ResIstanbul – Was ist da los? Derya berichtet direkt aus Istanbul

9. Juni 2013 von Michael Blume in Web-Interviews

Ohne Zweifel: Die neuen Medien verändern die Kommunikation und damit das politische Spielfeld. So haben mich die ersten Nachrichten über die Proteste in der Türkei via Facebook von meiner Schwägerin Derya erreicht, die vor über einem Jahr aus Stuttgart nach Istanbul ausgewandert ist. Wir waren weiß Gott nicht immer in allen Fragen einer Meinung - aber ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass Derya stets ehrlich, mutig, freiheitlich und friedlich agierte. Also habe ich sie gebeten, uns doch einmal direkt aus Istanbul zu berichten. Und wer es noch nicht kennt oder zu einem Text gerne originelle Musik hört - hier ein kreativer Protestsong mit englischem Untertitel aus der Stadt, die gerade (mal wieder) Geschichte schreibt:

 

Derya, Du hast Dich früh an den Demonstrationen in Istanbul beteiligt. Was hast Du erlebt?

Es war irgendwie seltsam, denn ich wusste nicht, was mir begegnen würde. Facebook und Halk TV zeigten Kriegszenen, was ich absolut nicht gewöhnt war! Denn immerhin lebte ich noch bis vor zwei Jahren in Stuttgart, welches eigentlich ein sehr friedlicher Ort Deutschlands ist. Also, glaube mir, die Demonstrationen zu Stuttgart 21 war eher eine Art Party oder Fest, im Vergleich zu den Demos hier in der Türkei. S21 lief eher ordentlicher und disziplinierter ab - tyisch Deutsch eben :).

Am Üsküdar Hafen, wo man mit der Fähre nach Besiktas fahren kann, wurden behelfsmäßige "Gasmasken" und türkische Fahnen verkauft. Wir besorgten uns einige. Aber eine Vorstellung davon, wie die Dämpfe vom Tränengas sich wirklich anfühlen, hatten wir nicht.

Angekommen in Besiktas, war da eine riesige Menschenmenge und kaum voranschreitender Verkehr. Wir wussten nicht, wie wir nach Taksim gelangen könnten. Fast jeder lief mit Gasmasken rum. Man konnte sehen, dass viele zuerst gar nicht wussten, wo was gerade passiert oder ob etwas geschehen wird. Wir fragten einen Mann, ob er wusste, wie man nach Taksim am besten kommt, denn die Polizei hatte viele Wege versperrt. Angekommen an einer Seitenstrasse, blickten alle in eine Richtung, wo man "Rauch" aufkommen sah. Ich wollte es aufnehmen und in dem Moment kam ein Mann schreiend auf mich und andere zu und sagte "Schaut nicht so blöd! Geht runter, verdammt! Du da, hör auf mit deiner Kamera zu spielen (zu mir) und geh gefälligst runter!"

Er konnte kaum reden vor Husten und hatte rote Augen vom Tränengas. Da unten musste gerade Schlimmes passieren, dachten wir. Ich lief in die Richtung, aber schon kam der beißende Geruch auf mich zu und hielt mich heftig zurück. "Was zur Hölle ist das!?", dachte ich nur. Es tat weh und brannte fürchterlich. Das war meine erste Begegnung mit dem Gas.

Auf dem Weg nach Taksim sind wir dann einer riesigen Gruppe zugestossen und liefen mit ihnen dann weiter. Ständig wurden Slogans ausgerufen wie "Trete zurück Tayyip, trete zurück Regierung!" oder "Schau mal her Tayyip, zähl mal nach, wie viele wir sind!" - und noch Dutzende andere. Auch wurde die Nationalhymne und Atatürks "Rede an die Jugend" ausgerufen. Türkische Flaggen überall. Zunächst sind wir dann in Gezi Park angekommen, wo noch mehr Menschen und Gruppen da waren. Sie sangen, sie tanzten und riefen weiterhin Slogans aus.

Derya (links) in einer Istanbuler Demonstration

Plötzlich hielt die Gruppe, mit welcher wir ankamen, an und einige riefen in die Menge, dass Besiktas außer Kontrolle geraten sei. Mein Cousin und seine Freunde waren ebenfalls dort! Er rief mich an und sagte, dass wir auf keinen Fall kommen sollten, weil alles durcheinander geraten sei. Die Polizei würde heftig gegen die Demonstranten vorgehen.
Er machte sich große Sorgen um mich, da ich erst seit einem Jahr in Istanbul lebte und keine Ahnung von Gewalt hatte. Ich wollte dennoch runter, jedoch meinte er, dass er und seine Freunde derzeit in Dolmabahce in einem Kaffee sich eingeschlossen haben. Eine Gruppe versuchte uns aufzuhalten, indem sie sagten, dass die Polizei Taksim zu räumen und wieder zu "stürmen" versuche. Sie flehten die Leute an, nicht nach unten zu gehen. Aber ich konnte nicht, denn mein Cousin war dort! Also, liefen auch wir los, um in Dolmabace Demonstranten zu helfen.

Mein Cousin gab mir dort sofort eine Taucherbrille und ein sehr guter Freund von ihm gab mir noch eine Schutzmaske und Halstuch, damit ich mein Gesicht bedecken konnte. Es waren Tausende aber wirklich Tausende da! Noch nie hatte ich sowas vorher je gesehen.

Man konnte sehen, wie eine Menge Polizisten langsam auf die Menge zuging. Wir standen weiter oben und konnten alles sehen, wie sie kamen. Es brannte überall, auf den Strassen auch. Die Demonstranten hatten Barrieren errichtet und in Brand gesteckt. Als ein Zeichen dafür, dass uns nichts aufhalten kann. Man hörte darauf hin Geschosse und Rauch aufgehen. Von mehreren Seiten. Und alle gerieten wieder in Panik und auch wir versuchten, irgendwohin zu rennen, denn Geschosse wurden auch in unsere Richtung gefeuert.

Ich weiß nicht mehr, wohin wir liefen, denn es war ja bereits fast Mitternacht. Aber plötzlich ging es einer Freundin sehr schlecht und sie war kurz davor, umzukippen. Ich versuchte sie zu stützen und zog meine Brille aus, um besser sehen zu können. Zunächst merkte ich nichts, aber dann biss es in meinem Gesicht, Wangen, Augen, Mund, Nase und Hals. Es biss nicht nur, es brannte förmlich. Es tat höllisch weh!

Wir alle fingen an heftig zu husten und spürten die immer näher kommenden Geschosse von Tränengas. Plötzlich ging von einer Seite eine Türe von einem Apartment aus und sie riefen uns zu sich. Wir rannten rein. Und ein Mann an der Tür bat uns, schnell nach ganz oben ins Treppenhaus zu gehen. Ich schrie nur noch vor Schmerz und mein Cousin gab mir eine Creme, auch behandelte er mich mit Zitrone. Nach einer Weile war es besser. Nach einiger Zeit Ausruhen gingen wir weiter nach Taksim. Ich glaube, dass kaum einer je gedacht haette, dass er / sie irgendwann von Besiktas oder Dolmabahce je nach Taksim hochlaufen würde. Ich tat dies an diesem Tag 2 Mal :)

Demonstranten der Gezi-Proteste versuchen sich mit Masken zu schützen. Foto: Derya

Angekommen in Taksim, sahen wir eigentlich eher eine friedliche Menge. Die Polizei traute sich anscheinend nicht, da rein zu gehen. Seltsam war für uns alle, dass keiner keinen belästigte oder Diebstahl versuchte. Jeder half jedem. Jeder war befreundet irgendwie, auch wenn man sich nicht kannte. Es war eine Stimmung, so wie man sich das immer wünschen würde.

Habt Ihr Angst?

Ja, das haben wir. Wir verstehen unsere Regierung nicht. Wir verstehen diese Gewalt am eigenen Volk nicht. Wir wissen nicht, was Erdogan für einen Plan hat. Es ist eine Zwickmühle, denn Erdogan hat leider keinen starken Gegner vor sich. Würde er zurücktreten, wäre dies erst Recht ein Chaos, denn auch die guten Sachen, die er getan hat, könnten wieder zurückfallen und die Türkei wäre um 20 Jahre zurueckversetzt. Würde er aber auf diese Art und Weise bleiben, so wie er momentan ist, dann haben wir die Befürchtung, dass dies einen echten Bürgerkrieg auslösen könnte. Wir wissen derzeit nicht, wo das alles hinführen wird.

Ja, diese Ungewissheit erzeugt Angst in uns allen.



Früherer Demonstrationszug für Tierschutz in Istanbul. Foto: Derya

Der Pinguin ist zu einem Wappentier der Protestierenden geworden. Kannst Du erzählen, warum?

:)) Ja, der Pinguin ist zu einem Symbol der Feigheit vieler Medien geworden!

Während Chaos geschieht, Menschen unterdrückt werden und das mitten in Istanbul, haben Nachrichtensender wie NTV Türkei und CNN Türkei eine Dokumentation über Pinguine gebracht - und das allein aus Angst vor Erdogan und seiner Partei! Ausser Halk TV hat kaum ein TV Sender gezeigt, was derzeit im Land geschah.

Viele religiöse Musliminnen und Muslime sagen mir, dass sie Erdogans kompromißloses Auftreten auch schrecklich und undemokratisch finden. Aber sie fürchten, Ihr würdet das Land ins Chaos stürzen, wieder eine Militärherrschaft errichten und damit sie unterdrücken wollen. Hast Du solche Ängste auch gehört? Was ist Deine Antwort?

Weisst du Michael, Erdogan ist nicht alleine Schuld an den Geschehnissen heute. Das ist zumindest meine Meinung. Viele meinen, dass es früher demokratischer gewesen sei. Das ist Blödsinn! Frauen, die freiwillig Kopftuch trugen, wurden gehänselt und als naive Dorfmädchen dargestellt. Sie galten als eine Bedrohung der Freiheit.
 
Auch ich habe früher so gedacht, bis eine Frau, die Kopftuch trägt und genauso wie ich unabhängig in Istanbul lebt (auch aus Deutschland in die Türkei eingewandert), eine sehr gute Freundin geworden ist. Sie ist genauso frei und lebt genauso wild oder nicht wie ich. Jetzt meinen viele, warum sie ein Kopftuch trägt, obwohl sie genauso ein freies Leben wie eine hat, die keines trägt.

Die Frage meinerseits lautet nun "Würde ich beten, fasten, keinen Alkohol trinken oder keine männlichen Bekanntschaften haben, muss ich dann Kopftuch tragen?" ODER bin ich ungläubig, weil ich ohne Kopftuch bekleidet bin? Die Antwort lautet in beiden Fällen "NEIN" für mich. Man kann keine Freiheit erzwingen, indem man die eine Gruppe benachteiligt. Freiheit und Demokratie bedeuten, dass Menschen das Recht haben, ohne einem Dritten Schaden zuzufügen, so zu leben, wie sie wollen. Sie sollen zugleich die Meinungen Anderer respektieren. 

Ich habe ehrlich Angst, dass, wenn jetzt eine neue Regierung käme, wieder die gleichen Fehler von früher gemacht werden. Erdogan macht das Gegenteil von den früheren Staatsmännern, indem er nun Frauen oder Menschen benachteiligt, die früher von der Regierung eher anerkannt wurden. Die sehr gute Freundin mit Kopftuch von mir meinte neulich, und das sagt sehr viel über ihre Ängste aus: "Derya, ich bin nicht für Tayyip. Auch ich respektiere Atatürk. Jedoch habe ich echt keine Lust, dass, wenn Erdogan geht und an seine Stelle entweder CHP oder MHP kommt, dass ich wieder wegen meines Kopftuchs diskriminiert werde". DAS DARF NICHT MEHR PASSIEREN!

Bei uns in Deutschland wird viel diskutiert, ob Präsident Abdullah Gül und andere AKPler wirklich demokratischer sind und Erdogan zu bremsen versuchen, oder ob es sich nur um ein Theaterspiel handelt. Diskutiert Ihr solche Fragen auch?

Sicher. Allerdings, wie gesagt, verstehen wir die Lage nicht genau, was sich hinter den Kulissen abspielt. Wuchs etwa das Ego von Erdogan mit der Zeit immer mehr und er hört auf niemanden mehr? Oder wird er hinter den Kulissen falsch "gelenkt" oder "beraten"? Sitzt er selber in der Falle und weiß selber nicht mehr, was richtig und was falsch ist? Denn bei allem Respekt, aber er hat einen zu starren Dickkopf und das tut kein Staatsmann, der demokratisch zu sein behauptet. Es ist einfach alles seltsam.
Was können wir von Deutschland aus tun, um den Demokratinnen und Demokraten in der Türkei den Rücken zu stärken?

Die Menschen in eurer Umgebung aufklären, so dass die Partei immer mehr unter Druck geraten tut. Denn das Ansehen der Partei wird hiermit geschädigt und aufgrund guter Beziehungen im wirtschaftlichen Bereich kann sich die Türkei kein Fiasko erlauben. Eventuell Produkte boykottieren, Unterschriften sammeln und sie dem türkischen Konsulat vorlegen. Solche Dinge in der Art.

Ja, es ist sehr gefährlich, denn die Wirtschaft der Türkei würde sehr darunter leiden. Jedoch muss die Politik im eigenen Geldbeuteln zu spüren bekommen, dass sie merken, dass nicht in Ordnung ist, was sie derzeit tun.

Derya, ich war ja heute auch auf der Solidaritätsdemo in Stuttgart und habe dort schöne und weniger schöne Szenen unter den Deutschtürken hautnah miterlebt. Ich hoffe sehr, dass sich die vernünftigen, demokratischen und vor allem dialogbereiten Kräfte in der Türkei durchsetzen. Bitte pass gut auf Dich auf, Derya, und halte uns über Facebook & Co. weiter auf dem Laufenden!

#ResIstanbul #OccupyGezi

67 Kommentare zu “ResIstanbul – Was ist da los? Derya berichtet direkt aus Istanbul”

  1. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Hat es

    vielleicht auch was mit der Reislamisierung, der AKP & der Gülen-Bewegung zu tun, Herr Blume?

    Also, dass einige Demonstranten diese Art von "Rückbesinnung" nicht gut finden, sogar als gefährlich erachten?

    MFG
    Dr. W

  2. chris Antworten | Permalink

    Das hier zeugt von den Auslösern der derzeitigen (und schon von früheren) Demonstrationen und Diskussionsbedürfnissen:

    http://www.faz.net/...iert-euch-nicht-1511391.html

    Das Thema ist keineswegs auf Türken in Deutschland beschränkt, sondern generelles Thema unter allen muslimisch geprägten Gesellschaften, die in Kontakt und Interaktion mit der westlichen Welt geraten. Stockholmer Ausschreitungen sind hier ebenso inbegriffen, wie Istambuler Demonstrationen und auch der Bürgerkrieg in Syrien.

    Begonnen hat diese tendenzielle Richtung schon vor Jahrzehnten ... mindestens seit den Pariser Ausschreitungen ist das Thema zu erahnen.

    Interessant ist, dass auch die Demonstranten scheinbar wissen, wie brisant eine Eskalation sei, wenn die Regierung plötzlich instabil wird. Gleiche Symptome haben auch im arabischen Frühling zu eher unerwünschten Ergebnissen geführt.
    Die Frage ist aber, ob man das Abwägen sollte/muß, oder hinnehmen, wie es kommt. Und ob man überhaupt was dagegen tun kann, da ja die herrschenden Politiksysteme der Kulturszene leider wenig Etablierung der Opposition zulassen, weshalb es unvermeidbar ist, dass vorrübergehende Machtvakuume und dadurch verursachte Orientierungslosigkeit entstehen.

  3. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Man

    hat hier auch den Konflikt zwischen "Westtürken", sogenannten weißen Türken, Säkularisten und Anhängern von Atatürk zu beobachten, Minderheiten wie die Aleviten einschließend, immerhin ca. 10 Millionen an der Zahl, Bürger, die auch ein wenig mit den syrischen Alawiten sympathisieren, zu tun.
    Dazu kommt noch die Kurden-Problematik und die Aufgabe der längere Zeit geübten No-Problem-Mit-Den-Nachbarn-Politik, für die sich Erdogan und Davotoglu auszeichnen, also für deren Aufgabe.

    Sprechen Sie mal mit sich in D befindlichen Türken und Sie werden feststellen, dass die Zustimmung für Erdogan nicht da ist.

    MFG
    Dr. W

  4. chris Antworten | Permalink

    @ WB

    bezüglich Reislamisierung:

    Wer mal objektiv darüber nachdenkt, erkennt keine Gefahr in einer vorrübergehenden "Rückbesinnung" auf Glaubenspraktiken und Bekenntnisse - am wenigsten in der Türkei; das am potentesten ins westlich geprägte Weltbild eingebunden ist (durch die enge wirtschaftliche Zusammenarbeit - um nicht zusage: Abhängigkeit)

    "Rückbesinnung" in Anführungszeichen, weil es jenen auf Dauer so vorkommen wird und als Perspektive letztlich nicht ausreichen tut, woraus sich eine erneute Lösung vom religiösen Dogma ergeben werden wird. Das Verharren und die Orientierung an Religion in postmodernen Weltgeschehen wie ein Verzicht auf das "Leben" sich anfühlen wird.

    Ich habe keine Sorge betreffend einer Reislamisierung. Das daraus entstehende Konstrukt ist auf Dauer nicht stabil und erfüllend genug. Es reicht aber jederzeit, um Orientierungslosigkeit zu überbrücken, wofür man der Religion also gar dankbar sein sollte.

    ---

    Eine andere Perspektive der Probleme und Kritik an Erdogan ist sein zu voller "Mund" in der Syrienproblematik, den er nicht erfüllen konnte. Das sei aber mutmaßlich wiederum daraus entstanden, dass Kulturszene und Weltpolitik aufeinander prallten und die Türken für die vollmundige Vision betreffend Syrien keine unterstützung erhielten. Das, obwohl man die Vision den Türken durchaus zugetraut und (aber wohl weniger) gegönnt hätte. (war nicht die Rede von einer Leuchtturmfunktion des türkischen Weges für die muslimischen Nationen? - an solchen Visionen spalten sich schnell die weltpolitischen Geister (und folgend auch Unterstützung).

  5. chris Antworten | Permalink

    @ WB

    "Sprechen Sie mal mit sich in D befindlichen Türken und Sie werden feststellen, dass die Zustimmung für Erdogan nicht da ist."

    -> Sei also die inder Aufforderung liegende Angst Erdogans (und vorgänger)vor der Loyalität der Auslandstürken zum "Mutterland" (oder Vaterland) gerechtfertigt gewesen, wenn dem so sei.

    "Assimilation" ist ein starker Begriff für unbewusst ablaufende Prozesse, da dieser genau diese Prozesse uns bewusst machen kann, was zu ganz besonderen Dissonanzen führen kann.

    Ob es Star Trek auch in der Türkei gibt und die "Borg" sozusagen das Perfekte Beispiel geben?

    Man sich auch fragen müsste, ob allein sozialer Umgang zur Assimilation führe oder noch andere Bedingungen erfüllt sein müssen? (Appelle ala Erdogan und Vorgänger ja sonst sinnlos wären, wenn sozialer Umgang "Assimilation" erzwingen würde).

    Beispielhaft könnte man die individuelle Übernahme eines Dialektes hernehmen, die einem unweigerlich wiederfahren könnte und man eines Tages feststellt, dass man wie der Einheimische redete, es aber eigendlich kaum bemerkt hat und nicht beeinflussen konnte...

  6. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Letztlich

    geht es natürlich um die Anwendung des schariatischen Islam, der bekanntermaßen vom Europäischen Gerichtshof mehrfach als menschenrechtsfeindlich eingestuft worden ist.

    Hier nagt es eben auch in der europäisch benachbarten Türkei, d.h. die dortigen Bürger ahnen, wo es hingehen könnte unter Erdogan, AKP & Gülen, da sägt es einigen am A:
    -> http://www.pewforum.org/...liefs-about-sharia.aspx

    Zumindest bei den sogenannten West-Türken und einigen Minderheiten.

    MFG
    Dr. W

  7. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Istanbuler gegen AKP und den AKP-Sultan

    Unter dem immer sultanhafter agierenden Erdogan ist die Türkei einerseits wirtschaftlich stark gewachsen, was erst das Leben der heutigen Jugend in Istanbul möglich gemacht hat und andererseits ist die Türkei unter der AKP und Erdogan immer stärker islamisiert worden. Die politische, parteilich organisierte Opposition zur AKP sieht sich dagegen im Erbe des Islamhassers und Republikgründers AtaTürk und hat eine starke Stütze im Militär. Das heisst auch die Atatürk-orientierten Parteien, die sich gern als westlich orientiert bezeichnen sind streben keine moderne, demokratische Türkei an, sondern operieren im Dienste einer Elite, der niemand mehr traut und die abgewirtschaftet hat. Damit haben wir den Widerspruch, dass Erdogan einerseits stärker volksverbunden ist und dementsprechend auch mehr eine islamische Lebensweise unterstützt, denn das Volk, vor allem das ländliche ist stark islamgläubig und dass andererseits Erdogan immer stärker zum Autokraten wird, der die Geschicke der Türkei im Alleingang bestimmt.

    Die Demonstranten in Istanbul sind zu 90% gegen die AKP und gegen Erdogan, sie unterstützen aber auch nicht die Atatürk-orientierten Oppositionsparteien.
    Die jugendlichen Demonstranten leben ein westlich beeinflusstes Leben und denken auch so und sie. Es ist ein Leben dessen materielle Grundlagen die Türkei unter Erdogan durch ihren wirtschaftlichen Erfolg überhaupt erst ermöglicht hat und das gleichzeitig in seiner Freiheit durch Erdogan und die AKP bedroht ist.

  8. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @chris: Reislamisierung => Orthodoxie

    Sie idealisiern die Reislamisierung als Rückbesinnung auf den Glauben. In Wirklichkeit ist die Reislamisierung - auch in der Türkei - eine Hinwendung zu einem orthodoxeren Islamverständnis, das Nähe zum Salafismus und Wahabitismus hat und unter dem Christen, Aleviten und Sufi-Anhänger verfolgt und ermordert werden - auch in der Türkei.

    Es gibt nicht nur hier im Westen falsche Mythen über den praktizierten und von Islam-Apologeten als einzig richtig beschriebenen Islam, sondern auch im islamischen Raum selbst.
    Verbreitet ist unter Muslimen die Auffassung, im Islam sei alles klar geregelt, des gebe nur einen Islam und der sei im Koran und den vom Propheten verbürgten Sprüchen festgelegt. Oft glauben diese Muslime auch, die Scharia sei bindend mit dem Islam verbunden und kenne nur eine mögliche Auslegung. Genau diese Mythen werden von den Theoretikern der Reislamisiserung unter die Gläubigen gestreut. Historisch gesehen stimmt das aber nicht und es gab von Anbeginn einen grosse Vielfalt von verschieden gelebten Islamformen.

    Die Reislamisierung als Hinwendung zu einem rigiden, orthodoxen, "richtigen" Islam bringt Gewalt und starre gesellschaftliche Ordnungen in die islamische Gemeinschaft von Arabien bis zu den hier lebenden Muslimen. Sie ist eine Gefahr für alle Menschen. Für die Muslime selbst und für die Länder, die Muslime bei ihnen aufgenommen haben.

  9. KRichard Antworten | Permalink

    Ziele

    Bei den Demonstrationen werden bisher keine gemeinsamen demokratischen Ziele definiert. Durch Ungewissheit besteht die Gefahr der Zersplitterung und der Entstehung von Chaos.
    Solche Situationen können von allen möglichen Interessengruppen ausgenutzt werden - und die Chance für mehr Demokratie ist damit vertan.

  10. demolog Antworten | Permalink

    Nein, ich idealisiere nicht oder intendiere keine solche. Ich intendierte eine Herabwürdigung religiöser Praktiken/Bekenntnisse gegenüber der Souveränität des Subjekts, die abseits davon bestehen könnte.

    Ansonsten schliesse ich mich nicht detailierten Beschreibungen von Gefahren durch ... an, will aber auch nicht leugnen, das was dran sein könnte.

  11. Michael Blume Antworten | Permalink

    Türkei = Islam? Putin = Christentum?

    Liebe Diskutanten,

    ohne mich inhaltlich einmischen zu wollen, möchte ich Ihnen doch etwas Gedankenfutter anbieten. Sie alle diskutieren die Prozesse in der Türkei vor allem vor dem Hintergrund des Islam.

    Nun gehe auch ich als Religionswissenschaftler selbstverständlich davon aus, dass Auslegungen der Religion(en) eine große Rolle spielen - aber dass diese Auslegungen selbst wiederum von weiteren, z.B. wirtschaftlichen Faktoren mitgeprägt werden.

    Würden Sie, liebe Diskutanten, beispielsweise die Entwicklungen um Putin in Russland auch ausschließlich unter Fragen des Christentums diskutieren? Sicher nicht.

    Sie würden z.B. auf die Rolle von Staats- und Privatwirtschaft verweisen, die Rolle ethnischer und religiöser Minderheiten sowie der Armee thematisieren, die Bürgerproteste unter den Möglichkeiten der neuen Medien betrachten usw. Die putinsche Kirchenpolitik - das Bündnis mit der wieder erstarkenden Nationalkirche auch auf Kosten christlicher Mitbewerber - wäre Ihnen ggf. ein Aspekt, sicher aber nicht der einzige, der zu betrachten wäre.

    Entsprechend möchte ich gerne anregen, dass auch Sie selbst die Türkei nicht völlig "islamisieren", sondern in Ihre Betrachtungen auch weitere Faktoren einfließen lassen. Sonst gehen Sie Vereinfachungen auf den Leim, über die auch die innere Debatte der Türkei längst hinausgewachsen ist.

    Soweit mein Hinweis (wie ich ihn auch jedem Uniseminar geben würde).

  12. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    WoherBeziehenAutokraten ihre Legitimität

    Putin als neuer Zar bezieht seine Autorität aus dem behaupteten Wunsch vieler Russen nach einer starken Hand. Der Wunsch nach einer starken Hand soll auch erklären warum Stalin in der russischen Bevölkerung so populär ist - obwohl er Millionen von Menschen massakriert hat.

    Erdogan dagegen kann sich auf die glorreichen ottomanische Vergangenheit - das Sultanat - und auf die Personalunion von politischem und religiösen Führer berufen, wie sie vom orthodoxen Islam angestrebt wird.

    Doch das ist ein tiefer Widerspruch mit der Moderne, die auch und viel stärker als in anderen nahöstlichen Ländern in der Türkei Einzug gehalten hat.
    Es ist auch ein Widerspruch zu dem was Erdogan als Politiker erreicht hat: Er hat das Militär weitgehend entmachtet und damit die Gefahr einer Miltiärdiktatur, die es in der Vergangenheit der Türkei auch gab, stark verringert. Er hat den Kurden mehr Rechte eingestanden und der Türkei eine versöhnliche aussenpolitische Rolle als Vermittler erarbeitet.

    Das sind alles Entwicklungen, die in Richtung Demokratie gehen. Doch seine Person und Partei ist dadurch auch immer wichtiger und mächtiger geworden und er selbst hat den autokratischen Stil eines Sultans angenommen.

    Wenn auch der Protest gegen Erdogan auch ein Protest gegen die zunehmende Islamisierung ist, so ist die Islamisierung in der Türkei doch weit weniger fortgeschritten als in anderen muslimischen Ländern. Für die Türkei gibt es eine Chance ihre Stellung als teillaizistischer Staat zu bewahren und eine Chance, mehr Demokratie zu verwirklichen. Allerdings nur eine kleine Chance.

  13. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Hinweise

    Soweit mein Hinweis (wie ich ihn auch jedem Uniseminar geben würde).

    Ja, das mit dem Christentum und Putin war ein netter Hinweis, hier ein anderer:
    -> http://www.spiegel.de/...abdel-samad-a-904619.html

    Das darf mittlerweile als ägyptische Tagespolitik betrachtet werden, einige machen sich natürlich Sorgen, dass diese Standards irgendwann auch die Türkei erreichen.

  14. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Erdogan + die Wegwerf-Demokratie 

    "Demokratie ist wie eine Straßenbahn. Wenn du an deiner Haltestelle angekommen bist, steigst du aus." - Tayyip Erdoan, The New York Times »The Erdogan Experiment«, query.nytimes.com
    Erdogan war von Beginn weg ein Querkopf und Autokrat. Aber jemand anders hätte sich wohl gar nicht auf bis anhin noch demokratischem Weg in der Türkei mit seiner Macho-Kultur durchsetzen können. Und durchgesetzt hat sich Erdogan. Höhere Militärchargen, die früher schon oft bei Bedarf einen Militärputsch vom Stapel ließen, sitzen unter Erdogan zu Dutzenden im Gefängnis. Es gibt heute in der Türkei mehr Eingekerkerte Medienleute als in China. Doch trotz allem war und blieb die Türkei unter Erdogan eine Demokratie und nach den Regeln dieser Demokratie müsste Erdogan 2015 zurücktreten. Das ist der Lackmustest für ihn. Wird er zurücktreten oder ändert er die Verfassung um zu bleiben? 

  15. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Muslims view On Erdogan

    Der NYT-Artikel Supporting Erdogan Helps Democracy zeigt die muslimische Sicht auf die Revolte in Istanbul und verdeutlicht für mich am stärksten, dass selbst gemäßigte Muslime einen Laizismus wie in der Prä-Erdogan Ära nicht mittragen können. Für den muslimischen NYT-Journalisten diese Artikels ist das höchste an Demokratie was in der muslimischen Welt möglich ist eine Erdogan-Demokratie (Zitat): "The recent protests are a result of this deeper tension between a center-right Muslim democrat -- Prime Minister Erdogan -- and a secular, divided left-wing opposition that cannot win at the ballot box". Das traurige an diesem Satz ist, dass er die Situation akkurat beschreibt und eine zuverlässige Prognose abgibt, nämlich die, dass Erdogan und seine Form der "Demokratie" die Oberhand behalten wird und das säkulare Element in der Türkei bedroht ist und gar vor dem Untergang steht.

  16. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Webbär

    Sie müssen gar nicht nach Ägypten ausweichen - nicht nur die Bedrohung, sondern auch die konkrete Ermordung von Kolumnisten hatten wir doch längst auch in Russland. Ich erinnere zum Beispiel an die Putin-, Regime- und Tschetschenienkriegkritikerin Anna Politkowskaja:
    http://www.spiegel.de/...in-ermordet-a-441367.html

    Auch hier also sprechen die Belege eher gegen eine kulturalistische Essentialisierung des Problemkomplexes...

  17. Borg Antworten | Permalink

    Liberaler Blogpost

    Der erste lesenswerte Blogpost von Blume seit langem, der Dank der Fronterfahrungen seiner Schwägerin deutlich macht, dass Blumes die Probleme verniedlichende Utopie von den gemeinsamen Wurzeln und dem Wirken der abrahamestischen Religionen eine einfältig-naive-verschleiernde Weltanschaung ist... leider im Nachinein geschmälert durch seine Kommentare, die zeigen, dass er immer noch der alte, unbelehre, von keinerlei Selbstzweifeln irritierte islamophile Ignorant ist.

  18. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Borg

    Von Euch Rechtsextremen beschimpft zu werden ist mir immer wieder Ansporn und Ermutigung! Danke (auch dafür, dass Sie nicht anders können, als mich stets zu lesen ;-) ).

    Schalom! :-)

  19. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Erdogans Ersatz-Kemalismus

    Erdogan hat die kemalistische, antiislamische, urbane Elite, deren Führer mit dem Militär zusammenspannten und eine veritalbe Feindschaft gegenüber den Kurden pflegten ersetzt durch einen neue islamisch orientierte Elite, die teilweise aus dem ländlichen Anatolien stammt und einene wesenltich grösseren Bevölkerungsanteil repräsentiert als es die frühere kemalistische Elite tat. Doch Erdogan hat die repressiven Methoden und die zentralistische, autoritative Art der Führungs des früheren kemalisitischen Regimes übernommen und deren Energien nun gegen die früheren kemalistischen Eliten, gegen Gewerkschafter und kritische Medienschaffende gerichtet.
    Wieder einmal zeigt sich in der Türkei, dass ein wenig partizipatives System, das alle Macht an sich reissen will meist durch ein System abgelöst wird, das genauso wenig partizipativ und genauso autoritativ ist.
    Der Islam spielt tatsächlich nicht die entscheidende Rolle in Erdogans neuem Herrschaftssystem. Da aber 95% oder noch mehr der Türken Muslime sind, ist der Islam für Erdogan ein willkommener Machtfaktor. Innerhalb der muslimischen Kultur ist auch eine Aufweichung von demokratischen Grundsätzen kein Problem, denn Demokratie hat in der islamischen Kultur keine Geschichte und ist kein Ideal.

  20. chris Antworten | Permalink

    Blume schrieb:

    "Auch hier also sprechen die Belege eher gegen eine kulturalistische Essentialisierung des Problemkomplexes..."

    -> Haben sie damit sagen wollen, dass sie im Kern das falsche Fach studiert haben, da es also tatsächlich nicht das Problem sei? Kann jeden mal passieren.

    Eine sogenannte "Rückbesinnung" auf religiöse Visionen sei also nur eine Strategie unter vielen anderen, die alle im Zweifel zu arg kritischem Rechtsverständnis führen können.

    Es fragte sich also, woran es hapert?

    Was eigendlich führt dazu, dass sich religiöse Bekenntnisse und Orientierungen nahezu weltweit "erneuern"/ausbreiten?

    Und angesichts der Fokussierungen einiger anderer auf eine Reislamisierung:

    Wie, außer darüber schimpfen, gedenkt ihr es erreichen zu können, diesen Prozess aufzuhalten?

    Ich bin auch etwas irritiert,dass man so arg missionarisch angagiert ist, den Rest der Welt mit Demokrtie zu beglücken (aber sonderbarerweise in einem Satz über die Kulturszene wissend, die damit am wenigsten anfangen können soll). Ist es so?: "als ob man Eis in der Wüste als Eis erhalten wollte" (wobei sich natürlich fragte, warum dass denn etwa bei uns funktionierte?)(Warum etwa seien "wir" keine Wüste (mehr)?)

    Weil "wir" etwa die dazu nötige Bildung als Almosen erhielten, einen demokratischen Prozess überhaupt zu benutzen? Mich wundert überhaupt nicht, das man andernortes noch immer der Meinung sei, dass Demokratie ein Spielverderber ist, der allen dieses Spiel verdirbt, bis auf jene, die sich aufgrund bestimmter Ustände auf solche Spielchen gar nicht einlassen müssen.

  21. demolog Antworten | Permalink

    @ Borg (als mutmaßlicher Rechtsextremer)

    Preisfrage:
    Warum können (deutsche) Gerichte B. Tschäpe nicht nennenswert verurteilen?

    Und warum ist sie mutmaßlich trotzdem exemplarisch die Schuldigste?

  22. Jordanicus Walton Antworten | Permalink

    Jordanicus Walton

    Danke dafür!

  23. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @chris: Ist ReligionNichtEinfachKultur

    Eine Reislamisierung bedeutet in der Praxis ein Stärkerwerden einer Kultur, die die Unsicherheit reduziert und einen Rahmen vorgibt in dem festgelegt ist, wer was darf und welche Rolle er spielen kann und muss.
    Demokratie auszubreiten mach dann Sinn, wenn man daran glaubt, dass partizipative, sogenannt inklusive Gesellschaftsmodelle besser sind als exklusive Gesellschaftsmodelle. Dies ist die Hauptthese des Buches Why nations fail:
    Exklusive Gesellschaften werden von einer Elite "regiert", die ihre eigenen Interessen verfolgt und davon überzeugt ist, dass sie das nur erreichen können, wenn sie andere Gesellschaftsgruppen unten halten. Inklusive Gesellschaften dagegen erlauben jedem Gesellschaftsmitglied die Verfolgung seiner Ziele im Rahmen von gerechten Institutionen. Inklusive Gesellschaften müssen aber mit dem Phänomen der schöpferischen Zerstörung klarkommen, denn neue Technologien und der Erfolg neuer gesellschaftlicher Gruppen kann das Gesellschaftsgefüge durcheinander bringen. Exklusive Gesellschaften wollen solche Störungen genau draussenhalten. Die Elite soll auf alle Zeit in immer gleicher oder ähnlicher Zusammensetzung an der Spitze bleiben.

    Inklusive Gesellschaften sind für mich eben demokratische Gesellschaften. Und die Türkei ist noch nicht wirklich dort angekommen was nicht anderes bedeutet, als dass es strukturelle Gewalt in der Türkei gibt. Der Islam und die Reislamisierung ist Teil dieser strukturellen Gewalt, die die Menschen in ein Korsett hineinpresst. Eine strukturelle Gewalt von der einige profitieren, unter der aber viele leiden.

  24. chris Antworten | Permalink

    @ Holzherr

    Das Religion sich auch mit Politik vermengen kann, ist keine Eigenart des Islam -freilich aber in konsequneterer Tradition.

    Wir können neuerdings auch feststellen, dass es unter christen Tendenzen zur politischen Theologie gibt, die derzeit aber wohl eher als Nebenschauplätze erscheinen - allerdings trotzdem irgendwie "bezeichnend" für die gerade anlaufende Ära ist.

    Davon mal abgesehen könnten wir eine völlig falsche Vision von Politik haben - oder eine reduzierte; vielleicht aus den Erfahrungen des kalten Krieges und den darin evolvierten Gewohnheiten der Zuschauer, aus denen wir heute ja nun einmal hervorgingen.

  25. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @chris: Um was geht es in der Politik?

    In der Politik geht es um Macht. Ausgestattet mit dieser Macht lenkt man ein Staatswesen samt seinen Bürgern und Besitztümern über Gesetze, Erlasse und Institutionen und eventuell ein Netz von Bezugspersonen. Das zu ihrem Satz:
    "Davon mal abgesehen könnten wir eine völlig falsche Vision von Politik haben"
    Entscheidend nun sind die Ziele der Machtausübung und die begünstigten Personen der Politik. Sehr oft gehören die Begünstigten der Politik zum gleichen Kreis der Personen, die an der Macht sind. Gut sichtbar wird das in vielen ressourcenreichen Staaten, wo die Regierenden die dort geförderten Ressourcen wie Öl oder Diamanten als ihren eigenen Besitz betrachten und deshalb besonders autokratisch und repressiv agieren und Entwicklungen zu mehr Demokratie verhindern wollen.

    Warum überhaupt gibt es Personen und Staaten, die eine Demokratie ablehnen?
    Folgende Gründe kommen mir in den Sinn:
    1) Die Mächtigen/Regierenden wollen Privilegien gegen die Vielen verteidigen
    2) Eine Regierung durch Weise oder Experten soll einer Regierung durch alle überlegen sein
    3) Eine Demokratie stört/gefährdet nur einen harmonischen Endzustand.

    Zu 3) fällt einem eine Theokratie mit Scharia ein. Wenn diese einmal verwirklicht ist gibt es nach Auffassung der Gläubigen nichts mehr zu verbessern. Eine Demokratie wäre da nur störend.
    Dazu passen auch folgende Sätze Erdogans:
    "Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.", die er an einer Wahlveranstaltung am 6. Dezember 1997 äusserte.

    Wer von der Demokratie überzeugt ist, glaubt jedoch nicht an ein statisches unveränderliches Gleichgewicht, an einen Zustand der Harmonie, der das Ende der Politik bedeute, wenn er erreicht sei.
    Vielmehr muss die Zukunft, ja sogar die Gegenwart immer wieder neu ausgehandelt werden wie das Jürgen Habermas in seiner Theorie des kommunikativen Handelns vorsieht.

    Eine demokratische, partizipative Gesellschaft sollte sich auch ökonomisch insgesamt besser entwickeln, weil mehr Handlungssubjekte ihre Ideen verwirklichen können und ihren Aspirationen nachgehen können. Gibt es dagegen eine Teilung der Gesellschaft in solche, den alles offen steht und die sich selbst nur noch an Göttern und Helden messen und in all die anderen, die nur Knechte und Diener sein können, so bleibt viel Potenzial unausgeschöpft.
    So gibt es einige Ökonomen, die den muslimischen Gesellschaften nur schon darum weniger ökonomisches Potenzial zugestehen, weil die Musliminnen weitgehend ausserhalb des Arbeitsprozesses bleiben.

  26. Michael Blume Antworten | Permalink

    @chris: Der Faktor Religion

    Sie schrieben: Haben sie damit sagen wollen, dass sie im Kern das falsche Fach studiert haben, da es also tatsächlich nicht das Problem sei? Kann jeden mal passieren.

    Nein, so ist es hier nicht. :-) Abgesehen davon, dass mein zweites Haupt- und Prüfungsfach die Politikwissenschaft war: Ich sehe es einfach als meine Aufgabe an, zu helfen, den wichtigen, immer im Kontext zu verstehenden Faktor "Religion(en)" je richtig einzuordnen.

    Als es beispielsweise um die Bildungsprobleme türkischer Zuwanderer ging, waren auch selbsternannte "Experten" wieder schnell mit hausgemachten Koranexegesen zur Hand und Sarrazin streute (zur Freude von @Borg und Co.) die Lehre vom genetisch dümmeren Musel. Da lag es an uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, darauf aufmerksam zu machen, dass die Bildungsperformance der Italienerinnen sogar noch etwas schlechter als die türkische aussah und also nicht der Faktor Religion, sondern die überwiegend dörfliche Herkunft, die lange gehegten Rückkehrerwartungen und vor allem die Gruppengröße zu beachten seien (kleinere Sprachgruppen lernen meist schneller die Mehrheitssprache, da sie schwerer abgegrenzte Sprachzonen schaffen können).

    Leider wird die Bedeutung des Faktors Religion manchmal in der Wahrnehmung unterschätzt (meist bei Mitgliedern des "gleichen" Kulturraumes) oder verabsolutiert (meist bei Beteiligten "fremder" Kulturen).

    Und da dies ein religionswissenschaftlicher Blog ist, will ich Ihnen die Chance geben, darüber je hinaus zu wachsen. Mir geht es nicht darum, jemanden zu ärgern. (Außer die Rechtsextremen natürlich, deren Aufmerksamkeit und kaum verhohlene Drohungen a la Nürnberg 2.0 betrachte ich als persönliche Auszeichnung. ;-) )

  27. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Erdogans geerbte Macht als Fluch

    Erdogan hat die kemalistische Elite entmachtet und sich zugleich ihr Machtstrukturen angeeignet. So kann er sich nach übernommenen. Parteiengesetz jeden Bürgermeisterkandidaten und jedenBewerber um einParlamentsmandat selbst aussuchen. In der Folge hat sich ein Macht - und Beziehungsgeflecht unter den AKP-Amtsinhabern ausgebildet. Dazu kommt eine Machtherrlichkeit Erdogans, die keine Rücksicht mehr auf die Machtteilung Judikative, Exekutive und Legislative mehr nehmen muss. Missliebige Journalisten wandern unter diesen Umständen sehr schnell hinter Gittern. All die macht deutlich, dass die atürkei keine Demokratie nach unserem Verständnis ist und dass Erdogan, wenn es in seinem Willen ist, sehr schnell auch noch die letzten Reste von Demokratie tilgen kann.
    Die Türkei war schon zu Zeiten Atatürks ein autoritäres Staatsgebilde und sie ist es heute nicht weniger. Autoritäre Systeme haben oft ein langes Leben, sie vererben sich von Amtsinhaber zu Amtsinhaber, denn wer würde oder könnte nur schon auf diese Machtfülle verzichten, würde ein solcher Verzicht doch als Schwäche ausgelegt werden.

  28. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Holzherr

    Von mir Zustimmung. Und zugleich der Hinweis, dass genau dieser autoritäre Politikstil wachsende Teile der jungen Generation empört. Auch islamisch geprägte Medien wie die Zaman haben sich erstaunlich klar distanziert.

  29. Mona Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    Natürlich empört der autoritäre Politikstil Erdogans große Teile der jungen Generation. Trotzdem kann ich @Martin Holzherr nicht ganz zustimmen. Es ist nicht das Erbe Atatürks, das ihn so autoritär regieren lässt, sondern sein "schwieriger Charakter, der persönlich überhaupt keinen Widerspruch duldet", wie Frau Ayca Tolun in einem Interview mit der Tageschau sagte: http://www.tagesschau.de/...nterview-tolun100.html

  30. chris Antworten | Permalink

    @ Blume

    zitat:

    " Abgesehen davon, dass mein zweites Haupt- und Prüfungsfach die Politikwissenschaft war..."

    -> was ich natürlich übersehen habe... sorry. Mir aber ihre Religionslastigkeit den Eindruck vermittelte, dass die Frage angemessen wäre.

  31. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @Mona: InstitutionenWichtigerAlsPersonen

    Es mag sein, dass Erdogans(Zitat)"schwieriger Charakter, der persönlich überhaupt keinen Widerspruch duldet" die Lage in der Türkei zugespitzt hat. Doch das macht genau den Unterschied zwischen einem Land mit guten und einem Land mit schlechten Institutionen aus: Ob ein machtbessessener Mensch das System in Besitz nehmen kann oder nicht.

  32. Mona Antworten | Permalink

    Kleine Richtigstellung @Martin Holzherr

    Da muss ich Ihnen widersprechen. Auch in demokratischen Systemen können Politiker, als gewählte Volksvertreter, bestimmte Gesetze aushebeln oder neu schaffen. Der Bürger hat da oft überhaupt keinen Einfluss darauf. Auch in Deutschland gibt es keine direkte Demokratie, wie in der Schweiz, sondern eine parlamentarische Demokratie.
    http://de.wikipedia.org/...isches_Regierungssystem

  33. chris Antworten | Permalink

    Es liegt nicht an einem Erdogan. Der kann im Moment machen was er will, es nutzt nichts. Es ist die derzeitige Sitution,in der man nichts wirklich richtig machen kann. Es werden ihm im Zweiel auch keine Zugeständnisse über den Weg helfen.

    Diesbezüglich besteht natürlich die Gefahr, dass der Machtinhaber Macht und Möglichkeiten nutzt, um wie in Russland vielleicht kritische Subjekte zu eliminieren. Die Dinge im Keim zu ersticken. Über diese Phasen ist es aber scheinbar schon hinweg, sodass es nichts mehr nützen würde - die Dynamik aus sich selbst herraus stabil ist.

    Der Fehlschuß aber, der nicht begangen werden sollte ist, zudenken, sowas (politische Morde und sonstige Manipulationen) gäbe es in Deutschland ... in dieser besten aller Demokratien also ... gar nicht.

    Das muß man sich so vergegenwärtigen, wie es N. Luhmann mal irgendwo fragend dahin gestellt hat, weil er sich wohl darüber wunderte:

    "Wieso diese Gesellschaft so [gut, reibungslos] funktioniere?"

    Zu meinen, es läge an der vom Himmel gefallenen Zivilisiertheit jedes einzelnen, wäre da aber besonders naiv. Wobei das überwiegend natürlich wahr ist ... oder eben wahr wurde - aber es manchmal eben nur einen Abweichler von diesem Idealverhalten braucht, um den Rest dann doch dadurch zu beeinflussen.

    Und es ist nicht so, dass der Urnengang zur Wahl das einzige geduldete Schwarmverhalten im gemeinen Volk sei. Der Schwarm folgt einem Anführer. Und der ist im umunstrittenem Idealfall legitimiert. Ist er es nicht (im erforderlichem Maße)...folgt auch in Deutschland seine Demontage. Wozu aber nicht notwendigerweise das Ableben des Zielobjektes erforderlich sei.

    Und Erdogan ... man muß nicht über einen starken Charakter, über seine Persönlichkeit herziehen, weil diese Persönlichekeit Primärbedingung für den Job eines (An)Führers ist. Und ... das gefällt gerade den Deutschen absolut nicht: Diese Führerpersönlichkeiten sind unverzichtbar - der Kompromiss also unvermeidbar. Das ist das Problem bei Demokratien: Ohne solche Persönlichkeiten dauern die Entscheidungsfindungsprozesse ewig bis nie stattfindend. Ich mutmaße sogar, dass zur Entscheidungsfindung immer eine solche Persönlichkeit notwendig ist - ohne jene das ganze Fußvolk in der Regel völlig orientierungslos umher schwirrt.

    Apropos Putin ... als mutmaßlicher vertreter einer solchen "Starken Hand". Das subtile dabei ist, dass diese "starke Hand" gar nicht in einem Amt vertreten sein muß, um wirkung zu zeigen - es wäre nur die ehrlichere version dessen, weil man dann mit dem Absägen dessen auch den richtigen Faktor aus dem Weg hat. Subtiler aber sei, wenn dieser Art Persönlichkeiten aus dem Verborgenen agieren - ganz nach dem Motto und Strategie, sich als "Feind" nicht erkennen zu geben, damit man auch nicht direkt bekämpft werden kann. Brittisches Understatement mal in anderer Version.

    Für das demokratische Model bedeutet es, dass alle darin bindend enthaltenen Strukturen und Systeme nur auf Widerruf gelten - der Ausnahmezustand nicht erst mit dem Ausrufen eintritt. Sich zu fragen, wer die "Ausnahme" als solche entscheidet, wäre jetzt keine schlechte Idee. Aber dazu hat man ja Politik gewählt, der dazu alle institutionellen Werkzeuge unterstellt sind, die das möglichst "systematisch" erfüllen.

  34. Meister Antworten | Permalink

    Blume @Hochwasser

    Hätte da noch eine Frage zur Hochwassertragödie in Deutschland.
    Herr Dr.Blume wo waren eigentlich die von Ihnen hochverehrten Migranten als Hilfe benötigt wurde ?
    Wo sind Migrationsvereinigungen als man Hilfe benötigte ?
    Keine Kopftuchträgerinnen waren bei den Hilfsarbeiten zu sehen?
    Antwort Blume : " Die rechte Szene nutzt das wieder ... Bla,bla.

    Alles was nicht ins Weltbild passt is rechts und fertig. :-)

  35. schrittmacherm Antworten | Permalink

    at Meister

    Da migranten in der Regel in sozialbausiedlungen am stadtrand und somit weit weg vom Ufer wohnen, sind sie fein raus!

    statistisch Anteilsmäßig wirst du wahrscheinlich mehr hilfsbereite und fähige migranten zählen können, als deutschstämmige.

    der in deinem Kommentar transportierte Duktus verhindert aber mit ziemlicher Sicherheit, dass Anteilsnahme auch zu hifsbereitschaft führt - bei Migranten, wie bei Landsleuten.

  36. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Meister-haft

    Tja, zufällig kenne ich muslimische Freunde aus Berlin sogar persönlich, die zur Hochwasser-Hilfe nach Dresden gefahren sind. Facebook machts möglich.

    Dafür haben es Ihre islamophoben Freunde aus der FPÖ geschafft, hilfswillige Muslime beim Hochwasser in Österreich zu beschimpfen - und mussten sich nach einem Shitstorm dafür entschuldigen:
    http://derstandard.at/...ismauer-entschuldigt-sich

    Ich stelle also fest:
    1. Auch Muslime haben in Deutschland und Österreich geholfen.
    2. Rechtsextreme haben mal wieder erfolglos versucht, auch dieses Ereignis für ihre Hetze zu benutzen.

    Meisterhaft...

    Wie armselig und traurig muss eigentlich ein Leben sein, in dem man Stunden voller Hass füllt, um gegen andere Menschengruppen zu hetzen?

  37. Michael Blume Antworten | Permalink

    @schrittmacherm

    Ob @Meister wohl weiss, dass er sich auch mit diesen Aktionen wieder in dunkelsten Traditionen einreiht?

    Anfang des 20. Jahrhunderts war es in Deutschland üblich, den deutschen Juden "Drückebergerei" im Armeedienst vorzuwerfen. Und so kam es 1916 gar zu einer "Judenzählung" in der Armee - deren Ergebnisse dann aber nicht veröffentlicht wurden, weil sie den Vorurteilen widersprachen.

    Die Islamophoben haben nichts aus der Geschichte gelernt... (Und sie kommen ja auch immer wieder zu diesem Blog zurück, obwohl sie ihn dadurch nur stärken und sich immer wieder blamieren.)

  38. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    ErdoganSchuf moderne+ islamische Türkei

    .. Und er droht sie nun wieder zu vernichten. Das System Erdogan ist genau so stark und genauso wenig demokratisch wie das System seiner Vorgänger. Zur türkischen Regierungsform gehört "the winner takes it all": Macht und Pfründe gehören dem Wahlsieger und seinen "Freunden". Erdogan hat aber viel mehr erreicht als seine kemalistischen Vorgänger: er hat das Pro-Kopf-Einkommen in 10 Jahren verdreifacht, hat die Feinschaft gegenüber den Kurden beendet, das Militär entmachtet und den einfachen, muslimisch denkenden Türken die gleichen Aufstiegschancen gegeben, die früher nur Kemlisten hatte. Schließlich konnte sich die liberale Schicht, die heute gegen ihn demonstriert nur unter den Boombedingungen entstehen, die Erdogans Wirtschaftspolitik mitzuverhandeln ist.
    Doch Erdogan hat auch - und in den letzten Jahren und Monaten verstärkt - die Islamisierung vorangetrieben: 2000 zusätzliche Moscheen, Aufhebung des Schleierverbots an Schulen, Integration des Koranunterrichts in die Schule und kürzlich eine massive Erschwerung des Alkoholkaufs, Empfehlungen an die Familien mind. 3, besser aber 5 Kinder zu haben, Kritik am Abtreibungsgesetz.
    Wenn Erdogane eine Hidden Agenda zur Reislamisierung hat, dann hat er sie erst in den letzten Jahren deutlich werden lassen.
    Wie er jetzt mit den Demonstranten umgeht und die Tatsache, dass er ohne Angabe von Gründen "vorsorglich" 40 Anwälte verhaften ließ, lassen nichts gutes ahnen.

  39. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Richtigstellung zur Richtigstellung

    Auch in demokratischen Systemen können Politiker, als gewählte Volksvertreter, bestimmte Gesetze aushebeln oder neu schaffen.

    Mit den 'demokratischen Systemen' sind wohl die Systeme der Aufklärung gemeint, die "westlichen", die im Dreieck Demokratie, Marktwirtschaft & Menschenrechte stehen.

    Diese Systeme sind u.a. deshalb erfolgreich, weil sie
    1.) freiheitlich sind, als erste Gesellschaftssysteme die Freiheit negativ (das Fachwort) einschränken, umschränken oder definieren.
    2.) keine Kriege untereinander führen (soviel auch zu den taktischen Aussagen von Europapolitikern zu den Folgen eines Euroexits)
    3.) die Machtwechsel ritualisiert gewaltfrei vonstatten gehen lassen

    "Westliche" Politiker mit erkennbaren Fehlern haben es denn auch schwer (Nixon, Brandt, Clinton und jetzt Obama), sie sind eben auch nur Räder im System.

    Auf der anderen Seite die islamischen Diktaturen/Monarchien und Klerokratien.

    Die Türkei als Mischform, als Zwitter, der dabei ist sich zu ändern. Erdogan kann sich hier austoben wie der eine oder andere Meritokrat, wie bspw. Putin oder die chinesische semikommunistische Clique.

    Da sind schon Unterschiede, der "Westpolitiker" kann keine umfangreichen Schweinereien umsetzen, nicht einmal aussprechen, bestenfalls andenken.

    HTH
    Dr. W (der gespannt ist, was Erdogan noch so bringen wird)

    PS: Augenzeigenbericht eines türkisch-deutschen Aleviten: 1.) heutzutage sind in der Türkei 'alle 300 Meter' (O-Ton) Gebetsmöglichkeiten bereitgestellt 2.) eine 'Kopftuchexplosion' (O-Ton) findet statt, die auch finanziell unterstützt wird (wie genau, wurde geschildert, kann bei Bedarf nachgeliefert werden) 3.) vier von ihm gelesene Standardmedien berichteten in den ersten 3-4 Tagen der Unruhen gar nicht darüber, was unseren Zeugen in seinem Arbeiterverein (a.k.a. "Türkencafe") zu der Aussage veranlasste: 'Wenn die so lügen, haben die immer gelogen und werden immer lügen.' 4.) die Wortwahl 'Erdolf' wurde genutzt

  40. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Webbär

    Interessant. Könnten Sie uns erläutern, wie sich das “westliche Dreieck aus Aufklärung, Demokratie und Menschenrechten“ derzeit in Russland, Weissrussland, der Ukraine und Ungarn entfaltet?

  41. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Wichtich

    ist zu verstehen, dass die Systeme der Aufklärung in einem Dreieck bestehend aus Demokratie, Marktwirtschaft & Menschenrecht existieren, dass also bspw. die Demokratie alleine wertlos ist. Auch Nordkorea oder die DDR haben oder hatten den demokratischen Anspruch zumindest im Namen.

    Das EU-Mitglied Ungarn ist in diesem Dreieck stehend, auch wenn zurzeit rechts regiert, was nicht allen gefällt, die Ungarn sind OK, der Schreiber dieser Zeilen kennt das Land. [1]
    Die anderen drei Länder mit russischem Einfluss würde der Schreiber dieser Zeilen eher wohlwollend als Meritokratien bezeichnen wollen, wobei Weißrussland noch "ein wenig" abfällt. Schwellenländer sozusagen wie die Türkei, die sich so oder so entwickeln werden.

    HTH
    Dr. W

    [1] Bulgarien, Rumänien und das ehemalige Jugoslawien stehen schlechter da.

  42. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Webbär

    Wie würden Sie Indien einschätzen? Und Südkorea, Japan? Sind das aus Ihrer Sicht “westliche“ Länder?

  43. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Der Webbaer

    Wie würden Sie Indien einschätzen? Und Südkorea, Japan? Sind das aus Ihrer Sicht “westliche“ Länder?

    ...lässt sich nur vglw. zuverlässig aus Südkorea berichten, dort ist man idT "westlich".
    Also im aufklärerischen Sinne, u.a. das Christentum ist dort am Start, wir erinnern uns an den genialen Psy, Japan hat allerdings auch einen guten Ruf, der Schreiber dieser Zeilen kann nur von dem Ruf berichten, man ist dort eher introvertiert, versucht gerade aus der Deflationsspirale auszubrechen, begrenzt die Immigration, gilt im fernsostasiatischen Raum als "doitsch", lol, geht seinen Weg.

    Den Hauptunterschied zwischen den schlauen Pakis und Indern kennen Sie, gell?

    MFG
    Dr. W (der hier aber grundsätzlich nicht in Form von Fragestunden bereit steht)

    PS: Gehen Sie doch mal aus sich heraus, Herr Dr. Blume, bringen Sie gerne zum Ausdruck, was Sie nagt und wo es Sie nagt, was Sie mit Ihrem unterstützenden Artikel wirklich sagen wollten. Sofern möglich natürlich nur.

  44. Mona Antworten | Permalink

    @Martin Holzherr

    "Wenn Erdogane eine Hidden Agenda zur Reislamisierung hat, dann hat er sie erst in den letzten Jahren deutlich werden lassen."

    Vielleicht benutzt Erdogan den Islam nur als Vehikel, um sich Autorität zu verschaffen. Was, wenn es ihm in Wirklichkeit nur um die Macht ging? In der Vergangenheit gab es viele Herrscher von Gottes Gnaden, die sich die Autorität Gottes/Allahs zunutze machten.
    In einem Kommentar in der Süddeutschen heißt es dazu: "Heute ist klar, dass weniger der Islam die große Verlockung für Erdogan darstellt. Es ist die Macht an sich, die pure Lust an der Herrschaft, die ihm zu Kopf gestiegen ist."

    http://www.sueddeutsche.de/...r-autokrat-1.1694245

  45. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @Mona: Türkei: Islam++ + Konsum++

    Erdogan wurde zu Beginn seiner Karriere mehrfach wegen "islamistischen" Äusserungen und Gründungen "islamistischer" Partein inhaftiert.
    Später an der Macht schien der Islam nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen und Erdogan wurde als grosser Modernisierer wahrgenommen. Dabei zeigte er immer wieder Anpassungsbereitschaft um ein Ziel zu erreichen, zum Beispiel beim Versuch die Eintrittskarte in die EU zu erlangen. Auch den Kapitalismus in der Türkei stärkte er um mehr Türken mehr Wohlstand zu verschaffen. Zwei Dinge also - EU+Wirtschaft - die enorm wichtig für die Türkei sind und nichts mit Islam zu tun haben.
    Doch im Hintergrund - ohne dass es viele bemerkten - stärkte er auch die Position des Islams innerhalb des türkischen Staates. So hat er in Istanbul, das ohnehin nicht arm an Moscheen ist, viele neue bauen lassen, so dass diese nun so dicht stehen, dass ein neuerlich erlassenes Gesetz, man dürfe in der Türkei nur Alkohol ab 500 m Distanz von einer Moschee verkaufen praktisch zum Alkoholverbot wird. Dazu kommt die Stärkung der Koranschulen und ihre Integration in die normale Schule, die Aufhebung des Verschleierungsverbots in Schulen und im öffentlichen Raum und vieles mehr. Beispielweise soll das Gebäude um das es bei der Taksimplatz-Demonstration ging nach einem Sultan heissen, der sich einen Namen mit Alevitenverfolgung gemacht hat. Zusätzlich wollte und will Erdogan die Türkei stärker in der islamischen Welt verankern und sie zu ihrem Führer machen.
    Dass es Erdogan nur um die persönliche Macht geht - wie sie behautpen - könnte natürlich immer noch sein. In diesem Fall würde er den Islam nur als Machtmittel benutzen, weil er damit mehr eigene Pläne im Namen des Islam umsetzen kann. Doch eine Hinwendung, tendenziell sogar Islamisierung der Türkei hat es unter Erdogan zunehmend gegeben. Und die Demonstranten wandten sich unter anderem genau gegen diese stärkere religiöse Ausrichtung.

  46. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Ist

    halt Wunschdenken:
    'Heute ist klar, dass weniger der Islam die große Verlockung für Erdogan darstellt. Es ist die Macht an sich, die pure Lust an der Herrschaft, die ihm zu Kopf gestiegen ist.'

    Kommentare dieser Art gab es auch zigfach zur Machtübernahme Khomeinis.
    Gehen Sie mal in die frei verfügbaren Online-Archive.

    MFG
    Dr. W

  47. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Webbär

    Mal eine Frage: Diese zigtausend Menschen, die da täglich demonstrieren, die mehr Demokratie wollen, aber auch auf dem Gezi-Park eine provisorische Gebetsstätte errichtet hatten - sind das für Sie keine Muslime? Ärgert es Sie wirklich so sehr, dass sich auch immer mehr Musliminnen und Muslime - wie oben meine Schwägerin - für Freiheit und Demokratie begeistern und mehr Mitsprache fordern?

  48. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Projektionen

    Ärgert es Sie wirklich so sehr, dass sich auch immer mehr Musliminnen und Muslime - wie oben meine Schwägerin - für Freiheit und Demokratie begeistern und mehr Mitsprache fordern?

    Wie bitte?

    Lassen Sie mal Ihre Projektionen und Unterstellungen stecken, die machen Sie nur hässlich - der Artikel ist doch gut angekommen, es gibt also keinen Grund nun die Kommentatorik herunterzuziehen...

    MFG
    Dr. W (der sich nun ausklinkt)

  49. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Webbär

    Warum fällt es Ihnen denn dann so schwer, einfach mal zu schreiben: Ich stehe hinter jenen Musliminnen und Muslimen, die ebenfalls für Aufklärung, Demokratie und Menschenrechte eintreten!?

    Genau aus diesem Grund lasse ich hier auch Derya zu Wort kommen - eine von Millionen, die sich längst auf diesen Weg gemacht haben und dafür auch viel einsetzen und riskieren!

    Die Türkei und die türkische Zivilgesellschaft entwickeln sich - auch gegen Rückschläge (wie es sie in der deutschen Geschichte auch immer wieder gab und gibt). Ich will Ihnen gerne glauben, dass Sie das unterstützen - es kommt halt einfach nicht so rüber...

  50. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Geschehen!

    Warum fällt es Ihnen denn dann so schwer, einfach mal zu schreiben: Ich stehe hinter jenen Musliminnen und Muslimen, die ebenfalls für Aufklärung, Demokratie und Menschenrechte eintreten!?

    Dr. W steht gerade auch hinter diesen Moslems.

    MFG
    Dr. W (nun aber wirklich...)

    PS: Und lassen Sie bitte endlich die impliziten Unterstellungen!

  51. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Webbär

    Dann sind wir uns - was ja nicht so häufig vorkommt - doch auch mal endlich einig! :-)

    Ich sehe, dass man Sie auch umgekehrt einfach ein bissel befragen kann - dann taucht hinter der gedrechselten Dritte-Person-Antworten-Maske doch noch ein fühlender Mensch auf. :-)

    Freut mich, Ihnen alles Gute und eine geruhsame Nacht!

  52. Mona Antworten | Permalink

    @Martin Holzherr

    Der Islam ist in der Türkei, besonders bei der Landbevölkerung, gut angesehen und diese musste Erdogan hinter sich bringen. Außerdem kann er mit "islamistischen" Äußerungen auch in anderen islamischen Ländern punkten, als dessen Führer er sich gerne sehen würde. Zugleich wird jedoch versucht die Türkei durch Modernisierungen und eine Stärkung des Kapitalismus in die EU zubekommen. Falls das nicht gelingt, dann orientiert man sich eben stärker an der islamischen Welt. Wie es scheint fährt Erdogan zweigleisig.

  53. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Widerstand

    dieser Art muss übrigens nicht ideologisch sozusagen einwandfrei sein, es ist schon OK, wenn das Unwohlsein, das sich in der Türkei auf Grund von AKP-Maßnahmen breit gemacht hat, öffentlich festgestellt wird und Gründe gesucht und angemängelt werden.

    Die ostdeutschen Demos seinerzeit waren ja auch längere Zeit sozusagen solidarisch angeleitet, da rief keiner nach liberalen "westlichen" Systemen, in Westdeutschland wurde der Protest in linken Kreisen denn auch eher soft und im Kern falsch als Ruf nach einem Reformationskommunismus gedeutet. Wolf Biermann bspw. rannte nach seiner Ausweisung und vor seiner Läuterung auch noch ein paar Jahre als Reformkommunist durch die Gegend.

    MFG
    Dr. W

  54. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @Mona: Erdogan, die Sphinx

    Was will Erdogan? Diese Frage stellt sich sogar das türkische Volk.
    Tatsächlich ist diese Frage wichtiger als bei vielen westlichen Politikern, weil selbst die Macht eines US-Präsidenten durch die Verfassung und durch die dort fest verankterte Gewaltentrennung, begrenzt ist (Mindestens was die Innenpolitik betrifft. Die grösste Macht eines US-Präsidenten liegt in der Aussenpolitik und in seiner Rolle als Oberbefehlshaber der US-Armee).

    Doch viele Leute, die sich mit Erdogan beschäftigt haben, sind der Meinung, dass man seine früheren Äusserungen zur Rolle des Islams nicht unterschätzen sollte. Vielleicht will Erdogan ja so etwas wie ein Land, das sowohl islamisch als auch erfolgreich ist - und das nicht etwa durch den Besitz von Rohstoffen wie bei den Saudis.

  55. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Erdogan

    ist nur eine benötigte Figur, es könnten auch andere "Erdogan" sein, insofern ist sein persönlicher Wille, der sich zwar klar abzeichnet, weniger interessant.
    Auch bspw. Davutoglu hat entsprechendes Potential.

    Was da gewollt ist, scheint zwar klar, die historische Entwicklung der einstmals (vor 100 Jahren) mit 10 Millionen Bürgern und vielleicht 25% Christen kleinen Türkei betreffend, aber der Schreiber dieser Zeilen will an dieser Stelle nicht islamgegnerisch auftreten. Letztlich geht es aber anzunehmenderweise um Gebiete und Gewalt.

    MFG
    Dr. W

  56. Michael Blume Antworten | Permalink

    Osmanismus - Nationalismus

    Wobei zu Bedenken ist, dass die religiösen und ethnischen Minderheiten gerade nicht unter osmanisch-islamischen Vorzeichen vernichtet wurden, sondern dann unter den Bannern säkularer Nationalisten. Bislang hat Erdogan die Rechte von Christen, Kurden etc. eher gestärkt, wogegen CHP und MHP wettern...

    Die Realität ist stets komplex...

  57. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Armenier-Mord

    ca. 1915-16, Ende der Osmanen 1924.

    Durchaus denkbar, dass Atatürk die Sache nicht so gu-ut fand - und auch deshalb die Bärte Stutzte...

  58. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Webbär

    Um 1915 bestimmten längst die nationalistischen Jungtürken die Politik. Haben Sie die Probe schon mal auf das Exempel gemacht - und einen eingefleischten Kemalisten auf das Schicksal von Armeniern oder Kurden angesprochen?

    Kann eine heilsame Erfahrung zur Überprüfung allzu einfacher Weltbilder sein...

  59. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Der Armeniermord

    in der Türkei war wohl islamisch durch den Dhimmi-Status und die Cizye ("Jizya") angeleitet und zudem nationalistisch, was dann eher den sogenannten Jungtürken zuzurechnen wäre.

    Dass man heute in praxi weder mit devoten türkischen Sunniten, noch mit Kemalisten den Armeniermord angemessen besprechen kann, belegt diese Annahme.

    Atatürk war seinerzeit noch nicht in einer entsprechenden Machtposition, um den Armeniermord nun oder ex post als "kemalistisch" abhandeln zu können.

    MFG
    Dr. W

  60. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    BTW:

    Sie selbst können den Armeniermord oder den Genozid an Armeniern auch in den Mund nehmen? Oder schadete das Ihren Bindungen & Positionierungen?

    Also mal sozusagen als Kick-back (s.o.), schreiben Sie doch einfach:
    Ja, der Armeniermord hat stattgefunden.

    MFG
    Dr. W

  61. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Webbär

    Selbstverständlich hat der Genozid an den Armeniern stattgefunden. Ebenso wie die Unterdrückung der Kurden und Kampagnen gegen Aleviten. Warum sollte türkischer Nationalismus und Rassismus auch besser sein als jeder andere?

    Und wissen Sie, was? Mit den jüngeren Generationen türkischstämmiger Menschen kann man über diese Themen zunehmend offen sprechen; sofern man darauf verzichtet, sich - gerade auch als Deutscher - in Arroganz zu ergehen.

  62. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Da sind

    Sie anzunehmenderweise näher dran:

    Selbstverständlich hat der Genozid an den Armeniern stattgefunden. Ebenso wie die Unterdrückung der Kurden und Kampagnen gegen Aleviten. (...)

    Und wissen Sie, was? Mit den jüngeren Generationen türkischstämmiger Menschen kann man über diese Themen zunehmend offen sprechen (...)

    Wäre gut, wenn dem so ist, der Schreiber dieser Zeilen teilt diesen Eindruck erst einmal nicht, hat aber im Moment auch keinen Zugang zu jungen Türkischstämmigen.

    MFG
    Dr. W (der Ihre Stellungnahme als klar notiert hat)

  63. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Erdogan gegen urbanes, freies Leben

    Urbanes, westliches Leben wird von Erdogan zunehmend in Frage gestellt. Darum geht es bei den Demos in Istanbul.

    Keiner der bisherigen Kommentare hat dieses Hauptanliegen der Demonstranten auf diese kurze, der Wahrheit aber am nächsten kommende Formel gebracht.

    Ein Grossteil der Jugend Istanbuls aber auch selbst ländlicher Gebiete der Türkei geniesst heute ein freies Leben - vor allem im Vergleich zu den meisten anderen islamischen Ländern. Es gibt also türkische Jungs und Mädels mit selbst ausgewählten Freunden des anderen Geschlechts - undenkbar in den meisten anderen islamischen Ländern. Man konnte bis vor kurzem Alkohol kaufen und Feste feiern, die nicht einfach Familienfeste waren - undenkbar in den meisten islamischen Ländern.

    Und genau dieses Leben ist durch Erdogan und seine im stillen durchgeführte Islamisierung in Gefahr. Das spürt die Jugend. Ihre Befürchtungen sind mehr als berechtigt, sie sind nicht einmal hellseherisch sondern reagieren auf das was gerade in der Türkei vor sich geht.

  64. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Erdogan's Islam gegen die Jugend

    Das Spiegel-Interview Überall ist Taksim, überall ist Widerstand zeigt gut, dass sich die Atmosphäre in Istanbul (und anderen türkischen Städten) in letzter Zeit unter Erdogans zunehmend antifreiheitlicher Politik verschlechtert hat und dass die ganze Jugend an den Rand gedrängt wird: Cafés und Restaurants dürfen nicht mehr aussen bedienen, Alkohol und Zigaretten werden teurer und eingeschränkt, es gibt Altersbeschränkungen für Musikfestivals, Treffpunkte für Jungen wurden geräumt. Mit anderen Worten, es gibt immer weniger Freiraum für Jugendliche, was die Verhältnisse in der Türkei den Verhältnissen in typischen islamischen Ländern angleicht, wo Jugendliche in der Öffentlichkeit höchstens als Ansammlung junger Männer anzutreffen sind und junge Frauen zuhause bleiben, sich jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit zeigen.

  65. chris Antworten | Permalink

    @ Holzherr

    Diese von dir beschriebenen verhältnisse finden sich auch im diesbezüglich eigendlich unauffälligen Westen wieder. Tabak ist teuer, Alkohol auch mehr oder weniger (und teuer wäre auch nur irgendwie logisch), Freizeitgestaltungsmöglichkeiten für Jugend wurde in den 80´gern auch flächendenckend abgeschaft (jugendclubs sind heute Frauen und Mädchentreffpunkte oder private vereine), Altersbeschränkungen kennen wir auch recht umfassend, ...

    Warum also die Aufregung? Alles wie bei uns im Westen. Globalisierung trägt früchte. Weitermachen lassen oder auch über hiesige verhältnisse meckern.

    Wie gesagt: Hätte man den Syrienkonflikt anders angegangen und vorher schon einige Zeichen erkannt und darauf reagiert, wäre heute über anderes zu mäkeln, als es nun zu vernehmen ist.

    Mir schwirrt die Frage im Sinn, warum man seitens des Westens (und der Russen) hier eine taktische vermeidungsstrategie durchzieht, anstatt schlicht handfeste und konsequente Tatsachen herstellt. Das Taktieren deutet auf eine Unentschlossenheit und womöglich eine dringende Gefahr hin, die aber niemand deutlich aussprechen tut - anstatt eben lieber Muskelspiele ala kalterKrieg gespielt werden, damit man sich aufgrund dieser Finten uneinig zeigt, woraufhin alle zuschauenden dann auch ratlos und bestürzt sind und eben allerhand Nebenschauplätze ausstreiten.

  66. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @chris: Erdogan polarisiert mit "Sieg"

    Wenn Erdogan Gegendemonstranten ankarren lässt, die ihn bejubeln, und von einem Sieg über die Demonstranten vom Taksim-Platz spricht, so ist das eine Art Kriegserklärung und verheißt nichts Gutes für die Zukunft der Türkei, insbesondere will er keine pluralistische Gesellschaft, sondern eine wo die Mehrheit sich über alle Minderheiten hinwegsetzt.
    In keinem europäischen Land wäre solch eine feindliche Haltung gegenüber bestimmten Teilen der Gesellschaft denkar. So verhält man sich gegenüber Terroristen und als Terroristen hat er die Demonstranten auch bezeichnet.

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