Werden Deutschland, Europa islamisch? Haben Muslime grundsätzlich mehr Kinder?

4. Januar 2010 von Michael Blume in Islam

Seitdem ich zum Zusammenhang von Religion(en) und Demografie forsche, habe ich obenstehende Fragen immer wieder gestellt bekommen. Nach einem neuen Welt-Artikel von Gunnar Heinsohn "Westliche Demografie-Sorge bei der Terrorabwehr" war dies wieder reichlich der Fall. Also habe ich alte und neue Datencharts für Sie heraus gesucht, um sie auch auf Natur des Glaubens noch einmal aktuell zu beantworten.

Junge, zornige Männer suchen Konflikte - die Youth Bulge-These

Die politikwissenschaftliche Youth Bulge- (deutsch: Jugendbauch-)These besagt, dass ein übergroßer Anteil junger Männer - die auf den Erbhöfen ihrer Familien keinen Platz mehr finden - die Konfliktneigung massiv erhöht: Auf der Suche nach Lebenschancen würden diese zornigen, jungen Männer politische, ethnische oder religiöse Rechtfertigungen für Konflikte geradezu suchen, extreme Ideologien Zulauf finden.

So fallen im historischen Rückblick nicht nur der 30jährige Krieg im 17. und die Massenmorde europäischer Siedler und Eroberer an Ureinwohnern verschiedenster Erdteile bis ins 20. Jahrhundert ins Auge, sondern auch die beiden Weltkriege, die mit dem Ende des europäischen Youth Bulge zusammen fielen. Seitdem hat Europa keine Söhne mehr übrig und wurde prompt (nach innen) friedfertig.

Gunnar Heinsohn hat die YB-These in Deutschland popularisiert, empirisch getestet wurde sie aber auch von anderen. Hier z.B. ein Schaubild einer Studie von 2006 von Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, der anhand demographischer Daten zu Youth Bulges die Konfliktwahrscheinlichkeit in 2010 anzeigte. Die Aussagekraft der Grundthese wird dabei eindrucksvoll deutlich. 

Islamistischer Terrorismus und Demografie

Während die frühen, arabischen Terrororganisationen und Selbstmordattentate noch auf säkulare, vor allem nationalistische und sozialistische Ideologien setzten (so besuchte auch die deutsche RAF v.a. palästinensische Ausbildungslager im Irak und Jemen), sind nach deren Scheitern überwiegend religiöse Extremisten an ihre Stelle getreten - wobei auch diese (zum Beispiel im Iran) teilweise schon wieder unter Jugenddruck geraten.

Heinsohn verweist auf das enorme Rekrutierungspotential dieser Gruppen im Vergleich zur westlichen Schrumpfung, indem er die Anzahl von bis zu 4jährigen Söhnen mit der von 40 bis 44jährigen Männern vergleicht.

So folgten in 2008 auf je 1000 Männer von 40 bis 44 Jahren
- im Jemen 5950 Knaben (von 0 bis 4 Jahren)
- in Somalia 4080
- in Afghanistan 4010 & in Pakistan 3000

- in den USA 977
- in England 677
- in Deutschland 477

Diese "demografische Aufrüstung" einiger islamischer Gesellschaften sieht in der Tat sehr apokalyptisch aus, aber es lohnt ein zweier Blick.

Haben (nur) Muslime mehr Kinder?

Fromme Muslime haben quer durch alle Gesellschaften mehr Kinder als ihre säkularen Nachbarn - aber das gilt für Christen, Juden, Hindus etc. ebenso! Nicht "Muslime", sondern "Religiöse" sind durchschnittlich kinderreicher - was z.B. derzeit auch die Demografie Israels umgestaltet.

Wo sich Sicherheit, Bildung und Wohlstand ausbreiten, setzen dagegen Säkularisierungsprozesse ein: Die Menschen bekommen weniger Kinder und viele wenden sich von der religiösen Praxis ab - schließlich werden die Dienstleistungen von Religionsgemeinschaften von Bildung bis Armen- und Krankenhilfe, von Schutz bis Trost, immer seltener gebraucht. Das muss innerreligiös gar nicht schlecht sein: Religion wird nun nicht mehr aus extrinsischen Motiven (Wen brauche ich?), sondern immer mehr aus intrinsischen Motiven (Wen liebe ich?) ausgeübt. Mehr noch: "verstaatlichte" Religiosität, tendenziell in Monopolen und Kartellen erstarrend, kann diese Abkehr sogar noch beschleunigen, weswegen heute nicht nur Spanien und Italien sehr niedrige Kinderzahlen aufweisen, sondern auch der Iran unter 2,0 Geburten/Frau gefallen ist. Europäisch-islamische Länder wie Bosnien, Albanien und die Türkei weisen inzwischen ebenfalls Geburtenraten unter der Bestandserhaltungsgrenze auf.

Und wo Integration stattfindet (und das tut sie in Westeuropa vielen Unkenrufen zum Trotz durchaus) findet entsprechend eine Angleichung der Geburtenraten statt. Hier ein Vergleich der Geburtenziffern türkischer Frauen in der Türkei und in Deutschland sowie deutscher Frauen.

Da wir jedoch in Deutschland seit Jahrzehnten keine ordentliche Volkszählung mit Erhebung der Religionszugehörigkeit haben, musste ein Vergleich der Schweizer Daten in 2000 zeigen, dass eingebürgerte Musliminnen im Durchschnitt noch weniger Kinder (1,73) als ihre noch ausländischen Glaubensschwestern (2,49) erzogen. Deutschland und Europa werden also "nicht" islamisch, sondern unterteilen sich in kinderarm-alternde, säkulare Schichten und darin kinderreiche "Inseln" christlicher, islamischer, jüdischer und anderer Glaubensgemeinschaften.

Einen schönen Längsschnitt erlaubt vergleichend auch die österreichische Volkszählung, die das parallele Abschmelzen der Geburtenraten aufzeigt. Man beachte die extrem niedrigen Geburtenraten der Konfessionslosen, deren Zahl durch Kirchenaustritte und Zuwanderung (z.B. aus Deutschland) gleichwohl noch weiter wächst.

Dass die hohen Geburtenraten also zwar teilweise religiös bedingt ist, nicht aber nur "islamisch" zeigt auch die Auflistung der zehn geburtenreichsten Staaten in der Organisation Islamischer Staaten (OIC): vier davon sind gar nicht mehrheitlich islamisch, der Tschad ist es nur knapp. Traditionen wie die Mädchenbeschneidung, die Verfolgung von Homosexuellen oder auch Polygamie finden sich z.B. in Afrika auch je reichlich unter Christen und Anhängern anderer Religionen.

Die Überbevölkerung fällt (global gesehen) aus

Daneben unterschlägt die Momentaufnahme der bis 4jährigen zu den 40 bis 44jährigen, dass sich weltweit die Geburtenraten nahezu in freiem Fall befinden, wo immer wirtschaftliche und demokratische Entwicklung möglich geworden ist (also z.B. leider nicht im Gaza-Streifen). Setzt sich aber der globale Trend fort, so wird noch im 21. Jahrhundert das Weltbevölkerungswachstum enden und in eine Schrumpfung übergehen - was ökologisch (und auch im Hinblick auf den Frieden) eine gute Nachricht sein dürfte.

Und so kommt auch das bereits erwähnte Berlin-Institut zu dem Ergebnis, dass die Zahl der demografisch hoch konfliktreichen Ländern von 33 in 2010 auf 24 in 2020 sinken wird. Die schlechte Nachricht für die NATO: Afghanistan, Pakistan, der Irak und Jemen sind noch dabei...

Was also tun?

Am Ende seines Artikels plädiert Heinsohn dafür, "diese Informationen" bei der "unaufhörlichen Suche nach tiefer liegenden Problemen nicht immer unter den Tisch fallen" zu lassen. Seinem Rat folgend, möchte ich vier konkrete Vorschläge machen:

1. Bildung, wirtschaftliche und demokratische Entwicklung zulassen

Nicht Almosen, sondern faire Handelsbeziehungen erlauben Gesellschaften die wirtschaftliche Entwicklung. Und für Bildung - gerade auch von Mädchen - einzutreten ist keine Sozialromantik, sondern Zukunftssicherung. Nein, nicht nur "der Staat": Jeder kann (z.B. über den CCF) eine direkte Patenschaft für ein Kind übernehmen, das dafür Ernährung, Gesundheitssorge, Bildung und also Aufstiegschancen für sich und eine künftige (dann auch durchschnittlich kleinere) Familie erhält.

2. Schluss mit der Arroganz

Wir Menschen halten uns und unsere jeweilige Kultur gerne für die Spitze der Weltgeschichte. Für die deutsche Gesellschaft heute kann ich jedoch sicher sagen: Wir sind es nicht. Wir verschulden uns, jammern und implodieren mangels Kindern - und das alles inmitten von Freiheit, Reichtum und Lebenserwartung, von denen noch unsere Großeltern nur träumen konnten. Wir repräsentieren eine seit Jahrzehnten (aus-)sterbende Kultur, nur die Religiösen unter uns haben derzeit noch ausreichend Kinder, um wenigstens theoretisch einigermaßen stabile Populationen zu begründen. Das muss nicht schlimm sein, weil es die weltweite Überbevölkerung lindert und sicher auch in Deutschland demografisch etwas Neues, Vielfältiges entstehen wird. Aber "wenn" wir uns schon zunehmend verabschieden und zudem Migranten benötigen, um Industriestandorte zu halten und die Pflege unserer zunehmend vereinsamten Älteren zu organisieren, dann wäre mehr Neugier & Respekt gegenüber anderen Kulturen und Religionen sicher angebracht. Solche Bereitschaft zur Selbstüberprüfung erwarte ich gerade auch von jenen, die von sich sagen, Wissenschaft und Evolutionsprozesse verstanden und reflektiert zu haben. Unsere heutige Lebensart ist überwiegend nicht zukunftsorientiert, nicht nachhaltig, im demografischen Verfall begriffen und gibt zur pauschalen Arroganz gegenüber aufstrebenden Kulturen keinen Anlass. Vielmehr kann es ernsthaft nur darum gehen, VONEINANDER zu lernen.

3. Migration & Integration

Und wenn es in unserer alternden, schrumpfenden und also zunehmend ängstlichen Gesellschaft auch mancher vielleicht nicht hören mag: Migration hilft, sofern sie durch aktive Integration begleitet wird. Wo einfache Arbeitskräfte gewonnen werden, werden Youth Bulges anderer Regionen gemildert (man denke z.B. an die Türkei in den 70er und 80er Jahren!) und von den dann sich integrierenden Migranten insgesamt weniger Kinder geboren (siehe Grafik oben). Und wo immer Fachkräfte gewonnen werden, steigt auch der Wert von Bildung - Familien auch in armen Regionen erhalten dann mehr Anreize, lieber weniger, dafür besser ausgebildete Kinder ins Leben zu senden. Und schließlich tragen die (finanziellen und kulturellen) Heimatüberweisungen von Migranten oft wesentlich zur Entwicklung der Herkunftsregionen bei. Japan ist dagegen ein schönes Beispiel für eine moderne Nation, die versucht hat, sich völlig gegen Zuwanderung abzuschotten - und nach kurzer Blüte nun in einer demografischen und wirtschaftlichen Abwärtsspirale gefangen ist. Fremdenfeindlichkeit löst weder globale noch lokale Probleme.

4. Muslime als Verbündete

Wie wir gesehen haben, greifen "zornige, junge Männer" nach jeder Konfliktbegründung: Im demografisch explodierenden Ruanda haben so Christen an Christen Völkermord begangen, und ebenso sind die meisten Opfer islamistischer Extremisten andere Muslime. Und wie ein homophobes Gesetzesvorhaben im überwiegend "christlichen" Uganda zeigt, treten auch andere Untaten nicht nur in islamischen Kontexten auf. Deswegen ist es nicht nur falsch, "die Muslime" hier für die Gewalt in sog. "islamischen Ländern" verantwortlich zu machen - es ist auch genau das, was die Terroristen erreichen wollen. Wenn junge Muslime auch in Europa verhöhnt, ausgegrenzt und diskriminiert werden, fördern wir die demografische und kulturelle Spaltung, die doch zu überwinden wäre. Wenn wir dagegen jene Muslime anerkennen, die Dialog, Bildung, Demokratie und Entwicklung anstreben, stärken wir die Reform- und Friedenskräfte.

Dann wäre aus den "westlichen Demografie-Sorgen" ein wirklich nachhaltiger Beitrag zur "Terrorabwehr" geworden. Und vielleicht gar wieder eine Chance, zu einer weltoffenen, deutschen Kultur zu finden, die wieder zukunftsfähig ist...


32 Kommentare zu “Werden Deutschland, Europa islamisch? Haben Muslime grundsätzlich mehr Kinder?”

  1. susann Antworten | Permalink

    Du sagst es

    Ich muss dem nichts hinzufügen, denn ich bin absolut deiner Meinung. Diese Arroganz, die mit jedem Wort dieses Artikels von Heinsohn ausgestrahlt wurde, ist fast schon Peinlich. Wird Zeit umzudenken.

  2. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ susann

    Vielen Dank!

    Nun kann ich nur hoffen, dass sich genügend Leser finden, die auch die etwas komplexeren Zusammenhänge nachvollziehen und anderen davon erzählen. Denn die verkürzte Message: Muslime kriegen so viele Kinder, deswegen sind sie eine Bedrohung, ist natürlich viel "eingängiger". Auch befreit sie von der Pflicht, auch über das eigene Verhalten, die eigene Verantwortung nachzudenken, ist also bequemer.

    Daher danke ich für den ermutigenden Kommentar sehr und hoffe, dass sich noch einige Leser finden!

  3. Mona Antworten | Permalink

    Seelische Bankrotteure

    Gunnar Heinsohns These vom "youth bulge" hört sich zwar griffig an, ist aber trotzdem nicht richtig. Es mag zwar stimmen, dass Völker welche über ein nahezu unerschöpfliches Reservoir an Kriegern verfügen konfliktbereiter sind als schrumpfende Nationen, die mit dem Leben ihrer Soldaten pfleglicher umgehen müssen. Doch eine Erklärung für den Terrorismus ist es nicht, denn auch im geburtenarmen Europa gibt es radikale Islamisten. Warum aber werden junge Männer zu Dschihadisten? Mir sind keine Untersuchungen bekannt, die eine Erklärung dafür liefern.

    Die "taz.de" schreibt:
    "In Deutschland gibt es zurzeit zwei Heilsversprechen, die die Systemüberwindung und die Erhöhung der eigenen Person in Aussicht stellen: den Rechtsextremismus und den Islamismus. Der Rechtsextremismus mit seinem ideologischen Fundament, dem Völkischen, ist für Jugendliche und junge Erwachsene aus Migrantenfamilien aus nahe liegenden Gründen unattraktiv. Der Islamismus dagegen verzichtet auf die Exklusivität des "Blutes" und lädt jeden ein, der sich in einem Akt des Voluntarismus zu ihm bekennt - unabhängig von der nationalen, religiösen, sozialen und ethnischen Herkunft. Als Internationalismus des 21. Jahrhunderts ist der Islamismus deshalb auch für Sinn- und Aktionssuchende attraktiv, denen der Islam nicht in die Wiege gelegt wurde.
    Über den hausgemachten Islamismus und über die Metamorphose vom Bürger zum Dschihadisten wissen wir so gut wie nichts, über den deutschen Rechtsextremismus sehr viel. Bei Letzterem wurden die Motive und Biografien der Täter in Hunderten von Studien erforscht und analysiert. Sie liefern die wissenschaftliche Hardware, die den Strategien zur Einhegung durch Polizei, Nachrichtendienste, der politischen Bildung, der Jugendarbeit und der kommunalen Politik zugrunde liegt. Beim Thema Islamismus fehlt es an quantitativen und qualitativen wissenschaftlichen Studien. Fast die gesamte deutsche Wissenschaft hat sich bis heute, sei es aus Ignoranz oder aus Unvermögen, dem Thema verweigert."
    Von hier:
    http://www.taz.de/...-artikel&cHash=2042353cf1

    Einzig in Schweden gab es einen Film, der Gründe für den Extremismus suchte:
    http://www.nytimes.com/...ht-sweden.4.7898847.html

    Insgesamt ist die Suche nach Antworten sicher ein eher schwieriges Unterfangen. Trotzdem setzt man in der Schweiz auf Dialog:
    http://archiv.onlinereports.ch/...litantSpuren.htm

  4. Noah Antworten | Permalink

    cum hoc ergo propter hoc?

    Koinzidenz, Korrelation, Kausalität? Die Frage, Mona, stellte ich mir beim ersten Lesen auch.

    Michael, sind die Beziehungen der Variablen nachgewiesen, eine hinreichend hohe Wahrscheinlichkeit, oder nur angenommen? Testverfahren kann ich mir nur schwerlich vorstellen (kann man - es mal genau nehmend - bei der Kröhnert-Studie wirklich von einem empirischen Test sprechen?).

    Der Artikel gefällt mir übrigens (trotz der Frage) sehr gut!

    Herzliche Grüße vom Noah.

  5. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Mona, Noah

    Vielen Dank für Eure Nachfrage!

    Ich hatte die Youth Bulge-Theorie (die Gary Fuller 1995 vorgeschlagen und Heinsohn 2003 aufgegriffen hat) nicht so verstanden, dass sie den Anspruch erhebt, jede Form des Extremismus erklären zu wollen. Vielmehr ging es eher darum, aufzuzeigen, warum unter bestimmten Umständen sehr viel mehr Menschen solche extremistischen Lehren als Rechtfertigung für Gewalt aufgreifen.

    So sind (individuell unterschiedlich starke) Emotionen von Fremdenfeindlichkeit wohl menschlich universale Atavismen und wir finden quer durch alle Kulturen aggressiv-fremdenfeindliche Gruppen, vor allem auch unter gesellschaftlichen Verlierern:
    http://www.chronologs.de/...ution-von-homo-sapiens

    Aber nach der YB-These würde ein Überschuss junger Männer die Gefahr erhöhen, dass solche Rassismen und Nationalismen auch politische Macht an sich reißen und z.B. zur Rechtfertigung von Gewalt gegen Minderheiten oder Aggressionskriegen (man denke an Losungen wie "Lebensraum im Osten" etc.) herangezogen werden. Dass sich dann durchaus auch Gebildete an die Spitze solcher Bewegungen zu setzen versuchen, ist ja (leider) ebenfalls nicht neu.

    Fuller hat übrigens 2004 noch einmal ein neues Papier dazu vorgelegt:
    http://ispu.org/...DFs/graham%20fuller%20paper.pdf

    @ Noah: Die Studie des Berlin-Institutes stellt aus meiner Sicht eine recht überzeugende Überprüfung der Grundthese dar. Es gibt daneben auch noch weitere im englischen Sprachraum (die beispielsweise auch weitere Faktoren berücksichtigen), ich weiß nur nicht, ob sie schon online verfügbar sind.

  6. Balanus Antworten | Permalink

    Youth Bulg

    Schon als ich das erste Mal durch Heinsohn von dieser These hörte, fand ich es einleuchtend, dass es einen Zusammenhang zwischen (jungen) Männern und Konflikten gibt. Risiko- und Gewaltbereitschaft sind bei jungen Männern größer als in anderen Bevölkerungsgruppen, und mit der Anzahl der Jungen insgesamt steigt auch die Zahl der potentiellen "Krieger", die man braucht, um inner- oder zwischenstaatliche Konflikte oder auch Terrorismus zu befeuern Aber das heißt eben noch nicht, dass ein hoher Jungendanteil ursächlich für Konflikte wäre.

    In der dankenswerterweise verlinkten Studie von Steffen Kröhnert finde ich Abbildung 1 über den Zusammenhang zwischen Weltbevölkerung und Länder mit gewaltsamen Konflikten reichlich daneben. Ich zitiere: "Die Korrelation zwischen Weltbevölkerungszahl und der Anzahl der an gewaltsamen Konflikten beteiligten Länder lag im Zeitraum zwischen 1950 und 2000 bei 0,93 und zeigt damit einen hochgradigen Zusammenhang." Zwar wird diese Aussage im Weiteren relativiert, aber immerhin fand der Autor diesen "Zusammenhang" berichtenswert. Der kontinuierliche Anstieg der Weltbevölkerung im betrachteten Zeitraum von 2,5 auf 6 Milliarden war demnach begleitet von einer schwankenen Zunahme der Konflikt-Länder von ungefähr 10 bis über 40. Kein Wunder also, dass hier ein statistischer Zusammenhang besteht. Und zwar unabhängig davon, ob diese Konflikt-Länder nun am Wachstum der Weltbevölkerung wesentlich beteiligt waren.

    Wohlgemerkt: Die Frage, ob es in den letzten 50 Jahren eine Zunahme der Konflikt-Länder gegeben hat, ist berechtigt. Nur die Berechnung einer Korrelation mit dem Weltbevölkerungswachstum ist unsinnig.

    Im Ergebnis zeigt diese Studie aber, dass die sozioökonomische Entwicklung letztlich ausschlaggebend dafür ist, ob ein hoher Jungendanteil zu Konflikten führt oder nicht. Gunnar Heinsohns These wird also nicht wirklich bestätigt.

    Soviel zum Thema Youth Bulg, Heinsohn und Kröhnert-Studie.

  7. Balanus Antworten | Permalink

    @Michael Blume

    Nun zu der Angst, Deutschland oder Europa könnte islamisch werden. Diese ist, wie Sie richtig ausführen, ziemlich unbegründet. Denn ganz unabhängig von der Religionszugehörigkeit führt die sozioökonomische Entwicklung in der Regel zu einer Senkung der Geburtenrate.

    Und dann haben wir auch noch, da haben Sie schon wieder Recht, den säkularisierenden Effekt der Wohlfahrtsstaaten. Je besser es den Menschen geht, desto weniger spielt Religion eine Rolle. Insofern ist Integration in der Tat die Wunderwaffe gegen eine religiöse Islamisierung Europas. Denn nur sie (die betont religiöse Form) würde vielleicht zu den befürchteten Änderungen der Rechtssysteme führen.

    Soweit so gut.

    Deutschland und Europa werden also "nicht" islamisch, sondern unterteilen sich in kinderarm-alternde, säkulare Schichten und darin kinderreiche "Inseln" christlicher, islamischer, jüdischer und anderer Glaubensgemeinschaften.

    Das stimmt zwar, könnte aber zu falschen Schlüssen führen. Deshalb folgende Anmerkung zu den "kinderarm-alternden, säkularen Schichten":

    Dass "Säkulare" weniger Kinder kriegen, ist kein Phänomen der letzten zwei Jahrzehnte, dass war (vermutlich) schon immer so. Dennoch stellen wir heute fest, dass die Säkularisierung der deutschen Gesellschaft stets weiter fortgeschritten ist. Relativ aktuelle Zahlen liefert hierzu eine repräsentative Studie der Identity Foundation über die „Spiritualität in Deutschland“, die in Zusammenarbeit mit der Universität Hohenheim 2006 durchgeführt wurde. Laut dieser Studie können nur noch 10% der Bevölkerung zur Gruppe der "Traditions-Christen" gezählt werden.

    Das sind solche, die in "Elternhaus und Familie eine starke religiöse Prägung erfahren" haben ("Sie finden Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Beschaffenheit des Seins in Religion und Glauben in enger Anbindung an die Kirchen. Religiöse Rituale geben ihrem Alltag Struktur, sie haben im Laufe ihres Lebens ihren Glauben vertieft und intensiviert und wünschen sich einen stärkeren Gottesbezug im öffentlichen Leben. Charakteristisches Statement: Ich glaube an einen persönlichen Gott, zu dem ich z.B. über das Gebet in Kontakt treten kann.")

    Auf der anderen Seite bezeichnen sich rund 20% der Befragten als "überzeugte Atheisten". Dies gehören laut Studie zur Gruppe der "unbekümmerten Alltags-Pragmatiker", die etwa 40% der Bevölkerung ausmachen (diese "sind vor allem an der eigenen Zufriedenheit und wirtschaftlichen Lage interessiert. Die gelegentlich aufkeimende Sinnfrage lösen sie über ihr Engagement im Beruf und über familiäre und freundschaftliche Beziehungen.")

    Aus alledem folgt: Die kinderreichen "Inseln" der verschiedenen Glaubensgemeinschaften haben gute Chancen, "Inseln" zu bleiben.

    Hier geht’s zu den PDFs: http://identity-foundation.de/...mitteilungen.html

    P.S. Stelle soeben fest, dass die Kommentare ohne Moderation sofort erscheinen. Das gefällt mir ausgesprochen gut :-)

  8. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Balanus

    Vielen Dank! Darauf gehe ich gerne ein!

    Im Ergebnis zeigt diese Studie aber, dass die sozioökonomische Entwicklung letztlich ausschlaggebend dafür ist, ob ein hoher Jungendanteil zu Konflikten führt oder nicht. Gunnar Heinsohns These wird also nicht wirklich bestätigt.

    Nun ja, wenn man streng behaupten würde, die Demographie sei "ursächlich" für die Konflikte. Ich verstehe die YB-These jedoch so, dass sich die Anzahl potentiell konflikt"bereiter" Akteure in Populationen mit überhohem Jugendanteil erhöht. YB wäre also nicht die Quelle von Extremismus (siehe oben, Mona), sondern ein Risikofaktor zur Ausbreitung desselben. Insofern diesen jungen Leuten jedoch lebenswerte Perspektiven geboten werden können (beispielsweise durch wirtschaftliche und politische Entwicklung) kann, so verstehe ich die YB-These, dieses Gefahrenpotential mindestens teilweise entschärft werden (wofür ich mich ja denn auch ausspreche). Insofern scheint mir, dass wir auch hier wohl etwa das gleiche meinen. :-)

    Aus alledem folgt: Die kinderreichen "Inseln" der verschiedenen Glaubensgemeinschaften haben gute Chancen, "Inseln" zu bleiben.

    Naja, genau das habe ich ja geschrieben. Kaufmann nimmt zwar einen (demographisch bedingten) Wiederaufschwung europäischer Religiosität ab etwa 2040 an, aber ich kann mir auch schnellere oder langsamere Entwicklungen vorstellen. M.E. fehlen uns da einfach noch zu viele Daten und Kenntnisse. Zu Kaufmann ein Post hier:
    http://www.scilogs.eu/...aphy-in-political-studies

    P.S. Stelle soeben fest, dass die Kommentare ohne Moderation sofort erscheinen. Das gefällt mir ausgesprochen gut :-)

    Ja, ich dachte mir: Spam, Beleidigungen etc. lassen sich ja auch einfach löschen. Also, mehr Freiheit wagen! :-)

  9. Dietmar Hilsebein Antworten | Permalink

    "Ja, ich dachte mir: Spam, Beleidigungen etc. lassen sich ja auch einfach löschen. Also, mehr Freiheit wagen! :-) "

    Respekt, Herr Blume, Respekt!

  10. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Dietmar, Mona

    @ Dietmar Hilsebein

    Danke! Sie sind einer der Gründe dafür, dass ich es (wieder) wagen möchte. M.E. ist ein Teil der Freude am Kommentieren auch der Spontanität geschuldet, die durch das Moderieren gelähmt wird. Klar, bei Religion(en) wird es auch mal emotionaler und persönlicher als z.B. bei Fragen der Chemie, aber ich möchte es einfach wieder versuchen, der vielen vernünftigen Leser und Kommentatoren wegen.

    @ Mona

    Danke für den Link, auch dieser verweist ja auf die o.g. Berlin-Studie! :-)

    Und eigentlich gibt es ja dann auch kein schöneres Ergebnis, als wenn die Leute (z.B. nach dem Welt-Artikel, auf den dieser Post reagierte) sagen: Okay, ansprechender Gedanke, aber jetzt will ich es besser verstehen. Oder würdest Du sagen, dass an der YB-These gar nichts stimmt?

  11. Mona Antworten | Permalink

    Heinsohn

    Ich sage ja nicht, dass an der YB-These gar nichts stimmt, aber mir ist sie zu einseitig. Politische Gründe, wie sie in meinem obigen zweiten Link aufgeführt werden, kommen nur peripher vor. Heinsohn schreibt, die Eigentumsgesellschaft spiele eine zentrale Rolle und er hält die Transformation von der Besitz- in eine Eigentumsgesellschaft für einen sehr wichtigen Punkt, der den Entwicklungsländern sogar als Königsweg aus ihrer verfahrenen Situation zu empfehlen sei. Da kann man natürlich geteilter Meinung sein.
    „Exkurs: Die Eigentumsgesellschaft“: http://begleitschreiben.twoday.net/...8196/comment

  12. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Mona: Ja!

    Liebe Mona, ja, da sind wir einer Meinung. Die YB-These macht (nur) dann Sinn, wenn sie im Kontext auch mit anderen Faktoren gesehen wird. Und als Ausgangspunkt für Überlegungen, um Konfliktverläufe vorauszusehen und möglichst zu entschärfen.

    Mich persönlich hat ja vor allem gestört, dass Heinsohn gar nicht erwähnt, dass auch in sich entwickelnden, islamischen Gesellschaften (wie z.B. der Türkei) die Geburtenraten stark sinken. Bei weniger informierten Lesern könnten dagegen Formulierungen wie "demografische Aufrüstung" so verstanden haben, als verfolgten "die Muslime" einen reproduktiven Masterplan. Die Kommentare unter dem Welt-Artikel sind auch entsprechend ausgefallen. Der Mann hat immerhin ein "Institut für Völkermordforschung" aufgebaut, dennoch nimmt er offenbar in Kauf, dass seine Texte ggf. (weitere) Ängste gegenüber religiösen Minderheiten schüren. Aber Muslim-Bashing verkauft sich halt gerade in Europa super.

  13. Gregor Keuschnig Antworten | Permalink

    Ich finde Heinsohns YB-These durchaus schlüssig, wobei er tatsächlich nicht monokausal argumentiert. Er zeigt in seinem Buch "Söhne und Weltmacht", dass das YB-Phänomen auch zu den europäischen Eroberungs- und Entdeckungszügen im 14. und 15. Jahrhundert geführt hat.

    Desweiteren sagt er nicht, dass es im beschriebenen Maß kommen MUSS. Wie auch umgekehrt eine Gesellschaft ohne diese "zornigen jungen Männer" nicht friedlicher sein muss (hierfür könnte man Deutschland in den 30er Jahren als Beleg anführen).

  14. Balanus Antworten | Permalink

    @Michael Blume - Wiederaufschwung

    »Kaufmann nimmt zwar einen (demographisch bedingten) Wiederaufschwung europäischer Religiosität ab etwa 2040 an, aber ich kann mir auch schnellere oder langsamere Entwicklungen vorstellen.«

    Das meinte ich mit "falschen Schlüssen". Für einen demographisch bedingten Wiederaufschwung europäischer Religiosität sehe ich derzeit noch keine Hinweise. Die Fertilität der Religiösen müsste wohl mehr als doppelt so hoch sein wie die der Säkularen, und das ist sie nicht.

    »M.E. fehlen uns da einfach noch zu viele Daten und Kenntnisse. «

    Schon richtig, aber ein bisschen was wissen wir schon (Geburtenraten, Heritabilität der Religiosität).

  15. Michael Blume Antworten | Permalink

    @ Balanus

    Nun ja, mit Bezug auf Israel und die USA kann Kaufmann immerhin schon Beispiele benennen, in denen es einen demografischen (Wieder-)Aufschwung von Religiosität und Religionen gegeben hat. Auch in Ländern wie Russland oder Bosnien scheinen sich entsprechende Entwicklungen bereits abzuzeichnen. Mein Forschungsgebiet sind ja eher die längerfristigen Evolutionsprozesse, aber auch religiös interessant wird das 21. Jahrhundert wohl auf jeden Fall...

    Im März soll Kaufmanns Buch zum Thema erscheinen ("Shall the Religious Inherit the Earth?") - ich bin gespannt, ob es überzeugende Argumente und Daten enthalten wird und werde es auf jeden Fall hier im Blog besprechen.

  16. Kunar Antworten | Permalink

    Arbeitsthese ja, Welterklärung nein

    Als Arbeitsthese ist YB sicherlich geeignet, als billiger Vorwand für hysterische Reportagen sicherlich ebenfalls, aber als fundierte Erklärung für die Welt ebensowenig wie der vor ca. 10 Jahren beschworene "Clash of cultures". Es bleiben zunächst zu viele Fragen offen bzw. es wird nicht klar, ob diese attraktive (weil einfache) These auf andere Ursachen hin abgeklopft wurde.

    Alternative Erklärung: Der YB ist gar nicht die Ursache für Krisen, sondern wird gemeinsam mit Krisen von einer dritten Größe verursacht. Das ist ein typischer Statistikfehler, wie er häufig auftritt. Wie wäre es, wenn z.B. YB und Krisen durch Missstände in einer Gesellschaft verursacht werden? Fehlende Versorgung verursacht Kinderreichtum (Fortpflanzung als einziges Vergnügen und scheinbare Altersabsicherung), Korruption verbaut vielen eine Aufstiegschance.

    Wurde überprüft, ob es Gesellschaften ohne YB gibt mit denselben Problemen und Gesellschaften mit YB ohne diese Probleme? Gerade daran ließ sich eine einfache These so leicht abklopfen! Warum hat Land X einen YB, aber nicht die Instabilität? Warum hat Land Y keinen YB, aber dasselbe Phänomen tritt auf?

    Inwieweit ist dass Messkriterium verallgemeinerbar? Ich könnte mir z.B. gut vorstellen, dass Deutschland auch einen YB hat, dieser aber nicht so messbar ist. 1. werden die Kinder später geboren, 2. sind Leute deutlich länger "jung" (bis über 30), 3. werden viel mehr Leute viel älter. Gleichzeitig sind wir ein reiches Land, geben aber immer mehr Leuten trotz guter Ausbildung zu verstehen, dass sie überflüssig sind und nicht gebraucht werden. Die Gesellschaft entledigt sich ihrer Jugend - war das nicht die eine wichtige Voraussetzung für Krisen?

  17. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Kunar

    Wow, ein engagierter Kommentar! Gerne antworte ich darauf!

    Als Arbeitsthese ist YB sicherlich geeignet, als billiger Vorwand für hysterische Reportagen sicherlich ebenfalls, aber als fundierte Erklärung für die Welt ebensowenig wie der vor ca. 10 Jahren beschworene "Clash of cultures".

    Genau so sehe ich das auch! Deswegen ja dieser Blogpost. Die YB-Hypothese an sich finde ich schon fruchtbar, aber sie reicht alleine nicht und müsste vor allem auch durch Handlungsvorschläge ergänzt werden.

    Es bleiben zunächst zu viele Fragen offen bzw. es wird nicht klar, ob diese attraktive (weil einfache) These auf andere Ursachen hin abgeklopft wurde.

    M.E. zu wenig. Aber vielleicht gibt es ja einen politikwissenschaftlichen Blog, der sich in solchen Fragen spezialisiert hat? Bei mir war es "nur" das 2. Hauptfach und ich äußere mich ja vor allem deswegen, weil zu Religionen und Demografie forsche.

    Alternative Erklärung: Der YB ist gar nicht die Ursache für Krisen, sondern wird gemeinsam mit Krisen von einer dritten Größe verursacht. Das ist ein typischer Statistikfehler, wie er häufig auftritt.

    Da würde Dir Heinsohn sogar recht geben, denn natürlich gibt es für die hohen Geburtenraten Gründe (z.B. im jeweiligen, agrarischen Wirtschaftssystem). Die entsprechenden Kapitel in Heinsohns "Söhne und Weltmacht" haben mich da jedoch weniger überzeugt und werden wohl auch medial kaum angefragt. Aus meinem Forschungsgebiet ließe sich z.B. beisteuern, dass wir ja auch Gemeinschaften wie die Amischen mit extrem hohen Geburtenraten haben, die bislang dennoch stets gewaltfrei geblieben sind.

    Wie wäre es, wenn z.B. YB und Krisen durch Missstände in einer Gesellschaft verursacht werden? Fehlende Versorgung verursacht Kinderreichtum (Fortpflanzung als einziges Vergnügen und scheinbare Altersabsicherung), Korruption verbaut vielen eine Aufstiegschance.

    Ja, das bestreitet m.W. auch niemand. Und dies gäbe ja schon konkrete Ansatzpunkte für vorbeugendes Handeln her. Oben habe ich ja vier Punkte vorgeschlagen, andere können das sicher noch besser.

    Wurde überprüft, ob es Gesellschaften ohne YB gibt mit denselben Problemen und Gesellschaften mit YB ohne diese Probleme? Gerade daran ließ sich eine einfache These so leicht abklopfen!

    Die besten Arbeiten zum Thema im deutschsprachigen Raum hat bisher das Berlin-Institut geleistet. Und ich hoffe doch sehr, dass einige Politikwissenschaftler da dran sind. Wir Religionswissenschaftler sind ja nicht allzuständig. :-) Ernsthaft: Das wäre Aufgaben für interdisziplinäre Projekte, zu denen die Religionsdemografie einige Bausteine beitragen könnte.

    Ich könnte mir z.B. gut vorstellen, dass Deutschland auch einen YB hat, dieser aber nicht so messbar ist. 1. werden die Kinder später geboren, 2. sind Leute deutlich länger "jung" (bis über 30), 3. werden viel mehr Leute viel älter.

    Seit 1971 starben in Deutschland in jedem Jahr mehr Menschen, als geboren wurden. Wir sind eine schrumpfende, sogar implodierende Gesellschaft - ob man die Geburtenraten nun um 0,2 Punkte hoch- oder runterrechnet. Neue Daten sind von der Volkszählung 2011 zu erhoffen - ich gehe davon aus, dass wir unsere Bevölkerungszahlen werden nach unten korrigieren müssen.

    Gleichzeitig sind wir ein reiches Land, geben aber immer mehr Leuten trotz guter Ausbildung zu verstehen, dass sie überflüssig sind und nicht gebraucht werden. Die Gesellschaft entledigt sich ihrer Jugend - war das nicht die eine wichtige Voraussetzung für Krisen?

    Ja, absolut. Man kann dies derzeit auch in Griechenland sehen, in denen die Geburtenraten noch geringer und das Ausbildungssystem völlig kaputt ist: Es gibt Randale, Gewalt und sogar wieder das Aufflackern linksextremer Terrorgruppen. In Deutschland hatten wir u.a. die Bologna-Diskussion, an der ich mich z.B. hier beteiligt hatte:
    http://www.chronologs.de/...enen-der-reformdebatte

    Danke für den Kommentar, herzliche Grüße!

  18. Yadgar Antworten | Permalink

    Fundamentalismus fördern?

    Wenn man sich die Kinderzahlen z. B. im extrem evangelikalen Milieu ansieht (Rudolf Ebertshäuser z. B. mit 10 Kindern), wäre es dann nicht sinnvoll, hierzulande zur Bevölkerungsstabilisierung staatlicherseits den moralisch konservativsten Teil des Christentums (also z. B. Brüdergemeinden, katholische Traditionalisten, Sedisvakantisten) massiv zu fördern?

  19. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Yadgar

    Danke für den unkonventionellen Vorschlag... :-)

    Abgesehen von den grundgesetzlichen und menschenrechtlichen Bedenken (Religionsfreiheit & Diskriminierungsverbot für Anders- und Nichtglaubende) ist dazu zu sagen, dass es so wohl nicht funktioniert: Der schnellste Weg, eine religiöse Tradition zu ruinieren, ist es, sie zur Staatskirche zu machen. Dann erlahmt der Wettbewerb, die Menschen fühlen sich gegängelt und angewidert und wenden sich ab. Aktuelles Beispiel: Iran, in dem nach Jahrzehnten der Theokratie der Klerus weithin verachtet und weniger gebetet und gefastet wird als in der laizistischen Türkei.

    Die religiös dynamischte Gesellschaft des Westens sind entsprechend die USA, die eine strikte Staat-Kirchen-Trennung, ein sehr weites Verständnis von Religionsfreiheit und also einen wettbewerblichen, religionsdemografischen Markt hervorgebracht haben.

    Wenn Sie also - aus welchen Gründen auch immer - der Auffassung sind, dass Deutschland mehr Evangelikale bräuchte, müssten Sie wohl selbst einer werden und ggf. versuchen, auch andere zu gewinnen. ;-)

  20. MayJay Antworten | Permalink

    Interessant! Das Thema mal von einer sachlichen Perspektive. Danke für den Beitrag

  21. kerstin Antworten | Permalink

    Muslime

    Muslime wollen immer mehr Kinder auf Kosten von Harz Vier und des Deutschen Staates um Deutschland abzuschaffen.
    Gute Heimreise wer nur auf deutsche Staatkosten leben will.

  22. Michael Blume Antworten | Permalink

    @kerstin

    Also, hier in Baden-Württemberg ist die Arbeitslosigkeit auch unter Muslimen sehr niedrig. Und auch die muslimischen Süddeutschen z.B. bei Bosch, Daimler und im Mittelstand zahlen Steuern und Renten z.B. für die nord- und ostdeutschen Bundesländer sowie unsere mangels Kindern alternde Gesamtgesellschaft. Wie viele Muslime kennen Sie denn persönlich?

  23. Störk Antworten | Permalink

    faith & fertility

    gerade habe ich auf einer Site, die sich sonst mit völlig anderen Themen befaßt, auf das hier gestoßen:
    http://www.achgut.com/...on_hiding_in_plain_sight/
    bzw. ausführlicher
    http://www.atimes.com/...Middle_East/NF12Ak02.html

    Der Zusammenhang
    - Land mit islamischer Staatsreligion
    - Säkularisierung und Glaubensverlust
    - (dramatisch) einbrechende Geburtenraten
    scheint auf so viele islamisch dominierte Länder zu passen, daß er inzwischen noch mehr Leuten auffällt.

  24. Kai Antworten | Permalink

    Blumes Rechnung geht nicht auf

    paar Beispiele der „nicht-stattfindenden Islamisierung“ (Anteil muslimischer Schüler an den deutschen Schulen):

    Duisburg: 31,86% (nur Grundschüler: 35,35%)
    Gelsenkirchen: 29,4% (33,25%)
    Gladbeck: 28,21% (34,89%)
    Düsseldorf: 18,1% (21,12%)
    Essen: 17,78 (21,31%)
    Mönchengladbach: 14,85% (18,4%)
    Oberhausen: 19,94% (21,35%)
    Remscheid: 21,37% (25,28%)
    Wuppertal: 18,93% (21,64%)
    Heiligenhaus: 18,33% (23,98%)
    Monheim am Rhein: 19,39% (22,8%)
    Neuss: 17,32% (21,07%)
    Kamp-Lintfort: 18,83% (23,94%)
    Bonn: 15,4% (21,83%)
    Köln: 22,15% (24,01%)
    Wesseling: 24,69% (24,27%)
    Hückelhoven: 23,5% (25,8%)
    Bottrop: 19,79% (22,89%)
    Herten: 27,71% (28,61%)
    Recklinghausen: 20,43% (25,84%)
    Ahlen: 24,77% (29,88%)
    Bielefeld: 15,51% (18,46%)
    Bochum: 17,24% (20,73%)
    Dortmund: 21,74% (25,57%)
    Hagen: 21,26% (26,26%)
    Hamm: 21,24% (25,66%)
    Herne: 26,79% (31,64%)
    Werdohl: 37,22% (42,66%)
    Kreuztal: 17,16% (20,59%)
    Bergkamen: 22,82% (24,48%)

    + Zuzug von Verwandten
    + Flüchtlinge
    + weiteren ansteigenden Zahlen von Wirtschaftsflüchtlingen

    Gutes Beispiel, siehe Schweden der Anteil nicht schwedischen Bevölkerung liegt inzwischen bei 30% !!

  25. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Kai: Zwei Fragen

    Die erste: Könnten Sie uns bitte die Quelle dieser interessanten Zahlen nennen?

    Und die zweite: Inwiefern ist es Ihres Erachtens die Schuld "der Muslime", dass Deutsche insgesamt viel zu wenig Kinder bekommen? (Wenn Sie wollen, können Sie uns ja mitteilen, wie viele Sie selbst zur Rettung des Abendlandes beisteuern.)

  26. Balanus Antworten | Permalink

    @Michael Blume, an @Kai:

    » (Wenn Sie wollen, können Sie uns ja mitteilen, wie viele Sie selbst zur Rettung des Abendlandes beisteuern.) «

    Wenn Kais Frau im Alter zwischen 35 und 49 Jahren und im Berufsfeld „Reinigung und Entsorgung“ tätig ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er mehrere Kinder hat (nur 7% dieser Frauen sind kinderlos). Wenn sie aber einen künstlerischen Beruf hat, hat er wahrscheinlich nur wenig zur „Rettung des Abendlandes“ beigetragen (47% dieser Frauen sind kinderlos).

    Quelle: Geburten in Deutschland, Ausgabe 2012, Statistisches Bundesamt.

    Beste Grüße!

    (Und Gratulation zu dem neuen Taschenbuch. Bücher sind ja fast so was wie Kinder, oder?)

  27. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Balanus

    Lieben Dank für die Daten mit seriösen Quellenangaben (@Kai, so geht das!) und die Glückwünsche! ;-)

    Ja, auch in Bücher investiert man Herzblut, sieht sie über Monate mit Hoffen und Bangen reifen, ersehnt, dass sie ihren Weg gehen werden, grübelt, ob man genug und das Rechte getan habe...

    Allerdings gibt es natürlich den wesentlichen Unterschied, dass "Evolution und Gottesglauben. Charles Darwin als Theologe" im Dialog mit vielen Leserinnen und Lesern (auch Ihnen, @Balanus!) entstanden ist - meine leiblichen Kinder dagegen nur, wie ich annehmen darf, zwischen meiner Frau und mir. :-)

    Beste Grüße!

  28. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Störk

    Vielen Dank, ein spannender Fund. Das Thema Religion & Demografie breitet sich also zunehmend aus...

  29. Carlo Antworten | Permalink

    Drohnenkrieg

    Zwar schon etwas älterer Blog, aber deswegen nicht weniger interessant. Gunnar Heinsohns These kann ich durchaus etwas abgewinnen. Spontan fiel mir dabei der Drohnenkrieg der Amerikaner gegen (vermeintliche) Terroristen in Pakistan, Jemen usw. ein. Für mich heißt das, der Westen bzw. die USA will möglichst überhaupt keine Menschenleben in einem Krieg riskieren und setzt somit auf Ausbildung, Innovation und Technik. Dort, wo die Drohnen fallen, schaut's ganz anders aus. Hohe Geburtenraten, viele Analphabeten usw. etwas "wild", wenn man das so sagen kann.
    Das bereitet mir etwas Sorge. Denn der Unterschied könnte nicht größer sein. Ich denke, das wird eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

    P.S. Eine Frage hätte ich noch, Herr Blume. Ich sehe in Europa, im Gegensatz zu den USA, keine demografisch erfolgreiche christliche (auch jüdische) Inseln. Warum ist das so? Oder täusche ich mich?

  30. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Carlo

    Leider ist Religionsfreiheit in Europa eher spät und schwach entwickelt: Viele wachsende Gemeinsen in den USA und Israel gehen ja auf Flüchtlinge aus Europa zurück. Hinzu kommen sehr dichte Sozialstaaten, die Säkularisierung begünstigen. Dennoch gibt es jüdisch-orthodoxe, evangelisch-freikirchliche, calvinistische (in den Niederlanden) und islamisch-konservative, aber auch neopagane (Artamanen) Milieus mit stabil mehr als zwei Kindern pro Frau. Ein paar Dekaden wird sich wohl mehr sagen lassen! :-)

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