Der Kommentar des Jahres 2015 – Martin Holzherr zu Öl, Terror und Rentierstaatstheorie


Ja, Kommentarspalten von Blogs und Nachrichtenseiten werden leider zunehmend von (meist anonym agierenden) Hatern, Trollen, Cranks und Sockenpuppen missbraucht. Doch gerade auch mit einer strengen Moderation kann es weiterhin gelingen, konstruktive Diskussionen zu erleben. So versuche ich nicht nur, jeden der - inzwischen über 20.000 (!) - sachlichen Kommentare auf NdG aufmerksam zu lesen, sondern auch zu beantworten. Und ich freue mich immer wieder über Kommentare, die zeigen, dass Leserinnen und Leser mit den Wissensthemen "ringen", sie sich aneignen, auch anwenden und dabei durchaus "weiterkommen". Auf die völlige Übereinstimmung mit meiner Position kommt es mir dabei gar nicht an - vielmehr lerne ich selbst auch immer wieder neu dazu, bekomme Aha-Momente und weiterführende Gedanken geschenkt.

Entsprechend hatte ich bereits 2014 einen Kommentar des Jahres (von Joseph Kuhn) und möchte auch einen aus dem Jahr 2015 hervorheben: Martin Holzherr rang beim Blogpost "Öl und Terror - Wie das schwarze Gold repressive Regime und Gewalt fördert" im November 2015 mit der - m.E. überaus wichtigen - Rentierstaatstheorie.

Rentierstaatstheorie

Man kann an Holzherrs Kommentar richtig mitlesen, wie sich die Gedanken verfertigen, verknüpfen und in verschiedene - im Blogpost selbst gar nicht thematisierte - Bereiche ausgreifen. Sein vollständiger Kommentar hier:

Dem Modell des Rentierstaats wird von erstaunlich vielen Sympathie entgegengebracht. Dass der Staat seine Bürger mit Renten beglückt, seien es üppig gepolsterte Rentenguthaben in Norwegen gespeist vom dortigen Ölfond oder Gratisbenzin in Saudiarabien und anderen Ölstaaten, was kann daran schlecht sein? Schlecht daran ist die mit dem Geld und den Renten verbundene Macht. Der Spruch "Geld regiert die Welt" stimmt und hat schon immer gestimmt. Wer entscheiden kann was mit dem Geld, seien es Steuereinnahmen oder Rohstofferlöse, passiert, der hat letztlich die Macht. Wenn das Geld von allen Bürgern durch ihren eigenen Verdienst hereinkommt, dann haben diese Bürger auch ein implizites Recht darüber zu entscheiden was mit dem Geld geschieht. In demokratischen Staaten ist das so und in Staaten wie dem vorrevolutionären Frankreich war es zwar nicht so - dort wurde das Geld der Bürger vom König verprasst - aber auch nur bis zur Revolution. Die moderne Demokratie, die sich zuerst in England ausbildete und sich dann über ganz Europa verbreitete, begann in England mit der Magna Charta. Diese Magna Charta legte fest, dass der König nur Krieg führen und das dazu nötige Geld eintreiben konnte, wenn ihm das von den Adligen erlaubt wurde, denn letztlich kam das Geld von den Adligen (die es wiederum von ihren Untertanen hatten). Wer also das Geld hat, hat auch die ntürliche Legitimation darüber zu verfügen. Mit dem Geld hat er die Macht.
Bis heute erarbeiten in den meisten Staaten die Bürger des Staates das Vermögen des Staates. Doch es gibt eine Tendenz zur Verlagerung hin zum Staat, also mithin zu einer Form von Rentierstaat. Schon die Sozialdemokratie hatte zum Ziel Gelder von Wohlhabenden dem Staat zuzuführen, der das Geld dann unter die Bürger verteilt. In Zukunft wird der Staat als Quelle des Einkommens sogar an Bedeutung gewinnen. Die zunehmende Automatisierung und Roboterisierung wird vielen Menschen die Arbeit nehmen und der Staat wird dann wohl ein Grundeinkommen einrichten müssen. Das ist sicher gut und viel besser als wenn Automation zur Verarmung der nun Arbeitslosen führt. Doch ist auch die Gefahr damit verbunden, dass der Bürger machtlos wird, dass er zum reinen Empfänger von Transfervermögen wird und in der "Gnade" des Staates steht. Für eine Demokratie sind das keine guten Voraussetzungen.

Für mich als Wissenschaftsblogger unterstreichen solche Kommentare, dass doch einiges von dem Wissen, das angeboten wird, auch ankommt - und zwar nicht im Sinne einer passiven Kopie, sondern einer aktiven, interpretierenden Aneignung. Dies ist sehr ermutigend, zumal bekanntermaßen nur ein sehr kleiner Teil der Blognutzenden überhaupt kommentiert.

Vielen lieben Dank also an alle, die sich die Mühe machen, sachliche Kommentare beizusteuern - und Martin Holzherr einen herzlichen Glückwunsch zum "Kommentar des Jahres 2015" auf Natur des Glaubens!
:-)


7 Kommentare zu “Der Kommentar des Jahres 2015 – Martin Holzherr zu Öl, Terror und Rentierstaatstheorie”

  1. Stattistiker Antworten | Permalink

    PS: Mein Beitrag wird eh wegmoderiert. CHristen sind ja SO tolerant.........

    • Michael Blume Antworten | Permalink

      @Stat(t)istiker

      1. Warum sollten Christen z.B. gegen persönliche Beleidigungen, Hass und Sexismus "tolerant" sein? Es gibt eine Menge Dinge, gegen die wir m.E. bisweilen eher zu tolerant sind. Verlassen Sie sich also doch einfach darauf, dass ich auch weiterhin vieles nicht tolerieren und mich von Ihnen und anderen Trollen auch nicht einschüchtern lassen werde. :-)

      2. Strengen Sie sich inhaltlich ein wenig an (die... eigenwillige Rechtschreibung lasse ich Ihnen durchgehen) - dann erreichen Sie ja vielleicht auch einmal einen "Kommentar des Jahres"! Klar, für konstruktive Kommentare braucht man mehr Hirnschmalz als für Beschimpfungen, dafür haben dann aber auch alle etwas davon.

      Bis dahin hier ein Song, extra für Zeitgenossen, die wie Sie gerne aus der Anonymität heraus pöbeln:
      https://www.youtube.com/watch?v=uz2jbCJXkpA

      Ihnen ein frohes und aufgeklärtes 2016! :-)

  2. Frank Antworten | Permalink

    Warum sollten Christen z.B. gegen persönliche Beleidigungen, Hass und Sexismus "tolerant" sein? Es gibt eine Menge Dinge, gegen die wir m.E. bisweilen eher zu tolerant sind.

    Wahre Worte von Herrn Blume in Zeiten einer neuen Christen-Verfolgung, der sexuellen Belästigung von Frauen in einem christlichen Land und der Schändung von christlichen Symbolen mit Feuerwerkskörpern.

    Wissenschaftler wie M. Blume sind in meinen Augen wichtige Aufklärer und Schlichter in einer Zeit der religiösen Fehden, in der leider viele Europäer insbesondere wir Deutsche religiöse Analphabeten sind.

    Inwieweit die alttestamentarische Rechtsprechung "Zahn um Zahn" oder die neuere Version "von der anderen Wange hinhalten" zur Lösung der oben genannten Probleme noch zeitgemäß sind, sei hier dahingestellt. Meiner Meinung nach rächt sich aber zunehmend die heutige religiöse Passivität / Gedankenlosigkeit; denn wo einst die Europäer durch religiöse Bande auf natürlichem Weg geeint waren, zementieren heute EU-Politiker labile Schein-Gemeinschaften, deren verschiedenartige Bestandteile und Interessenlagen kein wertiges Bindemittel ergeben.

    Deshalb ist das berühmte Zitat des preußischen Königs Friedrich aktueller denn je; doch dies bedingt eine gesunde Mischung aus Toleranz für die Menschen die sich an die gesellschaftliche Netiquette halten und wirksamer Bestrafung der Outlaws, damit jeder nach seiner Façon selig werden kann.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Frank

  3. Karl Bednarik Antworten | Permalink

    Im Wesentlichen stimme ich Herrn Holzherr zu, abgesehen von dem Folgenden.
    Die Rentierstaaten sind nur dann ungünstig, wenn sie auf dem Feudalismus oder ähnlichen Regierungssystemen beruhen.
    In einer Demokratie ist der Staat die Gesamtheit seiner Bürger, sodass diese Bürger keineswegs nur machtlose Empfänger von Transfervermögen sind.
    Der Konflikt zwischen dem Staat und den Bürgern ist in einer Demokratie ein Missverständnis, das von einer Personifizierung des Staates als eigenständiges Wesen herrührt.
    Womöglich ist das eine alte Denkgewohnheit aus den Zeiten des Feudalismus.

    • Störk Antworten | Permalink

      Hallo Karl Bednarik,

      die These "In einer Demokratie ist der Staat die Gesamtheit seiner Bürger" ist zunächst mal auch nur eine These. Eine These, deren Palusibilität empfindlich davon abhängt, wie man "Staat" überhaupt definiert. Nehmen wir das "staatliche Gewaltmonopol": wenn dieses von der "Gesamtheit aller Bürger" ausgeübt würde, dann könnte die Polizei nichts gegen Bürgerwehren haben, weil diese ja Teil derselben "Gesamtheit" sind. Womit wiederum der Begriff "Monopol" bedeutungslos würde.

      Wenn also "der Staat" entscheidet, wer das Gewaltmonopol ausübt und zu welchen Zwecken, dann läßt sich "der Staat" schon erheblich eingrenzen: die Abgeordneten, die über Bundeswehreinsätze abstimmen, sind "Staat"; der Finanzbeamte, der die Vollstreckung nicht gezahlter Steuern anordnet, ist "Staat"; der Ordnungsamtsmitarbeiter, der Knöllchen eintreibt, ist "Staat". Aber der gute Herr Broder von der "Welt" ist offensichtlich nicht "Staat" genug, um einen Strafantrag gegen eine Diebesbande durchzubringen:
      http://www.welt.de/politik/deutschland/article120852781/Die-Dame-von-der-Bahn-verweigert-die-Bedienung.html
      Nicht falsch verstehen: ich finde die "Bonner Republik" die beste Staatsform, die wir je auf deutschem Boden hatten. Aber ich bin nicht dieser Staat, ich treibe keine Steuergelder unter Gewaltandrohung ein. Ich bin "die Wirtschaft", ich bin auf freiwillige Zahlungen zufriedener Kunden angewiesen.

  4. Telaara Antworten | Permalink

    Und wegen solcher Kommentare - und der guten Moderation der Kommentarspalten - lese ich mir im Gegensatz zu anderen Seiten gerne die Kommentare hier bei Scilogs auch mit durch. Sie bieten fast immer einen Mehrwert.

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