicklungen schon annehmen (sonst wäre ja auch z.B. wissenschaftliches oder menschenrechtliches Engagement sinnlos), wenn dabei reflektiert bleibt, dass all unser empirisches Wissen immer vorläufig bleibt.

    • Bernd Ehlert Antworten | Permalink

      @Mona
      Dass Darwin davon ausging, dass Vererbung nur über den Vater erfolgte, ist mit Sicherheit auszuschließen.
      Darwin ging aber davon aus, das Charaktereigenschaften, Geist und Kultur über die natürliche Zuchtwahl, also mit dem heutigen Ausdruck „genetisch“, vererbt werden. Wenn dabei nur Väter mit bestimmten Eigenschaften ausselektiert werden, hat das auch einen Effekt auf die Nachkommen, auch wenn die Mütter nicht in dieser Hinsicht selektiert werden.

      Zu dem letzten Satz: Der Kern meiner Argumentation ist, dass eine „Höherentwicklung“ beim Menschen durch ein anderes Evolutionssystem geschieht, nämlich das neuronale. Lamarck aber würde bedeuten, dass geistig-kulturell erworbene Verhaltensweisen oder Wissen, also etwa die PC-Technologie, über die Gene vererbt würden.

  6. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    "Höherentwicklung" ist ein Begriff aus der Evolutionsbiologie und wird hier auf Kulturen übertragen (in den Kommentaren). Sucht man mit google nach "Höherentwicklung" wird man durchwegs ins Reich der Evolutionsbiologie verwiesen.
    In der Aufklärung gab das zum hier vertretenen Begriff der kulturellen Höherentwcklung passende Ideal der Perfektibilität.

    Perfektibilität bezeichnet Ideal der Aufklärung; die Bezeichnung wurde um die Mitte des 18. Jahrhunderts aus dem Französischen ins Deutsche übertragen und hier sowohl mit „Vervollkommnungsfähigkeit“ als auch „Vervollkommnung“ wiedergegeben.
    ...
    Der Mensch hingegen entwickelt sich in kultureller Hinsicht weiter, jedoch besteht für ihn die Möglichkeit zum Scheitern, zum Beispiel durch „Unfälle“, wodurch er noch hinter das Tier zurückfallen kann. Es wird also keineswegs nur mit Vervollkommnung und Höherentwicklung, sondern hinsichtlich des Individuums und der Kultur auch mit der Möglichkeit der Verschlechterung und des Verfalls gerechnet. Als Gegenbegriff zu Perfektibilität entsteht der Begriff der „Korruptibilität“. Die Perfektibilität treibt zwar zur Ausbildung von Humanität und Sittlichkeit an, der Prozess ist jedoch stets bedroht durch den möglichen Rückfall in die Barbarei.

    Indem die Aufklärer von der Möglichkeit der Korrumpierbarkeit des kulturellen Fortschritts und gar von der Möglichkeit seines Scheiterns ausgingen scheinen sie realistischer gewesen zu sein als viele Heutige an den Fortschritt Glaubende - inklusive einiger Kommentatoren hier.

    Die Idee hinter der Perfektibilität scheint bis ins 19. Jahrhundert Konjunktur gehabt zu haben, wobei bereits die gleichen Argumente vorgebracht wurden wei hier von Michael Blume in seiner Antwort auf Mona

    Im 19. Jahrhundert wird Perfektibilität auch zu einem geschichtsphilosophischen und kulturgeschichtlichen Begriff. Die Bedeutung verlagert sich von bloßer Vervollkommnungsfähigkeit auf den geschichtlichen Prozess faktischer Vervollkommnung. Dieser Prozess verläuft zielgerichtet als zunehmende Erleichterung der Lebensbedingungen und als Vervollkommnung der Kultur. Weiterhin liegen in der geistigen und intellektuellen Bildungsfähigkeit des Menschen die Voraussetzungen für den bereits eingetretenen und noch zu erwartenden wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritt. Erfahrbar werde der kulturelle Vervollkommnungsprozess in der Abschaffung der Sklaverei, der weiblichen Emanzipation, der wachsenden wissenschaftlichen Erkenntnis, der allgemeinen Humanisierung der Lebensverhältnisse und der Ausbildung des Völkerrechts.

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      @Martin Holzherr

      Ist es Ihnen aufgefallen? Sie schrieben:

      Indem die Aufklärer von der Möglichkeit der Korrumpierbarkeit des kulturellen Fortschritts und gar von der Möglichkeit seines Scheiterns ausgingen scheinen sie realistischer gewesen zu sein als viele Heutige an den Fortschritt Glaubende - inklusive einiger Kommentatoren hier.

      Damit haben Sie selbst wiederum ein Kriterium für "höherentwickelt" in Ihre Geschichtsbetrachtung geschmuggelt, nämlich "realistisch". :-)

      Nochmal: Wer nicht wenigstens an die Möglichkeit von Erkenntnisfortschritten glaubt, kann weder Wissenschaft noch wissenschaftsbasierte Diskussionen betreiben. Stärkere Behauptungen - z.B. die einer zwanghaften, ununterbrechbaren Linearität - habe ich hier bislang nicht gelesen. Es scheinen v.a. Strohmann-Debatten zu sein, die längst ausgefochten sind. Vgl. die Debatte um vermeintlich "primitive Völker" in "Evolutionär vs. Evolutionistisch":
      http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/gibt-voelker-evolutionismus-evolutionaeres-denken/

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        OK. Wenn es aber nicht nur objektiven naturwissenschaftlichen Fortschritt sondern auch objektiven kulturellen Fortschritt gibt, dann gibt es weiter und weniger weit fortgeschrittene Gesellschaften - und dann kommen die weniger fortgeschrittenen in den Augen der weiter fortgeschrittenen Probleme.

        Tatsächlich denken das ja die meisten Westler, dass ihre Gesellschaft weiter fortgeschritten ist. Die nächste Frage ist dann für einige wie man diesen Fortschritt auch den andern bringt.

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        In D gibt ein Zentrum für gesellschftlichen Fortschritt welches dies mit besserer Lebensqualität gleichzusetzen scheint.

        Hier wäre die gefühlte Verbesserung des Lebens das Kriterium während es bei Bernd Ehlert Kriterien wie Gewaltfreiheit, Demokratie, Wille zum geistigen Wachstum sind.

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Zur Klarstellung: Gesellschaftlicher Fortschritt ist ein Begriff aus unserer Kultur. Wer ihn auf die Welt als Ganzes anwendet, der glaubt an seine universelle Gültigkeit. Wer diesen Fortschritt andern bringen will, muss mit Widerstand, gar einem Clash rechnen, denn jede Kultur hat eine Selbstbeharrungstendenz und Dinge wie die Gleichberechtigung der Geschlechter haben enormes Konfkliktpotenzial wie wir aus unserer eigenen Kulturgeschichte wissen.

  7. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Seitdem ich mir als Kind erträumte, einmal "Schriftsteller" zu werden (Autor klang zu arg nach Auto, zu wenig nach Büchern), hatte ich mir vorgenommen, "Leserpost" wirklich ernst zu nehmen.

    Der erfahrene "Blumologe" weiß:
    -> http://www.zeit.de/1994/49/wo-die-jugend-mitredet

    ... dass es auch andere Träume gab.

    Ansonsten liegen Sie mit Ihrer Sicht auf die Dinge wohl richtig, der "Pantheismus" hat sich im Rahmen moderner Wissenschaftlichkeit durchgesetzt, meint er doch, dass Erkenntnissubjekte ausschnittsartig, näherungsweise und an Interessen gebunden forschen und theoretisieren - und dies möglichst frei.

    So dass sich, wie auch von Darwin notiert, nichts im negativen Sinne konnotiertes "Sozialdarwinisisches" ergeben muss, wenn dies unter den genannten Bedingungen erfolgt.

    MFG
    Dr. W

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      @Webbaer

      Haha, ein wundervoller Fund, danke! :-)

      Freilich habe ich “diesen“ Wunsch aus Jugendgemeinderatszeiten bereits früh erfüllt und erwarb nach anderthalb erfüllten Wahlperioden mit noch nicht einmal dreißig Jahren den Titel eines “Altstadtrates“. :-) Es war wirklich eine gute Zeit, an die ich mich gerne erinnere.

      • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

        Der Webbaer pflegt gelegentlich auch nett zu sein, btw, haben Sie verstanden, was Bernd Ehlert im Allgemeinen so wollte?
        MFG
        Wb

  8. Karl Bednarik Antworten | Permalink

    Das Maß für die Entwicklungshöhe einer Zivilisation ist die Menge ihrer nützlichen Fähigkeiten.

    Zum Beispiel ist eine Zivilisation mit einer Schutzimpfung gegen Kinderlähmung höher entwickelt, als eine Zivilisation ohne eine Schutzimpfung gegen Kinderlähmung.
    Einige primär nützliche Fähigkeiten kann man zwar auch dazu verwenden, anderen Menschen zu schaden, aber beim medizinischen Fortschritt ist das seltener möglich als beim technischen Fortschritt.
    Die Richtung zur höheren Entwicklungsstufe ist die Richtung zu mehr nützlicher Information.

  9. Bernd Ehlert Antworten | Permalink

    Da mein Beitrag ja etwas umfangreicher und komplexer ist, so dass in den Kommentaren Einige sich fragen, was ich, nett ausgedrückt, eigentlich damit wollte, möchte ich hier noch einmal versuchen, den Kern darin etwas kürzer auszudrücken.

    Anknüpfend an den Einwand des Lamarckismus: Eines dürfte unstrittig sein, nämlich dass wir neuronal Wissen erwerben, etwa wie man Autos baut usw. Es wird wohl auch nicht bestritten, dass dieses Wissen neuronal erworben, gespeichert und auch tradiert wird. Ich stelle nun lediglich das zur Diskussion oder als Anregung zum Denken, dass diese Art des Erwerbs von Wissen bzw. der Kulturentwicklung nicht einfach so abläuft, sondern dass dahinter ein bestimmtes System steht, das sich in unserer Sprache und unserem Denken zeigt.
    Weiterhin gehe ich davon aus, dass dieses System trotz aller sonstigen Verschiedenheiten bestimmte Ähnlichkeiten mit dem genetischen System der Informationsgewinnung und -verarbeitung aufweist und somit ebenso evolutionär wirksam ist. Demnach wird unsere Steuerung oder Motivation unseres Verhaltens aus zwei sehr verschiedenen Quellen gespeist, konkret gesagt einmal unseren Instinkten als unser animalisches Erbe (das wir gern verdrängen) und einmal eben von unserem geistig-kulturellen Sein her. Das steht durchaus dann auch in einem Bezug zu der Aussage von Kant, „daß es zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiteren aber gedacht werden“ (Kant, Kritik der Reinen Vernunft, B 29).

    Dazu drei Beispiele, die für solch eine Spaltung unserer Natur des Verhaltens sprechen und die sich über diese Annahme der Verhaltensmotivation letztlich erklären lassen.
    1. Ein Jude konnte während des Nationalsozialismus noch so große geistig-kulturelle Leistungen vollbringen, er musste getötet werden, weil er ein Untermensch war und von daher zu solchen Leistungen gar nicht fähig sein konnte. Der Rassismus gründet auf einem instinktiven Verhalten, das einst der innerartlichen Aggression diente, und dass wegen dieser genetischen Verankerung nur schwer auszurotten bzw. geistig-kulturell zu überlagern ist.
    2. Ebenso kann heute noch ein Frau noch so große theologische Leistungen vollbringen, sie kann in der katholischen Kirche bzw. auch anderen Religionen kein Priester werden, weil sie eine Frau ist. Dazu auch die von Michael Blume zitierte Meinung von Darwin: „Der Mann ist an Körper und Geist viel kraftvoller als die Frau, und im wilden Zustand hält er dieselbe in einem viel unterwürfigeren Stand der Knechtschaft als es das Männchen irgend eines anderen Tieres tut“ (S. 94). Hier irrte genau wie beim Rassismus auch Darwin, und auch dieser Irrtum lässt sich nicht übernatürlich sondern rein natürlich erklären.
    3. Der Fall des „Bürgerwissenschaftlers“ John Harrison. In der Schifffahrt gab es im 18. Jahrhundert ein großes Problem. Bei der Navigation konnte man zwar die geographische Breite einfach und zuverlässig astronomisch bestimmen, nicht aber die geographische Länge, weshalb es immer wieder zu Schiffsunglücken kam. Im Jahr 1714 lobte das englische Parlament daher ein großes Preisgeld für die Lösung dieses Problems aus, worauf sich viele Astronomen in ganz Europa an die Arbeit machten. Sie konnten das Problem aber nicht lösen.
    Da kam der Tischler, Erfinder und autodidaktische Uhrmacher John Harrison daher, und behauptete, das Problem über die Zeit gelöst zu haben, indem er eine Uhr mit genügender Ganggenauigkeit bauen konnte. Trotzdem darin die Lösung bestand, legte ihm die wissenschaftliche Kommission jede Menge Steine in den Weg, und verweigerte trotz erfolgreicher Tests jahrzehntelang die Anerkennung dieser Lösung, bis schließlich der König von England persönlich einschreiten musste. Warum verweigerten diese Wissenschaftler die offensichtliche Lösung des Problems durch Harrison? Ganz einfach, Harrison war kein Wissenschaftler (sondern "Bürgerwissenschaftler") und hatte keinen Doktortitel, er war Handwerker und von daher konnte er eine Lösung des Problems nicht finden.
    Auch hier spielte das alte animalische Rangstreben noch eine Rolle und die geistig-kulturelle Thematik, um die es eigentlich ging, wurde ausgehebelt und dem Instinkt untergeordnet - oder wie lässt sich dieser Vorgang bzw. auch die beiden anderen von der Vernunft und vom Geistig-Kulturellen her erklären? (Unter dem Titel „Längengrad – die illustrierte Ausgabe“ ist darüber ein Buch von Sobel und Andrewes erschienen bzw. als „Der Längengrad – Longitude“ (2er-DVD-Set) ist diese Geschichte auch verfilmt worden).
    Ich muss gerade im letzten Fall unwillkürlich an Schillers Beschreibung des Brodgelehrten in seiner Antrittsvorlesung als Geschichtsprofessor denken. Gibt es dieses Problem heute noch in unserer Wissenschaft? Sicherlich, man muss nur etwas genauer hinschauen. An dieser Stelle daher noch einmal ein dickes Lob an Michael Blume mit seinem Engagement für Bürgerwissenschaftler, darauf, dass er sich nichts auf seine Titel und seine Disziplin einbildet und sich bei Beiträgen nicht an irgendwelchen Äußerlichkeiten wie eben Titel, Disziplinen oder Herkunft orientiert, sondern an dem, was darin steht und so eben auch die Gottesfrage interdisziplinär angeht. Darin überwindet er das „Brotgelehrtentum“ und verwirklicht den Geist, den Schiller stattdessen idealisierte.

    Um zu dem zurückzukommen, was ich mit meinem Beitrag allgemein eigentlich will: Einfach einmal, ganz in dem Geist, den Schiller in seiner Antrittsvorlesung idealisiert hat, einen Sachverhalt aus einer etwas anderen Perspektive betrachten oder einmal »über den Gartenzaun seines geistigen Hauses zu steigen«. Auf die Religionswissenschaft bzw. den Titel dieses Blogs „Natur des Glaubens“ bezogen heißt das, einerseits auf jeden Fall die Grundlage der modernen Naturwissenschaft beherzigen, also radikal jeden Einfluss oder Eingriff übernatürlicher Kräfte oder Wesen verbannen und so auch das Phänomen der Religion nur von der Natur und der Evolution her zu erklären. Darüber hinaus plädiere ich dafür, dabei unser animalisches Erbe zu berücksichtigen und daher von so etwas wie einer 2-Naturen-Lehre menschlichen Verhaltens auszugehen. Dazu bedarf es jedoch einer kritischen Betrachtung, Berichtigung und Aufklärung der Irrtümer Darwins.

    Ein weiteres Beispiel dafür, was sich dann mit dem Ansatz einer gespaltenen Natur unseres Seins aufklären ließe, ist der aktuelle Versuch des Menschen, die Erde mit Hilfe der Technik und des Glaubens an die Macht und den Sinn des Geldes in ein „Paradies“ verwandeln zu wollen, was aber auch in einer „Hölle“ enden könnte. Etwa so wie wir uns ein „Heiliges Land“ eigentlich als ein sehr friedliches Land vorstellen.
    Ich finde, dass diese Probleme es wert sind, das Potential und die Flexibilität unseres Geistes etwas mehr zu beanspruchen und so eben auch einmal etwas Neues oder Anderes im Denken zu wagen.

    • Dr. W Antworten | Permalink

      Darüber hinaus plädiere ich dafür, dabei unser animalisches Erbe zu berücksichtigen und daher von so etwas wie einer 2-Naturen-Lehre menschlichen Verhaltens auszugehen.

      Ein Jude konnte während des Nationalsozialismus noch so große geistig-kulturelle Leistungen vollbringen, er musste getötet werden, weil er ein Untermensch war und von daher zu solchen Leistungen gar nicht fähig sein konnte.

      Derartige Überlegung, das Zweitzitierte meinend, scheint nicht 'animalisch' zu sein.

      MFG
      Dr. W

        • Dr. W Antworten | Permalink

          @ Herr Ehlert :
          Das Zweitzitierte, hier um diesen Ihrigen Nachtrag ergänzt: 'Der Rassismus gründet auf einem instinktiven Verhalten, das einst der innerartlichen Aggression diente, und dass wegen dieser genetischen Verankerung nur schwer auszurotten bzw. geistig-kulturell zu überlagern ist.', passt halt nicht argumentatorisch, wie der Schreiber dieser Zeilen findet.

          Der Rassismus ist eine Ideenlehre, wie die Suffix auch nahelegt, die Katze tötet ihren Nachbarn nicht wegen falscher Fellfarbe.
          Ideen benötigen Sprache und Kommunikation.

          MFG
          Dr. W (der insofern noch leer stehen bleibt, Ihre bisherige Nachrichtenlage betreffend)

          • Bernd Ehlert | Permalink

            @Dr. W
            Ich behaupte nicht, dass der Rassismus keine Ideenlehre ist. Ich sage aber, dass gerade bei dieser Idee auch noch etwas anderes mitspielt, nämlich ein bestimmter Instinkt, wie insbesondere bei allen sozialen Bindungen oder sozialen Verhaltensweisen.

            Wäre der Rassismus nur eine reine Idee, wie etwa die Idee, dass Asbest ein gefahrloser und guter Stoff ist, so hätte sich das Problem darum nach der Erfahrung seiner Schädlichkeit erledigt. Alle Menschen würden schnell lernen, dass es ein schlechtes Verhalten ist und damit wäre das Problem gelöst. Genau das geschieht jedoch beim Rassismus nicht. Trotz aller der durch ihn verursachten Katastrophen, ist er weiterhin in jeder Gesellschaft anzutreffen und feiert auch in unserer Gesellschaft wieder fröhliche Urstände.

            Ich gehe davon aus, dass Rassismus genau so ein Instinkt ist wie die Sexualität. Wenn diese Instinkte zur Wirkung gelangen, beeinflussen sie unser geistig-kulturelles Verhalten, indem es emotional in eine bestimmte Richtung gedrängt wird. Dasselbe gilt dann für den Kapitalismus. Die Natur und Wirkmächtigkeit dieser Instinkte kann dabei gut an unserem Essverhalten erfahren werden, das, wie viele andere Instinkte (auch der Rassismus), auf eine andere Lebensweise oder andere Lebensumstände hin justiert wurde. Es ist möglich, willentlich unser Essverhalten zu ändern und weniger Süßes und Fettes zu essen - viele Menschen erfahren aber auch, wie schwer es ist, gegen dieses instinkthafte Verhalten anzukämpfen.

            Das Beispiel mit den Katzen ist insofern schlecht gewählt, weil Katzen keine in Rudeln lebenden Tiere sind. Sozial lebende Tiere wie etwa Ratten bekämpfen andere Rudel sehr wohl bis zum Töten. Entscheidend ist bei dieser sozialen Aggression ein Unterscheidungsmerkmal, das das eine Rudel vom anderen unterscheidet. Beim Menschen kann das die Hautfarbe sein, aber auch ein kulturelles Merkmal wie die Religion. Entscheidend ist, dass alle Mitglieder des konkurrierenden Rudels dieses Merkmal besitzen und das eigene Rudel gerade nicht. Insofern wird das bei Tieren wohl kaum die Fellfarbe sein.

            Beim Menschen ist diese soziale, innerartliche Aggression von Gruppen etwa im Sport sozusagen zivilisiert worden. Die große Bedeutung des Sports in der Gesellschaft oder auch global wie bei einer Fußballweltmeisterschaft zeigt, wie sehr wir dieses Verhalten brauchen, nicht geistig aber emotional. Wir besitzen immer noch die Instinkte der Affen oder Vormenschen, sie sind lediglich kulturell überlagert, aber nicht verschwunden und sie zeigen sich bei genauerem Hinschauen überall in unserem Alltag, selbst in der Wissenschaft, wenn etwa Wissenschaftler Daten ihrer Experimente fälschen, um soziale Anerkennung zu erhalten. Und die soziale Aggression gibt es hier natürlich auch, sowohl individuell als auch gruppenmäßig, wenn etwa Philosophen nach den Worten von Roth teilweise sogar einen Hass auf die Naturwissenschaften entwickeln und sich davon als Disziplin abschotten.

            MFG Bernd Ehlert (der keine Probleme damit hat, seinen Namen zu nennen)

          • Bernd Ehlert | Permalink

            Einen Bereich möchte ich noch nennen, in dem auf den ersten Blick nur Ideen und Worte ausgetauscht werden. Doch gleichzeitig spielen hier die Instinkte und Emotionen im Untergrund eine große Rolle, weil es um Macht geht, nämlich die Politik. Hier wird in der Regel erst einmal geschaut, von welcher Partei ein Argument kommt, um erst dann zu entscheiden, ob dieses Argument zutreffend ist oder nicht. Und wenn es ganz verkehrt läuft, steigen die Emotionen so hoch, dass die Argumente oder Ideen wieder mit Gewalt durchgesetzt werden.

          • Dr. Webbaer | Permalink

            @ Herr Ehlert :
            Irgendwo hier scheint es ja bei Ihnen zu nagen, so dass Sie verlautbarend werden:

            Ein weiteres Beispiel dafür, was sich dann mit dem Ansatz einer gespaltenen Natur unseres Seins aufklären ließe, ist der aktuelle Versuch des Menschen, die Erde mit Hilfe der Technik und des Glaubens an die Macht und den Sinn des Geldes in ein „Paradies“ verwandeln zu wollen, was aber auch in einer „Hölle“ enden könnte.

            Der Instinkt meint etymologisch betrachtet das Befeuchten ("tinguere"), das Auslöschen ("extinguere") und letztlich den (inneren) Antrieb ("inextinguere" sozusagen, "instinguere").
            Was nicht unwitzig ist, die Metaphorik, die zu alter Zeit stattgefunden haben muss, berücksichtigend.

            Dass die Erkenntnissubjekte (Menschen, Bären etc.) einem inneren Antrieb folgen, ist tautologisch.

            Insofern weiß Ihr Kommentatorenfreund nicht so recht, sind Sie Pessimist?

            MFG
            Dr. W

          • Bernd Ehlert | Permalink

            @ Dr. W.
            Nein, ich bin in diesem Sinne Realist.
            Man kann den von Ihnen zitierten Fortgang der Evolution unter den heutigen Bedingungen auch mit dem einfachen gesunden Menschenverstand ganz ohne Evolutionstheorie schon erkennen: Begrenzter Lebensraum, explosives Bevölkerungswachstum mit gleichzeitigem exzessiven Wirtschaftswachstum als Wachstumsziel und -ideal. Das reicht im Grunde schon für einen aufmerksamen Beobachter.

            Ein anderer Zugang zu dieser Entwicklung wird in dem Buch „Wer regiert die Welt?“ von Ian Morris beschrieben. Morris untersuchte die Entwicklung menschlicher Gesellschaften seit der letzten Eiszeit und stellt über die heutige Zeit fest: „Im 21. Jahrhundert verspricht – oder droht – die gesellschaftliche Entwicklung so hoch zu steigen, dass sie auch den Einfluss der natürlichen und sozialen Bedingungen verändern wird. Wir nähern uns der größten Diskontinuität der Geschichte“ und: „Wir sind dazu verdammt, in interessanten Zeiten zu leben.“

            Wenn die Evolutionstheorie kritisch hinterfragt und erweitert wird, wie ich das in meinem Beitrag ausgeführt habe, erweist sich das als hervorragendes Werkzeug dazu, nicht nur diese Entwicklung als solche, sondern auch die Gründe dafür zu erkennen.

            Darüber hinaus gilt hier der Grundsatz der technischen Naturwissenschaft: Aufmerksam beobachten, ob an dieser Theorie (als Abstraktion der sinnlichen Wahrnehmung) etwas falsch ist oder verbessert werden könnte – und ansonsten beobachten, wie und ob diese Theorie, ganz im Sinne eines klassischen naturwissenschaftlichen Versuches, mit dem übereinstimmt, was wir Realität nennen, und sich als wahr bestätigt.
            In Bezug auf die beiden Morris Zitate enthält es auch noch etwas Emotionales. Manche Menschen fahren um die halbe Welt, um das Naturschauspiel einer Sonnenfinsternis zu beobachten, wobei sich der Mond einfach nur vor die Sonne schiebt. Ja, ok, kann interessant sein. Aber was ist dagegen die Beobachtung und das Bewusstsein über eine entscheidende Phase einer jahrmillionen- oder gar jahrmilliardenalten evolutionären Entwicklung, in der wir uns gerade befinden? Das ist ein großartiges Naturschauspiel, vor dem das eigene Sein, ja vielleicht sogar das Sein an sich, vollkommen nebensächlich wird (und erst recht die Frage, was bestimmte Worte etymologisch betrachtet meinen).

            MFG
            Bernd Ehlert

  10. Bernd Ehlert Antworten | Permalink

    @ Michael Blume
    sind Sie offen für eine (konstruktive) Kritik zu Ihrem Buch „Evolution und Gottesfrage“? Mir ist leider erst jetzt im Nachhinein richtig bewusst geworden, dass darin meiner Auffassung nach etwas nicht richtig dargestellt wird, was sehr große und entscheidende Konsequenzen hat.

    Es geht um die Emergenz, die Sie nicht nur in diesem Buch, sondern auch darüber hinaus propagieren, so etwa in der Einleitung zu meinem Beitrag mit dem Link zu „Harte vs. weiche Wissenschaften – Warum die Blogosphäre Emergenz verstehen sollte“.

    Auf Seite 59 schreiben Sie in Ihrem Buch: „Wer die Kulturwissenschaften also im Namen der Evolution bruchlos oder gar »neodarwinistisch« auf Naturwissenschaften reduzieren möchte, kann sich dabei keinesfalls auf Charles Darwin berufen. Bei ihm finden wir eher eine Position angelegt, die wir heute als »Emergentismus« diskutieren: Demnach bringen Evolutionsprozesse immer wieder auch neue Systeme und Systemeigenschaften hervor, die zwar auf den basalen Grundlagen beruhen, aber diesen gegenüber neuartig und nicht reduzierbar sind.“
    Ich halte diese Aussage und Zuordnung im Sinne der Emergenz und Reduktion für nicht richtig und möchte das folgendermaßen begründen.

    Leider gehen Sie nicht näher darauf ein, was es bei Darwin mit der Emergenz auf sich hat bzw. welche Bedeutung sie konkret in der Evolutionstheorie hat. So wird auch nicht die alles entscheidende Frage behandelt: Ist mit dem Menschen im Sinne der Emergenz eine neue Schicht entstanden und welche Bedeutung und Konsequenzen hätte das? Diese Frage spielte, auch wenn dabei der Begriff der Emergenz nicht genannt wird bzw. unbekannt war, schon von Anfang an zwischen Darwin und Wallace ein große Rolle, ja es war der Anlass zu Darwins Buch über die Abstammung des Menschen (1871).

    Darwin veröffentlichte zunächst „Die Entstehung der Arten“ (1859), der Mensch kommt darin nur in einem einzigen Satz vor, nämlich auf der vorletzten Seite seiner Schlusszusammenfassung: „Licht wird auch fallen auf den Menschen und seine Geschichte“. Danach fand, wie Sie es auf den Seiten 77 bis 79 beschreiben, 1864 der viel beachtete Vortrag von Wallace statt, woraufhin Darwin das „Forschungsfeld der Evolution des Menschen“ Wallace überlassen wollte, weil Darwin nach eigener Aussage keine Kraft mehr zum Schreiben hatte. Wallace vertrat zu diesem Zeitpunkt, wie Sie es auf Seite 77 vermerken, noch die Position einer „gradualistischen und bruchlosen Evolution“. Zwar kann Wallace schon 1865 mit dem Spiritismus in Kontakt gekommen sein, doch erst mit einem Brief vom 24.03.1869 an Darwin kündigte Wallace einen Zeitschriftenartikel an, in dem er es - ausdrücklich zum ersten Mal - wage, einige Begrenzungen der Macht der natürlichen Selektion zu setzen („I venture for the first time on some limitations to the power of natural selection.“). Darwin ahnte wohl schon etwas und in seiner direkten Antwort vom 27.03.1869 sagte Darwin dazu (noch in Unkenntnis des Artikels), dass er hoffe, Wallace habe nicht ihr gemeinsames Kind (die natürliche Selektion) damit vollständig umgebracht („I hope you have not murdered too completely your own & my child.“).

    Nach Kenntnis des Artikels äußerte sich Darwin in einem Brief an Wallace vom 14.04.1869 dann sehr enttäuscht: „If you had not told me I shd have thought that they had been added by some one else. As you expected I differ grievously from you, & I am very sorry for it. I can see no necessity for calling in an additional & proximate cause in regard to Man.“ Im nächsten Satz sagte Darwin, dass diese Angelegenheit für den brieflichen Austausch nicht geeignet ist. Er dankte Wallace für seine Meinung und erwähnte, dass er selbst nun viel über den Menschen denkt und schreibt. Zwei Jahre später fanden diese Gedanken ihr Ergebnis in Darwins Buch über die Abstammung des Menschen (1871).

    Wallace war entgegen seiner früheren Position nun der Auffassung, dass die natürliche Zuchtwahl „den Wilden nur mit einem Gehirn hätte versehen können, das dem eines Affen wenig überlegen wäre“ und nicht zum mathematischen, künstlerischen oder musikalischen Genius, sowie zu metaphysischen Gedanken, Geist und Humor habe führen können. Der Sprung dabei war für Wallace zu groß und die neuen geistigen Fähigkeiten besaßen für ihn eine andere Wesensart oder Herkunft. Hinsichtlich der erstaunlichen neuen Fähigkeit des Menschen wurde für ihn „ein Instrument entwickelt, das den Bedürfnissen seines Besitzers vorauseilt“, „an instrument beyond the needs of its possessor“, wie es in dem Essay „The Limits of Natural Selection as Applied to Man“ aus dem Jahre 1870 von Wallace heißt.

    Dass der Spiritismus hier als Begründung ein Irrweg war, steht heute außer Frage. Doch ist dieser Einwand von Wallace, mit dem er einen „Bruch“ zwischen Tier und Mensch sah und somit seine frühere Position einer „gradualistischen und bruchlosen Evolution“ berichtigte, damit gerade in Hinsicht einer Emergenz vom Tisch? Diese Frage stellt sich erst recht, wenn Wallace in seinem Buch „Darwinism“, das 1889 erschien, sogar behauptete, dass etwas im unsichtbaren Universum des Geistes sogar mindestens drei Mal während der Evolution eingegriffen haben muss, und zwar im Fall der Schöpfung von Leben aus anorganischer Materie, der Einführung von Bewusstsein bei Tieren und eben der Bildung höherer mentaler Fähigkeiten beim Menschen. Das ist ein emergentes Evolutionsmodell, wenn hier auch (noch) übernatürlich begründet!

    Sie schreiben auf Seite 57, dass „Darwin mit der Berufung auf Arbeiten von Alfred Russel Wallace kulturelle Fähigkeiten des Menschen schließlich als Hinauswachsen aus der Zuständigkeit natürlicher Zuchtwahl beschrieb“, und auf Seite 58 zitieren Sie Darwin: „Bei hoch zivilisierten Nationen hängt der beständige Fortschritt in einem untergeordneten Grade von natürlicher Zuchtwahl ab“. Diese Aussagen deuten Sie schließlich auf Seite 59 in der Weise: „Wer die Kulturwissenschaften also im Namen der Evolution bruchlos oder gar »neodarwinistisch« auf Naturwissenschaften reduzieren möchte, kann sich dabei keinesfalls auf Charles Darwin berufen.“

    Ja, Darwin berücksichtigte die Einwände von Russel in seinem neuen Buch über die Abstammung des Menschen, aber, das Entscheidende: Darwin hielt trotzdem weiter daran fest, dass sich mit der Erscheinung des Menschen nichts Entscheidendes in der Evolution (im Sinne einer Emergenz) geändert hat. Für ihn wurden auch Geist und Kultur direkt und „bruchlos“ von der natürlichen Zuchtwahl entwickelt – und waren darauf reduzierbar. So sagte er: „Aber wie groß auch der Unterschied zwischen den Seelen der Menschen und der höheren Tiere sein mag, er ist doch nur ein gradueller und kein prinzipieller“ (C. Darwin 1871, Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl, Stuttgart 2002, S. 160), und er schloss sich der Meinung von Huxley an, dem nach „es durchaus nicht berechtigt [ist], den Menschen in eine besondere Ordnung zu stellen“ (Darwin 2002, S. 194). Es ist durchaus möglich, dass er das vor allem aus dem Grunde betonte, um über ein „additional & proximate cause in regard to Man“ nicht das Spiritistische von Wallace und damit wieder übernatürliche Einflüsse ins Spiel zu bringen. Diese „additional & proximate cause in regard to Man“ rein natürlich im Sinne einer neuen Schicht der Emergenz zu verstehen, das lag wohl für beide, sowohl Darwin als auch Wallace, außerhalb der Vorstellung.

    Darwin tat deswegen genau das, was der Emergenz widerspricht: Er reduzierte das Geistig-Kulturelle des Menschen auf die natürliche Zuchtwahl und (wie wir heute sagen) die Gene. Das begründet seine rassistischen Aussagen, denn diese bestehen in nichts anderem als einer Reduktion von etwas Geistig-Kulturellen auf die Ebene der natürlichen Zuchtwahl bzw. der Gene, und daher waren und blieben für ihn auch die kulturellen Entwicklungen „dunkle Rätsel“ (vgl. Darwin 2002, S. 181-183).

    Für Wallace dagegen war das intellektuelle Vermögen des Menschen nicht etwas, das von der natürlichen Zuchtwahl bei einer Rasse von Menschen mehr, bei der anderen weniger und bei einer dritten so gut wie gar nicht entwickelt wurde. Wallace sah hinter dem besonderen Vermögen des Menschen etwas, was eine völlig neue Qualität und Würde darstellt (wenngleich wie gesagt falsch begründet), die darin jedem Menschen gleichermaßen zukommt und die ihn darin im Sinne einer Emergenz grundsätzlich über das Tier erhebt (wenngleich darin aus heutiger Sicht letztlich auch von der natürlichen Zuchtwahl hervorgebracht). Wallace sah hier einen „Bruch“ zwischen Tier und Mensch und das Geistig-Kulturelle war für ihn in diesem Sinne nicht auf die Ebene des Tieres und der natürlichen Zuchtwahl reduzierbar.

    Ich würde daher mit dieser Argumentation und Begründung Ihre anfangs schon zitierte Aussage in folgender Form eher für richtig halten: „Wer die Kulturwissenschaften also im Namen der Evolution bruchlos oder gar »neodarwinistisch« auf Naturwissenschaften reduzieren möchte, kann sich dabei [.] auf Charles Darwin berufen. Bei [Wallace dagegen] finden wir eher eine Position angelegt, die wir heute als »Emergentismus« diskutieren: Demnach bringen Evolutionsprozesse immer wieder auch neue Systeme und Systemeigenschaften hervor, die zwar auf den basalen Grundlagen beruhen, aber diesen gegenüber neuartig und nicht reduzierbar sind.“

    Die (interdisziplinäre) Berichtigung von Wallace durch den Philosophen Nicolai Hartmann, dessen Aussagen Lorenz in die Biologie und Evolutionstheorie überführte (und sich dabei darüber „beschwerte“, dass die Philosophie an dieser interdisziplinären Zusammenarbeit kein Interesse zeigte), ergibt die rein natürliche Begründung des von Wallace schon formulierten Schichtenmodells. Vor allem in einer Hinsicht: Mit dem Menschen ist sowohl im Sinne von Wallace als auch ausdrücklich von Hartmann und von Lorenz in der Evolution eine neue Schicht, Kategorie oder Ebene entstanden (Hartmann bezog sich dabei natürlich nicht auf die Evolutionstheorie). Dabei gilt allerdings die Erkenntnis von Hartmann gerade auch für die Evolutionstheorie: „Der Aufbau der realen Welt ist ein Schichtenbau. Nicht auf die Unüberbrückbarkeit der Einschnitte kommt es hier an ‑ denn es könnte sein, daß diese nur für uns besteht ‑, sondern auf das Einsetzen neuer Gesetzlichkeit und kategorialer Formung, zwar in Abhängigkeit von der niederen, aber doch in aufweisbarer Eigenart und Selbständigkeit gegen sie“. Auf diesem Weg klärt sich „das Desaster des Sozialdarwinismus“ vollständig auf und es hat auch entscheidende Konsequenzen für das Verständnis der Religion.

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      Lieber Herr Ehlert,

      Ihre konstruktive Kritik ist selbstverständlich herzlich willkommen - wenige dürften “Evolution und Gottesfrage“ so intensiv gelesen haben wie Sie!

      Bis ins hohe Alter Darwins würde ich Ihnen Recht geben - und auch noch im kurzen Austausch mit Graham plädiert er für eine stärkere Rolle der Biologie im Verständnis der menschlichen Geschichte. Aber das “emergente Schichtenmodell“ Grahams stellt er nicht in Frage, sondern feiert es, obgleich es sogar in einer theistischen Deutung mündet. M.E. haben Hartmann & Co. sehr viel später wiederentdeckt, was Graham bereits formuliert und Darwin anerkannt hatte.

  11. Bernd Ehlert Antworten | Permalink

    Das Emergenz-Verständnis von Graham unterscheidet sich doch erheblich von dem, wie es Wallace und später Hartmann gesehen haben. Wallace hatte zwar übernatürliche Eingriffe vorausgesetzt, aber das Ergebnis, die Schichtstruktur des evolutionären Seins, wurde in der späteren rein natürlichen Erklärung von Hartmann beibehalten bzw. er kam zu demselben Ergebnis. Das ist ein naturwissenschaftlicher oder auch philosophischer Weg, und diese Struktur oder Erkenntnis sagt darin etwas über die (schichtend gespaltene) Natur des Menschen, also aller Menschen, aus, nämlich konkret, dass sein geistig-kulturelles Sein nicht mit den Gesetzmäßigkeiten der genetischen Entwicklung beurteilt werden kann. Wenn das getan wird, ist das ein Kategorienfehler und führt zu dem, was wir Sozialdarwinismus nennen. Das menschliche Sein ist so gesetzmäßig nicht von einem „gen-zentrierten“ sondern von einem „geist-zentrierten“ Ansatz her zu beurteilen.

    Graham versteht dagegen Emergenz vor allem als „Great Man theory“ in Verbindung mit dem Glauben an einen personhaften Schöpfergott und einer Zielgerichtetheit des Universums. Er will die Probleme bzw. das Ziel nicht von einer neuen, aufgeklärten Sicht auf die Natur des Menschen her aufklären, also ein Fortschritt der modernen Naturwissenschaft aus Erkenntnis der Natur selbst heraus, so wie die Evolutionstheorie entdeckt wurde, sondern er sagt ganz konkret, dass das menschliche Sein nicht „durch natürliche Selektion erreicht [wurde], wie die darwinsche Lehre nahelegt“. Die Schicht des Menschen versteht er nicht als einen natürlichen Prozess wie den der Evolution, sondern hier stammt „die Enthüllung von Wahrheit“ „von Gott und nicht vom Zufall“ (wobei jedoch zu bemerken ist, dass vor der Evolutionstheorie die biologische Schöpfung ebenfalls „von Gott und nicht vom Zufall“ herkommend verstanden worden ist). Sie zitieren dazu Graham auf Seite 137:

    „So wurde die Entwicklung der menschlichen Art, der menschlichen Zivilisationen nicht durch natürliche Selektion erreicht, wie die darwinsche Lehre nahelegt. Die Entwicklung des menschlichen Geistes kam durch innere Enthüllung zu bestimmten ausgezeichneten Individuen - eine Enthüllung von Wahrheit, von Einsicht, von inventiver Kraft, von Pflicht, von Schönheit, die die Seele unaufgefordert besuchte, wobei niemand, nicht einmal die Besitzenden, mehr darüber sagen können, als dass sie aus dem Unbekannten, dem Ziel des Universums, ist, das sich hierdurch zu erklären und zu entwickeln wünscht - von Gott und nicht vom Zufall. Natürliche Selektion hat klarerweise nichts zu tun mit der Entstehung, mit der Einlegung der ersten Keime von Moral, Kunst, Erfindung, Wissenschaft oder Religion.« […]

    Graham erwartet so nicht neue Einsichten und Gesetzmäßigkeiten (als allgemeine weitere Entwicklung von Geist und Kultur), sondern auf neue „große Männer“, die als Führer den Weg weisen. Wie Sie schreiben, teilt Darwin diese Theorie der „großen Männer“ nicht, und auch der von Graham als Evolutionist verehrte Herbert Spencer sagt über die „Great Man theory“, dass sie „hoffnungslos primitiv, kindlich und unwissenschaftlich“ ist (vgl. Kritik der „Great Man theory“ in der englischsprachigen Wikipedia).
    Die absolute Erhöhung mancher – natürlich nur – Männer zu Wesen mit einer übernatürlichen Aura und quasi einem göttlichen Auftrag hat dann unmittelbar damit etwas zu tun, in diese großen Männer einen Widerspruch hineinzuprojizieren, wenn sie dieses Göttliche (Ziel) nicht anerkennen, so als wüssten sie nicht, was sie tun: „»Was sollen wir über sie sagen? Was, außer dass zwischen ihrem ethischen Bekenntnis und ihrer eigenen Praxis ein ungelöster Widerspruch besteht und dass ihre Taten die beste Widerlegung ihrer Worte geben?« Ein selbstlos nach Wahrheit strebender Evolutionsverlauf werde also sogar und gerade auch durch Mut und Tat jener belegt, die eine solche Zielgerichtetheit abstritten!“ (S. 137-138).

    Auf S. 145 schreiben Sie: „Gerade auch der wissenschaftlich Informierte stehe, so Graham, am Ende vor der Wahl, das kosmische Prinzip aus bloßem Zufall - dem niedrigsten Prinzip - oder als Ergebnis göttlichen Willens zu erlassen. Dass unsere Wahrnehmungsfähigkeiten beschränkt seien und wir kaum anders könnten, als Gott in der höchsten uns zugänglichen Emergenzebene des Personal-Geistigen zu beschreiben, spreche gerade nicht dagegen. Der Gottheit »einen dem Menschen entsprechenden bewussten Geist und Ziel zuzusprechen ist vielleicht, ja >istist< eine ungenügende Erklärung [imperfect explanation]. Aber es ist, wie wir uns überzeugt haben, um vieles der geringere Fehler der beiden.“ Nein, es ist gerade der größere Fehler.
    Der „Natur der Einen Ewigen Substanz“ (S. 144) „»einen dem Menschen entsprechenden bewussten Geist und Ziel zuzusprechen«“ und dazu noch ein Person-Sein, hat sich unter den modernen Lebensbedingungen als Fehler bzw. mehr und mehr als unpassend erwiesen (genauso wie die Glaubensformen davor). Das gilt nicht nur in der Hinsicht, Krankheiten und Seuchen durch religiöse Rituale überwinden zu wollen. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien sind nicht nur hier viel effektiver, und das nicht nur zur Erklärung der biologischen Schöpfung, sondern auch des besonderen geistigen Seins des Menschen darin – inklusive seiner Glaubens an übernatürliche Kräfte und Wesen. In diesem geistigen Fortschritt spielt natürlich der Zufall eine Rolle, aber das ist der „um vieles geringere Fehler der beiden.“ Es könnte ein Ausdruck dafür sein, dass wir mit unserem weltlichen „Affengeist“ die „Natur der Einen Ewigen Substanz“ grundsätzlich nicht (aus einer dann praktisch erhöhten Perspektive) erkennen und handhaben können.
    Dieses Verständnis der „Natur der Einen Ewigen Substanz“ ist dabei nichts Neues, sondern der Kern der „negativen Theologie“, in der das Göttliche entsprechend des Namens dieser Theologie keine Person ist, sondern das neuplatonische, unerkennbare, jenseits von Sein, Zeit und Raum liegende „einige Eine“. Die Strukturen sind hierbei so getrennt, dass „wir“ nicht einmal wissen, ob es diese „Natur der Einen Ewigen Substanz“ überhaupt gibt, ob sie überhaupt ein Sein hat, wobei es deswegen in diesem „einigen Einen“ umgekehrt wohl nie eine Welt gegeben hat – und natürlich auch kein Ziel, das darin immer die Zeit voraussetzt. Insofern lag Darwin mit seiner Skepsis gegenüber Graham vollkommen richtig.
    Nur diese „negative“ Theologie ist im Gegensatz zu allen anderen Theologien (schon von ihrer Herkunft her) sowohl mit der aufgeklärten Philosophie als auch mit der modernen Naturwissenschaft kompatibel – nur nicht mit dem Urwunsch des Menschen nach Verewigung seines weltlichen, personalen Seins (als angebliches göttliches Ziel, bei dem aber nur der Mensch das Göttliche zu seinem Zweck und Diener macht bzw. missbraucht).

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      Bei Graham und später Hartmann entfaltet sich die Welt als Schichtenmodell (bottom-up), wogegen sie bei Wallace auch durch spiritistische Eingriffe (Top-Down) beeinflusst wird. Insofern sehe ich Darwin, Graham und Hartmann als Emergentisten in verschiedenen Formen, wogegen der spätere Wallace m.E. zum Spiritismus neigte. Dass es in anderen Einzelfragen viele Gemeinsamkeiten wie auch Differenzen gab und Wissenschaftler(innen) auch immer zeitgebunden argumentieren, sehe ich auch so.

      Vielleicht wollen Sie sich den Graham ja mal im Original gönnen?

  12. Bernd Ehlert Antworten | Permalink

    Eigentlich ist das, was Darwin bis ins hohe Alter umtrieb (ob das Universum ein Resultat des Zufalls ist), im Grunde genau das Problem, das schon der erste, selbstbewusst denkende Mensch hatte und dem auch die heutige moderne Naturwissenschaft in ihrer Suche nach so etwas wie einer „Weltformel“ immer noch nachjagt. Wir erkennen in und mit unserem Geist und Bewusstsein eine Welt in der bestimmte Abhängigkeiten oder Kausalitäten existieren, die sich in der Logik unserer Sprache und unseres Denkens widerspiegeln, so dass wir uns in unserem Bewusstsein Stein für Stein ein Bild (oder auch viele mehr oder weniger verschiedene) dieser Welt machen können. Aber es fehlt bis heute stets irgendwie der „Schlussstein“, der in unserem Weltbild alles umfassend, substantiell und endgültig erklärt.

    Eine scheinbar gute und endgültige Lösung versprachen die mit Hilfe des geistigen Vermögens ermöglichten Vorstellungen von übernatürlichen Kräften und Wesen, mit denen sich diese Lücken ausfüllen ließen, wie besonders der Glaube an einen personalen Schöpfergott. Da war es endlich, Anfang und Ende waren umfassend und substantiell erklärt (als „Top-Down“). Leider war das aber mit der Zeit mit so vielen Widersprüchen verbunden, dass sich die moderne Naturwissenschaft darüber definierte, übernatürliche Erklärungen, Einflüsse und Götter radikal zu verbannen – und mit diesem Ansatz stellte sich, zunächst nur in materiell-technischer Hinsicht, ein überwältigender Erfolg ein (als „Bottom-Up“ und Gesetzmäßigkeiten, die den Zufall enthielten). Dieser Ansatz ermöglichte u.a. erst die Evolutionstheorie mit ihren Entdeckern Darwin und Wallace. Heute greift dieser naturwissenschaftliche Ansatz zunehmend auch auf geisteswissenschaftliche Fächer über, und in dieser Auseinandersetzung stecken wir mittendrin.

    In meinem Verständnis war es Wallace, der eindeutig „Bottom-Up-Wissenschaft“ betrieb, die Evolutionstheorie mitentdeckte und in genialer Weise einen entscheidenden Mangel darin aufdeckte. Doch mit der Begründung verstieß er fatalerweise gegen das Fundament der modernen Naturwissenschaft, so ähnlich wie beim Vitalismus. Er stieß sozusagen mit der falschen Herleitung oder Begründung auf das richtige Ergebnis, das evolutionäre Schichtenmodell, mit dem als „Bottom-Up“ naturwissenschaftlich und philosophisch weitergearbeitet werden kann.

    Ganz anders sieht in meinem Verständnis die Emergenz bei Graham aus. Wie es der Name „evolutionärer Theismus“ schon sagt, befand sich Graham, was die Erklärung des menschlichen Seins angeht, überhaupt nicht auf dem Boden der modernen Naturwissenschaft und lehnte das auch strikt und in aller Deutlichkeit ab. Zwar erkannte er die Ergebnisse der Evolutionstheorie von Darwin in gewisser Weise an (als Hypothese die ausdrücklich nicht den Menschen betrifft), aber wenn sich diese Hypothese daran machen sollte, die „mentale, moralische und soziale Evolution des Menschen“ erklären zu wollen, hielt er das für eine „Anmaßung“. Denn „dann ist das eine völlig andere Sache, und wir haben ein Recht, gegen die allumfassenden Anmaßungen der Hypothese zu protestieren, selbst wenn wir keine Spezialisten oder fortgeschrittene Studenten der Biologie seien“ (S. 133). Und wie schon gesagt, vertrat Graham die Auffassung: „Natürliche Selektion hat klarerweise nichts zu tun mit der Entstehung, mit der Einlegung der ersten Keime von Moral, Kunst, Erfindung, Wissenschaft oder Religion“. Das stammte für Graham „von Gott und nicht vom Zufall“ (S. 137).

    Der Unterschied zwischen Wallace und Graham ist in Hinblick auf das Fundament und den Ansatz der modernen Naturwissenschaft sehr interessant und besteht für mich darin, dass Wallace auf dem Boden und mit dem Ansatz der modernen Naturwissenschaft in Ermangelung einer Erklärung für eine bestimmte richtige Erkenntnis sich einen „Fehlgriff“ leistete, um dann wieder naturwissenschaftlich weiterarbeiten zu können, bzw. mit dem Ergebnis kann naturwissenschaftlich weitergearbeitet werden, denn dieses Ergebnis betrifft die Natur des Menschen. (Inwieweit Wallace das getan hat oder inwieweit er noch weiter in den Spiritismus abgerutscht ist, weiß ich nicht, darüber gibt vielleicht sein Buch „Darwinismus“ Auskunft).
    Graham dagegen wendete sich auf jeden Fall strikt gegen die Methode der modernen Naturwissenschaft im Bereich der menschlichen Fähigkeiten, er hielt sie hier für grundsätzlich nicht zuständig – womit er ja bis heute nicht allein dasteht.
    Es geht hierbei um etwas Grundsätzliches: Stoppen wir beim Menschen die so erfolgreiche naturwissenschaftliche Methode, die sich nicht nur in der Medizin als so segensreich für den Menschen erwiesen hat, und führen im Fall des Menschen wie auch immer einen Theismus als wissenschaftliche Begründung wieder ein, oder behalten wir strikt den naturwissenschaftlichen Kurs auch bei der Erklärung des Mensch-Seins bei?
    Ich bin eindeutig für das letztere und glaube, dass insbesondere in geistiger, kultureller und sozialer Hinsicht etwa bei der Überwindung von Gewalt und Krieg dieser naturwissenschaftliche Ansatz in Anwendung auf den Menschen letztlich genauso große Erfolge feiern kann wie er das bisher in technischer Hinsicht vollzieht.

    Warum also jetzt den Bereich des Geistigen und des Menschen (wieder) mit einem Theismus belegen, „erklären“ und damit die naturwissenschaftliche Forschung blockieren, behindern bzw. von ihr ablenken? Nein, ich glaube erst mit einer natürlichen Begründung des Mensch-Seins lassen sich etwa die ganzen religiös motivierten Konflikte wie im sogenannten Heiligen Land der drei semitischen Weltreligionen auflösen – und es ist letztlich auch das beste für unser Verhältnis zu der wahren „Natur der Einen Ewigen Substanz“. Darwin selbst hat ja schon mit der Relativierung auch der Schöpfergott-Vorstellung angefangen und sie mehr oder weniger schon als vollkommen natürlicher Teil der Evolution des Menschen gesehen.

    Dementsprechend halte ich den Vorstoß von Wallace (abgesehen von seiner Begründung) und dann die Formulierung von Hartmann bis heute für richtungsweisend: Zwischen Tier und Mensch hat sich in der Evolution wie schon bis dahin zwischen den verschiedenen anderen Schichten des Seins etwas Besonderes ereignet (was wegen dieses Ereignisses nicht mit einem gen-zentrierten Ansatz erfasst werden kann) und das gilt es auf rein natürliche Weise zu erklären, also mit den Naturgesetzen und dem „Zufall“ als „Bottom-Up“, aber auf keinen Fall mit einem wie immer gearteten übernatürlichen Einfluss wie etwa als Gott oder Theismus. Das wäre ein Rückschritt im naturwissenschaftlichen und philosophischen Denken.
    Diesen Standpunkt vertrete ich und von da aus denke ich weiter. Deswegen ist es für mich nicht unbedingt hilfreich, etwa Graham im Original zu lesen. Das Wesentliche über Graham habe ich schon durch Sie erfahren und es ist in diesen Aussagen ziemlich klar und eindeutig, so dass ich es mir nicht vorstellen kann, dass eine Lektüre seines Buches daran etwas ändern würde. Oder meinen Sie doch? Dann würde ich um einige dies belegende Argumente bitten.

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      @Bernd Ehlert

      Graham behauptete m.W. nirgendwo, dass die Evolution durch "übernatürliche Einflüsse" gesteuert würde - genau das behauptete aber Wallace. Ebenso plädierte Graham nicht dafür, die naturwissenschaftliche Forschung irgendwo zu "stoppen", sondern verwies darauf, dass unterschiedliche Wirklichkeitsschichten unterschiedliche Wissenschaften (Physik, Biologie, Soziologie, Psychologie etc.) hervorbringen. Auch hier trifft Ihr "Vorwurf" eher Wallace als Graham.

      Selbstverständlich war auch Graham nicht irrtumslos und er war zeitgebunden - so wie jeder andere auch. Mir scheint jedoch, Sie machen ihn schwächer, als er ist - indem Sie ihm aus kurzen Zitaten Positionen unterstellen, die er so nicht vertrat. Nur daher rührte mein Rat, sich einmal ganz auf ihn einzulassen. Denn im Grundsatz sehe ich ihn - bei aller Wertschätzung von Wallace - bereits sehr viel näher bei Hartmann.

  13. Bernd Ehlert Antworten | Permalink

    Lieber Herr Blume, das Zitat von Graham hat mich zu einem umfassenderen Nachdenken angeregt. In seiner Aussage kann man das eigentliche Problem festmachen. Ich brauche aber noch etwas Zeit dazu.

  14. Bernd Ehlert Antworten | Permalink

    Lieber Herr Dr. Blume,
    mein Ideal ist das Geist-Verständnis von Schiller, das er in seiner Antrittsvorlesung als Geschichtsprofessor als „philosophischen Geist“ folgendermaßen definierte: „Sollte eine neue Gedankenreihe, eine neue Naturerscheinung, ein neu entdecktes Gesetz in der Körperwelt den ganzen Bau seiner Wissenschaft umstürzen: so hat er [der philosophische Geist] die Wahrheit immer mehr geliebt, als sein System“. […] Ja, wenn kein Streich von außen sein Ideengebäude erschüttert, so ist er selbst, von einem ewig wirksamen Trieb nach Verbesserung gezwungen, er selbst ist der erste, der es unbefriedigt auseinanderlegt, um es vollkommener wieder herzustellen“.

    Schon die Zitate von Graham haben bei mir dazu geführt, mein „Ideengebäude“ im Sinne von Schiller noch einmal zu durchdenken. Graham hatte ja mit seinem Ausgehen von einem „kosmischen Prinzip“ und einer „Natur der Einen Ewigen Substanz“, die wir nur immer mangelhaft erklären können und daher vor einer Wahl von verschiedenen Erklärungen stehen, einen guten Ansatz. Nur meine ich, dass genau die andere Wahl als die von Graham die bessere ist. Warum das so ist, welche Probleme sich mit dieser anderen Wahl lösen lassen, u.a. das der stets ungenügenden Erklärung der „Natur der Einen Ewigen Substanz“, sowie der Widerspruch zwischen der modernen Naturwissenschaft und der Religion und warum dagegen die Wahl von Graham die Probleme genau nicht lösen kann, das versuche ich mit der folgenden, von Graham als schlechtere Alternative genannten Beschreibung des „kosmischen Prinzips“ bzw. der „Natur der Einen Ewigen Substanz“ zu begründen.

    Das betreffende Zitat aus Ihrem Buch dazu lautet: „Gerade auch der wissenschaftlich Informierte stehe, so Gra­ham, am Ende vor der Wahl, das kosmische Prinzip aus bloßem Zufall - dem niedrigsten Prinzip - oder als Ergebnis göttlichen Willens zu erfassen. Dass unsere Wahrnehmungsfähigkeiten beschränkt seien und wir kaum anders könnten, als Gott in der höchsten uns zugänglichen Emergenzebene des Personal-Geis­tigen zu beschreiben, spreche gerade nicht dagegen. Der Gott­heit »einen dem Menschen entsprechenden bewussten Geist und Ziel zuzusprechen ist vielleicht, ja >istdie Summe aller Realität<“. Aber Kant hat sein „Ding an sich“ gerade nicht „in der höchsten uns zugänglichen Emergenzebene des Personal-Geis­tigen“ beschrieben (nur in praktischer Hinsicht hat er dem Personal-Geistigen eine bestimmte Berechtigung zuerkannt).

    Wie weit kommen wir also, wenn wir zur Erklärung des menschlichen Seins die „Natur der Einen Ewigen Substanz“ nicht „in der höchsten uns zugänglichen Emergenzebene des Personal-Geis­tigen beschreiben“, sondern „den niedrigsten Grund als das erste Prinzip aller Dinge annehmen“, das, was Graham „bloßen Zufall“ nennt, also die naturwissenschaftliche Erklärungsweise? Das geschieht hier dadurch, dass versucht wird, die „Natur der Einen Ewigen Substanz“ von „unten“ naturwissenschaftlich und mit einem objektiven Ansatz her zu bestimmen, indem ganz einfach in unserem „Personal-Geistigen“ danach gefragt wird, welche verschiedenen Perspektiven oder Lehren, egal wie weit sie zeitlich oder methodisch auseinanderliegen, über eine letztendliche Substanz irgendwie in ihren Aussagen darüber übereinstimmen. Um solche Übereinstimmungen zu finden, müssen die verschiedensten Kombinationen in unserem Geist gedanklich durchgespielt werden, was darin analog zur genetischen Evolution als gedankliche „Mutationen“ betrachtet werden könnte, die darin zunächst rein „zufällig“ sind. Diejenigen Perspektiven oder Lehren, die in diesem zunächst zufälligen Gedankenprozess eine Übereinstimmung ergeben und damit hier „selektiert“ werden, sind die moderne Naturwissenschaft, die Philosophie von Kant, die abendländische, bis in die Antike zurückgehende „negative Theologie“ und der fernöstliche ursprüngliche Buddhismus. Je verschiedener die Perspektiven oder Lehren sind, umso mehr besitzt die Übereinstimmung in Hinsicht auf das „kosmische Prinzip“ oder die „Natur der Einen Ewigen Substanz“ einen objektiven Charakter, und um so sicherer kann von da aus dann das menschliche Sein bestimmt werden.
    Dogmatisch begründete Denkblockaden bleiben ausdrücklich außen vor, denn es soll ja gerade eine alternative Lösung gefunden werden. Entscheidend ist allein die Selektion anhand eines möglichst objektiven Wahrheitsverständnisses bzw., als zusätzlicher Aspekt der Objektivität, die Bewährung neuer Gedankenkombinationen in der Praxis. Wie lautet das Ergebnis einer solchen Zusammenschau, wie ist dieser Wahl nach die „Natur der Einen Ewigen Substanz“ beschaffen?

    Die moderne Naturwissenschaft als erste dieser Perspektiven oder Lehren ist trotz ihrer großen Erfolge mit ihrem objektiven Ansatz bisher auf nichts gestoßen, was als eine ewige Substanz im Sinne eines unveränderlichen Seins angesehen werden könnte. Selbst hinsichtlich der Materie verliert sich die Quantenphysik in unvorstellbaren mathematischen Abstraktionen, die darin nicht einmal zu einer umfassenden Erklärung des Weltlichen im Sinne einer „Weltformel“ geführt haben (und, wie sich in der weiteren Argumentation ergeben wird, auch nie führen werden). Restlos alles in dieser Welt ist dem Gesetz von Werden und Vergehen unterworfen, mit der Entdeckung des Urknalls selbst die Welt an sich. Das, was die Naturwissenschaft als real zu erkennen glaubt, wie etwa die Materie oder Raum und Zeit, kann nicht eindeutig gegenüber dem als (in unserem Geist) konstruiert erkannten, wie etwa den Farben, abgegrenzt werden. Mit den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft können wir nicht einmal sagen, ob es überhaupt so etwas wie eine Substanz gibt.
    Trotzdem geht die moderne Naturwissenschaft weiterhin von einem Realismus aus, den sie allerdings selbst nur noch als „hypothetischen Realismus“ bezeichnet. Dabei glaubt sie den Idealismus von Kant mit Hilfe der Evolutionstheorie widerlegt zu haben. Die Argumentation dazu etwa von Gerhard Vollmer und Konrad Lorenz lautet, dass zwar für das Individuum Kants sinnliche Anschauungsformen von Raum und Zeit in apriorischer Weise vor aller Erfahrung mit den Dingen vorhanden weil angeboren sind, dass sie sich aber zuvor in der Evolution, die Kant nicht kennen konnte, in Auseinandersetzung mit den realen Strukturen der Welt phylogenetisch herausgebildet haben, also dass sie daher doch nicht apriorisch sind.
    Diese anfangs so einleuchtende Widerlegung von Kant kann allerdings auch als ein Zirkelschluss verstanden werden. Denn diejenigen Strukturen unserer Erkenntnis, vor allem Zeit und Raum, die mit Hilfe der Evolutionstheorie erklärt oder abgeleitet werden, wurden dazu zuvor als Postulat vorausgesetzt, nämlich als eine reale Welt in genau den grundlegenden Strukturen unseres sinnlichen Anschauungsvermögens von Raum und Zeit. Es wird also das in Zeit und Raum separierte Sein der Welt als real vorausgesetzt, in dem dann in Zeit und Raum eine Evolution gesehen wird, deren Ergebnis die sinnlichen Anschauungsformen von Zeit und Raum als Anpassung an die zuvor postulierte oder vorausgesetzte Realität sein sollen. Das, was man abzuleiten versucht, hat man zuvor schon in dieser Ableitung vorausgesetzt. Auf grundsätzlich dieselbe Weise könnte so auch das reale Sein der Farben postuliert werden, so dass sich letztlich wieder ein naiver Realismus ergibt.
    Auch die religiösen Versuche zur Erklärung der Welt erweisen sich in dieser Weise ebenfalls als Zirkelschluss, da hier bei der Ableitung des menschlichen Seins von einer jenseitigen Substanz her das Ergebnis, also das in Zeit und Raum vorhandene personale Sein des Menschen, zuvor schon als diese Struktur einer zeitlich und räumlich von der Welt getrennten Personalität in dem Göttlichen postuliert wurde. Genau das ist es, was Graham macht: Das Ergebnis, das Personal-Geis­tige, erklärt er dadurch, dass er es zuvor in einem Übernatürlichen postuliert und dann von daher ableitet.
    Dieser Zirkelschluss liegt bei allen Versuchen zur Erklärung des Weltlichen vor und ist auch nicht zu überwinden, wenn die weltliche Struktur und das weltliche Sein nur relativ und geschaffen ist und jeder Versuch, dieses Sein aus sich heraus als real und substantiell zu erklären, so stets in einem Zirkel endet. Aus dieser Perspektive und Argumentation heraus ergibt sich, dass die moderne Naturwissenschaft trotz ihrer großen Erfolge in Bezug auf eine Substanz rein nichts in Erfahrung bringen konnte. Aber auch das ist ein Ergebnis.

    Kant geht nun zwar wie die moderne Naturwissenschaft mit ihrem hypothetischen Realismus oder die Religion mit ihrem Gott ebenfalls davon aus, dass es irgendwie so etwas wie eine „Natur der Einen Ewigen Substanz“ geben muss. Er sieht diese Substanz allerdings nicht in der Welt als reales Sein, sondern ähnlich wie die Religion jenseits der weltlichen Grundstruktur, allerdings als ein bloßes „Ding an sich“. Im Gegensatz zur Naturwissenschaft und Religion leitet er davon nichts Weltliches ursächlich ab, auch nicht unsere grundlegenden Erkenntnisstrukturen von Raum und Zeit, in denen wir Kant nach die Welt erkennen. Die sind für ihn apriori vorhanden. Kant beschreibt das „Ding an sich“ nicht als etwas Personales, sondern stellt vielmehr in geradezu resignierender Weise fest: „Was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht und brauche es nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann“ (B332-333).
    Dabei nimmt er die Sackgasse der modernen Naturwissenschaft in Hinsicht auf die Erkenntnis einer Realität im Sinne eines Absoluten oder einer Weltformel schon vorweg, wenn er sagt (wobei er dabei das eigentliche Problem nennt, das die moderne Naturwissenschaft bei ihren Erkenntnissen noch gar nicht bzw. in der Quantenphysik nur in Ansätzen im Fokus hat, nämlich die Relativität des menschlichen Erkenntnisvermögens):
    „Ins Innere der Natur dringt Beobachtung und Zergliederung der Erscheinungen, und man kann nicht wissen, wie weit dieses mit der Zeit gehen werde. Jene transzendentalen Fragen aber, die über die Natur hinausgehen, würden wir bei allem dem doch niemals beantworten können, wenn uns auch die ganze Natur aufgedeckt wäre, da es uns nicht einmal gegeben ist, unser eigenes Gemüt mit einer anderen Anschauung, als der unseres inneren Sinnes, zu beobachten. Denn in demselben liegt das Geheimnis des Ursprungs unserer Sinnlichkeit. Ihre Beziehung auf ein Objekt, und was der transzendentale Grund dieser Einheit sei, liegt ohne Zweifel zu tief verborgen, als daß wir, die wir sogar uns selbst nur durch inneren Sinn, mithin als Erscheinung, kennen, ein so unschickliches Werkzeug unserer Nachforschung dazu brauchen könnten, etwas anderes, als immer wiederum Erscheinungen, aufzufinden, deren nichtsinnliche Ursache wir doch gern erforschen wollten“ (B 334).
    Selbst wenn uns in einer vollkommenen Beobachtung und Zergliederung „die ganze Natur aufgedeckt wäre“, so ist und bleibt gemäß Kant das transzendentale Objekt (als „Ding an sich“), „welches der Grund dieser Erscheinung sein mag, die wir Materie nennen, ein bloßes Etwas, wovon wir nicht einmal verstehen würden, was es sei, wenn es uns auch jemand sagen könnte“ (B 333).

    Bei der Suche nach der der Welt zugrundeliegenden Substanz geht die negative Theologie in dieselbe Richtung wie Kant, allerdings geht sie noch einen Schritt weiter und beschreibt die von Graham genannte „Natur der Einen Ewigen Substanz“ als etwas Einheitliches, und zwar als eine jenseits des in Raum und Zeit getrennten weltlichen Seins liegende „Einheit allen Seins“. Dass hierbei auch die göttliche Personalität überwunden wird, was nicht nur darin die Übereinstimmung mit Kants Philosophie ergibt, zeigt sich in folgendem Zitat Meister Eckharts, mit dem die seit der Antike bestehende negative Theologie durch die Inquisition im Mittelalter ihr Ende fand:
    „In voller Wahrheit und so wahr Gott lebt: Gott selbst wird niemals nur einen Augenblick da hineinlugen und hat noch nie hineingelugt, soweit er in der Weise und »Eigenschaft« seiner Personen existiert. Dies ist leicht einzusehen, denn dieses einige Eine ist ohne Weise und ohne Eigenheit. Und drum: Soll Gott je darein lugen, so muss es ihn alle seine göttlichen Namen kosten und seine personhafte Eigenheit; das muss er allzumal draußen lassen, soll er je darein lugen. Vielmehr, so wie er einfaltiges Eins ist, ohne alle Weise und Eigenheit, so ist er weder Vater noch Sohn noch Heiliger Geist in diesem Sinne und ist doch ein Etwas, das weder dies noch das ist“ (J. Quint (Hrsg.), Meister Eckehart - Deutsche Predigten und Traktate -, Zürich 1979, Pred. 2, S. 164).
    Zu diesem „ohne alle Weise und Eigenheit“ zählt bei Eckhart auch das Sein (das Eine ist bei ihm ein „überseiendes Sein“), und zwar in dem Sinne, dass es ebenfalls zu den als Raum und Zeit schon von Kant genannten Grundstrukturen des Weltlichen gehört. Raum und Zeit können sich nur an einem separierten Sein zeigen, genauso wie umgekehrt ein Sein nur durch Raum und Zeit von einem anderen Sein oder aus einer Einheit allen Seins unterschieden und getrennt werden kann. So sagt Eckhart: „Was Sein hat, Zeit oder Statt, das rührt nicht an Gott; er ist darüber“ (Quint 1979, S.195).
    Die Eigenschaft der Einheit ist zwar eine „positive“ Beschreibung dieses jenseitigen Etwas, aber ansonsten gilt strikt der Grundsatz der „negativen“ Theologie, dass darüber wie schon bei Kant nichts weiter bestimmt werden kann. Eckhart sagt so letztlich über diese göttliche Einheit: „Was ist das letzte Endziel? Es ist das verborgene Dunkel der ewigen Gottheit und ist unerkannt und ward nie erkannt und wird nie erkannt werden“ (Quint 1979, 261).

    Das Entscheidende liegt darin, dass dieses Jenseitige als ewige Substanz gemäß der dabei definierten weltlichen Grundstrukturen nicht einmal ein dem Weltlichen in Zeit und Raum gegenüberstehendes Sein ist (denn dann würde die Substanz oder das Göttliche ja ebenfalls den weltlichen Grundstrukturen unterliegen). Wir können in unseren Seins- und Erkenntnisstrukturen uns jedoch eine Substanz, wie jenseitig sie auch sein mag, immer nur als ein uns in Zeit und Raum gegenüberstehendes Sein oder Objekt vorstellen. Es geht gesetzmäßig nicht anders (und darin liegt die von Kant im obigen Zitat genannte Beziehung unserer Sinnlichkeit auf ein Objekt und die zu tief verborgene Frage, was der transzendentale Grund dieser Einheit sei). Und wenn wir uns erst eine jenseitige Substanz oder Gottheit als uns gegenüberstehendes Objekt oder Sein vorgestellt haben (was darin eben nicht mehr jenseitig ist), sind wir schon vollständig in der weltlichen Struktur und neigen dazu, es uns „in der höchsten uns zugänglichen Emergenzebene des Personal-Geis­tigen“ und mit noch weiteren weltlichen Eigenschaften vorzustellen. Hier liegt der grundlegende Irrtum der Religionen und auch der von Graham, der dann immer wieder zu Widersprüchen, Spaltungen und der das wahre Jenseitige oder Göttliche blasphemierenden Vorstellung führt, dass das weltliche Sein sich in seiner Personalität retten, verewigen und vergöttlichen ließe.

    Eckhart benutzt dagegen zwar die christlichen Begriffe wie Gott, Vater, Sohn usw., doch er sagt damit etwas ganz anderes aus, und zwar etwas Neuplatonisches. Insbesondere wird das weltliche, personale Sein des Menschen bei ihm nicht über einen personalen Gott gerettet und in der Zeit, Personalität und Getrenntheit verewigt, sondern die Kreatur des Menschen soll bei Eckhart ganz im Gegenteil schon vor dem physischen Tod bis in die Grundstrukturen des Weltlichen hinein geistig zunichte werden und genau dadurch die Einheit vollziehen – um daraus mit einer ursprünglichen Lebendigkeit, praktisch apriori, wieder geboren zu werden. Das ist nur möglich, wenn das Sein des Menschen, genauso wie das der gesamten Welt, sich letztlich als geschaffen oder konstruiert erweist, was in einem bestimmten, „heiligen Geist“ als ein „nichterkennendes Erkennen“ in diesem geistigen Zunichtewerden Eckhart gemäß offenbar werden kann.
    Das liegt natürlich eindeutig so sehr über unserem normalen und realen Alltagsverstand und dem Fundament, auf dem „wir“ in dieser Welt stehen, dass es für uns ein geradezu mystisches Geschehen ist. Es wird auch niemals aus einer darüber liegenden Perspektive irgendwie die Erkenntnis oder den Beweis geben, das es so ist oder sein könnte. Denn wenn es möglich wäre, die Beziehung des Weltlichen zu einer Substanz mit weltlichen Begriffen und innerhalb weltlicher Strukturen zu erfassen, wäre die Welt nicht geschaffen, sondern in sich selbst real und substantiell und es bedürfte gar nicht einer jenseitigen Substanz. Doch das ist allen Erkenntnissen nach offensichtlich nicht so.
    In der einem Idealismus entsprechenden Idee oder Perspektive der negativen Theologie sind die Strukturen von Welt und jenseitiger Substanz daher strikt getrennt, so strikt, dass sich beide Bereiche nicht einmal in Zeit und Raum in irgendeiner Form gegenüberstehen, sondern sich eher durchdringen, ähnlich wie etwa ein sogenanntes Kippbild in zwei völlig verschiedenen Deutungen erkannt werden kann, obwohl es sich dabei um ein und dasselbe Bild handelt. In der einen Deutung kann es weder ein einziges Element noch das gesamte Bild oder Sein der jeweils anderen Deutung geben – und hat es darin auch niemals gegeben (da hier dieser Deutungswechsel das Sein in Zeit und Raum betrifft).
    Daher ist es natürlich absurd, in einer Kritik am Idealismus sich vorzustellen, dass nur die eigene Person oder sonst irgend ein weltliches Sein das einzig Reale ist, das dann die restliche Welt geistig schafft oder konstruiert. Auch die Benennung und Erkenntnis der zweiten Deutung (etwa als eine in Zeit und Raum gegenüberstehende Personalität oder auch nur apersonale Substanz) in der ersteren ist ein Kategorien- oder Strukturfehler und gerade nicht die zweite Deutung selbst. Erst wenn die erste Deutung bis in ihre Grundstruktur hinein vollständig ausgehebelt wird oder erlischt, was darin niemand mehr beobachten oder erkennen kann, kippt das Bild in die zweite Deutung, und zwar gesetzmäßig und einheitlich.

    Ist diese Welt mitsamt unserem eigenen Sein darin letztlich nur geschaffen oder konstruiert und gar nicht real und ist als Folge dessen eine Substanz für „uns“ grundsätzlich unerreichbar, nicht erkennbar und nicht einmal vorstellbar? Wenn die ganze Welt nicht real sondern nur geschaffen sein sollte, so kann das grundsätzlich nicht in unserem alltäglichen, weltlichen, logischen und systematischen Geist erkannt werden, ebensowenig wie in der einen Deutung des Kippbildes auch die andere erkannt werden kann. Es sind also nicht „wir“ (als ein Element der ersten Deutung), die die Welt geistig schaffen. Es muss ein anderer, besonderer Geist sein, der Eckhart nach im Grund der Seele liegt. Vielleicht ist er darin mit dem Geist der buddhistischen Achtsamkeit identisch, in dem die weltliche Logik und Struktur wie in einem Koan irgendwann durchbrochen wird und so die andere Deutung „ist“, in der es kein Ich und keine Welt mehr gibt und noch nie gegeben hat.
    Ein lebendiges Sein kann sich aber nicht als Sein und in der Zeit in die zweite Deutung hinein „retten“, sondern in einem lebendigen Sein geschieht das Kippen nur in dem von Eckhart genannten „Funken“, bei dem der Geist sofort (im Sinne eines jenseits der Zeit) wieder in die erste Deutung „zurückkippt“ – und daher zunächst dem seltsamen, geradezu mystischen Geschehen unwillkürlich ein (höchstes) Sein und einen Namen zuordnet und dieses mystischen Geschehen eventuell sogar noch „in der höchsten uns zugänglichen Emergenzebene des Personal-Geis­tigen“ beschreibt. Wenn diese Benennungen sich als Religionen in der Welt manifestieren und darin in der Fantasie der Menschen ihrem weltlichen Sein dienen, insbesondere um den Tod im weltlichen Sein als Person zu überwinden, so hat das nichts mehr mit dem wahren Göttlichen der zweiten Deutung zu tun. Der Tod ist für ein weltliches Sein nicht zu überwinden, sondern der Tod ist vielmehr für jedes weltliche Sein der unbestechliche Zeuge und letztendliche Vollzieher der jenseitigen Wahrheit, in der es kein getrenntes Sein mehr gibt, sondern nur die ununterscheidbare Einheit allen Seins. Diese Wahrheit, die sich auch als Vergänglichkeit von jeher in jedem Sein der Welt letztlich vollzieht, kann vom menschlichen Sein schon geistig in der Welt verwirklicht werden, jedoch nicht im weltlichen Geist als eine in der Zeit systematisch und logisch linear fortschreitende Absicht und Erkenntnis. Das „Kippen“ und im Nachhinein die besondere Erkenntnis der wahren Natur von Sein und Welt „fällt“ eher „zu“.
    Solange in der weltlichen Deutung (des Kippbildes) die jenseitige Deutung verehrt wird oder überhaupt irgendwie ein Sein in der weltlichen Deutung besitzt (wie es etwa für Graham bei seiner ersten Wahl der Fall ist), kann der Deutungswechsel gesetzmäßig nicht (wieder) stattfinden (wobei ein „wieder“ die Zeit voraussetzt, ebenso wie die sprachliche Beschreibung es gar nicht anders vermag). Dasselbe Problem betrifft allgemein die Erfassung des Deutungswechsels in der Sprache und im Denken. Sprache und Denken sind eine Abstrahierung der weltlichen Grundstruktur, d.h. in der Logik der Sprache und des Denkens ist stets die Zeit vorhanden, so dass das jenseitige Geschehen als Überwindung der weltlichen Grundstruktur von Sein, Zeit und Raum grundsätzlich nicht in der Sprache und im Denken erfasst werden kann.

    Wenn also etwa eine buddhistische Erleuchtung in einem Individuum stattgefunden haben sollte, und dieses Individuum betrachtet es als ein Geschehen in der Zeit, worin „er“ „es“ erreicht hat und als einen Rang oder Titel in der Zeit besitzt, womöglich noch in einer langen, auf eine bestimmte in der Zeit gelebt habende Person eines historischen Buddhas zurückgehenden Reihe von Erleuchteten, so hat derjenige mit dieser Einordnung oder Ansicht damit den wirklichen Bezug zu einer anderen Deutung dieser Welt wesenhaft verloren und blockiert. Dann wird schließlich auch die Wiedergeburt als ein Geschehen in Zeit und Raum zur angeblichen Erhaltung einer personalen Identität über den Tod hinaus gedeutet. Dieser Irrweg beginnt auch hier schon damit, dem Jenseitigen in der weltlichen Beschreibung einen Namen oder auch nur ein Sein zu geben bzw. es als ein Objekt zu verstehen (was wir aber in unserer Sprache und unserem Denken gar nicht anderes können).
    Daher zeichnet sich das Sohn-Sein bei Eckhart dadurch aus, dass selbst die höchste Erkenntnis in einem armen, einheitlichen und darin Heiligen Geist sofort immer wieder vergeht. Wenn also solch ein Deutungswechsel tatsächlich in einem Individuum stattgefunden haben sollte, ist es für das betreffende weltliche Sein in seiner Struktur und Logik fraglich, ob dieses Geschehen (in (s)einem Sein in Zeit und Raum) überhaupt stattgefunden hat. Wenn diese Frage oder Unsicherheit im weltlichen Denken nicht existiert, war es kein wesenhafter Deutungswechsel, der die Grundstruktur des Weltlichen dann auch in der gedanklichen Reflexion darüber überwunden hat. Denn dann würde das Weltliche auch in der Reflexion wieder vergehen, um mit einer geradezu urknallmäßigen Lebendigkeit apriori oder als Fulguration blitzartig wieder zu entstehen usw. – In den weltlichen Strukturen bleibt dabei stets die unbeantwortbare Frage bestehen, was da eigentlich geschehen ist.
    Nur in einem „funkenhaften“ Erkennen, das nicht in die Zeit ausfließt, sondern sofort wieder in einem Heiligen Geist zu etwas Einheitlichem jenseits der weltlichen Strukturen verschmilzt, um daraus mit einer urknallmäßigen Lebendigkeit wieder zu entstehen usw. ist es bei Eckhart eine Sohn-Erkenntnis und darin ein dynamischer trinitarischer Selbsterkenntnisprozess der „Natur der Einen Ewigen Substanz“, denn wie es Eckhart auch ausdrückt: „Eins als Eins ergibt keine Liebe, Zwei als Zwei ergibt ebenfalls keine Liebe; Zwei als Eins dies ergibt notwendig naturgemäße, drangvolle, feurige Liebe“ (Quint 1979, S. 116). In der jenseitigen Einheit gibt es keine Dualität und damit auch keine (Selbst)Erkenntnis dieser Einheit, die gibt es nur in den weltlichen Strukturen bzw. an der Grenze der weltlichen Strukturen.

    „Ist“ das nun alles so, hat in der hier beschriebenen Weise eine jenseitige Substanz ein Sein, wird sie damit zumindest vorstellbar und können „wir“ sie erreichen und vollziehen? Nein, es sind nur bloße Ideen, wobei deren Bloßheit für die gänzliche Verschiedenheit und Bezugslosigkeit von Welt und Jenseits steht. Diese Ideen entsprechen in ihrer Bloßheit nicht der Grundstruktur unserer Welt, unseres Seins und damit auch nicht unserer Erfahrung und Praxis in der Welt und wir können damit keinerlei Bezüge zu einem Jenseitigen herstellen. Ein Wechsel zwischen Welt und Jenseits, falls es das Jenseitige aus weltlicher Sicht und Beschreibung überhaupt geben sollte, falls es überhaupt ein Sein haben sollte, kann daher stets nur apriorimäßig, blitz- oder funkenartig erfolgen.
    Aber vielleicht kann mit diesen Ideen dennoch irgendwie eine bestmögliche Orientierung in den anscheinend so substantiellen Realitäten dieser Welt erfolgen. Die Widersprüche und Spaltungen der Religionen etwa wären mit dieser bloßen und „zufälligen“ Idee über die Besonderheit einer „Natur der Einen Ewigen Substanz“ jedenfalls gelöst, weil die unterschiedlichen und sich widersprechenden Bezüge und Bilder des Jenseitigen dann allesamt falsch sind und man sich über etwas nicht Vorstellbares naturgemäß nicht streiten oder spalten kann. Mit diesen Ideen ließe sich weiterhin der große Widerspruch zwischen moderner Naturwissenschaft, Philosophie und Religion überwinden, da dieses Verständnis eines Göttlichen nicht nur mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft (wenn auch in negativer Weise eines Nichtfindens) übereinstimmt, sondern die Philosophie oder Religion hier der Naturwissenschaft sogar aus ihrer Sackgasse in der Suche nach einer Realität, Substanz oder Weltformel helfen könnte. Objektive Wahrheiten können sich nicht widersprechen, da es ansonsten keine objektiven Wahrheiten mehr wären.

    Diese bloße Idee einer strukturell bedingten jenseitigen „Natur der Einen Ewigen Substanz“ könnte in der Praxis auch dabei eine Orientierung geben, was die Zukunft der menschlichen Entwicklung oder Evolution angeht. In der Evolution lässt sich erkennen, dass sie sich in Zeit und Raum von etwas Einheitlichem, das wir als Materie erkennen, bis zum Menschen mit seinem Geist entwickelt hat. Diese Entwicklung ist geschichtet strukturiert, wobei mit jeder neuen Schicht nach Konrad Lorenz „blitzartig“ (als nach ihm benannte „Fulguration“) neue Formen und Gesetzmäßigkeiten entstehen. Hartmann drückt das folgendermaßen aus:„Der Aufbau der realen Welt ist ein Schichtenbau. Nicht auf die Unüberbrückbarkeit der Einschnitte kommt es hier an ‑ denn es könnte sein, daß diese nur für uns besteht ‑, sondern auf das Einsetzen neuer Gesetzlichkeit und kategorialer Formung, zwar in Abhängigkeit von der niederen, aber doch in aufweisbarer Eigenart und Selbständigkeit gegen sie“ (zitiert nach Konrad Lorenz, Die Rückseite des Spiegels, München 1987, S. 58). Hat diese Evolution mit dem heutigen Menschen ihr Ziel und Ende erlangt? Im Sinne des hier dargestellten Jenseitigen noch lange nicht und Eckhart hat diese Ziel schon konkret benannt: „Was ist das letzte Endziel? Es ist das verborgene Dunkel der ewigen Gottheit und ist unerkannt und ward nie erkannt und wird nie erkannt werden“ (Quint 1979, 261).
    Dieses Ziel ist dabei von Anfang an in der Welt und Evolution enthalten und hat etwas mit dem geschaffenen, relativen Wesen der Welt zu tun. Denn nichts anderes als die Vergänglichkeit und der Tod stehen als Zeugen für die Relativität des Weltlichen und das Ziel einer jenseitigen Substanz. Genauso wie das weltliche Sein entstanden ist, nämlich apriori und blitzartig, verschwindet es nach einer bestimmten Zeit auch wieder, ohne jeden weiteren Bezug zur Welt, unauffindbar, wie irgendwann die im Urknall entstandene Welt an sich.

    Das menschliche Sein zeichnet sich in dieser Entwicklung und Perspektive dabei durch zwei Besonderheiten aus. Zum einen hat die Evolution mit dem Geist des Menschen einen so hohen Stand erreicht, dass der Mensch die Relativität des Weltlichen und damit das jenseitige Eine als Ziel schon zu seinen Lebzeiten auf geistige Weise vollständig verwirklichen kann. Das setzt allerdings voraus, dass er ein geistiges Wachstumsideal mit der entsprechenden Orientierung besitzt, was in der gegenwärtigen Phase seiner Entwicklung gerade nicht der Fall ist. Der Mensch verfolgt stattdessen ein materielles Wachstumsideal. Dieser Mangel ist dadurch begründbar, dass der Mensch sein geistiges Sein nicht einmal als eine neu entstandene Schicht in Abgrenzung von der darunterliegenden animalischen im Schichtenmodell von Hartmann erkennt. Das hat wiederum zur Folge, dass er sich nicht seiner schichtend gespaltenen Natur bzw. seines animalischen Erbes auch im Verhalten bewusst ist. Der Instinkt nach Macht und Rang bestimmt so weitgehend sein Verhalten, selbst in der Religion. Der Mensch befindet sich noch, wie es Hoimar von Ditfurth ausdrückte, mitten im Tier-Mensch-Übergangsfeld, ohne das ihm das bewusst ist.

    Als zweite Besonderheit kommt hinzu, dass der Lebensraum des Menschen auf der Erde eng begrenzt ist, und der Mensch mit der durch seinen Geist ermöglichten technisch-materiellen Entwicklung in vielerlei Hinsicht heute an diese Grenzen stößt. Mit seinem immer exzessiver verfolgten materiellen Wachstumsideal steuert er in dem überbevölkerten, von Ressourcenausbeutung, Umweltzerstörung und Massenvernichtungswaffen bedrohten Lebensraum auf Katastrophen oder Lebensbedingungen zu, denen gegenüber Auschwitz ein Wellnessurlaub war. Die Strukturen des Weltlichen sind so beschaffen, dass sie mit der Zeit wie im Tod stets auf die Offenbarung ihres Wesens zulaufen, um so eine jenseits des Weltlichen liegende Wahrheit und Einheit zu verwirklichen. Dass sich diese Strukturen auf Dauer in der Welt allein in sich selbst etablieren, ihren Sinn finden und sich ähnlich einer Realität oder Substanz verwirklichen können (was der heutige Mensch mit Hilfe der Technik versucht), ist vom grundlegenden Wesen der weltlichen Struktur her nicht möglich. Das liegt im tiefsten Wesen der weltlichen Struktur begründet.
    Der Mensch hat daher nicht die Wahl, ob er ein jenseits der weltlichen Strukturen liegendes Ziel verwirklicht (was er spätestens mit dem individuellen Tod sowieso tut), sondern er hat nur die Wahl, wie er das Ziel verwirklicht: Auf geistige und humane Weise, die darin seinem eigentlichen Wesen in seiner schichtend gespaltenen Natur entspricht und die ein Paradies auf Erden in bestmöglicher Weise verwirklichen könnte, oder auf die animalische und von Instinkten bestimmte Weise seiner Natur, die darin eine Hölle auf Erden nach sich ziehen würde.
    In Hinsicht auf das jenseitige „Ziel“ selbst hätte das keinerlei Bedeutung, denn in dieser Einheit gibt es auch diese trennende Unterscheidung nicht. Es hätte nur Bedeutung für das menschliche Sein und Werden hier in dieser Welt.

    Ein objektives Wahrheitsverständnis schließt nicht nur die Übereinstimmung zwischen verschiedenen Disziplinen oder Kulturen ein, sondern vor allem auch die Übereinstimmung mit den Vorgängen der materiell-körperlichen Welt. Mit Hilfe der bloßen Idee einer, da jenseits der weltlichen Grundstruktur liegend, nicht benennbaren und nicht einmal vorstellbaren „Natur der Einen Ewigen Substanz“ lassen sich so die Widersprüche in der Welt größtmöglich überwinden und die Orientierung zu einem geistigen Mensch-Sein finden.

    P.S. Ich habe gerade auch eine Rezension Ihres Buches „Evolution und Gottesfrage“ in den Blog der MV-Liste Seite gestellt.

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      Vielen Dank, @Bernd Ehlert! Ich muss Ihre Kommentare immer wieder mehrmals lesen - aber ich lese sie gerne. Da mein Schwerpunkt jedoch die empirische Forschung ist - weniger deren philosophische Deutung - lasse ich Ihre Ausführungen auch gerne einfach mal stehen und denke darüber mit etwas mehr Zeit nach. :-)

    • Eli Schalom Antworten | Permalink

      @ Bernd Ehlert

      "Dogmatisch begründete Denkblockaden bleiben ausdrücklich außen vor, denn es soll ja gerade eine alternative Lösung gefunden werden. "
      Merken Sie nicht, dass Sie eine ganz starke dogmatische Denkblockade haben?

  15. Bernd Ehlert Antworten | Permalink

    @Michael Blume. Eine Bemerkung noch zu Colin McGinn. Er fordert dazu auf, sich eine Welt ohne Bewusstsein vorzustellen (S. 152). Das geht aber gar nicht, die von ihm genannten (in Sein, Zeit und Raum) „aufeinanderprallenden Quanten in der besinnungslosen Wildnis des Unbelebten“ unterliegen auch schon wieder dieser Grundstruktur. Nur darin können wir uns etwas, in unserem Bewusstsein, vorstellen und sei es ein uns gegenüberstehendes Nichts, das darin stets ein von uns in Raum und Zeit getrenntes Sein ist. Diese Grundstruktur des Erkennens erlischt erst zusammen mit dem Bewusstsein.

    „Nun geben Sie bitte etwas Bewusstsein hinzu! Wow! Welche Veränderung! Aber wie haben Sie das bloß gemacht? Wie konnten Sie Bewusstsein in eine Welt geben, in der es keines gab? Haben Sie die Partikel der Materie verändert? Ich glaube, Sie haben gerade die Welt verändert“ (S. 152-153). Gemäß Kant und der negativen Theologie gibt es „die Partikel der Materie“ ebenso wie „die aufeinanderprallenden Quanten“ (die darin der Struktur des in Raum und Zeit getrennten Seins entsprechen) nur in einem Bewusstsein, nicht außerhalb davon, also ohne Bewusstsein (genau wie die Farben). Diese Grundstruktur der Welt ermöglicht erst Bewusstsein und ist untrennbar damit verbunden. Wenn also Bewusstsein entsteht, würde damit nicht eine schon vorhandene Welt verändert, sondern in diesem Akt urknallmäßig erst geschaffen, als blitzartige Fulguration oder apriori.

    Dieser Vorgang lässt sich sogar in der Evolution festmachen (wobei für uns das Problem besteht, dass wir uns diesen Vorgang nur immer in Sein, Zeit und Raum vorstellen können, also im Ergebnis dieses Vorgangs, aber nicht das „davor“ erkennen können). Das Bewusstsein und damit auch die Welt, wie wir sie kennen, ist mit dem Tier entstanden. Im Gegensatz zu einer Pflanze abstrahiert das Tier eine Welt, in der es Sein in Zeit und Raum wahrnimmt und darüber ein Bewusstsein besitzt. Das ermöglicht die kontrollierte und orientierte Bewegung und die Verhaltensweisen des Jagens und Flüchtens (was darin gleichzeitig der erste, rudimentäre sprachliche Bereich einer Kommunikation ist). In diesem raum-zeitlichen Bewusstsein liegt auch die grundlegende Identität (die wir im Fall des Todes einerseits hier in dieser Welt als bestimmten Ort etwa eines Grabes benötigen und andererseits auch als Objekt in Zeit und Raum in einen übernatürlichen Bereich projizieren).

    „Wir“ können uns von dieser Grundstruktur nicht lösen, allenfalls können wir es als einen kreisläufigen Prozess betrachten, wie es die Neurobiologen Maturana und Varela mit ihrem Buch „Der Baum der Erkenntnis“ getan haben (und wie es unbewusst im Grunde auch jede herkömmliche Religion tut, indem sie in einem übernatürlichen Bereich weltliche Strukturen projiziert, die sie dann dort wieder herausliest).
    Wenn wir bei den Fragen nach unserer menschlichen Natur auf dem richtigen Weg sind, schrauben wir damit gleichzeitig an den Fundamenten unserer Welt herum (und umgekehrt gilt dasselbe, wie es etwa die idealistischen Deutungen der Quantenphysik zeigen). Verstehen werden „wir“ diese Vorgänge aber nie, weil „wir“ nicht über diese Grundstruktur hinaus können und auch unser Geist nur eine Abstraktion dieser Grundstruktur ist. Selbst die Sohn-Erkenntnis der negativen Theologie vermag das nicht, weswegen es der trinitarischen Gotteserkenntnis bedarf (die in der herkömmlichen Theologie dann nicht mehr für einen dynamischen Erkenntnisprozess an der Grenze dieser Welt steht, sondern zu einem festen Gottesbild erstarrt ist). Insofern hatte Darwin vollkommen recht, wenn er sagte: „Ich empfinde sehr stark, dass dieses ganze Thema zu schwierig für den menschlichen Intellekt ist. Ein Hund könnte ebenso über den Geist Newtons spekulieren. - Lasst jeden Menschen hoffen und glauben, was er kann“.

    Aber vielleicht gibt es, ähnlich wie Ihr Ruf nach „Verlängerung“, irgendwie einen Trick, um zumindest die Widersprüche hier in der Welt (als empirische Forschung) weitgehend zu lösen. Das wäre dann die bloße, zufällige Idee, dass das Fundament dieser Welt nicht die in Raum und Zeit unabhängig von unserem Bewusstsein vorhandene Materie ist (und auch nicht die immer dogmatische Projektion dieser weltlichen Strukturen etwa als Personalität und Willen in einen übernatürlichen Bereich in ewiger Zeit), sondern dass die gesamte Welt mit ihrer Grundstruktur, genau wie eine Farbe, nicht unabhängig von unserem Bewusstsein existiert, sondern dass wir diese Welt, wie es Maturana und Varela beschreiben, gemeinsam hervorbringen. Diese bloße, zufällige Idee ließe sich zwar nicht von der Grundstruktur der von uns erkannten Welt ableiten, was erst dann für uns eine objektive Erkenntnis wäre, aber sie würde sich auf die Art in der Praxis bewähren, wenn sie die Widersprüche in der Welt weitgehend lösen könnte, etwa die Widersprüche und Spaltungen der Religionen (und vielleicht auch den Widerspruch, dass der Versuch der Perfektionierung des weltlichen Seins in seinen eigenen Strukturen gesetzmäßig nicht in einem Paradies sondern einer Hölle auf Erden endet).
    Diese Art der Lösung empirischer Probleme und Widersprüche mittels einer bloßen, zufälligen Idee würde dann frei nach dem Motto funktionieren: Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie. Der Mensch würde sich wie Münchhausen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Durch die Religionen hat genau das schon bis zu einem gewissen Grad funktioniert.

    Es bietet sich daher tatsächlich an, diese Betrachtungen bei unserem für uns realistischen Sein in der Welt einfach so stehen lassen und nur bei bestimmten Problemen an den Grenzen und Fundamenten unserer Welt bei Gelegenheit einfach einmal undogmatisch zu versuchen, die Denkart (in idealistisch) zu ändern und zu probieren, wie weit man damit kommt. Die sinnliche, räumliche Tiefenwahrnehmung funktioniert ja auch nur mit zwei Augen, so dass es trotz aller Vielfalt nicht einmal eine einzige Spezies gibt, die nur ein Auge besitzt (und wenn es ein Lebewesen mit nur einem Auge geben sollte, ist das wahrscheinlich ein Pflanze).

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