Das erste Fachjournal für die Evolutionsforschung zur Religiosität – Religion, Brain and Behavior

29. Mai 2011 von Michael Blume in Hirnforschung

Gestern lag die erste Ausgabe im Briefkasten: Routledge hat als neues Fachjournal "Religion, Brain and Behavior" (RBB) zur Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen auf den Weg gebracht.

Das Fachjournal wird gemeinsam mit dem Institute for the Biocultural Study of Religion (IBCSR) heraus gebracht. Die Interdisziplinarität wird dabei schon durch die Prominenz und Vielfalt der Herausgeber unterstrichen: Patrick McNamara (Neurologie, Boston), Richard Sosis (Anthropologie, Connecticut), Wesley Wildman (Theologie, Boston) und James Haag (Philosophie, Suffolk). Im Herausgeber-Beirat sind namhafte Kolleginnen und Kollegen verschiedenster Fächer (und Weltanschauungen) vertreten.

Schon die erste Ausgabe ist außerordentlich spannend und bietet neben einigen Forschungsstudien einen so genannten Target Article ("Evolutionary accounts of belief in supernatural punishment: a critical review") von Jeffrey Schloss und Michael Murray, auf den nicht weniger als acht kritisch-konstruktive Kommentare und wiederum eine "Response" der Autoren folgen.

Über ein Jahrhundert, nachdem Charles Darwin in seiner "Abstammung des Menschen" erstmals Hypothesen zur Evolution (auch) der Religiosität und Religionen formulierte, entwächst dieser interdisziplinäre Forschungszweig endlich den Kinderschuhen. Schade nur, dass der deutschsprachige Wissenschaftsraum in diesem so spannenden und bedeutenden Feld bislang nur vereinzelt in Erscheinung tritt. Dabei ist das Ausmaß des Entdeckten, das Interesse in der Öffentlichkeit, aber auch die Nachfrage unter den Studierenden auch bei uns doch so erfreulich groß. Wie die Sprache und Sprachwissenschaft bzw. Musik und Musikwissenschaft erhält endlich auch die Religion und Religionsforschung ein evolutionäres Fundament auf dem Stand aktueller, interdisziplinärer Debatten und Studien.


13 Kommentare zu “Das erste Fachjournal für die Evolutionsforschung zur Religiosität – Religion, Brain and Behavior”

  1. Sebastian R. Antworten | Permalink

    Hört sich gut an, was ich da bisher auf der IBSCR-Seite überflogen habe. Bitte lass mich doch wissen, wenn mal eine Publikation im Journal auftaucht, wo die Rede von DNA, Genen und Proteinen ist. Die würde ich dann genauer unter die Lupe nehmen wollen. Ansonsten hoffe ich hier von den BrainLogs auch mal in ferner Zeit davon zu hören, wie sie dieses neue Journal einschätzen.

  2. Christian Antworten | Permalink

    Die Abbildung...

    ...auf dem Cover der ersten Ausgabe sieht interessant aus. Ob das wohl ein klassisches Motiv oder eine eigens für die Zeitschrift angefertigte neue Grafik ist?

  3. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Christian

    Erfreulicherweise gibt das Journal hierzu Auskunft: Es handelt sich hier um das Gemälde "Web of Religion" von William Blake (1757 - 1827), das dieser in seinem bekanntesten Buch "Urizen" (1794) veröffentlichte. Über Blake informiert die Encyclopedia Britannica hier:
    http://www.britannica.com/...c/68793/William-Blake

    Interessant-verstörender Denker & Künstler und wohl eine gute Wahl für das Cover der ersten Ausgabe...

  4. Michael Blume Antworten | Permalink

    @T.

    Vielen Dank für den schönen Fund! Ja, einige sehr spannende Studien zu Religiosität und Spiritualität erkunden die Hintergründe und Auswirkungen von Läsionen (Schäden). In der ZEIT hatte ich dazu auch einmal eine Studie vorgestellt:
    http://www.zeit.de/2010/07/Forschung-Gehirn

    Danke also für den Hinweis, die von Ihnen verlinkte Studie schaue ich mir gerne an!

  5. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Christian: Guter Fund!

    Ganz davon abgesehen, dass ich überhaupt finde, dass der Wissenschaftsblogger-Szene häufigere Bezüge auf Kunstwerke und Künstler sicher gut tun würden. Eine Kunsthistorikerin bzw. ein Kunsthistoriker auf den Chronologs (oder in den Scienceblogs, klar) - das wäre m.E. richtig klasse!

  6. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Christian

    Ja, das ist wirklich schade! Dabei würde gerade auch die Auseinandersetzung mit Kunst plumpen Reduktionisten Chancen eröffnen, ihre Weltbilder zu erweitern.

    Im hervorragenden Oehler (Hrsg.) "Der Mensch - Evolution, Kultur und Natur" finden sich gleich eine ganze Reihe von Artikeln dazu, so dass ich überlege, auf NdG eine Kunst-Kategorie zu eröffnen.
    http://www.spektrumdirekt.de/artikel/1071480

    Übrigens: Ein dickes Lob zu Deinem aktuellen, mutigen Blogbeitrag!
    http://www.scienceblogs.de/...haftsblogosphare.php

  7. Rüdiger Sünner Antworten | Permalink

    Kunst

    Wunderbare Idee, Michael, auf NdG eine Kunstabteilung zu eröffnen. Als Musiker, Musikwissenschaftler und Filmemacher werde ich dort gerne etwas zum "Anti-Reduktionismus" beisteuern.

  8. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Rüdiger

    Na, dann hoffe ich doch, dass Du auch mal einen Gastbeitrag mit Deinen Gedanken und Beobachtungen beisteuern wirst! :-)

  9. Rüdiger Sünner Antworten | Permalink

    Kunst

    Nun, Michael, das Thema Kunst-Wissenschaft-Spiritualität ist so gewaltig, dass du schon mal einen Rahmen oder Fragehorizont abstecken müsstest. Warum z.B. interessiert dich auf diesem Blog die Auseinandersetzung mit Kunst? Es geht ja hier primär um Religion und Evolution. Kunst reicht für mich zwar in spirituelle Bereiche hinein, weil sie grundsätzlich das begrifflich nicht oder schwer Sagbare thematisiert, aber unterscheidet sich doch elementar von Religion in ihrem spielerischen-mehrdeutigen Charakter, der sie auch vor Fundamentalismus und Dogmatismus bewahrt.
    Unter anderem deshalb ist für mich in den letzten Jahren die Kunst ein wichtiges Tor zur Spiritualität geworden: Novalis, Hölderlin, Goethe, Bach, Rilke, Turner, Klee, Beuys, Tarkowski, Anselm Kiefer u.a.
    Ich lese gerade Brian Boyd's "On the origin of stories" und bin gespannt, wohin mich dies führen wird. Vielleicht schreibe ich dann hier darüber etwas.

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