Biosprit und Strom aus Industriemüll

20. Februar 2008 von Björn Lohmann in Verkehr

Rapsfeld (Foto: Pixelio)

Biosprit ist wieder einmal weit oben auf der politischen Agenda in Deutschland. Dass Palmöl aus Indonesien ökologischer Wahnsinn ist, irritiert unsere Politiker dabei kaum. Aus Finnland kommt jetzt eine intelligente Alternative: Ethanol und Strom aus Industrieabfällen.

Schon im letzten Jahr sorgten die Mexikaner für Schlagzeilen, weil sie sich ihre Tortillas nicht mehr leisten konnten – zu teuer ist inzwischen der Mais. Warum? Weil ein gewisser Präsident der USA beschlossen hat, sein Land müsse im Jahr 2022 132,5 Milliarden Liter Biokraftstoffe produzieren – und seitdem ist dem Maispreis explodiert, denn aus Mais lässt sich Ethanol herstellen. Da wollte die EU nicht zurückstehen und hat verkündet, bis 2020 zehn Prozent des Spritverbrauchs aus regenerativen Quellen bestreiten.

Importe von Palmöl aus Indonesien sind da gerade recht. Dass für dessen Anbau riesige Waldflächen gerodet und dadurch Unmengen Kohlendioxid freigesetzt wurden – das merkt ein deutsches Auto ja nicht. Ebenso wenig wie es merkt, dass dieser Wald auf einer dicken Torfschicht stand, die nun ausgetrocknet und verbrannt wurde. Die Methanmengen, die dabei freigesetzt wurden und nun unser Klima aufheizen, schaffen sonst nur Rinderherden beim Großfamilientreffen. Der Energieaufwand, das Öl nach Deutschland zu schiffen, ist da schon zu vernachlässigen.

Aber es geht ja auch ohne Importe: Rapsfelder schießen bei uns seit Jahren aus der Erde. Das leuchtet schön gelb, stimmt einen fröhlich, und dann vergisst man gerne mal, dass dort auch Lebensmittel wachsen könnten. Lebensmittel, die wir nun halt ganz ökologisch aus der halben Welt einfliegen.

Da war es wirklich ein Lichtblick, in einer Pressemitteilung zu lesen, dass in Finnland ein Konzept entwickelt wurde, das aus gewerblichen und industriellen Papier-, Pappe-, Holz- und Kunststoffabfällen Ethanol und Strom erzeugt. Dazu muss die geplante Anlage einfach mit einer Abfallbehandlungsanlage oder einer Papierfabrik kombiniert werden. Et voilà.

Und man soll es kaum glauben, auch die EU hat inzwischen festgestellt: aus Abfällen und Lignozellulose hergestellte Biokraftstoffe tragen mehr zum Klimaschutz bei als andere Biokraftstoffe. Selbst Herr Seehofer hat jetzt versichert, es sei sein Ziel, dass Deutschland sich mit landwirtschaftlichen Nahrungsmitteln weitgehend selbst versorgen könne. Das bedeutet für die Zukunft wohl weniger Gelb – aber dafür mehr Ökologie.

Foto: Pixelio


6 Kommentare zu “Biosprit und Strom aus Industriemüll”

  1. Daniel Lingenhöhl Antworten | Permalink

    Agrarspritwahn

    Der Agrarspritwahn (denn Bio ist an diesem Diesel nichts) greift immer weiter um sich:

    http://www.rspb.org/...details.asp?id=tcm:9-183488

    Jetzt soll auch in Kenia ein artenreiches Naturgebiet auf dem Ethanol-Altar geopfert werden.

    Aber was soll man erwarten, wenn hierzulande der Söder von der CSU zum Thema eine vernünftigere Meinung von sich gibt als die meisten der so genannten Grünen... (http://www.spiegel.de/...and/0,1518,528727,00.html)

  2. Fischer Antworten | Permalink

    Derartige Beispiege gibt es ...

    ...im Dutzend billiger:

    http://fisch-blog.blog.de/...iopien_gefahr~2450868

    Ich zitier mich mal selbst:
    "...aber in Wirklichkeit steht der Ökosprit in der langen und unerfreulichen Tradition, die negativen Folgen unseres Lebensstandards in die Dritte Welt zu exportieren."

    Hat sich nix geändert.

  3. Daniel Lingenhöhl Antworten | Permalink

    Uganda

    ja, diese Liste ließe sich endlos fortsetzen: In Uganda sollte eine Regenwaldschutzgebiet dem Zuckerrohr geopfert werden, in Papua-Neuguinea gleich eine ganze Insel (Woodlark), in Neu-Britannien (ebenfalls Papua-NG) sind sie gerade drüber, in Ecuador dringen "Bio"sprit-Produzenten ins Territorium der Awa-Indianer ein... Der Widerstand allerdings wächst - und das nicht nur von Umweltschützern, sondern auch von Menschenrechtsgruppen und Bürgern, die vom Wald abhängig sind. Nur bei den europäischen Politikern kommt das noch kaum an.

    Gute Übersichten findet man hier:
    http://www.biofuelwatch.org.uk/

    und natürlich hier:

    http://www.regenwald.org/index.php

  4. Daniel Lingenhöhl Antworten | Permalink

    Siggi-Pop

    Unser Umweltminister ist entweder beratungsresistent oder hört gar nicht zu - bzw. steht nur das Schicksal der Motoren im Mittelpunkt:

    Gabriel verteidigt Biokraftstoff-Strategie
    Berlin (dpa) - Bundesumweltminister Sigmar Gabriel will trotz zunehmender Kritik auch aus der Union am Ausbau der Biokraftstoffe generell festhalten. Das sagte er im Bundestag. Allerdings komme ein Ausbau des Beimischungsanteils von Biosprit zum herkömmlichen Benzin erst nach einer Überprüfung der Folgen für ältere Motoren in Frage. Zuvor hatten führende Unionspolitiker Gabriel in Zeitungsinterviews aufgefordert, an der jetzigen Beimischungsquote von 5 Prozent Biosprit festzuhalten. Andernfalls drohten hohe Mehrkosten.

  5. ck42 Antworten | Permalink

    Da die Umweltprobleme auch mit der Größe der Weltbevölkerung zunehmen ist die Idee, auf diese Weise die Nahrungsmittel als Wachstumsbegrenzer einzusetzen überzeugend.

  6. Christian Antworten | Permalink

    Hungern für den Verkehr

    Tja, da zeichnet sich am Horizont schon eine Zukunft ab, in der Menschen hungern müssen, damit Autos genug zu essen haben...

    Im Grunde eine geradezu perverse Fehlentwicklung. Obwohl gegen echten Biosprit im Grunde nichts einzuwenden ist - das Problem besteht eher darin, dass er nicht als Ergänzung sondern als Ersatz verstanden wird. Wenn die Energiewende zu schaffen sein soll, muss der Individualverkehr gerade in Deutschland erheblich reduziert und der ÖPNV wieder deutlich stärker genutzt werden.

    Hinter der Idee, den Individualverkehr in der jetzigen Form mit Biosprit aufrechterhalten zu wollen, steckt der gleiche ökologische Wahnsinn, der bereits in dem Vorschlag gipfelte, alle KfZ gegen Elektroautos auszutauschen und dann aus zig neuen "klimafreundlichen" KKWs zu betanken....

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