Deidesheim, eine Abrechnung

23. März 2012 von Joachim Schulz in Über den Tellerrand

Es ist schon eine Tradition: Nach jedem Bloggertreffen in Deidesheim hinterfrage ich mein Bloggen und zweifle, ob ich tatsächlich ein Wissenschaftsblogger oder vielleicht doch nur ein bloggender Wissenschaftler bin. Letztes Jahr endete es mit dem klaren Statement: “Ich bin kein echter Blogger”. Dieses Mal ist es etwas anders. Nach einer Laudatio von Joerg Blumtritt (@jbenno) und einer Wahl unter den Mitbloggern mit dem Scilogs-Preis 2012 ausgezeichnet, kann ich kaum daran zweifeln hier richtig zu sein. Ich wurde sozusagen überstimmt und möchte mich an dieser Stelle einmal für die Auszeichnung bedanken. Aber eine kritische Hinterfragung, was wir hier eigentlich tun, ist dennoch interessant.

Wir hatten in Deidesheim neben der Weinprobe reichlich Gelegenheit übers Bloggen nachzudenken. Drei Vorträge gab es diesmal. Einer hat mich besonders angeregt: Der Mathematik-Didaktiker Christian Spannagel referierte über Open Science 2.0 (hier die Folien). Hierbei fiel mir auf, dass mein Blog mit offener Wissenschaft nur am Rande zu tun hat. Offene Wissenschaft ist, falls ich den Vortrag trotz Schlafmangel richtig verstanden habe, wenn sich nicht nur die Elfenbeinturm-Bewohner miteinander austauschen, sondern wenn auch Praktiker von außerhalb der Wissenschaft in den Prozess eingebunden werden.

Für die Didaktik leuchtet mir das ein. Lehrer sollten eine ganze Menge von Didaktik verstehen. Ihre Expertise in den Wissenschaftsbetrieb zurück zu holen kann ein erheblicher Mehrwert für den wissenschaftlichen Fortschritt sein. Aber Christian Spannagel (oder @dunkelmunkel wie wir ihn auch nennen) hat auch darauf hingewiesen, dass sein Konzept nicht auf alle Wissenschaften übertragbar sein muss. Ist es das für die Physik?

In vielen Fachrichtungen sicher nicht. Nicht einmal ich, aktiver Experimentalphysiker mit ausgeprägtem Interesse für Theorie, könnte sinnvoll zu neuen Theorien der Quantengravitation oder zur neuen Verfahren in der Halbleiterproduktion beitragen. Wenn ich hier über solche Themen schreibe, dann tue ich das als Vermittler. Ich lese und verstehe Fachpublikationen und versuche sie in eine allgemeinverständliche Sprache zu übertragen. Dabei geht oft wesentliches verloren. Die populäre Darstellung enthält nicht mehr alle Informationen, die nötig wären, wenn man zur Theorie beitragen wollte.

Tatsächlich enthalten aber auch Fachpublikationen nicht alle nötigen Informationen. Dort lässt man in der Regel aus offensichtlichen Gründen einige Details weg. Grundlagen der Physik, die ausgebildete Physikerinnen und Physiker der betreffenden Fachrichtung kennen müssen, werden nicht in jedem einzelnen Artikel wiederholt. Das wäre unpraktikabel, weil es die Publikationen unnötig aufblasen würde. Es wäre nicht durchführbar, weil nicht alle Personen in der Grundlagenforschung den didaktischen Hintergrund haben, aus jeder Publikation ein Lehrbuch zu machen. Und zu guter Letzt wäre es auch nicht wünschenswert, weil auch die Fachkollegen und -kolleginnen nicht die Zeit haben, jedes Mal dieselben Grundlagen zu lesen.

Offene Wissenschaft, die auch Laien einbindet, kann also nicht einfach erreicht werden, indem alle Publikationen frei zugänglich werden. Open Access erlaubt es dem einzelnen Wissenschaftler oder der einzelnen Wissenschaftlerin die für die tägliche Arbeit notwendigen Unterlagen leichter und kostengünstiger zu bekommen. Studierende können mit eigenem Internetanschluss zuhause arbeiten. Wissenschaftsjournalisten können in offenen Artikeln recherchieren, ohne dazu eine Bibliothek aufsuchen zu müssen. Institute können eine Menge Geld für Abonnements sparen.

Das alles sind gute Gründe für Open Access, aber die wesentliche Zugangsbeschränkung zu wissenschaftlichen Inhalten besteht eben nicht in der Paywall der Verlage, sondern im nötigen Hintergrundwissen, in der Bildung.

Open Science ist also in gewissem Sinne auch ein Bildungsauftrag. Wissenschaft kann nur die Menschen einbinden, die ausreichend Fachwissen mitbringen um die öffentlich zugänglichen Informationen auch aufzunehmen. In der Physik besteht dieses Fachwissen in mathematischen Grundlagen und in Kenntnis naturwissenschaftlicher Modelle und Arbeitsweisen. In anderen Wissenschaften sind die Arbeitsweisen und damit dich Voraussetzungen andere.

Mein Blog ist keine offene Wissenschaft. Ich schreibe hier nicht im Auftrag des Forschungsinstituts, für das ich arbeite. Ich nutze den Blog nicht, um Ideen für meine aktuelle Forschung zu teilen oder Anregung für dabei auftretende Probleme zu bekommen. Es ist eine Privatveranstaltung, ein Blog von einem Wissenschaftler über Wissenschaft aber nicht über meine eigene Wissenschaft.

Dabei sehe ich durchaus Möglichkeiten mit meinem Blog zur offenen Wissenschaft beizutragen. Wo ich über Physik schreibe, steht der Bildungsaspekt im Vordergrund. Ziel meiner alten Homepage ist es, Physik ohne Formeln zu vermitteln. Dafür habe ich viel Lob, vereinzelt aber auch Kritik bekommen. Ist das überhaupt möglich? Jörg Blumtritt hat in seiner Laudatio auf einen Artikel hingewiesen, in dem ich mich frage, wieweit solche formellose Populärwissenschaft noch von Pseudowissenschaft unterscheidbar ist. Die Frage bleibt offen: Warum sollte die Öffentlichkeit mir meine Quantenwelt abnehmen aber die esoterischen Erklärungen von Quantenheilung ablehnen?

Aber so ein Blog steht zum Glück nicht im leeren Raum. Es gibt Lehrbücher, die dieselben Themen mit Formeln und allen Details behandeln. Und es gibt Fachpublikationen und angewandte Technikern, die auf die Modelle in den Lehrbüchern aufbauen. Populärwissenschaft nimmt so die Rolle einer Vermittlerin ein. Wissenschaftliche Erkenntnisse können durch Populärwissenschaft denen nahegebracht werden, die sich nicht die Zeit nehmen können oder wollen, sich in die mathematischen Grundlagen einzuarbeiten. Sie kann aber auch ein erster Schritt in die Lehrbuchphysik oder die aktuelle Wissenschaft sein.

Mein Blog handelt offensichtlich nicht nur von Physik. Wenn ich über Evolution, Konstruktivismus oder Gender schreibe, befinde ich mich auf der anderen Seite von offener Wissenschaft. Dann bin ich der Fachfremde, der sich einmischt. Der seine Meinung zu einem Thema kundtut, für das er kein Fachmann ist. Hier muss ich natürlich besonders vorsichtig sein. Die Methoden anderer Wissenschaftsdisziplinen können sich von denen der Physik unterscheiden. Für mich ungewöhnliche Vorgehensweisen können auf schlecht gemachte Wissenschaft hindeuten, sie können aber auch einfach andere Herangehensweisen sein, mit denen ich noch keine Erfahrung habe.

In den Gesellschaftswissenschaften gibt es zum Beispiel Einzelfall-Untersuchungen. Man kann Interviews einzelner Personen oder Lebenslaufuntersuchungen durchführen, um bestimmte Thesen zu entwickeln oder überprüfen. Aus naturwissenschaftlicher Sicht scheint diese Methodik unsinnig. Was kann man denn aus einem einzelnen Fall schon lernen? Es könnte ja die absolute Ausnahme sein. Nur haben wir es in diesen Wissenschaften ja ohnehin nicht mit reproduzierbar gleichen Elementarteilchen zu tun, sondern mit Menschen, die individuelle Hintergründe haben. Diese Hintergründe zu beleuchten und an Einzelfällen zu studieren, kann Informationen geben, die in statistischen Erhebungen unter großen, möglichst repräsentativen Gruppen untergehen würden. Man kann nicht ignorieren, dass unterschiedliche Wissenschaftsobjekte oft auch unterschiedliche Vorgehensweisen benötigen.

Andererseits kann der Blick über den Tellerrand auch überraschende Parallelen offenbaren. In der empirischen Psychologie einen fünfzehn-dimensionalen Vektorraum zu entdeckt, hatte ich nicht vermutet. Da habe aus der Studie, die ich aus anderen Gründen für nicht besonders lehrreicht hielt, etwas wesentliches gelernt.

Mein Blog trägt also auf zwei Seiten zur offenen Wissenschaft bei. Zum einen als Physiker, der Physik für Laien verständlich aber auf hohem Niveau zu vermitteln versucht. Zum anderen als Physiker, der Ergebnisse fachfremder Wissenschaften aus der vielleicht typischen Sicht des mathematisch naturwissenschaftlich gebildeten Laien kommentiert und manchmal auch kritisiert. Danke für das Bloggertreffen an alle Teilnehmer und an die Veranstalter.


7 Kommentare zu “Deidesheim, eine Abrechnung”

  1. Christian Spannagel Antworten | Permalink

    Bildungsauftrag

    "Open Science ist also in gewissem Sinne auch ein Bildungsauftrag." - Genau so verstehe ich öffentliche Wissenschaft auch, ja. Und zwar: "nicht-wissenschaftliche" Öffentlichkeit wird in den Prozess der wissenschaftlichen Erkenntnisfindung eingebunden und lernt dabei auch, wissenschaftlicher zu denken und zu arbeiten. Aber auch hier ist fraglich, inwiefern das für verschiedene Disziplinen zutrifft. Bei den Bildungswissenschaften ist der Zugang vergleichsweise wesentlich einfacher als in der Experimentalphysik...

  2. Michael Blume Antworten | Permalink

    Glückwunsch!

    Auch auf diesem Wege noch einmal ein Glückwunsch! Und die Qualität auch dieses Posts belegt, wie verdient die Auszeichnung ist. Wissenschaftsbloggen und Bloggen von Wissenschaftlern ist ein noch immer neues Phänomen, für das es Mut, Experimentierlust und Reflektionsphasen braucht. Das alles wird hier geboten.

  3. Stephan Schleim Antworten | Permalink

    Einzelfälle

    In den Gesellschaftswissenschaften gibt es zum Beispiel Einzelfall-Untersuchungen. Man kann Interviews einzelner Personen oder Lebenslaufuntersuchungen durchführen, um bestimmte Thesen zu entwickeln oder überprüfen. Aus naturwissenschaftlicher Sicht scheint diese Methodik unsinnig. Was kann man denn aus einem einzelnen Fall schon lernen? Es könnte ja die absolute Ausnahme sein.

    In der heutigen Mainstream-Psychologie und meines Wissens auch in der Soziologie gelten Einzelfalluntersuchungen eher als die Ausnahme denn als Regel; die meisten Journals würden das nicht einmal publizieren. Ausnahmen sind bestimmte Krankenberichte, die eben nur in Einzefällen auftreten (bsp. so etwas wie Hirnschaden macht aus Menschem einen Kriminellen).

    Diese Fälle muss man mit Vorsicht interpretieren, sie werden oft sehr selektiv verstanden und haben meines Erachtens vor allem zur Hypothesengenerierung ihren größten Nutzen – das gilt sicher aber auch für viele andere Arten von Studien.

    Nur haben wir es in diesen Wissenschaften ja ohnehin nicht mit reproduzierbar gleichen Elementarteilchen zu tun, sondern mit Menschen, die individuelle Hintergründe haben.

    Soweit ich weiß, erstreckt sich ein Großteil der Realismusdebatte in der Grundlagenphysik auf die Frage nach der Natur dieser "Elementarteilchen" – sind sie überhaupt elementar, sind sie überhaupt Teilchen?

    Da findet man durch Beschleunigen, Beschießen und Kollidieren Energie in einem bestimmten Frequenzbereich, die als "Huppel" in einem Graphen dargestellt wird, und schließt im Kontext einer hochkomplexen Theorie auf "reproduzierbar gleiche Teilchen"? Hmm... Du hattest hier vor kurzem ja selbst schon über Konstruktivismus geschrieben.

    Waren meine Gedanken zu Popper und Evolutionstheorien eigentlich zu uninteressant für eine Reaktion?

  4. Joachim Antworten | Permalink

    @Stephan Schleim

    Vielen Dank für das Beispiel zu Einzelfalluntersuchungen. Ja, zur Hypothesengewinnung sind sie recht nützlich.

    Nein, bei der Realismusdebatte geht es um etwas anderes. Nämlich um verschränkte Zustände identischer Teilchen. Zum Beispiel zweier Photonen. Die Experimente zur Verschränkung zeigen, dass die Quantenmechanik nit zugleich lokal und (im klassischen Sinne) real sein kann. Der zu messende Zustand schließt entweder nicht-lokal beide Teilchen ein, oder er existiert vor der Messung gar nicht.

    Genau, der Konstriktivismus hilft auch hier beim Verständnis: Die identisch gleichen Teilchen sind zunächst nicht unmittelbar Objekte der "Realität", sie sind Objekte des Modells, mit dem wir die Messergebnisse beschreiben. Ob wir dabei glauben, uns einer äußeren Wahrheit anzunähern oder ob wir unsere Modelle mit den radikalen Konstruktivisten lediglich als passende Konstruktionen ansehen, ist zunächst unerheblich.

    Fakt ist: Das Standardmodell der Quantenmechanik beschreibt die Vorgänge auf subatomarer Ebene mit identisch gleichen Teilchen und ist damit extrem erfolgreich. Die Soziologie beschriebt die Menschen nicht als identische Teilchen und ist damit in vielen Bereichen duchaus auch erfolgreich, muss sich aber zum Teil anderer Methoden bedienen.

    Was den anderen Kommentar betrifft, dachte ich Balanus habe schon das wesentlich gesagt.

  5. Carsten Hucho Antworten | Permalink

    Bloggender Wissenschaftler?

    Vielen Dank für diesen sehr ausführlichen und wichtigen Text!
    Ich teile Deine Ansicht, dass es nicht einfach damit getan ist, Wissenschaftler bloggen zu lassen.
    In meinem Artikel "Academics should be blogging? No!" http://www.smarts-club.com/...-be-blogging-no.html hatte ich das provokativ an die Wand formuliert und erntete nicht nur Verständnis.
    Dein Statement "Bloggender Wissenschaftler" vs "Wissenschaftsblogger" bringt es auf den Punkt.
    Ich gratuliere zur wohlverdienten Auszeichnung!

  6. WolfgangK Antworten | Permalink

    Open Science

    Es wäre schon ein grosser Schritt in Richtung Open Science, wenn Wissenschaftler ihre Vorlesungen auf Video aufzeichnen und veröffentlichen würden, wie das bspw. Christian Spannagel handhabt. Der interessierte Nicht-Wissenschaftler hat dann die Möglichkeit, sich selbst Grundlagen auf eine Art und Weise anzueignen, die über das Lesen von Büchern und Blogs hinausgeht. Bis auf wenige Vorlesungen bspw. von H. Lesch findet man aber in der Physik kaum solche Videos, was ich als "Spätbildungshungriger" sehr bedaure. Das Problem ist nämlich, dass auch die vielen und sehr informativen Bloginhalte sich mit ihrem Autor stets weiterentwickeln. Interessierte Neueinsteiger mit fehlenden Grundlagenkenntnissen sollten deshalb die Möglichkeit haben, Grundlagen zumindest ansatzweise nachzuholen. Und meiner persönlichen Erfahrung gemäß ist das Anschauen von Chr. Spannagels Vorlesungsvideos wesentlich effektiver und spannender als das Lesen eines entsprechenden Grundlagenbuches.

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